Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.

Woanders ist es auch schön

Indigo und manchmal hilft nicht einmal ein Wunder weiter.

Inmitten von Wespen und Bienen.

Die Geschichte einer ganz und gar fabulösen Rettung. Ich bin ja eine große Freundin von Schafen. Gerade auch den auf zwei Beinen.

Es zerbricht mir das Herz.
Wie soll aus all den Gräbern nur der Frieden wachsen?

Kerala steht unter Wasser, 170 Menschen haben ihr Leben in der Flut verloren und viele Menschen alles was sie haben, es ist eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes , aber auch eine, die fast unbemerkt bleibt.

Es ist auch keine gute Nachricht, dass die Zahlen der Maserninfektionen rapide steigen. In Deutschland wohlgemerkt.

Ein Opernbesuch.

20 Jahre Soloalbum. Via Katrin Scheib

No encore. Aretha.

Der Tierarzt aber hat sein Kälbchen wieder und Kälbchen hat den Tierarzt wieder.
Anna Calvi singt dazu.

Feindliche Linien

Sie sagen so schlimm wie dieses Jahr, war es noch nie.

So viele. Überall. Ganz plötzlich.

Eine Epidemie.

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

Sogar in den Pflaumen.

Aber die Pflaumen habe sie ohnehin nie gegessen wegen der Würmer.

Man müsse handeln.

In Zuckersirup ertränken, sei noch zu milde.

Sie erschlagen mit einer Zeitung von vorgestern sei noch nicht Strafe genug.

Ausräuchern müsse man sie.

Mit Gift müsse man ihnen beikommen.

Früher habe es so viel Gift beim Drogisten gegeben. Auch gegen anderes Ungeziefer habe man einfach ein Mittel gefunden.

Humanität sei etwas Schönes, aber habe auch ihre Grenzen.

Ihnen die Flügel ausreißen sei ein guter Anfang. Aber auch schwierig.

Auf jeden Fall müssten sie spüren, dass es so nicht ginge.

Andere Seiten müssten aufgezogen werden, um zu zeigen wer der Herr im Haus ist.

Der Herr im Haus kann auch eine Dame sein.

Die Herren überlegen, ob man ihnen nicht auch mit Hilfe eines Hammers zu Leibe rücken kann. Das wäre eine Maßnahme, die Farbe bekennt.

Die Frauen sagen es ist eine Schande, dass es noch immer kein wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung gibt. Das beträfe doch auch Kinder. Das empöre sie am Meisten. Das noch immer nichts unternommen wurde.

Die Kinder sagen sie. Die Kinder. Es geht doch um die Kinder.

Dann beginnen sie wieder von vorn.

Aurotten. Erschlagen. Vergiften. Den Gar rausmachen. Sich nichts bieten lassen. Keine Rücksicht mehr nehmen. Zu allen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen.

Die Tierschützer sagen sie machen sich ja lächerlich. Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann wäre doch allen geholfen.

Das ist alles die Schuld von diesem Greenpeace sagen sie.

Das müsste man verbieten. Oder noch besser, man müsste sie diesen Biestern ausliefern. Dann würden sie schon sehen, was sie davon hätten.

Es sei nicht zu begreifen, warum man nicht in aller Härte gegen sie vorginge.

Der Tierschutz hätte ohnehin zu viel Macht.

Wie die schon aussehen.

Früher hätte man im Garten sitzen können, ganz ungestört.

Was hätte man früher nicht für schöne Sommer im Garten verbracht.

Das waren lustige Zeiten als Onkel Kurti beim Sherezade Spiel Cleoptra zog und einen Bauchtanz vorführte, dort drüben unter der Kastanie. Die war damals viel kleiner. Bauch hatte er ja Onkel Kurti, so wie Heinz Erhard, man konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Einmal hat Onkel Kurti Dreirad gezogen und ist wirklich dreibeinig über die Terrasse gerobbt. Es muss davon noch Dias geben, irgendwo unten im Keller. Onkel Kurti ist schon lange tot. Der Dia-Projektor ist kaputt. Es gab süßen Moselwein damals, in den kleinen Gläsern, in die man immer nur ein winziges Schlückchen goss und dabei so herrlich heiter wurde, obwohl man doch nur hin und wieder ein bisschen nippte, wenn es Kurti gar zu arg trieb. Was haben wir gelacht. Ganze Abende lang unter dem Sonnensegel. Ohne auch nur ein einziges Mal belästigt zu werden.

Aber das sei alles Vergangenheit.

Kaum hätte man sich hingesetzt, seien sie schon da.

Setzten sich auf den Käse, die Butter, den guten Schinken. 4,69 pro 100 Gramm bei Butter Lindner. Selbst wenn man alles in Dosen und Butterbrotpapier verpackte geben sie keine Ruhe und machen alles zunichte. Unerträglich seien sie und unerschütterlich.

Räucherkerzen hätten nichts bewirkt.

Bei Tchibo gab es Tennisschläger mit eingebautem elektrischem Schlag, genau wie der elektrische Stuhl in den USA, Zapp und dann ist alles gelaufen. Probiert haben wir es natürlich, aber zweimal hat er sich selbst versengt mit dem Tennisschläger, er war nie besonders praktisch veranlagt und der Brandgeruch macht Übelkeit, jetzt liegt der Schläger im Keller bei dem kaputten Dia-Projektor.

Nichts würde helfen.

Ganz hysterisch sei sie schon, sagt sie.

Sie würde auf ein Brötchen sehen und da hockten sie schon. Grinsende Gesichter. Sie schliefe schlecht und immer wieder würde sie Nachts aufwachen und davon träumen sie verschlucke einen von ihnen und dann wache sie schweißgebadet auf. Es müsse endlich etwas passieren.

