In einer einzigen Nacht

1938 war die Mali-Tant 16 Jahre alt.

1938 hieß die Mali-Tant noch nicht Mali-Tant.

Am 11. März 1938 tritt um 19.30 Uhr der Bundeskanzler Kurt Schuschnigg an ein Radiomikrofon.

Radio Verkehrs AG, heißt das 1924 gegründete Unternehmen.

G*tt schütze Österreich , sagt der Kanzler Kurt Schuschnigg. Der Kanzler Kurt Schuschnigg war ein frommer Mann. Einmal hatte er mit Alma Mahlers Tochter Anna eine Affäre. Auch ein frommer Mann vergisst sich mal.

Der Vater der Mali-Tant war kein frommer Mann, aber auch er hörte zu wie im Radio Kurt Schuschnigg sich verabschiedete vom österreichischen Volk. Seine Frau, die nicht Alma hieß, saß nicht vor dem Radio, sondern zusammen mit der Mali und ihrer zweiten Tochter verbrannte sie Literatur und die Mali versenkte Schnipsel von Büchern, Zeitschriften und Briefen im Abort. Die Mutter der Mali dankte ihrer Schwiegermutter, eine Frau mit modernen Angewohnheiten, die ihrem Sohn und der Schwiegertochter ein Wasserklosett viele Jahre vor dem 38er Jahr zur Hochzeit geschenkt. Wer hätte gedacht, dass ein Wasserklosett sich einmal als so nützlich erweisen würde?

Der Vater der Mali-Tant war Gynäkologe und Jude. Es gab kaum etwas Schlimmeres im 38er Jahr als Jude und Frauenarzt zu sein.

Der Vater der Mali-Tant hatte Bücher im Schrank stehen, die die Nazis, die hiesigen wie die Deutschen als volksschädigend klassifiziert haben. Bücher über den weiblichen Körper und Bücher über Homosexualität. Die Schriftenreihe des Deutschen Instituts für Sexualwissenschaft und natürlich Freud. Man war doch schließlich in Wien.

Am Abend klopften oft Frauen an die Tür. Die Frauen wollten, dass der Vater der Mali ihnen half, es wegzumachen, die Frauen waren Frauen von Roten, Brauen und auch die Frauen von gläubigen Katholiken. Der Vater der Mali-Tant war kein gläubiger Mann. Er glaubte nicht an die Roten, die Braunen und auch nicht an den Herrn Jeus Christ. Der Vater der Mali-Tant glaubte an moderne Medizin. Der Vater der Mali glaubte nicht an Bäder in kochend heißem Wasser und oder an Stricknadeln. Der Vater der Mali öffnete die Tür, wenn die Frauen klopften.

Nachdem der Kanzler Schuschnigg seine Ansprache beendigt hat, hisst jemand eine Hakenkreuzflagge.

Die Rede dauerte drei Minuten.

Sein Bruder Arthur Schuschnigg, der die Musikredaktion der RAVAG leitet, legt eine Schallplatte auf.

Im Radio spielt man den zweiten Satz aus Josef Haydns Streichquartett  Op. 76, No. 3.
Man nennt es auch das Kaiserquartett, sein zweiter Satz ist eine Variation über das Thema der alten Kaiserhymne aber auch das Deutschlandlied lässt sich zu dieser Melodie intonieren. Ganz nach Belieben.
Um viertel nach acht, tritt Arthur Seyß-Inquart vor das Radiomikrofon: Er redet, wie die Nazis es immer so gern taten über Volksgenossen, Ruhe, Ordnung und Disziplin.

Ich weiß nicht ob Arthur Schuschnigg noch einmal Musik auflegte.

Die Familie der Mali aber zerreißt Bücher, Briefe und Zeitschriften. Die Mali-Tant sagt: wir hatten alle ganz blutige Hände von dem scharfen Papier.

Kurz nach Mitternacht hat das alte Österreich aufgehört zu existieren.

In den Tagen nach dem Österreich zur Ostmark wurde, beganngen die Ausschreitungen gegen die Juden.

Von einer Minute auf die nächste hatten die Juden keine Rechte und auch keine Heimat mehr.

Der Vater, die Mutter, die Geschwister und auch die Mali mussten auf der Straße knien und den Boden säubern und dabei: Juda verrecke, singen.

Die Wiener nannten das Reibpartien. Ist Deutsch nicht eine schöne, harmlose Sprache?

Die Menschen auf dem Boden, die man von den Fotos kennt, knieten eben auf dem Boden und die Umstehenden lachten. Es waren lustige Tage in Wien.

Die Nazis kamen und durchsuchten die Wohnung und die Ordonnanz des Vater, der Mali.

Mehr weiß ich nicht. Ich weiß nichts über die Tage zwischen dem 11. März und der Deportation der Familie der Mali-Tant. Ich weiß erst wieder, wann der Vater, die Mutter, die Schwiegermutter und die Geschwister abgeholt worden und wo man sie hingebracht hat und wann sie vermutlich gestorben sind, denn bis auf die Mali ist niemand aus der Familie aus den deutschen Todeslagern zurückgekommen.

Mali erzähl mir die Geschichte wo dein Vater ein Äffchen fand. Die Mali erzählt mir die Geschichte.

Mali erzähl mir die Geschichte wo die Mama sich den Saum ihres Hochzeitskleides gekürzt hat. Die Mali erzählt mir die Geschichte.

Mali erzähl mir die Geschichte, wo dein Bruder einmal zehn Kugeln Erdbeereis verschlang. Die Mali erzählt mir die Geschichte.

Mali erzähl mir vom 38er Jahr, aber immer bricht die Mali-Tant an einer Stelle ab.

„Bevor ich sterb, erzähl ich es dir“, sagt die Mali.
„Noch lebe ich ja“, sagt die Mali.

