Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

Isidor Eisenstein

Viele Jahre habe ich nicht an Isidor Eisenstein gedacht. Aber vielleicht ist es auch anders, vielleicht versuche ich aber auch nur nicht ständig und ausschließlich an Isidor Eisenmann zu denken. Das ist ja manchmal ein- und dasselbe. Aber gestern Nachmittag in einem Café in Kreuzberg unter alten Bäumen zudem und in guter Gesellschaft,  ich traf die zauberhafte Juna und die nicht minder wunderbare Johanna da fiel Isidor mir doch wieder ein. Deutlicher als sonst und vielleicht sind auch die Zeiten so, dass einem öfter Dinge in den Sinn kommen, die man längst schon beiseite gelegt glaubte, eingemottet wie den schweren Wintermantel oder das Paar Bergestiefel, die immer in einer Kiste im Keller lagern, die man nie, aber wirklich nie auf Anhieb findet.

Vor vielen Jahren fragte ich meine Großmutter einmal: „Was macht einen Juden aus?“ Das war eine Frage, die mich umtrieb und die mich nie wieder losgelassen hat. Meine Großmutter verzog immer ein bisschen spöttisch die Mundwinkel, sah sie mich mit dem Shabbes-Leuchter und der Challah, lächelte und sagte: Wenn du meinst mein Kind, ja ich meinte und sie lächelte und nickte. Aber Schubert ist doch erlaubt am Shabat. Gefragt habe ich sie doch, alles habe ich sie gefragt und nie habe ich mich davon erholt, dass ich sie nicht mehr fragen kann oder anders, dass sie mir nicht antworte. Damals also vor vielen Jahren fragte ich sie: „Was macht einen Juden aus?“

„Lass mich dir von Isidor Eisenstein erzählen sagte sie. Isidor war ein Freund deines Urgroßvaters, meines Vaters. Arzt war Eisenstein und er hatte eine Ordination in der Kreisstadt, er war praktischer Arzt, aber er war auch Kardiologe und war einer der frühen Spezialisten für Herzkrankheiten, aber für uns alle war er nur Onkel Isi, ein lustiger Mann mit einem verschmitzten Lächeln und Karamellbonbons in der Jackentasche, wie alle meine Geschwister hat Onkel Isi auch mich auf die Welt geholt und wie mein Vater sagte, holte er nicht, sondern sang die Kinder auf die Welt, denn Onkel Isi war leidenschaftlicher Sänger. So war es kein Wunder, dass Onkel Isi und mein Vater oft zusammen musizierten. So lebte Isidor Eisenstein für viele Jahre, er hatte zwei Töchter und einen Sohn. Mein Urgroßvater hatte viele Mädchen und Isidor hoffte sein Sohn würde sich in eine Tochter seines besten Freundes verlieben.
Aber soweit ist es nicht gekommen. Stattdessen kam das Jahr 1933 und dann kam das Jahr 1935 und Isidor Eisenstein durfte nur mehr Arzt für Juden sein, aber nicht mehr für deutsche Patienten, aber Onkel Isi sagte meine Großmutter war ein Arzt, der nicht aufhören konnte sich um seine Patienten zu sorgen und so machte er weiterhin Hausbesuche nach Einbruch der Dunkelheit.
Ein Kind lag ihm besonders am Herzen- ein Bub mit angeborenem Herzfehler nämlich, auch dieses Kind hatte Onkel Isi auf die Welt geholt. Dann kam das 38er Jahr und eine Gruppe von Schlägern brach johlend auch in die Praxis von Onkel Isi ein, zerschlug die Medikamentenschränke, die Schläger waren Jugendliche, junge Männer 18 oder 19 Jahre alt, ein paar Familienväter, Gaffer. Sie zerschlugen erst die Praxis und dann forderten sie lautstark, dass Onkel Isi überhaupt gar kein Arzt mehr sein sollte, denn man wusste doch, dass jüdische Ärzte, deutschen Frauen die widerwärtigsten Dinge unter dem Vorwand einer Untersuchung antaten.
Als die Ordination kaputt geschlagen war, kam Onkel Isi selbst an die Reihe.
Die Männer schlugen ihm die Brille von der Nase, ließen ihn auf den Knien nach der Brille tasten, bevor sie seine Brille schließlich zertraten. Dann zogen sie Isidor wieder auf die Beine und alle jungen Männer kamen einmal in die Reihe, sie boxten Isi in den Bauch, traten ihm gegen die Knie, zwei Zähne schlug man ihm aus, die anderen durfte er noch behalten, einer aber tat sich besonders hervor unter den Schlägern, es war der Junge zu dem Onkel Isi drei oder viermal die Woche auf Hausbesuch ging seines kranken Herzens wegen. Der Junge brach Onkel Isi die Nase. Irgendwann hatten die goons genug und zogen ab, es gab auch noch andere jüdische Familien im Ort, die auch noch an die Reihe kamen.

Onkel Isi aber ging zurück nach Hause und ließ sich von seiner Frau so gut verarzten wie es ging. An jenem Tag gingen die Juden nicht auf die Straße und Onkel Isi lag auf einem Sofa und kühlte sich die gebrochene Nase. Aber am Abend als seine Frau, ihm eine Suppe brachte, da stand er auf, Onkel Isi mit der Lücke zwischen den Zähnen, dem blauen Auge, der zerschundenden Nase und der bleiernden Müdigkeit im Herzen, stand auf, zog sich an und als seine Frau sagte: „Aber Isi Du kannst doch jetzt nicht aus dem Haus gehen.“ Aber Onkel Isi, sagte meine Großmutter packte seine Tasche, tat die Medikamente hinein und dann ging Onkel Isi wie sie oft zu seinem Patienten, den er so viele Jahre behandelt hatte, den er wie so viele Kinder auf die Welt gesungen hatte und der ihm Vormittag die Nase brach. „Er hat ein krankes Herz“, sagte Onkel Isi und dann ging er und sah nach dem Jungen.

Damit endete meine Großmutter ihre Erzählung. Das war ihre Antwort auf meine Frage. Sie sagte nicht, ob sie das richtig fand oder falsch, oder verrückt oder ob Onkel Isi eine Ausnahme war. Meine Großmutter verweigerte eindeutige Antworten und das war ihre Antwort auf meine Frage: „Was macht einen Juden aus?“ Das war es, was sie mir antwortete.

Wir waren lange still an diesem Abend und als ich sie fragte, ob Onkel Isi, seine Frau, die beiden Töchter und der Sohn wohl und mehr musste ich nicht sagen, denn meine Großmutter schüttelte den Kopf. Nein, sagte sie, Keiner.

3 x 2 plus 1

Ich gehe mit den Kindern in den Park. Wir packen einen Picknickkorb ein und natürlich Kanzler Bär. Einen Ball, ein Buch, Nichte Nummer 3 ihre Gitarre, Nichte Nummer 2 ihren Zeichenblock, der Neffe und der Tierarzt sage unisono: „Aber es ist doch Fuuuuuuußball.“ Der Tierarzt und der Neffe gehen in einen Pub. „Aber nur Apfelsaft“, rufe ich den beiden hinterher. Ich fürchte beide rollen mit den Augen. Den Nichten fallen Freundinnen ein, die auch ganz dringend mit den Park kommen sollen. „Klar“, sage ich und dann gehen wir los. Der Park hat alte Bäume, Schaukeln, und Gänseblümchen.

