Im Bus mit Theresa May

Immer am Mittwoch und Freitag fahre ich mit Theresa May Bus.

Ha, höre ich Sie sagen, nun ist das Fräulein Read On ja wirklich ausser Rand und Band geraten und will uns ein X für ein U vormachen. Theresa May das weiss doch jeder, lebt  in London und nicht auf der kleinen, reichlich verregneten Insel auf der besagtes Fräulein ihre Tage fristet. Ausserdem fährt doch eine britische Premierministerin nicht mit dem Bus durch die Gegend, sondern wird selbstredend gefahren.

Aber stur sein kann ich auch und ja, schütteln sie ruhig den Kopf, denn Theresa May sitzt ja doch in dem Bus in dem auch ich zum Bahnhof brause.
Ein Arbeiterbus ist die Nummer 15, dort sitzen keine geschniegelten Salesmen oder Professorenehepaare oder gar Richter mit ihrer Perücke in einer braunen Schachtel.

Der Bus Nummer 15 ist ein Bus der kleinen Leute und des grossen Gähnen. Die Geschichten im Bus Nummer 15 beginnen nicht in Irland, sondern in Nigeria, Vietnam, oder in einem Plattenbau.

Im Bus Nummer 15 wird mehr geschwiegen als gesprochen, keiner hat eine Handtasche dafür haben die Reisenden grosse Beutel mit Wechselsachen. Der Bus Nummer 15 teilt sich in Frauen, die sauber machen, vom sauber machen kommen und in Männer, die auf dem Bau arbeiten gehen.

Im Bus Nummer 15 bekreuzigen sich die Frauen, passiert der Bus eine Kirche und die Männer hauchen K Küsse in ihre Telefone, denn irgendwo in Polen oder Rumänien warten ihre Kinder darauf, dass Papa anruft.

Aber am Mittwoch und Freitag sitzt eben auch Theresa May zwischen uns allen, auf dem dritten Sitz links von vorn. Sie sitzt immer am Fenster und – sicher ein Zugeständnis an ihre Security Männer- sie hat einen enormen Regenschirm mit einer silbernen Spitze bei sich.
Im Bus Nummer 15 tragen alle Polyester oder Sicherheitsschuhe, aber Theresa May dort am Fenster sieht exakt so aus wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Am Feitag trägt sie einen Kamelhaarmantel, der so weich ist wie eine Mohairdecke und ihre Fingernägel sind dazu sehr dezent, aber eben auch sehr sichtbar teuer in einer Art dunklem Nilgraubraungrün lackiert.
So etwas bekommen sie nicht in Dublin, wohl aber in London wo man ja bekanntlich alles bekommt.

Exakt die gleiche Kette wie Theresa May sie trägt liegt auch um ihren Hals und mit einer ganz und gar grazilen Handbewegung richtet sie dann und wann, wenn der Bus Nummer 15 sich bedenklich schwer in einer Kurve neigt ihre Kette.
Natürlich ist das Haar der Premierministerin Englands, Schottlands, Wales und Nordirlands auch im Frühbus absolut und ohne Zweifel auf Kante geföhnt. Es gibt wohl nur wenige Friseure die ihr Handwerk so verstehen wie der Friseurmeister einer Premierministerin und ihre Kopfbewegung ist so bestimt, so zielstrebig, so ausserordentlich bekräftigend wie man es wohl sein muss, hat man eine halbe Regierung, fast ein ganzes Parlament und einen guten Teil der öffentlichen Meinung gegen sich. Diese Frau, das sieht jeder Laie liest noch mitten in einem Tornardo Akten mit demselben kurzen und doch so Nicken wie es eben der Premierministerin zu eigen ist.

Ach, werden Sie sagen, das Fräulein Read On macht so einen Bohei, nur weil ihr müder Verstand ihr etwas vorgaukelt, wo es nichts vorzugaukeln gibt. Dabei habe ich das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: am Mittwoch nämlich liest Theresa May den Guardian und das ist doch nun wirklich ein Indiz, welches sich nicht leichthin abweisen lässt.
In Irland nämlich greift man zu Irish Times, zum Irish Examiner, nimmt den Irish Independent zur Hand und den Guardian liest man wenn schon denn schon am Samstag und wenn man das tut, dann wird man natürlich nicht müde zu betonen, dass man den Guardian ja ohnehin nur der Rezeptbeilage wegen läse.

Aber bei Theresa May macht das nur Sinn. Wer, wenn nicht die britische Permierministerin muss informiert sein über die Lage der Dinge im Allgemeinen und im Besonderen?
Und ich selbst habe gesehen, wie Theresa May und wer will es ihr verdenken, wenn immer Boris Johnson gescholten wird mit gespitztem Mund beginnt zu lächeln. Ein hämisches Lächeln ist das, ja das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Gibt sich der Guardian aber mit Verlautbarungen zu Jacob Rees-Mogg ab, ballt die Premierministerin die Hände zur Faust und aus der Zeitung wird in Sekundenschnelle Küllpapier.

Im Bus Nummer 15 verdenkt es ihr keiner, im Bus Nummer 15 haben alle schon einmal in mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten gesteckt. Am Freitag Morgen aber liest die Premierminsterin nicht in der Tageszeitung, sondern immer in einem Krimi. Jetzt aber halten sie sich fest. Theresa May nämlich macht mit dem Bleistift Randnotizen in die Kriminalromane hinein.

