Was ich alles nicht gemacht habe

Keine Wohnung gekauft. Dabei würde ich doch so gern oder so dringend oder beides zusammen. Aber die Wohnung war in der Realität noch viel schrecklicher als in der Annonce. Schrecklicher als die heruntergekommene und wahnsinnig überteuerte Wohnung mit Wasserflecken an jeder Wand war nur das Lachen des Immobilienmaklers, der unter wieherndem Gelächter erklärte, was diese Wohnung für ein Schmuckstück sei. Sein Lachen verfolgt mich noch im Treppenhaus. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlsuppe und den Ambitionen des Immobilienmaklers. Ich laufe davon so schnell ich nur kann.

Keine Granatäpfel mehr auf dem Markt bekommen. Ich war zu spät und der Händler schon davon gefahren. Ich verfluche den Immobilienmakler und das Leben an sich.

Die Zeitung nicht zu Ende gelesen. Nicht einmal zur Hälfte, um ehrlich zu sein.

Keine bessere Laune bekommen, trotz einer Zimtschnecke mit Hagelzucker darauf.

Mich nicht darüber beruhigen können, wie viel Platz die Autos haben und wie wenig Rand für Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit rotem Ball und alte Hunde bleibt. Wie kann das sein, frage ich mich immer öfter, dass wir uns so leise, so unbemerkt, ohne jeden Protest so viel Platz haben nehmen lassen? Warum nur gilt unsere Nachsicht den Parkplätzen auf denen niemand mehr Springseil übt und auf denen Blumen nur zufällig doch bestehen bleiben? Wie haben wir das nur zugelassen, ohne bunte Plakate, ohne Sitzstreik, ohne Beschwerdeberiefe an den Bürgermeister, warum sind wir nur so unendlich geduldig, dass auch am Sonntag die Straßen mit Autos verstopft sind und der Hund und ich auf unserem Spaziergang zwar zweimal fast von einem aus einer Ausfahrt herausbretternden Autofahrern erfasst werden, aber keinem einzigen Buben mit einem Roller treffen? Wie kann das sein, dass man als Fußgänger elend lange auf dreißig Sekunden Grün warten muss, nur um bös angehupt zu werden, wenn man mit einem alten Hund doch vierzig Sekunden braucht. Warum nur leuchtet es uns so ein, dass grundsätzlich alle Freiheit beim Auto liegt und alle anderen Verkehrsteilnehmer nur störendes Übel sein können? Warum eigentlich ist alle Welt eigentlich der Überzeugung den richtigen Blick auf die Welt gäbe es nur vom Lenkrad aus? So viel Protest sieht man dieser Tage, aber unsere Wege, Städte und Dörfer haben wir einfach so, schulterzuckend aufgegeben.

Darüber kann ich nicht aufhören mich zu wundern.

Auch beim Wiederlesen von Stolz und Vorurteil keine Sympathie für Charles Bingley gewonnen. Kaum ein Charakter ist mir so unsympathisch wie Jener. Dafür mich wieder ein bisschen mehr in Charlotte Lucas verliebt, die pragmatischer und grundsätzlicher auch als alle anderen Austen Figuren sich eine Freiheit erheiratet, über die alle anderen nur lachen können. Sie ist die Einzige auch, die nicht mitmacht, obwohl es so einfach wäre auch für sie dem Deppen Mr Collins eins mitzugeben und sie macht es nicht. So viel Glück, denke ich mir wieder und wieder werde ich wohl nicht haben, dass mich jemand so sieht wie Charlotte Lucas. Man merkt es ja selbst immer erst, wenn es zu spät ist, dass man längst selbst Mr Collins geworden ist.

Keinen Krokus zertreten und über kein Schneeglöckchen getrampelt.

Keinen Kuchen mit der Katze geteilt.

Keine angenehmen Träume mehr.

Keine Nachrichten gehört.

So lange schon nicht mehr Klavier gespielt.

Trotz erklärtem Vorsatz kein Kleid gekauft.

Keinen Kaffee gemahlen.

Keinen Krümel Tee mehr in der alten Dose gefunden.

Auch daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nicht einmal einen Einkaufszettel geschrieben.

Auch nicht im Kino gewesen. Ob Isabelle Huppert wohl noch Filme macht? Vielleicht sitzt Isabelle Huppert ja auch lieber irgendwo im Süden und sieht hinaus auf das Meer.

Keine Muschel am Strand aufgehoben.

Keine zweite Wohnung besichtigt.

Keinen Knopf gefunden mit dem sich das Gackern des Immobilienmaklers hätte ausstellen lassen.

Keine Pläne gemacht.

Keine Freunde getroffen.

Am späten Nachmittag im Garten eine Taube mit abgerissenem Kopf im Garten gefunden. So schöne bunte Federn.

Ein Loch gegraben, die Taube beerdigt, aber kein Lied gesungen. Mit Vögeln soll sich der Mensch nicht messen. Einen Stein auf das Grab mit der Taube gelegt.

Die schwarze Katze oben im Baum mit grünen und blauen Federn im Maul erst viel zu spät gesehen.

Den Blick nicht abgewandt von der Katze und den bunten Federn über mir.

Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

Die nasse Grenze

So viel Regen ist in diesem Land, denke ich.

Das ist was mich trennt von diesem Land weiß ich.

In eine Sprache kann man hineinwachsen. Vielleicht.

Gewohnheiten das sagt ihr Name ja schon, kann man annehmen oder auch nicht.

Selbst in einem Paar zu großer Schuh kann man gut und gern ein Paar Kilometer weit zurücklegen.

Aber der strömende Regen, der trennt dieses Land und mich.

Vielleicht wäre das anders würde ich mit dem Auto fahren.

Aber ich fahre ja nicht mit dem Auto. Ich laufe früh am Morgen zum Bahnhof und abends, wenn auch der Tag genug von mir hat, laufe ich wieder zurück.

Meistens regnet es morgens oder Abends. Aber an vielen Tagen regnet es Morgens und Abends.

Der Regen ist hier eine Wand gegen die man läuft. Ein Wand, die noch im Gehen wächst, einen umschließt dichter noch als die größte Hecke. Der Regen hier ist ein Labyrinth glaubt man, es wäre möglich sich einfach eine Kapuze in die Stirn zu ziehen, um das Schlimmste zu überstehen so irrt man natürlich. Der Regen atmet nur einmal durch, sucht sich Lücken in den Haaren oder auch nur in den Augenwinkeln, schlägt gegen die Wimper, schlägt Regenschirme grundsätzlich entzwei, zögert nicht lang und schon sind auch Füße, Knöchel, Schienbeine und die Knie durchweicht. So eine Wand ist der Regen, so glatt ist die Wand, das noch die Fingernägel abrutschen, auch unter den Fingernägeln läuft das Wasser herunter als sei eine Wand eigentlich auch nur ein Fluss.

