Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.

Der Fuji, zwei Seile und ein Schatten

Eines Tages sagte der Tierarzt: „Mädchen, ich will noch einmal die Berge sehen. Unser Fenster geht zum Meer hinaus. So nah ist das Meer, dass ich vergessen konnte wie viele Jahre der Tierarzt auf den Fuji sah. Aber bis auf den Fujischaffen wir es nicht mehr. Das wusste der Tierarzt und ich wusste es auch. „Kafka war in der Hohen Tatra“, sagte ich. „Glaubst du die Tatra kann auch der Fuji sein.“ Der Tierarzt nickte. „Mädchen, der Fuji kann überall sein.“ „Dann fahren wir in die Hohe Tatra sagte ich. Zu Kafka und zum Fuji.“

„Das ist Wahnsinn“ sagte die Frau des Krämers dunkel. Dann erzählte die Frau des Krämers ihre Lieblingsgeschichte vom alten Herrn G., der obwohl schwer krank einen Bus bestieg um nach Barcelona zu fahren, wo er auf einer Parkbank sitzend erst noch Sangria trank und lustig wurde, nur um darüber zu versterben. „Der Tierarzt trinkt keinen Sangria- wissen Sie wie viele Kalorien das hat?“, sagte ich. Die Frau des Krämers aber war noch nicht fertig mit der Geschichte von Herrn G. „In einem Zinksarg ist er zurück gekommen. Verplombt war der Sarg. So findet ein jeder das Ende, das er verdient.“ Ich tat so als hörte ich nicht. Aber etwas vom Zinksarg blieb doch an mir kleben.

„Ist das nicht Wahnsinn, fragte ich meine liebe C. mit einem Schatten in die Berge zu ziehen?“ Was mache ich, wenn der Tierarzt und sein Schatten immer länger werden mitten auf dem Berg? „Dann trägst du ihn“, sagte die liebe C. Sagte es so, dass ich es glaubte. „Der Tod lässt sich nicht von dir in die Karten sehen“, das war es was sie sagte. „Der Tod“, sagte ich zu ihr und ich wir sind zu enge Bekannte.“ Sie nickte und schenkte mir eine Wanderkarte.

Vor der Abfahrt ging ich in einen dieser Läden, die voller Menschen sind die auf den Nanga Parbat kraxeln oder in einen Vulkan sehen oder über Eisgletscher rutschen. Ein Mann, der aussah als würde er auf dem Everest frühstücken, fragte mich was ich suchte. „Ein Seil für einen Schatten und ein Seil vor dem der Tod sich fürchtet, brauche ich. Mit Karabinerhaken. Der Mann sah mich fragend an, aber ich nickte. Zwei Seile brachte er mir. „Wo wollen Sie denn hin?“ Auf den Fuji sagte ich. Ich kaufte zwei Seile und Karabinerhaken, aber den zögerlichen Blick des Verkäufers, den ließ ich liegen. Lange hielt ich die beiden Seile in der Hand. Wog sie auf gegeneinander. Welches hält den Schatten? Vor welchem fürchtet sich der Tod?

Ich beschloss das längere Seil für den Tod zu behalten. Wer weiß vielleicht ist der Tod auch nur ein ganz gewöhnlicher Rodeoreiter und lässt sich einwickeln und bevor er sich befreit sind wir schon in einer Tannenschonung verschwunden. Die Seile und die Haken legte ich in den Rucksack.

Der Tierarzt sah die Seile und sah mich an: „So hoch hinaus?“

„Der Fuji sage ich ist 3776 Meter hoch. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Wer weiß schon, ob nicht plötzlich Nebel kommt oder ein Rodeoreiter oder ein junger Bär. Ein Seil hält viel aus.“

„Zwei Seile Mädchen“, flüstert der Tierarzt. „Zwei Seile liegen da in deinem Rucksack.“

„Ja“, sage ich.

Vor dem Fenster sehe ich die Berge und nicht mehr das Meer.

Stumm sind die Berge, schiefergrau, ein Berg sieht aus wie ein schlafender Riese. Vielleicht schlief er ein der Riese, müde geworden vom Stapeln der Steine. So viele Berge und schon fiel er hin und seine Müdigkeit war grenzenlos. So lange man geht und Steine stapelt, merkt man nichts von der Müdigkeit, nur wer sich hinlegt, der kann liegen bleiben.

Tannen wachsen auf den Bergen. Dann hören sie auf. Moos vielleicht noch, Gräser und Gestrüpp. Da hinauf wollen der Tierarzt und ich.

Was hat ein Jud im Gebirg zu suchen?, frage ich mich. Aber das gilt nicht.

Der Tierarzt trägt den Schatten. Ich trage den Rucksack. Vorsichtig prüfe ich noch einmal die beiden Seile. Schwer liegen die Seile in meiner Hand. Was hält ein Seil.

Skalnaté pleso heißt der Fuji auf den wir steigen.

Er schweigt der Berg, auch er schweigt. Verrät nichts. Wir gehen los. Lassen die Seilbahn liegen. Zu dünn kommt auch mir das Seil vor, das die schaukelnden Kabinen hält.

Schon sind wir verschwunden in den Tannen. Ich mit klopfendem Herzen und zugedrücktem Magen. Sitzt nicht oben auf dem Gipfel der Tod auf einem Stein, lacht schon, klopft die Sense auf einem Stein aus, wartet auf mich. Aber in meinem Rucksack, da ist auch das Seil.

Langsam gehen wir der Tierarzt, der Schatten, die Seile und ich.

Geröll unter den Schuhen, Wurzeln, so hoch wie vier Treppenstiegen. Manchmal fällt der Tierarzt einfach ins Gras. Bleibt liegen. Atmet schwer. „Einen Moment noch Mädchen ja?“

„Ja“, sage ich.

Der Tierarzt steht immer wieder auf.

Viele Stunden brauchen wir bis zum See. 1751 Meter steht auf dem Schild.

Ich sehe mich um. Ein Mann ißt einen Apfel auf einem Stein. Der Tod hat keinen Appetit denke ich. Kein Rodeoreiter. Der Berg nebenan, der schlafende Riese schläft.

Dann setzen wir uns ins Gras. Einen Zettel ziehe ich aus der Tasche. Yamabe no Akahito sage ich war ein anderer Wanderer und ein Dichter und vielleicht

Seit Himmel und Erde
sich voneinander schieden,
steht, ein Gottesmal,
in erhabener Größe
über Suruga
hoch der Gipfel des Fuji.
Zu Himmelsfluren
den Blick erhoben, siehst du
der wandernden Sonne
Licht sich hinter ihm bergen,
des hellen Mondes
Schein hinter ihm verschwinden.
Die weißen Wolken
scheuen sich, ihm zu nahen,
und unversehens
senkt sich die Wolke nieder.
Weiter erzählen,
weiter berühmen will ich
Fuji, den hohen Gipfel.

Zitiert nach:Yamabe no Akahito übersetzt von Wilhelm Gundert. In: Lyrik des Ostens. Hrsg. von Wilhelm Gundert et al. Hanser Verlag. München 1978, S. 397 f.

Dann sehen wir hinauf in den Himmel und der Schatten verschwindet. Viellicht ist der Tierarzt wirklich auf dem Fuji und nur ich sitze noch in der Slowakei. Vielleicht hält er Kirschblüten in der Hand oder Schnee oder die Hand einer Frau, die ich nur von Bildern kenne, vielleicht ißt er Tonkabohnenpaste oder salzige Edamame. Lange geht der Tierarzt auf dem Fuji umher und ich warte in der Slowakei.

In einem anderen Leben, auf einem anderen Berg umher geht der Tierarzt und neben mir auf dem Stein sitzt ein Feuersalamander. So sitzen wir im kühlen Gras. Irgendwann kommt der Tierarzt zurück aus Japan, ein großer Schritt vielleicht vom Fuji hinunter zum Skalatné Pleso. Blau ist der See. Kalt und weich ist das Wasser. Kaum ein Schatten über dem Wasser.

So erschöpft ist der Tierarzt vom Fuji.

So zittern mir die Knie.

Wir gehen in die Bergütte hinüber.

Der Tierarzt trinkt Tee. Ich trinke Kofola.

In der Hütte sind Bergesteiger.

Ich ziehe die zwei Seile aus dem Rucksack.

„Zwei Seile sage ich“, eins ist stärker als Tod und das andere hält den Schatten fest. Haben Sie Verwendung dafür?“

Der Mann hinter der Theke hat schon ganz andere Geschichten gehört. Das sehe ich gleich.

Er nimmt die Seile.

Er hängt sie an einen Haken.

„Seile wie diese werden gebraucht“, sagt er.