Der Bus Nummer 15 nimmt es gelassen zu Kenntnis. Wir alle kennen fiese Chefs ( nicht der verehrte Herr Direktor), biestige Kollegen oder anderes Ungemach gegen das nur die Vorstellung hilft, dass die Nemesis einmal auf einen Inspektor träfe, der mit allen Wassern gewaschen noch den hartgesottensten Kriminellen ( keine Namen!) ins Schwitzen brächte.
Und ich muss zugeben, so entspannt, so milde und heiter habe ich Theresa May im Fernsehen noch nie gesehen. Verstehen kann man es gut, wer wenn nicht sie die Vielgeplagte dieser Tage kann wohl hin und wieder, am Mittwoch und Freitag wenigstens einmal anderthalb Stunden für eine Atempause brauchen?

Wir verdenken es ihr nicht. Der Bus Nummer 15 und die ihm eigene Reisegemeinschaft lässt jeden sein. Hier wird niemand schief angesehen, nur weil er es wirklich einmal für eine gute Idee hielt von einem Plan nicht zu lassen, der voller Tücken ist. Hier im Bus Nummer 15 kennt man sich aus mit gescheiterten Hoffnungen und hier im Bus Nummer 15 in dem mindestens siebnundzwanzig Nationen zur Arbeit fahren, weiss man etwas von den Chancen und Grenzen Europas, die auch Theresa May zu schaffen machen.

Am Bahnhof aber steige ich aus und so kann ich Ihnen nicht sagen, bis zur welchen Haltestelle die Premierministerin fährt. Irgendwo aber wird eine dunkle Limousine schon auf sie warten,ein Fahrer öffnet die Tür und anderthalb Stunden später ist die Premierministerin wieder in London, ihr Privatsekretär reicht ihr eine schwere Aktenmappe, natürlich hat Michael Gove schon wieder vierzehnmal angerufen und die Premierminsterin zählt die Tage bis sie wieder im Bus Nummer 15, der doch eigentlich eine Atempause ist, sitzt.

Ich aber drehe mich nur noch einmal kurz um, bevor ich den Zug zur Fabrik besteige und murmele: Gdspeed Mrs May, Gdspeed und Farewell.

Was man vielleicht mit bloßem Auge sehen kann.

Meine Schwester hat grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und schon seit vielen Jahren einen britischen Pass. Den Pass sieht man nicht gleich, aber ihre Augen sieht man sofort. Meine Schwester hat fünf Kinder, alle Kinder haben eine andere Augenfarbe, aber alle Kinder haben ein britischen Pass. Mein Schwager hat die Augen seiner jüngsten Tochter und seine Mutter sagt, die Familie sei in England schon seit dem großen Feuer von London. Meine Schwester spricht nicht nur Englisch mit ihren Kindern. Aber Deutsch spricht sie nicht mit ihnen. Für Himmelblau, Zuckerwatte und Wiesengrund bin ich zuständig. Die Kinder meiner Schwester haben eine englische Kindheit mit kratzigen Kniestrümpfen, Tea Biscuits und Hockey am Nachmittag.

Am Abend am Telefon sagt meine Schwester, die doch bei Nachrichten den Raum verlässt und unangenehme Dinge überhaupt nur im Vorübergehen bespricht: Alle sagen der Brexit kommt noch, aber ich frage mich, ob er nicht schon lange da ist und wir nur alle so tun als bemerkten wir ihn nicht.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. Meine Schwester sagt solche Sätze nicht. Aber ich sage: „Meinst Du?“ Meine Schwester und ich sprechen weder Deutsch noch Englisch am Telefon. Meine Schwester spricht ganz leise, so als wäre das Leise vielleicht doch nicht wahr.

Viele Jahre lang hat meine Schwester ein Frühstück an einer Schule vorbereitet für Kinder für die es selten Frühstück gab, aber das sollte dann nicht mehr sein. Eine andere Schule wollte gern, dass sie dort ein ähnliches Frühstück anbieten. Die Schulleiterin sagte: Bei ihr würde es meiner Schwester besser ergehen, denn an ihrer Schule sei man gegen den Brexit. Aber meine Schwester wollte kein Frühstück für oder wider den Brexit anbieten, sondern ein Frühstück für Kinder, die sonst eben eher selten eines bekommen. Aber die Zeiten waren nicht mehr so und meine Schwester, die Kinder liebt, macht kein Frühstück mehr. Aber seit zwei Jahren vermisst meine Schwester die vielen Kinder, die sich so auf sie freuten, wie sie sich auch auf sie.

Meine Schwester zuckt mit den Schultern befragte man sie nach ihrem Verhältnis zuEuropa oder zu England oder dem UK oder einer Stadt in der die liebe C. ihre Mutter wohnt. Meiner Schwester sind diese Fragen fremd, sie legt den Kopf in den Nacken und lacht. Sie sagt: „Hauptsache, wir beiden finden uns immer.“Dann muss auch ich lachen. Sie hat Recht. Meine Schwester und ich würden uns überall finden.