Einmal habe ich im Regen vor dem Dom in Milano gestanden und in den blanken Steinen Grimassen geschnitten. Selbst die ernsten Löwen aus Stein mit ihrer Schwanzquaste so sehr um Haltung bemüht, mussten nicht wenig kichern. Vielleicht haben sogar die Heiligen im Schatten des Baptisterium leise angefangen zu kichern. Warm war der Regen an jenem Nachmittag an dem ich eigentlich in eine andere Stadt fahren wollte, nur um dann doch in einem Hotel am Bahnhof der Stadt zu landen. Drei Tage hat es in Milano geregnet. Aber der Regen dort, damals war voller Demut. Ließ Fassaden rosa glänzen und ein alter Palazzo strahlte senf-gelb so als lägen nicht viele Jahrhunderte zwischen dem letzten anstrich und dem Regen. So ein Regen war das. Die Löwen immer schon auf dem Sprung und der Regen war sanft mit der Stadt und seinen Bewohnern. Eine Frau hielt einen Regenschirm in der Hand, meine ich zu erinnern. Der Schirm, so meine ich war weiß mit schwarzen Punkten oder schwarz mit weißen Dreiecken, aber ganz sicher weiß ich noch, dass der Schirm Rüschen hatte. Das schien mir das Feinste zu sein, was es geben könne. Ein Schirm mit Rüschen. Die Frau war sehr schön und ein Mann zog seinen Mantel aus mitten im Regen. Aber ich habe den Mann nicht gefragt nach seinen Gründen und auch die Frau habe ich nur aus den Augenwinkeln angesehen. Das aber lange, denn sie wich in Schlangenlinien den Pfützen aus.

Aber der Regen hier hat nichts von der Weichheit, nichts von dem Rosa, nichts von dem warmen Gelb Milanos.

Hier ist der Regen ein Denkzettel. Eine beständige Erinnerung daran, dass ich nicht dazugehöre. Kalt hängen Kleid, Schal, Mantel und auch meine Haare an mir herunter. Der Regen hier ist hart und kalt und legt einem ganz plötzlich eine eisige Hand zwischen meine Rippen.

Du nicht, grinst der Regen.

Sein Lachen hat etwas vom heiseren Husten eines alternden Nachtportiers.

Vielleicht stehen hier die Mütter von klein auf mit den Kindern im Regen und der Regen ist dann irgendwann auch nur noch Gewöhnungssache.

Aber ich habe als Kind niemals im irischen Regen gestanden und der Regen und ich haben uns niemals aneinander gewöhnen können.

Vielleicht singen die Väter hier ihren Kindern Regenlieder ins Ohr und irgendwann bekommen die Kinder die Melodie nicht mehr aus dem Ohr.

Aber ich habe als Kind niemals Regenlieder gehört und so haben der Regen und ich uns nichts zu sagen.

Fremd sind der Regen und ich einander.

Nass bin ich und der Regen denkt sich nichts dabei.

Noch später da tropft das Kleid, die Schuhe sind mit Zeitungspapier ausgestopft, die Strumpfhosen sind ein nasser Ball und die Jacke ist noch immer schwer vor Nässe, da liege ich im Bett. Klamm sind die Beine noch immer, obwohl das doch gar nicht sein kann. Aber draußen an die Scheibe da klopft der Regen an. Seine Fingerknöchel sind weiß, unermüdlich scheppern sie gegen das Glas. Sie sind Warnung. Du die Fremde, verstehst mich ja doch nicht. Lauf nur, zieh dir nur die Decke bis zu deiner Nasenspitze, versteck dich nur, mach dich nur unsichtbar, ich finde dich noch. In deinen Träumen noch soll dir mein Wasser bis an den Hals reichen, du bist von zu weit her gekommen, um das ich mir mit dir einig werde. Der Regen läuft an den Fensterscheiben herunter. Durch den Regen lässt sich nicht hindurchsehen, die ganze Welt hält der Regen von mir fern.

Wirklich, mitten in der Nacht wache ich auf und glaube das Bett sei ein schwarzer Tümpel.

Aber das Bett ist immer noch ein Bett.

Auf dem Läufer neben dem Bett schläft doch selig, der treue alte Hund.

Nur ich kann nicht schlafen, denn der Regen schläft nie.

So viel Regen und so viel Fremde, denke ich und der Regen hört nicht auf.

An den Regen kann man sich niemals ganz gewöhnen.

Dunkelgrau fast schwarz ist das Wasser vor meinem Fenster.

Der Regen ist ein Maßband für Entfernungen.

Samstag

Am Samstag ist es kalt.

Es ist so kalt, dass man es merkt und nicht nur feuchtkalt, wie man es in Irland eben gewöhnt ist.

Der treue alte Hund und ich treffen ein Reh auf der Wiese.

„Viellleicht könntet ihr Freunde werden“, schlage ich vor.

Der Hund starrt mich entsetzt an. Das Reh dreht die Ohren zweimal nach links und wieder nach vorn und schon stürmt es davon.

Damit ist dann wohl alles gesagt.

Der Hund seufzt, aber zu den kalten Pfoten, Füßen, Händen kommt die Sonne dazu.

Die Sonne versöhnt für Vieles.

Für ein paar Stunden gehe ich ins Büro.

Dann hole ich den Neffen des Tierarztes ab.

Der Neffe trägt das Rugby-Shirt des Tierarztes.

„Ich dachte Du kommst nicht“, sagt der Neffe, den das Trikot genauso verschluckt wie einmal den Tierarzt.

„Doch“, sage ich. „Ich bin doch da.“

Eine kleine Hand in meiner.

Der Neffe mag ein Eis von McDonalds vor dem Spiel.

„Gut“, sage ich und der Neffe schleckt ein Eis mit dicken Keksbrocken darin und erzählt mir ganz aufgeregt etwas über jeden Rugbyspieler.

So viel Aufregung macht rote Wangen.

Neben uns am Tisch sitzt ein Mann mit grauen Haaren.

Er trägt eine Lederjacke, blaue Hosen und feste Schuh. Er hat einen roten Schal und eine Dunnes-Store Einkaufstüte. Er hat Handschuhe und ein kleines, graues Notizbuch. Er ißt kein Eis und auch keinen Burger und keine Fries.

Aus der Plastiktüte holte er eingepacktes Brot hervor, er sieht sich um, ich sehe weg, er holt zwei Scheiben Käse aus der Tüte und eine Scheibe Wurst, die legt er hastig auf das Brot. Er reißt ein Tütchen McDonalds Ketchup auf und streicht es mit einem Plastikmesser auf die Brothälften, dann klappt er das Brot zusammen und ißt es so schnell er kann.