Ich nicke.

In der Seilbahn fahren wir herunter ins Tal.

Die Gondeln schaukeln.

Es weht immer ein leichter Wind auf dem Fuji.

Professor mit Panther.

Der Tierarzt schleicht wie ein nervöser Panther zwischen Küche und Arbeitszimmer hin- und her. Selbst die Katze, die durch nichts außer einer nassen Hundezunge, vielleicht aus der Ruhe zu bringen ist, sieht irritiert zum Tierarzt herüber.

Ich sitze am Küchentisch und schreibe an etwas herum und während ich das tue, tauche ich Schokoladenkekse in ein Milchglas.

Der Tierarzt findet diese Praktik ähnlich irritierend wie die Katze die Hundezunge.

Der Hund lechzt indes ebenfalls nach einem Keks.

Die Katze ist sicher unsicher, ob sie nach etwas nach lechzen sollte, was den Hund erfreut. Auf der anderen Seite ist Milch im Spiel. Die Katze würde eine Kralle opfern für die gute Milch.

Aber der Tierarzt bemerkt nichts zum getauchten Keks, sondern rennt ins Arbeitszimmer zurück. Dort liegt sein Habilitationsvortrag. Ich kann den Titel nicht buchstabieren, aber es geht um Parasiten, die bei Kühen zu Augenkatarakten führen.

Ich ziehe meine Augenbraue in die Höhe und sage: „Tierarzt Du schleichst wie Rilkes Panther umher.“

Der Tierarzt bleibt abrupt stehen. „Diese Deutschen“, sagt er und dann sagt er etwas was verdächtig nach Hasardeure klingt. „Rilke hatte tatsächlich einen Panther?“, fragt der Tierarzt mich dann doch noch einmal.

„Jein, sage ich, Rilke hatte ein lyrisches Ich, welches sich als Panther herausstellte.“

„Das sagst Du doch nur weil Du Rilke nicht leiden kannst, sagt der Tierarzt, der natürlich weiß, dass ich wenn andere Menschen heimlich Pornografie konsumieren, ich mit schlechtem Gewissen Rilke-Gedichte lese, den ich doch von ganzem Herzen verachte, weil er gegen Karl Kraus und Sidonie von Nadherny intrigierte.“ „Bestimmt hatte Rilke wirklich einen Panther auf dem Teppich liegen“, murmelt der Tierarzt und wäre nicht sein Habilitationsvorrtrag so bin ich mir sicher, hätte der Tierarzt eine Rilke-Gesellschaft mit der Frage ersucht, ob Rilke seinen Panther vielleicht in einem sehr großen Hundewägelchen durch den Bois de Boulogne gefahren hat.

So aber rauft sich der Tierarzt verzweifelt das Haar und sagt: „Mädchen, es wird ein Katastrophe.“

„Tierarzt“, sage ich, da Du Kälbchen nicht mit in den Hörsaal nimmst, in dem Du die Antrittsvorlesung hältst, kann nichts schief gehen.

Der Tierarzt knurrt böse: „Ich hatte mir von Dir Trost und Hoffnung versprochen und Du hackst wieder nur auf Kälbchen herum.

Ich lege den Stift aus der Hand und sage: „Tierarzt, ich habe noch nicht einmal angefangen Kälbchens Untaten der letzten zwei Tage aufzuzählen, Du hast Dir zu dem nicht Hoffnung und Trost versprochen, sondern in mir ein Mietklageweib gesehen, welches mit Dir zusammen den Vortrag zerreißt, um dann in Heulen und Zähneklappern auszubrechen. Aber da mir meine Zähne lieb sind und ich deinen Vortrag eh kopiert habe und ich verweint schauderhaft aussehe, würde ich gern darauf verzichten und lieber wohl geordnet im Hörsaal erscheinen.

Der Tierarzt starrt mich an und selbst die Katze sitzt irgendwie straffer als sonst auf dem Sessel.

Nur der Hund sieht die günstige Gelegenheit einen Keks zu erhaschen.

Der Tierarzt murmelt etwas von in der Stunde höchster Not verlassen, aber vielleicht sagt er auch etwas über ein Mädchen in Gestalt eines schwarzen Panthers, so genau habe ich es nicht gehört, denn das Tuten des 14-Uhr Schiffs kam dazwischen.

Der Tierarzt schüttelt seine Notizen.

„Was ist wenn alle anfangen zu lachen?“

„Tierarzt sage ich, niemand würde über bedauernswerte Kühe lachen, die schlecht sehen.“

Der Tierarzt sieht zweifelnd zu mir herüber: „Darf ich dich daran erinnern, dass Du sehr laut gelacht hast, als Kälbchen in die Schlammpfütze rauschte und mitleidserregend blökte?

„Darf ich Dich daran erinnern, dass Kälbchen mir anderthalb Minuten zuvor mit voller Absicht eine Ladung gut durchgekautes Gras ins Gesicht gespuckt hat?“

Der Tierarzt schweigt beleidigt.

Dann aber sehe ich auf die Uhr und der Tierarzt bindet sich die Krawatte, wählt eine andere Krawatte, verwirft alle Krawatten und ich binde schließlich einen englischen Knoten.

Dann fahren ein bleicher Tierarzt und ich in die Uni.

Der Tierarzt trägt über Kuhaugen vor.

Der Tierarzt fährt sich vor lauter Nervosität viermal durchs Haar und danach sind die kritischsten Gesichter voller Swoon und Swish und Wow.

Applaus, ein Blumenstrauß, Händeschütteln, bekannte Gesichter, neue Kollegen, der Tierarzt blass, erleichtert und immer, immer schattenschmal. Irgendwann später fahren wir nach Haus. Das heißt erst einmal zur Kälberweide. Ich stecke dem Tierarzt ein Geschenk in die Jackentasche, wir liegen im Gras und zählen Wolkenschafe, dann klettern wir doch auf den Zaun und Kälbchen fischt nach Mohrrübenstücken und Apfelvierteln. Aber Kälbchen wäre nicht Kälbchen, stieße es mit seinem breiten Schädel nicht den Tierarzt vom Zaun herunter.

Lachend halte ich dem Tierarzt meine Hand herunter: „ Herr Professor brauchen Sie eine Hand?“

Der Tierarzt japst: „Wenn ich bitten darf Fräulein Doktor?“

„Aber von Herzen gern Herr Professor“ sage ich und ziehe den Tierarzt wieder nach oben.

Selbst Kälbchen grinst verschlagen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Mädchen, weißt Du, dass ich bei meinem Account bei Seriöse Singles bei Vorlieben, Humor angegeben hatte?“

„Weißt Du, dass ich wenn ich einen Account bei „Seriöse Singles“ gehabt hätte unter Haustier: Panther angeben würde?“

Diesmal muss der Tierarzt lachen und fällt prompt ein zweites Mal vom Zaun.

Aber so ist das wohl, mit jedem Titel kommen neue Bürden oder neue Tiere. Wer weiß das schon.

Vom Suchen und Finden

Manche Tage so glaubt man können gar nicht mehr schlimmer werden und während man so vom Bahnhof zurück ins Oberland mehr schwankt als geht, murmelt man vor sich hin: „Immerhin kann es heute nicht mehr schlimmer kommen“ und dann kickt man wie ich einen Stein vor sich hin und stößt sich den Zeh und lässt es lieber bleiben.

Aber als ich mit der Nasenspitze schon fast gegen den Kirchturm St Sylvester stoße, läuft mir der Tierarzt in offenen Hemdsärmeln entgegen. Der Tierarzt ist aufgelöst. Der Tierarzt ruft: „Der Hund ist verschwunden.“ Ich sage: „Hast Du gerade gesagt der Hund ist verschwunden?“ Man muss nämlich wissen, dass der tierärztliche Hund sehr alt ist. Der Hund hat eine graue Nasenspitze, graue Ohren und graue Pfoten. Am liebsten liegt der Hund auf dem Teppich vor dem Fenster mit Meerblick und ruht. Man muss dazu aber auch wissen, dass der tierärztliche Hund zwar wie alle tierärztlichen Tiere sehr eigensinnig, aber auch sehr gefräßig ist. Klappert man mit einer Schüssel, in der sich beispielsweise Weintrauben befinden, hat man sieben Sekunden später eine Hundeschnauze im Knie und siebzehn Sekunden später ist man in der Tat davon überzeugt, dass der tierärztliche Hund wirklich kurz vor dem Hungertod steht, bekommt er nicht sofort etwas zu fressen angereicht. Man muss weiter wissen, dass der tierärztliche Hund anders als alle anderen Tiere des Haushaltes, sehr viel Gefallen daran findet sich wie ein Mehlsack auf jedes Paar Füße in Reichweite fallen zu lassen, um dann sehr lange und ausgiebig gestreichelt zu werden. Ansonsten gibt es über den tierärztlichen Hund zu sagen, dass er eine Vorliebe für alle Form von Schlappen hat, die er mit Hingabe und großem Enthusiasmus zerkaut. Man kann also sagen für einen so seltsamen Haushalt wie den unsrigen ist der tierärztliche Hund wie gemacht. Der Hund ist immer da.