Aber auch das ist anders geworden. Eine ihrer Töchter kam nach Hause gelaufen, vor den Weihnachtsferien. „Warum weinst du?“, fragte meine Schwester ihre Tochter. „ Wenn wir zur lieben C. fahren wollen, müssen wir bald eine Strafe zahlen, und weil wir so viele sind, ist die Strafe ganz hoch, weil die Leute auf dem Kontinent alle Engländer hassen. Darum.“ Meine Nichte hörte nicht auf zu schluchzen und meine Schwester sagte, dass die anderen Kinder etwas missverstanden haben müssten. Aber sagt meine Schwester am Telefon so ganz sicher sei sich eben auch nicht.

Meine Schwester hat ein offenes Haus. Wie bei ihre Mutter, der lieben C., ist immer noch ein Platz Tisch frei, auch zwei oder drei. Manche Gäste bleiben zum Essen und andere bleiben ein halbes Jahr. So wachsen ihre fünf Kinder mit Märchen aus Nigeria, mit Geschichten aus Indien, mit Gewürzen aus Peru und Flüchen auf Farsi auf. Aber in den letzten zwei Jahren sagt meine Schwester, die keine Strichliste führt, sind die Gäste weniger geworden und die Gäste, die kommen sind leiser geworden und stehen lieber auf, wenn nicht nur meine Schwester am Tisch sitzt, sondern auch andere, die sie nicht kennen und ihr Telefon klingelt und eine Mutter aus Pakistan oder ein Bruder aus El Salvador ruft an. „Ihr müsst nicht“, sagt meine Schwester, aber die Gäste, die oft mehr Familie sind, stehen schon auf und nehmen erst auf dem Flur den Hörer ab.

Nur durch Zufall, sagt meine Schwester hat sie herausgefunden, dass ihre Kinder sind sie in der U-Bahn oder im Bus nur mehr Englisch sprechen, aber nicht mehr in der Sprache in den meine Schwester ihnen Mut macht für einen Test oder ein Lied singt einfach so. Weder meine Schwester noch mein Schwager hat den Kindern abgeraten auch eine andere Sprache für selbstverständlich zu Halten, aber ganz stillschweigend, tun sie es eben seit einigen Monaten und meine Schwester winkt lieber auf Englisch hinterher.

„Die Anni-Tant“ sagt meine Schwester „ist nicht mehr da.“Was meinst du mit die Anni-Tant ist nicht mehr da?“

Die Anni-Tant ist eines der mit dem Kindertransport aus Deutschland entkommenen jüdischen Mädchen und wie die Mali-Tant war auch die Anni eine Freundin meiner Großmutter. Ein ganzes Leben lang hat die Anni in Croydon gelebt in einem kleinen Reihenhaus. Sie war Lehrerin, die Anni-Tant und wann immer wir sie besuchten, zeigte sie ein kleines, braunes Lederalbum mit den Bildern ihrer Eltern. Die Eltern haben die Shoah nicht überlebt, sie lebten nur noch im kleinen braunen Lederalbum. Die Anni hat wie meine Schwester einen britischen Pass. „Damit es nie wieder Krieg gibt“, dafür hab ich abgestimmt hat die Anni gesagt in ihrem Wohnzimmer in dem es wie meine Nichten und meine Neffe sagten immer ein bisschen nach Deutschland riecht. Nach Alpenveilchen, Bohnerwachs und Werther’s Echten nämlich. Aber die Anni-Tant wohnt nicht mehr lange in Croydon, sondern zieht zu ihrem Sohn nach Israel. „Ich bin doch zu alt für noch einen Krieg und eine Flucht“ hat die Anni zu meiner Schwester gesagt. Meine Schwester sagte, dass es bestimmt keinen Krieg gebe und die Anni bestimmt nicht flüchten müsste. Aber die Anni hat den Kopf geschüttelt und zu meiner Schwester gesagt. „Du klingst wie mein Vater.“

Vielleicht wäre das Frühstück an der Schule ohnehin einmal eingestellt worden, vielleicht wäre die Anni der schmerzenden Knie wegen zu ihrem Sohn gezogen, vielleicht wachsen Kinder aus der Zweisprachigkeit einfach heraus und vielleicht kommen auch die Gäste wieder und spielen Tabla. Vielleicht ruft meine Schwester auch bald wieder an, um den bedauernswerten Zustand meines Unverheiratseins zu besprechen und fragt mich nach dem Stand der Welt. Vielleicht wird alles nicht so schlimm und vielleicht erinnern die Kinder sich in ein paar Jahren an nichts Anderes als eine englische Kindheit und die ungeliebten Kniestrümpfe. Vielleicht und vielleicht nie wieder.

Sonntag

Um zwei Uhr wache ich auf. Vor meinem Fenster gähnt der Halbmond, reibt sich die Hände. Er friert und ich habe kalte Füße. Das bringt der November so mit sich. Einen Mond mit blauen Lippen und kalte Füße dazu.

Vor dem Fenster steht eine Laterne. Um die Laterne tanzen drei Männer. Erst denke ich, ein Rest eines merkwürdig verschobenen Traumes verlagert sich dort unten auf die Straße, aber dann finde ich meine Brille und die drei Männer tanzen noch immer um die Laterne. Ringelreihen oder der Plumpsack geht um, eines jener Kinderreime, aber dann singen sie mit taumelnden Lauten ein Sport-Jubellied, denn ein paar Stunden zuvor  hat Irland im Rugby gegen Neuseeland gewonnen. Irgendwann wird ihnen schwindlig und dann sitzen die drei Männer auf dem Bürgersteig und trinken Bier.