Ein McDonalds Mitarbeiter sammelt Abfälle ein, der Mann deckt hektisch die noch verbliebene Brothälfte mit der Hand zu. Aber der McDonalds –Mitarbeiter sieht einfach gar nicht zu dem Mann herüber, es gibt eine Menschlichkeit in Schnellrestaurants, die selten geworden ist. Hier weiß man etwas von der Formenbreite menschlicher Müdigkeit. Obdachlosigkeit hat gerade in Dublin viele Gesichter, so viele, dass eigentlich niemand mehr hinsehen mag.

Ich versuche mich als Taschenspieler, richtige Taschenspieler legen ja lieber etwas in eine Jackentasche hinein als etwas herauszunehmen.

„Das Spiel fängt gleich an“, sage ich zum Neffen.

Der Neffe nimmt meine Hand zurück.

Draußen vor der Tür sagt der Neffe: „Du Read On, warum hat der Mann neben uns sich ein Brot geschmiert?“

Wie erklärt man die scharfen Kanten der Welt?

Im Pub zwinkere ich dem Barmann zu.

„Für den jungen Herrn einen frischgezapften Apfelsaft, bitte!“

Der Barmann zwinkert zurück und der junge Herr darf hinter die Theke, zwei Zapfhähne bedienen, der Barmann ist auch ein Taschenspieler, denn flugs hat der junge Herr einen schäumenden Apfelsaft im Glas und strahlt.

Das ist eine alte Tradition des Tierarztes gewesen. Das Zwinkern, der Tresen, der Apfelsaft. Ein Platz im Eck des Tresens, wo man gut sehen kann, auch wenn man noch ziemlich klein ist.

Ich weiß nichts über Rugby.

Ich finde die Iren robben sehr engagiert über den Rasen und versuchen ihr Möglichstes mit dem Ball, aber im Pub jubeln nur die Engländer.

Die Engländer gewinnen.

Aber ich habe ja Schokolade in der Handtasche und nächste Woche ist ein neues Spiel, sagt der Neffe.

„Genau“, sage ich. Auf dem Heimweg schläft der Neffe ein.

Ich hole den Hund und dann fahren der Hund und ich zur J.

Der P. ist zu Besuch.

Wir kochen Risotto und richten Salat an.

Der P. kannte meine Mutter.

Ich kann vor Aufregung nicht schlucken.

Dann wird es doch schön.

Der P. ist aus Capetown.

Ein Jahr war er im Gefängnis, da war er 17 und hatte einen Streik an seiner Schule organisiert. Anti-Apartheid. Ein Jahr später war die Welt eine Andere.

Der P. erzählt hastig und wer kann es ihm schon verdenken?

Viele Stunden sitzen wir in der warmen Küche.

Die letzte Geschichte ist die Geschichte von K. Die K. hat in Capetown ein Projekt geleitet, dass Wohnen in den Townships sicherer machte. Vor zwei Jahren war die K. in Delhi, um sich anzusehen wie wir versuchen Leben im Slum sicherer zu machen. Vor einem Jahr war die K. in Dublin, um über ihre Erfahrungen als Architektin im Township zu berichten. „Wie geht es denn der K.?“ fragen J. und ich.

K. ist tot, sagt P. Von einem Wassertank erschlagen in einem Haus, das sie in eine Wohngemeinschaft umwandeln wollte. Der Arzt war im Verkehr stecken geblieben und alles war zu spät.

In Europa denke ich später, erzählen sich Menschen andere Geschichten.

Vielleicht bin ich doch schon zu lange in Europa. Länger gebelieben als ich je wollte, bin ich ohnehin.

Als der treue, alte Hund und ich nach Hause finden, ist es schon Sonntag.

Der Himmel ist kalt und klar.

Ich hätte die K. öfter anrufen sollen.

Viel zu schön ist der Himmel, viel zu klar ist die Nacht ohne K.

Anna

Das letzte Mal habe ich Anna vor vielen Jahren gesehen. So viele Jahre liegen zwichen Anna und mir, dass ich nicht mehr weiß wie viele Jahre genau.

Das letzte Mal als ich Anna sah, lebte ich in Berlin.

Das letzte Mal als ich Anna sah, hatte ich ganz kurze Haare.

Aber Anna hatte immer ganz lange Haare.

Anna war die Freundin meines Freundes J.

Der J. und ich hatten Freundschaft in einem Waschsalon geschlossen.

Bevor ich J. kannte, wusste ich schon von Anna.

J. sagte zwischen den sich drehenden Waschmaschinentrommeln: Ich bin Jan und die Frau, die ich liebe, heißt Anna.

Ich nickte und sagte: Hallo, J. der Anna liebt.

Dann sahen wir auf die Buntwäsche.

Wir teilten uns eine Stange Pfefferminzdrops und eine Tüte grüner Haribo-Frösche.

Zwei Tage später traf ich Anna zum ersten Mal.

Anna war hell, so hell, dass ich erst einmal blinzeln musste. Ich war nie hell und damals als ich Anna traf, war ich besonders dunkel.

Anna aber lachte mit offenem Mund, sie schlang die Arme um J., wie es eigentlich nur Kinder tun, sie spielte Gitarre, Anna spielte Gitarre und J. sah Anna zu wie sie liebte und lebte, ganz aus dem Vollen. Man musste einfach lächeln, wenn Anna kam.

Anna hatte immer Ideen. Auf ein Hausboot ziehen. Die Anden erkunden. In Thailand ein Fischerboot zu einer Bar ausbauen. In Sizilien auf einer Steintreppe selbstgezogene Kerzen verkaufen.

Jeden Anderen hätte man belächelt, aber Anna bewunderte man insgeheim und man wollte sofort ein Interrail Ticket lösen, um mit ihr loszuziehen.

Niemand fragte Anna, woher sie sei. Alle wollten immer wissen, wohin Anna wohl als Nächstes ginge.

Ich war gar nicht so wenig neidisch auf diese Frage.

Aber Anna lachte und wenn man sie zwei Wochen später sah, war sie gerade erst mit dem Zug aus Budapest angekommen oder hatte in einem Kloster in Oberbayern Schals gebatikt.

Anna war Ballerina und konnte Traktor fahren.

Aber Anna liebte auch J. und wann immer er dazukam, strahlte sie heller noch und hielt seine Arme fest, so fest es ging.

Eines Tages Anna und ich kannten uns ein halbes Jahr, da machte der J. ihr einen Heiratsantrag.

Anna sagte Ja.

J.sagte immer wieder: Sie hat wirklich ja gesagt.

Nie wieder habe ich J. so glücklich gesehen wie an jenem Tag.

Das war vielleicht zwei Wochen bevor ich Anna das letzte Mal sah.

Das letzte Mal habe ich Anna in einem Brautmodengeschäft in der Schlüterstraße gesehen.

Anna wollte eine spontane Hochzeit und ein Kleid für eine Hochzeit, die man mindestens ein Jahr im voraus plant.

Anna probierte immer neue Kleider an.

So schön war Anna. Draußen vor dem Schaufenster blieben Passanten stehen, um Anna anzusehen.

