Was man im Frühzug hören kann

Ein Mann singt für seine Tochter am Telefon. Ein rumänisches Wiegenlied. Das kleine Mädchen weint erst, dann singt es mit und schliesslich drückt es Küsse auf den Bildschirm irgendwo in einem Dorf zwischen Bukarest und Timisora. Der Mann aber singt und singt für seine Tochter.

Eine Frau ist tief über einen Lottoschein gebeugt und murmelt: Sieben, nein drei, nein drei, sieben. Der 3.7. das war doch Nellys Geburtstag, doch, aber, ganz sicher ist sie sich nicht über die Zahlen, die ihr vielleicht zum grossen Los verhelfen oder auch nur zum Geburstagsdatum von Nelly.

Eine Frau mit flammend roten Haaren diktiert einen Einkaufszettel in ihr Telefon. Milch, Zucker, Erbsen, Baked Beans, Truthahnwürste, Spaghetti, Thunfisch. Manchmal stolpert das Telefon in seinen Notizen, dann atmet die Frau ganz langsam und sehr bewusst ein und aus und sagt zu dem Telefon: „Nein, nein, hier irrst du, es muss doch anders heissen und dann sagt sie noch einmal Thunfisch oder Erbsen, sie sagt es mit einer bestimmten Härte, sie sagt es wie Mütter die spät in der Nacht zu ihren betrunkenen Kindern sagen: „Nein, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.“ Dann zuckt die Frau doch noch einmal zusammen und diesmal ist nicht das Telefon schuld. „Kay“ ruft sie erschrocken, „Kay hasst Thunfisch.“ Sie starrt auf das Telefon, ungläubig fast, dass sie es sich beinahe mit Kay auf ewig verscherzt hätte. Nur das Telefon bliebt von dieser existentiellen Krise unberührt. Es sagt: „Kay privat anrufen.“ Aber die Frau unterbricht hektisch die Verbindung. „Nein, sagt sie, nein bloss nicht.“ Wer weiss schon ob das Telefon nicht in einer schwachen Minute Kay die fatale Einkaufsliste würde zukommen lassen.

Hinter mir sitzen zwei Männer, einer schläft fast, sein Arm liegt über seinen Augen. Er atmet schwer, aber sein Nachbar ist wie eletrisiert. Was für ein Tor, was für ein Schuss, was für ein Mann. Messi ist ein G’tt. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Bgeisterung und dann beginnt er noch einmal von vorn und kann sich nicht beruhigen über das Tor und einen Mann, der kein gewöhnlicher Sterblicher zu sein scheint, sondern ein G’tt ist an diesem Morgen wenigstens.

An der Schranke aber hupen zwei Lastwagen. Vielleicht zollen auch sie Messi Tribut.

Ernstere Gespräche aber führen zwei Männer, die blaue Arbeitshosen und karierte Hemden tragen. Sie essen Butterbrote und trinken schwarzen Kaffee.

„Schlimm sagen sie schlimm sei die Sache mit der Kirche.“

„Die Handwerker werden alles leugnen, sagen sie. Sie täten dasselbe. Einer muss Schuld sein und die Handwerker seien doch eh immer dran.“

Sie nicken vereint.

„Die Missus habe ihn auch in die Kirche geschleppt“, sagt einer der Handwerker.

Alle seufzen.

Aber schlimm ist es doch.

„Fast so schlimm wie bei seiner Schwiegermutter“ sagt der Mann in der Runde, der das grösste Butterbrot fingerdick belegt mit Butter und Schinken verzehrt.

Die Schwiegermutter sagt er habe sich ja immer schon wichtig genommen. Immer Sonntags zweimal zur Messe und dem Priester hier einen Kuchen und da eine geräucherte Forelle und imme rein süssliches Gedicht. Aber wehe er hätte einmal eine Forelle gefordert! Na jedenfalls habe die Schwiegermutter dann auch angefangen die Kirche mit Blumen zu schmücken. Scheussliche Blumensträusse. Er selbst könne sich sein Hochzeitsfoto gar nicht mehr ansehen, der scheusslichen lila Nelken wegen. Lila Nelken. Die Anderen drehen sich schaudernd weg. Jedenfalls sei sie auf immer verrücktere Ideen gekommen mit der Blumenschmückerei und ihrer Wichtigtuerei und im Herbst eines Jahres habe sie die Kirche mit ausgestopften Strohtieren ausgeschmückt.
Einen Hahn aus Stroh wegen Judas oder so und aus irgendeinem Grund auch ein Schwein aus Stroh auf dem Altar sogar, der Priester was dem Schwein sehr zugetan. Jedenfalls war die ganze Kirche voll mit diesen Tieren, selbst neben der Orgel war so ein Strohschaf und der Priester schrieb deswegen sogar nach Rom, um zu zeigen das seine Kirche jedenfalls die Originellste sei. Es habe alles auch in der Zeitung gestanden und seine Schwiegermutter habe die Artikel auf dem Gästeklo aufgehangen, damit auch keiner daran vorbeikam. Er habe damals gleich zu seiner Frau gesagt, dass das ein böses Ende nehmen würde mit den Strohtieren und Briefen nach Rom und so. Eines Tages sei es dann auch so gekommen, wie er gesagt habe.
Der Priester nämlich habe irgendwoher ein Bethlehemslicht bezogen, das Tag und Nacht brannte. Ob es nun Durchzug war oder was auch immer, das Bethlehemslicht sei umgekippt und natürlich direkt auf das Strohschwein gefallen und alles was danach kam, war Paris.“ Die anderen Männer nicken. Schwiegermutter hat natürlich wochenlang geheult, aber die Kirche war eben trotzdem hin. Der Priester musste bald danach gehen, aber die Schwiegereltern hätten ja dort das Haus und da sei nun nichts mehr zu machen.

Schlimme Sache, sagen die Männer noch einmal, die Sache mit Notre-Dame und deiner Schwigermutter.

„Man wird gute Handwerker brauchen“, sagt der Mann der bis dahin geschwiegen hatte und alle vier nicken.

„Für viele Jahre wird man gute Handwerker brauchen.“

Auf dem Bahnsteig singt eine Amsel.

In den Bergen, über dem See

Etwas Unwirkliches hat die Landschaft in Wicklow. Zu schroff sind die Felsen links und rechts der Strasse, hier findet sich kaum das satte Grün, das doch alle in Irland suchen, hier sind Geröllhänge und glatter, schwarzer Schiefer und der J. neben mir im Auto mit halbgeschlossenen Augen sagt: „Du wolltest mir Irland zeigen, dabei ist das die Landschaft meiner Mutter irgendwo in Uttar Pradesh. Ich bin nie dagewesen. Aber jetzt eben doch.“ Ich nicke,zu schmal sind die Strassen für lange Antworten. Überhaupt sind es eigentlich keine Strassen, sondern breitere Kanten auf denen man sich vorsichtig weiter und weiter hinein in die Berge bewegt. Das ist keine Landschaft für Autos, denke ich links und rechts und immer schmaler, dies ist eine Landschaft für einen Reiter und ein Shetlandpony, für einen Esel und zwei Körbe links und rechts an seiner Seite, eine Landschaft für einen Schäfer und seine Herde, dies ist die Landschaft in der sich der Erlkönig auf den Rücken legt und für lange Stunden in den Himmel starrt, sein Pferd ist an einer kahlen Kiefer angebunden, dies ist eine Landschaft, die dem Wind gehört und der Wind liebt uns nicht, der Wind schiebt das Auto von links nach rechts und wieder zurück. So ist das.

Der J. schweigt und vielleicht schwiegt mit uns auch seine Mutter und auch ich schweige und beisse mir auf die Lippe, so eine Landschaft ist das. Dann aber sind wir doch hindurch, man kann auch ein Auto durch ein Nadelör fädeln, weiteratmen. In Glendalough sind wir fast noch allein, man muss vor den Touristenbussen ankommen, das ist die Hauptsach gegen alles andere gibt es feste Kleidung oder Pflaster, aber gegen die Toristenbusse hilft nichts, man muss früh aufstehen, das ist das Einzige was hilft. Wir sind früh genug.

