Auf der Suche nach Thomas Mann-Halle an der Saale

Ich bin noch nie in Halle gewesen. Halle ist eine alte Universitätsstadt an der Saale. Dabei bin ich doch in so vielen Städten zwischen Prag und Brünn gewesen, die man nur schwer auf einer Landkarte findet. Halle findet man ganz leicht auf der Landkarte zwischen Magdeburg und Dessau.

Ich bin schon oft in Halle gewesen, denn kein Buch lese ich öfter als Doktor Faustus und Thomas Mann schickt Adrian Leverkühn und auf Umwegen auch Serenus Zeitblom zum Studium nach Halle. Halle ist keine Großstadt, aber eine große Stadt, schreibt er und endlich gehe auch ich ganz wirklich vom Bahnhof hinunter zum Marktplatz. Thomas Mann selbst war 1921 während einer Lesereise in Halle. Er war denkbar schlechter Laune- Das Hotel Stadt Hamburg schien ihm schlecht und die Anzahl der Verehrerinnen entnervte ihn auf das Äußerste. Lange blieb er nicht in jenen Februartagen, sondern fuhr weiter, er hatte eine Einladung beim Prinz zu Meiningen zum Tee.

Dabei sind wir eigentlich wegen Gustav Klimt hier, oder die Anderen sind vor allem wegen der goldenen Bilder aus Österreich hier. Aber ich bin es nur zu einem Viertel, obwohl ich doch Klimt sehr liebe.

Aber dreiviertel von mir sind auf der Suche nach Thomas Mann. Man muss nicht lange suchen, den Marktplatz findet man auch, wenn man sich so schnell verläuft wie ich. Im gleißenden Licht Kaliforniens hat Thomas Mann jenen Roman geschrieben, der vielleicht doch der wichtigste Roman des 20. Jahrhunderts ist.

Heute aber ist noch immer Weihnachtsmarkt. Buden mit Glühwein, Socken und Harzer Blasenwurst stehen eng gedrängt neben einem bunten Karussell. In einer Bude wird ungarischer Lángos verkauft, aber die Verkäuferin sieht jener Esmeralda nicht ähnlich, der Leverkühn später nach den Hallenser Jahren unweigerlich verfiel. Die Lángosverkäuferin hat müde Augen. Der Sockenverkäufer übertönt alle, selbst das Karussell und den Vater, der schreit: „Torben-Leonhard jetzt guck doch in die Kamera, aber der Sohn schluchzt und klammert sich verzweifelt an einem Karusselltiger fest. „In die Kamera“, schreit der Vater, aber der Sockenverkäufer gibt nicht nach. Drei Paar, zehn Euro, meine sehr verehrten Damen und Herren. Was für ein super-duper Preis. Ich bin schon weiter, denn auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes, ein bisschen an die Seite gedrückt durch einen hässlichen Neubau, da findet man es jenes „gegiebelte Bürgerhause am Marktplatz“ in dem Adrian in einem Zimmer mit Alkoven als Untermieter einer älteren Beamtenwitwe lebte.

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Vermutlich das Haus mit Alkoven, in dem Adrian Leberkühn, die zwei Jahre seines Studiums in Halle verbrachte.

 

Und wirklich steht man am Eingang des Hauses, das heute ein Bankfiliale ist, dann sieht man ganz exakt so wie Thomas Mann es im Buch beschreibt: „das mittelalterliche Rathaus, die Gotik der Marienkirche, zwischen deren gekuppelten Türmen eine Art von Seufzerbrücke geht, den frei dastehenden Roten Turm und die Bronzestatue Händels.“

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Blick vom Haus Leverkühn auf das Hallenser Rathaus

 

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Blick auf den roten Turm und die Kirche mit Seufzerbrücke

Ich stehe da lange, die Anderen sehen sich Halle an und warte. Wer weiß denn schon, ob nicht doch der saftige Ehrenfried Kumpf, der so vortreffliche Vorlesungen hielt nicht doch eine gebrannte Tüte Mandeln kaufte, die doch seinem Sinne nach auch G*ttesgabe wären, warte auf einen Studenten aus der Verbindung Winfried, der heute alt zwar, aber das heißt noch nichts Salzgurken einholte, aber vor allem warte ich auf jenen Eberhard Schleppfuss, jenem dämonischen Verführer, der einen ist man ihm nur einmal begegnet, nie wieder loslässt. Schleppfuss mit seinem schwarzen Mantel und dem Hut mit eingerollter Krempe, von dem man nie genau sagen konnte, ob er nun wirklich den Fuß nachzog oder nicht. Schleppfuß, der sich verbeugte tiefer noch als sein Gegenüber, nur um sagen zu können: „Ganz ihr ergebener Diener.“

Ich stehe an der Ecke und warte und natürlich kommt niemand.