Anna winkte.

Ich lachte so sehr an diesem Nachmittag mit Anna. Vielleicht habe ich nie wieder so gelacht wie damals mit Anna.

Sie suchte ein Kleid aus, das ihr weich um die Knöchel fiel. Ein Kleid aus Stoff und Tüll, mit Spitzenbesatz, ein Kleid wie aus einem Märchen. Ein Kleid wie es nur Anna einfallen konnte, die schwor sie würde genau zu diesem Kleid schwere Haferlschuhe tragen und die alte Strickjacke ihrer Mutter mit den Rosenknospen.

Die Verkäuferin strahlte, wir strahlten und der J. bezahlte das Kleid.

Der J. ging zurück zur Arbeit.

Anna küsste mich zweimal links und zweimal rechts.

Sie roch nach Jasmin und grünem Tee, glaube ich.

„Ich ruf dich später an“, sagte Anna und dann lief sie los.

Sie trug ein gelbes Kleid mit weißen Streifen.

Es war ein Sommertag in Berlin als ich Anna zum letzten Mal sah.

Angerufen hat Anna mich nicht.

Nicht am Abend.

Auch nicht einen, oder zwei Tage später.

Sie meldete sich auch nicht bei J.

Der J. hängte das Kleid zum Lüften an den Schrank.

J. fuhr durch die Berliner Krankenhäuser und fragte nach Anna.

Aber da war Anna nicht.

Nach einer Woche ging er zur Polizei.

Es gibt immer wieder Menschen, die verschwinden und nicht gefunden werden wollen, sagte der Polizist.

Anna und ich wollen heiraten, sagte der J.

Aber Anna meldete sich nicht.

Der J. hängte das Hochzeitskleid in den Schrank.

„Sie kommt bestimmt wieder“, sagte J.

„Ja“, sagte ich.

Aber Anna kam nicht zurück.

Manchmal sagten Freunde sie hätten von Anna in Sydney gehört.

Oder sie hätten Anna mit einem Freund in Hongkong gesehen.

Irgendwann hatte der J. kein Geld mehr um spontan nach Sydney zu fliegen.

Anna blieb verschwunden.

Aber wenn jemand den J. fragte auch noch zehn Jahre oder fünfzehn Jahre später, ob er mit jemanden zusammen sei, dann sagte er, er würde auf Anna warten.

Manchmal in all den Jahren, die vergingen und in denen der J. sich oft verlor, rief er mich an und sagte: „Du hast doch Anna gekannt.“

„Ich weiß nicht“, sagte ich und oft fuhr ich dann los und suchte nach J.

So vergingen die Jahre.

Das Brautkleid frassen die Motten.

Den J. frisst die Arbeit auf.

Aber nach Anna sucht er nicht mehr.

Keiner seiner Freunde fragt mehr nach Anna.

Den Freundeskreis jener Jahre gibt es nicht mehr.

Der J. nimmt manchmal eine Frau mit nach Haus, aber über Nacht bleibt sie nie.

Seine Telefonnummer ist noch immer dieselbe.

Wenn wir uns in Berlin sehen, sprechen wir über alles, aber nicht über Anna.

Einige Jahre lang schrieb ich ihrer Mutter.

Aber irgendwann kamen die Briefe ungeöffnet zurück.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich in den letzten zwei oder drei Jahren kaum noch Anna gedacht.

Längst kenne ich andere Annas und ihr Name ist nur noch ein fernes Echo.

Ein Brautkleid habe ich selbst nie gekauft.

Aber immer mal wieder habe ich mit einer Freundin in einem Brautmodenladen gesessen und ihr zugesehen, wie sie ein Kleid aus Tüll anprobierte. Nur gelacht habe ich nie mehr so wie an jenem Nachmittag mit Anna.

Aber das habe ich den Freundinnen nie gesagt.

Eine getrocknete gelbe Rose erinnerte mich immer mal wieder an Anna.

Aber eigentlich erinnerte mich nur der J. noch an Anna.

Denn der J. liebt Anna noch immer.

Irgendwann hat der J. eine Therapie gemacht. Der Therapeut sagte er müsse eben loslassen und sich auf neue Erfahrungen einlassen. Aber der Therapeut wusste nichts von Anna und ihrem Lachen.

Gesprochen aber haben der J. und ich auch nicht mehr über Anna.

Nur geschwiegen haben wir über Anna.

Heute Nachmittag aber ich hatte gerade ein anderes Telefonat beendet und dem D. versprochen mich einer Angelegenheit anzunehmen, da klingelte das Telefon. Ich dachte die vorherige Anruferin hätte etwas vergessen.

Aber die Stimme am Apparat war eine Andere.

„Hallo, hier ist Anna“, sagte die Stimme am Telefon, so viele Jahre später, heute um 16.34 Uhr.

Fast eine Woche später

Die Katze habe ich die ganze Woche kaum gesehen.

Die Katze hat ja auch ihren eigenen Sessel.

Die T. sagt: „Ist das nicht wie enorm, wie die Katze mit einer blossen Schwanzbewegung mitteilen kann, ob sie mehr Milch möchte?“

Ich entschuldige mich für die Katze und die Manieren.

Die T. streichelt die Katze und sagt: „So eine gute Katze!“

Die Katze grinst.

Den treuen, alten Hund immerhin sehe ich öfter.

Aber auch nur weil der J. Abends Sport macht.

Der Hund hat es eher nicht so mit Sport.

Aber am Abend nach der Fabrik gehen der Hund und ich spazieren.

Die Häuser hier sind alle groß und haben einen Garten. Selbst im Januar sieht man, dass hier die Rasenflächen mit der Nagelschere nachgeschnitten werden.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig umher.

Andere Hunde habe ich noch nicht gesehen.

Vielleicht gehen die vornehmen Hunde die neben ihren Besitzern vor einem Kamin sitzen, aber auch nur tagsüber spazieren und lesen am Abend in: 101 Gründe warum Katzen immer alles besser wissen und was kluge Hunde dagegen tun können.“

Aber tagsüber bin ich nie bei T. und J.

Tagsüber bin ich in der Mondsteinscheibenfabrik.

2,3 Kilometer sind es von der Haustür zur Bahnstation.

Ich laufe, aber sonst läuft morgens nur eine Frau mit einer Stirnlampe ihre Runden. Sie läuft aus anderen Gründen als ich.

Nur einmal bin ich diese Woche so richtig nach irischer Fasson eingeregnet.

Das ist keine schlechte Bilanz.

Die Nachbarn zur Linken haben ein großes, helles Wohnzimmer.

Das ganze Zimmer ist voller Bücher.

Abends bevor ich den Schlüssel aus der Tasche krame sehe ich in ihr Zimmer herein.