So ginge das nicht weiter.

Ausnahmen dürfe es nicht geben.

Es müssten endlich Fakten geschaffen werden.

Das sagen die Nachbarn rechts und links des Gartenzaunes zu mir.

Ich lese die Äpfel und Birnen und auch die Pflaumen auf die im Gras liegen.

Ich mache Apfelmus und Apfelkuchen, Birnenkompott und Pflaumenmus.

Aber niemand sonst, hat etwas übrig für das Fallobst außer den Wespen.

Eine Handvoll lasse ich übrig für die Wespen, die im Garten wohnen.

Wir stören uns nicht.

Einmal hat sich eine Wespe in meinem Haar verfangen. Aber in meinem Haar haben sich schon ganz andere Dinge verfangen und bald flog die Wespe davon.

Es ist schade denke ich um die alten Apfelsorten, die Augustbirnen, die dicken, weichen Pflaumen, die im Gras verfaulen.

Alle Wespen sagen sie und schütteln die Faust.

Was aber die Wespen denken über die Menschen weiß ich nicht.

Podologische Notizen im Zugabteil

In Prag stehen so viele Menschen auf dem Bahnsteig, dass ich mir sicher bin, diese Menschen gehen niemals alle in diesen Zug und wir haben auch noch Koffer, Rucksack, luggage holdall und eine Tasche dabei.

„Wagen 257″ sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt ist so viel größer als ich, dass er den Wagen erspähen muss.

Der Zug kommt und der Tierarzt sagt: „Bist Du Dir sicher, dass es Wagen 257 ist? Mir war als hätte ich eben Wagen 275 gesehen.“

Ich krame nach den Fahrkarten, aber da steht noch immer: Wagen 257.

Derweil stürmen alle Leute in den Zug.

„Auch gut“, sage ich zum Tierarzt,„dann tritt uns keiner auf die Zehen.’“

Dann schleppen wir Gepäck zum Waggon, ich hieve und wuchte das Gepäck in die Ablage und wir fallen auf die Sitze. In der tschechischen Bahn hat es lauter Abteile. Jedes Abteil hat sechs Sitze, wir haben einen Fensterplatz und einen Gangplatz.

Der Tierarzt lehnt den Kopf ans Fenster.

Ich lehne meinen Kopf an die Tierarztschulter.

Dann quietscht die Abteiltür und eine Frau mit karottenrot gefärbten Haaren und zwei Enkelkindern, die eigentliche schon junge Enkeldamen sind, kommen herein.

Uns würdigt sie keines Blickes.

„Hier setzen wir uns hin, sagt sie und wenn hier irgendein Spießer mit Platzkarten kommt, dann soll er uns erstmal kennenlernen.“

Die beiden Enkeldamen pfeffern die Rucksäcke auf den Fußboden und zanken sich während wir aus Prag herausrollen, um ein Paar Kopfhörer. Nach fünf Minuten wird der Streit handfest, der Tierarzt flüstert: „Menschen sind schon wegen geringer Dinge erschlagen worden.“

Dann reißt der Kopfhörer entzwei.

„Problem gelöst“, flüstere ich dem Tierarzt zu.

Der Tierarzt erschauert.

Die karottenrote Großmama erfrischt sich mit einem Deoroller unter den Achseln. Dabei verrutscht ihr das Top. Wir schlagen die Augen nieder und zählen bis 120.
Die Großmama juchzt: „Berlin“ ruft sie „Berlin wir kommen.“ Sieben Tage, der Laurentius freut sich schon. Na ja, ich muss erst mal baden.“

Die Enkeldamen reißen sich an den Haaren.

Plötzlich sagt eine von Ihnen: „Oma haben wir denn ein Gastgeschenk?“

Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“

Die Enkeldamen nicken zufrieden.

„Ihr werdet sehen“, sagt sie „Berlin ist eine ganz andere Nummer als Tulln.“

Für eine halbe Stunde verstummt das Gespräch und die Großmama nebst Enkeldamen verzehren Brote. Die Brotpapiere pfeffern die Damen auch auf die Erde.

„Hier ist ein Mülleimer“, sage ich zu den Damen.

Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“

Ich hebe die Butterbrotpapiere also auf.

Die Damen werden müde. Die Enkeldamen streiten sich um ein Buch. Die Großmama gähnt. Sie spreizt die Beine und schon hat sie ihr linkes und dann ihr rechtes Bein auf die Sitzlehnen des Polster geschwungen auf dem nun eben ich sitze.
Dreißig Sekunden später schnarcht sie.

Ihre Socken hat sie ins Abteil wo auch schon der übrige Kramuri liegt, gepfeffert.

Ihre Füßen riechen nicht gut. Ihre Füße haben Schrunden, Hühneraugen und eingewachsene Nägel.

Mir dreht sich der Magen um.

Der Tierarzt erschauert.

„Mädchen“, was willst du tun? Die Frau ist zum Äußersten entschlossen.“

„Entschuldigen Sie“, sage ich zu der Großmama mit dem karottenroten Haar. „Ich sehe Sie sind ermüdet und haben wehe Füße, aber dies ist eben auch ein enges Abteil und ich möchte ungern die nächsten Stunden zwischen ihren Füßen verbringen.“

„Was sind sie denn für Eine?“, blafft die Großmama herüber. „Wie kann man sich nur so affig haben?“ „Ich kann nicht schlafen ohne die Füße hochzulegen.“ „Noch nie ein Paar Füße gesehen oder was. War ja klar, dass wir neben so einer Vollspießerin landen.“ Dann greift sie nach ihren Füßen und beschnüffelt sie ausgiebig. „Riecht einwandfrei“, sagt sie und streckt mir die Füße hin. Ich sehe die schrundigen Füße und finde ich habe wirklich genug gesehen. Der Tierarzt versucht hektisch ein Fenster zu öffnen.

