Ein letztes Hemd

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Ein Tischsteht ganz vorn in der Exam Hall und auf dem Tisch steht ein aufgeklappter Laptop.

Ein Stapel Bücher, das ist alles.

Die Exam Hall hat alte Bilder an den Wänden und schwere Kronleuchter an der Decke.

Die Stühle sind viel zu schmal und furchtbar unbequem.

Hier unter den schwren Leuchtern und den Ölbildern mit den so ernsten Gesichtern schreiben die Studenten ihre Prüfungen.

Hier habe auch ich eine Urkunde bekommen über einen Stapel viel zu langen Papiers.

Aber heute sind die Studenten schon lange gegangen und die Urkunden liegen wohl verwaltet in einer anderen Schublade.

Es ist schon jetzt zu warm im Raum.

Aber es ist auch ganz egal.

BHL nennen sie ihn in Frankreich.

Bernard Henri Lévy

Heute Abend aber ist er in Dublin.

Ein schmaler Mann dort vorn, an dem Tisch mit den Büchern und dem Notebook.

Eine schwarze Hose und ein weisses Hemd. Seine Hemden sind schon seit Jahrzehnten viel zu weit offen.

Da sitzen wir und sehen ihn an.

Er ist fremd hier.

Hier in Irland gibt es keine Juden, die weisse Hemden tragen, eine Ehefrau und eine Geliebte haben und um zwanzig Uhr aufstehen und anfangen über Europa zu sprechen.

Ein Theaterstück.

Ein Mann spricht über Europa.

5 Akte hat das Stück.

Erst denke ich, dass Stück wäre ein Erinnerungsbogen.

Denn er verwandelt ja die Exam Hall in eine Hotelzimmer in Sarajevo. Damit beginnt sein Stück über Europa.

Mit dem Schweigen Europas über Sarajevo.

Er, der Jude hat das Nie Wieder, ohnehin nie ganz geglaubt. Aber nach Sarajevo ist es nur noch eine der vielen Worthülsen, die durch Europa fliegen. Ganz ohne irgendeine Konsequenz.

Sarajevo, da beginnt Europa.

Aber das Stück ist keine Erinnerung über die vielen europäische Erinnerungslücken.

Der Mann dort vorn am Tisch erzählt die Geschichten der jüdischen Kinder Europas.

Nein, nicht der von heute.

Er erzählt vom Jehuda ben Bezal’el Löw im Prag und wenn ein Rabbi 1520 ein Europäer sein kann, dann können wir es doch auch sein, oder?

Auch ich in der vierten Reihe bin ja auf den Knien meiner Grossmutter mit den Geschichten vom Rabbi Löw aufgewachsen.

Und wenn ein Rabbi 1520 ein Europäer sein kann, dann können wir es doch auch sein, oder?

Ich erkenne sie alle wieder, seine Geschichten dort vorn über Europa.

Den Mord an Sarah Halimi, den die französischen Behörden nur unwillig überhaupt einen antisemitischen Angriff nennen wollten.

Denn natürlich zählen wir noch immer unsere Toten.

Wir sind ja mit den Toten noch immer nicht fertig geworden.

Eine ganz europäische Geschichte also und die Gesichter neben mir sehen verwundert auf den schmalen Mann da vorn auf der Bühne, der sich selbst so verwundbar macht und in ihren Gesichtern liegt der europäische Zweifel, dass man das wirklich nicht bemerkt haben will.

Das ist was er erzählt an diesem Abend, das was wir vergessen.

Der Mann dort vorn am Tisch mit den Büchern spricht noch einmal von Zeus und der Prinzessin Europa, die eigentlich gar nicht so sehr aus Europa war, er erzählt sie noch einmal diese Geschichte die am Ende doch unklar bleibt, hat die Prinzessin denn eigentlich das Ufer wirklich erreicht? Hat nicht Zeus, der immer zu hastige Liebhaber sie nicht einfach zwischen den Inseln genommen. Er der G´tt ohne Rücksichtnahme

Er sagt fucked der Mann auf der Bühne, er weiss es ja auch nicht besser.

Die Männer auf den Ölbildern haben alle rote Wangen.

Er schüttelt den Kopf dort vorn am Tisch,steht ein Mann und spricht über Europa.

Er steht da, der Jude aus Frankreich und sagt: Irland und der irische Frieden, 25 Jahre immerhin, das sei der europäische Hoffnungsschimmer, vielleicht der Grösste, den Europa jemals hervorgebracht habe.

Brexit sei ein Schloss aus Sand, sagt er.

Der Mann dort vorn am Tisch aber holt Luft und dann liefert er die wohl zärtlichste Interpretation von Ulysses, die man sich nur denken kann. Leopold Bloom mit dem Mitteleuropa nach Irland kommt und Irland diese ferne Insel weit in die Mitte Europas rückt. Molly Malone, die ferne Verwandte der Prinzessin Europa, die Ulysses als Spaziergang durch europäische Traumwelten und europäische Euphorie.

Ulysses sagt er sei die eigentliche europäische Verfassung.

Einen Moment lang zögert der Mann dort- ist das nicht genau diese Art der Anmassung, die den Juden Europas nie gut bekommen ist?

Aber er sagt es noch einmal. Fester diesmal. Ulysses ist die eigentliche europäische Verfassung.

Es gibt fast nichts schöneres als einen Leser, denke ich mir.

Ganz am Ende schon, der Mann auf der Bühne sieht müde aus nach fast zweieinhalb Stunden in einer fremden Sprache, da spielt er das Spiel, das alle jüdischen Kinder, auch die von heute kennen. Er setzt sich eine europäische Kommission zusammen in der Maud Gonne und Denis Diderot Minister sind, in dem Literatur Staatsraison wird, in dem das Minsiterium für Humor sich nur mit den ernsten Angelegenheiten befasst und in dem die Aussenseiter nicht am Rand des Tisches setzen.

Ich erinnere mich noch an die ungeheure Ernsthaftigkeit mit der meine Grossmutter dafür warb Heinrich Heine zum Finanzminister zu machen.

So viele Dinge, die der Mann dort vorn erzählt über europa lasse ich hier aus.

Die Leute in der stickigen Exam Hall lachen.

Aber es ist ihm ja ernst dem Mann auf der Bühne, der für zweieinhalb Stunden nach Europa sucht.

Am Ende dann Applaus für ihn den Fremden.

Merkwürdig ist das, denke ich, das noch immer ein Jude durch die Städte Europas reisen muss, um das Projekt Europa dann doch nicht verlorenb zu geben, dabei hat Europa niemals damit aufgehört seine Juden preiszugeben.

Aber er der Mann auf der Bühne, der mir später die Hand geben wird ( warm, aber mit eisigen Fingerspitzen), der gibt noch einmal sein letztes Hemd.

Wir sind noch immer hier, sagt er später, neben mir und ich nicke.

Merci, Monsieur.

Bon courage.

Bernard-Henry Lévy, Looking for Europe