„Wie das voll ist, frage ich mich dann immer, so ein vollständiges Leben zu haben?“

Ich habe nur einen Flickenteppich, zwei Koffer, eine Katze, den treuen alten Hund und die wieder säuberlich gestapelten Kisten mit Traurigkeit. Weiter besitze ich einen blauen Rucksack und zwei Taschen. Im ledernen Luggage holdall sind Tierarzt Dinge. Manchmal lege ich meine Hand auf seinen Lieblingspullover. Ich will ihm sagen. „Ohne dich sind wir drei haltloser noch als zuvor.“ Aber der Tierarzt hört ja nicht mehr zu. Dann schiebe ich das luggage holdall wieder ganz tief in den Schrank hinein.

Ich wohne noch immer weit weg vom Meer.

Ein neues Schwimmbad habe ich noch nicht gefunden.

Vor meinem Fenster steht ein großer Baum.

Es ist gut einen Baum in der Nähe zu wissen, sage ich mir.

Der Baum und ich sehen uns selten, aber manchmal ist mir als winkte mit der Baum im Dunkeln zu.

Ich winke immer zurück.

Es regnet vor meinem Fenster. Ich bin froh um den Regen. Der Regen sage ich mir, ist eine bewegliche Wand auf die Verlass ist. Ich möchte mich gern auf den Regen verlassen.

Die ersten Nächte habe ich lieber auf dem Fussboden geschlafen.

Der Boden und der Baum sind sichere Orte habe ich gelernt.

Geschämt habe ich mich trotzdem.

So viel Angst liegt vor dem Davonkommen.

Die T. bringt mir immer mehr Decken.

Vor meinem Fenster steht ein kleines, rotes Segelboot aus Holz.

Ich nehme es oft ganz vorsichtig in die Hand.

Ich sagte mir gern: „Leinen, los.“

Aber dann ist es schon wieder spät und ich muss zusehen, dass ich den Zug in die Fabrik bekomme.

Ich ziehe mir Gummistiefel an.

Der Hund zieht ein Gesicht.

Die Katze grinst und rollt sich auf T.s Schoß zusammen.

Der Hund und ich tappen ins Dunkle.

Der Regen fällt mir schwer ins Gesicht.

Der treue, alte Hund seufzt.

Auf den Rasenflächen stecken die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe heraus.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig, damit die Schneeglöckchen keinen Schaden nehmen.

In Berlin gehe ich ganz vorsichtig, um nicht auf einen Stolperstein zu treten.

In Irland gehen der Hund und ich ganz vorsichtig, damit keine Blumen Schaden nehmen.

So unterscheiden sich die Böden und die Füße der Länder.

 

Schnell genug

Noch einmal oder schon wieder umziehen.

Das liegt ja immer im Auge des Betrachters.

Ich weiss, sage ich zur Katze. Ich weiss doch, schön ist das nicht.

Aber selbst die Katze, die es doch zu einem Grundsatz gemacht hat, mit mir niemals einer Meinung zu sein, schweigt und nickt mir zu, so als wolle sie mir sagen. „Schon Recht, ich seh es ein, aber gib mir ein oder zwei Tage, ich will den schönen Kater noch einmal wiedersehen.

Soll sein Katze, soll sein, sage ich.

Ich weiss, sage ich zum treuen alten Hund, ich weiss, leicht ist das nicht.

Aber der treue, alte Hund, der doch Veränderung nicht leiden mag, schleppt seinen Schuh heran und legt ihn auf den Koffer. Dann bleibt der Hund einfach sitzen.

Ich denke an die Frau des Krämers. Die Frau des Krämers wusste natürlich gleich, dass mein Weggang aus dem Dorf in der Katastrophe, meiner wohlgemerkt nicht der des Dorfes enden würde. Das kleine Dorf wird es immer geben und

Meinen Einwand, dass das Dorf diametral entgegengesetzt zur Mondsteinscheibenfabrik liegt und das Haus zu einem Preis verakuft wurde, den ich auch in zwei Arbeitsleben nicht werde aufbringen könne, liess die die Frau des Krämers nicht gelten. „Sie werden schon sehen“,  sagte sie finster und ich packe meine Schuhe ein und werfe so viele Dinge weg, damit ich wenn ich wieder umziehen muss, noch schneller sein kann. Immer noch schneller, sage ich mir und halte mich mit den Händen an meinen Armen und mit meinen Armen an der Wand fest. Sonst ist ja auch niemand da.

Auf Schnelligkeit kommt es an, wenn man Schlägen ausweichen will, das weiss ich schon so lange. Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Lieber weitergehen, denke ich und hoffe eines Tages wird auch die Frau des Krämers aufhören Recht zu haben. Aber manchmal befürchte ich die Frau des Krämers wird immer Recht behalten und noch mehr fürchte ich, dass ich eines Tages nicht mehr schnell genug sein werde und dann hat das Schicksal oder wer auch immer sich gerade als Schicksal verkleidet mich bei den Haaren packt und nicht mehr gehen lässt.

Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Das weiss ich ganz genau.

Also dann, sage ich und packe das was ich habe in zwei Koffer und einen Rucksack, die vielen Kartons mit Traurigkeit hab eich gar nicht erst aufgemacht, sondern sie stapeln sich links und rechts und in der Mitte. Alle Kartons sind sorgfältig nummeriert. Man soll sich vorsehen, dass die Traurigkeit nicht durcheinander gerät. Wenn die Traurigkeit erst einmal ausbricht aus den Schachteln und Kartons, dann gibt es kein Halten mehr. Nicht für die Traurigekit und auch nicht für mich.

Die Bücher trage ich ins Büro.

Es sind immer die Bücher, die mich dann doch noch aufhalten. Immer schon. Man muss nur wissen, was einen aufhalten wird.

Das ist alles, was man wissne muss.

Die Katze kommt in den Korb.

Der Hund kommt an die Leine.

Der Taxifahrer sagt:

„Hund und Katze geht das denn?“

„Sie haben mein Kälbchen noch nicht gesehen“, sage ich.

Der Taxifahrer starrt mich an.

„Ist das alles?“

Ich nicke.

Mehr ist es ja nicht.

Die Katze schwenkt missmutig ihren Schwanz.

Die Katze findet ein Korb, auch ein besonders feiner Weidenkorb sei kein angemessenes Transportmittel für eine Majestät.

„Verkehrssicherheit“ zische ich der Katze zu.

Der Hund rollt sich auf dem Boden zusammen.

Der Taxifahrer erzählt mir lang und breit, was er so alles mit Politikern zu tun gedächte.

Der Taxifahrer ist dabei nicht unbegabt.

Der Taxifahrer hupt.

Er sagt ich solle mir seine Nummer notieren.

„Er sei schnell da.“

„Das ist gut zu wissen“, sage ich.

Dann sind wir da.

„Aufgepasst“, sage ich zu Hund und Katze.

„Der erste Eindruck ist entscheidend.“

Der Hund verzieht sich hinter meine Beine.

Die Katze knurrt misslaunig.