Der Mond schweigt über all dies und auch ich vergrabe mich tiefer in die Kissen. Am Morgen hebe ich die Bierbüchsen auf.

Der Mond lehnt seine Wange an die der Sonne, dann geht auch er.

Ich koche Kaffee, die Katze schlürft Milch, der Hund tapst in den Wassernapf, eine große Pfütze. Die Katze grinst, der Hund tapst in die Milchschale, die Katze grinst nicht mehr. „Ach Kinder“, sage ich. Der Hund will doch zeigen, dass er nicht nur Tollpatsch ist, schon stößt er meinen Kaffeebecher um. Wenigstens die Katze ist mit meinem Unglück versöhnt. Der Hund schleicht mit gesenktem Kopf zur Tür. Dann gehen wir langsam durch das Viertel, zwei Kinder kommen angerannt und ziehen am Hund, oh wie niedlich sagen die Eltern, „bitte fassen sie meinen Hund nicht einfach an“ sage ich, der Hund versucht sich unter einer Hecke zu verstecken. „Aber wenn er doch so süß ist“, sagen die Eltern. „Nein“, sage ich. Die Eltern starren mich an. Die Kinder jagen eine Katze.

Der Hund legt sich seufzend auf das Kissen. Die Katze liest die Zeitung und macht ungeduldige Schwanzbewegungen, manchmal glaube ich die Katze ist Spitzenpolitikerin und verhandelt für die Republik der Katzen die Milchpreise neu. Chancen auf die Zeitung rechne ich mir keine aus.

Am Abend zuvor habe ich Frau Crocodylus und ihren Mann kennen lernen dürfen und als ich Honig auf ein Brot träufle, denke ich mit großer Dankbarkeit daran, wie viele wunderbare, einzigartige Menschen ich über dieses Blog schon habe kennen lernen dürfen. Frau Croco liest dieses Blog schon, so lange wie es besteht und diese Form des begleitenden Lesens ist für mich ein besonders großer, unschätzbarer Wert. So viele Gedanken und Kommentare, so viele verschiedene Stimmen tragen dieses Blog Tag für Tag. Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.

Dann Sonntagsschwimmen. Die schmale Sonne im Fenster und für viele Bahnen ist es ganz still in meinem Kopf. Dann rennt ein Mädchen begeistert noch mit Socken in den Pool. Platsch. Kurz darauf verliert ein Schwimmlehrer beim Vorführen der richtigen Kraultechnik die Balance. Platsch. Prustend taucht er neben mir auf. Tschuldigung, sagt er. Kein Problem sagte ich, ich kenne einen Hund, dem geht es so wie ihnen. „Hauptsache Humor“ sagt er. Dabei ist es mir doch immer ernst.

Lange in Jonathan Coes Middle England  gelesen.

Möhren geschält, Kartoffeln geschält, über Zwiebeln geweint. Rind geviertelt. Knoblauch zerdrückt, mit Töpfen, Pfannen und der Casserole hantiert, Beef Stew in den Ofen geschoben, Kartoffelstampf fertig gestellt. Auf einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze erhalten. Der Katze Kartoffelstampf verweigert. Die Katze verärgert davon eilen sehen. Man wird in der UN von ihr hören.

Eingeschlafen.

Aufgewacht. Zum Glück schmurgelt der Stew weiter unauffällig vor sich hin.

Die G. hat sich angesagt, die G. ist eine Freundin der M. Der M. gehört das Haus in dem ich lebe. Die G. ist für ein paar Tage in der Stadt. Leeds, sagt die M.

„Aha“, sage ich.

Die M. sagt nach Freundlichkeiten, zwei Gläsern Wein und einer Karaffe Wasser für mich: „G. wie hast du denn damals abgestimmt G. als es um den EU-Verbleib ging?“

„Gar nicht“, sagt die G. „wer konnte denn das schon ahnen?“ „Das hat doch niemand ahnen können.“

Dann schweigen wir alle und essen Stew.

„Ich will nur noch, dass es endlich vorbei ist, sagt die G., egal was kommt, Hauptsache, dass alles geht irgendwie vorbei. Man hört ja nichts anderes mehr als Brexit, Brexit, Brexit, Brexit. Es wird schon irgendwie weitergehen, keep calm and carry on, es soll nur endlich vorüber sein.

Wir schweigen lange.

Ich schlucke und sage dann doch: „ Wieso aufhören?“ „Es fängt doch gerade erst an.“ Die G. starrt mich an. „Es fängt doch gerade erst an“, sage ich noch einmal.

Dann knallt es in der Küche. Die Katze hat mit einem beherzten Sprung versucht den Deckel vom Stampfkartoffeltopf herunterzureißen, der Hund sieht verdutzt auf den Deckel zwischen seinen Pfoten. Ich verbanne die Katze in den Garten.

Die Katze faucht verächtlich.

Der Hund kaut entsagungsvoll auf meinem Pantoffel.

Die G. schweigt noch immer.

„Will jemand Kaffee?“ fragt die M.