Der J. lacht. „Weisst du noch damals als du mit dem A. in die Berge gingst und alle starrten dich an, dass du mit dem Dalit boy in die Berge gingst, mit dicken Seilen um den Hals und den absurden Gummischuhen? Ich habe auch gelacht über euch, zu fremd war mir die Vorstellung, wer fährt schon mit einem dalit boy nach Himachal Pradesh.“ Ja, sage ich, so gingen wir damals der A. und ich. Der J. schweigt. Denn der A. und ich gehen ja nicht mehr in die Berge. „Weisst du Read On, ist das nicht merkwürdig, dass ich heute hier an diesem Tag, der brown boy bin mit dem du in die Berge gehst und wenn die Touristen kommen, vor denen wir jetzt davonlaufen, werden sie so auf uns schauen, wie wir damals auf A. und dich?“ Ja, sage ich, es ändert sich nichts.

Dann sagen wir für viele Stunden nichts mehr, denn schon damals als der A. und ich in die Berge gingen, taten wir es nicht um zu reden und auch hier und heute schweigen wir, als wir den Wasserfall erreichen, denn in den Bergen war mir die Sprache immer etwas Fremdes, die Worte hallen zu sehr, sind Stolperfallen wie ein durch das Gebüsch gespannter Draht, man muss aufpassen in den Bergen, so oder so. Wir also balancieren über die Dielenbretter, unter uns gibt die Erde nach, bogland, versinkende Berge oder auch nur ein kluges Täuschungsmanöver, ein Stein wie ein Fischbauch glänzend noch vor dem vorgestrigen Regen, der Winter hängt noch schwer an den Ästen der Bäume, ein schwarzer Vogel plötzlich über uns, hüte dich vor dem fremden Vogel, so fangen andere Märchen an, dieser unser schwarze Vogel, er lässt uns lange nicht ziehen, der Ginster aber klammert sich hartnäckig an die steilen Wände und auch an unsere Beine, der erste Klee und der letzte Schnee oben auf dem Kamm. Wir starren lange auf den blanken See unter uns, dabei heisst er der obere See, sein Wasser soll kalt sein, wir glauben es sofort. Einmal kamen die Wikinger nach Glendalough, dann kamen die Mönche, dann später die Minenarbeiter, die Blei abbauten und heute kommen Touristen, dass sie wieder Gehen, dass auch wir wieder gehen ist wohl die Hauptsache. Der Berg und mit ihm die Winde sorgen schon dafür, sie zieren sich nicht.

Wir steigen in langen Zirkeln wieder herunter, der erste Klee neben den Säumen der immer noch kahlen Bäume, Zigarettenkippen in der feuchten Erde, ich hebe sie auf, sie kommen in den Plastikbeutel zu den Bananenschalen.
Das ist mir geblieben vom A. damals in anderen Bergen, der dalit boy, der aufwuchs ohne fliessend Wasser, trank aus offenem Wasser, die Zigarettenkippen achtlos hingeworfen verdarben es, so einfach war das, der A. hob sie auf, ich sehe ihn noch immer we er trank, das Wasser aus den offenen Händen schöpfend, ich habe nichts vergessen, ich denke nur nicht mehr daran. Der J. schweigt über die aufgehobenen Kippen.

Im Tal treffen wir Touristen, sie reden atemlos schon, doch die Worte fallen in den Bergen auf taube Ohren, das ist einfach so. Wir aber haben die Berge schon wieder im Rücken, auf breiteren Weg diesmal zurück in die Stadt.

Eigentlich Nichts

Es ist nicht so, dass nichts passiert, auch wenn nur wenig passiert. Aber über das Wenige, das dann doch passiert, kann ich hier nicht schreiben.

Das klingt nach grossem Geheimnis, dabei gibt es gar keines, nur einen Beruf, den gibt es schon.

Leider ist aus mir ja weder eine Salondame, noch eine Dichterin geworden. Dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen, auch hier.

Ich hätte zum Beispiel einen Mittwochsverehrer, über den ich stets am Donnerstag schriebe. Aber ich habe an keinem Wochentag einen Verehrer und kann daher auch am Donnerstag nichts über gewagte Mittwochabende berichten.

So bleibt nur wenig Verstreutes, Zusammengewürfeltes übrig.

Zwei Kuchen habe ich für die Mondsteinscheibenfabrik gebacken.

Einen mit Blaubeeren und einen mit Ananas.

Schäbig nehmen sie sich aus meine Kuchen neben den Kreationen der Anderen.

Woran man merkt, dass sich Wettbewerb in alle Gedankengänge geschoben hat, dafür muss man nur auf das Kuchenbuffet starren auf dem sich Meisterwerke türmen die die Bäckereifachinnung alt aussehen lässt. Alle loben die Kuchen der Anderen, aber grämen sich doch recht offensichtlich nicht selbst die dreistöckige Zitronentorte fertig bekommen zu haben. Die Zitronentortenbäckerin hat sogar eine goldene Etagere mitgebracht, um ihr Prunkstück auch angemessen zu präsentieren. Der schlimmste Vorwurf,aber ist erst im Lift zu vernehmen: „Die hat die Torte doch gekauft.“ Es ist ein schwerer Vorwurf, schwerer noch wiegt er als die 3000 Kalorien der Erdbeerbiskuitrolle, um die es geht.

Immerhin kommt bei meinen Kuchen niemand auf die Idee sie seien in einer Patisserie heimlich über den Tresen gewandert. Es sind die kleinen Dinge.

Für den Kuchen bekomme ich einen Schneebesen geschenkt.

Ich fühle mich wie Hans im Glück.

Ein Kälbchen habe ich ja ohnehin schon.

Die Auszubildende macht eine Steinzeitdiät, aber vom Kuchen will sie trotzdem probieren.

„Habe ich von ihnen gelernt Fräulein Read On?”

„Kuchen essen?”

„Nein, Sie sagen doch immer man solle solidarisch sein.“

Die Auszubildende führt nach Punkten.

Aber so sehr interessant ist das natürlich alles nicht.

Vielleicht noch die Sonne, früh am Morgen auf dem Weg zum Weg.

Woanders trifft man mich eigentlich nie.

Es gibt mich nur in zwei Variationen.

Auf dem Weg zum Bahnhof.

Oder auf dem Weg vom Bahnhof.

Genug davon.

Jedenfalls die Sonne. Die Sonne zu betrachten, lohnt mehr als meinen immergleichen Schritten zu folgen.

Die Sonne ist ein rotglühender Ball früh am Morgen. Das ist ein ganz und gar falscher Satz. Die Sonne ist niemals nur ein rotglühender Ball, auch nicht am Morgen. Die Sonne ist immer so viel mehr. Die Sonne ist immer einen Überwältigung.

Die Sonne ist doch in Wirklichkeit eine Opernsängerin aus dem Fenice.

Die Sonne hat doch schon mit Verdi Grappa getrunken, damals in anderen Tagen in einem anderen Venedig, doch vielleicht auch damals schon der gleiche verhangene, milchfarbene Himmel, den sich Venedig und das ländliche Irland teilen.

Die Sonne als Opernsängerin braucht diesen Himmel für die letzten Takte einer grossen Arie. Dann verbeugt sie sich auf dem Balkon, eine rote Robe, flammendes Haar, das Publikum wirft ihr Handküsse zu, sie wirft rote Rosen zurück. So einen Auftritt hat die Sonne an diesem Morgen. So kann man auch in die Oper kommen, auch wenn man gar nicht bezahlt hat für Logenplätze im ersten Rang.