Wäre ich nur in der Lage Kätzisch zu verstehen, so sagte sie gewiss: „Hast Du schon einmal jemanden bella figura in einem vergitterten Weidenkorb machen sehen?“

Bevor ich: „Contenance“ zischen kann, geht die Tür auf.

In der Tür steht die T.

„Ihr Lieben!“ sagt sie. Ich freue mich so.

„Es tut mir so leid, sage ich.“ Die Katze hat gar keine Manieren und der Hund hat auch keine Manieren, aber der Hund bemüht sich.

Die T. Sagt: Wie hat denn die Katze ihre Milch am Liebsten? Im Flur hat die T. Bilder ihrer drei leider verschiedenen Perser-Katzen hängen.

Die Katze verlässt erhobenen Hauptes den Korb und himmelt die T. an. Zwei Minuten später schnurrt sie auf dem Arm der T. Fünf Minuten später schleckt die Katze Milch. Zehn Minuten später hat die Katze einen Sessel zugewiesen bekommen. Der Sessel hat Kissen. Die Katze sieht mich an: „Das ist eben dein Problem Read On, nur weil dich niemand liebt, nimmst du an, das müsste allen so gehen. Sieh wie Du dich irrst!“ So viel Kätzisch kann ich dann doch.

Der Mann der T. krault den Hund hinter den Ohren und sagt: „So ein treuer, alter Hund.“ Die T. wollte ja immer Katzen, aber ich wollte immer einen Hund.“ Der Hund schnorchelt leise und sehr zufrieden. Der Hund hat nichts gegen Freundschaftsbekundungen, der Hund will nur mit Menschen nichts zu tun haben, die einen Ball in die Luft werfen und finden ein Hund sollte den Ball fangen und das auch noch gut finden. Aber der J. will den Hund nicht zu Albernheiten zwingen. Der J. will Fernsehen schauen und den Hund streicheln. Der Hund sieht gern fern und J. hat warme Hände.

Die T. zeigt mir mein Zimmer.

Das Zimmer geht in den Garten hinaus.

Ich müsste mir die Schuhe ausziehen.

Ich müsste die Koffer auspacken,

Ich müsste die Kisten mit Traurigkeit ordentlich stapeln.

Ich müsste Schwesterchen und die liebe C. anrufen.

Ich müsste herausfinden, wie ich zur Bahnstation komme, die zur Mondsteinscheibenfabrik führt.

Ich müsste der T. und dem J. noch einmal danken.

Aber ich kann nur auf dem Stuhl sitzen und in den Garten sehen und wieder und wieder denken: Du warst noch einmal schnell genug.

So lange sitze ich auf dem Stuhl und sehe in den Garten bis die Stimme in meinem Kopf leiser wird und ich kaum mehr hören kann, wie sie sagt: Was ist wenn du zu langsam gewesen wärst?

Noch einmal schnell genug davongekommen.

 

Im Bus mit Theresa May

Immer am Mittwoch und Freitag fahre ich mit Theresa May Bus.

Ha, höre ich Sie sagen, nun ist das Fräulein Read On ja wirklich ausser Rand und Band geraten und will uns ein X für ein U vormachen. Theresa May das weiss doch jeder, lebt  in London und nicht auf der kleinen, reichlich verregneten Insel auf der besagtes Fräulein ihre Tage fristet. Ausserdem fährt doch eine britische Premierministerin nicht mit dem Bus durch die Gegend, sondern wird selbstredend gefahren.

Aber stur sein kann ich auch und ja, schütteln sie ruhig den Kopf, denn Theresa May sitzt ja doch in dem Bus in dem auch ich zum Bahnhof brause.
Ein Arbeiterbus ist die Nummer 15, dort sitzen keine geschniegelten Salesmen oder Professorenehepaare oder gar Richter mit ihrer Perücke in einer braunen Schachtel.

Der Bus Nummer 15 ist ein Bus der kleinen Leute und des grossen Gähnen. Die Geschichten im Bus Nummer 15 beginnen nicht in Irland, sondern in Nigeria, Vietnam, oder in einem Plattenbau.

Im Bus Nummer 15 wird mehr geschwiegen als gesprochen, keiner hat eine Handtasche dafür haben die Reisenden grosse Beutel mit Wechselsachen. Der Bus Nummer 15 teilt sich in Frauen, die sauber machen, vom sauber machen kommen und in Männer, die auf dem Bau arbeiten gehen.

Im Bus Nummer 15 bekreuzigen sich die Frauen, passiert der Bus eine Kirche und die Männer hauchen K Küsse in ihre Telefone, denn irgendwo in Polen oder Rumänien warten ihre Kinder darauf, dass Papa anruft.

Aber am Mittwoch und Freitag sitzt eben auch Theresa May zwischen uns allen, auf dem dritten Sitz links von vorn. Sie sitzt immer am Fenster und – sicher ein Zugeständnis an ihre Security Männer- sie hat einen enormen Regenschirm mit einer silbernen Spitze bei sich.
Im Bus Nummer 15 tragen alle Polyester oder Sicherheitsschuhe, aber Theresa May dort am Fenster sieht exakt so aus wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Am Feitag trägt sie einen Kamelhaarmantel, der so weich ist wie eine Mohairdecke und ihre Fingernägel sind dazu sehr dezent, aber eben auch sehr sichtbar teuer in einer Art dunklem Nilgraubraungrün lackiert.
So etwas bekommen sie nicht in Dublin, wohl aber in London wo man ja bekanntlich alles bekommt.

Exakt die gleiche Kette wie Theresa May sie trägt liegt auch um ihren Hals und mit einer ganz und gar grazilen Handbewegung richtet sie dann und wann, wenn der Bus Nummer 15 sich bedenklich schwer in einer Kurve neigt ihre Kette.
Natürlich ist das Haar der Premierministerin Englands, Schottlands, Wales und Nordirlands auch im Frühbus absolut und ohne Zweifel auf Kante geföhnt. Es gibt wohl nur wenige Friseure die ihr Handwerk so verstehen wie der Friseurmeister einer Premierministerin und ihre Kopfbewegung ist so bestimt, so zielstrebig, so ausserordentlich bekräftigend wie man es wohl sein muss, hat man eine halbe Regierung, fast ein ganzes Parlament und einen guten Teil der öffentlichen Meinung gegen sich. Diese Frau, das sieht jeder Laie liest noch mitten in einem Tornardo Akten mit demselben kurzen und doch so Nicken wie es eben der Premierministerin zu eigen ist.

Ach, werden Sie sagen, das Fräulein Read On macht so einen Bohei, nur weil ihr müder Verstand ihr etwas vorgaukelt, wo es nichts vorzugaukeln gibt. Dabei habe ich das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: am Mittwoch nämlich liest Theresa May den Guardian und das ist doch nun wirklich ein Indiz, welches sich nicht leichthin abweisen lässt.
In Irland nämlich greift man zu Irish Times, zum Irish Examiner, nimmt den Irish Independent zur Hand und den Guardian liest man wenn schon denn schon am Samstag und wenn man das tut, dann wird man natürlich nicht müde zu betonen, dass man den Guardian ja ohnehin nur der Rezeptbeilage wegen läse.