Der Mond sieht mir über die Schulter, später, da liege ich im Bett noch immer mit Jonathan Coe in der Hand. Der Hund schnarcht. Die Katze lässt die offerierte Versöhnungsmilch stehen und rollt sich in meiner Strickjacke ( streng verboten ) auf dem Sessel ein.

Von Menschen oder dem Mond, der mit den Knöcheln leise ans Fenster klopft, will sie nichts wissen. Ich mache das Fenster trotzdem auf. Der Mond wärmt sich die kalten Hände.

Der vergiftete Apfel

img_4453Schwesterchen liest keine Zeitung und überhaupt vermeidet Schwesterchen Nachrichten, wann immer es sich vermeiden lässt. Für Nachrichten gibt es ja mich, die ich zu den Morgennachrichten, Zähne putze und zu den Spätnachrichten, Handstand übe. Noch dazu halte ich an der schon so altmodisch gewordenen Idee fest, eine Tageszeitung zu abonnieren und auch zu lesen. Dafür wusste Schwesterchen schon als es noch keiner ahnte, dass es ‚aus’ sei zwischen Angelina und Brad und riet mir dringend endlich etwas mit meinen Haaren zu machen. Meine Frage, ob sie wohl annähme, dass Brad Pitt sich mit seinem gebrochenen Herzen wohl bei uns in der irischen Provinz vergrübe, nahm Schwesterchen nur mäßig belustigt auf und schnarrte, dass meine Schlauheiten bis jetzt noch nicht zu einem Mann geführt hätten, der mir am Frühstückstisch beispielsweise die Zeitung anreiche. So erfuhr auch Schwesterchen, die bekanntlich in London lebt, auch von mir und nicht aus der Times vom Brexit. Schwesterchen schnaufte am Telefon und befand, dass die Engländer noch nie durch besondere Herzlichkeit oder Offenheit aufgefallen seien. Sie muss es schließlich wissen, denn die Frau, die heute ihre Schwiegermutter ist, gab ihr als Schwesterchen und ihr Sohn ausgingen, nicht einmal die Hand zur Begrüßung. Heute verehrt niemand Schwesterchen so, wie ihre Schwiegermutter, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Damals also schnaufte Schwesterchen noch einmal und erzählte mir von einem karamellfarbenen Paar Stiefel, die ich unbedingt probieren solle. Ich nickte g*ttergeben. Dann sprachen wir über andere Dinge. Den Brexit erwähnte ich nur dann und wann denn Schwesterchen vermeidet Nachrichten, wann immer sie kann. Schwesterchen vermeidet Nachrichten, aber das heißt noch lange nicht, dass sie der Realität keine Beachtung schenkt. Jeden Morgen nämlich nachdem Schwesterchen ihre vier Kinder mit Küssen, Brotdosen und einer Umarmung in Schule und Kindergarten verabschiedet hat, fährt meine Schwester bepackt mit einem Rucksack und zwei gewaltigen Jutebeuteln mit der U-Bahn in eine Schule, die in einem sogenannten Problembezirk liegt. Zusammen mit zwei Freundinnen, bereitet sie dort allen Kindern, vor allem aber jenen die ohne Brotdose in die Schule kommen ein richtiges Frühstück. Die meisten Kinder, die ohne Brotdose kommen sind nicht aus Pakistan, Nigeria, Rumänien oder Polen, es sind besonders oft Kinder von Eltern, die oft besonders stolz darauf sind, Englisch zu sein, vielleicht weil sonst nicht viel Stolz übrig bleibt. Es sind Kinder aus Familien, in denen oft nicht zwischen wichtig ( Essen auf dem Tisch ) und einem neuen Tattoo ( nicht so wichtig ) unterschieden wird. Es sind Familien in denen der Fernseher oft der einzige Gesprächspartner ist, der nicht schreit. Es sind Familien ohne Väter und mit oft überforderten Müttern. Es sind Kinder, die Fäuste früher kennen gelernt haben, als offene Arme und die sich oft erstaunlich gut wegducken können. Es sind Kinder, die gemeinsame Mahlzeiten als etwas ganz und gar Außergewöhnliches wahrnehmen. Es sind Kinder, die morgens oft die einzigen sind die aufstehen, weil den anderen irgendwann der Tag entglitt.