Aber der Hund ist nicht da.

Der Hund kommt nicht als wir gegen alle Töpfe im Küchenschrank klappern.

Der Hund liegt nicht halb unter dem grünen Sofa verborgen, wo er sich so gern am Abend die Pfoten im letzten Sonnenlicht wärmt.

Der Hund liegt nicht unter den Bettdecken vergraben, die er so liebt, nicht zuletzt auch deshalb weil es dem Hund strengstens untersagt ist, auf das Bett zu springen. Aber den Hund kümmert das natürlich nicht, wie alle Tiere im Haus und auf der Wiese ohnehin tun, was ihnen in den Kopf kommt.

Der Hund balgt sich nicht mit der Katze um eine Untertasse Milch.

Die Befragungen derselben Katze über den Verbleib des Hundes bleiben ergebnislos.

Der Tierarzt ruft: Oh liebster unter den Hunden so komm doch zurück.

Die Katze grinst hämisch.

Ich verwarne die Katze streng.

Die Katze springt eingeschnappt auf den Sessel und krallt sich in meine Lieblinsgsstrickjacke, ich fauche, die Katze faucht, die Katze gewinnt und dreht mir den Rücken zu.

„Müsst ihr immer streiten?“, schluchzt der Tierarzt.

Ich renne in den Garten.

Im Garten ist kein Hund.

Wir rennen auf die Schafweide hinter dem Haus.

Auf der Schafweide blöken die Schafe, aber unter den weißen Wollkugeln blitzt nirgendwo Hundefell hervor.

Ich habe Seitenstechen.

Wir rennen zum Strand.

Ich sage dem panischen Tierarzt lieber nicht, dass der Hund einen noch schlechteren Orientierungssinn hat als ich. (Das ist keine gute Nachricht.)

Am Strand ist kein Hund.

Wir rennen panisch ins Oberland zurück.

Wir drehen das Haus um und suchen auch im Eisschrank nach einem großen Retriever.

Im Eisschrank ist kein Hund. Auch nicht in der Speisekammer, im Bettkasten, oder im Kleiderschrank.

Der Tierarzt schluchzt nach seinem Hund.

Ich schlucke.

Inzwischen ist es dunkel.

Der Tierarzt schluchzt: „Vielleicht wollte der Hund ja Kälbchen besuchen?“

Aber ich glaube das nicht. Denn aus Kälbchens Kindertagen,als Kälbchen auf dem Sofa ruhte, da erinnere ich noch zu gut, wie der Hund glaubte in Kälbchen einen großen Hundebruder gefunden zu haben glaubte, nur um herauszufinden , dass von Kälbchens Dickschädel nicht nur metaphorisch zu sprechen ist.

 
Ich greife nach einer Taschenlampe und springe über die Gartenmauer. Stellen sie sich keine Gazelle vor, denken Sie an ein Shetlandpony, das mit gebleckten Zähnen über einen Wassergraben hechtet und weil es ja schon dunkel ist und der Tag besonders schrecklich war, bleibe ich an einer Mauerkante hängen. Rums. War das mein Kinn oder Knie? Knie entscheide ich, das ist nicht so schlimm.

Dann renne ich durch den Pfarrgarten und als ich wieder umdrehen will, stolpere ich über eine große Wurzel beim Fliederbusch. Diesmal ist es wirklich das Kinn. Die Wurzel ist ein großes Fellbündel. Für einen kurzen und sehr langen schrecklichen Moment fürchte ich, der Hund sei tot. Dann höre ich es schnarchen. Der Hund schnarcht. „Mäuschen“, rufe ich und kitzle den Hund unter dem Kinn. Der Hund rollt sich zur Seite und schleckt mir freudig mit der Zunge über die Hand und dann realisiert der Hund, dass er doch tatsächlich das Abendbrot verschlafen hat. Der Hund und ich tappen zurück in unseren Garten. Der Tierarzt wirft sich dem Hund entgegen, der Hund ist begeistert von so viel Aufmerksamkeit und der riesige Hund liegt auf dem Schoß des schmalen Tierarztes und der Hund ist außer sich vor Glück, denn das grüne Sofa ist für Vierbeiner strengstens verboten, vor allem scharfen Katzenkrallen ist dortiger Aufenthalt untersagt und der Hund wälzt sich triumphierend vor den Augen der Katze auf dem Sofa umher und kaut auf einem Pantoffel. Der Tierarzt schluchzt vor Seligkeit. Die Katze starrt mit ganzer Verachtung auf Tierarzt und Hund. Denn die Katze liebt den Tierarzt, aber gerade liebt die Katze den Tierarzt ganz und gar nicht.

 
Ich lasse dem Tierarzt die Seligkeit und der Katze die Eifersucht. Im Badezimmer besehe ich mein Kinn. Es ist ein angeschlagenes Kinn, morgen früh wird das Kinn blau sein, es ist ein Kinn wie gemacht für das Ende eines schrecklichen Tages. Dann mache ich das Licht aus, denn wer weiß ob einen ein schrecklicher Tag nicht auch noch unter der Bettdecke findet.

Verschwommene Sicht

Am Freitag Abend ganz gegen alle Gewohnheiten und zum Verdruss der tierärztlichen Kinofreundin: im Kino gewesen, weil Isabelle Huppert durch Cannes läuft und ich mich doch jedes Mal noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verliebe. Wenn Sie sich auch noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verlieben wollen, dann gehen Sie doch auch ins Kino und sehen sich Claires Cameraan. Das ist ein erstaunlicher Film nicht nur wegen Isabelle Huppert.

Spät war es schon als der Film zu Ende war. Denn einen Film, den sich nur die Mitarbeiter der französischen Botschaft ansehen und ein Tierarzt und ich,der läuft nur im Spätprogramm und so gähne ich siebenundzwanzig Mal als der Film zu Ende ist. Die Stadt aber ist noch wach. Die Stadt ist betrunken. Vor dem Kino stehen Männer mit Heineken-Dosen und grölen, vor einem Pizza-Laden stehen Männer und Frauen mit Heineken –Dosen, ein Mädchen kotzt auf die Straße, ein Mann ißt Pizza, alle trinken Bier und während wir die Straße hinuntergehen wiederholen sich diese Bilder. An einer Ampel stehen zwei Mädchen. Die Mädchen weinen und ich frage: „Seid ihr in Ordnung?“ Das ist immer eine so dumme Frage, denn sie sind es ja nicht. Es folgt eine komplizierte Geschichte aus zu viel Alkohol, einer gerissenen Rocknaht und einer Gruppe Jungs auf der Straße gegenüber, die wir dann auch sehen, die Jungs trinken Bier und rufen: „Look a these sluts“, einer der Jungen ist der Boyfriend des Mädchens und er ruft mit und die Jungs lachen und grölen und trinken und die Mädchen an der Ampel sind auf einmal nicht mehr fünfzehn oder sechszehn und das Mädchen sagt: „Ich will nach Hause.“ Der Tierarzt winkt ein Taxi, die Mädchen zählen Geld, wir legen Geld dazu, damit es wirklich reicht und die Mädchen steigen ein. Die Jungs rennen dem Taxi hinterher, klopfen an die Scheibe, und filmen die Mädchen. Dann wird das Taxi schneller und die Jungs öffnen neue Bierbüchsen. Wir gehen die Straße hinunter, wir müssen uns ein bisschen beeilen, denn wir sind nicht mit dem alten, roten Volvo in die Stadt gefahren, sondern müssen zusehen, dass wir den letzten Bus in das Dorf vor unserem Dorf noch erwischen, den Rest können wir laufen. Aber wie wir im Bus sitzen und durch die Dunkelheit fahren, langsam wird aus der Stadt Wohngebiet und dann werden die Häuser weniger und die Stadt hört auf. Vielleicht liegt das Problem in meiner Nüchternheit, ich trinke nicht und tränke ich, vielleicht fände ich die Nacht ganz normal und würde auch an einer Straßenecke stehen und Bier trinken. Aber so wundere ich mich doch, denn tagsüber sind die Jungen sicherlich gute Söhne, Rugby Spieler, Studenten, Lehrlinge, die ihren Freundinnen versichern, sie würden sie lieben. In der Nacht aber mit dem Bier in der Hand ist davon nichts mehr übrig. A night out with the lads, some fun, just joking, didn’t mean it like this und wie sehr wir uns alle gewöhnt haben, dass man am Freitagabend in Dublin eben betrunken ist und auch ich wundere mich lange schon nicht mehr über Männer, die an Bushaltestellen pinkeln, auf die Straße speien, immer schon das nächste Bier in der Hand. Es ist doch nichts passiert, heißt es dann und just some fun, you know, that’s what lads do. Es müsste auch andere Nächte geben denke ich, Nächte die milder sind, mildere Menschen müssten in diesen Nächten zugegen sein. In Dublin sind sie es nicht. Dann hält der Bus, vier Kilometer durch die Nacht. Der Wind, das Meer, die Hecken so vertraut am Tag, sind fleckige, undeutliche Schatten mitten in der Nacht. Lange nicht schlafen können. Undeutliche Träume.