Sie sagt nicht: Noch lebe ich ja immer in Wien und seit ein paar Jahrzehnten auch wieder in der Wohnung in der sie aufwuchs, und in der für viele Jahre, diejenigen lebten, die im 1938er Jahr dort einzogen.

Die Wohnung ist hell und licht.

Ich versuche mir manchmal den Vater der Mali vorzustellen. Ob er wohl ihre Augen hatte? Oder sie seine Nase? Es gibt keine Bilder mehr.

Die Mali lebt noch immer in Wien.

Heute werden in Wien ganz ungerührt antisemitische Lieder in Wien gesungen, keiner stört sich daran.

„Österreich war ein mildes Land“, hat der Dichter Anton Kuh einmal geschrieben.

Er hat sich geirrt der Dichter Anton Kuh.

Sie können in ganz Europa: Du Saujud rufen, es kümmert keinen. Der verdeckte Antisemitismus wird immer offener und auch immer perfider, dass habe auch ich hier gelernt von der schwedischen Dame, deren verleumdende Lügen ich nicht vergesse, aber auch ich sage wie die Mali: Ich muss doch leben.

So haben wir immer gelebt in Europa.

Immer sind die Nasen der Juden angesehen wurden, dabei es sind die Hälse, die sich gleichen, wir schlucken alles hinunter, immer wieder, jeden Tag neu.

Bevor ich sterb, erzähl ich es Dir, sagt die Mali. Aber noch muss ich leben. Ich nicke, die Mali spricht über andere Dinge,die Mali-Tant ist auch Ärztin geworden, die Leute sagten über die Mali-Tant: Eh klar, die Juden behandeln die Tschuschen umsonst, aber wir müssen löhnen. Die Mali-Tant war Kinderärztin. Wenn es bei der Mali-Tant nachts klopft, macht sie die Tür nicht auf. Einmal war es ich, ein verspäteter Zug, ein leeres mobile Phone. Ich rief sie aus der Trafik an und sie machte die Tür auf: „Mädi, es tut mir so leid, ich muss dein Klopfen überhört haben. Aber später, da kam die Mali zu mir ins Zimmer: „Einmal erzähl ich es dir.“ Die Mali saß lange bei mir am Bett und ich legte meinen Kopf in ihren Schoss. Es war dunkel im Zimmer und die Mali schwieg.

2018 können sie in Deutschland, in Österreich und in Europa vieles sein, außer Jude, da stören sie außer als Thema von Gedenkreden nur. Es ist ja alles auch schon so lange her.

Aber an jenem 11. März hat sich unser Blick auf die Welt verändert, unwiederbringlich, in einer einzigen Nacht.

Blanke Steine

Ich habe meine Großmutter begraben. Es war ein warmer Tag.
Das Grab meiner Großmutter ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin.
Meiner Großmutter war es gleich.
„Wenn Du meinst Kind“, sagte sie und immer sagte sie es spöttisch und zog die Mundwinkel nach oben.
Ich habe meine Großmutter begraben. Auf dem Stein steht ihr Name und ein hebräischer Satz.
Meine Großmutter hätte ihn nicht lesen können.
„Hebräisch ist keine Sprache, sondern eine Zumutung“ sagte sie.
Der Steinmetz brachte die Buchstaben spiegelverkehrt an.
Ich lachte und wusste, sie hätte lauter gelacht. „Das kommt davon, mein Kind.“ Der Steinmetz änderte die Buchstaben.
Ich fahre auf den Friedhof und wenn ich auf den Friedhof fahre, dann ziehe ich mit meinem Finger die Buchstaben ihres Namens nach.
Mein Großvater liegt nicht auf dem Jüdischen Friedhof von Berlin begraben. Sondern auf dem Friedhof der kleinen deutschen Stadt. Meine Großmutter pflanzte einen Rosenbusch.
Sie kaufte zwei Grabstellen. In der einen ist mein Großvater begraben, die andere Grabstelle aber ist leer. Ein Grabstein steht vor dem leeren Grab. Dort stehen die Namen der Eltern meiner Großmutter, meines Großvaters und ihrer Geschwister. Die Namen sind klein und fast unlesbar. Meine Großmutter und mein Großvater hatten viele Geschwister. Die Asche der Eltern wie die der Geschwister sind in Auschwitz, sind Maly-Trostenez, sind in Maidanek geblieben.
Als ich ein Kind war, da hieß mich meine Großmutter die Namen der Toten auswendig lernen. Ich stand vor ihrem Schreibtisch und sagte die Namen der Toten auf.
Am 9. November kniete mein Urgroßvater auf einer Straße und in seiner Hand hielt er eine Zahnbürste und er putzte die Straße mit der Zahnbürste und hinter den Gardinen standen die Leute und ich stelle mir vor wie sie sagten:
Da kniet der Jude und endlich kniet der Jude, möge er immer knien der Jude. Vielleicht sagten sie auch etwas ganz anderes, vielleicht sahen sie nicht auf die Straße, vielleicht suchten sie nach Beuteln, denn während mein Urgroßvater auf der Straße kniete, da kamen die Nachbarn, die an allen anderen Tagen zum Tee kamen, und nahmen sich, was ohnehin ihnen gehörte, sie holten das Silber und die Tischdecken und den Schmuck, den mein Urgroßvater meiner Urgroßmutter schenkte. Für jedes Kind schenkte er ihr eine Kette, einen Ring, ein Armband und meine Großmutter hatte fünf Schwestern. Vielleicht trägt heute eine Frau ja den Ring mit dem blauen Stein, den mein Urgroßvater seiner Frau schenkte und seine Frau legte ihm das Kind in den Arm und ich bin mir sicher, dass meine Großmutter schon damals spöttisch lächelte über den Ring. „Wenn Du meinst Vater, das es sein muss“, mag ihr Blick gesagt haben, denn so war ihr Verhältnis zur Welt und vielleicht tanzte er mit ihr auf dem Arm durch die Wohnung und lachte mit ihr und sang und tanzte.
Meine Großmutter sagte ihr Vater hatte einen aufrechten Gang.
Meine Großmutter sagte ihre Mutter hatte einen offenen Blick.
Dann schwieg meine Großmutter.
Meine Großmutter hatte ihre Eltern in Auschwitz aus den Augen verloren.
In der Straße in einem südlichen Vorort von Berlin liegen Stolpersteine auf dem Boden. Man muss aufpassen nicht auf die Steine zu treten. Im November liegt Laub auf den Steinen. Ich bin darüber sehr froh.
Am Morgen des 9. Novembers lese ich überall Primo Levi Zitate und ich lese, dass der 9. November ein guter Tage wäre die Stolpersteine zu putzen und dann lese ich, dass sich das Reinigungsmittel Domol ( Für strahlenden Glanz, ohne nachzupolieren) besonders gut eigne um die Steine zu reinigen und dann höre ich auf zu lesen.
Das einzige Bild, was ich von meinem Urgroßvater habe zeigt einen Mann auf den Knien, er trägt einen Anzug und sein Hut liegt neben ihm auf dem Boden und ihm herum da sieht man nur Schuhe. Lederschuhe, Halbschuhe, Kinderschuhe, Damenschuhe, Soldatenstiefel, sie alle stehen vor meinem Urgroßvater mit der Zahnbürste in der Hand und er putzt die Straße.
Ich weiß nicht ob man den Juden da auf der Straße auch ein Reinigungsmittel in die Hand gab zur Bürste.
Mein Urgroßvater hatte blutige Knie am Ende des Tages.
Ich weiß nicht ob die Straße sauberer war als zuvor.
Der Ort hatte keine Synagoge, die man anzünden konnte.
Jedes Jahr am 9. November sehe ich den Mann auf dem Bild.
Ich will ihm sagen: „Steh doch auf.“ Bitte steh doch auf.“
Warum steht er nicht auf?
Ist Dir kalt?, will ich sagen, ich will seine Hand nehmen, ich habe immer kalte Hände, ich will ihn hochziehen, aus diesem Bild herausziehen, komm doch näher, und ich will ihn fragen: erkennst du mich?“ Er kennt meinen Namen nicht.
Die Menschen auf dem Bild haben saubere, glänzende Schuhe.

Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.
An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.
Ich wünschte es wäre einmal still und wenn es nur still genug wäre, so still, dass die Trauer einmal Platz hätte, meine Trauer nicht Ihre, vielleicht blickte er dann einmal auf, sähe mich an der Mann auf dem Bild, der mein Urgroßvater war, sähe mich an und ich sähe ihn. Ich möchte einmal nur seine Augen sehen, dann verschwänden die Schuhe, die Beine, die Zahnbürste, dann gäbe es nur ihn und mich und endlich wären wir allein.

Der Rosenbusch auf dem Friedhof der kleinen Stadt blüht noch immer. Der Mann auf dem Bild sieht mich nicht, er sieht die Steine und die Schuhe und die Zahnbürste in seiner rechten Hand.

Drei Jahre, danach.

An der Tür gibst du mir die Wohnungsschlüssel. Ich nicke und Du sagst nichts. „Ich melde mich“ sage ich und stehe noch einen Moment vor dem Haus. Kalt ist es, ein feuchter Nebel legt sich über alles und verschluckt bald schon dich. Ich drehe den Schlüssel in meinen Händen und gehe hinauf. Die ganze Wohnung ist schon leer. Nur dieses eine Zimmer ist noch immer verschlossen, noch immer da. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Drei Jahre hat er bei mir im Schlüsselkorb gewartet, hat gewartet auf diesen Tag. Auf den Tag an den du mich anrufen würdest und sagtest: „Kannst du kommen“ und schon vor drei Jahren wusste ich, von wo auch immer, ich würde kommen.

