Über Flieder

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Fast hätte ich ihn doch übersehen den ersten Flieder mitten in der Hecke. Er versteckt sich gut der Flieder, hinter dem Grün und hinter den Wolken. Der Flieder steht mitten im Regen. Da stehen auch ich und der Hund. Fast hätten wir uns nicht getroffen der erste Flieder, er im blauen Hemd und ich im alten Wetterfleck, der alte Hund hat nasse Pfoten, der Flieder hat ein Hemd an aus hellblauer Seide und ich stehe schäbig zwischen den beiden, denn unten am Saum hat der Wetterfleck ein Loch. Den Flieder nun ausgerechnet so anzutreffen, ist nicht leicht. Immer schon zwar habe ich den Flieder, den Weißen, wie den Dunkelvioletten und auch den mit dem hellblauen Schimmer zwar sehr geliebt, aber immer ist es doch auch eine Liebe mit Sicherheitsabstand gewesen. Dem Flieder einfach so unter die Augen zu treten, das schaffe ich nicht. Der Abstand vom Flieder zu mir, ist der Abstand zu jenen Frauen deren Tanzkarte immer voll ist und deren Lachen so silbern, so hell ist, wie meines niemals war. Es sind die Frauen, die niemals über ihre eigenen Füsse fallen und immer eine passende Antwort haben.

Der Abstand von mir zum Flieder ist der Abstand zu einem Mann, den ich einmal in Rom an einer Straßenkreuzung traf. Er trug einen weissen Anzug. Nicht nur eine weisse Hose, oder ein weißes Hemd oder eine weiße Krawatte, sondern einen weißen Dreiteiler und natürlich einen weissen Hut. Wer kann schon einen weissen Hut tragen? Vielleicht hat dem Mann damals in Rom niemand gesagt, dass das niemand mehr kann nach Humphrey Bogart. Neben dem Mann stand ein cremefarbenes Cabriolet mit fauchendem Motor. Der Mann mit dem weissen Anzug sass auf dem Bordstein. Stellen sie sich das einmal vor. In Rom. In einem weissen Anzug. Auf einem Bordstein. Da kam ich mit einem alten Fahrrad und sagte: „Brauchen Sie Hilfe?“ Der weisse Mann aber sah mich nur flüchtig an, verwarf mich sofort, schüttelte nur ein wenig die Hand, wie man sich einer lästigen Fliege erwehrt, seine Augenlider blieben halb geschlossen, er wusste ja ohnehin es würde sich nicht lohnen sie zu öffnen. Ich fuhr davon und er blieb sitzen. So weit ist der Abstand vom Flieder zu mir, der Flieder sieht mich so an wie damals der Mann auf der Bordsteinkante, nämlich gar nicht, aber ich, die es doch besser wissen müsste, ich drehte mich um damals auf dem alten Fahrrad, ob er nicht doch, vielleicht nur für eine Viertelsekunde doch hinter mir hersehen würde, aber natürlich tat er das nicht. Dafür fuhr ich mir eine Acht in das Fahrrad. Das kommt davon. Der Flieder sieht genauso über mich hinweg, und ich sehe genauso sehnsüchtig zu ihm hinauf, wie ich damals so unbedingt den Mann auf dem Bordstein zwei Wimpernschläge abluchsen wollte. So weit ist der Abstand zwischen dem Flieder und mir.

Der Abstand zwischen dem Flieder und mir, das ist die halbgeöffnete Tür eines Hotelzimmers in Aix-en-Provence, im Bett schlief eine Frau bei weit geöffnetem Fenster und neben ihr stand ein Fliederstrauss, so üppig, so dicht, so schwer, das während sie schlief leise und zart schon die Blüten sich ihr in die Arme neigten. Neben dem Bett auf einem viel zu unbequemen Stuhl aber, um so auf ihm zu sitzen wie sie es tat sass eine Frau, die Knie bis zur Brust hochgezogen, eine Hand aber im Flieder und die andere Hand auf der Schulter der Geliebten, lass mich der Flieder deiner Träume sein, lag auf der Hand der Frau. Vielleicht hatten sie beide Ehemänner in Paris, aber vielleicht hatten sie sich gerade auch erst gefunden.Damals aber ging ich schnell weiter, denn der Abstand zwischen mir un dem fliedernen Zimmer ist immer mehr als nur eine halbgeöffnete Tür. Ich bin schon viele Jahre nicht mehr in Aix-en-Provence gewesen und wer weiss, ob nicht die beiden Frauen längst selbst einen Fliederbusch gepflanzt haben, irgendwo und ungestört. Der Flieder hier in der Hecke, schwer und tropfend vom dichten Regen schweigt sich auch darüber aus.

Erst später habe ich gedacht, dass Männer auch den Frauen, die sie lieben niemals solche Sträusse in die Arme legen, ich selbst habe einmal nur einem Mann einen Fliederstrauss geschenkt, ich bin mir sicher, dass kaum war ich aus den Augen, er den Flieder in einen Mülleimer stopfte, denn so liegen die Dinge mit dem Flieder und mir. Dicht steht der Flieder ganz am Rande der grossen Stadt Berlin und nur ausnahemseise schnitt ich mir ein paar Zweige ab für den Tisch oben im Haus, denn auch dort war das schwere Parfüm, immer ein Abstand, den ich doch nie überwinden konnte, denn die Frauen mit Perlenketten, schweren Parfüms und gebildetene Ehemännern lächeln über mich mit leichtem Spott. Besser Abstand zwischen mir und dem Flieder schaffen. Ich schneide ihn ab für Besuch und einmal auch für eine fremde Frau, die anders als ich die Liebe mit Flieder gut kannte und doch hat der Flieder wohl auch ihr gegenüber sein Versprechen nicht gehalten. Mir ist leichter und wehmütiger zugleich, verschenke ich den Flieder.

Diesmal wird der Flieder wohl ohne mich verblühen und hier in der Hecke im dichten Regen, da sehen der Flieder und ich uns nur wie ein mit den Jahren schon blind gewordener Spiegel. „Komm“, sage ich zum treuen alten Hund. Es hat aufgehört zu regnen und über dem Flieder da schimmert es Blau. Dann gehen wir heim, der Hund alt und ich älter, auch ich und doch am Ende bevor der Fluss wieder Strasse wird, da drehe ich mich noch einmal um wie damals in Rom, oder Aix-en-Provence oder anderswo und hoffe für eine Viertelsekunde er sähe mich doch. Vergeblich natürlich, der Flieder lässt sich nicht überreden, der Flieder hat viele Augen, nur keine Augen für mich.

 

Strom als Zähleinheit

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich fern von Europa aufwuchs.

Aber vielleicht auch nicht.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir wirklich kein Geld hatten.

Aber vielleicht auch nicht.

Vielleicht hätte ich auch, wenn ich ganz anders aufgewachsen wäre, als ich es bin lieber ferngesehen als zu lesen, aber wer kann das schon sagen, so viele Jahre danach.

Aber damals als ich ein Kind war und dann auch wieder nicht, denn ich bin in vielen Hinsichten niemals so ganz ein Kind gewesen. Aber das tut hier nichts zur Sache.

Als ich ein Kind war oder so etwas Ähnliches, da hatten wir keinen Fernseher, keinen CD Player, keinen elektrischen Küchengeräte, nur für kurze Zeit ein Kofferadio, wir hatten keinen Kühlschrank, keinen digitalen Wecker, keinen Eierkocher und nicht einmal eine Vorstellung davon, was ein PC wohl sein solle. Es gab keinen Plattenspieler, keine elektrischen Jalousien, keinen Cassettenrecorder oder auch nur eine elektrische Schreibmaschine. Wir hatten keinen Staubsauger und auch keinen elektrischen Wasserkocher.