Am nächsten Morgen legt mir der Tierarzt eine Hand auf die Stirn. „Hmm“, sage ich, Hmmm, hmmm, hmmm.

„Mädchen, flüstert der Tierarzt, es ist etwas Schreckliches passiert.“

Ich wühle mich aus Decken, Schlaftuch und Kissen hervor. Aber das Dach ist noch da sage ich

„Das Dach ist noch da“, sage ich, „also kann es nur noch halbschrecklich sein.“

Aber der Tierarzt flüstert noch immer: „Mädchen, ich habe deine Brille zerbrochen.“

„Was?“, sage ich und dann sage ich nichts mehr, sondern kneife die Augen zusammen, um den Tierarzt anzusehen, denn ich sehe wirklich sehr, sehr schlecht.

„Deine Brille, ich habe deine Brille zerbrochen.“ Unwiderruflich, ich habe sie gleich weggetan, damit Du Dich nicht noch mehr ärgerst, wo Du schon nichts mehr siehst.“

Mich überfällt Verzweiflung und ich tappe zum Müllkübel. Nach Inspektion der total zerstörten Brille, stolpere ich über den Hund, und falle auf das Sofa. Dann schweige ich sehr lange und zähle langsam bis 225.

„Mädchen, Du sagst ja gar nichts“, murmelt der Tierarzt.

Ich blinzle wieder und schlucke, denn ich sehe nichts und die Ersatzbrille liegt -wie passend- auf dem Schreibtisch in Berlin.

„Ich brauche einen Flug nach Berlin“ krächze ich.

Der Tierarzt nickt.

Die nächste halbe Stunde vergeht mit hektischen Flugüberlegungen, organisatorischem Geschiebe und einem an der Tür gestoßenen Zeh.

Dann ist es erledigt und mehr kann ich nicht machen, denn ich sehe quasi fast nichts. Die Welt bleibt also verschwommen und nachdem ich ein weiteres Mal bis 225 gezählt habe, komme ich zu dem Schluss, dass Ärger über nicht zu ändernde Dinge nicht weiterhilft.
Ich seufze, wasche mir Haare, Haut, Füße und ziehe mich an. Dann suche ich den Tierarzt: Ich rufe: Tierarzt, Hund geh aus dem Weg, Katze schleich dich. Aber den Tierarzt finde ich nicht. Ich rufe: Hund, wo ist der Tierarzt? Der Hund bringt mir einen zerkauten Pantoffel. „Nein Hund, das ist nicht der Tierarzt.“ Dann finde ich den Tierarzt doch. Der Tierarzt schluchzt. Shhhhh, sage ich, das ist kein Grund zum Weinen.“

Es ist ärgerlich, dass die Brille zerbrach.

Es ist aufwändig nach Berlin zu fliegen.

Es ist mühsam wie ein Maulwurf durch die Gegend zu schwanken.

Aber schlimm, so richtig schlimm ist nur die Angst des Tierarztes davor, dass auf ein Unglück, ein Missgeschick wie dieses, selbstredend Wutausbrüche und Schläge folgen und es dauert sehr lange, bis ich den Tierarzt überreden kann doch wieder aus seinem Versteck hervorzukommen.

Es hat doch nicht geschadet“, sagen viele über die Schläge, Drohungen und die ungezügelte Wut der Eltern, aber die Furcht vor dem Vater mit dem Ledergürtel, die hört nicht auf, auch nicht so viele Jahre später in denen das Kind schon lange kein Kind mehr ist. Das ist das Schreckliche.

Unschicklichkeiten am offenen Fenster.

Am Morgen aber beginnt es zu schneien. Ich seufze. Der Tierarzt seufzt. „Woran liegt es Mädchen?“, fragt der Tierarzt. „Haben die Sterne gestritten, zanken wieder Sonne und Mond oder hat der Mars hartnäckigen Husten?“ „Es liegt an einem spöttischen Tierarzt, sage ich, der ein Mädchen ob ihrer kosmologischen Betrachtungen verlacht.“ Der Tierarzt kichert. Der Tierarzt kichert unverschämt mädchenhaft. „Niesprimel“, sage ich und der Tierarzt lacht bis ihm die Tränen laufen. „Oh holy moly German!“

„Die alte Freundin Wildtaube mag den Schnee auch nicht“, murmele ich und schütte Sonnenblumenkerne und natürlich Rosinen auf die weiße Untertasse mit Goldrand, aber einem Sprung an der Seite von der die alte Freundin Wildtaube seit Jahr und Tag ihr Frühstück einnimmt. „Ich schäme mich immer ein bisschen, sage ich zum Tierarzt herüber, der gähnt und sich in meinen Morgenmantel wickelt, ihr die angeschlagene Untertasse anzureichen.“ Der Tierarzt zieht eine Augenbraue hoch: „Mädchen, diese Taube ist das verwöhnteste Tier jenseits des Nils.“ Tierarzt sage ich, dass verwöhnteste Tier auf diesem Erdenrund ist niemand anders als Kälbchen.“ Der Tierarzt schäumt sich das Gesicht ein. „Mädchen, darf ich Dich erinnern, dass Du erst vorletzte Woche Kälbchen Apfelstücke verweigert hast? Aus erzieherischen Maßnahmen?
„Tierarzt sage ich und schraube das Rosinenglas auf: „Wenn ich Dich erinnern darf, Kälbchen stand mit dem ganzen Gewicht seines rechten Beines auf meinem Fuß.“ „Glaubst Du wirklich er sollte dafür Äpfel bekommen?“ Der Tierarzt greift nach dem Rasiermesser. „Auf jeden Fall hättest Du Kälbchen nicht mit dem Internat für schwer erziehbare Paarhufer unter der Leitung von Oberin Schaf drohen sollen.“ Ich verrate dem Tierarzt nicht, dass die Nummer von Oberin Schaf sehr weit oben in meinem Notizbuch, denn es wäre doch wirklich schrecklich, nähme die Wange des Tierarztes über dem Waschbecken Schaden.
Also setze ich Teewasser auf und stelle die Untertasse auf das Fensterbrett. Die Untertasse stelle ich so auf das Fensterbrett, dass meine alte Freundin die Wildtaube den Sprung am Rand nicht sieht. Die Wildtaube wohnt in den dichten Tannenzweigen, aber es dauert nur so lange, bis der Tierarzt sich das Gesicht abgetrocknet hat, bis sie erst zwei Äste nach oben hüpft, um dann langsam auf die Fensterbank zu segeln.

„Morgen schönes Mädchen“, sagte ich. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise und lockend. Der Tierrazt kichert. „Dieser alberne Herr, der sich in der Gegenwart von Damen nicht schämt nicht einmal ein Hemd zu tragen, ist der Tierarzt, alte Freundin Wildtaube. Die Taube legt den Kopf ein wenig zur Seite und dann sieht sie mich ernsthaft an: „Männerbesuch noch vor dem Frühstück, seriously?“ Aber der Tierarzt schaltet sein 1000 Volt Lächeln, jenes Lächeln von dem die Hühner und die Damen zwischen Dublin und Dingle wachsweiche Knie bekommen an. Ich halte den Atem an, aber auf die alte Freundin Wildtaube ist Verlass. Sie legt den Kopf auf die andere Seite und gurrt etwas von „Eitler Geck.“ Dann pickt sie eine Rosine auf. Der Tierarzt starrt mich verwundert an. „Berliner Mädchen“, sage ich, „sind eine andere Liga.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Good grief, stubborn Berlin girls.“
Meine alte Freundin Wildtaube und ich zwinkern uns zu. Wir kennen das Leben. Die alte Freundin Wildtaube nämlich hat mich schon Rosinen mit gebrochenem Herzen auf den alten Teller legen sehen und ich habe den Uhu nie gemocht, der ihr nachstellte jahrelang, bis der Specht schließlich mit einem Herzanhänger aus Holz unter die Tannenschonung schlich.
Der Tierarzt cremt sich die Wangen, ich putze mir die Zähne und die alte Freundin Wildtaube frühstückt so vor sich hin.