„Ich bin mir sicher, sage ich zu der weiter keifenden Großmama, dass ihre Enkeltöchter gern bereit sind ihre Füße aufzunehmen.“

Die Dame starrt mich wütend an.

Die Enkeltöchter sehen zu ihrer Großmutter herüber.

Unisono kreischen sie los: „iiiiiiiiehhhhh, niemals legst du deine Stinkefüße auf unsere Lehne.“

„Das ist ja voll krass“,iiiiiihhhhhhh.“

Der Tierarzt flüstert: „Jetzt bringt sie dich um.“

Ich flüstere: Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan.“

Aber dann kommt der Schaffner und will die Fahrkarten sehen.

Die Großmama durchwühlt ihren Rucksack. Viele Dinge fallen aus dem Rucksack auf den Abteilboden. Der Tierarzt starrt gebannt auf den sich leerenden Rucksack. Er erwartet eine Streitaxt und sicherlich auch Pfeil und Bogen um Spießer zu erlegen.

Der Schaffner sagt: „Immer mit der Ruhe, die Dame bitteschöndankeschön.“

Die Dame ruft: „Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eigentlich fahr ich immer schwarz, aber is eh klar, wenn ich schon einmal eine Fahrkarte hab, dann finde ich die nicht.“

Dann findet sie doch drei eingedellte Fetzen Papier.

„Einen Identifikationsnachweis bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner.

Die Dame ruft: „No borders, no nations.“

Der Schaffner sagt: No English, bitteschöndankeschön.“

Und dann sagt er noch einmal: „Einen Identifikationsnachweis bitte wegen des Rabatts bitteschöndankeschön.“

Der ganze Abteilboden ist jetzt vom Rucksackinhalt bedeckt.

Dann finden die Enkeldamen einen Schülerausweis.

„Bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner und schließt die Tür.
In Usti nad Labem steigt eine Familie mit Platzreservierung zu.

„Jetzt geht es um alles“, flüstert der Tierarzt panisch.

Die karottenrote Dame schreit den Vater an: „ Scheiße, such dir doch einen anderen Platz. Reservierung ist nur was für so ne Pinkel wie euch.“

Der Mann sagt immer wieder: „Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt.“

Das zermürbt die Dame und ihre Enkelinnen.

Zeternd verlassen sie das Abteil.

Dreimal kehren sie zurück, weil immer noch einige ihrer Habseligkeiten auf dem Abteilboden liegen.

Der Tierarzt atmet auf: „Und Du sagst immer Kälbchen hätte kein Benehmen.“

Als wir in Dresden aussteigen, gleite ich fast über das Paar Socken aus, das noch immer auf dem Boden liegt. Aber nur fast und darauf kommt es ja manchmal auch an.

Woanders ist es auch schön

Es gibt Texte, deren Sätze bleiben einem im Gedächtnis, gerade weil sie so unauffällig sind und nachts schreckt man dann doch unerwartet wieder auf.

Zelte bringt man Camping, mit Lagerfeuer und Gitarre in Verbindung. Aber es gibt auch ganz andere Zelte.

Eine Dokumentarempfehlung.

Die Frage was ein Blog wohl ist und was das heißt Bloggen wird niemals alt. Nur man selbst manchmal dunkelmüde.

Katrin Scheib ist in Usbekistan.

Frau Coco erinnert sich an ihren Vater und uns alle erinnert sie an eine fast vergessene Kulturtechnik.

Herr Giardino war in Schottland und für uns hat er Puffins mitgebracht. Puffins sind die Kälbchen der Lüfte!

In Berlin liegen zwar noch die kaputten Leihfahrräder am Straßenrand, aber ich fürchte es dauert nicht mehr lange, dann erreicht auch uns die Pest der Roller.

Der Tierarzt ist auch in der Slowakei beständig auf der Suche nach Musik und nun hört er in Dauerschleife Kristína zu.

Der Fuji, zwei Seile und ein Schatten

Eines Tages sagte der Tierarzt: „Mädchen, ich will noch einmal die Berge sehen. Unser Fenster geht zum Meer hinaus. So nah ist das Meer, dass ich vergessen konnte wie viele Jahre der Tierarzt auf den Fuji sah. Aber bis auf den Fujischaffen wir es nicht mehr. Das wusste der Tierarzt und ich wusste es auch. „Kafka war in der Hohen Tatra“, sagte ich. „Glaubst du die Tatra kann auch der Fuji sein.“ Der Tierarzt nickte. „Mädchen, der Fuji kann überall sein.“ „Dann fahren wir in die Hohe Tatra sagte ich. Zu Kafka und zum Fuji.“

„Das ist Wahnsinn“ sagte die Frau des Krämers dunkel. Dann erzählte die Frau des Krämers ihre Lieblingsgeschichte vom alten Herrn G., der obwohl schwer krank einen Bus bestieg um nach Barcelona zu fahren, wo er auf einer Parkbank sitzend erst noch Sangria trank und lustig wurde, nur um darüber zu versterben. „Der Tierarzt trinkt keinen Sangria- wissen Sie wie viele Kalorien das hat?“, sagte ich. Die Frau des Krämers aber war noch nicht fertig mit der Geschichte von Herrn G. „In einem Zinksarg ist er zurück gekommen. Verplombt war der Sarg. So findet ein jeder das Ende, das er verdient.“ Ich tat so als hörte ich nicht. Aber etwas vom Zinksarg blieb doch an mir kleben.