Dafür kommt eine Mutter mit einem Buben an der Hand, der einen kleinen Hubschrauber in den Händen hält. „So nicht Freund Blase“, ruft sie und ich wundere mich über diese Wendung. Wer ist wohl dieser Freund Blase mit dem sie hier schimpft? Der Bub jedenfalls lässt den Helikopter fliegen und seine Mutter trifft eine Freundin und ist dann besserer Dinge. Ein alter Mann steht neben einer Musikanlage und tanzt zu Discopop. Ein paar Leute lachen, aber einige Leute werfen auch Geld in einen alten Pappbecher. Der Mann tanzt. „Wir müssen weiter“, sagt die liebe C. und ich laufe ihr hinterher. Jetzt doch Klimt. Endlich Klimt. Klimt ist strenger hier in der Moritzburg als im süßen Wien. Leicht ist Klimt auch hier in Halle mit seiner historisch-pietistischen Luft. Ich habe eine große Schwäche für Klimt, der doch bei seiner Mutter lebte und mit fast allen Frauen schlief, die es wollten.
Das ist das Seltene bei einem Mann, dass er die Frauen hinterher nicht für seine Lust bestrafte, denn das können viele Männer gut, aber er malte sie alle immer nur noch viel schöner. Mehr Gold, mehr Grün, mehr Blau, von allem immer noch mehr. Er, der die Frauen liebte und sich niemals schämte, dass er Frauen liebte, bleibt eine große Ausnahme auch noch 100 Jahre nach seinem Tod. Hier in Halle treffe ich auch Eugenie Primavesi wieder, deren Haus doch in Olmütz auf eine bessere Zukunft ist. So ist das mit den alten Habsburger Geschichten. Irgendwann trifft man sich immer wieder.

Die Anderen mögen nach Klimt, Kaffee aber ich mag lieber noch einmal zum Markplatz gehen. Es ist schon ganz dunkel und noch einmal sehe ich mit dem Blick von Adrian Leverkühn über den Marktplatz herüber. Ein Hund namens Sascha hört nicht. Eine Gruppe Mädchen fischen Dose um Dose voll Energydrinks aus ihren Jacken. Fünf junge Männer zeigen sich ihre Einkäufe. Nike hat reduziert. Nike riecht nach großer Welt. Eine Frau hat den Arm voll roter Gladiolen. Dann sehe ich ihn doch. Langsam kommt ein älterer Herr langsam über den Marktplatz gelaufen. Einen langen schwarzen Mantel trägt er, wenn auch ohne silberne Schnalle und einen schwarzen Hut, aber rund und mit kurzer Krempe und wirklich bin ich nicht sicher, ob er den linken Fuß wohl etwas nachzieht oder ich nur will, dass er es tut. Einen Augenblick zu lang für die völlig Fremden die wir sind, sieht er mich an, aber er murmelt keinen Gruß und schon ist er in einer vielen Hallenser Gassen verschwunden.

Dann aber legt die liebe C. mir den Arm auf die Schulter. „Komm“, sagt sie wir müssen gehen. Ich weiß nicht wie lange sie schon gewartet hat. Was sie wohl denkt, frage ich mich, als wir schließlich zusammen den Anderen folgen, über die Familie in die hier geraten ist? So viele Jahre sieht sie mir schon dabei zu, wie ich etwas suche, was es niemals wieder geben wird und niemand hält dieses Suchen, das ich in mir trage mit so viel Geduld aus wie sie, die meine kalte Hand in ihre warmen Hände legt.

Aber wenn auch Sie durch Halle wandern, so sehen Sie doch einmal beim Hallenser Dom vorbei, den ich immer nur von Lionel Feinigers Bildern kannte und dann ist er doch ganz wirklich und echt und von dem gleichen Zauber, die in Feinigers Hallenser Stadtansichten liegt.