Dafür hatten wir zwei Einweckgläser. Beide waren mit Münzgeld gefüllt. Die Münzen waren essentiell, um zum Beipiel Warmwasser oder eine flackernde Glühbirne zu erhalten. Strom kam nämlich nicht aus einer Steckdose, sondern wurde über einen Elektroenergiezähler mit Münzeinwurf bezogen.Sprich, man trat mit eine Handvoll Münzen an den zugewiesenen Zähler warf Münzen hinein und wenn man Glück hatte, hatte man dann Licht. Nun war es aber so, dass die Stromversorgung des Landes A. eine unsichere war und ein ganz fataler Moment im Leben eines Hausbewohners war es, feststellen zu müssen, dass trotz Münzen die Glühbirne keinen Mucks von sich gab. Fatal wurde es auch zum Ende des Monats, wenn das Strommünzgeld im Marmeladenglas für andere Zahlungen benötigt wurde, was oft der Fall war. Dann hatten wir gar keinen Strom und ebenso häufig wurde Strom von Hausbewohnern abgezweigt, deren Münzglas ähnlich leer war. Die Vorstellung also, dass Strom etwas sei was unendlich da sei, habe ich erst viel später im Leben kennengelernt.

Einmal schaffte meine Mutter ein Radio an und sie tanzte im Wohnzimmer zur Radiomusik, aber das Radio wurde bald als Stromfresser, der über unsere Kapazitäten ging, wieder abgeschafft. Manchmal erzählten Kinder in der Schule von Fernsehabenden, von Hitparaden oder einer Mikrowelle, aber für mich waren diese Geschichten allesamt dem Märchenreich zugehörig, denn ich kannte niemanden bei dem auch nur stundenweise das Licht brannte, oder die Wannenbäder nahmen, wohl aber das klamme Gefühl, wenn ein Stromzulieferer Leitungen abklemmte. Die Dunkelheit war immer nur eine Münzwurf entfernt.

Vor den Geräten kam immer der Strom und manchmal in den im Land A. durchaus vorkommenden kalten Nächten, gönnten wir uns eine Stunde Heizung. Das waren Königstage.

Aber gekannt habe ich es nie anders und so fehlte es mir nicht. Wir waren auch keine unglücklichen Menschen nur weil wir Brot nicht im Toaster rösteten, oder Nachrichten aus der Zeitung erhielten, als die Nachbarn in einem Preisausschreiben einen Kühlschrank erhielten, staunten wir zwar, aber die Nachbarn hatten doch auch ein Münzglas und waren stolz auf ihren vornehmen Schuhschrank. Die Milch hielt sich in einem Eimer frisch, und zweimal in der Woche konnte man Eisblöcke kaufen. Erzähle ich das, sieht man mich an, als sei ich auch nur ein Barbar, dabei erzählt es nur etwas über Armut und andere Selbstverständlichkeiten. Unbgrenzter Zugriff war es, was uns fehlte. Es fehlte uns aber nicht an Musik, an Gerüchten, an Falschmeldungen, an Büchern aus der Bibliothek, an langen Abenden auf den Dachterrassen, an Zank, an Verlibetheit und auch nicht an Müdigkeit. Es fehlte uns an Kaufkraft, aber nicht an Ideen, wie man es selber machen konnte.

Das ist mir geblieben von damals, stöhnen die Freunde von heute, sie hätten nichts zu essen und zeigen klagend auf ihre vollen Schränke, sehe ich die Möglichkeiten sehr gut satt zu werden.

Auch meine Grossmutter in Deutschland, die eine Zentralheizung und keinen Münzzähler mehr hatte, behandelte Energie als etwas Kostbares, ja als eine Rarität mit der man haushalten musste.

Meine Grossmutter schraubte vor Reisen die Glühbirnen aus.

Geheizt wurde maximal ein Zimmer.

Das Radio wurde zweimal am Tag, einmal für die Morgen und dann für die Abendnachrichten eingeschaltet. Und zum Shabbesausklang für ein Konzert.

Darauf bestand mein Grossvater.

Meine Grossmutter fand, Verschwendung sei eine Todsünde.

Einen Kühlschrank hat sie erst spät besessen. Auch sie hatte einen Eiskasten, der in der Speisekammer stand.

Milchreis wurde im Bett gar. Ebenso wie Kartoffeln und Hefeteig.

Einen Fernseher hat meine Grossmutter nie besessen.

Überhaupt war Unterhaltungselektronik kein Begriff für sie.

Ich aber habe das niemals als kulturelle Überlegenheit begriffen, dass sie stattdessen las und mir Gedichte beibrachte, dass sie Pflanzen zog und Briefe schrieb, sang während ich am Klavier saß, dass sie manchmal schweigend im Eck saß und mir beibrachte, wie man aus nichts, dann doch eine Suppe machen kann.

Sie kam aus anderen Zeiten, sie mit den Narben überall, sie war vorsichtig aus Erfahrung, nichts war ihr mehr selbstverständlich, sie lag wach in der Nacht und fühlte sich sicherer, ging nicht plötzlich irgendwo eine Lampe an.

Mit der Redewendung: Gönn dir, wusste sie nichts anzufangen, ebensowenig wie mit Streamigdiensten oder Serien mit 300 Folgen. Sie war nie altmodisch, sie die preussischste unter dne deutschen Juden wusste nur, nichts ist unendlich und alles, alles hat seinen Preis.

Dafür hatte sie Geldscheine in Kuverts in der Schreibtischschublade. Falls Familie G. in die Praxis käme, damit die die Kinder durch den Winter heizen, oder für Herrn L., der doch auch einmal zum Fleischhauer sollte. Die Kuverts dufteten nach Lavendel.

Ich habe längst Waschmaschine und Toaster, ich habe einen Staubsauger und einen Internetvertrag. Ich habe noch immer ein Glas mit Münzen, was weiss man schon über die Zeiten, die da noch kommne werden, ich kann Sahne ohen Zauberstab schlagen und natürlich drehe ich vor dem Urlaub die Glühbirne heraus.

Der Herr ist wohl im Palast geboren, sagte ich zum Tierarzt, der in der Küche und im Bad das Licht brennen liess und manchmal wundere ich mich doch, dass wir so viel darüber diskutieren, ob die Kinder besser geraten, wenn sie still lesen oder wirre Gedanken hegen, jagen sie grüne Monster auf Bildschirmen umher, aber doch selten über die Frage nachdenken, dass die Möglichkeiten unserer Tage so energieintensiv sind, dass sie nur begrenzt so weiterwachsen können, wie sie es tun. Längst ist Energiearmut eine stärkere Distinktionsmöglichkeit als Peppa Wutz auf dem ipad.

Es ist der unbgrenzte Zugriff, der die Welt trennt, damals wie heute und nicht mehr länger nur einem etwas verkommenen Mietshaus im dritten Stock, in dem auch ich versuchte den Münzzähler mit einer Haarnadel, Kaugummi und Staniolpapier zu manipulieren, weil ich dringend ein Buch zu Ende lesen wollte, das Buddenbrooks hiess und aus dem fernen Deutschland kam.

Ich scheiterte damals übrigens kläglich.

Sonntag

Nach Monaten der Abwesenheit wieder eine Nachtschicht.

Ich habe nichts vergessen. Für einen Moment war ich mir nicht sicher. Ich bin mir über fast nichts mehr sicher.

Die Kollegen aber nickten, eine Hand auf meiner Schulter. Du bist zurück, das ist gut. Es ist eine warme Hand und eine leise Stimme.

„Es ist gut“, sage ich mir.

Dann übernimmt die Nacht. Die Nacht riecht nach Pfefferminzschnaps auf dem grünen Linoleum, nach Sterilium, seifigen Früchtetee, nach blutigen Lippen, nach Familien denen die Worte verloren gegangen sind und nach der ganzen Verzweiflung zu denen Menschen in der Lage sind. So viel Verzweiflung liegt in den Menschen.

Manchmal beschwören die Verzweifelten, dass sie trotz allem doch gute Menschen seien. Ich möchte Ihnen versichern,dass das Mensch-Sein doch kein Beweisverfahren ist, doch wenn wir uns treffen die Frauen mit dem geschwollenen Auge und ich, dann ist es immer schon fast zu spät.

Irgendwann endet die Nacht.

Wir stehen noch einen Moment zusammen, auch wenn die Tagschicht schon da ist, wir stehen zwischen den Metallspinden und den Duschen, die immer nur glutheisses oder eiskaltes Wasser haben, unter der tickenden Uhr stehen wir, müde Gesichter. Wir müssen uns erst wieder erinnern, an unsere Haare und Brauen, an die Kinnpartie und die Lippenbögen. In der Nacht vergisst man sich ganz.