„Ist das nicht Wahnsinn, fragte ich meine liebe C. mit einem Schatten in die Berge zu ziehen?“ Was mache ich, wenn der Tierarzt und sein Schatten immer länger werden mitten auf dem Berg? „Dann trägst du ihn“, sagte die liebe C. Sagte es so, dass ich es glaubte. „Der Tod lässt sich nicht von dir in die Karten sehen“, das war es was sie sagte. „Der Tod“, sagte ich zu ihr und ich wir sind zu enge Bekannte.“ Sie nickte und schenkte mir eine Wanderkarte.

Vor der Abfahrt ging ich in einen dieser Läden, die voller Menschen sind die auf den Nanga Parbat kraxeln oder in einen Vulkan sehen oder über Eisgletscher rutschen. Ein Mann, der aussah als würde er auf dem Everest frühstücken, fragte mich was ich suchte. „Ein Seil für einen Schatten und ein Seil vor dem der Tod sich fürchtet, brauche ich. Mit Karabinerhaken. Der Mann sah mich fragend an, aber ich nickte. Zwei Seile brachte er mir. „Wo wollen Sie denn hin?“ Auf den Fuji sagte ich. Ich kaufte zwei Seile und Karabinerhaken, aber den zögerlichen Blick des Verkäufers, den ließ ich liegen. Lange hielt ich die beiden Seile in der Hand. Wog sie auf gegeneinander. Welches hält den Schatten? Vor welchem fürchtet sich der Tod?

Ich beschloss das längere Seil für den Tod zu behalten. Wer weiß vielleicht ist der Tod auch nur ein ganz gewöhnlicher Rodeoreiter und lässt sich einwickeln und bevor er sich befreit sind wir schon in einer Tannenschonung verschwunden. Die Seile und die Haken legte ich in den Rucksack.

Der Tierarzt sah die Seile und sah mich an: „So hoch hinaus?“

„Der Fuji sage ich ist 3776 Meter hoch. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Wer weiß schon, ob nicht plötzlich Nebel kommt oder ein Rodeoreiter oder ein junger Bär. Ein Seil hält viel aus.“

„Zwei Seile Mädchen“, flüstert der Tierarzt. „Zwei Seile liegen da in deinem Rucksack.“

„Ja“, sage ich.

Vor dem Fenster sehe ich die Berge und nicht mehr das Meer.

Stumm sind die Berge, schiefergrau, ein Berg sieht aus wie ein schlafender Riese. Vielleicht schlief er ein der Riese, müde geworden vom Stapeln der Steine. So viele Berge und schon fiel er hin und seine Müdigkeit war grenzenlos. So lange man geht und Steine stapelt, merkt man nichts von der Müdigkeit, nur wer sich hinlegt, der kann liegen bleiben.

Tannen wachsen auf den Bergen. Dann hören sie auf. Moos vielleicht noch, Gräser und Gestrüpp. Da hinauf wollen der Tierarzt und ich.

Was hat ein Jud im Gebirg zu suchen?, frage ich mich. Aber das gilt nicht.

Der Tierarzt trägt den Schatten. Ich trage den Rucksack. Vorsichtig prüfe ich noch einmal die beiden Seile. Schwer liegen die Seile in meiner Hand. Was hält ein Seil.

Skalnaté pleso heißt der Fuji auf den wir steigen.

Er schweigt der Berg, auch er schweigt. Verrät nichts. Wir gehen los. Lassen die Seilbahn liegen. Zu dünn kommt auch mir das Seil vor, das die schaukelnden Kabinen hält.

Schon sind wir verschwunden in den Tannen. Ich mit klopfendem Herzen und zugedrücktem Magen. Sitzt nicht oben auf dem Gipfel der Tod auf einem Stein, lacht schon, klopft die Sense auf einem Stein aus, wartet auf mich. Aber in meinem Rucksack, da ist auch das Seil.

Langsam gehen wir der Tierarzt, der Schatten, die Seile und ich.

Geröll unter den Schuhen, Wurzeln, so hoch wie vier Treppenstiegen. Manchmal fällt der Tierarzt einfach ins Gras. Bleibt liegen. Atmet schwer. „Einen Moment noch Mädchen ja?“

„Ja“, sage ich.

Der Tierarzt steht immer wieder auf.

Viele Stunden brauchen wir bis zum See. 1751 Meter steht auf dem Schild.

Ich sehe mich um. Ein Mann ißt einen Apfel auf einem Stein. Der Tod hat keinen Appetit denke ich. Kein Rodeoreiter. Der Berg nebenan, der schlafende Riese schläft.

Dann setzen wir uns ins Gras. Einen Zettel ziehe ich aus der Tasche. Yamabe no Akahito sage ich war ein anderer Wanderer und ein Dichter und vielleicht

Seit Himmel und Erde
sich voneinander schieden,
steht, ein Gottesmal,
in erhabener Größe
über Suruga
hoch der Gipfel des Fuji.
Zu Himmelsfluren
den Blick erhoben, siehst du
der wandernden Sonne
Licht sich hinter ihm bergen,
des hellen Mondes
Schein hinter ihm verschwinden.
Die weißen Wolken
scheuen sich, ihm zu nahen,
und unversehens
senkt sich die Wolke nieder.
Weiter erzählen,
weiter berühmen will ich
Fuji, den hohen Gipfel.

Zitiert nach:Yamabe no Akahito übersetzt von Wilhelm Gundert. In: Lyrik des Ostens. Hrsg. von Wilhelm Gundert et al. Hanser Verlag. München 1978, S. 397 f.