Irgendwo im Hintergrund aber spielt der Mond noch leise Klavier, denn sie ist doch seine, eine grosse Liebe, die Sonne da auf dem Balkon mit der roten Robe und dem flammenden Haar. Wer will es ihm denn auch verdenken?

Hat sich noch etwas zugetragen?

Kaum.

Was soll man schon sagen über einen Mann, der während der Zugfahrt hustet als sei die Kameliendame in Wirklichkeit seine Schwester. Aber Brustkamellen und auch ein Wasser schlägt er aus.

Es wird am Ende doch nicht wirklich stimmen, dass manchen Menschen wirklich nicht mehr zu helfen ist?

Dann steige ich aus unter anhaltendem Husten.

Die Katze hat sich anderntags auf dem Terrassensims mit einer anderen ungleich grösseren Katze mit weissen Pfoten misstrauisch beäugt.

Aber ich kenne die Katze lange genug, um zu wissen, dass Fragen auch die subtilsten  über solche Dinge nur zu schmerzhafter Verlegenheit führen und so lasse ich es bleiben.

Es lohnt sich, sie sehen ja wohin ich will, auch immer einmal wieder zu schweigen.

Mein Vater sucht wieder einmal seinen Pass. Aber das ist in jedem Jahr kurz vor Pessach und der Abreise nach Jerusalem der Fall.

Die liebe C. hat ein Veilchen entdeckt an der Hauswand.

Es wäre schön so ein Veilchen zu sein, denke ich mit der Hauswand im Rücken.

Manchmal gab meine Grossmutter mir kandierte Veilchen zu essen.

Aber das ist schon lange her.

Heute gibt es ja auch Kuchen in der Mondsteinscheibenfabrik.

Das ist alles und ich sagte es ja schon ganz am Anfang, es gibt kaum etwas zu berichten jenseits der Wege vom und zum Bahnhof.

Sonntag

Am Morgen mit dem treuen, alten Hund zum Fluss hinunter gelaufen. Der Fluss ist ein kleines Meer, sage ich. Aber der Hund schweigt, er weiss ja längst schon, dass ich kein Handtuch mehr über dem Arm trage, um im Meer zu schwimmen. Das Meer ist so fern. Der Hund muss sich ausruhen. Der Hund legt den Kopf auf die Pfoten und ich meine Hand auf den Hundekopf.

So sehen wir auf den Fluss.

Der Hund schliesst die Augen.

Dann sehe ich die Federn.

Schöne weiße Federn.

Federn wie Flaum.

Zart noch und ich stehe auf, um vielleicht eine Feder aufzuheben in der Tasche der dicken grünen Strickjacke kann man gute eine Feder haben. Eine leichte Feder vielleicht für schwere Tage.

Aber als ich näher auf die Federn zutrete, da sehe ich den abgerissenen Kopf im Gras. Ein verdrehte Grimasse, ein halbes Nein noch in diesem letzten Moment in dem schon alles vorbei war, liegt da in dem toten Vogelkopf. Obszön komme ich mir vor, in diesen letzten Augenblick hineingetreten zu sein. Ich hole Laub um den Kopf zu bedecken, die Erde ist zu hart für ein Grab aus Fingern.

Der Hund schläft noch immer.

Am Freitag Abend ganz spät, der Tag war fast schon zu Ende, da schickte mir Freund H. ein verwackeltes Video Auf dem Video eine johlende Menge. Zwei oder drei Männer ziehen zwei Gummipuppen die als Theresa May und Sadiq Khan aufgemacht sind am Strick hinter sich her, in London im März 2019, mitten in Europa. Ich starrte auf die verdrehten Köpfe der Gummipuppen mit ihren schlechten Perücken und übermalten Mündern und dem Dreck der Straße, der schon an ihnen klebt. Wie ich den Vogelkopf mit Laub bedecke, da sehe ich sie wieder vor mir und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht und dieselben sind der Vogelkopf und die grotesken Grimassen der Puppen.

Dass da nicht einer dabei war, der sagt: Mate, will ye stop it please. Aber da kommt keiner.

2019 kommt keiner mehr.

Dann gehen der Hund und ich zurück.

Am Nachmittag gehen der tierärztliche Neffe und ich in die Stadt. Der Neffe will den Frühling mit einem Eis eröffnen und Basketball üben. Aber da wo er Körbe werfen will spielen nur große Kinder und der Neffe sieht zu mir herüber: „Aber du bist doch auch groß.“ Ich nicke: „Heute bin ich groß“, sage ich. Der Neffe strahlt. Dann hören wir die Feuerwehren. Es brennt in einem Café, Rauchwolken, der Koch spuckt auf die Straße, eine Menschentraube steht schon um das Café herum. Ganz vorn am Bordstein steht eine Nonne. Ältlich schon, wie fast alle Nonnen, die man in Dublin noch treffen kann. Ein weißer Schleier, ein graues Kleid aus Kattun vielleicht, derbe Schuhe, eine Handtasche derb wie die Schuhe, ein Bund dünne Osterglocken auf der Tasche, ganz vorn steht die Nonne. Eine runde Brille, ein dünnes Gestell, zierlich ist sie nicht, wohl aber die Brille. Ihre Augenfarbe kann ich nicht sehen, denn wir stehen ja auf der anderen Straßenseite. Aber dass sie direkt in das Feuer sieht, dass sehe ich sofort. Eindringlich ist ihr Blick nämlich, so als wollte sie schon einmal vorausschauen. Wie oft kommt man als Nonne schon in direkten Kontakt mit dem was einen am Ende wohl erwartet oder erwartet die Hölle immer nur die Anderen? Ihr Augen sind weit offen, so als wolle sie sich alles ganz genau merken. Sie wippt ganz leicht mit den Zehen.

Vielleicht ist sie ja die Einzige unter den Gaffern, die wenn man so will aus beruflichem Interesse in die Flammen starrt.

Ich möchte den Priester anrufen, dem das Fegefeuer so fremd war, fremder noch als mir und dabei war er doch im Priesterseminar und ich nur einfacher Jude.

Aber das Verhältnis vom Priester und mir taugt nicht zu derartigen Vertraulichkeiten und dann zieht ja auch der tierärztliche Neffe an meiner Hand. Er will auch in das Feuer sehen.

Aber ich schüttle den Kopf und sage das Gleiche, nur milder, denn ich habe hier nur einen Begleit- und keinen Erziehungsauftrag.

Ich sage also etwas Ähnliches was meine Großmutter damals als sie mich fragte an einer Bordsteinkante- was macht man bei Feuer? „Wasser“, sagte ich und meine Großmutter sah mich an: „Und hast du Wasser, oder Sand oder einen Schlauch? Ich schüttelte den Kopf. „Kannst du die Sirenen der Feuerwehren hören?“ Ich nickte und dann sagte meine Großmutter: „Sieh mein Kind, wenn man nichts tun kann, soll man nicht im Weg stehen und niemals auch wenn man nichts tun kann, soll man bei den Gaffern stehen, die nichts tun wollen.“

Ich merkte es mir und sage etwas sehr Ähnliches zum tierärztlichen Neffen.

Der nickt dann doch und wir gehen an der Menschentraube vorbei.

Auf dem Basketballplatz spielen schon Jugendliche. Der Neffe versteckt sich hinter meinem Rücken. „Du fragst, okay?“, flüstert er. Ich nicke und nehme seine Hand, „wir beide fragen, okay?“ Der Neffe nickt in meinem Rücken. Es ist gar nicht so einfach schon groß zu sein, denke ich und dann frage ich die Jugendlichen, ob der kleine Monsieur und ich wohl auch mitmachen dürften. Die Jugendlichen finden es fehlten ohnehin noch Mitspieler und ein kleiner Neffe wächst auf einmal vor meinen Augen und jagt den Ball. Die Jugendlichen hören Rap aus einer Box und fluchen wie verrückt. Sie sind laut und sie sind ganz zart mit einem kleinen Jungen, den sie vor Remplern beschützen und den sie anfeuern steht er vor dem Korb. Zwei heben ihn hoch und zeigen ihm wie man mit einer Hand am Korb hängt und zwei stehen unter dem Korb,falls er fallen sollte.