Der Tag an dem du mir den Schlüssel gabst, war ein heißer, stickiger Junitag. Wir, die mit dir auf dem Friedhof standen, schwitzten in schwarzen Kleidern und Anzügen. Der Pfarrer fragte mit balsamierter Stimme: Wie beerdigt man ein Kind?“ Dann folgten lauter banale Sätze, die nichts mit deinem Kind und nicht mit dir und nichts mit uns allen zu tun hatten, die so obszön und falsch waren, wie die brennende Sonne, die uns alle schwindelig machte. Vielleicht war dieser bodenlose Schwindel das einzig angemessene Gefühl. Damals in den dunklen Wochen, die kamen, gabst du mir den Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich verstand und ich sagte: ich werde kommen. Du gingst, fort aus Berlin, und natürlich ging alles unter. Deine Frau ging, dein Beruf ging und wir ich weiß nicht, ob wir dich hätten enger bei uns halten sollen, aber da warst du schon fort und immer wieder hörte ich von Dir aus Canada oder Neuseeland und irgendwann erzählte mir F., dass du wieder als Arzt arbeiten würdest. Ich wartete und du riefst an. Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und als ich die Tür öffne fliegt ein Krähenschwarm nach oben. Ich sage den Namen deines Kindes, das doch nicht denken soll, es würde nicht gefragt. Ich muss üben bis mir sein Namen wieder von den Lippen kommt und ich stehe im Türrahmen und sage: „Mäuschen, erinnerst du dich noch an mich, ich bin es Read On, die für dich das Faultiergesicht machte, diese schreckliche Grimasse über die du dich kringeln konntest vor lachen. Ich glaube du erinnerst dich. Ein halber Sonnenstrahl im Fenster. Mäuschen, sage ich, komm wir machen das zusammen und dann stehe ich im Zimmer. Drei Jahre. Auf dem Schrank sitzt das Äffchen, das schenkten F. und ich dir zur Geburt und es guckt so drollig ganz genau wie du. Die nächsten Stunden packe ich Kinderkleider ein, staple Bilderbücher in Kartons, sortiere Spielzeug in Kisten und erzähle mit dir Mäuschen, denn nichts ist unangenehmer als wenn jemand ungefragt in den eigenen Dingen wühlt. Ich erzähle dir von deinem Vater mit dem ich damals dein Zimmer strich und der die weltbeste Bolognese kochte. Ich erzähle dir alles was ich weiß von ihm und das ist weniger geworden in den letzten Jahren, aber niemand Mäuschen hat ein Recht so viel zu wissen, wie nur du. Unten auf der Straße kommt die Müllabfuhr und ich baue dein Bett auseinander. Du hast nicht gern in ihm geschlafen und das kann ich gut verstehen, denn als ich so klein war, wie damals du, schlief ich am liebsten neben meiner Großmutter und niemals habe ich besser geschlafen als neben ihr. Du warst ein weise Kind und schliefst wie alle Kinder es tun am liebsten und besten neben deinen Eltern ein. Ich nehme das Äffchen vom Schrank und es baumelt mit den Beinen. „Mäuschen“ sage ich und denke an dich, denke nur an dich, das ist der Schrank schon ein Berg voller Leisten. Denke an die quälenden Nächte im Krankenhaus und dein kleines Gesicht, so verloren und so unendlich mutig. Immer verlangtest du nach dem Faultiergesicht. Für niemanden, habe ich es seitdem gemacht und die Nichtenkinder gaben irgendwann auf. Das war mein Gesicht für dich und im leeren Zimmer mache ich es wieder für dich und für dich allein. Du lachst. Ich wusste es. Bilder, dein Lieblingsbuch, ein paar Sachen und Lieblingsstücke, kommen in einen extra Karton. Eines Tages, Mäuschen, es ist nur ein Frage der Zeit, kommt er zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Sie werden mich schelten, dass ich genau das Falsche behielt. Wie immer Mäuschen bin ich auf deine Nachsicht mit mir angewiesen. Irgendwo im Haus spielt jemand für Elise. Ich singe es also mit für dich. Damals Mäuschen, als da so viel Schmerzen waren in dir und wir so hilflos vor dir standen, da sangen wir alle wechselnd Nacht für Nacht. Wir singen anders heute und Mäuschen, wir singen lauter heute, damit du uns auch hören kannst. Dann kommen die schweren Jungs, die Karton um Karton verladen und in ein Kinderheim fahren. Du warst ein so großzügiges Kind und niemals habe ich dich sagen hören: „Meins“.

Die Kartons sind verladen und ich unterschreibe einen Zettel, den ich nicht wirklich sehe und dann ist der Raum leer, bis auf das Äffchen und Dich und dich und immer so weiter.Eine Taube gurrt auf der Fensterbank und ich denke an dich und denke und denke. Danke Mäuschen, sage ich dir noch einmal ins Ohr. Den Schlüssel lasse ich in der Kinderzimmertür und die Tür bleibt offen. Erst unten bei den Mülltonnen, weine ich und denke, damals in dieser klebrigen Hitze, dass ich hätte nach vor gehen müssen und dem schauderlichen Pfarrer hätte zur Seite drängen sollen, denn niemand kann ein Kind begraben, niemand kann Dich Mäuschen beerdigen, niemand kann über die Leere hinwegkommen, die ist seit dir und niemand hätte das über dich, dich lachendes, gurrendes, singendes Kind je sagen dürfen. Erwachsene glaube ich versagen immer an den wirklich entscheidenden Stellen, aber Mäuschen wir sind voller Sehnsucht nach Dir und später sitzen dein Vater und deine Freunde zusammen, deine Mutter ruft an und alle, Mäuschen, wir alle sitzen und lachen und weinen und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, unsere Hände, Mäuschen suchen nach dir und werden dich finden.

Britannia’s Glory

Neben mir in der Kirche, dritte Bank von links mit gutem Blick auf das Ensemble das seine Instrumente auspackt, setzen sich zwei ältere Damen. Sie riechen nach Patchouli und unverkennbar weht ein Hauch von Brandy zu mir herüber. Sie tragen Tweed und halten ihre Nasen so hoch sie können. Ich bewundere die Geige aus Cremona. 1690. Sie vergleichen Todesdaten und keckern über Scheidungen und geplatzte Hochzeiten. Ihr Akzent hat nichts Irisches, sondern die beiden Damen neben mir auf der Kirchenbank lästern auf Englisch. Ich schließe die Augen, denn für einen kurzen Moment scheint die Sonne durch die bunten Kirchenfenster und taucht alles in goldenes Licht. Dann aber beginnt das Kirchenschiff zu summen und alles ist voller Musik. Haydn zunächst. Haydn, der sich aufmachte, 58 Jahre alt war er da schon, um in London neu anzufangen. Haydn schwingt sich durch das Kirchendach und ich mache die Augen auch dann nicht auf als die beiden Damen mit Bonbondosen klirren und in ihre Taschentücher bellen wie zwei alte Pudel. In der Pause sind keine Verwandten, die es durchzuhecheln gibt mehr übrig. Dafür kommt jetzt die hohe Politik auf den Tisch oder besser die Kirchenbank? Theresa May sieht unmöglich aus, aber Boris Johnson finden Sie sei ein adretter Junge. Dann mosern sie weiter und wühlen in den Handtaschen, ob dort wohl ein kleines Brandyfläschchen aus den Tiefen geborgen werden kann? Ihnen kann es mit dem Brexit nicht schnell genug gehen. Dann seufzen sie tief und betrauern „Old England.“ In „Old England“ glaubt man den älteren Damen trugen die Herren Seitenscheitel, zitierten Byron und hielten die Türen auf. Die Städte waren sauber und voller Familien. Die Kinder plärrten nie und nach ihrem Befinden befragt, knicksten artig. Auf dem Kuchenbasar der Kirchen gab es kein so neumodisches Zeug wie Tiramisu, sondern das gute, alte staubige Shortbread. Fish’n’Chips war in Zeitungspapier gewickelt und das Pfund war seinen Namen wert. Die beiden Damen nicken sich aufmunternd zu. Alles, wirklich alles war besser. Sex hatte man aus Fortpflanzungsgründen und auf keinen Fall aus Spaß an der Sache, das ist doch klar. Im Fernsehen gab es nicht so viele nackte Weiber und im Radio lief nicht diese blöde Musik. Das Wetter war besser und die Röcke länger, beim Bingo gewann man selbst und nicht die Nachbarin aus Pakistan, niemandem musste man Whist erklären, Prinz Charles war mit Diana verheiratet und die Zementfüllungen des Zahnarztes hielten ein Leben lang- und manchmal sogar noch länger. Die beiden alten Damen seufzen verzückt bei der Erinnerung an die glorreichen Zeiten. „Ach hätte man nur „Old England“ wieder, ach sähe man nur ein Stück des „Old England“ wieder“, seufzen sie ganz herzzereissend- vielleicht schwören sie dann ja auch dem Brandy ab? Bevor sie fortfahren können, beuge ich mich vor. „Entschuldigen die Damen“, sage ich, aber ich hörte wie Sie über „Old England“ sprachen.“ Die Damen nicken mir zu. „Sehen Sie dort drüben sage ich dort hängt ein Stück des wahrhaft alten Englands. Und ich zeige hinüber zum Epitaph an der Kirchenwand und lese ihnen vor:

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„SACRED TO THE MEMORY OF TWO GALLANT BROTHERS

THE BELOVED SONS OF THE REVEREND MAC DONELL

CHARLES EUSTACE MAC DONNELL

CAPTAIN AND BREVET MAJOR IN H.M. 29TH REGIMENT

HE SERVED IN THE CAMPAIGNS OF THE SUTLEDGE AND THE PUNJAUB

AND FOUGHT IN THE BATTLES OF FEROZESAH, SOBRAGON, CHILLIANWALLAH AND GOOJERAT,

HIS HEALTH SANK FROM THE EFFECTS OF THE CONTINUED SERVICE UNDER THE SUN OF INDIA AND FROM A SEVERE WOUND RECEIVED IN STORMING THE ENTRENCHED CAMP AT SOBRAON

HE EXPIRED AT CHATHAM, AUGUST 5TH 1853, AGED 29 YEARS OLD.

„Sehen Sie sage ich, dort liegen die Kinder des alten Englands begraben. Als halbe Kinder noch zogen sie nach Indien und wurden schneller von den Illusionen beraubt als von den Läusen und Parasiten befallen. Die Schlacht von Chillianwallah meine Damen, sage ich, die im heutigen Pakistan stattfand, zählte selbst unter den kolonialen Schlachten zu den Blutigsten ihrer Art. 1848, da versuchten die Europäer sich in Demokratie, da fielen 1000 britische Buben in den staubigen Sand und über 4000 Sikh verloren ihr Leben. Nur sie vergisst man noch schneller, weil sie keine Epitaphe in Kirchen erhalten, sondern die Geschichte über sie hinwegwischte, wie mit einem alten Tafellappen. Die Liste der Toten lässt sich lange und weiter fortsetzen, bis in die letzten Winkel der Welt, in die die Arme „Old Englands“ reichten. Da liegen sie die einen wie die anderen mit dem Brief vom Liebchen vielleicht noch in der Hosentasche und einer oft nur noch verschwommenen Vorstellung von dem was England eigentlich war. Wer weiß schon was aus ihnen geworden wäre? Trinker und Schläger oder Zirkusbesitzer? Liebende Väter oder doch nur traumatisierte Männer? Hochschullehrer oder Obstbauern? Begabte Tänzer oder mittelmäßige Cellisten? Vielleicht wären sie sehr froh darum zu wissen, dass ihre Kinder einfach in Stockholm studieren oder in Italien einen Laden für Schurwolle eröffnen können, als in der Armee Zuflucht und Karrierechancen suchen zu müssen. „Old England“ sage ich zu den Damen, die mich entgeistert anstarren, hat ihnen nie die Chance gegeben es herauszufinden. Die beiden alten Damen sehen mich noch immer völlig perplex an. Selbst ich würde ihnen jetzt fast einen Drink offerieren, aber ich gehe lieber ins Bad mir die Hände waschen. Als ich in die Kirche zurückkomme, ist die dritte Bank vorn links verwaist. Die beiden alten Damen haben sich in die hintere Ecke des Kirchenschiffs verzogen. Fern von mir und fern des Epitaphs sitzen sie nun. Ich verschweige ihnen höflich, dass auf der Rückseite der Kirchenbank lauter Gedenkplaketten für die in vielen weiteren Schlachten zwischen Rangoon, Lahore und Mombasa umgekommenen Kinder des glorreichen „Old England“ angebracht sind. Ich bin ja nicht gemein.

Gravuren

IMG_1131 (1).jpgDie Tische an denen wir saßen, mussten vor unendlich langer Zeit einmal braun gewesen sein. Als ich zur Schule ging waren die Tische schon lange dunkelschwarzgrau und fuhr man mit den Fingern über die leicht abgeschrägte Holzplatte zog man sich fast immer einen Splitter in den Daumen. Trotz ihrer langen Benutzung waren die Pultplatten uneben. Eine ganze Armee von Zirkelspitzen hatte die Tischplatten löchrig und porös gebohrt, so als nagten unzählige Holzwürmer nach dem Läuten der Schulglocke sich durch die tintengeschwärzten Tische. Die Tischplatten aber hatten nicht nur feine Zirkelspitzenlöcher, sondern Generationen von Schülern hatten im Kampf gegen die Langweile und die stickige Luft, Gravuren in die Tischplatte geritzt. Die Gravuren waren zum Teil sehr ausgefeilt wie einst die Holzarbeiten norditalienischer Meister. Die Gravuren waren Herzen. Die Gravuren waren Herzen mit durchgeschossenen Pfeilen. Die Gravuren waren Herzen mit Initialen. Ganz deutlich erinnere ich mich, dass ich ein R und ein I unter meinen Fingerspitzen fühlen konnte, häufiger noch waren die Herz-Namen aber mit heftigem Zirkeldruck und wütender Gebärde durchgestrichen oder unkenntlich gemacht. Das Herz irrt oft, das lernten die Schüler und sie gaben ihr Wissen bereitwillig weiter. Tischplatten vergessen nichts. Die Gravuren waren „FUCK U.S.A“ und „Hamda macht’s mit Aydin.“ Lauter Verdächtigungen. Die Gravuren waren Hakenkreuze und Geschlechtsteile. Die Gravuren waren überall. Die Gravuren überzogen die Türen der Toilette wie die Fensterbänke des Direktorats. Tag für Tag, so schien es wurde die Schule weniger und die Gravuren, die Herzen, die Namen, die durchkreuzten Namen, die Hakenkreuze bildeten das eigentliche Fundament der alten noch in die Kolonialzeit des Landes A. zurückreichenden Schule.