Dann sehen wir hinauf in den Himmel und der Schatten verschwindet. Viellicht ist der Tierarzt wirklich auf dem Fuji und nur ich sitze noch in der Slowakei. Vielleicht hält er Kirschblüten in der Hand oder Schnee oder die Hand einer Frau, die ich nur von Bildern kenne, vielleicht ißt er Tonkabohnenpaste oder salzige Edamame. Lange geht der Tierarzt auf dem Fuji umher und ich warte in der Slowakei.

In einem anderen Leben, auf einem anderen Berg umher geht der Tierarzt und neben mir auf dem Stein sitzt ein Feuersalamander. So sitzen wir im kühlen Gras. Irgendwann kommt der Tierarzt zurück aus Japan, ein großer Schritt vielleicht vom Fuji hinunter zum Skalatné Pleso. Blau ist der See. Kalt und weich ist das Wasser. Kaum ein Schatten über dem Wasser.

So erschöpft ist der Tierarzt vom Fuji.

So zittern mir die Knie.

Wir gehen in die Bergütte hinüber.

Der Tierarzt trinkt Tee. Ich trinke Kofola.

In der Hütte sind Bergesteiger.

Ich ziehe die zwei Seile aus dem Rucksack.

„Zwei Seile sage ich“, eins ist stärker als Tod und das andere hält den Schatten fest. Haben Sie Verwendung dafür?“

Der Mann hinter der Theke hat schon ganz andere Geschichten gehört. Das sehe ich gleich.

Er nimmt die Seile.

Er hängt sie an einen Haken.

„Seile wie diese werden gebraucht“, sagt er.

Ich nicke.

In der Seilbahn fahren wir herunter ins Tal.

Die Gondeln schaukeln.

Es weht immer ein leichter Wind auf dem Fuji.

Wie der Juli riecht.

Der Juli riecht nach staubigen Straßen und nach einer Sonne, die nicht müde werden will. Der Juli riecht nach Meer und Hagebutten. Die Hagebutten riechen nach dem Geheimnis des Sommers und das Meer riecht nach Tang. Süßllich riecht der Tang so als sei er Lakritz, aber was weiß man schon über die Dinge tief auf dem Grund. Über allem aber, liegt das Meer. Der Juli ist sein Patenkind. Der Juli riecht nach Wassermelone und Sonnencreme. Der Juli riecht nach langen Tagen und schwülen Nächten, nach einem großen Eis mit bunten Streuseln obendrauf, nach klebrigen Fingern und nach noch mehr Sonnencreme- sogar in den Haaren. Nach einem vergessenen Apfel in einer Tasche riecht der Juli, der Apfel ist braun gesprenkelt und auf dem Apfel sieht sich eine Fliege um. So einen Apfel mit einer Fliege habe ich schon einmal gesehen in einer Galerie irgendwo in den Niederlanden. Ich habe vergessen ob die Galerie in Rotterdam oder Den Haag war, aber die schimmernden Flügel der Fliege, den Apfel und das dunkle Zimmer in dem der Apfel lag, auf einem Holztisch oder einem Teller,das habe ich nicht vergessen. Nur gerochen habe ich damals nicht, aber in diesem Juli dann doch.

Der Juli riecht nach Coca-Cola mit einer Zitronenscheibe und Eiswürfeln im Glas. Die Eiswürfel klirren im Glas, aber noch lieber lege ich sie mir unter die Zunge. Die Eiswürfel glitzern vor Kälte und riechen nach einem Rest von Himbeere oder einem Blatt Pfefferminz, das gebe ich oft in das Wasser hinein, bevor aus dem Wasser, Eiswürfel werden. Modrig riecht der Juli, nach Seerosen und einem dumpfen Gewässer in dem immer eine Kröte quakt oder eine Libelle sirrend durch den Schilf fliegt. Liegt man lange genug im Verbogenen, dann rudert jemand ein Boot vorbei und das Ruderblatt klatscht erst ein und dann zweimal ins Wasser, ein rotes Hemd sehe ich dann ist das Boot schon vorbei und der Schilf, der dumpfige See, die weißen Seerosen, die Libelle und ich sind wieder allein. Der Juli riecht nach Weißwäsche und geräucherter Forelle. Steckerlfisch, glaube ich nennt man so eine Forelle am Spieß, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Der Juli riecht nach Reisefieber und nach blauem Himmel. Aber wo zum Himmel ist denn die blaue Tasche geblieben?

Der Juli riecht nach Kaffee aus einer Emailletasse, nach Druckerschwärze an den Händen der Zeitungsleküre, denn es ist so warm im Zug. Der Juli riecht nach der Verzweiflung wenn sie hören: „ Der Eurocitay nach Budapest hat heute 90 Minuten Verspätung.“

Der Juli riecht nach Sand in den Haaren, Sand in den Schuhen, Sand in den Sachen und nach noch mehr Sand in den Haaren. Der Juli riecht nach den schlafenden Kinder in der Hängematte im Garten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit, die sich zwar im Schrank versteckt, um doch nur auf mich zu warten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit der Museumswärterin im Sternberg Palais, die so hinreißend gähnte, dass man auf der Stelle hätte einschlafen mögen. Der Juli riecht nach schwarzem Tee mit Zitrone, nach Bohnerwachs und Himbeerbonbons. Der Juli riecht nach einem Mann in der Bahn und seinem Rasierwasser. Pinien denke ich als ich ihm zusehe, wie er sich ein Taschentuch vorsichtig mit dem Pinienwasser beträufelt, um es sich schließlich mit langsamen, kreisenden Bewegungen über das Gesicht zu reiben. Der Juli riecht nach Geburtstagstorte, nach weichem Teer auf der Straße, nach den scharfen Zigaretten der Bauarbeiter, nach Autan und einer Hand voll Rosenblätter. Der Juli riecht nach Heidelbeeren mit kalter Milch, nach roter Grütze und Vanillesoße in dem alten Steingutkrug, der Juli riecht nach Abenteuer, denn am Strand entdeckt ein kleines Mädchen zum ersten Mal das Wunder Meer. Einen ganzen Eimer voll Muscheln nimmt sie mit nach Haus, um vom Meer zu träumen bis sie wiederkommt. Der Juli riecht nach Rolltreppen und so trocken riecht der Juli, dass die Zunge einem am Gaumen klebt und man glaubt man würde nie wieder etwas riechen. Der Juli riecht nach Reisebroten, gekochten Eiern in einem Korb, der Juli riecht nach Landstraßen und flatternden Hemden über einer Leine im Wind.