Ich rolle die Decke aus, sieben Mädchen rollen im Gras. Ich zwinge mich nicht alle zwei Minuten durchzuzählen. Zwei Mädchen spielen Gitarre und singen, schön klingt das wie sie singen. Die Bäume heben die Wurzeln an. Man darf ihnen aber nicht sagen, wie schön sie singen. Dann werden sie rot und singen nicht weiter. Zwei Mädchen malen vertieft und ich wage dann und wann einen Blick. Die Mädchen malen so wie ich niemals malen könnte, aber das darf man ihnen nicht sagen, dann verstecken sie die Bilder sofort. Drei Mädchen üben Rad schlagen, Handstand und Brücken. Hier darf ich noch Beine halten, Schwung geben und die drei grazilen Damen unterstützt von Kanzler Bär angemessen bewundern. So ein Nachmittag ist das, Sonnenschein und Schokokuchen, selbstgemachter Eistee, Sandwiches und Karottenspalten mit Hummous dazu. Ich habe schon wieder durchgezählt, aber ich lese auch ein paar Seiten und blinzle in die Sonne. Es ist heiß in London in diesen Tagen. Vier Mädchen beschließen einen Spaziergang zu machen. Ich schwöre die Zeichenblätter nicht anzurühren und die Gitarre nicht zu verstimmen. Drei Mädchen spielen Uno. Drei Mädchen wissen genau, dass ich nicht zum Karten spielen taugen. Ich spiele die drei Bluesstücke auf der Gitarre, die ich auf der Gitarre spielen kann. „Sie bringt dich um“, sagt die kleine Königin zu mir. „Ich weiß“, sage ich und drei kleine Mademoiselles schwören feierlich mich nicht an die große Schwester zu verraten.

Drei Mädchen spielen Uno.

Ich spiele Gitarre.

Dann sehe ich ihn.

Er ist vielleicht sechszehn Jahre alt. Alles an ihm sagt Außenseiter. Er ist hier mit seinen Geschwistern, seine Eltern sehe ich nicht. Er trägt Außenseiterhosen, er hat einen Außenseiterhaarschnitt, er bohrt die Füße in den Boden, seine Geschwister spielen Fußball, er balanciert einen Stock in seinen Händen, einer seiner Brüder verfehlt mit dem Ball eine Torlinie und der Ball trifft ihn, er stolpert, awkward, er fällt hin, seine Geschwister lachen. Er wirft den Stock weg, er stolpert über seine offenen Schnürsenkel, schon fällt er wieder. Diesmal bleibt er einfach liegen. Die anderen Kinder lachen. Ich starre auf meine Hände auf den Gitarrensaiten. Du bist zurück, will ich zu ihm herüberrufen, du bist endlich wieder da. Denn ich kenne ihn, natürlich kenne ich ihn, wie könnte ich ihn je vergessen, man vergisst niemanden, der aus einem Baum herunterfällt und mit aufgeschrammten Knien neben einem auf den Boden fällt und sagt: Hey, leihst du mir das Buch, was du liest? Ich sagte ja, klar, aber nur wenn du mir dein Buch leihst. Er nickte, aber er sah mich nicht an. Er hatte den Blick aller Außenseiter und Straßenhunde, den Blick all jener, die wissen, dass der nächste Tritt schon kommt, auch wenn das Gegenüber noch lacht mit offenen Händen und Armen. Wir erkannten uns. Wir teilten den gleichen Blick und wir teilten Bücher, die Angst vor Schlangen, die Vorliebe für Nussschokolade. Wir versteckten uns in den Bäumen, einen ganzen Sommer lang. Eines Tages hatte ein blaues Auge, Ich bin dumm, sagte er. Spinnst du, sagte ich. Du bist schlau. Fast so schlau wie meine Großmutter. Er lachte zögernd, aber er sah mich nicht an. Ich wartete lange. Ich kann nicht rechnen. Wenn ich Zahlen sehe, dann hört alles einfach auf.

Ich kann nicht rechnen. Bring dein Mathebuch mit sagte ich und tat so als ob ich nicht sehen würde, wie er weinte. Er brachte das Mathebuch vom letzten Schuljahr mit und das neue Mathebuch auch. Ich schrieb die Lösungen in das Buch. Von der ersten bis zur letzten Seite.  Problem gelöst, sagte ich und lachte. Ich lag mit ihm hinter den Johannisbeerstauden im Garten meiner Großmutter. Seine Augen waren grau.Wenn er lächelte, waren seine Augen aus Silber. Meine Großmutter sagte: „Na ihr beiden, mögt ihr Eis?“

Kurz bevor die Ferien endeten und es waren für viele Jahre die letzten Ferien, die ich bei meiner Großmutter in Deutschland verbrachte, da gingen wir aus. Meine Großmutter und ich spielten feine Damen. Dabei war sie eine feine Dame. Eine feinere Dame habe ich nie gekannt. Das Restaurant zu den Goldenen Löwen hatte Stoffservietten. Die Stoffservietten waren gefaltete Schwäne und es gab eine Suppe, die hieß Hochzeitssuppe. Ich dachte an einen Jungen mit grauen Augen. Ich musste gar nicht lange denken, denn er und seine Familie saßen zwei Tische weiter. Seine Mutter sah aus wie aus dem Quelle-Katalog und seine beiden Schwestern waren adrett und hatten sich niemals selbst den Pony vor dem Badezimmerspiegel selbst geschnitten, so wie ich. Sein Vater sah streng aus. Ich zwinkerte ihm zu. Er wurde rot und ließ die Gabel fallen. Sein Vater sagte: „Du Idiot.“ Er ließ die Kellnerin die Gabel aufheben.

Ich sah auf den Teller Hochzeitssuppe.

„Schmeckt es Dir nicht?“, fragte meine Großmutter.

Ich schüttelte den Kopf.

Die Familie am Nebentisch aß schneller als wir.

Der Vater der Jungen gab dem Jungen die Rechnung. Wieviel sind fünf Prozent Trinkgeld, du hast drei Minuten.

Der Junge mit den grauen Augen starrte auf den Zettel.

Ich stand so schnell auf wie ich konnte, stieß den Stuhl um, sah auf den Zettel und sagte ohne Luftzuholen: 83 DM.

Der Vater schlug dem Jungen mit den grauen Augen mit der Hand ins Gesicht und stopfte die zerknüllte Rechnung in die Tasche.

Schämst du dich nicht dümmer zu sein als das Mädchen, schrie er ihn an. Seine Frau und die Schwestern taten so als säßen sie an einem anderen Tisch.

Aber meine Großmutter war aufgestanden und sagte zu dem Mann: „Hören Sie mal, wie gehen sie mit ihrem Kind um. Sie sind ja gemeingefährlich.

Aber der Mann stand auf und zog seine Frau und die Kinder hinter sich her.

„Wie ich meine Kinder erziehe, geht nur mich etwas an“, schrie er.

Ich griff nach der Hand von dem Jungen mit den grauen Augen. Er schlug sie weg. Ich hasse dich, sagte er und sah mich nicht an.

Meine Großmutter hob den Stuhl wieder auf.

Die Hochzeitssuppe war kalt.

Hey, will ich zu dem Jungen sagen, der auf dem Boden sitzt in einem Park in London, da bist du ja endlich wieder, glaub mir doch, ich wollte dich vor deinem Vater nicht blamieren, mir fiel nichts anderes ein damals, verstehst du. Erzähl mir doch, wie es dir geht. Was machst du jetzt. Lässt du mich deine Augen sehen? Aber ich habe den Jungen mit den grauen Augen nie wieder gesehen und in London klettert der Junge, der aussieht wie er und auch wie ich einmal ausgesehen haben, nicht auf den Baum, sondern zertritt einen Ast.

„Dürfen wir ein Eis?“, fragen mich sieben Mädchen, vier Mädchen sind vom Spaziergang zurück, drei Mädchen spielen noch immer Uno.

„Klar, sage ich und krame nach Eisgeld und ich sage nicht mehr: Kauft dem Jungen dort drüben unter dem Baum doch auch ein Eis.“ Sieben Mädchen rennen zum Eiswagen herüber. Ich zähle zweimal nach.

Rettungsleiter

Früh am Morgen gehört der See nur mir und den Enten in den Flegeljahren.
Die Enten in den Flegeljahren üben Wasserski fahren.
Früh am Morgen gähnen die Entenmütter, die Fische und ich.
Im Schilf baut ein Reiher ein Nest.
Sonst ist der See still.
Am Ufer liegen Scherben.
Ich hebe die Scherben auf.
Der See seufzt über die Menschen, die Scherben, die vom Ufer ans Land getragene Rettungsleiter, die jetzt am Fahrradunterstellplatz lehnt. Ich trockne mir das Haar ab. Der See schimmert blau und grün. Als ich ein kleines Mädchen war, vor vielen Jahren, da brachte mir meine Großmutter das Schwimmen bei. Meine Großmutter glaubte an stetes Üben, ich glaubte an ihre Hände unter meinem Bauch und noch mehr als ich glaubte meine Großmutter an die Macht der Geschichten. Lass mich dir von Lore Hellmann erzählen, sagte meine Großmutter. Das war an einem anderen See, aber ein Sommertag war es auch. Ich lag neben ihr im Gras. Meine Großmutter trug ein Kleid mit farbigen Streifen. Grün, rot und blau.