Aber bei Theresa May macht das nur Sinn. Wer, wenn nicht die britische Permierministerin muss informiert sein über die Lage der Dinge im Allgemeinen und im Besonderen?
Und ich selbst habe gesehen, wie Theresa May und wer will es ihr verdenken, wenn immer Boris Johnson gescholten wird mit gespitztem Mund beginnt zu lächeln. Ein hämisches Lächeln ist das, ja das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Gibt sich der Guardian aber mit Verlautbarungen zu Jacob Rees-Mogg ab, ballt die Premierministerin die Hände zur Faust und aus der Zeitung wird in Sekundenschnelle Küllpapier.

Im Bus Nummer 15 verdenkt es ihr keiner, im Bus Nummer 15 haben alle schon einmal in mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten gesteckt. Am Freitag Morgen aber liest die Premierminsterin nicht in der Tageszeitung, sondern immer in einem Krimi. Jetzt aber halten sie sich fest. Theresa May nämlich macht mit dem Bleistift Randnotizen in die Kriminalromane hinein.

Der Bus Nummer 15 nimmt es gelassen zu Kenntnis. Wir alle kennen fiese Chefs ( nicht der verehrte Herr Direktor), biestige Kollegen oder anderes Ungemach gegen das nur die Vorstellung hilft, dass die Nemesis einmal auf einen Inspektor träfe, der mit allen Wassern gewaschen noch den hartgesottensten Kriminellen ( keine Namen!) ins Schwitzen brächte.
Und ich muss zugeben, so entspannt, so milde und heiter habe ich Theresa May im Fernsehen noch nie gesehen. Verstehen kann man es gut, wer wenn nicht sie die Vielgeplagte dieser Tage kann wohl hin und wieder, am Mittwoch und Freitag wenigstens einmal anderthalb Stunden für eine Atempause brauchen?

Wir verdenken es ihr nicht. Der Bus Nummer 15 und die ihm eigene Reisegemeinschaft lässt jeden sein. Hier wird niemand schief angesehen, nur weil er es wirklich einmal für eine gute Idee hielt von einem Plan nicht zu lassen, der voller Tücken ist. Hier im Bus Nummer 15 kennt man sich aus mit gescheiterten Hoffnungen und hier im Bus Nummer 15 in dem mindestens siebnundzwanzig Nationen zur Arbeit fahren, weiss man etwas von den Chancen und Grenzen Europas, die auch Theresa May zu schaffen machen.

Am Bahnhof aber steige ich aus und so kann ich Ihnen nicht sagen, bis zur welchen Haltestelle die Premierministerin fährt. Irgendwo aber wird eine dunkle Limousine schon auf sie warten,ein Fahrer öffnet die Tür und anderthalb Stunden später ist die Premierministerin wieder in London, ihr Privatsekretär reicht ihr eine schwere Aktenmappe, natürlich hat Michael Gove schon wieder vierzehnmal angerufen und die Premierminsterin zählt die Tage bis sie wieder im Bus Nummer 15, der doch eigentlich eine Atempause ist, sitzt.

Ich aber drehe mich nur noch einmal kurz um, bevor ich den Zug zur Fabrik besteige und murmele: Gdspeed Mrs May, Gdspeed und Farewell.

Sonntag

Nachts um zwei Uhr unruhige Träume, oder vielleicht auch nur die Schatten an der Decke. Wer weiss das schon genau zu sagen? Ich weiss es nicht. Aber aufstehen tue ich doch, meine Grossmutter sagte es sind nicht die Monster unter dem Bett vor denen man sich gruseln müsse, sondern der eigentliche Schrecke sei die Weigerung aufzustehen und nach zu sehen, was denn eigentlich geschehen sei. Damals als sie es das erste Mal zu mir sagte, wusste ich nicht, dass sie in Wirklichkeit nicht über die Schattenmonster sprach, sondern über ganz andere Dinge. Aber aufgestanden bin ich schon damals und auch heute stehe ich auf.

Der Hund schläftmit leise zuckenden Pfoten, die Katze schläft mit eingerolltem Schwanz. Die M. schläft und ich schlafe nicht. Ganz leise, also auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tapp, tapp, tapp. Ein Glas kaltes Wasser aus dem Hahn und eine Handvoll Eiswürfel hinterher. Das Eis knackt zwischen den Zähnen. Immer dieser Durst. Ich schäme mich für diesen Durst schon immer. Ich kann nie langsam, nie angemessen trinken, ich kann Wasser nur gierig herunter schlucken, die Eiswürfel sind schon verschwunden, immer der Durst und die Scham und dann sehe ich mich um, ob mich nicht doch jemand beobachtet. Immer die Scham.

Eine ganze Weile sitze ich auf dem Sofa und sehe auf die leere Strasse. So heisst das ja oft im Gedicht oder im Film oder in einem der vielen Kriminalromane. Aber eigentlich gibt es keine stille Strasse. Der Nachbar kann auch nicht schlafen oder sucht seine Monster, jedenfalls raucht er am offenen Fenster. Der Nachbar bläst Rauckringel in die Luft. Vielleicht müssen die Monster davon husten. Ein Auto fährt einmal, zweimal, dann dreimal die Strasse hinauf und wieder hinunter. Dann geht der Motor aus und eine Frau schreit in ein Telefon. Damn it schreit sie, aber ihre Monster kümmert das nicht. Lauteres Geschrei. So viel Wut, überall so viel Wut. So müde Monster. Das Auto hupt aus irgendwelchen Gründen vier Mal- vielleicht gilt in Monsterkreisen die vier als Unglückszahl und nicht die Dreizehn? Dann krakeeln drei Möwen. In den Nächten von Samstag zu Sonntag halten die Möwen grosse Bankette an den Müllkübeln ab. Pieter Breughel hätte daraus grosse Bilder gemacht, aber ich sitze nur vor dem Fenster und sehe den Möwen zu, die Trinklieder singen und ihre gelben, gezackten Schnäbel mit Essensresten beladen stolz in die Höhe recken.
Dann habe ich kalte Füsse.
Zurück ins Bett.
Noch einmal einschlafen.

Am Morgen mit dem Hund durch das Viertel spazieren.
Sturm liegt in der Luft.
Der Hund seufzt.
Die Welt seufzt, sage ich Hund.
Der Hund nickt.
Zuhause richte ich Porridge.
Die Katze glaubt es gereiche ihr zu ihrem Vorteil wenn Sie nur zwischen Topfdeckel und Rührlöffel spränge.
Hier irrt die Katze.
An jedem Sonntag fallen harsche Worte zwischen mir und der Katze.
Aber an diesem Sonntag tappt wenigstens der Hund nicht in die Porridgeschale.
Im Schwimmbad ist es voll.