Ehe ich mich aber versehe, hat der Tierarzt den Teller mit den Körnern und dem misslichen Sprung in Richtung der guten Taube gedreht. „Von wegen Freundin, sagt er zur Wildtaube, dieses Fräulein dort mit den Shetlandponyhaaren, gibt dir nur das schlechte Geschirr. Das ist als würde man Besuch in der Dienerloge abfertigen, als stünde man den armen Verwandten zwar auch ein Stück Kuchen zu, aber nur an jenem Tisch, der drei Beine hat.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber und ist da nicht auch erstes Misstrauen gegen mich in den Augen der teuren Freundin zu lesen. „Glaub ihm kein Wort“, rufe ich mit im wahrsten Sinne Schaum vor dem Mund zu ihr herüber. Aber die alte Freundin Wildtaube ahnt schon, dass der angeschlagene Teller und die Worte des Tierarztes miteinander zu Tun haben. Die alte Freundin Wildtaube fliegt seufzend davon. Der Tierarzt keckert, ich speie Schaum.

„What an evil ass you are“, fauche ich zum Tierarzt herüber, der kichert als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen. Aber meine Flüche machen den Tierarzt noch viel fröhlicher, ganz wie der Teekessel gluckst auch der Tierarzt und kann sich nicht einkriegen vor Lachen über den gelungenen Streich. Ich aber bin ernstlich betrübt, denn ich hänge an der Freundschaft zur guten Taube, die seit so vielen Jahren schon ihre Aufwartung auf meinem Fensterbrett macht. „Was ist wenn sie nun nie wiederkommt“, zische ich zum Tierarzt herüber, der den Bademantel von den Schultern fallen lässt. „Ich möchte Dich außerdem daran erinnern, dass die Nachbarn zwar alt, aber nicht blind sind und Du splitterfasernackt.“ Ich habe hier auch einen Ruf zu verteidigen.“
Der Tierarzt läuft blau an vor Lachen. „Du hast selbst gesagt, Berliner Damen wollen wissen, was sie kaufen und fallen nicht auf den erstbesten Parvenu herein.“ Immerhin greift der Tierarzt nach einer Socke. „Ich aber sehe betrübt aus dem Fenster, die Tannenzweige sind dicht vor den Schnee gezogen.“

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, keine Taube der Welt ist so verwegen einen goldenen Frühstücksteller auszuschlagen.“ Dann lässt der Tierarzt den Socken fallen und winkt der Nachbarin zu. Die Nachbarin läuft rot an und winkt zurück. „Die Frau ist 93 und feiert nächste Woche goldenen Hochzeit“, knurre ich. „Wie kann man nur ein so eitler, überkandidelter goldener Gockel sein, wie Du?“ Der Tierarzt heult auf vor Lachen: „Überkandidelter, goldener Gockel?“ Oh Mädchen, German is like heaven!“

Ich aber schwöre mir, dass ich mich bei nächster Gelegenheit bei der Oberin Schaf der gestrengen Leiterin des Internats für schwer erziehbare Paarhufer erkundigen will, ob sie in Ausnahmefällen auch Zweibeiner in ihr Institut auf nehmen.

Vom Wunsch einmal eine Dänin zu sein.

Die Wetterkapriolen über Irland aber haben dazu geführt, dass zwei Flüge gestrichen wurden, die Lufthansa ist lange schon überbucht und so bekniete ich eine SAS-Dame am Telefon, mir doch einen Platz in einer Maschine zu verschaffen, die via Kopenhagen nach Dublin fliegt. Die SAS-Dame knickte schließlich ein, in den nördlichen Ländern kennt man sich mit sturen Shetland Ponies aus und so verbrachte ich zwei Stunden auf dem dänischen Flughafen, besah mir die Mitreisenden und als ich dann endlich in Dublin eintraf und den Tierarzt erspähte, der sich hinter einer Palme versteckte, da war mir alles klar.

„Man müsste Däne sein, Tierarzt, sage ich also, als wir langsam und vorsichtig auf vereisten Wegen dem Dorf entgegenschaukeln. „Däne?“, fragt der Tierarzt und bremst an einer Ampel. „Däne“, sage ich. „Wäre ich Däne, dann lebte ich in einem blauen Holzhaus auf dem Land, aber vor allem hätte ich sommerblondes Haar, wie alle Frauen die mit mir in Terminal C auf einen Weiterflug warteten. Alle Frauen waren zu dem groß gewachsen und mit Abstand die Allerkleinste war ich, das kommt bestimmt weil die dänische Frau jeden Morgen ein Glas frischer schäumender Milch trinkt, direkt vom Euter ins Glas sozusagen, denn fahre ich fort im Garten hinter dem blauen Holzhaus stünde eine Ziege mit Namen Margarethe, die so lange Milch gäbe bis auch ich 1,86 m groß wäre.“

„Die Däninnen aber haben nicht nur herrlich blondes Haar, sondern auch große, feste Zähne und als neben mir eine Dänin in einen Apfel beißt kracht der Apfel, als fiele eine Tür ins Schloss. Solche Zähne hat man in Dänemark.“ Der Tierarzt erschauert, aber vielleicht ist ihm einfach auch nur kalt. Jedenfalls hätte auch ich gern dänische Zähne, seufze ich. Das kommt bestimmt von den guten Heringen, die man in Dänemark schon den kleinen Kindern gibt. Sieben Kinder hätte ich in dem blauen Holzhaus irgendwo in den Dünen. Sie hießen Lasse, Nisse, Tysse, Lotte, Totte, Jette und Mette und Sonntag Nachmittags sprängen sie vom Meer an den Tisch und tauchten einen Keks in ein Glas frische Milch, schlängen einen grünen Hering und einen Kanten Brot hinunter und wären schon wieder nach draußen verschwunden.“
Der Tierarzt schweigt betreten und krächzt: „Sieben Kinder?“ „Gewiss“, sage ich stell dir nur vor, wie sie alle im Kreis auf Kälbchen ritten, Kälbchen hieße natürlich nicht Kälbchen sondern Kølbchen.“ Der Tierarzt schweigt. „Weißt Du die dänischen Kinder scheinen mir ein sehr gelassenes Gemüt zu haben, denn auf dem Terminal C. da trat ein Mädchen ihrem Bruder mit seiner ganzen vierjährigen Gemeinheit auf den Fuß und der Bube zuckte nur mit der Wimper während die Mutter einmal scharf über den Rand ihrer Brille sah und schon entschuldigte sich das Mädchen. Wortlos, Tierarzt, kannst Du Dir das vorstellen?“

Der Tierarzt ächzt Undeutliches. „Überhaupt sage ich Tierarzt, wäre ich Däne, dann wäre auch ich ein gefestigter Mensch mit starken Prinzipien, Milch am Morgen und Hering am Abend, meine Zimtschnecken wären keine Monstrositäten, sondern schrien Hygge auf einem bunten Teller, der natürlich nirgendwo angeschlagen wäre. Überhaupt der Däne in seiner ganzen Weltfestigkeit ist nicht ständig mit Peinlichkeiten beladen, so wie ich es bin. Eine Dänin in einem hellblauen Leinenkleid nämlich, zog ein Kopfkissen ( auch jenes war hellblau ) aus ihrer Tasche heraus und legte sich in Ecke des Terminals schlafen. Es hatte etwas derartig natürlich-angemessenes, dass jeder sich fragte, wie man kein Kopfkissen dabeihaben könnte, um etwas zu ruhen. Da die Dänen anders als die Berliner auch nicht krakeelen sondern still sitzen und wispernd miteinander sprechen ( nur manchmal wird diese Stille von einem Kiefer, der einen Apfel zermahlt durchbrochen) kann man auch auf einem Flughafen himmlische Ruhe finden.“ Selbst Konflikte lösen die Dänen auf eine Art, wie es mir niemals gegeben wäre, denn als ich meinen Pass zeigen muss, steht vor mir ein Pärchen, in einem der typischen Pärchenzwistigkeiten um verlegte Schlüssel, eine verlorene Uhr oder etwas in der Art und eine zu späte Abfahrt, aber er klopft ihr auf die Schulter wie einem guten Wallach und so aufgerichtet, zieht sie einen Wollpullover über und Hand in Hand legen sie die Pässe vor. Ist das nicht erstaunlich, Tierarzt?“, sage ich. Der Tierarzt murmelt: „Immerhin habe ich niemals eine Frau wie einen tumben Haflinger behandelt.“ Aber das ignoriere ich geflissentlich. „Überhaupt Dänisch, sage ich ist eine ganz und gar formidable Sprache, wenn ich auch kein Wort verstehe, so hat das Dänische etwas als gurgle man auf Deutsch, ein frisch-gluckernder Gebirgsbach, so klänge Dänisch und der Däne an sich, sei auch nicht so schwatzhaft wie ich es leider bin, sondern wäge seine Worte, bevor er da bin ich mir sicher bedeutungsschwere Dinge zur Lage der Welt erkläre. Der Tierarzt aber ist nun deutlich empört. „Deutsch schönste Sprache, aber Hallöchen!“