„Ihr seid so großartig“, sage ich eine Stunde später, die Jungs klatschen ab und werden fast ein bisschen rot. Ich kaufe Eis für alle und der kleine Neffe hat plötzlich große Freunde und neue Schimpfwörter auch.

Dann bringe ich den Neffen nach Haus.

Auf meinem Heimweg sehe ich noch einmal zwei Nonnen, aber sie tragen dunkle Kleider und helle Schuhe und keine trägt eine Brille, schnell laufen sie hastig, aber ihre Wege verlaufen ganz grundsätzlich anders als meine sind sie doch Flammen des Glaubens und ich noch immer nur ein einfacher Jude, den seine Großmutter vor dem Feuer warnte.

Dann gehe ich nach Haus und lese die Zeitungen nach, schreibe eine Email an L. in Sri Lanka, esse ein Brot, falte die Wäsche, mahle Kaffee, trinke ein grosses Glas Wasser und warte auf den Regen, der kommt früher oder später, die Frau die den Wetterbericht verliest, klingt zuversichtlich, der Regen lässt einen hier nicht lange warten.

Gern sähe ich länger aus dem Fenster.

Gern hätte ich wieder ein eigenes Fenster.

Die Sonne am Abend über den Giebeln glimmt rötlich wie das Feuer am Morgen nur ohne Rauch.

Blüten und Stunden

Der schönste Baum des ganzen Viertels aber steht im Vorgarten eines Bestattungsinstitutes. Die Blüten sind hellrosa und schneeweiss und sie fallen weicher als all die anderen Blüten der anderen Bäume, die auch schöne Blüten haben, aber so weich und so schön sind sie nicht. So ein Baum ist das nämlich. Man kann an diesem Baum nicht vorbeigehen, ohne ihn zu sehen.

Es ist ganz und gar unmöglich.

Dabei sind wir so geübt nichts zu sehen.

Aber dieser Baum weicht nicht aus.

Zwei oder drei und manchmal auch viermal am Tag sehe ich den Baum.

Ich frage die T. nach dem Baum und dem Bestattungsinstitut, in meiner Hand liegen noch drei der weichen Blüten.

„Schon immer“, sagt die T. war jener Baum der Schönste.“

Einen Moment lang denke ich, die T. will noch etwas sagen über den Baum vielleicht oder das immer oder etwas ganz Anderes, aber dann lächelt sie nur ganz leise und beinahe verlegen und ich hole den alten Turnschuh, den der Hund so liebt und wir gehen noch einmal hinaus. Das Licht ist schon das letzte Licht des Tages.

Das Bestattungsinstitut ist ein Haus aus rotem Backstein und doch ist es dunkler als alle anderen Häuser der Strasse.

Auf dem Zaunpfeiler ist ein Schild angebracht. 24 Stunden sagt das Schild, 24 Stunden sind wir für sie da. Das Schild sagt nicht: Der Tod kümmert sich nicht um Öffnungszeiten, er kommt wann es ihm beliebt, nicht vorher, nicht nachher, vielleicht zu früh, jenseits der Stunden, die wir nun einmal für tugendhaft halten, das kümmert ihn nicht.

Einmal vor Jahren in einer Kirche in England, sah ich im Kirchschiff in einer Seitennische, einen Nachbau der Kirche, in der ich stand. Detailgenau, nur ein anderer Massstab, natürlich, blieb man lange genug nur vor der Kirche en miniature stehen, öffnete sich durch einen Mechanismus die Kirchentür und hinter der Tür, stand ein Gerippe,einen Schnappsack und eine Sanduhr in seiner Hand. Für Sekunden, die mir wir Jahre waren, sah man dem Tod genau ins Gesicht. Ich habe mich abwenden müssen, damals auch von dem Küster, der mir den Mechanismus erläutern wollte, begierig fast, aber ich wollte nichts davon hören.

Den Tod kann man nicht mit solchen Taschenspielertricks überlisten.

Er hat für jeden eine eigene Stunde, auch wenn seine Stunde nicht messbar ist in den Sekunden, Minuten und Stunden in die wir unsere Tage gliedern.

Das Institut für Bestattungsangelegenheiten aber muss mithalten mit dem Tod. 24 Stunden sagt das Schild.

Über dem Schild aber klemmt eine in anderen Tagen angefertige Uhr mit römischen Ziffern. Tik Tok, Tik Tok macht die Uhr. Die Uhr aber wird von einer Messinghand gehalten. Lauter rosa Blüten fallen auf die kalte Hand.

Vielleicht hat der Gründer des Bestattungsinstitutes schöne Hände gehabt oder einen Sinn für Kunst oder sein Versprechen 24 Stunden mit der Mahnung verbunden, dass die Uhr abläuft für jedne von uns.

Vielleicht hat die Frau des Bestattungsinstitutsgründers ja den Baum gepflanzt, um die Uhr und die kalte Hand abzumildern.

Vielleicht schwieg das Ehepaar verstimmt über drei Tage. Wie lebt man 24 Stunden mit dem Tod zusammen?

Vielleicht pflanzte auch er den Baum und sie zeichnete die Uhr, oder die Hand aus Messing war einmal ihre Hand und ein Uhrmacher war ein Bruder oder auch nicht.

Vor ein paar Wochen war die Hand aus Messing stumpf vor dem Winter, bis vor ein paar Tagen jemand die Hand poliert haben muss, denn dieser Tage glänzt die Hand und die Uhr, die tickt, unerbittlich.

Manchmal, ich habe es selbst schon gesehen da küssen sich Paare unter dem Baum, denn der Baum steht ja noch immer schräg neben dem Schild mit der Uhr und der Hand aus Messing. Der Baum mit seinen Blüten.

Da stehen sie dann und küssen sich.

Zwei Männer nämlich vorgestern, weite Arme und die Hände vergraben in den Haaren des Anderen, standen unter dem Baum, weisse Blüten im Haar und auf den Wangen, ich ging auf die andere Strassenseite. Liebende soll man nicht stören.
Aus den Augenwinkeln nur, die beiden Gesichter in sich versunken, tiefer noch, weiter noch, unter dem Baum, neben der Uhr küsst man sich nicht einfach so, nicht beiläufig, nicht so als ginge es um nichts, es sind immer auch Bahnhofsküsse, letzte Küsse, dort neben der Uhr und der kalten Hand, die uns erinnert, dass die G’tter und auch G’tt nichts wissen will von uns und der Tod kommt, wenn er kommt. So stehen die beiden unter dem schönsten Baum, mit dem zartesten Rosa und den weichsten Blüten.
Näher noch, sagen ihre Münder da bin ich schon lange weiter, sitze mit dem treuen, alten Hund am Fluss. Da suchen und finden sie oder ein anderes Paar sich noch unter den Bäumen, gleich neben der Hand. Vielleicht ist es ja wahr und der Tod kann sie nicht sehen unter den vollen Blüten, vielleicht sind die Blüten ja doch einmal lauter als das unermüdliche Ticken der Uhr.

Als ich zurückgehe, aber da küsst sich niemand mehr unter dem Baum und wer im Dunkeln am Bestattungsinstitut vorbeigeht, der ahnt nichts von der Uhr und der Hand aus Messing, der findet nur später im Hausflur vielleicht oder im Bad vor dem Spiegel fünf weisse, zartrosa Blüten unter dem Schuh.

Gezählt

Gezählt

Die Knospen am Baum vor meinem Fenster. Schon 48 gestern waren es weniger und vorgestern waren die Knospen nur eine Ahnung. 48 Knospen schon, hinter dem Meer da kann man den Frühling schon fast erahnen und während er noch durch schattige Täler wandert, zähle ich noch einmal. 48 Knospen wirklich. Jedes Jahr zweifele ich daran, dass der Frühling wirklich wieder kommt. 48 mal kann ich mir nun doch Hoffnungen machen.