Fuhr ich mit meiner linken Hand über die Tischplatte bis fast in die Mitte erreichten meine Fingerspitzen ein Hakenkreuz. Es war mit Sorgfalt und Können in die Tischplatte graviert und korrespondierte mit dem auf paralleler Höhe eingeritztem „La mort aux Juifs“-Tod den Juden. Es waren die beiden Fixpunkte meiner Schulbankjahre, eingebrannt und unauslöschlich warteten Hakenkreuz und Todeswunsch auf meine Fingerspitzen, die wieder und wieder wie magnetisch angezogen an ihnen entlangfuhren. Unter die Haut. Ich das einzige Mädchen in der Klasse ohne Kopftuch blieb stumm. Niemals wäre mir eingefallen zu sagen, dass ich Jude sei. Lieber zogen meine Finger langsam über die Landkarte der Gravuren entlang. Vorsichtig manövriert es sich länger, das hatte ich schon in der Primarschule unter den harten Augen der Nonnen gelernt. Der D.von dem es hieß er habe in der Fremdenlegion gedient, gab Geographie. Irgendwie musste auch er in der Stadt A. gestrandet sein, wahrscheinlich aber verbarg sich hinter seinem Gesicht keine mystische Geschichte, sondern nur seine schlechte verhehlte Trunksucht. Seine Nase war nach harten Nächten blau und sein Atem den er keuchend hervorblies, so streng, das niemand in den ersten beiden Bankreihen sitzen mochte. Der D. sprach nie, sondern schrie immer: „Herrschaften schrie er, obwohl wir doch eine Klasse voller Mädchen waren, Herrschaften, wo der Lehrer steht ist Norden, merken sie sich das.“ Süden, das merkten wir bald, gab es hier gar nicht. Meine Finger fuhren über den Tisch, wo hält man sich fest wenn die Richtung unverrückbar die Falsche ist? Am „FUCK U.S.A“ der Tischplatte etwa? Oder am seltsam bananenhaft geformten Penis gleich daneben? Dessen Präsenz wurde erst durch die markig-militärisch, aber eben auch vollkommen alkoholisch-verwahrloste Anwesenheit des brüllenden D. obszön, unanständig, unangenehm. Einmal glaubte der D. hinterrücks lauernd, wie es so seine Art war, und eigentlich doch mit der verblichenen Landkarte, welche die geologischen Besonderheiten der nordafrikanischen Länder erläuterte, hantierend einen Schmierer erwischt zu haben, der ein Herz in die doch längst von Intarsien bedeckten Tischplatten ritze, entdeckt zu haben. „Was soll das ?“, schrie er lauthals aber die Angeschriene zuckte nur mit den Achseln: sollte sie wissen, was wohl Schülergenerationen vor ihr schon nicht beantworten konnten? Und überhaupt war es nicht vollkommen absurd, dass ausgerechnet der D. das ins Holz geritzte Herz auf der Zunge trug? Der D. aber war nun in Fahrt gekommen und forderte Rückererstattung des Tisches. Aus seinem Mund klang alles immer wie ein Kapitalverbrechen und überhaupt ließ er keine Gelegenheit aus für Sprüche der Fremdenlegion: „mitgefangen, mitgehangen“ schrie er und forderte die Klassensprecherin zum Einsammeln des Geldes auf. Dem Ganzen folgte eine lange Tirade: „in diesem Saustall müsse endlich einmal so richtig aufgeräumt werden“. Dabei sah er mich an. Ich sah zurück. Meine Finger umkreisten wie üblich Hakenkreuz und Todesdrohung. Wir alle schauten nach Norden also zum D. und warteten auf den Moment in dem der D. sich wieder dem äußersten Norden, der schlammgrauen Tafel nämlich zuwenden würde um weiter über Gesteinsvorkommen im Atlas-Gebirge vorzutragen. Dies geschah jedoch nicht, ohne dass der D. einem von uns den Tafellappen auf das Pult warf mit der Aufforderung versehen sich hic et nunc nach Norden zu bewegen und die Tafel zu säubern, was nichts weiteres hieß als neue Schlieren über alte und noch ältere Schlieren zu wischen, denn das Waschbecken rechts von der Tafel, war lange schon Papierkorb geworden. Wasser war knapp in A. Dann fuhr der D. fort und die Klasse, also wir versanken in angespannte Stille, die Q. hinter mir ritzte ein neues Herz in die Pultoberfläche, während feine braune Holzsplitter neben ihr zu Boden rieselten, meine Finger gingen auf ihre übliche Reise, bis sie Hakenkreuz und „La Mort aux Juifs“fanden, und die Sonne durch die Fenster sengte bis der Norden über den der D. gewalttätig herrschte fast bis zur Unkenntlichkeit verschwamm.