Dann schaukeln wir durch das Unterland. „Was wäre eigentlich mit mir in deinem dänischen Leben?“, fragt der Tierarzt schließlich. „Ach, sage ich keine Sorge, Du wärst Birger Birgersson und Zahnarzt in Kopenhagen. Einen roten Volvo hättest du aber nicht mehr, sage ich, sondern die Dänen sind ja alle furchtbar gesund, ein Rad mit Solarpaneelen und strammen Wadeln vom Radfahren im dänischen Wind. Am Wochenende aber ruderten wir auf der See und einmal im Jahr käme die Lokalpresse vorbei um den großen Fisch zu fotografieren, den der ungeheuer geduldige Zahnarzt Birger Birgersson und seine sieben Kinder jedes Jahr auf ein Neues erangelte. Am Abend würdest Du Rentierfleisch salzen und tränkest einen kurzen Aquavit. „Du weißt nichts über Aquavit Mädchen, hustet der Tierarzt und sagt: Ich möchte dich erinnern, dass Du auf einer Gesellschaft einmal eine Eierlikörpraline ausgespuckt hast. Etwas indigniert sehe ich zu ihm herüber. „Ausgespuckt?“ Ich habe das widerliche Ding in ein Taschentuch getan und dir in die Hosentasche geschoben. Der Tierarzt nickt und dann habe ich den ganzen Abend mit einer geschmolzenen Eierlikörpraline in meiner Hosentasche verbracht und das weiße Kleid einer entzückenden Dame verschmutzt.“ Aber so schnell bin ich nicht bereit nachzugeben. „Birger Birgersson“ zische ich, hätte so etwas noch am selben Abend großzügig vergessen. Aber der Tierarzt grunzt böse: „Birgersson, wäre so blau gewesen, dass er die Namen seiner Kinder vergessen hätte.“ Dann schweigen wir beide sehr dänisch vor uns hin.

Der Tierarzt schließlich bremst scharf und hält vor dem kleinen, windschiefen Haus irgendwo in einen kleinen irischen Dorf. „Birger Birgersson würde ich es schon zeigen“, knurrt er und fügt finster hinzu: „Hygge, Hygge“, aber es klingt ganz und gar nicht so einladend, gemütlich oder nach warmen Blaubeerkuchen mit Schlagsahne wie ihn Birger Birgersson, seine Frau, die sieben Kinder und die Ziege Margarethe im blauen Haus in den Dünen Dänemarks am Sonntagnachmittag zu verzehren pflegen, um hernach mit Kølbchen in den Sonnenuntergang zu reiten.

Aus südlicher Richtung

Drei Tage schon kommt der Wind aus Süden, sagt der Tierarzt, er lehnt gegen den Volvo, der Wind fährt ihm durch das Haar und ich lege das luggage holdall in den Kofferraum. „Wirklich, schon seit drei Tagen?“ sage ich und der Tierarzt nickt. „Du hast dafür eine goldene Nasenspitze bekommen“, sagt er und ich stecke die Nase schnell so tief ich kann in den Schal. Der Tierarzt sagt: „Ich habe es dir gleich gesagt Mädchen, im Dezember, erinnerst Du Dich kurz bevor wir nach Deutschland fuhren, da hatte Kälbchen auf einmal drei goldene Haare im Fell
(Ich erinnere mich nicht, wohl aber erinnere ich wie Kälbchen sich im Dezember in einer Matschpfütze suhlte und als großer grauer Wolf vor mir stand, einen Weidepflock umriss und noch hämisch blökte und es war auch ein milder Dezembermorgen an dem Kälbchen den Esel zu einem Ringkampf herausforderte, der dem Esel schlecht bekam. Aber der Tierarzt beharrt auf den drei goldenen Haaren und überhaupt dem guten Einfluss den Kälbchen auf Dorf, Land, Welt, Blog und überhaupt hätte. Ich schweige lieber in meinen Schal hinein und hoffe, dass die Esel sich niemals an die UN wenden werden, denn dann sind wir geliefert.

„Wind aus dem Süden also“, sage ich und der Tierarzt nickt und schon liegt der Flughafen hinter uns,“ schon seit drei Tagen. Im Dorf glaubt man, mit dem Wind aus dem Süden käme auch das Unheil zur Tür herein. „Der Wind aus dem Süden kommt auch aus der Fremde“, sagte die Frau des Krämers zu mir, als ich damals vor Jahr und Tag den Schlüssel zum windschiefen Haus von ihr abholte.

Kommt der Wind aus dem Süden überfällt die Frau des Krämers eine Migräne, die sie mit starkem Kaffee und Branntwein behandelt. „Weht der Wind aus dem Süden, sagt der Krämer dann träumt er des Nachts von fliegenden Katzen und einmal hat er den alten Hofhund und der Krämer schwört beim Leben seiner Frau Gemahlin dabei ertappt wie dieser mit gelb glühenden Augen vor dem Spiegel im Flur die Zähne fletschte. „Wenn der Wind aus Süden weht, dann liegen die Haare der Tochter der Frau des Krämers nicht, sondern stehen störrisch zu Berge und die Tochter, die wenn der Wind aus Norden, Osten oder Westen kommt, jedwedes Gemüse links liegen lässt, beißt wenn nur der Südwind gegen die Fenster drückt herzhaft in eine Tomate und ist zum Schrecken ihrer Mutter an jenen Tagen schon mit Bambussprossen in der Hand gesehen worden. Das macht der Südwind mit den Bewohnern des Dorfes und damit noch nicht genug, sagen die Leute im Unterland, wird man schon bei Krämers nervös, die doch Wohl und Wehe des Dorfes in den Händen halten, so sieht man selbst mit Sorge, wie der Südwind die Ordnung des Dorfes, wenn auch nur um wenige Millimeter verändert.

Ein Nachbar berichtet, seine Standuhr begönne seit drei Tagen exakt sechs Sekunden zu spät zu schlagen und ist die sechs nicht die südlichste Zahl des Ziffernblatts?

Eine Nachbarin wiederum, so erzählt der Tierarzt, habe am zweiten Tag der südlichen Winde geschworen, dass sämtliche Wellenspitzen der wogenden See in südliche Richtung wiesen.

Weitere Vorkommnisse, die das Dorf aufmerksam beobachtet habe und die die Frau des Krämers in einer Kladde festhielte, verzeichneten, so der Tierarzt, in den letzten Tagen: ungewöhnliche große Regentropfen, zwei Katzen auf der Quaimauer, die noch niemals im Dorf gesehen wurden, dafür aber über Stunden unentwegt auf die Strandpromenade starrten, nur um dann unauffindbar zu verschwinden. Ein Glas Milch sei vor den Augen der Frau des Krämers sauer geworden, die stille Helene, die den Krämersladen wischt und seit Jahren nicht mehr spricht, habe auf einmal angefangen von Dingen zu reden, über die aus gutem Grund niemals nicht einmal bei Südwind gesprochen werde, Dinge, über die für viele Jahre hat Gras wachsen müssen, Dinge von solcher Ungeheuerlichkeit, dass darüber niemals genug Gras wachsen könne und dann so etwas. Der Tierarzt sagt, die Frau des Krämers sei erschüttert gewesen und habe die stille Helene fortgeschickt. Das sei in all den Jahren noch niemals vorgekommen, aber auch der südliche Wind habe noch niemals so lange das Dorf fest im Griff gehabt.