Während die Kinder also schreiben oder rechnen, schnitzt Schwesterchen, Apfelkronen, bastelt Bananenboote, richtet Mandarinenspalten als Schmetterlinge an, belegt Brote mit lustigen Gesichtern und füllt Müsli und Chocopops in Schüsseln. Schwesterchen weiß welche Kinder ihre Äpfel am Liebsten in Erdnußbutter tauchen und welche Kinder keine Milch mögen, sie weiß ganz genau, wer das Brot wie kross getoastet haben mag und wer ein Gurkenmännchen dem Bananenboot vorzieht. Schwesterchen kennt alle Kinder beim Namen und weiß wer prima Fußball spielt, wer toll Rechnen kann und wer die schönsten Bilder der Sonne malt. Schwesterchen lebt seit fast zwanzig Jahren in London und seit 18 Jahren bereitet sie jeden Morgen das Frühstück für die Kinder. Jedes Jahr zu Weihnachten bekommt Schwesterchen, Stapel von Karten ehemaliger Frühstückskinder, die längst erwachsen sind, aber die noch nicht vergessen haben, wie das ist, wenn man willkommen ist, so wie man ist. Es geht natürlich eigentlich nicht um Toastbrot und Müsli, auch nicht um Mandarinenschmetterlinge oder Apfelkronen, sondern Teil der Frühstücksrunde ist, dass Schwesterchen, wie auch die beiden Freundinnen jedem Kind eine oder auch mehrere, so viele Umarmungen wie ein Kind eben braucht, anbietet. Die Umarmungen meiner Schwester sind nämlich ganz besonders. Schwesterchen zieht jeden, vor allem aber diejenige, die es ganz besonders brauchen fest in ihre Arme. Die Kinder, die als frech und aufmüpfig gelten, die Kinder, die den Unterricht stören, die Kinder, die überall blaue Flecken haben, die Kinder, die selten sprechen und die Kinder, die man überall hört, vor allem aber auch die Kinder vor denen sich alle grausen, weil niemand ihnen die Haare wäscht oder mit ihnen die Fingernägel schrubbt, meine Schwester aber hält sie nur noch fester. Schwesterchen sagt ihnen allen, während sie in ihren Armen liegen, genau das was sie auch ihren Kindern und mir, wann immer sie uns umarmt sagt: „Du bist schön, du bist klug, du bist wunderbar, genau so wie du bist.“ Schwesterchens Umarmungen dauern immer genau so lange, wie jeder einzelne braucht, um diese Sätze zu verstehen. Die Umarmungen meiner Schwester sind die dickste Mauer gegen die Kränkungen der Welt, die man sich nur vorstellen kann. Schwesterchens Umarmungen sind Wellenbrecher und wo andere Umarmungen erdrücken, ist in den Armen meiner Schwester immer Platz zum Wachsen. Für manche Kinder müssen die Umarmungen für einen ganzen langen Tag reichen und viele Kinder laufen aus dem Frühstückszimmer noch einmal zurück in ihre Arme.

Selbst als Schwesterchens Kinder noch ganz klein waren, gab sie den Frühstückstisch nicht auf. Das jeweilige Kind band sie sich um die Hüfte und belud den Kinderwagen eben mit Lebensmitteln. Seit fast 19 Jahren also ist meine Schwester Frühstücksfee. Gestern aber kam meine Schwester wie jeden Tag beladen mit Jutebeuteln und Rucksack in die Schule. Nach dem Frühstück bat die Direktorin sie und die zwei Freundinnen zum Gespräch. „Eltern hätten sich beschwert“, sagte die Direktorin. „Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder, Gemüse oder Obst bekämen, das aus der EU komme.“ Die Eltern seien überhaupt gegen die EU-Diktatur, die nicht nur Gurken norme und die Bananenkrümmung messe, sondern die grundsätzlich  Obst und Gemüse als wertvollen Bestandteil jeder Ernährung propagiere, dabei entspräche dies nicht der Tradition eines englischen Frühstücks.“ Schwerer aber noch wiege, das Schwesterchen als auch die beiden Frühstücksfeefreundinnen keine Hiesigen im richtigen Sinne seien und von den Eltern als „fremd“ wahrgenommen würden. Dies müsse die Schulleitung natürlich ernst nehmen. Sie möchten also bitte verstehen, dass das morgendliche Frühstück wohl nun nicht weiter stattfinden könne. Die Zeiten seien ohnehin nicht danach. Es sei schließlich auch ihre Verantwortung als Rektorin, darauf achtzugeben, dass an ihrer Schule keine vergifteten Äpfel in Umlauf wären.

Edit, 15.10. 2016. Many readers have asked me for an English version of the text. While I have no time anyway I just made one…It is not the best and certainly no literary translation but at least an attempt to make the story available in English, too.

„The poisoned apple“

My sister does not read a newspaper and she never listens to the radio. She has no TV either. Whenever she can my sister does her best to avoid news at all. For the news she has me. I brush my teeth to the morning news at 5 AM and I practice handstand to the midnight news. Old school as I am I do keep a newspaper and read it, too. My sister though knew when everybody else still believed in “Brangelina” that Angelina and Brad had split up. My sister said: „Read on, you should really do something with your messy hair now.“ My question if she would really think that a heartbroken Brad Pitt would seek refuge in the small Irish village of mine did not make her laugh at all. „Your little clever remarks“, she said hissing angrily at me, „haven’t produced a man, who passes over the news to you, haven’t they?“ While my sister, who lives in London by the way, is so good at avoiding news it was me who told her about Brexit and not the London Times. On the phone she sighed angrily. “The English” she said, “have never been to warm and welcoming as think they are.” She must know because the woman that would become her mother-in-law did not even greet her when she was dating her son. Today nobody loves my sister more than her mother-in-law. But that’s a story for another day. Back then however when I told her that a majority had voted for leaving the European Union, my sister sighed again and before she heavily advertised a pair of caramel-coloured boots I should try on. I nodded meekly. Then we spoke about other things. I brought up the Brexit here and then and my sister sighed. Saying that my sister does not care much about the news, however does not say, she avoids reality. Nothing could be more wrong.