„Es ist gut“, sagt der Kollege noch einmal.

Ich nicke und stehe unter dem ganz heissen Wasser.

„Es ist gut“, sage ich mir und auf dem Parkplatz suche ich gar nicht erst nach dem Tierarzt, der doch am Volvo lehnte, sondern ich fahre gleich ans Meer.

Das Autoradio spielt eine Bachmotette. Ich hatte vergessen, dass ja Ostern ist. Natürlich, denke ich, in der Nacht vergisst man alles.

Nur schnell vom Parkplatz herunter, um nicht doch nach dem Tierarzt Ausschau zu halten.

Das Dorf schläft noch aber das Meer schläft nie. Es rollt mir über die Füße, erst dann steigt es mir bis an die Beine, dann wache ich auf und schwimme in die kalte See hinaus.

Mit blauen Lippen zurück ans Land.

Aber die Nacht ist verschwunden im Meer, vielleicht war es die letzte Welle. Vielleicht auch schon die davor.

„Das ist gut“, sage ich mir.

Die Frau im Radio ist aufgekratzt. „Heute wird ein schöner Tag“, sagt sie.

Die Frau des Krämers schliesst gerade auf.

Ich tropfe auf den frischgewischten Boden, aber sie sagt nichts.

Heute ist Ostern, die Frau des Krämers hat sich den Glauben an das Wunder von Ostern bewahrt.

Sie zeigt mir ganz stolz ihre geröteten Knie.

Am Freitag habe sie gekniet in der Kirche. Lange.

Sie sagt es stolz. Sie hat ihren Anteil am Osterfest schon geleistet.

„Ostern ist das Fest der Frauen“, sagt sie. „Die Männer haben ohnehin immer alles verschlafen.“

Sie ist sich ihrer Verantwortung zurück.

Als sie ein Kind war, da war sie neidisch nicht auch Maria oder Magdalena zu heissen.

Dann bekomme ich doch einen Himbeerscone und einen so starken Tee, dass auch ich für einen Moment die Möglichkeit der Auferstehung nicht gänzlich ausschliessen will.

Ich sehe bei Kälbchen vorbei.

Kälbchen steht im Sonnenlicht und döst.

Aber dann kommt es doch und stösst mich fest in die Rippen.

„Es ist gut“, sage ich, „Kälbchen, du und ich.“

Kälbchen wälzt sich im feuchten Gras.

Ich fahre fort.

Ein paar Stunden im Bett, dann gehen der treue, alte Hund und ich zum Fluss.

Wir bewundern die Enten beim Sonntagsausflug.

Ich lese die Zeitung nach.

Der Hund seufzt selig im Schlaf.

Ich schenke der T. und all den anderen Hausbewohnern gestrickte Enten mit einem Ei im Bauch.

Die Enkellinnen von T. natürlich auch. Die Kinder muss man bewundern. In fünf Minuten nur wird aus dem Küchentisch ein wildes Meer auf dem die Enten wilde Abenteuer erleben, mit Piraten und dem Topflappenkrokodil. Die Enten gehen auf Kaperfahrt und wirklich man soll die wilden Enten nicht überschätzen.

Ich liege auf dem Sofa und sehe in den Wind, die Sonne, den Himmel, die Katze liest auch die Zeitung nach und ich lese den Brief von O.

Den O. habe ich gebeten aufzuschreiben wie es war damals in Berlin nach dem 8. Mai 1945.

Der O. schreibt mir aus dem Winter 1946. Es muss ein kalter Winter gewesen sein, ein Winter ohne Holz, da bekamen die Haushalte Baumwurzeln zugeteilt, die sie ausgraben sollten, aber der Boden war zu tief gefroren. Die Jungs der Strasse hatten eine Handgranate gefunden, aber die Handgranate riss nur einem Jungen die Hand ab. Aber der Boden blieb doch gefroren und O.´s Mutter verfeuerte schliesslich den letzten Schrank. Der Junge mit der zerfetzten Hand sollte sich nicht beschweren, sagten die Nachbarn. Es wohnten Mütter im Haus, da seien fünf Söhne gefallen.

Vor meinem Fenster spielt die Sonne verstecken mit den leichten, grünen Blättern.

Die Frau im Radio hat ja Recht. Es ist ein schöner Tag.

Vielleicht denke ich und lege den Brief aus der Hand, vielleicht weiss man nichts über den Krieg bis der Krieg schliesslich kommt.

Die Sonne wirft mir glitzernde Sprenkel auf die Hände.

In den Bergen, über dem See

Etwas Unwirkliches hat die Landschaft in Wicklow. Zu schroff sind die Felsen links und rechts der Strasse, hier findet sich kaum das satte Grün, das doch alle in Irland suchen, hier sind Geröllhänge und glatter, schwarzer Schiefer und der J. neben mir im Auto mit halbgeschlossenen Augen sagt: „Du wolltest mir Irland zeigen, dabei ist das die Landschaft meiner Mutter irgendwo in Uttar Pradesh. Ich bin nie dagewesen. Aber jetzt eben doch.“ Ich nicke,zu schmal sind die Strassen für lange Antworten. Überhaupt sind es eigentlich keine Strassen, sondern breitere Kanten auf denen man sich vorsichtig weiter und weiter hinein in die Berge bewegt. Das ist keine Landschaft für Autos, denke ich links und rechts und immer schmaler, dies ist eine Landschaft für einen Reiter und ein Shetlandpony, für einen Esel und zwei Körbe links und rechts an seiner Seite, eine Landschaft für einen Schäfer und seine Herde, dies ist die Landschaft in der sich der Erlkönig auf den Rücken legt und für lange Stunden in den Himmel starrt, sein Pferd ist an einer kahlen Kiefer angebunden, dies ist eine Landschaft, die dem Wind gehört und der Wind liebt uns nicht, der Wind schiebt das Auto von links nach rechts und wieder zurück. So ist das.

Der J. schweigt und vielleicht schwiegt mit uns auch seine Mutter und auch ich schweige und beisse mir auf die Lippe, so eine Landschaft ist das. Dann aber sind wir doch hindurch, man kann auch ein Auto durch ein Nadelör fädeln, weiteratmen. In Glendalough sind wir fast noch allein, man muss vor den Touristenbussen ankommen, das ist die Hauptsach gegen alles andere gibt es feste Kleidung oder Pflaster, aber gegen die Toristenbusse hilft nichts, man muss früh aufstehen, das ist das Einzige was hilft. Wir sind früh genug.

Der J. lacht. „Weisst du noch damals als du mit dem A. in die Berge gingst und alle starrten dich an, dass du mit dem Dalit boy in die Berge gingst, mit dicken Seilen um den Hals und den absurden Gummischuhen? Ich habe auch gelacht über euch, zu fremd war mir die Vorstellung, wer fährt schon mit einem dalit boy nach Himachal Pradesh.“ Ja, sage ich, so gingen wir damals der A. und ich. Der J. schweigt. Denn der A. und ich gehen ja nicht mehr in die Berge. „Weisst du Read On, ist das nicht merkwürdig, dass ich heute hier an diesem Tag, der brown boy bin mit dem du in die Berge gehst und wenn die Touristen kommen, vor denen wir jetzt davonlaufen, werden sie so auf uns schauen, wie wir damals auf A. und dich?“ Ja, sage ich, es ändert sich nichts.

Dann sagen wir für viele Stunden nichts mehr, denn schon damals als der A. und ich in die Berge gingen, taten wir es nicht um zu reden und auch hier und heute schweigen wir, als wir den Wasserfall erreichen, denn in den Bergen war mir die Sprache immer etwas Fremdes, die Worte hallen zu sehr, sind Stolperfallen wie ein durch das Gebüsch gespannter Draht, man muss aufpassen in den Bergen, so oder so. Wir also balancieren über die Dielenbretter, unter uns gibt die Erde nach, bogland, versinkende Berge oder auch nur ein kluges Täuschungsmanöver, ein Stein wie ein Fischbauch glänzend noch vor dem vorgestrigen Regen, der Winter hängt noch schwer an den Ästen der Bäume, ein schwarzer Vogel plötzlich über uns, hüte dich vor dem fremden Vogel, so fangen andere Märchen an, dieser unser schwarze Vogel, er lässt uns lange nicht ziehen, der Ginster aber klammert sich hartnäckig an die steilen Wände und auch an unsere Beine, der erste Klee und der letzte Schnee oben auf dem Kamm. Wir starren lange auf den blanken See unter uns, dabei heisst er der obere See, sein Wasser soll kalt sein, wir glauben es sofort. Einmal kamen die Wikinger nach Glendalough, dann kamen die Mönche, dann später die Minenarbeiter, die Blei abbauten und heute kommen Touristen, dass sie wieder Gehen, dass auch wir wieder gehen ist wohl die Hauptsache. Der Berg und mit ihm die Winde sorgen schon dafür, sie zieren sich nicht.