Auf der Suche nach Thomas Mann-Polling

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Dorfkern 

Endlich also gehen wir nach Polling hinein. Vorbei an vielen, immer gleichen Häusern und einem der wenigen Bauernhöfe. Die Kühe sehen uns verwundert an, wir wünschen gutes Wiederkäuen und niemals ganz habe ich aufgehört mich zu wundern, nicht nur auf dieser Wanderung, sondern immer wieder gefragt, warum in den Dörfern keine alten Scheunen und Bauernhäuser mehr stehen, sondern nur mehr glatte Häuser ohne Gesicht und dafür mit zwei Garagen. Keine Blumengärten, sondern meterhohe Koniferen und nirgendwo Klaviermusik, Kinder lachen oder auch nur ein Hofhund der im Sonnenlicht schläft. Dann aber habe ich keine Zeit mehr mich zu wundern, denn schon stehen wir vor der Kirche St. Salvator in Polling mitten auf dem alten Dorfplatz, der leider heute Parkplatz ist. Aber noch immer, noch heute dominieren Kirche und das Kloster der Augustiner, das seit 1100 in Polling ansässig ist den Ort. Keineswegs war der Ort immer abgelegen und schwer zu erreichen, im 18. Jahrhundert schon hatte Polling eine Sternwarte, der Bibliothekssaal noch immer ein Kleinod hatte 80,000 Bände vorzuweisen und die erste wissenschaftliche Zeitung Bayerns wurde hier im „Pfaffenwinkel“ herausgegeben. Erst das Jahr 1803 machte der Blüte ein Ende und die Schließung des Bahnhofes 1984 macht Polling zu einem vergessenen Winkel. Niemand steht wohl auch darum neben uns auf dem Kirchhof und sieht zur Inschrift hinauf: Liberalitas Bavaria lesen wir, ein Erinnerungsschild an die Liberalität, die Freigeistigkeit die ebenso bayerischer Wesenszug sein soll wie Trachtenverein und Blasmusikkapelle. Ein Motto, welches man nicht ohne den Wunsch lesen kann, dass auch diejenigen die dröhnend laut fordern sich hier erinnern, dass die Freiheit und die Freigebigkeit Geschwisterkinder sind.

Hergekommen aber sind wir nicht allein des Kirchturms, des gluckernden Baches und der Klosteranlage wegen, sondern weil Thomas Mann seinen letzten großen Roman Dr Faustus in weiten Teilen in Pfeiffering also in Polling spielen lässt und dieses Buch wie kaum ein Zweites mich verändert hat. Wie oft habe ich mit Else Schweigestill, deren Vorbild Katharina Schweighart sich um Thomas Manns Mutter Julia bemühte auf Adrian Leverkühn und Rüdiger Schildknapp gewartet, die mit dem Rad nach Polling fuhren und dort Limonade und Pfundskuchen bekamen. Als ich ein Mädchen war vor vielen Jahren und das Buch zum ersten Mal las, weit weg von Deutschland, da schien mir im Wort Pfundskuchen alles zu liegen, was Deutschland war, Pfundskuchen das schmeckte beim Lesen nach Sommer, nach einem Kuhhirten, nach dunklen undurchdringlichen Wäldern, nach einem Weiher in dem die Nymphen wohnten, nach herber Luft und kühlen Tonkrügen, einen Pfundskuchen in dem lag die große Verheißung und doch auch etwas was ich nicht deuten konnte, etwas so exotisches, fremdes, etwas Verlorenes und niemals habe ich selbst ein Stück Pfundskuchen probiert.

 

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„Haus Schweigestill“-Wohnort Adrian Leverkühns und Domizil Thomas Manns in Polling 