Vom eingesammelten Geld indes ist niemals ein neuer Tisch angeschafft haben, sondern der D. kaufte davon wohl Schnaps, wenn am Ende des Monats das Geld nicht mehr reichte, ein paar Jahre später wurde er dann schließlich ganz aus dem Schuldienst entlassen, es hieß er habe trunken wie er war, einer Schülerin „qhabi, qhabi-Hure, Hure“ hinterhergerufen, ob das aber stimmt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, damals ging ich schon nicht mehr zur Schule und über den D. erzählte man sich viele Geschichten und wer kann schon wissen welche wahrer als andere sind? Noch immer und heute, wo meine Tischplatte braun und glatt ist, kann ich blind Hakenkreuz und „Tod den Juden“ unter meinen Fingerspitzen fühlen, eingebrannt in jenen Jahren als selbst der Süden immer nur der Norden war.

As an exception in German: Schnipsel

Erinnerst du dich noch an das Chamäleon spät am Nachmittag? Immer an der gleichen Stelle, immer schneller als deine Hände. Überhaupt deine Hände. Schmal waren deine Hände. Immer hast du deine Hände vor der Welt verborgen. In den Tiefen deiner Hose, hinter deinem Rücken, in den Jackentaschen, deinen oder meinen. Immer wieder auch in meinem Schoß. Selbst im Schlaf noch verschwanden deine Hände unauffindbar bis zum nächsten Morgen. Erinnerst du dich noch? Einmal versuchte ich dich wohl zu fragen, wohin du mit deinen Händen wolltest, aber du hast aus dem Fenster gesehen, so lange bis ich die Augen schloss. Als ich aufwachte lagen deine Hände zwischen meinen Beinen. Unsichtbar und schwerelos, chamäleongleich,  gleichzeitig da und doch nicht zu sehen. Der Garten deiner Eltern, verborgen hinter einer langen Kurve, erinnerst du dich?  Du mit der Sense. Du mit der Hacke. Du mit dem Spaten. Du kopfüber gebeugt über eine Pflanze, die Hecke oder ein Blumenbeet. Aber im Garten deiner Eltern gab es nirgendwo eine Pflanze, die Hecke oder ein Blumenbett, nur die Wildnis, das hüfthohe Gras, die Berge voll Steine und dich, auf der Suche nach was eigentlich? Auf einem Stapel Steine, der Plattenspieler, ich weiß es noch ganz genau, denn Carlos Kleiber  dirigierte Beethoven’s Fünfte und du verbargst das Zittern deiner Hände vor mir. Nie wieder nach dir habe ich jemanden getroffen, dem Musik so unter die Haut ging wie dir, nie wieder bin ich Musik so ansichtig geworden wie an deiner Haut. Erinnerst du dich? Unter meine Haut wolltest du, doch meine Haut war zu dünn für dein Wollen und schließlich, als ich dich eines Tages im Garten suchte, sah ich, obwohl das gar nicht richtig ist, denn eigentlich sah ich nur deine Hände in den Haaren einer Frau vergraben, die fester und stärker schien, mit beiden Beinen auf der Erde, sicher begabter für das Leben als ich und mit einem Fassungsvermögen für dich was mir fehlte. Du erinnerst mich oft, chamäleongleich,oft nur für Sekunden an Dich und an mich.Immer wieder, deine Hände. Du erinnerst dich sicher nicht mehr an mich.

As an exception in German- Infiziert

Damals, ich weiß es noch ganz genau, stand die Sonne tief am Himmel. Der Himmel war gar kein Himmel sondern ein tiefrot glühendes Fenster, ohne Anfang und ohne Ende. Alles verschluckte die rote Wand und auch Du warst nur noch ein Schatten, kaum mehr zu sehen in dieser Woge aus gleißendem Rot. Nichts war zu ahnen vom Kiefernwäldchen hinter dem Haus und auch der Kibbuz und seine Felder waren wie fortgewischt, da gab es nur dich und mich inmitten des brennenden Lichts. „Alles, sagtest Du und es klang hart, hallte durch das Haus mit seinen schmucklosen Wänden, die aus grauem Zement waren, du infizierst alles mit deiner Traurigkeit.“ „Was tut dir denn weh, fragte ich Dich?“, und ich wollte aufstehen, deinen Hals, deinen Kopf, deine Schultern berühren, so als könnte ich mit meinen Händen Deinen Satz wegwischen. Du aber schriest so laut und immer wieder diesen Satz: „du infizierst alles mit deiner Traurigkeit.“, dass ich nicht mehr aufstand, um dich, deine Arme, deinen Kopf oder deine Hände zu suchen. Dann ranntest du aus dem Haus, es war mir als würdest du geradewegs in die Sonne laufen, aber wohin du liefst, hast du mir nie gesagt. Ich bin damals auf dem Stuhl sitzen geblieben, ich strich mir über die Arme und Beine, und wenn ich gekonnt hätte, wäre ich in mich hineingekrochen, um mich vor dir zu verbergen. Auf dem Tisch stand ja noch meine Tasse, auf der Sofalehne lag noch mein Kleid und irgendwo im Bad eine Zahnbürste, nah an deiner. Lange saß ich auf dem Stuhl, so lange bis die Zypressen, die Felder, das Kiefernwäldchen, schließlich auch die Dächer des Kibbuz wieder hervortraten aus dem Licht. Lange schon war die Sonne untergegangen, bis ich dann endlich aufstand, die Tasse abspülte, merkwürdig genau darauf bedacht, nichts weiter anzurühren von deinen Dingen, das Kleid und die Zahnbürste und wohlmöglich auch noch andere Dinge, warf ich in den Müll. Die Fenster machte ich auf, eins nach dem anderen und der heiße, trockene Wind wehte hinein, vielleicht dachte ich damals, das trockener und heißer Wind ein gutes Desinfektionsmittel sei, und das es das beste sei, der Wind trüge den Rest meiner Anwesenheit fort aus deinem Haus. Dann lief ich so schnell ich konnte fort, lange und heiß duschte ich, als hätte heißes Wasser je gegen die Pestilienz geholfen. Alles steckst Du an mit Deiner Traurigkeit, hörte ich wieder und wieder in meinen Ohren und vergaß darüber, ob es das Wasser oder die Gedanken waren, die da rauschten. Zweimal noch haben wir uns gesehen nach diesem Nachmittag, zweimal noch bin ich in deinem Haus gewesen, das mit seinen rauhen Wänden und deinen weichen Händen, alles an Zuhause war, was ich je kannte. Zweimal noch schliefen wir miteinander, aber angesehen habe ich dich weder beim ersten noch beim letzten dieser zwei Male, ich sah lieber hinaus in das gleißende Licht. Ich habe dir nicht gesagt damals, dass ich nicht zurückkäme, du hast als ich zum letzten Mal in die Schuhe schlüpfte um mich auf den heißen Steinplatten deiner Terrasse nicht zu verbrennen, deine Worte nicht zurückgenommen, hast sie nie wiederholt, aber immer so gemeint. Lange schon hast du neue Frauen in dein Haus und auf deinen Schoß geholt, alt bist du heute und nicht nur älter, so wie damals und ganz sicher lachen die Mädchen und bewundern deine weichen Hände. Immer mal wieder haben wir uns gesehen, nie wieder bin ich in deinem Haus gewesen, fast alles worüber wir sprachen, habe ich vergessen, dieser eine Satz und die Traurigkeit sind mir geblieben.