Every morning after hugging and kissing her four children who go to kindergarten or school, my sister shoulders a big and heavy knapsack and two extremely heavy bags then she gets on the Tube and makes her way to a school in a neighbourhood most people would call a disadvantaged and poor one. My sister makes the trip to the school on every weekday. Together with two friends she prepares a breakfast for all children but especially for those children who do not get breakfast at home or bring a lunchbox with them. Most children who have no lunchbox or come hungry to school are not from Pakistan, Nigeria Romania or Poland. Most children come from families, being very proud of their English heritage because there isn’t so much else to be proud of. The children live in families where the distinction between what’s important ( food on the table ) and what can wait ( a new tattoo ) does not take place. The children grew up in a world, where the TV is the only one not shouting. Many children are from families, where the fathers are long missing and the mothers distressed and distraught. They are children knowing the force of fists better than open and warm arms and who know too well, how to back off. Most children don’t know anything about having a family meal together. Most children are the only one in their families who are getting up in the morning because the adults have lost track somehow on their way.

While the children are learning to write or doing maths my sister and her two friends are preparing breakfast. My sister makes crowns from apples and is a master of making banana boats. She arranges mandarins in the shape of a butterfly and makes toast with funny faces. Further there is muesli and of course Chocopops. My sister knows all her children well. She knows which children love to dip their apples in peanut butter, and those despising milk as well as she can tell who needs his toast nearly burnt to coal. She knows who asks for a banana boat and who prefers a little man made of cucumber. My sister knows all the children by name. She knows who is the next football star and who is great at maths. She knows who paints the most beautiful pictures of the sun. Since nearly twenty years my sister lives in London now and for nearly eighteen years now, she makes breakfast for the children on every single day. Every year around Christmas time my sister is getting piles of cards, from all her former breakfast club children who are long grown ups now, but still they do remember that they were welcome, exactly as they are. The breakfast is of course not about brekafast, even if mandarin butterflies and banana boats make a nice treat. Part of every breakfast is that my sister and her friends are offering a big hug to all children who need one or more. My sister’s hugs are special. My sister especially draws those children in her arms, who are known as naughty and troublemakers. My sisters hugs those children who come with blue bruises, and those who nearly never speak and those you can always hear, even from afar. My sister embraces the children coming with greasy hair and pitch-black fingernails because nobody looks after them properly. As she says to her children or to me whenever she hugs us, she tells the children in her arms: “ You are beautiful, you are smart and you are perfect as you are.” My sister’s hugs are as long as you need them to be and they last as long as every child needs to grasp the sentence she whispers in their ears. My sister’s hugs are the strongest walls you can imagine against the injustice of the world. They are able to keep you safe and warm even against the strongest storm you can imagine. While some hugs pin you down, you can grown in my sister’s arms. For many children it is the only hug they get during a long day and many of them are running back to her to get another one before they return to class.

Even when my sister’s own children were very small, my sister did not give up her breakfast club.My sister carried her children on her hip and put all the food into the stroller. For nearly nineteen years my sister has been a breakfast fairy as we call her. Yesterday my sister came as she ever does with her knapsack and her heavy bags and prepared breakfast. But when the children had returned to class, the head of school called my sister and her two friends into her office. “Parents are complaining”, she said. „The parents did not want their children having fruit imported from the EU for breakfast. The parents anyway were opposed to the tyranny of the European Union not only standardizing the shape of cucumbers and regulating the curvature of bananas but advertising fruit and vegetables as part of a healthy nutrition; this being not part of the authentic tradition of a genuine English breakfast.” However the headmaster went on, even more problematic is the fact that they, my sister and her two friends, are no “locals” in the proper sense of the meaning but strangers. She as the headmaster had to take these complaints seriously. „You clearly“ understand she said, „that the breakfast club could not go on any longer. Times have changed. She now had to make very sure there were no poisoned apples in her school.”