Das Kleid war aus Leinen, es raschelte wie der See vor uns im hellen Licht, ich lag in ihrem Arm und sah in die Bäume, es waren andere Bäume als die Bäume unter denen ich mir die Haare trockene, früh am Morgen so viele Jahre später.

Lore Hellmann, sagte meine Großmutter war ein beliebtes Mädchen damals in der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter aufwuchs. Meine Großmutter wuchs im Marschland auf, dicht an der See, salzige Luft, die Landschaft dort im Norden war blau, grün, rot wie die Streifen auf dem Leinenkleid. Lore Hellmann war ein beliebtes Mädchen, mein Großmutter war es auch. Darin unterschieden sich meine Großmutter und ich. Meine Großmutter war zum Geburtstag bei Lore Hellmann selbstverständlich eingeladen, es gab Kakao und Erdbeerkuchen, dicken Rahm dazu und rote Grütze. Lore Hellmann hatte blonde Locken, ein Fahrrad von einem Onkel aus Frankfurt und alle Mädchen wollten so sein wie Lore. Im Sommer zogen die Mädchen zum See, ein dunkler, ein tiefer, auch im Sommer kalter See, ein See, der schon nach dem Meer schmeckte, salzig und nach dem Ozean.

Ein See in dem der Nöck selbst im Sommer nicht nach gab, sondern den See in der Hand behielt. 1930 war meine Großmutter, war Lore Hellmann acht Jahre alt. Der Sommer war lang und die Mädchen,so mutig wie die Mädchen noch heute. Lore und die Mädchen schwammen weit hinaus auf den See, am weitesten hinaus schwammen Lore und meine Großmutter. Wie es begann, wusste meine Großmutter nicht mehr, nur dass Lore anfing nach Atem zu ringen, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte und Lore schlang ihre Arme mit letzter Kraft um den Hals meiner Großmutter. Meine Großmutter versuchte mit den Füßen Wasser zu treten, das Gewicht des anderen Mädchens zog sie nach unten. „Hilfe, Hilfe“, schrie meine Großmutter so laut sie konnte, herüber zum Ufer, wo die anderen Mädchen noch immer Wasserball spielten. Aber dann rannten die Mädchen los und holten meinen Urgroßvater, denn er konnte schwimmen und wie meine Großmutter mir, hatte er seinen Töchtern das Schwimmen beigebracht. Mein Urgroßvater kam mit einer Leiter. Der Leiter vom Spritzenhaus und rannte ins Wasser. Meine Großmutter sagte: „In seinem guten Anzug.“

Der Nöck holte sich seine Taschenuhr. „Schiebt die Leiter in den See, so weit ihr könnt“, rief mein Urgroßvater zu den Männern, Frauen und Mädchen, die am Seeufer standen und dann schrie er seiner Tochter zu. Zähl so laut du kannst, denn meine Großmutter und Lore sanken immer tiefer in den See. Meine Großmutter zählte. Bei 35 erreichte mein Urgroßvater sie, legte sich Lore über die Schultern, aber seine Tochter konnte er nicht auch noch schultern.

Er sagte zu seiner Tochter: „Du musst bis zu der Leiter schwimmen.“
Meine Großmutter sagte: Papa ich kann nicht mehr.
Ihr Vater sagte: Du kannst. Ich schwöre Dir Du kannst.

Meine Großmutter schwamm und meine Großmutter erreichte die Leiter. Da war ihr Vater schon am Ufer mit der blauen Lore und drückte auf ihren Brustkorb bis sie das Wasser ausspuckte, anfing zu husten und sich fürchterlich übergab. Aber der gute Anzug ihres Vaters, war ohnehin ruiniert, sagte meine Großmutter.
Mein Urgroßvater, aber zog seine Tochter mit der Leiter aus dem Wasser und trug sie nach Haus. Drei Tage hatte meine Großmutter so hohes Fieber, dass die Ärzte sagten, man solle sich auf das Schlimmste einstellen. Mein Urgroßvater aber blieb am Bett meiner Großmutter sitzen und nach drei Tagen wachte meine Großmutter auf und hatte kein Fieber mehr, dafür aber großen Hunger. Mein Urgroßvater weinte noch als er mit ihr in der Konditorei saß. „Du bist geschwommen“, sagte er immer wieder.
Meine Großmutter liebte ihren Vater und seit jenem Nachmittag liebte auch Lore Hellmann meinen Urgroßvater. Bevor Du schwimmen gehst, sagte meine Großmutter zu mir vor vielen Jahren im Gras, musst du sehen, wo eine Rettungsleiter ist und wo Rettungsringe hängen und dann ging meine Großmutter mit mir ins Wasser, schwamm eine unendlich weite Strecke von mir weg und rief: „Schwimm“ und ich schwamm jedes Mal weiter, ich hustete, keuchte, ich fiel in den Sand, aber meine Großmutter gab nicht nach, bis sie sich sicher war, dass ich wirklich schwimmen konnte. Damals sagten die Männer, Frauen und Kinder, dass der Vater meiner Großmutter ein Held sei.
1932 trat der Vater von Lore Hellmann in die NSDAP ein, und mein Großvater wurde zur Judensau. Meine Großmutter wurde nicht mehr zu den Geburtstagen, zu Kakao und Erdbeerkuchen eingeladen und als meine Urgroßeltern und ihre Töchter deportiert wurden, da kam niemand zu Hilfe. Aber das erzählte mir meine Großmutter erst viel später, damals erzählte sie mir von der Leiter, dem drückenden Strudel des Sees, dem Versuch den Kopf über Wasser zu halten, ihrem Vater mit der Leiter und den starken Armen und ich lag in ihren Armen und ihre Arme waren die stärksten Arme die ich mir vorstellen konnte.

In Berlin aber ziehe ich Hose und T-Shirt an, nehme Handtuch und Bikini und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Ich suche am S-Bahnhof nach einem Mitarbeiter. „Die Rettungsleiter sage ich muss zurück ans Ufer.“ Der Mann sagt: „Bin ick nich für zuständig.“ Sonst sehe ich keinen, außer einem Jogger. „Können Sie mir helfen die Rettungsleiter zurück an den See zu tragen?“, frage ich ihn. „Rettungsleiter?“ sagt er, „so nen Schwachsinn“ und dann rennt er weiter. Aber dann sehe ich zwei BSR-Mitarbeiter, die ihre Reinigungsrunde um den See beginnen. „Wir kümmern uns junge Frau“, sagen sie und ich nicke. „Danke“, sage ich und der See hinter mir schimmert blau und dunkelgrün.

Andere Zeiten

 

„Bist Du sehr müde?“, fragt der Tierarzt, nach der Nachtschicht auf dem Parkplatz.

Das ist keine Frage. Das ist eine Bitte.

2Keineswegs“ sage ich.

„Danke, sagt der Tierarzt. Danke Mädchen.“

Dann fahren wir nicht nach Norden, sondern nach Süden. Ich schlafe für 40 Minuten. Die Sonne schläft noch ein bisschen länger.

Der Tierarzt parkt den roten Volvo und wir gehen die lange Promenade von Bray hinunter.

In ein paar Stunden kommen Touristen essen Eiscreme, die Kinder fahren auf einem bunten, blinkenden Karussell, Hunde rennen ins Meer und die

Aber der Tierarzt ist lang schon zu schmal, zu sehr Schatten als das Kinder, Mütter, Väter und auch Tante Anny nicht mit dem Finger auf ihn zeigten. Sieh mal, da geht der Schatten.

So gehen wir vor den Touristen, den Strandbesuchern und Hundehaltern durch den frühen Morgen.

Der Morgen ist kühl und klamm über unseren Schultern.

Aber warme Hände holt der Tierarzt aus seinen Taschen.