Wir steigen in langen Zirkeln wieder herunter, der erste Klee neben den Säumen der immer noch kahlen Bäume, Zigarettenkippen in der feuchten Erde, ich hebe sie auf, sie kommen in den Plastikbeutel zu den Bananenschalen.
Das ist mir geblieben vom A. damals in anderen Bergen, der dalit boy, der aufwuchs ohne fliessend Wasser, trank aus offenem Wasser, die Zigarettenkippen achtlos hingeworfen verdarben es, so einfach war das, der A. hob sie auf, ich sehe ihn noch immer we er trank, das Wasser aus den offenen Händen schöpfend, ich habe nichts vergessen, ich denke nur nicht mehr daran. Der J. schweigt über die aufgehobenen Kippen.

Im Tal treffen wir Touristen, sie reden atemlos schon, doch die Worte fallen in den Bergen auf taube Ohren, das ist einfach so. Wir aber haben die Berge schon wieder im Rücken, auf breiteren Weg diesmal zurück in die Stadt.

Kein Anlass zur Aufregung.

Dreiundzwanzig war ich, oder vielleicht auch erst einundzwanzig. Ganz sicher bin ich mir nicht mehr, denn damals war ich mir über fast nichts sicher, oder anders mich gab es eigentlich nur in Bruchstücken, die mir zwar geähnelt haben mögen, aber die niemals eine ganze, eine eigene Person gewesen sein können.

So war das damals, das war ich.

Wann genau oder wie ich den A. kennengelernt habe, auch das weiss ich nicht mehr. Zu verschwommen sind die Jahre oder Nächte oder auch beides im Nachhinein.

Vielleicht war es auf der Langen Nacht der Volksbühne, aber es kann ebensogut in einem kleinen Cafe irgendwo in Montpellier gewesen sein.

Irgendwann war der A. einfach da.

Das dachte ich jedenfalls.

Da wusste ich noch nicht, dass der A. nicht einfach da war, sondern da war, wo ich war.

Der A. war so unauffällig, dass es schon wieder auffällig war. Das jedenfalls erinnere ich ganz genau, meine Verwunderung darüber wie schwer es mir fiel, selbst wenn ich mit ihm zusammensass mich an sein Gesicht zu erinnern. Einmal waren seine Augen milchig blau, so als habe er die Farbe seiner Augen selbst mit dem Tuschkasten angerührt, aber dann war mir wieder als wären seine Augen doch blank und grau wie ein Kieselstein, den man manchmal findet und wenn man noch überlegt ihn einzustecken, verschwindet er wieder. Selbst seine Haarfarbe war ein weder noch. Weder Braun noch Blond noch Rot. Das Auffälligste an ihm waren noch die Schuppen, die ihm wenn er sich durch die Haare fuhr leise auf die Schultern rieselten. Aber auch das ist ja im eigentlichen Sinne nichts Bemerkenswertes

Das habe ich behalten von der Sache mit A., dass es Unaufälligkeit nicht gibt. Aber das kommt erst später.

Erst sitze ich ja mit dem A. auf einem Kissen mit rotßweissen Kissen oder einem Gartenstuhlk mit harten Streben und wenn ich auch vergesse habe, was der A. trank, so weiss ich doch noch, dass damals in allen Gläsern Eiswürfel klirrten. Es muss ein heisser Sommer gewesen sein.

Es war ein Sommer in dem ich A. kannte, obwohl das nicht stimmt.

Kennengelernt habe ich A. erst, da war schon kein Sommer mehr.

Es stimmt auch nich zu sagen, dass der A. und ich in diesme Sommer allein gewesen wären. Immer waren Freunde oder Bekannte oder Arbeitskollegen in der Nähe. Sie sassen an einem Nebentisch oder im gleichen Theaterstück oder auch sie frühstückten klebrige Croissants mit dicker Erdbeermarmelade.

Allein waren der A. und ich nur drei oder viermal, aber das gehört auch schon zum Später.

Aber wenn ich heute zurückdenke an jene Wochen, dann ist es schon auffällig, dass A. immer wie zufällig neben mir zu sitzen begann oder gerade dann auch eine Limonade trank, wenn ich den Deckel an einer Flasche an einer Tischkante aufschnipste und auffällig ist im Nachheinin auch, dass der A. immer Theaterkarte hatte, die ihm einen Platz genau neben meinem auswies. Aber damals habe ich mir keine Gedanken über derartige Zufälle gemacht, damals war mein Deutsch schwerfälliger noch als heute und ich selbst, aber das sagte ich bereits niemals Ganz, sondern immer nur Etwas, dieses Ich.

Ich war oft müde in diesem Sommer, denn ich arbeitete in der Nacht. Vielleicht habe ich auch deshalb nichts bemerkt, aber damit will ich vor allem mich selbst überzeugen, denn ich erinnere vieles aus den Nächten in denen ich arbeitete viel klarer als ganze Jahre.

Der A. hatte eine fast monotone Art zu sprechen, verfiel niemals in einen Dialekt oder gab seinen Worten eine regionale Note, aber dann wiederum habe ich Zweifel, ob er denn Hochdeutsch sprach oder nicht doch eine Note in seiner Stimme lag, die ich nur nicht zu entziffern vermochte.

Der A. sprach viel damals. Von seiner Einsamkeit in Berlin, von seinem lieblosen Vater, der ihn und seine Schwester über Wochen ignorierte, nur um dann ganz plötzlich aus der Haut zu fahren, von seinem Traum einmal die Anden zu sehen, von der Langweile im Studium und der Angst davor, dass am Ende nur die Leere bliebe.

Ich nickte zu all dem nur. Am Liebsten hörte ich noch die Geschichten aus seiner Geburtsstadt, die er zwar niemals beim Namen nannte, aber der er hübsche Giebel und eigenwillige Charaktere gab, die mir gefielen.

Eine Antwort erwartete er nicht.

Vielleicht hätte ich aufmerksamer zuhören müssen, vielleicht hätte ich aufhorchen müssen, wenn er mit kalter Verachtung von Mitschülern sprach, die sich im Nachhinein immer als Mitschülerinnen herausstellten.

Eine Lisa hatte ihn einmal mit einer Geburtstagseinladung geködert, aber als er mit Pomade im Haar und einem Geschenk unter dem Arm am Nachmittag bei ihr klingelte, da schüttelte Lisas Mutter den Kopf und sagte: Mein Junge du musst dich im Datum vertan haben, Lisas Geburtstagsfeier war doch am letzten Donnerstag.

Eine Lydia hätte ihn auf dem Parkplatz vor der Tanzschule warten lassen und sei statt mit ihm mit einem Tobias zum Abschlussball gegangen. Er hätte geweint damals auf dem Parkplatz hinter der Tanzschule und als ich ihn ansah, glaubte ich für einen Moment er würde wieder anfangen zu weinen.

Vielleicht hätte ich ihm ein Taschentuch anbieten sollen, aber ich hatte wohl kein Taschentuch dabei.

Aber dann sprach er ohnehin wieder von einem Landschaftsmaler oder einem Gymnasiallehrer mit einem Holzbein und ich vergaß die Geschichten seiner Demütigung unter meiner Müdigkeit.

Angstzustände plagten ihn manchmal, sagte er und sah mich, es sei ihm dann unmöglich allein zu sein.

Vielleicht hätte ich ihm Hilfe organisieren müssen oder auch einfach nichts sagen müssen, aber ich sagte: „Ich kann Dir das Gästebett beziehen.“

Er trank Tee in der Küche, während ich das Kopfkissen bezog.