Nur als die Frau des Krämers angefangen habe zu behaupten, dass auch Kälbchen schon ganz wirr im Kopf sei und irgendwie fremdländisch blöke, habe er sich gegen diesen Unsinn verwehrt, „Kälbchen sei schließlich hochbegabt und Hochbegabte Seelen seien per se erratisch, unabhängig und habe nicht auch die Renaissance im Süden begonnen?“ Die Frau des Krämers aber habe finstere Dinge gemurmelt von Versüdlichung, vom dahergelaufenen Fräulein mit den südlichen Augen, aber dann doch geschwiegen, ein Mann habe den Krämersladen betreten fremd auch er und noch dazu in gelben Hosen, verdächtig ähnlich jener Wüstenregionen mit ihren unheilvollen Winden. Der Tierarzt aber erklärt, er hätte die Ankunft des Fremden zur Flucht genutzt und auch wir biegen schon in die Dorfstraße ein und so flüstere ich lieber zum Tierarzt herüber, dass der Priester mir einmal eine Karte des Dorfes gezeigt habe, eine alte Karte schon fleckig und reichlich zerknittert, doch ganz deutlich sei zu erkennen gewesen, das ausgerechnet das Haus der Frau des Krämers am südlichsten Punkt des Dorfes stünde. Der Tierarzt aber kichert so wie der südliche Wind, der gegen die Fensterläden scheppert, kichert noch immer da sitze ich schon im alten grünen Sessel und sehe zum dunklen Pfarrhaus herüber. „Sie werden schon sehen Fräulein Read On“, sagte der Priester als wir zum letzten Mal im Garten standen, „ich will ihnen den Süden schon vor die Füße legen“ und dann lächelte der Priester ein anderes Lächeln, das Lächeln des Südens und seiner Winde.

Es ist ein Fest vor dem Fest oder so.

Die letzte irische Nachtschicht in diesem Jahr. Der an 363 Tagen des Jahres schlecht gelaunte Oberarzt, trägt einen Christmas Jumper unter dem Kittel. Der Jumper ist rot und ein Elf hält eine Proseccoflasche: „Prosecco Ho-Ho-Ho-Ho steht auf dem Pullover. „Na Oberarzt“ sage ich, sind ja schon richtig frohgestimmt und in festäglicher Feierlaune. „Oh, Proseccccc-oooo!“ Ich wusste, dass Sie nicht ohne Bemerkung an diesem Pullover vorbeigehen konnten, Fräulein Read On. „Genau genommen, Oberarzt“, bin ich ja gar nicht an dem Pullover vorbeigegangen, dies ist ja kein Fachgeschäft für Herrenmode sage ich, sondern habe Sie auf dem Flur erblickt.“ „Ich weiß nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält!“, stöhnt der Oberarzt. „Ich habe trotzdem eine Tüte Kekse für Sie missgelauntester Oberarzt aller Zeiten.“ Der Oberarzt schüttelt die Kekstüte in einer Art und Weise, die sich schon als Drohgebärde auslegen ließe. Wollen wir also froh sein, dass die Feier- und Festtage schon vor der Tür stehen.

Nach der Nachtschicht rase ich zum Flughafen, denn ich halte einen Vortrag an dessen Zusage ich mich nicht mehr erinnern kann. Auf dem Flughafen steht der Tierarzt mit dem luggage holdall und strahlt: „Mädchen, ich bin mir ganz sicher, Kälbchen hat heute ein Weihnachtslied geblökt.“ „Tierarzt“, sage ich, mag sein, mag sein, aber wo zur Hölle ist mein Vortrag. Ich wühle im luggage holdall und endlich sehe ich die blaue Mappe. Einatmen. Ausatmen. Der Tierarzt ist von meinem Beinahe-Infarkt entsetzlich ungerührt und führt die Gesangskünste Kälbchens weiter aus. Meine Shetlandponyhaare haben sich derweil im Stethoskop verheddeert. Ich bin kurz davor auch ein Lied zu singen, bloß kein Weihnachtslied. Im Flugzeug schlafe ich mit einem Snickers-Riegel in der Hand ein. Der Tierarzt hält eine verwackelte Videoaufnahme mit dem blökenden Flegel von einem Riesenkalb an mein Ohr und ich stoße mir den Kopf an der Lehne des Vordersitzes. „Wäre es nicht schade, Tierarzt, sage ich, wäre dies Kälbchens erstes und letztes Weihnachtsfest?“ Der Tierarzt schluckt und ich kühle meinen Kopf an der Fensterscheibe. Ein sehr stiller Tierarzt folgt einem Fräulein aus dem Flughafen der großen Stadt Berlin. Das Fräulein eilt zu einem BVG Automaten und füllt einen Beutel voll Kleindgeld in den Automaten. Der Automat gröhlt hämisch und speit das Kleingeld in einem wütenden Schwall wieder aus. „Da kannst du sehen, Tierarzt, wie es bestellt ist, um den deutschen Ingenieur.“

Der Tierarzt tritt lieber einen Schritt zurück.“ Ich fülle erneut das Kleindgeldsäckel in den Automaten, Hohohoho, röhrt der Automat, der Automat spuckt zwei Fahrkarten aus, wir rennen zum Bus, ich winke mit beiden Armen, der Busfahrer grinst, wir warten. Ich zische Böses. Im zweiten Bus telefoniert ein Mann mit einer Hannelore und Hannelore soll jetzt doch mal sagen, wie das Buch heißt mit dem Frank Elstner und den ausgestorbenen Tierarten. Hannelore, ja die AUSGESTORBENEN TIERARTEN. Die Nini, die mag doch die Tiere so. Und dann mit dem Frank Elstner. Ja. ALLE TIERE, DIE BALD AUSSTERBEN SIND DA DRIN IN DEM BUCH MIT DEN TIEREN. Hannelore nun sag doch mal wie das hieß. SO EIN SCHÖNES BUCH, JA AUCH ÜBER DIE TIERE, DIE SCHON AUSGESTORBEN SIND UND MIT DEM FRANK ELSTNER. Weihnachten, Tierarzt, sage ich dem verstörten Tierarzt ins Ohr ist in Deutschland das Fest der Liebe, des Lichts, der Familie und der AUSGESTORBENEN TIERE, JA HANNELORE, ICH HABE DAS AUFGESCHRIEBEN. JA, AUF EINEN ZETTEL HANNELORE, JA HANNELORE MIT DEM FRANK ELSTNER. EIN GANZES BUCH ÜBER DIE AUSGESTORBENEN TIERE FÜR NUR 19,90. Dann steigen wir aus, ich dränge zur Eile, denn der Tagungsveranstalter findet es sei doch schön mit meinem Vortrag zu beginnen. Ich eile, ich rase aufs Gleis, ich halte Ausschau nach dem Tierarzt, der Tierarzt ist nirgends zu sehen, ich renne die Treppen wieder herunter. Der Tierarzt streichelt einen völlig verfetteten Labrador. Der Labrador heißt Harry. Harrys Frauchen sagt sie heiße Corinna. „These lovely German names“, haucht der Tierarzt, Harry sabbert auf meine Schuh. Corinna trägt Dubarry-Stiefel und hat blonde Haare. Corinna hat aber keine Haare, sondern eine Frisur. Nur Frauen wie ich haben Haare und die stehen zur Berge und ich zische: Tierarzt, jetzt komm. Corinna winkt. Der Tierarzt winkt. Harry grunzt. Der Tierarzt schnalzt: Hallöchen. Corinna hat weiche Knie. Das Fräulein Read On eher nicht so. „Stell dir das vor Mädchen, die Corinna hat ein Outdoorwägelchen für den Harry.“ „Wie schön für die Corinna“, huste ich böse. Der Tierarzt ist verzückt. These Germans amzaing, simply amazing. Wir rennen zum Vortragsort. Ein Shetlandpony referiert. Der Tierarzt klatscht strahlend und sagt zu seinem Nachbarn: „Das ist Mädchen, fast so klug wie Kälbchen.“ Der Nachbar setzt sich lieber weg. Ich aber bin so hungrig wie ein junger Wolf, aber da wir so spät kamen, sind nur noch Schinkenbrote da. Das Karma ist eben so ausgestorben wie die Tiere in dem Buch mit dem Frank Elstner. Sehr hungrig verlassen wir die Tagung, ich kaufe Käse und Stollensterne, der Tierarzt atmet Berliner Luft, wir erstehen Bienenwachskerzen und allerlei Dinge. Die Mali-Tant hat indes 16 Mal angerufen und ist eingeschnappt als ich endlich zurückrufe.

 „Geh Mali sage ich, es war halt die Tagung und dann war der Hunger und dann mussten wir einkaufen und geh das Telefon war halt irgendwo in der Tasche.

„Geh Mädi“, du musst es mir nua eomal sogn wenn I dia lästig bin.

Aber Mali-Tant, säusle ich, Du mir lästig? Niemals.

Die Mali-Tant und das ist immer ein sehr schlechtes Zeichen, denn die Mali-Tant ist fast so alt wie die Stadt Wien selbst, wechselt ins Hochdeutsche hinüber. Nur wen die Mali sehr verachtet oder wem sie gram ist, so wie gerade mir, den straft sie mit Hochdeutsch.