„Komm, Mädchen, komm.“

Das Bray Head ist geschlossen. Seit Juli 2017 schon.

Das haben wir nicht bemerkt.

Wir haben nicht einmal bemerkt, dass wir seit Juli 2017 nicht mehr in Bray gewesen sind.

Einmal noch früher, wir waren uns unserer Hände noch gar nicht sicher, da haben der Tierarzt und ich einmal im Bray Head übernachtet.

Ein Kellner mit falschem Gebiss und polnischem Englisch spielte Ire für eine Gruppe amerikanischer Gäste.

Den Gästen gefiel es.

Die Suppe war kalt.

Im Zimmer Wasserflecken an den Wänden.

Kaltes Wasser im Hahn, wer weiß schon wie lange die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden konnten.

Die Bettdecken waren bordeauxrot, fadenscheinig schon, die Matratzen ächzten schon als sie uns sahen.

Ich verdrehte die Hände hinter dem Rücken, denn das sind immer so meine Ideen. Wenn es nur nach 1900 riecht, ist mir egal ob im Kronleuchter Stücke fehlen und das Telefon stumm blieb, nahm man den Hörer ab.

Aber der Tierarzt holte meine Hände hinter dem Rücken hervor, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: Mädchen und ich zählte die Lachfältchen um seine Augen.

Es waren viele.

Bates Motel, sagte der Tierarzt und am Ende der Nacht wusste der Tierarzt, dass ich keine Filme oder Serien kenne.

Geschlafen haben wir nicht in den klammen Betten, sondern aus dem Fenster gesehen, die Schiffe gezählt, vor meinem Auge aber wanderten noch einmal die Sommerfrischler vorbei, die hier seit 1880 oder so ähnlich für ein paar Wochen Seeluft tranken.

Aber schon als wir dort eine Nacht lang vor dem Fenster saßen, da war das Hotel schon Geschichte.

Jetzt ist es verschlossen, im frühen Nebel trostlos und leer.

Angeblich gibt es einen Investor.

Aber schon gähnt der Morgen und wir gehen dicht ans Meer gedrückt den Cliff Way entlang.

Schwer und feucht ist die Luft.

Möwen kreisen langsam und morgenschwer über uns und neben uns.

Schwalben nisten in den

Der Fingerhut tastet vorsichtig nach uns, ob wir nicht schöne Opfer wären.

Der Ginster lächelt. Der Ginster hat etwas Onkelhaftes. Der Ginster raucht heimlich Pfeife, da bin ich mir sicher.

Die Hecken tropfen fröhlich auf unsere Köpfe.

Der Himmel ist erst grau, dann wirft die Sonne mit dem Kissen nach dem fahlen Geliebten, dem Mond. Das Kissen ist bestickt mit Hyazinthen und der Himmel hat blaue und dann als der Mond sich in seine Decke wickelt mit morgenkalten Zehen, da schimmert der Himmel auch silbern.

„Wovon träumst du Mond, fragt die Sonne?“

„Immer von Dir!“, sagte die Sonne.

Der Tierarzt lacht.

Langsam tauchen Schiffe aus dem Nebel auf.

Ein Schiffshorn tutet.

Wir winken vergeblich.

Auf der Hälfte der Strecke trinken wir heißen, süßen Tee aus der Thermosflasche.

Eine Fasanendame nickt uns zu und wir nicken angemessen freundlich zurück. Auch für Familie Fasan gilt.

Wenn die Busse kommen, ist alles zu spät.

Schließlich liegt Greystones vor uns, aber wir gehen noch ein Stück weiter.

Ich halte mein Gesicht in die ersten Rosen.

Noch blüht der Flieder.

Der Tierarzt hat die letzten pinken Kastanienblüten im Haar.

Mit dem ersten Zug fahren wir zum roten Volvo zurück.

Ich trinke gegen meine Gewohnheit Kaffee ohne Milch.

Der Tierarzt trinkt gegen seine Gewohnheit Tee mit zu viel Zucker.

Auf der Straße zurück nach Norden kommen uns die ersten Busse entgegen.

Ich bin so müde, aber der Tierarzt lacht mit den Blüten im Haar und singt ein altes Wiegenlied.

Zuhause wickle ich mich eine blaue Decke aus fast demselben hyacinthenblau wie die der Sonne.

Der Tierarzt lehnt noch für einen Moment in der Tür. Dann nimmt er den Hund mit hinaus.

„Wie du leuchtest, Tierarzt denke ich „ noch einmal, hell und frei und sonnengelb.“

Dann schlafe ich ein.

Vielleicht träume ich von einem Hotel aus alten Tagen.

Vielleicht aber auch von einer Welt ohne Schatten, als ich wieder aufwache später am Tag ist die Sonne hell und warm und ich habe alle Träume vergessen.

Was ich nicht mehr schreibe.

Ich schreibe keine Liebesbriefe mehr. Dabei habe ich so viele Jahre lang Liebesbriefe geschrieben, ich war fünfzehn vielleicht und schrieb Liebesbriefe gegen Bezahlung. Aber das ist schon lange her.

Ich schreibe keine Einkaufszettel mehr, murmele ich nicht beständig: Eier, Zucker, Milch vergesse ich die Dinge auch mit Notizblock.

Ich schreibe keine Träume mehr auf. Die letzten Seite des dicken Notizheftes sind leer. Vielleicht hat man irgendwann alle Träume gehabt.

Ich schreibe keine Gedichte mehr. Vielleicht fehlen mir die Gedichte am Meisten, manchmal fange ich noch einmal an. Dann fällt mir ein halbes Gedicht ein und ich suche nach Papier und Stift, aber dann sehe ich das Papier, das Gedicht und den Stift und nach einer halben Zeile, lege ich den Stift weg, zerreiße das Papier und dann ist auch das Gedicht schon wieder verschwunden.

Ich schreibe keine Dissertation mehr. Ein Glück.

Ich schreibe außerhalb des Büros so wenig Emails, dass es eigentlich keine mehr sind. Es fehlt mir nicht, obwohl ich einmal viele Emails geschrieben habe, vielleicht waren es auch Liebesbriefe, so genau will ich mich nicht mehr erinnern und das Postfach mache ich einmal im halben Jahr auf. Verpasst habe ich in keinem der halben Jahre etwas und immer, wenn ich doch wieder anfing diesem oder jenem eine Email zu schreiben, die nichts mit bürorelevanten Dingen zu tun, so habe ich es immer früher als später bereut. Ich schreibe keine Emails mehr.

Ich schreibe kein Tagebuch mehr.

Ich schreibe keine Kalendereinträge mehr, die Jahre sind alle gleich lang und ich habe kein Bedürfnis danach, nachzusehen, ob ich vor zwei Jahren in der Philharmonie war oder nicht. Irgendwann ist mir die Neugier verlorengegangen und der Kalender erinnert mich doch dann und wann an diesen Verlust. Jedes Jahr schenkt die liebe C. mir einen neuen Kalender, aber am Ende des Jahres sind alle meine Kalender leer.

Ich schreibe keine Wünsche mehr auf, falte sie nicht mehr in kleine Papierdreiecke und fädle die Dreiecke nicht mehr in einen Flaschenhals ein und ich fahre auch nicht mehr zum Fluss oder ans Meer, um eine Flaschenpost auf den Weg zu bringen.

Ich schreibe keine Noten mehr auf das Notenpapier, das sich noch immer in der Kommode stapelt.

Ich schreibe keine Notizen mehr für verstiegene Romane auf.

Ich schreibe keine Limericks mehr, keine Nonsenswörterfolgen, keine Post-It Klebezettel, keine Anleitungen mehr wie aus einer Cola-Flasche ein Segelboot wird.

Ich schreibe so selten Kommentare ins Internet, dass ich sagen kann: Ich schreibe keine Kommentare ins Internet.

Ich schreibe keine Rezepte mehr auf und nur noch selten schreibe ich Rezepte weiter.

Ich schreibe keine ganzen Nächte mehr durch.

Ich schreibe keine Fragen mehr auf die schwarze Schiefertafel. Ich habe die Schiefertafel den Nichten geschenkt. Wer weiß vielleicht fallen ihnen in die Antworten ein.

