Die Straßenecke von Egon Erwin Kisch

 

Am Abend aber laufen wir von Vinohrady herunter in die Altstadt. Es ist wirklich ein Weg hinunter, denn Vinohrady liegt über der Stadt. Warm ist es auch noch so spät am Abend, ein Bettengeschäft neben dem anderen. Exklusive Träume werden einem versprochen und wer weiß vielleicht machen die Matratzen die Träume wahr. Aber wir, wir brauchen keine Betten und unsere Träume sind ohnehin bescheidener Natur. Die Straße über den Wenzelsplatz hinunter ist voller Menschen. Da sind bayerische Junggesellen. Sie tragen Lederhosen und T-Shirts auf denen steht: „Letzte Nacht in Freiheit“. Sie trinken Bier und einer der Männer knöpft vorn die Hose auf und pinkelt in einen Papierkorb. Die Frauengruppe ist aus Großbritannien. Sie haben auch T-Shirts. Pink und Bride to be lesen wir. Sie wollen ins Hard Rock Café, aber sie haben auch müde Füße, also erst einmal Schirmchendrinks. Die bayerischen Junggesellen stehen auf der Straße und rufen: Nutten. Nutten. Nutten. Niemand dreht sich um. Es gibt viele Junggesellen in Prag.

Ein Mann liegt auf der Straße, die Stirn auf die Erde gedrückt. Ein Hut liegt vor ihm. Der Tierarzt hat Münzen in der Hosentasche, als ich mich noch einmal umdrehe, liegt einer der Junggesellen auf dem Boden neben dem Mann und ahmt seine Haltung nach. Vor ihm liegt ein Basecap. Die Anderen filmen ihn. Der Mann neben ihm auf dem Boden rührt sich nicht.

Neben uns verfällt das Grand Hotel Europa. Vielleicht verfällt Europa auch immer weiter, immer mehr, Europa ist ein ungastlicher Ort in diesen Tagen. In einer Pizzeria sitzen Russen mit falschen, goldenen Uhren neben Studenten aus Spanien, die sich gegenseitig ihre zerlaufenen Füße zeigen, drei Obdachlose werden von der Polizei angehalten, chinesische Touristen füttern Tauben mit french fries, ein Kellner raucht mit müden Augen, eine Bratwurstverkäuferin zählt Geld und wischt sich die Schweiß vor der Stirn. Enger werden die Straßen, eine Flasche Cola rollt den Rinnstein hinunter, ein Kind heult, ein Hund hechelt, zwei Jugendliche wollen sich küssen, aber verfehlen sich knapp. Ein Stadtführer versucht verzweifelt seine Gruppe um sich zu scharren, aber seine Bemühungen macht ein Eisverkäufer zunichte. Dann stehen auch wir vor dem Haus zu den zwei goldenen Bären, dem Haus von Egon Erwin Kisch. Immer wieder kehre ich zurück zu jenem Haus, das so zentral liegt und doch von allen Touristen übersehen wird, trotz seines Portals mit den beiden Bären über der Tür. Merkwürdig denken die Touristen, die sich ans vorbeischieben sicher: „Warum stehen da zwei und starren auf ein Haus?“ Kisch, stelle ich mir vor, war ein wahrer Eckhausbewohner, er hatte für alles einen Blick, aber war selbst nie zu sehen, immer schon war er weiter, kaum hatte man ihn selbst im Blick, war er schon wieder verschwunden, stach in See, begann eine neue Liebe, oder schoss ein Tor für einen Prager Fußballclub. So ein Haus ist das, so eine Ecke. Eine Kisch-Ecke möchte man sagen. Eine Plakette hängt neben dem Portal. Aber gerecht wird sie ihm nicht. Ganz richtig hat sich, so weit ich weiß auch die Germanistik nie mit Kisch angefreundet. Zu wild war er, zu wankelmütig, seine Theorie hat niemals Derrida inspiriert, sondern seine Theorie, das war die Straße und das Prager Tagblatt, diese europäische Zeitung, war seine Heimat. Nein, in die Unversitätsseminare passt er noch immer nicht. Er mit den Tattoos über dem Herzen, der Trinkfestigkeit, dem wilden Spott, den vielen kleinen und großen Lieben, der Neugier auf die Erzählungen der Anderen. Nein, auch in den Zeitungen ist er nicht mehr zu finden und niemals bedauere ich es als in diesen Tagen, wo die Zeitungen voll sind mit Debatten über die Debatten der Debatten,aber Geschichten, die den Leser denken lassen, die fehlen. Stattdessen gibt es diesen merkwürdigen Wallraff-Journalismus. Ein Nachmittag in einer Brotfabrik. Aber immer inkognito. So eine Art Journalismus als Kaufhausdetektiv, aber die Geschichten der Straßen und Gassen, die Geschichten vom Wenzelsplatz, von den Verlierern, den Abgehängten, den Türstehern, den Obdachlosen, den Trinkern, den Suchenden, den Geschichten der Eckkneipen und Straßenecken und den Geschichten auf dem Boden dazu, die sucht keiner mehr, die sind manchmal kurz vor der Weihnachtszeit einmal Anlass, aber die Reportagen des rasenden Reporters, der einmal das Dach der Syngaoge abdecken ließ, der mit den Obdachlosen trank und redete, der hinter jeder Ecke Geschichten sah, den gibt es nicht mehr.