Der Juli riecht nach dem Wort: Wagenstandanzeiger und Johannisbeergelee.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

Jonny ist wieder da.

Sand am Meer. #ostsee #balticsea🌊 #rügen #sonnestrandundmeer #sandammeer

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Erinnern Sie sich noch an Jonny?

Wir sind später als sonst am Meer. Der Tierarzt kann nicht mehr Rad fahren, so fahren vier Kinder, ein Plastikrochen und ich vor und warten auf den Bus mit dem Tierarzt. Dann gehen wir der Sonne und dem Meer entgegen und sind am Strand. Wir hören ihn schon, bevor wir ihn sehen: „Hallo ruft er, erinnert ihr euch, ich bin Jonny!“

„Aber klar“ rufen wir, wie könnten wir dich vergessen haben.

Jonny strahlt und steht dennoch zögerlich zwischen dem Handtuch seiner Oma und unserem Haufen Strandkramuri. Aber zum Glück gibt es ja die gleiche Königin. Sie schreit: Coole Haare Jonny, komm, wir wollen zum Wasser einen Delfin bauen, der Tierarzt weiß genau wie so ein Delfin aussehen muss und wir haben Bananenkuchen und eine neue Schwester, aber die ist noch zu klein für den Strand, hattest du ein gutes Zeugnis, ach egal, machst du mit?

Jonny sieht die kleine Königin staunend an.

Die kleine Königin sieht mich an.

„Nun übersetz doch schneller“, ruft sie mir zu.

Ich übersetze die kleine Königinnenrede ins Deutsche. Jonny strahlt noch mehr.

„Guten Morgen“ rufe ich zu Jonnys Oma herüber, die liegt mir dem Bauch auf einem Handtuch und löst Kreuzworträstel. Neben ihr liegt Dieter, den Jonny Opa nennen soll, er liest die BILD.

Jonnys Oma richtet sich auf und sagt: JONNY SOFORT HÖRST DU AUF MIT IRGENDEINEM BLÖDSINN, DIE LEUTE BESCHWEREN SICH SCHON.

Dann sieht sie mich,die vier Kinder und den Tierarzt.

„Na wenn das nicht die Ausländers sind“, sagt sie.

Wir nicken. Die Ausländers, das sind wir ja wirklich.

Der Tierarzt trillert Hallöchen.

„Na die Type wird ja auch immer dünner“, sagt Jonnys Oma.

Dann taucht auch Dieter hinter der BILD-Zeitung auf: „So is det mit die Ausländers, die brauchen immer Extrawurst.“

Aber dann gibt Dieter uns doch die Hand.

„Der Jonny quakt uns ja schon die ganze Zeit die Ohren voll von ihnen.“

Jonny Omas wickelt sich ein Handtuch im die Hüften. Auf dem Handtuch ist eine schlecht kopierte Lara Croft, die Dollarscheine raucht abgebildet.

„Eine Hitze“ sagt Jonnys Oma. „Dit hat es früher auch nicht gegeben.“

Opa Dieter nickt. „Dit ham wir nu von die Wessis.“

„Eigentlich wollte ich ja nur fragen, ob Jonny mit uns und den Kindern mitkommen darf. Wir wollen einen Delfin bauen, aus Sand unten am Wasser“, sage ich.

Jonnys Oma sagt: „Klar, nehmen se sich den Jonny mit. Dann kann er uns keinen Ärger machen.“

Opa Dieter sagt: „Delfin bauen? Was die Ausländers immer für Ideen haben.“

Aber Jonny, der Tierarzt und ich haben nur das Ja gehört und schon rennt Jonny los. Ein Neffe und drei Nichten warten schon.

Wir bauen einen Delfin aus Sand. Der Tierarzt findet, erst somit habe sich sein Studium der Tiermedizin wirklich gelohnt. Wir fotografieren alle Kinder mit dem wunderschönen Delfin und seinem ziselierten Muschelmaul. Jonny strahlt.

Wir essen Eis und Bananenkuchen. Wir rennen ins Wasser und üben weiter schwimmen mit Jonny. Jonny schafft zehn Züge Brust und vier Kraulzüge. Wir alle feuern Jonny an. Go, Jonny, go, schreit eine kleine Königin. Darüber vergisst Jonny schon einmal das Atem holen. Wer würde es ihm verdenken?

Wir trinken Zitronenlimonade und essen Schokoladenkekse. Ich ziehe alle Kinder auf dem Plastikrochen durch das Wasser. Alle Kinder rufen: „Schneller. Zieh schneller. Am Ende glaube ich für einen Moment ich habe meine Arme irgendwo im Wasser verloren.