Ich schreibe keine Buchstaben mehr auf beschlagene Fensterscheiben.

Ich schreibe so wenig Nachrichten wie es nur geht. Es geht immer noch weniger.

Ich schreibe keine angefangen Sätze mehr mit dem blauen Kugelschreiber auf meinen Arm. Zwischen 16-22 waren meine Arme immer bedeckt mit blauen Notizen, sie sind alle längst gluckernd im Abfluss der Badewanne verschwunden. Das letzte was ich von ihnen sah, war eine blaue Schaumkrone.

Ich schreibe keine Geschichten mehr mit den Fingern zwischen die Rippen eines Anderen, früh am Morgen wenn die Welt und der Andere auch noch schläft.

Ich schreibe nicht mehr auf, was ich im Kaffeesatz lese. Viel getaugt hat die Wahrsagerei ohnehin nie.

Ich schreibe keine Märchen mehr auf für die Nichten 1-3 und den Neffen. Die Nichten und der Neffe suchen sich längst eigene Geschichten aus.

Ich beschreibe nur noch selten Bilder, Menschen, Dinge.

Warum schreiben Sie denn?, fragte mich jemand, unvermittelt, aber dann auch nicht so unverhofft.

Weil mir nicht anderes einfällt, als das Wort, wenn ich darüber nachdenke, woran ich mich festhalten kann, sage ich. Was ich nicht sage ist: Eigentlich schreibe ich nicht mehr viel und vielleicht ist dieses Blog ja die letzte rostige Leiter, die mir geblieben ist.

Aber mein Gegenüber sieht mich verwundert an.

Ein Wort zum Festhalten, sagt er und schüttelt den Kopf.

Das gibt es doch gar nicht.

Postscript im Nebel

Am Morgen als der Tierarzt mich von der Klinik abholt, dämmert der Tag schon. Aber über dem Tag liegt dichter Nebel. Alles ist grau. Der dunkelblaue Mantel des Tierarztes ist grau, der rote Volvo ist grau, grau bin auch ich. Aber das ist nicht nur der Nebel.An der Haltestelle vor der Klinik warten zwei Männer auf einen Bus.Sie ziehen die Schultern so hoch es geht, als versteckten sie sich vor dem Nebel. Der Nebel findet auch sie.
Der Nebel verschluckt die Bäume und die Straße vor uns ist grau. Auf den Bäumen sieht man die Krähen nicht, aber man kann sie hören, so früh am Morgen sind die Krähen trotzdem schon wach. Die Krähen sind lauter als sonst, aber vielleicht ist das auch nur das Echo, das sich durch den dichten Nebel schickt. Mit den Krähen kommt das Unheil, aber das sage ich nicht. Der Tierarzt und ich kennen uns aus mit dem Unheil. Wir schweigen über die Krähen, dort auf den Bäumen. Der Tierarzt riecht nach der Kühle der Nacht, nach dem Regen auf seinen Wangen und nach dem Hunger, der Tierarzt riecht nach dem Hunger und auch nach dem Moos, das man manchmal noch findet tief im Wald. Aber heute ist der Wald grau und wir fahren die lange Straße entlang. Es ist ein weiter Weg, am Morgen nach der Nachtschicht ist der Weg besonders lang.

Der Tierarzt fragt nicht. Das wird mir fehlen, die meisten Menschen bohren mit ihren Fragen ungerührt in einem herum, der Tierarzt kann warten. In einem einzigen Haus in der Straße ist schon Licht. Ein gelber Fleck mitten im Nebel. Vielleicht steht dort eine Frau im Fenster und malt sich die Augen nach, vielleicht rasiert sich ein Mann, vielleicht trinkt ein anderer Mann durstig aus dem Wasserhahn, vielleicht sucht eine andere Frau nach einer Kopfschmerztablette. Aber schon verschluckt der Nebel das kleine, gelbe Licht.

„Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen“, sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Nein, sage ich.“ Ich sage nicht: Genickbruch. Das schreibe ich nur auf später, vielleicht schluckt der Nebel auch diesen Satz herunter.

Die Treppe war eine selbstgebaute Treppe.

Die Treppe hat dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe hat kein Geländer.

„Er ist die Treppe doch jede Nacht zwei oder dreimal hinuntergegangen“, sagt die Frau, die jetzt auch eine Witwe ist.

Jede Nacht.

Der Mann schlief auf dem Dachboden schon seit Jahren.

Die Treppe hat er selbst gebaut.

Wir wissen nichts über die Ehen anderer Leute.

Die Frau hat gut geschlafen.

Der Mann fiel und die Frau schlief.

Der Mann hat geschnarcht.

Es war einfacher so.

Sie hat ferngesehen.

Der Mann saß in der Nacht lange am Computer.

Sei sei immer aufgewacht, kam er spät ins Bett.

So sei es besser gewesen.

Auf der Treppe stehen leere Flaschen.

Die Flaschen sind grün.

Die Flachen stehen noch alle. Oder schon wieder.

Es sind viele Flaschen auf der Treppe.

So sei es einfacher gewesen in der Nacht.

Sie seien schon lange verheiratet gewesen.

Der Mann hat die Treppe selbst gebaut.

Dann kommt die Polizei.

Es sind viele Stunden vergangen, nachdem der Mann fiel und die Frau den Notruf wählte.

Die Polizei hat Fragen.

Die Frau zeigt den Polizisten die Treppe.

Die Treppe hat noch immer dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe ist steil.

Auf dem Boden, das Blut, Haare, auf dem Boden liegt auch ein Pantoffel. Der Pantoffel ist kariert. Das ist ein Loch im Schuh denke ich. Warum sehe ich auf das Loch im Pantoffel?

Später sagt die Polizei etwas von Ungereimtheiten.

Es gibt viele Möglichkeiten die Treppe hinunterzufallen.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen.

Wir sind lange schon aus der Stadt herausgefahren, nach der nächsten Kurve sieht man das Meer, aber das Meer ist grau, der Nebel hat das Meer verschlungen und der Tierarzt hält nicht an und ich schwimme nicht in das Meer hinein und die Kälte behält die Nacht, sondern wir fahren weiter, im Radio spielt jemand Hammerklavier, die Mondscheinsonate, aber auch den Mond, der sonst am Morgen noch blass ist, hat der Nebel verschluckt. Die Häuser im Unterland sind grau, und grau ist auch der Weg hinauf ins Oberland, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein grauer Schatten, aber ich weiß auf den Bäumen im Kirchturm und auf den Bäumen vor dem Haus, da sitzen die Krähen, mit den Krähen kommt das Unheil immer nur näher. Dann sind wir zu Haus. Grau ist das Haus. Grau ist die schwere Gartentür. Ich ziehe mich aus, der Tierarzt macht Tee. Ich stelle die Waschmaschine an, vielleicht nimmt die Waschmaschine die Nacht mit. Ich esse ein Honigbrot. Der Tierarzt sieht mir zu. Ich gehe ins Bad und das Wasser ist warm. Danke, Tierarzt für das warme Wasser und das Schweigen. Der Tierarzt zieht sich aus und ich lege meinen Kopf an seinen Rücken. Wie lernt man das Leben, frage ich ihn, aber der Tierarzt und ich wir haben keine Antwort, nicht auf diese Frage und auch nicht auf viele andere Fragen.

Der Tierarzt bringt Tee und ich ziehe die Vorhänge zu. Die Vorhänge sind blau, auf den Vorhängen spazieren Pfauen umher und Mädchen in rosa Kleidern tanzen. Ich mag die Vorhänge, die Pfauen, die Mädchen, das Zimmer schimmert hellblau und nicht mehr Grau. Der Tee wird nur langsam kalt in den großen Tassen. Der Pullover des Tierarztes in den ich mich wickle ist blau, mein Pullover den der Tierarzt auf sein Kopfkissen legt ist grün, blau und grün schimmert das Zimmer. Die Tassen sind weiß. Draußen vor dem Fenster sitzen die Krähen noch immer in den Bäumen. Die Krähen werden niemals heiser. Wo ist nur die Nachtigall geblieben. Ich weiß nichts über Nachtigallen, über Krähen weiß ich immerhin, dass mit ihnen das Unglück kommt. Das ist schon etwas. Der Tierarzt und ich trinken Tee. Schlaf, sagt der Tierarzt. Meine Hände sind kalt, sage ich. Der Tierarzt nickt. Ich schlafe ein.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, fällt mir ein als ich aufwache später, der Tierarzt hängt die Wäsche auf, der Nebel lehnt sich an die Hauswand. Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, erinnere ich mich. Was ist das nur für ein Satz.