Nach dem verhängnisvollen Zwiegespräch im Steinernen Saal schließlich bezieht Leverkühn dieses Genie im Unglück die Abtsstube und ein Zimmer im Oberstock und auch wir wenden uns von der Kirche hinüber zu jenem Hof in dem zuletzt auch der Teufel die Seele des Komponisten holen würde. Ich krame in meiner Tasche nach dem Buch, der F. schaut über den Gartenzaun, denn das Haus, welches im Roman der Familie Schweigestill gehört liegt verborgen und abseits hinter blühenden Hecken. Da kommt eine Frau aus der Pforte und grüßt uns sehr freundlich. „Seit’s ihr wegen dem Thomas Mann da?“ Wir nicken begeistert und ehe wir uns versehen, sitzen wir schon im Nike-Saal, wo tatsächlich eine Nike-Figur auf dem Schrank steht, ein Klavier im Eck und wirklich hier hast es wohl stattgefunden das Ende des Tonsetzers, der Wegbegleiter hierher eingeladen hatte- Freunde hatte Leverkühn wohl nie gehabt, denn auch Serenus Zeitblom war ihm wohl ergeben, aber ein Freund, war er ihm denn auch ein Freund? Dr Fausti Weheklag so hieß das Stück, das ihm unter den Händen versagte, und ein Gast nach dem Anderen verließ den Saal, ließ Adrian Leverkühn im Stich und schließlich kam er der Speivogel und holte sich mit kalten Händen die arme Seele. Es ist die gute Seele, Else Schweigestill, die schließlich die Umstehenden angeht: „ Macht’s daß weiter kommt’s alle miteinand. Ihr habt’s ja ka Verständnis net, ihr Stadtleut, und da g’hert a Verständnis her.“ Die Frau , die uns hereinbat in ihr Wohnzimmer und uns die Absstube zeigte, und auch die wunderschöne, alte Küche, sie ist eine Schwester im Geiste, sie hat ein Verständnis und erzählt von ihrem Leben mit Adrian Leverkühn diesem Hausgeist, der immer im Schatten im Eck sitzt und sie bewegen sich vorsichtig mit der Geschichte und den Geschichten, die in Haus und Dorf mehr oder weniger sichtbar verborgen liegen. Gerettet ,erzählt sie aber hat das völlig verfallene Gebäude niemand aus dem Dorf, sondern vor Jahren ein junger Mann aus München, der einen Platz für seine Oldtimersammlung suchte und das Anwesen in Polling entdeckte und es restaurierte. Noch immer fährt der nicht immer junge Mann über die Dörfer sucht alte Schindeln, Türblätter und Dielen. So ist die Rettung des Hofes Schweigestill einem Mann zu verdanken, der Autos repariert, nachbaut und mit zähem Mut nichts gab auf die Meinung jener, die glaubten der Vierseithof sei am besten dran, wäre er planiert. Ein Autoliebhaber also als Bewahrer und ein Ehepaar, die völlig fremde Menschen in ihr Haus bitten, offen und zugewandt und nach fünf Minuten schon sind wir keine Fremden mehr, sondern stecken schon mitten im Buch, in den Figuren und bedauern das fürchterliche Ende des kleinen Nepomuk Schneidewein, dem engelhaften Kind, das alle Welt nur Echo rief. Denn wie das so ist, man mag Häuser suchen, aber findet Menschen und ihre Geschichten.

 

Dann aber offene Türen soll man nicht überstrapazieren, wenden wir uns der anderen Seite des Dorfplatzes zu. Im weißen Haus gegenüber wohnte Julia Mann, ab 1903 immer öfter und schließlich ab 1906 dauerhaft. Eine Idylle aber, die es doch eigentlich ist, mit rauschendem Bach und dem Kirchturm gegenüber hat es hier nie gegeben, denn im Juli 1910 nahm sich ihre Tochter Carla, kaum 29 Jahre alt das Leben. Nachgestellt ist dieses entsetzliche Szene im Buch und es ist Clarissa Rodde, die im Schlafzimmer ihrer Mutter mit Gift gurgelt und tot auf dem Kanapee gefunden wird. Julia Mann wird den Tod ihrer Mutter nicht verwinden und das Dr Faustus kein heiteres Buch ist, sondern eine Geschichte an Abgründen reich, kann nicht überraschen. Wir aber folgen dem Wanderweg, der vor einigen Jahren in Angedenken an Thomas Manns Leben und Werk eingerichte wurde. Vom Ammerberg aus sehen wir auf das Dorf und den Kirchturm hinunter. Eigentlich ist es noch zu kühl aber trotzdem wir fallen ins Gras, der F. zählt Wolken und ich lese ihm vor. Schließlich dräut ein Gewitter, aber die dunklen Wolken lassen uns einmal aus. Stattdessen Vogelgesang, ein stiller Weiher, grasende Kühe, von fern die Alpen, grün wiegen sich die Wipfel im Wind und für fünf Kilomter wandern wir noch einmal durch ein Deutschland, das es nicht mehr gibt und vielleicht auch nur in einem Schreibtisch in Pacific Palisades erfunden wurde als schimmernder Abglanz mit unergründlichen Tiefen, die sich in Pfeiffering, auch Pfeffering gennant, eigentlich aber Polling verdichtet haben, noch immer, noch heute.