Drei Esslöffel Porridge in die schwarze Stilkasserole, misstrauisch beäugt von der Katze natürlich.

Einen Esslöffel und anderthalb Teelöffel Kaffee in die French Press, Wasser dazu und dann bis zehn zählen.

Bei acht balgen sich Hund und Katze schon wieder.

Es ist eine Schande, zische ich.

Der Hund wenigstens hat den Anstand betreten zu gucken, die Katze schert das nicht.

Ich zähle langsam bis zehn um nicht schon vor sechs Uhr zu fluchen.

Die Wildtaubenfamilie auf dem Dach gegenüber gezählt. Es scheint Besuch gekommen zu sein, denn statt der üblichen vier Wildtauben gurrren nun sieben vom First herunter.

Ich ermahne die Katze streng, denn mir liegt aus bekannten Berliner Gründen an guten Beziehungen zur Wildtaubengemeinschaft.

Bis drei gezählt: Schlüssel, Portemonnaie und Mondsteinscheibenausweis.

Dreimal ja.

Auf drei gehts los.

Auf dem Weg zur Bahnstation gezählt wie oft nur ein einiziger Mensch in einem der Autos sitzt, die sich jeden Morgen an der Ampel stauen. In 25 Autos sitzt nur ein einziger Mann oder Frau. In zwei Autos sitzt noch ein Kind auf dem Rücksitz und in einem Auto schläft ein Hund.

Ein Auto hupt. Immer ist einer nicht schnell genug.

Einen weissen Schal mit blauen Lokomotiven finde ich auf dem Weg.

Den Schal hänge ich an einen Yaun mit 33 Zinken.

Hoffentlich findet eine kleinen Lokomotivführerin oder ein kleiner Schaffner seinen Schal wieder.

Oy vey.

In zwei Minuten kommt doch schon der Zug.

Ich renne achtzehn Stufen ziemlich schnell herunter.

Uff. Glück gehabt. Der Zug fährt gerade ein.

Sechs Wagen hat der Frühzug und ich sitze immer in Wagen 6.

Platz 22.

22 ist eine milde Zahl finde ich.

Ein Mann dreht während der Fahrt sieben Zigaretten. Seine Fingerkuppen sind gelb.

Eine Frau sieht auf ihrem Telefon ein Video in dme ein Kind herzzereissend schreit.

Elf Passagiere suchen nach einem untröstlichen Kind, aber findne nur eine Frau mit einem Telefon in der Hand.

Ich zähle im Weiteren eine Gruppe Schafe, bin aber nicht schnell genug, dann aber auch eine Ziege und vier Kühe.

Dann muss ich aussteigen.

Wieder schreit das Telefonkind.

Ich zähle die Aufgaben des Tages.

Uff.

Ich zähle die noch in der Schreibtischschublade vorhandenen Snickers-Riegel: 4.

Hier muss dringend gehandelt werden.

Im Laufe des Vormittags zähle ich dreimal bis dreissig.

Einmal der geschnappigen Sekretärin wegen, die findet ich solle der Frechheit eines Lieferanten wegen Massnahmen ergreifen. Die Sekretärin klingt dabei nach Mordlust und Rache.

Mir liegen Massnahmen fern.

Einmal da ging ich mit einem Mann aus, der erzählte wie er einen Hund zur Sauberkeit erzöge in dem er dessen Nase in den Urin drückte. Er sprach lange von Grundsätzen und Massnahmen, aber ich legte Geld auf den Tisch und ging so schnell ich nur konnte.

Ich habe nie einen Glauben an Massnahmen bessessen. Sie dienen ja doch nur ummäntelt der Demütigung.

Besserungsmassnahmen, vor der Tür.

Ich nicke der Sekretärin zu und lasse sie stehen.

Dann zähle ich noch einmal bis 30, denn die Auszubildende lässt doch nie , nicht auch nur ein einziges Mal eine Katastrophe aus.

Ich zähle lieber noch ein weiteres Mals bis dreißig, denn bei näherem Hinsehen hat sich die Katastrophe dann doch noch einmal als grösser erwiesen als ich bis dahin dachte.

In der Kantine gibt es Spinatsuppe.

Ich mag Spinat. Eigentlich.

Misstrauisch schnuppere ich am Suppentopf.

Aber man soll im Leben doch offen sein für Neues und Ungewohntes.

Ich schöpfe zwei Kellen in eine Schüssel.

Dann setze ich mich zur R.

Die R. ißt Chicken Shawarma.

“Ihhh, sagt sie, was ist das denn?”

“Spinatsuppe” sage ich.

Sie erwidert nichts Positives.

Ich löffle die Suppe.

Die Suppe schmeckt nach nicht viel. Der Spinat ist schleimig.

Dann treffen meine Zähne auf etwas Wachsig-Weiches.

Ich würge.

Natürlich ist es mein Erzfeind Sellerie.

Acht Brocken schöpfe ich aus der Suppe.

Mit der Spinatsuppe und mir wird das nichts mehr.

Die R. sieht mich sehr mitleidig an.

Ich schreibe eine sehr unangenehme Email. Der Adressat ißt bestimmt Sellerie pur.

Ich kehre an den Schreibtisch zurück.

Irgendwann mache ich mir einen Tee.

Ganz fest nehme ich mir vor diesmal bis 42 zu zählen, um mir nicht wie an jedem vermaleideten Nachmittag die Zunge zu verbrühen.

Bei 36 habe ich den guten Vorsatz vergessen, der verehrte Herr Direktor ruft ja auch an, ich nehme einen Schluck Tee, meine Zunge jammert.

Ach, Read On.

Dann gehe ich wieder zur Bahnstation.

Drei Minuten dann kommt der Zug.

So voll ist der Zug, dass ich nicht durchzählen mag.

Sardinen soll man nicht weiter plagen.

Sechsmal stoße ich mir in den neuen Schuhen den Fuss.

Sechsmal fluche ich unziemlich vor mich hin.

Sieben Mal ruft die T. einen Telekommunikationsmann an, der ein Problem beheben soll. Siebenmal bekommt sie eine andere Antwort. Das Problem bleibt bestehen.

Dreimal rufe ich nach dem treuen, alten Hund.

Achtmal ignoriert die Katze meine Bitte nach Verlassen des Sofas, auf das auch ich einmal in die Tageszeitung sehen kann.

Einmal zum Fluss hinunter wandern der treue, alte Hund.

“Ihr zwei”, sagt der J. “ihr seid ja pünktlicher als die Uhr.

Ich verrate ihm nicht, dass der treue alte Hund zwar nicht bis zehn wohl aber bis zum Abendbrot zählen kann.

 

Nachgetragene Notizen, Berlin

Berlin ist eine Zeitkapsel. In Berlin ist noch Januar. Jedenfalls auf dem Kalender.in meiner Wohnung. Merkwürdig ist das,so in der Zeit noch einmal zurückzureisen und an den Anfang des Jahres wieder anzukommen.

Ich findeÖ Zeitungen, der dicke Wollpullover, eine vertrocknete Zitrone, Notizen, die sich schon längst überlebt haben, Blognotizen, die ich doch verworfen oder besser noch wieder vergessen habe, ein Schokoladenengel in buntem Staniolpapier, die letzten Walnüsse aus dem Ostseegarten in der Holzschale auf dme Tisch, Staub auf dem Bücherregal und auch überall sonst.

Die Zeitungen in den Müll tragen, die Zitrone verwerfen, die Notizen weiter verfallen lassen, den Schokoladenengel dann doch betrauern, die Walnüsse kommen am nächsten Morgen in den Porridge beschliesse ich, den Staub aus dem Fenster hinauswerfen, die Holzschale mit Orangen füllen.