Unabänderlich, zu spät

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Du sitzt dort am Schreibtisch und es ist spät.

Du bist allein dort am Tisch. Mitten in der Nacht.

Allein mit der Nacht und der Uhr und dem Tisch und den Büchern.

Die Vorbereitung einer Aufklärungssprechstunde dauert zwischen 8 und 10 Stunden. Du hast keine Zeit. Du hast zwei Berufe und Dir bleibt nur die Nacht-

Du sitzt am Schreibtisch und bereitest dich vor.

Das ist was Du tust und Du löschst die Emails schon lange, derjenigen die Dich googlen und Dir dein Bild schicken und schreiben: Deine Araberfotze will eh keiner ficken.

Du löschst die Emails in denen alles steht und auch: wenn ich so scheiße aussehen würde wie du, dann würde ich mich aufhängen.

Du musst dich vorbereiten.

Du lebst mit den Bildern.

Das muss man doch wissen, sagt man dir und du sollst dir nichts aus den Verleumdungen machen. Mach Dir halt nichts draus.

Du sortierst Unterlagen, Zettel, Du packst Bücher ein.

Du zerkaust eine Aspirintablette, dann legst Du dich hin.

Du stehst auf und du gehst ins Büro und du lächelst und beantwortest Fragen und nickst und die J. ist in New York und Du würdest Dir so gern, das Lächeln der J. in die Jackentasche schieben. Aber Du bist allein und dann fährst du zum Flughafen und neben Dir im Transitraum sitzt eine Frau, die Frau hat ein Telefon und Du hörst ihr zu, weil sie so laut schreit und Du bist zu müde. Die Frau schreit sie würde der Gerechtigkeit zur Genüge verhelfen und dann ruft sie eine Versicherung an und es geht um ein feiges A*schloch und Kosten und Körperverletzung und Geld. Um genau 600 Euro und dann beschimpft die Frau, den Mann von der Krankenkasse, weil er nicht sagen will, was das A*schloch gesagt hat, wo es wohnt und dann ruft die Frau ihre Mutter an und erzählt ihr wie sie das A*schloch um 600 Euro erleichtert hat und dann zieht sie ihre Lippen nach. Im Flugzeug sitze ich neben der Frau und rücke so weit weg von ihr, wie ich nur kann und sie starrt mich an, aber immerhin kann sie mich so nicht wegen Körperverletzung anzeigen. Man muss aufpassen, heutzutage muss man aufpassen.

Du willst die Augen schließen, denn du bist so müde, aber du fürchtest Dich davor, gegen die Schulter der Frau zu sacken und Du sitzt gerade und Du starrst in das Buch und Du denkst an den Mann, der vor einem halben Jahr einmal in die Aufklärungssprechstunde kam und sagte :nur zum Zuhören. Und Du erinnerst dich, wie er dir seinen Daumen zeigte und eine Narbe, die fast verblasst war. Und Du sagtest: Ein Unfall?“ Und der Mann, der Dir den Daumen zeigte, sprach ganz viel und ganz schnell auf Pashto und Dein Pashto ist schlecht und es dauerte sehr lang bist Du verstandest, dass der Mann sich mit dem Messer in den Finger schnitt, wegen des Blutes und den Finger auf das Bettlaken drückte, um die Familie zu überzeugen, dass das geht mit der Frau und ihm und Du sagst: Genial. Und der Mann vor Dir lacht und sagt: No man needs to hurt a woman.
Und Du nicktest und Du dachtest, das ist Aufklärung und fragtest nach der Frau und dann wird es still und Du weißt schon warum und Du bedanktest Dich, denn da ist was tust und Du saßt noch für eine Weile auf dem Flur und der Mann sagte zu Dir: A place like this in Afghanistan and in everywhere and no man hurt no woman und Du nicktest und Du denkst, dass Du schon lange keine großen Träume mehr hast, aber du nicktest, denn das ist ein Traum.

Der Mann und Du, ihr geht eurer Wege und dann ruft die C. dich an und sagt: Weißt Du noch Herr G.? Und du nickst und die C. sagt etwas von Blutwerten und das Blut rauscht in deinen Ohren und du das Mädchen, das keine guten Titten hat, du setzt die Maschine in Gang, die es braucht und du rufst die Ärzte an, die du kennst und du überlegst dir wer dir einen Gefallen schuldet, denn das bist du, denn es muss weitergehen, da hast du gelernt, das ist dir geblieben, und dann geht Herr G. zu Spezialisten und du triffst ihn und er sagt zu Dir: „In Kabul haben Sie mir gesagt, ich bräuchte nur andere Tabletten, und du wirst wütend über die Quacksalber in Kabul, die Herrn G. wertlose Vitamintabletten verkauft haben, aus US-Beständen und du hoffst auf die Koryphäen und die Medizin und du hast umsonst gehofft und die C. ruft dich an und die C. sagt, der Krebs war zu schnell und zu aggressiv und du sitzt im Flugzeug und du bist müde und du denkst: damals als Du ihn gesehen hast, zum ersten Mal, war er da nicht auch schon müde, und blass und warum hast du nichts gesehen und die Frau neben dir im Flugzeug liest die Bunte und Gerhard Schröder heiratet zum fünften Mal und Du stehst auf und Du gehst los und die Frau telefoniert wieder und auf dem Bahnsteig da sitzt ein Mann in Daunendecken gehüllt und die Decken sind schmutzig und durchgeweicht und du wirfst Münzen in den Pappbecher und er schreit alles Schlampen außer Mutti.

Du gehst weiter und Herr G. ist einfach tot und Du schließt die Tür auf zur Praxis und beantwortest die Fragen und Du machst das was du machst und dir ist kalt und du bist müde und du sagst: Die Wünsche des Partners respektieren und dann sagst du : Geschlechtsteile sind keine Schimpfwörter und „Komm her Du Fotze ist niemals ein Beginn für irgendwas und du denkst an Herrn G. and no man hurt no woman und Herr G. ist tot und du „stehst auf und gehst herüber ins Haus deiner Großmutter und Du hast Durst und Du trinkst das Wasser aus der Flasche und Dir läuft das Wasser aus den Mundwinkeln und Du schämst dich für deinen Durst, dabei ist Herr G. doch tot und der Durst erdrückt dich fast und dir läuft das Wasser noch immer aus den Mundwinkeln und du schämst dich vor Herrn G. und der C. und Du bist so müde und die C. legt die Hand auf deinen Rücken und Du legst Dich hin und du weißt am nächsten Morgen gibt es neue Nachrichten und jemand malt lauter Penisse um dein Gesicht und Du sollst lächeln und die Verleumderin sucht neues Material und du sollst lächeln und weitermachen, weil so what und du bist müde und die C. steht im Zimmer und sagt: „Brauchst du was?“ und sie legt dir die Hand auf die Stirn und dann kramt sie deinen alten ipod aus dem Rucksack und Du hörst wie sie sagt: Mach Die Augen zu, ja und du nickst und du hörst zu: HarHar dam Sajna te jindri waar de, singst du leise für Herrn G. „Immer sind sie bereit ihr ganzes Leben für den Geliebten hinzugeben“ und du siehst den Daumen und die Narbe und du singst noch immer: „Latthe di chaadar utte saleti rang maahiya“ Liebling, dein Schleier aus zartgrauem Muslin, das älteste der Hochzeitslieder zwischen Delhi, dem Punjab, Lahore und Du bist dir sicher auch in Afghanistan kennt man es, singt man es und Du denkst an die Träume, die Du einmal hattest und du singst noch einmal Aawo saamne und du weißt, dass Du im Deutschen keinen Satz kennst, der wie aawo saamne sagt: „Komm und setz dich hin zu mir“, in dem schon im Stillen alles liegt, was im „Zieh Dich aus für mich“, immer schon ausgesprochen ist und du erinnerst dich als ein Anderer das Lied für dich sang und Du warst schön damals und die Träume waren es auch und Du weißt, dass die Zeiten vorbei sind und Herr G. ist tot.