Britannia’s Glory

Neben mir in der Kirche, dritte Bank von links mit gutem Blick auf das Ensemble das seine Instrumente auspackt, setzen sich zwei ältere Damen. Sie riechen nach Patchouli und unverkennbar weht ein Hauch von Brandy zu mir herüber. Sie tragen Tweed und halten ihre Nasen so hoch sie können. Ich bewundere die Geige aus Cremona. 1690. Sie vergleichen Todesdaten und keckern über Scheidungen und geplatzte Hochzeiten. Ihr Akzent hat nichts Irisches, sondern die beiden Damen neben mir auf der Kirchenbank lästern auf Englisch. Ich schließe die Augen, denn für einen kurzen Moment scheint die Sonne durch die bunten Kirchenfenster und taucht alles in goldenes Licht. Dann aber beginnt das Kirchenschiff zu summen und alles ist voller Musik. Haydn zunächst. Haydn, der sich aufmachte, 58 Jahre alt war er da schon, um in London neu anzufangen. Haydn schwingt sich durch das Kirchendach und ich mache die Augen auch dann nicht auf als die beiden Damen mit Bonbondosen klirren und in ihre Taschentücher bellen wie zwei alte Pudel. In der Pause sind keine Verwandten, die es durchzuhecheln gibt mehr übrig. Dafür kommt jetzt die hohe Politik auf den Tisch oder besser die Kirchenbank? Theresa May sieht unmöglich aus, aber Boris Johnson finden Sie sei ein adretter Junge. Dann mosern sie weiter und wühlen in den Handtaschen, ob dort wohl ein kleines Brandyfläschchen aus den Tiefen geborgen werden kann? Ihnen kann es mit dem Brexit nicht schnell genug gehen. Dann seufzen sie tief und betrauern „Old England.“ In „Old England“ glaubt man den älteren Damen trugen die Herren Seitenscheitel, zitierten Byron und hielten die Türen auf. Die Städte waren sauber und voller Familien. Die Kinder plärrten nie und nach ihrem Befinden befragt, knicksten artig. Auf dem Kuchenbasar der Kirchen gab es kein so neumodisches Zeug wie Tiramisu, sondern das gute, alte staubige Shortbread. Fish’n’Chips war in Zeitungspapier gewickelt und das Pfund war seinen Namen wert. Die beiden Damen nicken sich aufmunternd zu. Alles, wirklich alles war besser. Sex hatte man aus Fortpflanzungsgründen und auf keinen Fall aus Spaß an der Sache, das ist doch klar. Im Fernsehen gab es nicht so viele nackte Weiber und im Radio lief nicht diese blöde Musik. Das Wetter war besser und die Röcke länger, beim Bingo gewann man selbst und nicht die Nachbarin aus Pakistan, niemandem musste man Whist erklären, Prinz Charles war mit Diana verheiratet und die Zementfüllungen des Zahnarztes hielten ein Leben lang- und manchmal sogar noch länger. Die beiden alten Damen seufzen verzückt bei der Erinnerung an die glorreichen Zeiten. „Ach hätte man nur „Old England“ wieder, ach sähe man nur ein Stück des „Old England“ wieder“, seufzen sie ganz herzzereissend- vielleicht schwören sie dann ja auch dem Brandy ab? Bevor sie fortfahren können, beuge ich mich vor. „Entschuldigen die Damen“, sage ich, aber ich hörte wie Sie über „Old England“ sprachen.“ Die Damen nicken mir zu. „Sehen Sie dort drüben sage ich dort hängt ein Stück des wahrhaft alten Englands. Und ich zeige hinüber zum Epitaph an der Kirchenwand und lese ihnen vor:

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„SACRED TO THE MEMORY OF TWO GALLANT BROTHERS

THE BELOVED SONS OF THE REVEREND MAC DONELL

CHARLES EUSTACE MAC DONNELL

CAPTAIN AND BREVET MAJOR IN H.M. 29TH REGIMENT

HE SERVED IN THE CAMPAIGNS OF THE SUTLEDGE AND THE PUNJAUB

AND FOUGHT IN THE BATTLES OF FEROZESAH, SOBRAGON, CHILLIANWALLAH AND GOOJERAT,

HIS HEALTH SANK FROM THE EFFECTS OF THE CONTINUED SERVICE UNDER THE SUN OF INDIA AND FROM A SEVERE WOUND RECEIVED IN STORMING THE ENTRENCHED CAMP AT SOBRAON

HE EXPIRED AT CHATHAM, AUGUST 5TH 1853, AGED 29 YEARS OLD.

„Sehen Sie sage ich, dort liegen die Kinder des alten Englands begraben. Als halbe Kinder noch zogen sie nach Indien und wurden schneller von den Illusionen beraubt als von den Läusen und Parasiten befallen. Die Schlacht von Chillianwallah meine Damen, sage ich, die im heutigen Pakistan stattfand, zählte selbst unter den kolonialen Schlachten zu den Blutigsten ihrer Art. 1848, da versuchten die Europäer sich in Demokratie, da fielen 1000 britische Buben in den staubigen Sand und über 4000 Sikh verloren ihr Leben. Nur sie vergisst man noch schneller, weil sie keine Epitaphe in Kirchen erhalten, sondern die Geschichte über sie hinwegwischte, wie mit einem alten Tafellappen. Die Liste der Toten lässt sich lange und weiter fortsetzen, bis in die letzten Winkel der Welt, in die die Arme „Old Englands“ reichten. Da liegen sie die einen wie die anderen mit dem Brief vom Liebchen vielleicht noch in der Hosentasche und einer oft nur noch verschwommenen Vorstellung von dem was England eigentlich war. Wer weiß schon was aus ihnen geworden wäre? Trinker und Schläger oder Zirkusbesitzer? Liebende Väter oder doch nur traumatisierte Männer? Hochschullehrer oder Obstbauern? Begabte Tänzer oder mittelmäßige Cellisten? Vielleicht wären sie sehr froh darum zu wissen, dass ihre Kinder einfach in Stockholm studieren oder in Italien einen Laden für Schurwolle eröffnen können, als in der Armee Zuflucht und Karrierechancen suchen zu müssen. „Old England“ sage ich zu den Damen, die mich entgeistert anstarren, hat ihnen nie die Chance gegeben es herauszufinden. Die beiden alten Damen sehen mich noch immer völlig perplex an. Selbst ich würde ihnen jetzt fast einen Drink offerieren, aber ich gehe lieber ins Bad mir die Hände waschen. Als ich in die Kirche zurückkomme, ist die dritte Bank vorn links verwaist. Die beiden alten Damen haben sich in die hintere Ecke des Kirchenschiffs verzogen. Fern von mir und fern des Epitaphs sitzen sie nun. Ich verschweige ihnen höflich, dass auf der Rückseite der Kirchenbank lauter Gedenkplaketten für die in vielen weiteren Schlachten zwischen Rangoon, Lahore und Mombasa umgekommenen Kinder des glorreichen „Old England“ angebracht sind. Ich bin ja nicht gemein.