Mich kaum noch daran erinnern, wer ich im Januar gewesen sein soll. Eine Andere jedenfalls als ich es im März bin, die Notizen, die verworfenen Blogbeiträge sagen mir nichts. Eine fremde Frau mag das geschrieben haben, aber ich ganz sicher nicht.

Einen Teller mit Rosinen für meine alte Freundin die Wildtaube gefüllt. Lange gewartet, ob sie wohl kommt. Lange lässt sie mich warten, aber dann kommt sie doch. Ganz unruhig werde ich beim Warten. Ich hänge sehr an der alten Freundin, die mir seit so vielen Jahren auf der Fensterbank die Treue hält.

So eine Freundin will man nicht ziehen lassen.

Dann kommt sie doch.

Ich atme aus.

Die alte Freundin Wildtaube gurrt.

Dann kommt der Regen.

Der Regen läuft einem umgefallenen Tintenfass gleich die Strasse hinunter.

Der Regen lässt mich nicht mehr gehen, fürchte ich.

Am Abend treffe ich eine Freundin.

Viel haben wir zu erzählen, aber schön ist das nicht was wir uns zu erzählen haben,man sucht es nicht immer aus.

Es regnet noch immer.

Immer mal wieder öffnet sich die Tür. Herein kommen ein Mann oder eine Frau, aber sie suchen keinem Tisch, sondern sie haben dicke Kästen auf dem Rücken. I n die Kästen laden sie bestelltes Essen und fahren es durch die Stadt. Alle Fahrer sind nass. Drei Minuten halten sie sich vielleicht in dem Restaurant auf und dann verschwinden sie wieder in den Regen. Ganz unbeachtet bleiben sie von uns dne zahlenden Gästen. Manchmal liest man in einer Buchbesprechung von dystopischen Gesellschaftsordnungen in denen es immer auch um das Gefälle zwischen Herrn und Dienern geht. Aber das sind keine Bücher, die in eine Zukunft weisen, sondern das ist schon die Realität, denn die nassen Essensfahrer klingeln ja schon an einer Wohnungstür und reichen das Essen durch einen Türspalt. Wir akzeptieren dies schweigend, die nassen Lieferanten, die unhandlichen Kisten, den Hungerlohn, den Zeitdruck, die klapprigen Fahrräder, die mangelnde Ausrüstung, die stummen Gesichter derjenigen, die das Essen in die Kisten laden, wir alle sind immer auch die Augenzeugen der Welt, die wir für richtig halten.

In der S-Bahn auf dme Weg zurück zu mir in den Wald schlafen mehr Menschen als das sie wach sind. Diejenigen, die schlafen, schlafen so als hätten sie anderswo keinen Platz um sich hinzulegen.

Im Regen zurück in den Wald gelaufen.

Der Regen verschluckt meine Schritte.

Anderntags lange in die Kiefern gesehen.

Endlich wieder Zeit am Klavier verbracht.

Das Klavier ist verstimmt. Wer will es ihm schon verdenken?

Ein Kleid gekauft. Blau mit schimmernden Knöpfen.

Später treffe ich in dem gleichen Kaufhaus nur einige Stockwerke übe rmir, die liebe C.

Wir sind müde und trinken Kafffee. Der Kaffee kostet 3, 60 Euro.

Das kümmert hier keinen. Das ist ein Ort des behaglichen Reichseins.

Die liebe C. und ich rühren in dem Kaffee und erzählen uns lauter Dinge, die am Telefon immer ungesagt bleiben.

Dann kommt eine junge Frau an unseren Tisch.

„Nen bisschen Geld für was zu essen“, sagt sie. Sie trägt eine Strickmütze und zwei verschiedende Schuh an den Füssen.

In beiden Schuhen klafft ein grosses Loch.

Man findet überall Ähnlichkeiten, auch wenn man gar nicht nach ihnen sucht.

Wir geben sechs Euro. Das ist weniger als unsere zwei Kaffee zusammen kosten.

Die Frau starrt uns an.

Wir wissen nicht wohin mit unseren Augen.

„So viel Geld“, sagt sie und „Das reicht für zwei Tage und warm duschen.“

Sie greift schnell nach dem Geld, aks fürchtete sie wir könnten es uns auch noch einmal anders überlegen.

Wir schweigen beschämt.

Dann geht sie weiter.

An einem Tisch beschwert sich ein Mann über die Frau. „Das ist Belästigung.“

Dann kommt eine Mitarbeiterin des Kaufhauses und ruft: „Aber kusch dich.“

Sonst kommt die Security.

Der Mann nickt befriedigt. Er bezahlt ja auch für ein Einkaufserlebnis und fine dining.

Wir schweigen noch immer.

Die liebe C. nickt mir zu.

Dann stehen wir auf und gehen.

Vor den Lebensmittelbergen stehen Touristen und filmen sich mit diesen silbernen Gestellen, an die sie ihre Telefone schrauben.

Das alles folgt einer komplexen Choreographie, die wir doch ohnehin nicht begreifen.

Überall dickes Parfüm.

Noch einmal sitzen wir beieinander im Wald.

Dann trennen sich unsere Wege.

Ich fliege nach Irland zurück.

Der Flug ist ganz ereignislos.

Ich lese lange in Andrew Millers „Now we shall be entirely free.

Es ist ein Buch über den Krieg.

Der Krieg sagen manche sei auch nur eine Dystopie.

„Man muss aufpassen“, denke ich, dann fahre ich vom Flughafen direkt in die Mondsteinscheibenfabrik.

Sonntag

Alle singen.

Mein Vater singt schief, feierlich und mit Blumen in der Hand.

Die Mali-Tant, Jean und Kater Mau singen ein Wiener Ganovenlied.

Schwesterchen schickt mich ans Klavier und Kinder wie Ehemann auf Position.

5 Kinder, Schwesterchen und Schwager singen sieben verschiedene Lieder und und ich am Klavier versuche dem Lied zu folgen, welches am Lautesten gesungen wird. Das wechselt manchmal von Strophe zu Strophe.

Schwesterchen findet das Kanon singen klappe jedes Jahr besser. „Wenn du doch nicht immer so schnell Klavier spielen würdest.“

Ich nicke. Großen Schwestern widerspricht man nicht.

Die liebe C. strahlt.

„So viele Lieder“, sagt sie und die kleine Nichte und ihr treuer Kanzler Bär geben noch ein extra Ständchen.

Die liebe C. hört zu und strahlt. Das ist die liebe C. Sie nimmt jedes Lied, wie es kommt und gerade die schiefen Lieder und die Lieder, bei denen die zweite Strophe doch eigentlich ganz anders geht, die nimmt sie besonders an.

Das ändert sich nicht, auch nicht in ihrem neuen Lebensjahr.

An Geburtstagen wird gesungen.

Die Mali-Tant macht Champagner auf.

Die liebe C. pustet Geburtstagskerzen aus.

Dieses Jahr keine Heidelbeertorte. Dabei hatte ich doch alle Zutaten besorgt, aber dann stand ich in der Küche und wollte Butter schmelzen und Heidelbeeren und Sahne vermengen und wusste doch nicht weiter und starrte in Töpfe und Schüssel bis mir die liebe C. den Löffel aus der Hand nahm. „Liebes“, sagte sie, Liebes dieses Jahr wünsche ich mir einen anderen Kuchen, ja?“ Sie räumte Heidelbeeren, Joghurt, Sahne und Butter weg und ich nickte.

Der Tierarzt fehlt ja auch heute.

„Was für einen Kuchen magst du dann?“ „Den Goethe-Kuchen“, sagt die liebe C.

Anderswo heißt der Goethe-Kuchen, Frankfurter Kranz, aber bei uns heißt er niemals Frankfurter Kranz.

Der Goethe-Kuchen ist ein Kuchen aus der Kindheit meiner Großmutter.

Es ist ein Rezept aus einer Zeit, die heißt: Es war einmal oder alldieweil, oder einstmals da.