„Danke“ sagte er und „ich glaube du bist meine erste Freundin.

Ich war mir nicht sicher, was er eigentlich meinte.

„Schlaf gut“, sagte ich.

Irgendwann in der Nacht wachte ich auf, denn ich schlafe noch heute sehr leicht.

Er stand neben meinem Bett mit heruntergezogener Hose und rieb seinen Penis in seiner Hand.

Irgendwann war er fertig und ging leise aus dem Zimmer heraus.

Am anderen Morgen aber war er so normal und so unauffällig wie immer, so dass ich mich wunderte ob ich das alles nicht nur geträumt hatte.

Er zog die Wohnungstür ganz leise hinter sich zu.

Für ein paar Wochen war alles unverändert.

Ich war mir fast sicher, dass der A. niemals mit heruntergezogener Hose neben meinem Bett gestanden hatte.

Aber dann eines Abends klingelte er ganz aufgelöst, schluchzend schon im Treppenhaus, eine wilde Geschichte phantasierte er dann zusammen, die ich nicht mehr ganz genau zusammenbekomme. Eine Dozentin an der Universität, die ihn heimtückisch ins Messer habe laufen lassen und schon während der Prüfung hämisch gelacht habe, so etwas in der Tat.

„Setz dich doch erstmal“, sagte ich zu ihm.

Es war heiß und ich war so müde. „Du liebst mich doch“, sagte er.

Aber ich schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte ich und drehte mich um nach zwei Gläsern.

Aber die Gläser habe ich nur mit den Fingerspitzen erreicht.

Da drückte mir der A. schon seine Hände um den Hals und flüsterte: „Nun stell dich nicht so an, du willst es doch auch.“

„Was für ein Klischee“, dachte ich. Das sagt doch niemand und trat mit den Füßen nach seinem Bein, auch um wieder Luft zu bekommen.

Der A. fiel gegen den Küchenschrank.

„Geh jetzt bitte“, sagte ich und wenig später ging auch ich zum Dienst.

Aber am Wochenende als ich die Anderen traf zu denen auch der A. gehörte, da sahen sie mich komisch an.

„Das hat der A. nicht verdient,“ sagte die G.

„Und wie krass bist du denn drauf“, sagte die H.

Ich schwieg.

Ich wusste ja auch nicht worum es ging.

Der A. hatte seinen Arm bandagiert und war von einer Gruppe Frauen umgeben, die ihn trösteten.

Er erzählte allen, ich sei so geil auf ihn gewesen, dass als er sich meiner erwehren wollte, ich ihn in den Arm gebissen hätte.

Ich wollte etwas sagen, aber ich bekam keinen geraden Satz mehr heraus.

Dann bin ich gegangen.

Das war das Ende des Sommers.

Nur einmal noch habe ich den A. getroffen, zufällig fast, auch wenn ich da schon nicht mehr an Zufälle glaubte.

Er stand vor mir ganz plötzlich mitten auf der Straße und hielt einen Schlüssel in der Hand, der so aussah wie mein Wohnungsschlüssel. In seiner monotonen und so ganz und gar unauffälligen Aussprache sagte er weder wütend noch ängstlich, sondern fast wie mit milder Nachsicht:

„Eines Nachts komme ich zu dir und wenn ich mit dir fertig bin, wird niemand dir glauben.“

Dann ging er und weil er doch so unauffällig war, verlor ich ihn schon an der nächsten Straßenecke aus den Augen.

Ich wechselte das Schloss aus und das war alles.

Gesehen oder gehört habe ich vom A. nie wieder etwas.

Sein Name muss in Wirklichkeit ein ganz Anderer gewesen sein.

Erzählt habe ich niemanden etwas davon und auch heute wenn ich zurückdenke, dann erinnere ich mich vor allem an das Gefühl wie normal, ja wie zwangsläufig mir dieses Erlebnis schien, so als sei das alles eine ganz normale Konsequenz, die sich nicht vermeiden lässt als Mädchen von 21 oder auch 23 Jahren.

Auf die Idee eine Anzeige aufzugeben oder gar die Polizei zu rufen, war ich nicht gekommen, denn war denn in Wirklichkeit überhaupt etwas geschehen und war das Geschehene nicht dann doch auch fast lächerlich zu nennen? Kein Anlass zur Aufregung, so viel stand fest.

Ich schwieg also lieber und überhaupt arbeitete ich viel in diesem Sommer, der kein Sommer mehr war.

Dieses vollständige Ausbleiben auch nur einer leisen Überraschung über das was da war, das ist mir geblieben von jenem Sommer mit A. auch noch zehn Jahre danach.

Eine Tasse Tee

Vor Irland war Tee etwas Anderes. Schwarze Brocken nämlich in einer grünen Dose auf dem zweiten Regalbrett von links im Küchenregal meiner Grossmutter. Tee dampfte heiss und in kleinen Gläsern, honigbraun, oder auch fast schwarz, zwei Stängel Pfefferminze, eine Unterwasserwelt im Miniaturformat, die Gläser hat einen goldenen Rand. Ich hatte verbrannte Fingerspitzen in all den Jahren als ich mit L. Tee trank hoch oben über den Dächern von A. So viele Jahre liegen jetzt schon zwischen ihren und meinen Händen und den vielen geteilten Gläsern voll Tee. Ich wusste nicht, dass Fingerspitzen genauso zerbrechlich sein können, wie dünne Gläser. Seitdem ich es weiss, benutze ich die zierlichen Gläser nicht mehr.

Tee das war ein alter Milchtopf auf dem zweiten Ring des immer noch englischen Ofens in der Küche von Frau Rajasthani, zwei Esslöffel Assam oder Darjeeling, Garam Masala, ihr Geheimnis aus einer Keksdose, sie verriet es nicht einmal ihrer Schwiegermutter, die ihr das nie vergab, aber Frau Rajasthani kann besser Geheimnisse verwahren als die meisten Menschen. Wasser und Milch, der Tee muss Blasen schlagen, sagte sie und  die erste Tasse des Tages gehörte ihr und mir auf dem Balkon im Süden von Delhi, süss und scharf brannte ihr Tee auf der Zunge. Eine alte verbeulte Thermoskanne gab sie mir mit für den Tag, ich hielt mich an der Schärfe und der Süsse fest, was hätte ich anderes tun können. Tee das war A. A. wie Assam, dabei heisst er ganz anders, seine Mutter und all die anderen Mütter arbeiteten auf einer der vielen Teeplanatagen, als A. ein Kind war massierte er mit seinen Füssen ihren Rücken und die Rücken der anderen Frauen, seine Mutter hatte rissige Hände und einen schiefen Rücken, offene Füsse, und trübe Augen, der Chemikalien wegen, Tee ist kein Naturprodukt. Sie machte Tee als wir sie besuchten, das war das erste was ich von ihr sah, noch vor ihren Händen, ihrem Rücken, der Tee war bitter, 15 Cent bekam seine Mutter in der Stunde, A. bekam ein Stipendium der Uni, das teilte er mit seiner Mutter, A. war hungrig damals immerzu, wir tranken Tee auf dem Dach des Hauses abseits der Teeplantagen auf einem Hügel und ich dachte damals, dass sei für immer, das mit A. und mir.

„Was willst du machen?”, fragte ich ihn da kannten wir uns gerade zwei Tage in Delhi. „Kaffee trinken“, sagte er und ich lachte. Ihm war es ernst und noch bevor ich ihn kannte, wusste ich von seinem Hunger. Assam, sagte er und ich nickte. Teeland. Sein Lippen war scharf und süss wie der Chai von Frau Rajasthani, für immer dachte ich damals auf der unendlich langen Bahnfahrt von Assam nach Delhi zurück, eingerollt in seinen Armen, will ich aufwachen mit der süssen Schärfe neben mir, der Zug roch nach den Teeballen, die alle Reisenden mit sich zurückbrachten. Wenn A. Tee trank, trank er ihn hastig und spuckte den Rest irgendwann aus. Seine Augen waren honigbraun oder pechschwarz wie der Tee damals aus der Dose im Küchenschrank meiner Grossmutter. Es waren die Augen seiner Mutter. „Nie mehr Tee“, sagte A. manchmal mitten in einem ganz anderen Satz. Für immer dachte ich und sollte mich doch irren. Der A. hat noch immer nicht geheiratet, sagt Frau Rajasthani am Telefon, so als ginge mich das noch immer etwas an. Der A. hatte lose Teeblätter in den Hosentaschen damals als ich ihn kannte, aber wie schwiegen darüber, fast will ich sagen für immer. Ich habe noch immer Tee seiner Mutter und manchmal mache ich die Dose auf und rieche an den staubigen Teekrümeln und bin wieder in Assam. Aber ich trinke keinen Tee aus Assam mehr.