Viele Jahre später ist der Himmel nicht mehr gleißend rot, sondern von einem trüben, bleiernem Grau. Das Zimmer in dem ich sitze ist weiß tapeziert und mein Verhältnis zu meinem Gegenüber eines ganz ohne Hände. Aber dennoch fürchte ich heute, das Du noch immer Recht hast, fürchte ich mich davor, die Traurigkeit weiterzugeben, als mein ewiger Begleiter, wohlmöglich auch als mein eigentliches Ich. Vielleicht aber ist auch nur die Traurigkeit übrig geblieben von jenen Jahren, mit gleißender Sonne, dem Kiefernwäldchen, den Zypressen und einer rauen Wand aus Zement an meinem Rücken.

As an exception in German: Lager

Meine Großmutter wandte sich ab, sobald sie meine blaue Tasche, die große, blaue Tasche die ich bis heute habe, im Flur stehen sah. Der Flur war sehr lang. Noch immer gibt es den Flur. Das große Zimmer, ist noch immer ein Zimmer derselben Wohnung, nur meine Großmutter sitzt nicht mehr am Tisch und liest die Zeitung. Aber immer, wenn sie mich mit der blauen Tasche im Flur stehen sah, raschelte es auffällig hinter der Zeitung. Meine Großmutter war sehr gut darin, etwas aufmerksam nicht zu bemerken. „Ich sehe, du gehst, Kind sagte sie dann, ohne den Blick von der Zeitung zu lösen. Nannte ich ihr den Ort, raschelte es wieder kaum vernehmbar und es blieb für längere Zeit still, hinter der Zeitung. „So, so, Kind, sagte sie dann doch. Immer noch ohne aufzublicken. Ich bin in vier Wochen zurück, sagte ich, noch immer in der Tür lehnend, abwartend, ob sie nicht doch die Zeitung sinken liesse, mein Gesicht in die Hände nähme und mich küsste, wie sie es tat, wann immer ich nicht die blaue Tasche über die Schulter geschlungen, vor ihr stand. „Willst Du gar nicht wissen, versuchte ich es wieder und wieder, willst du gar nicht hören: wohin und wieso? Aber meine Großmutter blieb stumm hinter ihrer Zeitung. Natürlich wusste sie wohin ich gehe und wieso ich fahre, am Abend zuvor vielleicht, aber auch schon ein oder zwei Tage vorher, ganz unverhofft, morgens beim Tee oder Abends, wenn sie las und ich las, sagte sie: „Ich sehe Kind, du fährst wieder in eins jener Lager.“ Wenn ich dann nickte und ihr erzählen wollte, von jenem oder einem anderen, dann schüttelte sie nur ihren Kopf, wer einmal im Lager gewesen ist, kennt alle Lager und verzog ihre Mundwinkel so, dass man nie genau sagen konnte, ob sie spöttisch oder traurig oder vielleicht auch beides zugleich war. Manchmal wollte ich ihr dann sagen, dass sich das Lager doch von jenem, anderen, so anderem, ihrem Lager unterschied. Aber meine Großmutter schüttelte nur den Kopf: „Du weißt nichts über das Lager, Kind, du fährst nur in dieses oder jenes, aber im Lager bist du nie gewesen.“ Dann wandte sie sich ab und wieder ihrem Buch zu. Nichts weiter sagte sie, bis sie mich mit der blauen Tasche im Flut stehen sah, sie gut verborgen hinter der Zeitung. Zog ich dann die Tür hinter mir zu, wartete ich immer und zählte langsam, ob sie nicht doch käme, mir hinterherliefe, mir nachsähe, zählte langsam und länger, aber nie kam sie, stets blieb alles stumm.

Immer, auch nach all diesen Jahren ohne meine Großmutter, noch immer mit der blauen Tasche über dem Arm, immer ein Bild von ihr in derselben, so als zwänge ich sie doch hinter der Zeitung hervor, das ich auf jeden Schreibtisch stelle, an dem ich sitze oder stehe, und wenn es keinen Schreibtisch gibt, so  gibt es doch ihr Bild. Immer mal wieder fragt mich jemand, nach der Frau auf dem Bild. Meine Großmutter, sage ich dann und sage nichts weiter. Immer sehe ich sie an und denke, dass ich meine Großmutter, die ich sehr liebte, niemals habe lächeln oder gar lachen sehen, sondern immer nur ein wenig spöttisch und traurig die Mundwinkel nach oben ziehen sah, so als wollte sie sagen, „so, so Kind, du gehst also, so, so.“