Über Flieder

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Fast hätte ich ihn doch übersehen den ersten Flieder mitten in der Hecke. Er versteckt sich gut der Flieder, hinter dem Grün und hinter den Wolken. Der Flieder steht mitten im Regen. Da stehen auch ich und der Hund. Fast hätten wir uns nicht getroffen der erste Flieder, er im blauen Hemd und ich im alten Wetterfleck, der alte Hund hat nasse Pfoten, der Flieder hat ein Hemd an aus hellblauer Seide und ich stehe schäbig zwischen den beiden, denn unten am Saum hat der Wetterfleck ein Loch. Den Flieder nun ausgerechnet so anzutreffen, ist nicht leicht. Immer schon zwar habe ich den Flieder, den Weißen, wie den Dunkelvioletten und auch den mit dem hellblauen Schimmer zwar sehr geliebt, aber immer ist es doch auch eine Liebe mit Sicherheitsabstand gewesen. Dem Flieder einfach so unter die Augen zu treten, das schaffe ich nicht. Der Abstand vom Flieder zu mir, ist der Abstand zu jenen Frauen deren Tanzkarte immer voll ist und deren Lachen so silbern, so hell ist, wie meines niemals war. Es sind die Frauen, die niemals über ihre eigenen Füsse fallen und immer eine passende Antwort haben.

Der Abstand von mir zum Flieder ist der Abstand zu einem Mann, den ich einmal in Rom an einer Straßenkreuzung traf. Er trug einen weissen Anzug. Nicht nur eine weisse Hose, oder ein weißes Hemd oder eine weiße Krawatte, sondern einen weißen Dreiteiler und natürlich einen weissen Hut. Wer kann schon einen weissen Hut tragen? Vielleicht hat dem Mann damals in Rom niemand gesagt, dass das niemand mehr kann nach Humphrey Bogart. Neben dem Mann stand ein cremefarbenes Cabriolet mit fauchendem Motor. Der Mann mit dem weissen Anzug sass auf dem Bordstein. Stellen sie sich das einmal vor. In Rom. In einem weissen Anzug. Auf einem Bordstein. Da kam ich mit einem alten Fahrrad und sagte: „Brauchen Sie Hilfe?“ Der weisse Mann aber sah mich nur flüchtig an, verwarf mich sofort, schüttelte nur ein wenig die Hand, wie man sich einer lästigen Fliege erwehrt, seine Augenlider blieben halb geschlossen, er wusste ja ohnehin es würde sich nicht lohnen sie zu öffnen. Ich fuhr davon und er blieb sitzen. So weit ist der Abstand vom Flieder zu mir, der Flieder sieht mich so an wie damals der Mann auf der Bordsteinkante, nämlich gar nicht, aber ich, die es doch besser wissen müsste, ich drehte mich um damals auf dem alten Fahrrad, ob er nicht doch, vielleicht nur für eine Viertelsekunde doch hinter mir hersehen würde, aber natürlich tat er das nicht. Dafür fuhr ich mir eine Acht in das Fahrrad. Das kommt davon. Der Flieder sieht genauso über mich hinweg, und ich sehe genauso sehnsüchtig zu ihm hinauf, wie ich damals so unbedingt den Mann auf dem Bordstein zwei Wimpernschläge abluchsen wollte. So weit ist der Abstand zwischen dem Flieder und mir.

Der Abstand zwischen dem Flieder und mir, das ist die halbgeöffnete Tür eines Hotelzimmers in Aix-en-Provence, im Bett schlief eine Frau bei weit geöffnetem Fenster und neben ihr stand ein Fliederstrauss, so üppig, so dicht, so schwer, das während sie schlief leise und zart schon die Blüten sich ihr in die Arme neigten. Neben dem Bett auf einem viel zu unbequemen Stuhl aber, um so auf ihm zu sitzen wie sie es tat sass eine Frau, die Knie bis zur Brust hochgezogen, eine Hand aber im Flieder und die andere Hand auf der Schulter der Geliebten, lass mich der Flieder deiner Träume sein, lag auf der Hand der Frau. Vielleicht hatten sie beide Ehemänner in Paris, aber vielleicht hatten sie sich gerade auch erst gefunden.Damals aber ging ich schnell weiter, denn der Abstand zwischen mir un dem fliedernen Zimmer ist immer mehr als nur eine halbgeöffnete Tür. Ich bin schon viele Jahre nicht mehr in Aix-en-Provence gewesen und wer weiss, ob nicht die beiden Frauen längst selbst einen Fliederbusch gepflanzt haben, irgendwo und ungestört. Der Flieder hier in der Hecke, schwer und tropfend vom dichten Regen schweigt sich auch darüber aus.

Erst später habe ich gedacht, dass Männer auch den Frauen, die sie lieben niemals solche Sträusse in die Arme legen, ich selbst habe einmal nur einem Mann einen Fliederstrauss geschenkt, ich bin mir sicher, dass kaum war ich aus den Augen, er den Flieder in einen Mülleimer stopfte, denn so liegen die Dinge mit dem Flieder und mir. Dicht steht der Flieder ganz am Rande der grossen Stadt Berlin und nur ausnahemseise schnitt ich mir ein paar Zweige ab für den Tisch oben im Haus, denn auch dort war das schwere Parfüm, immer ein Abstand, den ich doch nie überwinden konnte, denn die Frauen mit Perlenketten, schweren Parfüms und gebildetene Ehemännern lächeln über mich mit leichtem Spott. Besser Abstand zwischen mir und dem Flieder schaffen. Ich schneide ihn ab für Besuch und einmal auch für eine fremde Frau, die anders als ich die Liebe mit Flieder gut kannte und doch hat der Flieder wohl auch ihr gegenüber sein Versprechen nicht gehalten. Mir ist leichter und wehmütiger zugleich, verschenke ich den Flieder.

Diesmal wird der Flieder wohl ohne mich verblühen und hier in der Hecke im dichten Regen, da sehen der Flieder und ich uns nur wie ein mit den Jahren schon blind gewordener Spiegel. „Komm“, sage ich zum treuen alten Hund. Es hat aufgehört zu regnen und über dem Flieder da schimmert es Blau. Dann gehen wir heim, der Hund alt und ich älter, auch ich und doch am Ende bevor der Fluss wieder Strasse wird, da drehe ich mich noch einmal um wie damals in Rom, oder Aix-en-Provence oder anderswo und hoffe für eine Viertelsekunde er sähe mich doch. Vergeblich natürlich, der Flieder lässt sich nicht überreden, der Flieder hat viele Augen, nur keine Augen für mich.