Polling liegt abseits der Wege, dennoch es lässt sich kaum ein schönerer Sonntag als dort verbringen. Von München aus mit der Bahn nach Weilheim ( am Wochenende gibt es keinen Busverkehr zwischen den beiden Orten.) Wir wanderten zu Fuß die 3, 7 km auf dem Prälatenweg nach Polling. Der Dr Faustus Wanderweg, der im Ort beginnt, umfasst 5 Kilometer und bietet Ausblicke und Geschichten. Im Wirtshaus des Ortes gibt es mannshohe Torten und sehr guten Apfelstrudel.

Wie immer gilt: selbstbezahlt, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

 

Unterwegs zwischen Weilheim und Polling.

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Weilheim, Marktplatz 

Um 6 Uhr 30 ziehe ich vorsichtig an der Zehenspitze des ehemaligen, geschätzten Gefährten der selig schläft. Der F. knurrt wie ein alter Kettenhund und schlägt dann doch die Augen auf. „ Warum murmelt er, kann man mit dir nicht ein einziges Mal etwas wie normale Menschen machen? Ausschlafen und dann in der Sonne sitzen? „F. sage ich, mach schon, der Zug fährt bald.“ Der F. rappelt sich müde hoch und verschwindet knurrend im Badezimmer. „Ein Wanderer bestimmt der F. braucht sich nicht rasieren.“ Ich nicke. „Soll sein“ sage ich und der F. schlüpft gähnend in blaues Hemd und derbe Schuh. „Wir werden einregnen“ knurrt der F. noch immer finster und sieht auf die regennasse Straße. „Ach was sage ich, da hinten wird es schon heller.“ Was der F. darauf erwidert, das will ich lieber nicht wiederholen. Haidhausen schläft noch und der F. gähnt demonstrativ. Der F. findet die U-Bahnwagen alt und gräulich und äußert seine Meinung zum Zustand der Münchner Verkehrsbetriebe so laut und deutlich, dass ein Mann mit gewaltig, gezwirbeltem Schnurrbart verächtlich zu uns herübersieht. Den Bahnhofscafé findet der F. verwässert und das Kipferl behagt ihm nicht, zu wenig Nussfüllung und zu viel Streuzucker. Dann geraten wir in eine Gruppe gestrandeter Junggesellen, die ihre Trunkenheit zu rosa Tutus über schwarzen Jeans tragen und mehr taumeln als gehen, einer der Herren speit dem F. vor die Füße. „Du bist schuld“ war noch einer der harmlosesten Bemerkungen. „Weißt Du das Du mich einmal heiraten wolltest F.?, sage ich. Der F. schüttelt den Kopf: „ Ich habe nie aufgehört dich heiraten zu wollen“ erwidert er, nur Du wolltest mich nicht heiraten.“ Ich verzichte darauf den F. an die Umstünde seines Heiratsersuchens zu erinnern. Dann kommt der Zug. Der F., sieht sehr gierig auf meine Butterbrezel. „ Magst Du die Hälfte? Der F. knurrt Zustimmendes und ich reiche die Brezel weiter. Aber auch die Brezel findet wenig Gnade: „Die Butter ist ja kalt und steinhart“ klagt der F. und ich seufze. Aber was ich nicht kann, können ab Starnberg die Alpen und F. eben noch grummelnd und finster die Brauen verziehend, strahlt. Wir Flachländler kennen das ja nicht: Schneebdeckte Berge und F. strahlt und drückt die Nase ans Fenster und schwärmt vom Alpenland. Ich atme aus. Vergnügt ißt F. die Laugenbrezel, trinkt meinen Kaffee gleich mit aus und wenigstens einer von uns beiden erreicht wohlgestärkt Weilheim.