In Irland ist Tee nichts davon. In Irland ist Tee ein grüner oder ein roter Pappkarton. Barry‘s oder Lyons, beige Teebeutel, der Tierarzt tunkte zwei Teebeutel in eine Tasse, heisses Wasser und dann langes Warten. „Was ist das?”, fragte ich ihn damals am Anfang, der doch auch schon ein Ende war und er sagte:“Das ist Tee.“ Das schwarze Wasser in seiner Tasse roch nach nichts, aber der Tierarzt hielt sich beständig an einer Tasse nach der Anderen fest. Ich schmuggelte Teelöffel voll Zucker in seine Tassen heinein und aus Verzweiflung auch einmal einen ganzen Esslöffel. Genug ist es trotzdem nicht gewesen. Noch ganz am Ende füllte ich eine Thermoskanne mit dem dunklen, heissen Wasser und goss den Hospiztee aus. „Was für ein Glück“, sagte der Tierarzt „eine richtige Tasse Tee.“ Und ich lachte über das heisse Wasser und die Teebeutel bis ganz zum Schluss. Die J. trank denselben Tee nur, dass sie noch Milch in das heisse, schwarze Wasser gab und wie oft habe ich sie und den Tierarzt im Institut über einer Tasse Tee angetroffen- do you fancy a cuppa?, riefen sie mir hinterher, aber ich lief so schnell davon wie ich konnte und suchte in meiner Rock oder Jackentasche nach Krümeln aus Assam. Man kann auch suchen ohne zu erwarten, dass man etwas findet.

Die Ingenieure der Mondsteinscheibenfabrik auch sie tunken die gleichen Teebeutel in ihre Tassen, Zucker und Milch und immer riecht das was sie Tee nennen nach altem Schuh oder Spülwasser, aber das sage ich ihnen natürlich nicht, sondern lasse mir lieber erzählen, was es für ein Drama gab als eine Lyons Trinkerin in eine Barry‘s Familie einheiratete und dann nicke ich und sehe in das dampfende schwarze Wasser. „Du warst doch in Indien?“, sagen die Ingenieure manchmal, wenn sie die Teebeutel ausdrücken, was also ist besser Lyons oder Barry’s? Doch jedes Mal wieder enttäusche ich die Ingenieure, die Sekretärin, die Auszubildende und auch die liebe R.wenn ich den Kopf schüttle und verneine, denn ich habe noch niemals Barry’s oder Lyons Tee getrunken, Tee aus Assam nämlich auch er.

So wird das nichts mit dem irischen Pass, sagen die Ingenieure, die Sekretärin, die Auszubildende und auch die liebe R. und lachen und pusten in den Tee, der schwarz ist und stumpf, aber das mag ungerecht sein von mir.

„Nein, sage ich wahrscheinlich nicht.“

Eine Packung mit 80 Teebeuteln Lyons Golden Tea Blend kostet 3 Euro im Geschäft.

Der letzte Tag im alten Jahr

Das letzte Mal in diesem Jahr gähnen früh am Morgen auf dem Balkon.

Das letzte Mal in diesem Jahr Kaffee aus der grün-gestreiften Tasse, die ich so mag, weil sie so weich und leicht in den Händen liegt.

Das letzte Mal in diesem Jahr meiner alten Freundin Wildtaube einen Teller mit Rosinen hinstellen. Der Teller hat keinen Sprung mehr am Rand. Freunde soll man wie Könige behandeln, habe ich gelernt in diesem Jahr.

Die alte Freundin Wildtaube ist eine treue Freundin auch an diesem letzten Tag im Jahr.

Das letzte Mal in diesem Jahr eine Tüte Saftorangen kaufen. Dunkelrot sind die Orangen unter der Haut. Wie jedes Jahr vor dem Biomarkt Hupkonzerte und erhobene Fäuste. „Blödmann“ heisst es und „Ziege“. Der Mensch, auch der Mensch der Eier von glücklichen Hühnern kauft, ist dem Frieden nicht gewachsen.

Der Verkäufer im Biomarkt trägt schräg auf dem Kopf ein goldenes Papiermaché Hütchen. Ich weiss nicht, ob es etwas Trostloseres gibt als die Luftschlangen aus Papier und die Hütchen, die davon doch nicht ablenken können, dass ein Mann sich beschwert über das mangelnde Vorhandensein eines Weines, den die Schwiegermutter so gerne trinkt. „Ausgerechnet Silvester“, sagt der Mann mit bösem Blick. Der goldene Hut verrutscht. Der Mann an der Kasse ruft nach Frau Meier. Frau Meier weiss über die Bestände des Lagers Bescheid. Aber der Mann hat genug, er packt seine Tasche und geht ohne Wein. „Frohes Neues“, sagt der Verkäufer. „Dank Ihnen ja nicht mehr“, zischt der Mann.

Der goldene Hut wackelt.

Meine Großmutter sagte Altjahresabend zu diesem letzten Tag im Jahr. Dunkel ist es ja ohnehin. Sie lächelte spöttisch, das tat sie ja immer, berichtete ihr Frau B. von ihrem festen Vorsatz in diesem Jahr doch wirklich ein Haushaltsbuch führen zu wollen. Denn Frau B. Gab jedesmal am 10. Jänner diesen Vorsatz wieder auf. Sie nickte mit dem gleichen Spott über die rosigen Schweine aus Marzipan und stellte sie irgendwo ab, wo sie keiner mehr fand. Sie hielt nichts von der großen Bilanzabrechnung am Ende des Jahres. Kindereien waren ihr das. Der Mensch fand sie erinnerte sich nur an das, woran er sich erinnern wollte und vergesse alles was ihn dabei stören könne.

Erst Jahre später, da begriff ich, dass das Ende eines jeden Jahres sie ein Stück weiter forttrug von ihrem Vater, der Mutter, den Geschwistern, auf die sie wartete beharrlich und vergeblich in jedem, neuen Jahr.

Altjahresabend sagte sie und erzählte mir Jahr für Jahr die Geschichte wie bei Familie G. ein Tischfeuerwerk erst den Tisch und dann die Familie ins Wanken brachte.

Zum ersten Mal in diesem Jahr kaufe ich Krapfen für den Besuch am Abend.

Das letzte Mal in diesem Jahr herunter zum See. Dem See sind die Jahre gleich, der See schimmert grau, ein graues Wachstuch, die Bäume am Ufer sind kahl und warten und warten, sie warten wie wir, die wir glauben in dieser letzten Nacht änderte sich doch etwas. Der See schüttelt den Kopf und irgendwo auf dem Grund wartet der Nöck auf den Frost. Der Nöck hat Zeit.

Das letzte Mal in diesem Jahr in der Buchhandlung gewesen. Der Buchhändler trägt einen schönen gelben Pullover. Kanariengelb. Auf dem Einpackpapier des Buches sind rote Vogelbeeren.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Karte in den gelben Postkarten an der Ecke geworfen.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die lange Straße hinuntergelaufen zu mir nach Haus.

Jetzt aber schnell, die D. bringt doch ihren Hund vorbei. Der Hund fürchtet sich vor den lauten Böllern und kreischenden Raketen. Hier draussen im Wald aber ist es auch ganz am Ende des letzten Tages still.

Auch am letzten Jahr des Tages bin ich fast schon wieder zu spät.

Aber die D. lacht nur. Glück gehabt.

Der Hund schläft und ich kürze die Rosen. Das ist der letzte Strauss in diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr drehe ich mich um und rufe über meine Schulter.

„Tierarzt, kannst Du bitte.“ Aber der Tierarzt kann nicht mehr.