Das Ungezügelte hinsehen, den sich auferlegten Zwang jede Geschichte für erzählenswert zu halten, diese seine erste, zweite und dritte Natur, die ist abhanden gekommen und so gibt es viele ironische Texte über dieses und jenes, aber seine Ernsthaftigkeit und seine ernsten Scherze, die gibt es nicht mehr. Jedesmal wieder kehre ich zu seiner Tür zurück. Ich würde gern läuten, ich sagte ihm: „Komm zurück, wir brauchen die Geschichten, die keine Geschichten mehr über, sondern Geschichten mit sind. Aber es ist keine Klingel mehr an der Tür. Das wäre ihm wohl auch zu banal gewesen. Geschichtenfinder haben keine Visitenkarte. Geschichtenfinder sind unterwegs, stehen an einer Ecke, sitzen in einer Kneipe, fahren aufs Meer oder in ein böhmisches Dorf. „Er kommt nicht mehr zurück“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lächelt. Dann gehen wir in eine Kneipe schräg gegenüber vom Haus zu den zwei goldenen Bären. Hier sitzen kaum Touristen, sondern Ehepaare und Trinker, wie es sich gehört für eine Eckkneipe.

Ich trinke eine Apfelschorle, der Tierarzt einen Wacholderschnaps, davon wird er später singen, aber das weiß er noch nicht. Dann lege ich eine Hand voll Kronen auf die Theke. Eine Runde aufs Haus sage ich. „Gern“, sagt der Kellner. „Von wem?“ Von Egon Erwin Kisch, sage ich ihrem Nachbarn und drehe meinen Kopf zu Haus zu den zwei goldenen Bären herüber.“ „Also dann“, sagt er „Auf Egon Erwin Kisch.“

Prag-Das Haus zu den zwei goldenen Bären 

„Du meinst das ernst, sagt die E.  und ich nicke. Du willst nur wegen eines Hauses wegen nach Olomuc fahren? „Ja“, sage ich genau das will ich tun. Die E. sieht mich fassungslos an. Aber in der immer belebten Prager Altstadt kann man nicht lange stehen bleiben,ohne weitergeschoben zu werden. „Komm, sage ich noch einmal, man kann Prag nicht verlassen ohne beim Haus zu den zwei goldenen Bären vorbeizusehen.“An dem großen Eckhaus in der kleinen Gasse Kozná, das sich bis in die Renaissance zurückdatieren lässt, sieht man eine runde und nicht sehr auffällige Plakette:

Man sieht einen mittelalten und reichlich distinguierten Mann, der ziemlich ernst dreinblickt. Er könnte ein Handelsreisender sein, ein Postbeamter und vielleicht auch en fleißiger Chemiker, aber nichts davon ist der Mann auf der Plakette je gewesen. Die Bildunterschrift lautet: „Hier lebte und arbeitete der Schriftsteller und Reporter Egon Erwin Kisch vom 29.4. 1855 bis zum 31.3. 1948. Aber dieses an das Haus geheftete Kurzporträt geht am Leben des rasenden Reporters doch weit vorbei. Kisch lebte in Berlin, in Mexiko, sprang vor der australischen Küste aus dem Boot und kannte Wien so gut wie die serbischen Schützengräben. Richtiger wäre, denn was ist schon wahr, dass Egon Erwin Kisch in diesem Renaissancehaus, das auf den schönen Namen „zu den zwei goldenen Bären“ getauft wurde, geboren wurde. Schwerer wird es schon zu sagen, ob Kisch und seine Brüder wohl auch die Spukgeschichten, die wohl in den Gemäuern wohnen, erzählt bekam und ob er vielleicht sogar die Räuberballade des Gauners Babinskejs, die ihn später so faszinierte, auf dem Hof des Gebäudes hörte, bleibt ungewiss. Kisch selbst befeuerte die Legendenbildung auf das Schönste und wer weiß vielleicht führt ja wirklich ein unterirdisches Treppenhaus direkt in die Tiefen Gewölbe der Teynkirche?  Überhaupt, das Haus zu den zwei goldenen Bären ist wie gemacht für dunkle Geschichten und den Geruch von Rost und Eisen, knarrenden Scharnieren und all den Geheimnissen, die in den engen Prager Gassen der Altstadt nur oberflächlich verborgen liegen. Es ist doch die nahe und nächste Nachbarschaft in der nach der Schlacht am Weißen Berg, der berüchtigte Henker Mydlár, mehr als zwanzig Adlige hat hinrichten lassen in einer Nacht. Die Teynkirche, die man von hier aus nicht übersehen kann, in der sowohl Tycho Brahe als auch Rudolf der II begraben liegen, hat ja selbst so unendlich viele Geheimnisse von denen wir nicht das Mindeste ahnen. Und vor noch nicht länger Zeit waren es nur wenige Minuten vom Haus zu den zwei goldenen Bären bis in das Jüdische Viertel, das erst zu Anfang des letzten Jahrhunderts assassiniert wurde. Aber noch sind sie nicht vergessen die Geschichten vom Rabbi Löw und Esther seiner schönen Frau. Mag ja sein, dass Egon Erwin Kisch als Kind jemanden gekannt hat, der jemanden kannte, der von jemanden ganz bestimmt gehört hatte, wie es war damals mit dem Golem, dem Rabbi, dem Kaiser, der Pest in der Stadt Prag, der schönen Jüdin Esther und der verzweifelten Liebe Rudolf des II. All das mag sein. All das mag hier vom Dachgeschoss oder vom Erkerfenster aus, irgendwann einmal beobachtet, aufgeschrieben oder auch nur leise weitererzählt wurden sein.

Das Haus zu den zwei goldenen Bären

Erst zum Ende seines Lebens und um alle Illusionen ärmer ist Egon Erwin Kisch ganz und gar heimatlos und fremd geworden in der Welt noch einmal nach Prag und wohl auch noch einmal in das Haus zu den zwei goldenen Bären zurückgekehrt. Die Bären- man weiß es nicht genau- beschützen sie die zwei Jünglinge oder sind sie Gefangene der beiden Tiere? Lassen sich Bären vielleicht mit Blumen zu Sanftmut bewegen? Bären so scheint mir, haben schon lange das Zutrauen zu den Menschen verloren. Egon Erwin Kisch wird das verstanden haben und vielleicht ließ sich in den letzten Lebensjahren, in denen die Namen der Toten immer nur mehr wurden, nur Zuflucht finden in den alten, so tief in der Vergangenheit liegenden Geschichten, die in den Kellergewölben, mächtigen Speichern, in den verschlossenen Türen und unter staubigen Balken verborgen liegen. Über alles, das kann man mit ruhigem Gewissen sagen, hat Egon Erwin Kisch geschrieben. Fast überall auf der Welt ist Egon Erwin Kisch gewesen.


Nur über sein Zuhause, nur über das Haus zu den zwei goldenen Bären hat Egon Erwin Kisch nichts geschrieben und nie etwas gesagt.