Lathe di chadar

utte saleti rang mahiya

aawo sahmne, aawo sahmne

kolon di russ ke na lang mahiya

mende sir tey phoolan di khari.

mende sir tey phoolan di khari

tendan rah tak tak main hari

Du bist zu spät.

Die Kurve hinter der das ‚christlich-jüdische‘ Abendland liegt.

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Das Kloster Seeon ist 660 Kilometer von Berlin entfernt und doch mag es gut sein, dass wenn ich aufstehe, auch im Kloster Seeon, wo die CSU dieser Tage beisammen ist, schon Kaffee getrunken wird und die Schlipse gebunden werden . Aber ich fahre wie so oft an diesem Samstag früh auf den Markt, denn Herr Yilmaz bei dem Gemüse einhole, kann auch nicht schlafen. Ich kaufe also Mohrrüben, Blumenkohl und bei Herrn Yilmaz schöner Frau kaufe ich Maultaschen, denn der Mensch soll eine Brühe haben.

Herr Yilmaz fragt: Na Fräulein Read On, immer noch Karten für Deniz Yücel. „Ja, sage ich Herr Yilmaz, heute wird es Karte 295.“ Herr Yilmaz schüttelt den Kopf und stößt Flüche aus, die hier nur auf Grund des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt sein sollen. Aber länger kann ich mit Herrn Yilmaz nicht ratschen, obwohl ich das gern tue. Denn mir sind ja noch, vielleicht gehen Sie, die Mitglieder des CSU-Parteitages gerade zum Frühstück herunter, ihre Worte im Ohr, die sich so vernimmt man auch im fernen Berlin in einem Positionspapier finden und dort heißt so schrecklich schön, denn Deutsch ist eine schrecklich schöne Sprache: „neben unserer Liebe zur deutschen Heimat gilt es die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes zu bewahren.“ Während ich also meine Einkäufe im Fahrradkorb verstaue, da erinnere ich mich an etwas- das werte CSU-Mitglieder ist die jüdische Krankheit, wenn die deutsche Krankheit, niedriger Blutdruck ist, so ist die jüdische Krankheit immer das Gedächtnis gewesen. Herr Yilmaz aber lässt mich nicht gehen ohne mir noch eine Ananas zuzustecken und fragt: Sie sind aber eilig Fräulein Read-On?“ Ich nicke durchaus betrübt, „ich will sage ich zu ihm, noch auf einem Sprung dort vorbeisehen, wo das jüdisch-christliche Abendland begraben liegt.“ Herr Yilmaz nickt. „Ach Fräulein Read On.“

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Kreuzung Ederer Straße / Königsallee, Berlin- Grunewald

Ist man nämlich schon auf dem Markt im Berliner Südwesten, ist es nicht mehr weit bis zum Grunewald und ob Sie im Kloster Seeon auf Tannen blicken, weiß ich nicht, aber hier auf der stillen Straße, da ist der Wald so dicht, wie im schönen Bayern. Damals ich lebte fern von Europa und besuchte nur in den Ferien meine Großmutter in Deutschland, da fuhr sie mit mir in den Grunewald. Denn Sie müssen wissen, werte Damen und Herren der CSU, meine Großmutter war die Tochter des patriotischsten der deutschen Juden, den sie sich vorstellen können und meine Großmutter wurde im gleichen Jahr geboren, da war Walther Rathenau Außenminister des Deutschen Reiches. Meinem Urgroßvater erschien dies als besonders glückliche Fügung. „Wenn ein Jude, Außenminister ist, sagte er dann können auch die Töchter der deutschen Juden alles werden“ und so schwor mein Urgroßvater seine fünf Töchter auf ein Studium ein. Nur meine Großmutter kam aus Auschwitz zurück, das nämlich war das Resultat des christlich-jüdischen Abendlandes unter deutscher Ägide, dessen Enkeltochter ich nun einmal bin.

Aber als ich ein Kind war, das ist jetzt auch schon lange her, da war Walther Rathenau noch immer der Säulenheilige unserer Familie. Meine Großeltern machten niemals das Licht an ohne mit Bewunderung auszurufen: „Dank der AEG.“, denn wie Sie sicher wissen, hat der deutsche Jude Emil Rathenau und dann sein Sohn, Deutschland elektrifiziert und niemand, wirklich niemand in meiner Familie mochte sich darüber beruhigen, dass es ein deutscher Jude war, der den Deutschen ein Licht aufgehen ließ. Walther Rathenau war im Bücherregal meiner Großeltern ein eigenes Fach reserviert, und natürlich hing auch ein Rathenau Bild in der Wohnung und so habe auch ich Bitterfeld niemals allein mit der DDR-Industrie und ihren Umweltkatastrophen in Verbindung gebracht, sondern mit dem Seufzen meiner Großmutter: hier war Walther im Exil. Aber damals als wir in den Grunewald fuhren, da schwieg meine Großmutter und wir liefen ziemlich lang, die Straße hinunter, die auch ich mit dem Fahrrad heute Morgen entlangfuhr und wenn die Königsallee und die Erdener Straße sich kreuzen, eine weite Kurve ist an dieser Stelle, dann steht man dort wo das christliche-jüdische Abendland begraben liegt. Das christlich-jüdische Abendland kennt schöne Lieder und heute am Dreikönigstag, da kann man gut noch einmal singen: „Lasst uns froh und munter sein.“ Gesungen wurde auch ein anderes Lied zu dieser Melodie und die letzte Strophe, die ging so:

Auch Rathenau, der Walter,

Erreicht kein hohes Alter,

Knallt ab den Walther Rathenau

Die gottverfluchte Judensau!

Aber das erzählte mir meine Großmutter nicht, damals als ich ein Kind war, das kam erst später, aber als wir an der Ecke standen, der Straßenkreuzung, da erzählte sie mir wie der deutsche Patriot Walther Rathenau, ja, die Juden waren deutsche Patrioten auch wenn Ihre Partei die CSU nämlich, den Juden gern Frieden für ihre Heimat wünscht und damit niemals den Grunewald meint. Anders als der feige deutsche Hurra-Patriot nach verhandelte der Außenminister Rathenau nämlich den Versailler-Vertrag, wollte, dass Deutschland zurückkehrte an den Tisch der europäischen Politik. Altes Abendland Sie wissen schon, die feigen deutschen Generäle sangen lieber das Lied vom Soldatentod im grünen Gras und putzten ihre Orden, so unterschiedlich kann man Patriotismus leben. Walther Rathenau fuhr nach Rapallo und ließ sich demütigen für Deutschland. Er verhandelte mit den Briten, er fuhr nach London und Genua und in Deutschland, da sang man Weihnachtslieder und hasste den Juden Rathenau. Irgendwann fragte Walther Rathenau, wie wir alle an einem Punkt unseres Lebens uns fragen: „Warum hasst man mich eigentlich so furchtbar?“ Und man antwortete ihm: „Weil Sie Jude sind und ausschließlich deshalb. Sie sind die lebendige Widerlegung der antisemitischen Theorie von der Schädlichkeit des Judentums für Deutschland.“ Vielleicht lächelte Walther Rathenau, und am Morgen des 24 Junis 1922 wurde Walther Rathenau an der Straßenkreuzung an der ich stehe, von drei Mitgliedern der Operation Consul ermordet. Man schoss ihm in den Kopf, in den Rücken und in den Kiefer, gar nicht patriotisch, sondenr ziemlich abgeklärt mit einer Maschinenpistole und ein zweiter Attentäter, der warf eine Handgranate hinterher. Da steht man einem kühlen Januarmorgen und der Gedenkstein ist schmutzig und grau und dort in der Kurve, dort liegt das christlich-jüdische Abendland begraben, das so gern zitiert wird, aber dort hat man dem Juden in den Kopf geschossen, gut versteckt im dichten Gebüsch und das ist das christlich-jüdische Abendland gewesen und aller Sentimentalität, die die Juden meiner Familie hegten, so schluckten sie doch und wussten nicht weiter und meine Großmutter und ich brachten einmal im Jahr weiße Rosen. Dort liegt der Unterschied begraben zwischen jenen, die vom christlich-jüdischen Abendland schwärmen können und jenen, die auf der Straße verbluteten.