Die Verluste dieses Jahres werde ich mitnehmen für viele, neue Jahre.

Selbstverständlich ist nichts mehr nach diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die Hand auf die Rinde des alten Birnbaumes legen drunten im Garten.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Wie alle Jahre endet auch dieses Jahr mit Johann Sebastian Bach.

Ein letztes Mal also eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Concerto für Oboe und Violine BWV 1060 heisst das Stück.

Ein Stück wie ein Strauss roter Gladiolen schrieb der Y. auf die Hülle der Schallplatte.

Ein schöner, letzter Satz für den letzten Tag im alten Jahr.

Danke für Ihr Lesen, für Ihre Kommentare, für Ihre Geduld und Ihr Interesse an diesen meinen Notizen eines weiteren Jahres. Ich freute mich blieben Sie sich und auch mir gewogen im kommenden Jahr.

Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

Isidor Eisenstein

Viele Jahre habe ich nicht an Isidor Eisenstein gedacht. Aber vielleicht ist es auch anders, vielleicht versuche ich aber auch nur nicht ständig und ausschließlich an Isidor Eisenmann zu denken. Das ist ja manchmal ein- und dasselbe. Aber gestern Nachmittag in einem Café in Kreuzberg unter alten Bäumen zudem und in guter Gesellschaft,  ich traf die zauberhafte Juna und die nicht minder wunderbare Johanna da fiel Isidor mir doch wieder ein. Deutlicher als sonst und vielleicht sind auch die Zeiten so, dass einem öfter Dinge in den Sinn kommen, die man längst schon beiseite gelegt glaubte, eingemottet wie den schweren Wintermantel oder das Paar Bergestiefel, die immer in einer Kiste im Keller lagern, die man nie, aber wirklich nie auf Anhieb findet.

Vor vielen Jahren fragte ich meine Großmutter einmal: „Was macht einen Juden aus?“ Das war eine Frage, die mich umtrieb und die mich nie wieder losgelassen hat. Meine Großmutter verzog immer ein bisschen spöttisch die Mundwinkel, sah sie mich mit dem Shabbes-Leuchter und der Challah, lächelte und sagte: Wenn du meinst mein Kind, ja ich meinte und sie lächelte und nickte. Aber Schubert ist doch erlaubt am Shabat. Gefragt habe ich sie doch, alles habe ich sie gefragt und nie habe ich mich davon erholt, dass ich sie nicht mehr fragen kann oder anders, dass sie mir nicht antworte. Damals also vor vielen Jahren fragte ich sie: „Was macht einen Juden aus?“

„Lass mich dir von Isidor Eisenstein erzählen sagte sie. Isidor war ein Freund deines Urgroßvaters, meines Vaters. Arzt war Eisenstein und er hatte eine Ordination in der Kreisstadt, er war praktischer Arzt, aber er war auch Kardiologe und war einer der frühen Spezialisten für Herzkrankheiten, aber für uns alle war er nur Onkel Isi, ein lustiger Mann mit einem verschmitzten Lächeln und Karamellbonbons in der Jackentasche, wie alle meine Geschwister hat Onkel Isi auch mich auf die Welt geholt und wie mein Vater sagte, holte er nicht, sondern sang die Kinder auf die Welt, denn Onkel Isi war leidenschaftlicher Sänger. So war es kein Wunder, dass Onkel Isi und mein Vater oft zusammen musizierten. So lebte Isidor Eisenstein für viele Jahre, er hatte zwei Töchter und einen Sohn. Mein Urgroßvater hatte viele Mädchen und Isidor hoffte sein Sohn würde sich in eine Tochter seines besten Freundes verlieben.
Aber soweit ist es nicht gekommen. Stattdessen kam das Jahr 1933 und dann kam das Jahr 1935 und Isidor Eisenstein durfte nur mehr Arzt für Juden sein, aber nicht mehr für deutsche Patienten, aber Onkel Isi sagte meine Großmutter war ein Arzt, der nicht aufhören konnte sich um seine Patienten zu sorgen und so machte er weiterhin Hausbesuche nach Einbruch der Dunkelheit.
Ein Kind lag ihm besonders am Herzen- ein Bub mit angeborenem Herzfehler nämlich, auch dieses Kind hatte Onkel Isi auf die Welt geholt. Dann kam das 38er Jahr und eine Gruppe von Schlägern brach johlend auch in die Praxis von Onkel Isi ein, zerschlug die Medikamentenschränke, die Schläger waren Jugendliche, junge Männer 18 oder 19 Jahre alt, ein paar Familienväter, Gaffer. Sie zerschlugen erst die Praxis und dann forderten sie lautstark, dass Onkel Isi überhaupt gar kein Arzt mehr sein sollte, denn man wusste doch, dass jüdische Ärzte, deutschen Frauen die widerwärtigsten Dinge unter dem Vorwand einer Untersuchung antaten.
Als die Ordination kaputt geschlagen war, kam Onkel Isi selbst an die Reihe.
Die Männer schlugen ihm die Brille von der Nase, ließen ihn auf den Knien nach der Brille tasten, bevor sie seine Brille schließlich zertraten. Dann zogen sie Isidor wieder auf die Beine und alle jungen Männer kamen einmal in die Reihe, sie boxten Isi in den Bauch, traten ihm gegen die Knie, zwei Zähne schlug man ihm aus, die anderen durfte er noch behalten, einer aber tat sich besonders hervor unter den Schlägern, es war der Junge zu dem Onkel Isi drei oder viermal die Woche auf Hausbesuch ging seines kranken Herzens wegen. Der Junge brach Onkel Isi die Nase. Irgendwann hatten die goons genug und zogen ab, es gab auch noch andere jüdische Familien im Ort, die auch noch an die Reihe kamen.

Onkel Isi aber ging zurück nach Hause und ließ sich von seiner Frau so gut verarzten wie es ging. An jenem Tag gingen die Juden nicht auf die Straße und Onkel Isi lag auf einem Sofa und kühlte sich die gebrochene Nase. Aber am Abend als seine Frau, ihm eine Suppe brachte, da stand er auf, Onkel Isi mit der Lücke zwischen den Zähnen, dem blauen Auge, der zerschundenden Nase und der bleiernden Müdigkeit im Herzen, stand auf, zog sich an und als seine Frau sagte: „Aber Isi Du kannst doch jetzt nicht aus dem Haus gehen.“ Aber Onkel Isi, sagte meine Großmutter packte seine Tasche, tat die Medikamente hinein und dann ging Onkel Isi wie sie oft zu seinem Patienten, den er so viele Jahre behandelt hatte, den er wie so viele Kinder auf die Welt gesungen hatte und der ihm Vormittag die Nase brach. „Er hat ein krankes Herz“, sagte Onkel Isi und dann ging er und sah nach dem Jungen.

Damit endete meine Großmutter ihre Erzählung. Das war ihre Antwort auf meine Frage. Sie sagte nicht, ob sie das richtig fand oder falsch, oder verrückt oder ob Onkel Isi eine Ausnahme war. Meine Großmutter verweigerte eindeutige Antworten und das war ihre Antwort auf meine Frage: „Was macht einen Juden aus?“ Das war es, was sie mir antwortete.

Wir waren lange still an diesem Abend und als ich sie fragte, ob Onkel Isi, seine Frau, die beiden Töchter und der Sohn wohl und mehr musste ich nicht sagen, denn meine Großmutter schüttelte den Kopf. Nein, sagte sie, Keiner.

3 x 2 plus 1

Ich gehe mit den Kindern in den Park. Wir packen einen Picknickkorb ein und natürlich Kanzler Bär. Einen Ball, ein Buch, Nichte Nummer 3 ihre Gitarre, Nichte Nummer 2 ihren Zeichenblock, der Neffe und der Tierarzt sage unisono: „Aber es ist doch Fuuuuuuußball.“ Der Tierarzt und der Neffe gehen in einen Pub. „Aber nur Apfelsaft“, rufe ich den beiden hinterher. Ich fürchte beide rollen mit den Augen. Den Nichten fallen Freundinnen ein, die auch ganz dringend mit den Park kommen sollen. „Klar“, sage ich und dann gehen wir los. Der Park hat alte Bäume, Schaukeln, und Gänseblümchen.