Mein Neffe führt Jonny in die Welt von Herr der Ringe ein. Jonny und die Nichten besprechen Harry Potter Trivia, ich übersetze und Jonny ist schon bei Band 4. Ich bewundere seine Leseleistung und die Nichten halten dicht, damit Jonny weiter voller Spannung darauf ist, wie es weitergeht.

Ich verteile dicke Scheiben Wassemelone und die beliebten bunten und ziemlich sauren Gummischlangen.

Von Oma und Dieter hören und sehen wir den ganzen Tag lang nichts.

Am späten Nachmittag als wir gehen müssen, hält Jonny den Tierarzt fest.

Du Read On flüstert er so, dass es die anderen es Kinder nicht hören kennen. „Du Read On, ich kenne doch meinen Papa gar nicht, denkst du ich dürfte den Tierarzt mal umarmen?“

Manche Fragen kann man gar nicht übersetzen und der große Tierarzt umarmt einfach den kleinen Jonny.

Wir alle sehen lieber noch einmal auf das Meer, packen langsamer ein als sonst, klopfen Kleider und Handtücher aus, ziehen langsam unsere Fahrradschlüssel hervor, verpacken den Gummirochen viel sorgfältiger als sonst und der Tierarzt hält Jonny fest.

„Jonny, flüstert der Tierarzt, du bist ein toller Junge, Jonny du bist wunderbar, Jonny, Jonny, Jonny“, sagt der Tierarzt und obwohl der Tierarzt fast nur noch Schatten ist, hält seine Umarmung Jonny fest.

Wir warten und sehen auf das Meer.

Jonnys Oma raucht.

Dieter beobachtet eine Frau im roten Bikini mit dem Fernglas.

„Früher war mehr FKK“, ruft er schollernd.

Aber der Tierarzt lässt Jonny nicht los.

„Jonny, Jonny, ein Glück bist du wieder da.“

Unendliches Blau

Di41rTrXsAAFyCZ.jpgAm Abend aber der Tierarzt hütet die Nichtenkinder, fahre ich noch einmal ans Meer. Sonnenflecken auf der Straße, das Dorf liegt still vor mir im späten Licht. Die Einwohner des Dorfes schweigen lauter als das sie reden. Sie haben Hofhunde, wenn jemand zu nah kommt, übernehmen die Hunde das Sprechen. Aber die Hunde sind müde und träumen von kühleren Tagen. Mein Fahrrad lehnt gegen einen Mauervorsprung. Die Wand ist warm an meinen Händen. Die Wand gehört zur Garage. Im Sommer gehört die Garage den Schwalben, zwei Nester unter dem Dach. Das Schwalbenpaar heißt Clara und Robert. Die liebe C. mag Schumann. Die Schwalbenkinder haben wie die Nichtenkinder immer Hunger. Die Nichtenkinder winken mir mit riesigen Stücken Streuselkuchen hinterher. Clara und Robert bekümmern sich nicht um menschliche Angelegenheiten. Vor dem Dorf liegt ein See, dichter Schilf umschließt den See. Über den See kann man sich mit einer Holzfähre rudern lassen. Der Fährmann hat viel von der Welt gesehen, einmal hat er größere Schiffe gesteuert als einen hölzernen Kahn. Jetzt sieht der Fährmann den See und das Schilf und manchmal ein Segelboot von der Ferne. Von der Welt erzählen ihm die Touristen, die er rudert. Ahoi rufen sie und der Fährmann rudert über den See. Schon bin ich vorbei, rieche vom Fährmann nur noch den Dunst blauen Knasters, am anderen Ufer des Sees weiden die Kühe und ihre Kälber. Der Tierarzt steht oft bei den Kühen und ihren Kälbern und erzählt ihnen von einem anderen Kalb und anderen Wiesen. Die Kühe und ihre Kinder hören geduldig zu. Mein Fahrrad und ich aber wir sind schon vorüber, eine schnurgerade Strecke schließt sich an und der Wind und ich rennen um die Wette. „Unfair ist das prustet der Wind, du hast ein Fahrrad und ich muss lauter Wolken tragen!“ Der Wind verliert mich an der nächsten Kurve. „ Wir sprechen uns noch“, ruft er mir mit letztem Atem hinterher. Dann der Ort hinter dem das Meer beginnt. Müde Väter mit Schaufeln und Strandzubehör, müde Kinder im Arm einen großen Gummiflamingo. Müde Mütter einen Eimer Muscheln in der Hand und Handtücher über den Armen. Manchmal tragen die Mütter auch alles, dann sind keine Väter mehr da oder ein Vater schleppt auch noch ein Kind auf dem Arm, aber seltener als die Väter sind die Mütter allein. Die Kinder aber lachen trotz aller Müdigkeit und der Gummiflamingo der auch. Aber die müden Eltern und die müden Kinder sind schon in der Unterzahl, die meisten die man jetzt auf der Straße sieht, und die ich vorsichtig umrunde, haben sich schon umgezogen. Sie gehen zum Essen. Auf eine wagenradgroße Pizza bei einem der Italiener vielleicht oder einen Berg Gyros beim Griechen. Man sieht ihnen an, dass das etwas Besonderes ist. Sie haben sich feingemacht. Die Väter und die Söhne tragen Fußballtrikots, denen man ansieht, dass sie gebügelt worden und dazu einen Sommerhut. Die Frauen und Mütter tragen gemusterte Kleider, große goldene Ohrringe und alle tragen die guten Crocs, nicht die mit denen man Seesterne fängt. Wenn sie am Tisch sitzen und die wagenradgroße Pizza kommt, dann überlegen sie, wie das noch einmal genau war mit Messer und Gabel und lachen erleichtert, dass die Pizza doch schon vorgeschnitten ist. Es ist eine Feierlichkeit bei ihnen zu finden, von denen die Kirchen sich wünschten,sie käme am Sonntag zu ihnen. Aber hier bei den Urlaubern, die das ganze Jahr rechnen müssen, die sich hier einmal etwas erlauben, die hier einmal nicht mit „Kasse Sieben öffnet für sie“ angesprochen werden oder „ Cheffe hat schon wieder kein Gehalt gezahlt“ sagen müssen, sind hier Signor und Signorina und ihre Kinder sind bambini und über allem liegt die Feierlichkeit und der Sehnsucht für ein paar Tage einmal keine Sorgen zu haben und zu den Kindern sagen zu können. „Klar könnt ihr ein Eis.“ Das Eis kommt nicht aus einer Packung, sondern mit Aplomb und bunten Streuseln. Die Kinder strahlen, ich fahre nach rechts. Rechts rauscht das Meer, die Sonne versteckt sich noch hinter den Kiefern, die Kiefern und ich lehnen uns in die Sonne hinein, nur noch ein paar hundert Meter. An Holzhäusern vorbei, zwischen den Kiefern, Wäscheleinen, das baumelt ein Stoffbär, sein tropfendes Fell erzählt von großen Abenteuern. Ich lehne das Rad an den Ständern, das Handtuch über dem Arm, dann schon im Sand. Schon laufe ich in die blaue See hinein, die Sohne gähnt schon, legt die müden Füße hoch und ich tauche unter und schwimme in das seidig-blaue Meer hinein, folge der Sonne, die tiefer und tiefer zwischen die Bäume sinkt und schwimme noch einmal im letzten Licht des Tages mit geschlossenen Augen im tiefen Blau. Später dann als ich mit tropfenden Haaren wieder zum Fahrrad gehe, frage ich mich, ob wir am Ende, wenn wir alles vergessen haben, uns noch einmal erinnern an das Blau, das unendliche Blau der See.