Die Operation Consul, eine Terrorgruppe lässt sich übrigens gut und gern jener von Armin Mohler geprägten Begrifflichkeit der „Konservativen Revolution“ zuordnen, die gerade bei ihnen Karriere macht, aber das christliche Abendland, das den Juden so gern in den Kopf schoss und schließlich ganz Europa judenrein machte, das muss nicht im Kloster Seeon verteidigt werden, denn das gibt es schon seit so vielen Jahrzehnten nicht mehr, es wird nie wieder kommen, es ist nur noch ein Stein an einer befahrenen Kreuzung davon übrig und seit 1922 hat es in Deutschland nie wieder einen jüdischen Außenminister gegeben.

Wenn Sie aber Zeit haben, dann gehen Sie doch die Königsallee noch einen Kilometer hinauf, da steht sie die Villa von Walther Rathenau, vor der ich mit meiner Großmutter stand und sie erzählte mir von jenem Mann, der einfach so beim Kaiser durch die Tür marschierte und niemals darüber hinweg kam, dass ein deutscher Jude nicht auch Offizier werden konnte. Ob Walther Rathenau vielleicht im Sommer einmal nach Kloster Seeon wanderte weiß ich nicht, aber in München kurz vor der Jahrhundertwende, da hörte er Vorlesungen in Maschinenbau, aber er träumte davon Maler zu werden. Sie werden verstehen, werte CSU-Klausurtagungsteilnehmer, jeder Patriot hat eine Schwäche und mein Urgroßvater, der preußischste unter ihnen, pfiff gern Liebeslieder, auch solche aus Frankreich.

Es lohnt sich manchmal an einer Kreuzung in Berlin-Grunewald zu verharren, in Gedanken oder auch ganz selbst, 660 Kilometer sind nicht wenig, aber man erzählt sich, es gäbe einen wirklich schnellen Zug von München nach Berlin.

Andere Zeiten

Damals vor vielen Jahren als ich ein Kind war, da suchte meine Mutter in Jerusalem einen fernen Geliebten. Damals riss auch die Frau von Onkel A. ein neues Kalenderblatt ab. Der Kalender war immer ein Bauernkalender auch in Jerusalem. Man hatte nicht vergessen, wo man her kam. Ich lieh mir ein Nachthemd mit weißen Spitzen, es reichte viel weiter bis zu meinen Zehen. Die Frau von Onkel malte mir die Lippen nach. Koralle oder so stand auf dem Lippenstift. Onkel A. legte eine Platte auf den Plattenspieler. Wiener Philharmoniker stand auf der Platte. Männer in schwarzen Fräcken und golden glänzenden Instrumenten. Die Wohnung von Onkel A. in der Ha’arazim Straße war klein. Onkel A. war sehr groß. Ich war auch klein damals vor vielen Jahren am nicht-jüdischen Neujahrstag, wie es wohl heißen muss, aber Onkel A., meine Großmutter und auch ich lachten wohl herzlich darüber, aber damals schob Onkel A. die Möbel zur Seite, den Protesten seiner Frau zum Trotz. Dann legte er die Platte auf den Plattenspieler. Wiener Walzer, er machte einen Diener vor mir und hielt mir die Hand hin. Ich nahm sie an. Das Nachthemd mit den Rüschen hatte sich um meine Füße gewickelt. Onkel A. sagte, beim Tanzen käme es nicht darauf an. Ich nickte und er stellte meine Kinderfüße auf seine Füße und dann tanzten wir eins, zwei, drei und durch die Wohnung in Jerusalem floss auf einmal und ganz plötzlich die blaue, schöne Donau, ritt der Zigeunerbaron, rechts und links, ein Stück aus dem Maskenball sprang durch die Tür und Onkel A. schloss die Augen, verwandelte sich wieder in den Mann, der er einmal gewesen war, damals in München vor dem Kriege, da tanzte Onkel A. zu anderen Liedern, im Schwabinger Fasching und mit einer Frau, wohl auch einmal weit nach Mitternacht in das neue Jahr hinein. Isabelle hieß die Frau, aber vielleicht schrieb man sie Isabell oder sie hieß ganz anders, ich habe Onkel A. nie ganz danach gefragt, aber damals als wir durch das leergeräumte Wohnzimmer tanzten, da schloss er die Augen, seine Hände waren weich und warm in meinen Kinderhänden.

Onkel A. roch nach Tabak und Eau de Cologne, aber Onkel A. roch auch nach dem Wald, denn in einem kleinen Dorf in Oberbayern war er einmal geboren, seine Mutter aber hatte den Wald aus Rumänien mitgebracht und Onkel A. hatte den Wald eben behalten, so wie man eine Handbewegung oder die Neigung den Kopf zu schütteln, hat man sie sich eben einmal angewöhnt, eben behält. Onkel A. schloss die Augen, denn unter dem Fenster da war kein Wald mehr, da war nur die Straße, die sich langsam nach Westen hin schlängelte bis zum Herzl Boulevard wurde und auch dort keine Spur von Oberbayern und niemals stand Isabell oder Isabelle oder eine Frau mit einem ganz anderen Namen im Zimmer. Aber wie wir da tanzten und niemand tanzte eleganter und leichtfüßiger als Onkel A. da hob er mich hoch, wir wirbelten über das knarrende Parkett und Onkel A. flüsterte: „Isabelle, mein Täubchen, Isabelle mon amour, Isabelle, mein Herz oder nur ihren Namen in mein Ohr. Ich verriet ihn niemals. Onkel A. nicht und auch nicht den Namen der Frau, denn ich bin doch die Urenkelin eines Wiener Juden und der Wiener ist ein diskreter Mensch. Irgendwann aber wenn mir schwindelig war, ich rote Wangen hatte und ungeheuren Durst, dann stellte die Frau Onkels A. die nicht Isabelle hieß den Plattenspieler ab, wir rückten die Möbel gerade und die Platte der Wiener Philharmoniker verschwand auf ein weiteres Jahr im Plattenschrank.

„So eine Alberei“ sagte die Frau von Onkel A. und wer weiß was sie wusste, auch sie war einmal aus Wien gewesen. Ich wurde größer und kaufte eigene Kleider und oft bin ich nicht am Neujahrstag in Jerusalem gewesen. Aber im Jahr in dem Onkel A. starb, da schneite es in Jerusalem, dicke Flocken, ein Schneesturm auf der Ha’arazim Street, so als wollte selbst München und Oberbayern noch einmal Abschied nehmen, bevor Onkel A. es dann tat und noch einmal tanzten wir links und rechts und eins, zwei, drei, noch einmal im Kreis herum, rote Wangen und Onkel A.’s sicherer Schritt, dam-di-di-dam, der Wiener Walzer und die Münchener Nächte und als wir schließlich erschöpft auf das Sofa fielen, da fragte ich ihn nach Isabelle oder Isabel oder einer ganz anderen Frau und Onkel A. sah mich an und legte seine große Hand noch einmal auf meine Wange. „Es war nicht unsere Zeit“, sagte er und das ist alles was ich über Isabelle weiß. Dann sahen wir lange in den Schnee vor dem Fenster hinaus und zwei Tage später da starb Onkel A. und der Schnee knirschte unter unseren Füßen.

Auch heute höre ich manchmal ein paar Minuten lang zu, wenn im Radio das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker übertragen wird, aber kommt jemand und legt mir die Hand auf den Rücken, will mich vom Stuhl ziehen und mit mir einen Walzer tanzen, so lehne ich ab, oder ich drehe das Radio doch wieder ab, aber für einen Moment denke ich noch einmal an eine Frau die Isabelle oder Isabell oder ganz anders hieß und die vielleicht noch immer in München vor dem Radio sitzt, und sich erinnert an eine Neujahrsnacht vor vielen Jahren und die blaue, blaue Donau und die Hände von Onkel A.