Einstmals nämlich gab es ein Deutschland in dem preußische Juden lebten und mein Urgroßvater, der doch ein Wiener war, verliebte sich in ein preußisches Mädchen und wurde so preußisch, wie man es werden konnte damals in Deutschland. Man feierte Kaisers Geburtstag, aber man liebte Goethe mehr als den Kaiser und so feierte man Goethes Geburtstag mit Gedichten, Singspielen, Pilgerfahrten nach Weimar, aber immer mit dem Goethe-Kuchen, einem Kranzkuchen mit Himbeer-Vanille Füllung und geraspelten Mandeln.

Heute natürlich ist davon nichts mehr übrig. Es gibt keine preußischen Juden mehr, die Goethes Geburtstag als den Geburtstag eines der ihren begehen. Es gibt nur noch die lose Rezeptsammlung meiner Großmutter, die sie mir vermachte. „Vielleicht findest du etwas Nützliches darunter“, sagte sie damals kurz vor dem Ende und riet für den Goethe-Kuchen zur Verwendung von besonders frischen Eiern.

„Das ist kein Restekuchen“, schrieb sie über das Rezept und kleiner darunter. Rezept von Mami, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, erstes Goethefest wohl 1911.

Also nehme ich die frischen Eier und backe drei Böden, lasse den Kuchen auskühlen. „Ungeduld wird hier zum Verhängnis“ schrieb meine Großmutter. Bestreiche die Böden mit Himbeerkonfitüre, rühre eine Mandel-Vanille Creme an, hacke Mandeln und setze den Kuchen vorsichtig wieder zusammen. Der Kuchen kommt in einen Karton, der Kuchen kühlt dann.

Goethe-Kuchen für die liebe C.

Dann kommen die Gäste.

Die liebe C. lacht und strahlt und versinkt in Blumen.

Mein Vater schleppt Vasen.

Zwei Nichten klettern in einen Baum und kichern wie die Waldgeister.

Ein Neffe spielt Geige.

Eine Nichte berät sich mit Kanzler Bär.

Ein kleines Täubchen gurrt mit den Tauben auf dem Kirchturm um die Wette.

Mein Vater serviert Getränke.

Ich wasche ab und höre den Gästen zu.

Bei den Geburtstagen der lieben C. kommen immer Menschen zusammen, die sich sonst niemals träfen.

Die liebe C. schwört dies sei keine Absicht.

Aber dann zwinkert sie doch und das ganze Haus vom Keller bis zum Speicher gleicht einem Bienenstock in dem mindestens sieben Sprachen, drei Generationen und so viele Ansichten zusammenkommen, dass es unbedingt Kuchen geben muss. Es ist immer die Frage Krieg oder Kuchen und dann lacht die liebe C. und lässt mich mehr Sahne bringen.

Schwesterchen holt neue Gläser.

„Ein Gedicht“, sagt mein Vater und nickt mir zu.

Goethe natürlich, gelernt ist gelernt. Meine Großmutter gab ja nicht nach.

Es war einmal.

Wunderkerzen auf dem Kuchen und Goethes: „Mit einem gemalten Band“, also.

Die liebe C. strahlt.

Am späten Nachmittag rücken wir alle Möbel zur Seite.

Ich spiele Klavier und alle, alle tanzen.

Am schönsten tanzt die Mali-Tant.

Am verliebtesten tanzt mein Vater mit der lieben C.

Die wildeste Polka tanzen die Kinder.

Den vollendeten Handkuss beherrscht nur der Jean.

Die liebe C. strahlt.

„Es sind doch alles in allem schöne Jahre gewesen“, sagt sie.

Im Sommer verlassen mein Vater und die liebe C. Deutschland wieder.

Ich klappe den Klavierdeckel herunter.

„Es war einmal ein Land, fing meine Großmutter an oder auch „einstmals als es noch Juden gab in den Städten und Dörfern, da“, aber schon damals wusste ich, dass das worüber meine Großmutter sprach so unendlich weit in der Vergangenheit lag, dass es sich niemals mehr erreichen ließ.

„Nicht an der Butter sparen!“, schrieb sie unter das Rezept für den Goethe-Kuchen, der bei uns niemals Frankfurter Kranz heißt.

„Alles Liebe zum Geburtstag“, sage ich der lieben C. noch einmal und Schwesterchen und ich ziehen sie zu ihrem Geschenk herüber.

Es ist ein Bild der kleinen deutschen Stadt in der Johann Wolfgang von Goeth niemals übernachtet hat und wohl nur einmal mit der Kutsche durchgefahren ist.

Die liebe C. strahlt.

„So eine schöne Erinnerung“, sagt sie.

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Ein Mann schreit schon im Flugzeug. „Diese Busfahrer!“ Die sollten nur abwarten bis er käme, er würde sich die Busfahrer schon vorknöpfen. Andere Seiten müsse man da aufziehen. Aber ganz andere. Diese Busfahrer sollten sich frisch machen. Erst streikten die Kinder und nun auch die Busfahrer.
Der Mann schreit immer lauter in sein Telefon und wischt sich mit der Hand über die zitternde Oberlippe. „Frau Annika“, schreit er weiter, denn er ist noch nicht fertig mit den Kindern, den Busfahrern und all den anderen, die nicht so wollen, wie er will, „Frau Annika, das sage ich Ihnen, mein Vater hat früher, das war natürlich alles noch vor der Pleite den Lehrjungen eine Backpfeife verpasst und sie die Werkstatt fegen lassen und das sind alles anständige Menschen geworden.“ Vatern hat ohnehin keine Unterschiede gemacht, wenn ich eine Abreibung verdiente, habe ich sie bekommen. Vor den Augen der Lehrjungen, Frau Annika und ich sage ihnen Vatern hat Recht gehabt und es ist eine Sauerei gewesen mit der Pleite und dann diese Busfahrer.“
Der Mann holt gerade noch einmal Luft, aber dann kommt die Stewardess und der Mann muss das Telefon weglegen. Zwei Minuten später schließt er die Augen. Wut ist anstrengend und die Erinnerungen an den Vater, die Werkstatt und die Schläge sind es wohl auch. In Tegel verliere ich den Mann aus den Augen. Erst in der Taxischlange sehe ich ihn wieder, da streitet er mit einem Taxifahrer über den anvisierten Fahrpreis: „35 Euro, das sind ja siebzig Mark!“ Aber für mehr Empörung fehlt mir die Zeit.

Es ist fast komisch, ausgerechnet wenn die Busfahrer streiken gibt es eine zuverlässigen Pendelshuttle zur nächsten U-Bahn Station, die U-Bahn kommt sofort, die S-Bahn folgt auf den Fuß. Eine Frau aber fragt mich, ob ich wüsste wann der Bus kommt. „Heute ist Streik, sage ich, noch bis 22 Uhr.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt sie und sieht verlegen weg. Die S-Bahn und die U-Bahn fährt aber trotzdem. Sie nickt. „S-Bahn und U-Bahn traut sie sich nicht“, erwidert sie. Sie fühle sich nicht gut dabei, wenn man gar nicht mehr sehen könne, ob so eine S-Bahn denn überhaupt noch von einem Menschen gefahren würde.“ Dann geht sie schnell weg und ich steige in die S-Bahn ein. Die Frau dreht sich noch zweimal um, und bleibt wieder an der Bushaltestelle stehen. Eine Erklärung ist eine Erklärung, aber die Angst der Anderen erreicht sie nie. Aus dem S-Bahnfenster heraus zählt ein kleines Mädchen die Autos. Für sie ist der Streik eine Mathematikaufgabe. „Wie viele Autos passen auf die Straße bis sie platzt?“, fragt sie ihre Mutter. Ihre Mutter schüttelt den Kopf. Das ist nur wegen des Streiks sagt sie und das Mädchen zählt weiter grüne, blaue, rote und silberne Autos. Sie hat viel zu tun. Viele Taxis stehen im Stau und in einem Taxi da schreit ein Mann bestimmt gerade den Taxifahrer oder Frau Annika an.