Kunst aber als Brotbelag

Bekanntlich bekomme ich immer am Mittwoch eine Biokiste mit Obst, Gemüse und Käse, nebst zwei Flaschen Milch. Am Donnerstagmorgen schwamm ich so vor mich hin im See und wie ich so schwamm wurde ich hungrig. Ha, dachte ich mir, ein Brot soll es sein, wenn Du zurückkommst und dann hängte ich Handtuch und Bademantel auf, wusch den Bikini aus und stapelte Obst, Käse und Brot auf dem Tisch. So bunt sind die Biokisten im Sommer, so vielfältig und so schwer ist es sich zu entscheiden, was man denn auf dem Brot haben mag. Erstmal also ein Butterbrot mit Salz und Schnittlauch dazu, aber dann lockte das bunte mich all zu sehr und wie ich also mit Messer, Brot und Käse, der Tomate und all den anderen Dingen, da so saß, da fiel mir Piet Mondrian ein und ich wäre ja nicht ein albernes Fräulein, das wohl in anderen Zeiten schrullig genannt worden wäre, hätte ich nicht den Finger erhoben und zu meiner alten Freundin Wildtaube auf dem Fensterbrett gesagt: KunstGeschichtealsBrotbelag it is meine Liebe. Die alte Freundin hat nachsichtig gegurrt, denn sie kennt mich ja schon viele Jahre. Das Schöne aber ist, es gibt so viele Menschen, die auch Lust haben ihr Brot mit Kunst zu belegen.

oder

So hat es angefangen, aber viel schöner ist das, was all die anderen machen mit ihren Broten.

Sehen Sie mal was die fabulöse Miss Megaphon macht:  

Und schon geht es mitten in die Romantik hinein mit Casper David Friedrich

Gefolgt von Jan Vermeer


Ich bin sehr verliebt!

Was wäre Kunst ohne Hunde?

Anselm Kiefers Galerist wundert sich sicher schon….

Das ist keine Wurst!

Aber das ist der Schrei:

Ohne Paul Klee geht es ja ohnehin nie!

Ich finde diese Salvador Dali Interpretation einfach großartig!

Und natürlich Vincent van Gogh:

Es gibt ja Ideen, die hätte man furchtbar gern selbstgehabt….

Dies ist nur eine kleine Auswahl,aber wenn Sei mögen dann sehen Sie sich auf Twitter um- dazu müssen Sie dort nicht Mitglied sein, man kann einfach #KunstGeschichteAlsBrotbelag eingeben und viele, viele Schätze entdecken.

Natürlich ist das ganze eine kleine Alberei, aber nur albern ist es dann doch nicht, weil es wie ich finde zeigt, dass das Internet nicht nur das passive Konsumieren ist, sondern viele unterschiedliche Menschen zum Mitmachen und Selbermachen inspiriert. e13Kiki hat dafür einmal den Begriff des #bingecreating erschaffen und ich glaube das trifft es sehr gut. Das Internet, das sind noch immer wir alle und es liegt an uns, ob wir uns inspirieren lassen und immer wieder das Staunen lernen.

Was ich sehr hoffe ist, dass die vielen bunten, belegten Brote zu Gesprächen und Diskussionen führen zum Entdecken neuer Künstler, zum Wälzen von Kunstkatalogen, was man legen könnte und vielleicht auch zu einem Ausstellungsbesuch, um sich weiter und wieder zu begeistern für all die große und kleine Kunst, die noch immer das größte Potential hat Menschen zusammenzubringen und dass das gerade passiert, das freut und rührt mich besonders.

Auch Das Nuf hat Lieblingsbrote mit Kunstbelag gesammelt.

Das Fräulein indes reist heute dem Tierarzt an die Ostsee nach und hat noch kein einziges Reisebrot geschmiert….