Ich rolle die Decke aus, sieben Mädchen rollen im Gras. Ich zwinge mich nicht alle zwei Minuten durchzuzählen. Zwei Mädchen spielen Gitarre und singen, schön klingt das wie sie singen. Die Bäume heben die Wurzeln an. Man darf ihnen aber nicht sagen, wie schön sie singen. Dann werden sie rot und singen nicht weiter. Zwei Mädchen malen vertieft und ich wage dann und wann einen Blick. Die Mädchen malen so wie ich niemals malen könnte, aber das darf man ihnen nicht sagen, dann verstecken sie die Bilder sofort. Drei Mädchen üben Rad schlagen, Handstand und Brücken. Hier darf ich noch Beine halten, Schwung geben und die drei grazilen Damen unterstützt von Kanzler Bär angemessen bewundern. So ein Nachmittag ist das, Sonnenschein und Schokokuchen, selbstgemachter Eistee, Sandwiches und Karottenspalten mit Hummous dazu. Ich habe schon wieder durchgezählt, aber ich lese auch ein paar Seiten und blinzle in die Sonne. Es ist heiß in London in diesen Tagen. Vier Mädchen beschließen einen Spaziergang zu machen. Ich schwöre die Zeichenblätter nicht anzurühren und die Gitarre nicht zu verstimmen. Drei Mädchen spielen Uno. Drei Mädchen wissen genau, dass ich nicht zum Karten spielen taugen. Ich spiele die drei Bluesstücke auf der Gitarre, die ich auf der Gitarre spielen kann. „Sie bringt dich um“, sagt die kleine Königin zu mir. „Ich weiß“, sage ich und drei kleine Mademoiselles schwören feierlich mich nicht an die große Schwester zu verraten.

Drei Mädchen spielen Uno.

Ich spiele Gitarre.

Dann sehe ich ihn.

Er ist vielleicht sechszehn Jahre alt. Alles an ihm sagt Außenseiter. Er ist hier mit seinen Geschwistern, seine Eltern sehe ich nicht. Er trägt Außenseiterhosen, er hat einen Außenseiterhaarschnitt, er bohrt die Füße in den Boden, seine Geschwister spielen Fußball, er balanciert einen Stock in seinen Händen, einer seiner Brüder verfehlt mit dem Ball eine Torlinie und der Ball trifft ihn, er stolpert, awkward, er fällt hin, seine Geschwister lachen. Er wirft den Stock weg, er stolpert über seine offenen Schnürsenkel, schon fällt er wieder. Diesmal bleibt er einfach liegen. Die anderen Kinder lachen. Ich starre auf meine Hände auf den Gitarrensaiten. Du bist zurück, will ich zu ihm herüberrufen, du bist endlich wieder da. Denn ich kenne ihn, natürlich kenne ich ihn, wie könnte ich ihn je vergessen, man vergisst niemanden, der aus einem Baum herunterfällt und mit aufgeschrammten Knien neben einem auf den Boden fällt und sagt: Hey, leihst du mir das Buch, was du liest? Ich sagte ja, klar, aber nur wenn du mir dein Buch leihst. Er nickte, aber er sah mich nicht an. Er hatte den Blick aller Außenseiter und Straßenhunde, den Blick all jener, die wissen, dass der nächste Tritt schon kommt, auch wenn das Gegenüber noch lacht mit offenen Händen und Armen. Wir erkannten uns. Wir teilten den gleichen Blick und wir teilten Bücher, die Angst vor Schlangen, die Vorliebe für Nussschokolade. Wir versteckten uns in den Bäumen, einen ganzen Sommer lang. Eines Tages hatte ein blaues Auge, Ich bin dumm, sagte er. Spinnst du, sagte ich. Du bist schlau. Fast so schlau wie meine Großmutter. Er lachte zögernd, aber er sah mich nicht an. Ich wartete lange. Ich kann nicht rechnen. Wenn ich Zahlen sehe, dann hört alles einfach auf.

Ich kann nicht rechnen. Bring dein Mathebuch mit sagte ich und tat so als ob ich nicht sehen würde, wie er weinte. Er brachte das Mathebuch vom letzten Schuljahr mit und das neue Mathebuch auch. Ich schrieb die Lösungen in das Buch. Von der ersten bis zur letzten Seite.  Problem gelöst, sagte ich und lachte. Ich lag mit ihm hinter den Johannisbeerstauden im Garten meiner Großmutter. Seine Augen waren grau.Wenn er lächelte, waren seine Augen aus Silber. Meine Großmutter sagte: „Na ihr beiden, mögt ihr Eis?“

Kurz bevor die Ferien endeten und es waren für viele Jahre die letzten Ferien, die ich bei meiner Großmutter in Deutschland verbrachte, da gingen wir aus. Meine Großmutter und ich spielten feine Damen. Dabei war sie eine feine Dame. Eine feinere Dame habe ich nie gekannt. Das Restaurant zu den Goldenen Löwen hatte Stoffservietten. Die Stoffservietten waren gefaltete Schwäne und es gab eine Suppe, die hieß Hochzeitssuppe. Ich dachte an einen Jungen mit grauen Augen. Ich musste gar nicht lange denken, denn er und seine Familie saßen zwei Tische weiter. Seine Mutter sah aus wie aus dem Quelle-Katalog und seine beiden Schwestern waren adrett und hatten sich niemals selbst den Pony vor dem Badezimmerspiegel selbst geschnitten, so wie ich. Sein Vater sah streng aus. Ich zwinkerte ihm zu. Er wurde rot und ließ die Gabel fallen. Sein Vater sagte: „Du Idiot.“ Er ließ die Kellnerin die Gabel aufheben.

Ich sah auf den Teller Hochzeitssuppe.

„Schmeckt es Dir nicht?“, fragte meine Großmutter.

Ich schüttelte den Kopf.

Die Familie am Nebentisch aß schneller als wir.

Der Vater der Jungen gab dem Jungen die Rechnung. Wieviel sind fünf Prozent Trinkgeld, du hast drei Minuten.

Der Junge mit den grauen Augen starrte auf den Zettel.

Ich stand so schnell auf wie ich konnte, stieß den Stuhl um, sah auf den Zettel und sagte ohne Luftzuholen: 83 DM.

Der Vater schlug dem Jungen mit den grauen Augen mit der Hand ins Gesicht und stopfte die zerknüllte Rechnung in die Tasche.

Schämst du dich nicht dümmer zu sein als das Mädchen, schrie er ihn an. Seine Frau und die Schwestern taten so als säßen sie an einem anderen Tisch.

Aber meine Großmutter war aufgestanden und sagte zu dem Mann: „Hören Sie mal, wie gehen sie mit ihrem Kind um. Sie sind ja gemeingefährlich.

Aber der Mann stand auf und zog seine Frau und die Kinder hinter sich her.

„Wie ich meine Kinder erziehe, geht nur mich etwas an“, schrie er.

Ich griff nach der Hand von dem Jungen mit den grauen Augen. Er schlug sie weg. Ich hasse dich, sagte er und sah mich nicht an.

Meine Großmutter hob den Stuhl wieder auf.

Die Hochzeitssuppe war kalt.

Hey, will ich zu dem Jungen sagen, der auf dem Boden sitzt in einem Park in London, da bist du ja endlich wieder, glaub mir doch, ich wollte dich vor deinem Vater nicht blamieren, mir fiel nichts anderes ein damals, verstehst du. Erzähl mir doch, wie es dir geht. Was machst du jetzt. Lässt du mich deine Augen sehen? Aber ich habe den Jungen mit den grauen Augen nie wieder gesehen und in London klettert der Junge, der aussieht wie er und auch wie ich einmal ausgesehen haben, nicht auf den Baum, sondern zertritt einen Ast.

„Dürfen wir ein Eis?“, fragen mich sieben Mädchen, vier Mädchen sind vom Spaziergang zurück, drei Mädchen spielen noch immer Uno.

„Klar, sage ich und krame nach Eisgeld und ich sage nicht mehr: Kauft dem Jungen dort drüben unter dem Baum doch auch ein Eis.“ Sieben Mädchen rennen zum Eiswagen herüber. Ich zähle zweimal nach.