Im kleinen, verschlafenen südwestlichen Vorort der großen Stadt Berlin aber steht ein Bus und vor dem Bus steht ein Busfahrer und trinkt Kaffee aus einer gewaltigen grünen Thermoskanne. Die Passagiere bestaunen ihn sehr. „Ist doch Streik“, sagt ein Rentner mit Regenmantel und kariertem Schal. Aber der Busfahrer schüttelt den Kopf. „Wir sind doch längst outgesourct und gar nicht drin in die ihre feine Gewerkschaft. Ich wär ja och schon lange in Rente, aber der Sohn hat Schulden und Kinder, da mach ich eben noch Touren hier.“ Wollense denn mit?“ Aber der ältere Herr will nicht mit. „Söhne“, sagt er stattdessen, na das kenn ich auch. Erst hat mir der feine Herr Sohn die Autoschlüssel abgenommen und jetzt stöhnt er, wenn er mich fahren soll. Aber heute ist er dran. Da kommt mir nichts davor. Soll ja keiner sagen können, dass der Streik nicht auch einen Nutzen hat. Der Busfahrer und der ältere Herr nicken sich zu. Der Busfahrer schraubt die Thermoskanne zu, steigt in den Bus, dann hupt er dreimal und fährt davon. Aber da laufe ich schon die lange Straße herunter und winke dem Nachbarn zur Linken zu, der ruft über den Gartenzaun: „Fräulein Read On, sie machen ja immer Sachen, entweder Sturm oder Streik, wenn Sie kommen.“ Ich habe zur Ilse heute früh schon gesagt: „Na wenn das Fräulein nicht bald mal wieder hier auftaucht

„Man tut was man kann, werter Herr Nachbar“, rufe ich und krame nach dem Schlüsselbund.

Vielleicht, oder auch nicht

„Vielleicht“ sagt der Mann im Zug neben mir in sein Telefon, vielleicht ist ja die Antwort sich einfach zu verlieben.“ Der Mann trägt eine blauen Regenmantel und einen gelben Seidenschal. Den Seidenschal dreht er nachlässig mit einer Hand hin und her. Er sieht sich um im Zug, ob da vielleicht die Liebe einsteigt in Coolmine oder Clonsilla, aber die Liebe ist ganz offensichtlich andersweitig verabredet und der Mann seufzt in sein Telefon.
„Was meinst du denn?” Für einen Moment lang ist es ganz still, so als sei der Mann sich nicht sicher, ob er die Antwort denn wirklich hören will. Dann spricht sein Gegenüber sehr lange und der Mann nickt. „Er sei sich der Gefahren in jeder Hinsicht bewusst“, sagt er schliesslich und bevor er das Gespräch beendet, fügt er hinzu: “ Vielleicht ist das mit dem sich verlieben, wirklich kein guter Plan.“ Dann verschwindet das Telefon in der seiner Manteltasche und er sagt zu sich ganz leise noch einmal: „Vielleicht.“

„Vielleicht“, sagt ein Mann neben mir zu einem Kollegen, der heisses Wasser auf einen Teebeutel giesst und Zucker und Milch in die Tasse füllt, vielleicht müsste man es doch noch einmal ganz anders machen.“ „Ich mache den Tee schon immer so“, sagt der Mann und rührt dreimal nach links und dreimal nach rechts. „Nicht den Tee“, sagt der Mann und starrt in seine Tasse, in der der gleiche braune Teebeutel schwimmt.“Ich meine das alles. Job, Haus, Kinder, Auto, Frau, Scheidung. Vielleicht hätte ich doch bei meinem Bruder in Australien einsteigen sollen oder, oder“ und dann fährt der Mann sich durch das Haar. „Ach, ich weiss nicht, nur manchmal denke ich vielleicht…“ Dann starrt er in seine Tasse. Der Tee ist ganz schwarz.“Damn it“, flucht er und giesst den Tee aus. „Vielleicht solltest du es mal mit Kaffee probieren morgens“, sagt sein Kollege. Aber der Mann neben ihm zuckt nur mit den Achseln und wenige Minuten später schon sind sie verschwunden.

„Vielleicht sagt die Auszubildende später, vielleicht ist die Ausbildung zur Bürokauffrau gar nichts für mich.“ Die Auszubildende sieht anklagend in meine Richtung. Ich nicke. Die Auszubildende findet immer dann., wenn ich etwas von ihr will, es sei vielleicht besser, sie begönne es gar nicht erst, denn vielleicht sei es ja ohnehin ganz und gar vergebens. Vielleicht ist alles vergeblich, sagte ich einmal, aber da erschreckte die Auszubildende sich und seitdem schweige ich lieber. Vor einem vielleicht mag man sich mehr fürchten als vor einem Ja oder Nein,das weiss die Auszubildende und ich weiss es auch.

„Vielleicht“, sagt die Sekretärin und will gebeten werden. Also bitte ich. Erst bleibt ihr vielleicht ein vielleicht, ich lobe ihren scharfen Verstand, dann fast unverhofft wird aus ihrem vielleicht ein möglicherweise, dann hat sie genug von meinen Bitten und will es sich vielleicht oder auch möglicherweise noch einmal überlegen. Ich lasse sie ziehen, nur um zwei Stunden später wieder und weiter zu bitten und viel zu oft google ich, was vielleicht alles meinen kann. Die Sekretärin schweigt und ich bitte weiter.
Nach einer weiteren Stunde sind wir bei einem vielleicht mit einer Tendenz angekommen. Wohin die Tendenz aber geht scheint ungewiss. Derweil klingeln zwei Telefone und fragen nach dem Stand der Verhandlungen. „Ist ein halbes vielleicht doch schon ein Ja?” Aber mein Gegenüber will Sicherheiten.
Die Sekretärin starrt mich lange an. Die Sekretärin hat viele Jahre das Vorzimmer eines berüchtigten Finanzdienstleisters verteidigt. Für die Sekretärin bin ich ein kleiner Fisch. Die Sekretärin kann auf viele hundert Arten ein nein formulieren. Ihr Nein ist undurchdringlicher als ein Maschendrahtzaun. Ihr Ja ist immer ein Geschenk und sie ist vorsichtig und sehr verschwiegen, wer es wann und warum aus welchen Gründen erhält. Aber mit ihrem Ja oder nein, kann man leben. Es ihr vielleicht, dass einen zittrig und unruhig werden lässt, es ist ein vielleicht, das viel Platz lässt für mehr als ein ja oder nein, es ist ein vielleicht der tausend Möglichkeiten von denen nicht eine einzige zutreffen muss. Es ist wiegt schwerer und lockt einen doch immer wieder auf seinen Weg, dieses, ihr vielleicht, geübt und geprobt in Jahrzehnten vor schweren Türen, auch wenn es noch so den Anschein hat, es sei noch so beiläufig fallen gelassen und eigentlich schon in einem ohnehin zu tiefen Teppich versunken. Ihr vielleicht ist aus Stahl und wäre ihr vielleicht eine Rose, so zöge man sich noch Wochen später , die Dornen aus dem Finger ohne das man auch nur einen Zentimeter weitergekommen wäre.
Ihr Vielleicht ist ein Wartesaal in dem Samuel Beckett die Zeitung liest ohne aufzusehen.
Ich versuche es trotzdem noch einmal und frage nach, was aus dem Vielleicht denn nun geworden sei. Ja, sagt sie und ich will schon erleichtert austamen, da sagt sie ohne weiter von ihrem Computer aufzusehen. Vielleicht überlege ich es mir aber auch noch einmal.
Wird es denn klappen, fragt man mich später. Vielleicht, sage ich und zucke mit den Achseln, vielleicht auch nicht. Vielleicht weiß man es immer erst ganz bestimmt, wenn es zu spät ist.