Am Sonntag sind Schwimmstunden für Kinder. Die Kinder sind schon groß. Vielleicht steigt mit der abnehmenden Angst vor den Monstern die Angst vor anderen Dingen wie dem Wasser. Die großen Kinder haben fast alle Angst vor dem Wasser. Das muss schwer sein mit der Angst im Nacken schwimmen zu sollen. Die Kinder sollen an Schwimmnudeln herunter ins Wasser gleiten. Die Kinder fürchten sich. Überall diese Angst denke ich. Überall die Angst.
Am Nachmittag habe ich der M. einen Kuchen für den Abend versprochen. Die M. hat Besuch. Ich backe einen Kuchen mit dicker Orangenglasur, auf der Straße spielen Kinder Himmel und Hölle. Da ich die Hände schon in Seifenwasser habe, ist es nicht mehr weit bis ich Seifenblasen aus dem Fenster puste. Die Kinder haschen nach den bunten Kugeln. Eine ganze Straße voller Lachen.

Später lese ich im Internet herum. Die Polizei in Bremen hat ein Video veröffentlicht, das bei der Identifizierung von Tätern helfen soll. Mich macht immer wieder neu sprachlos wie viele Kalle Blomquvist Detektive mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien dort in den Kommentaren herumpoltern, sich in wildesten Gekreisch übertreffen und nichts zur Sache beitragen. Ob diese Menschen auch glauben, dass James Bond wirklich mit einem Auto über die Dächer fliegt? Und ob diese Menschen wohl in ihrem ganzen großen Wutgeheul nie einmal innehalten, um in sich zu gehen und einfach einmal still zu werden?
Dem Besuch der M. unaufmerksam zugehört.
Spät am Abend einen Pfirsich geschält.
Vergessen das warme Wasser anzustellen. Sehr kalt geduscht.

Später noch in den Nachrichten vom Angriff auf den Gdansker Bürgermeister Paweł Adamowicz gehört.
Später noch, einen halben Tag später ist Paweł Adamowicz tot.
Die Monster schlafen nie.
Cześć Jego pamięci.

Eckensteher auf Zeit

Auf einer belebten Straße stehe ich und warte auf den Herrn Direktor. Der Herr Direktor steht im Stau. „Macht nichts“, sage ich am Telefon. Wann hat man denn an einem belebten Montag Morgen schon Zeit einfach einmal so auf die Straße zu schauen?

Schon immer wäre ich gern Eckensteher geworden, aber leider hat sich dieser Berufsweg nie ganz durchsetzen können und so sehe ich nur ausnahemsweise der Straße am Montag zu. Da ist der Mann mit bunter Krawatte und Lederetui, der hektisch in ein Telefon schreit: „Hongkong or Singapore? Hongkong or Singapore? Mir scheint an den Business Schools geniesst Geographie nicht den Stellenwert, den es bräuchte. Aber schon ist der Mann vorbei gerannt. Ein kleines Kind mit Zauberstab und prächtigen Schmetterlingsflügeln angetan inspiziert eingehend einen Stock auf den Boden. Wer selbst ein Schmetterling mit magischer Hand ist, so scheint es, der findet nicht einfach so einen verwehtes Stück Holz, sondern hebt den Bleistift eines Druiden auf und hält den Stock genauso fest in der Hand wie den Zauberstab. Ein Mann in mittleren Jahren mit einer kleinen Nickelbrille und einem großen Rucksack auf dem Rücken begrüßt mit großem Ernst jede einzelne Laterne auf dem Weg die Straße hinauf. Langsam geht er und für jede Laterne findet er ein Wort. Ein Hund wartet mit hängender Zunge auf eine Frau. Die Frau trägt einen rot-grün karierten Mantel und einen gelb-blau gestreiften Rock. Ihr Hund hat brau-weiß geflecktes Fell und eine blass-rosa Zunge. Die Frau holt ein Croissant mit Mandeln aus einer Tüte und der Hund bekommt zwei Scheiben Schinken. Der Hund jauchzt und die Frau lächelt.

Zwei amerikanische Touristen mit viel Gepäck haben müde Gesichter. Ihr Hostel hat noch nicht auf oder der Nachtportier ist auf beiden Armen eingeschlafen. So genau weiß man das nicht, denn die Tür zum Hostel geht einfach nicht auf. Die beiden Touristen streiten sich dann. „Das ist alles deine Schuld. Nein deine Schuld. Klar immer bin ich schuld. Jetzt fängst du wieder so an.“ Zum Glück kommt ihnen eine große Möwe dazwischen, die mit viel Getöse auf dem Sims über dem Hostel landet. Die Toursiten kreischen erst und dann machen sie ein Foto. Eine Frau schließt ihren Friseursalon auf und kehrt seufzend mit ihrem Handfeger Zigarettenkippen vom Abtreter herunter. Ein Schulkind hüpft auf einem Bein sehr gekonnt die Straße hinauf. Ich sehe ihm ein bisschen neidisch hinterher. Ich hüpfe nur mittelmäßig und überhaupt viel zu selten.

Eine andere Frau balanciert vier heiße Kaffeebecher und setzt vorsichtig, so vorsichtig es auf einer belebten Straße eben gehen kann einen Fuß vor den anderen. Jetzt soll bloß kein Malheur geschehen. Schon überquert sie die Straße. Eine andere Frau beugt sich über einen Autospiegel und zieht sich die Lippen nach. Zufrieden wirft sie ihrem Spiegelbild einen Kuss zu und schon sieht man sie nicht mehr. Nur ihr schweres Parfüm-Bergamotte und irgendein süßes Gehölz- vermute ich liegt noch lange in der Luft.

Ein älterer Herr stopft sich seine Pfeife, aber er kaut nur auf dem Pfeifenstiel herum. Noch sind die guten Vorsätze nicht gänzlich abgegolten.

Zwei Obdachlose sitzen auf feuchten Pappen und hoffen auf Kleingeld, das vielleicht für einen Kaffee reicht. Ich gehe zu beiden herüber, aber während ich warte, kommen fünf weitere Menschen auf der Suche nach „just a bit og change“ vorbei. Wie haben wir uns als Gesellschaft daran so schnell gewöhnen können, frage ich mich wieder und wieder, dass so viele Menschen nicht nur ganz sprichwörtlich auf dem Boden sitzen? Aber wir haben uns daran schon lange gewöhnt, denn wir sehen kaum noch auf und das liegt nicht an einem geschäftigen Montag Morgen.

Dann klingelt mein Telefon wieder. Aber schon sehe ich den Herrn Direktor, der sich schon wieder entschuldigt und dabei habe ich doch so viel gesehen als ein Eckensteher auf Zeit an diesem trüben Januarmorgen an einer Kreuzung in Dublin.