„Mädi, der Mau ( der Siamkater der Mali ) und der Jean ( der Geliebte der Mali ) kommen mit dem Zug ( die Mali, der Mau und der Jean kommen seit Jahr und Tag mit dem gleichen Zug ), aber wenn es Dir nicht passt, dann muss uns niemand abholen, dann kommen wir ganz allein, wir haben ja-Pause-längere Pause-Seufzen- kaum Gepäck.

„Geh Mali, natürlich holen wir euch ab.“

„Ach weißt Mädi, es ist bestimmt ohnehin mein letztes Weihnukka, einmal muss man ja doch sterben und dann kommt der Mau in ein Tierheim und der Jean, na der Jean ist ja immer noch recht fesch und Du hast eine Sorge weniger.“

Aber Mali-Tant sage ich, Du bist doch nicht alt.

Die Mali-Tant aber hat genug von mir, verlangt nach dem Tierarzt und soweit ich dem Gespräch aus Gurren, Luftküssen und Liebesschwüren folgen kann, stimmt die Mali mit dem Tierarzt überein: „Eine Corinna könne man sofort heiraten, bei einer Read On hingegen, müsse man sich die Sache wirklich gut überlegen.“

Chanukka Sameach und einen gesegneten 3.Advent Ihnen!

Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle.

Sechs Uhr: Das Fräulein Read On hat eine weitere Nachtschicht überstanden, ist nach jener im Meer geschwommen, hat sich die Shetlandponyhaare gewaschen, die Zähne geputzt, die Bettdecke aufgeschlagen, sich vom Tierarzt eine Wärmflasche ( die ewig kalten Füße ) ans Fußende legen lassen und seufzt. Das Fräulein seufzt noch einmal, denn dem Fräulein ist wohl zu Mute. Das Meerwasser war nicht zu kalt, die Bettwäsche ist frisch gewaschen und riecht nach Seewind und Garten, des Fräuleins Zehenspitzen sind warm und die Uhr zeigt gerade sechs Uhr. Das heißt, dass ganze vier selige Stunden Schlaf vor ihr liegen, denn um 11 bekommt das Fräulein Besuch von einer lieben Freundin, die auf dem Weg nach New York in Dublin Station macht, um das Fräulein zu besuchen. Der Kühlschrank ist angefüllt mit Käse und Marmeladen, Joghurt und Salaten, unter einem weißen Leintuch schläft der Hefezopf und der Tisch ist auch schon gedeckt. Der Volvo ist TÜV- geprüft und so kann die liebste Freundin vom Flughafen abgeholt werden, das Fräulein seufzt ein drittes Mal und vor ihren müden Augen wiegen sich Banyan Bäume sacht im Wind, Papageien kreischen leise und die Sonne scheint heiter und sacht auf des Fräuleins Nasenspitze. Von fern ist leises Rauschen zuhören ( kein Wasserfall, sondern ein sich brausender Tierarzt ) und darüber schläft das Fräulein ein. Ein Papagei landet auf des Fräulein’s Schulter, aber als sie mühsam blinzelt ist es gar kein grün-grau getupfter Papagei, sondern die Hand des Tierarztes, die an meine Schulter fasst.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen und dem Dolch aus Edelsteinen, murmele ich: Feuer, Wasser oder Wind?“

„Mädchen flüstert es an mein Ohr, ich suche meine Tennisbälle.“ Der Tierarzt muss man wissen spielt am Samstag Tennis mit dem R. Der Tennisplatz aber ist eher ein begradigter Acker mit einem Netz und man muss Schläger und Bälle mitbringen. Der R. und der Tierarzt sind zu meinem kompletten Unbegreifen strenge Anhänger des Tennissportes. Ich habe auf diesem Platz nur einmal einen Tennisschläger in die Hand genommen, dann traf mich ein Tennisball und ich fiel um. (Mehr braucht man über mich nicht zu wissen.) Der R. und der Tierarzt aber fröhnen dem Tennisspiel mit Hingabe und ächzen dabei wie die Galeerensklaven.

„Mädchen?“, flüstert der Tierarzt noch einmal. „Hmm“, murmele ich, denn ich schlafe ja und die Banyanbäume wiegen sich im Wind und die Papageien singen frohe Lieder.

„Kommode, Flur“ krächze ich und drehe mich nach links. Die Papageien singen schöner denn je. Der Tierarzt rennt die Treppe hinunter, aber vielleicht tappt ja auch ein Tiger durch meine Träume. Aber schon ist der Tierarzt zurück:

„Nein, Mädchen auf der Kommode sind die Tennisbälle auch nicht.“

„Prinz aus dem Morgenland, flüstere ich, irgendwo werden sie schon sein, dieses Haus ist ja nun weiß G*tt kein Palast. Damit will ich meine Schuldigkeit für getan erklären und rutsche noch ein Stück tiefer unter die Decke. Banyanbäume! Papageien! Inzwischen aber hat der Hund, das Wort Ball gehört, er hechtet nun seinerseits die Treppe hinauf und weil der Tierarzt noch immer murmelt: Oh, wo ist nur der Ball, Mädchen, wo nur ist der Ball, Mädchen?“, springt der Hund auf das Bett und leckt mir begeistert über das Gesicht. Vergessen sind Banyanbäume und Papageien und ich fahre hoch. Ich sehe einen ewartungsvoll hechelnden Hund und den Tierarzt: „ Mädchen, wenn Du jetzt wach bist, kannst du mir doch suchen helfen. Bitte.“

Ich strecke meine warmen Zehen ins kalte Zimmer. „Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle, murmele ich und dann suche ich missgestimmt nach vier gelben Bällen. Es ist 7:02. Es sind schon Prinzen wegen geringerer Dinge in den Kerker geworfen worden und dann halte ich mir den Zeh, den ich mir am Bettpfosten stieß. Ich suche im Bettkasten, im Kleiderschrank, im Schmutzwäschekorb, bei den Putzmitteln, der Hund liegt inzwischen schlafend in der frisch gewaschenen Bettwäsche und träumt sehr sicher von Banyanbäumen und tirillierenden Papageien. Ich suche in den Taschen der Wintermäntel und in allen Taschen und Beuteln nach vier elenden Tennisbällen.

Der Tierarzt liegt unter dem Schuhbord, durchsucht die Papierkörbe, öffnet die Schreibtischschubladen, nur um sie ergebnislos zu schließen, steigt auf den Dachboden und rennt in den Garten hinaus. Ich mache inzwischen Tee.

„Wie kannst du jetzt an Tee denken?“, fragt der Tierarzt deutlich echauffiert.

Ich sage lieber nichts, sondern puste über den Rand der Teetaste. Der Blick, den ich dem Tierarzt zuwerfe, ist der Blick der dreizehnten Fee, nicht der Blick der lieben Fee. Der Tierarzt gräbt sich achtzigsten Mal durch seine Sporttasche. Aber auch in der Sporttasche sind keine vier gelben Bälle.

„Du solltest auch einen Tee trinken Tierarzt“, sage ich, das beruhigt. Dann stelle ich die leere Tasse in die Spüle und sage: „Ruf doch den R. an, soll er halt an die Bälle denken.

„Ich kann den R. doch nicht um 7. 41 wecken!“ ereifert sich der Tierarzt.

Ich zähle sehr langsam bis zwanzig. Dann schlägt die alte Standuhr dreiviertelacht. Als die Uhr aufhört zu schlagen, rollen vier gelbe Tennisbälle vom Schrank und knallen mir auf den Kopf. „Ach,ja ruft der Tierarzt“, ich hatte ja die Tennisbälle auf den Schrank gelegt, damit die Katze sie nicht erhascht.

„Soso“, grummele ich finster. Aber während ich mir noch den Kopf reibe, und der Tierarzt sich seiner abendlichen Klugheit rühmt, ist der Hund schon „Ball, Ball“ die Treppe heruntergestürzt und kaut begeistert auf einem der Bälle. „Aus, aus“, ruft der Tierarzt und der Hund speit den Tennisball endlich aus. Das Fräulein wäscht einen Tennisball mit ‚Rai aus der Tube’ und der Tierarzt föhnt den Tennisball trocken.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen, suchst du noch etwas, oder darf sich die Kammerzofe wohl zurückziehen?“

Doch der Tierarzt hört mich schon nicht mehr, draußen hupt der R. Ich wanke die Treppe hinauf, und sehe auf die Uhr: 9:01 Uhr. Die Wärmflasche ist kalt, im Bettbezig sind Hundehaare und die Papageien singen längst in anderen Träumen schöne Lieder.