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Kirchturm 

Gerade läuten die Glocken zur Messe und wir eilen zur Kirche Mariä Himmelfahrt, denn unsere Wanderungen durch Deutschland haben uns eins gelehrt: will man in eine Kirche, dann gelingt das am Besten wenn Messe ist, denn fast immer rüttelt man vergeblich an den schweren Kirchentüren und so sitzen auch wir in den Kirchbänken. Mit uns sitzen dort nur alte Leute. Frauen trotz der schwülen Wärme mit Wollhüten und die Männer tragen schwere Janker. Prächtig ist die Kirche von Innen. Glitzer und Gold und mitten im Kirchschiff eine goldene Uhr. Ob sie wohl die Gläubigen an die nimmermüde Sanduhr die unser Leben bemisst erinnert, oder den Pfarrer an den Fortgang der G*ttesdienstes mahnt, weiß ich nicht. Der F. jedenfalls singt dröhnend und freudig die angeschlagenen Lieder. Leider wird das Ganze auf dem Keyboard begleitet und niemand spielt auf der schönen Orgel. Immer habe ich das am F. bewundert, seine Fähigkeit nämlich an jedem Ort, sich unmittelbar hineinversetzen zu können und immer ist es als sei F. in Weilheim der Vorsitzende des Männergesangsvereins. Der Priester wird später bedauern, dass der F. nicht etwa in Weilheim lebt, sondern im g*ttlosen Berlin, auch die Frau des Krämers die es wohl in jedem Ort gibt mache ich aus, eine energische Person, die jedem die Hand gibt, und sich ganz genau wie ihr irisches Pendant mit scharfem Blick auf die Wunden der Anderen stürzt. „Na, wie geht es denn dem Herrn Sohn?“ Noch einmal sehen wir zur Kuppel der Kirche hinauf, die ganz anders als St. Sylvester über dem Ort steht, und gerne schriebe ich dem Priester in Irland eine Karte, aber es gibt leider keine und die Geschäfte, die eventuell, unter Umständen eine Karte haben könnten, haben alle geschlossen. Geschlossen hat auch die erste Konditorei am Platze und vor den Häusern gibt es wenig Blumen aber dichte Gardinen. Wir aber drehen nur eine kleine Runde, sehen der hiesigen Frau des Krämers zu wie sie sieben Schritte vor ihrem Mann einherschreitet. Alles an ihr ist Würde und wohl kalkulierte Macht. Im Sportgeschäft des Ortes kann man gerne auch noch mit D-Mark bezahlen, im Brunnen kühlen wir uns die Hände, in der Bäckerei kaufen die Leute Semmeln und die Bild am Sonntag, die Eisdiele hat auch geschlossen und gerade stellt die Inhaberin des Cafés Rosalie die Stühle heraus. Nicht viel aber erinnert mehr daran, dass Weilheim für viele Jahre, ja Jahrhunderte fast das Zentrum der Schnitzkunst und Bildhauerei war. Hans Krumpper ist nur mehr ein Straßenname.

 

Wir aber wenden uns stadtauswärts, gehen ein bisschen irr, bevor wir dann doch den Prälatenweg finden, der auf direkter Linie und abseits der Autostraße Weilheim und Polling miteinander verbinden, denn immer schon seit ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Dr Faustus in den Händen hielt, wollte ich einmal nach Pfeiffering auch Pfeffering genannt wandern, in das Polling also, das Thomas Mann sich zur Vorlage nahm für einen guten Teil der Lebens- und Leidensgeschichte des so unglücklich beladenen Adrian Leverkühn, dessen Genie eben nicht für sich stehen durfte, sondern im Bunde mit dem Teufel war. Ähnlich also, wenn auch zu Fuß und nicht mit dem Fahrrad, gehen auch wir wie einstamals Rüdiger Schildknapp und Adrian nach Polling herüber und wem auf dem Prälatenweg nicht das Herz aufgeht, ich glaube dem ist nicht mehr zu helfen in der Welt, denn schöner könnte es kaum sein. Eine lange gerade Straße, links und rechts blühende Wiesen, Streuobstbäume zu beiden Seiten, vor uns aber majestätisch im ewigen Eis die Alpen, geradewegs auf sie zu wandern wir, stecken uns Löwenzahn ins Haar und teilen uns Nussschokolade auf einer der vielen Bänke. Niemand außer uns beiden wandert die Strecke entlang, so können wir Lieder pfeifen, unsere Schatten jagen und schließlich ehe wir uns recht versehen, passieren wir schon das Ortsschild von Polling. Hoch steht die Sonne, obschon sich die Wolken dramatisch türmen es rauscht ein Bach und vorsichtig treten wir ein in einen Ort der Geschichten, der Geschichte und der Phantasie. Wie es uns aber in Polling erging, ob wir vielleicht sogar Else Schweigestill trafen und ob das Gewitter uns am Ende doch noch erwischte, davon sei morgen erzählt, denn für heute ist es genug.

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