Nachgetragene Notizen, Berlin

Berlin ist eine Zeitkapsel. In Berlin ist noch Januar. Jedenfalls auf dem Kalender.in meiner Wohnung. Merkwürdig ist das,so in der Zeit noch einmal zurückzureisen und an den Anfang des Jahres wieder anzukommen.

Ich findeÖ Zeitungen, der dicke Wollpullover, eine vertrocknete Zitrone, Notizen, die sich schon längst überlebt haben, Blognotizen, die ich doch verworfen oder besser noch wieder vergessen habe, ein Schokoladenengel in buntem Staniolpapier, die letzten Walnüsse aus dem Ostseegarten in der Holzschale auf dme Tisch, Staub auf dem Bücherregal und auch überall sonst.

Die Zeitungen in den Müll tragen, die Zitrone verwerfen, die Notizen weiter verfallen lassen, den Schokoladenengel dann doch betrauern, die Walnüsse kommen am nächsten Morgen in den Porridge beschliesse ich, den Staub aus dem Fenster hinauswerfen, die Holzschale mit Orangen füllen.

Mich kaum noch daran erinnern, wer ich im Januar gewesen sein soll. Eine Andere jedenfalls als ich es im März bin, die Notizen, die verworfenen Blogbeiträge sagen mir nichts. Eine fremde Frau mag das geschrieben haben, aber ich ganz sicher nicht.

Einen Teller mit Rosinen für meine alte Freundin die Wildtaube gefüllt. Lange gewartet, ob sie wohl kommt. Lange lässt sie mich warten, aber dann kommt sie doch. Ganz unruhig werde ich beim Warten. Ich hänge sehr an der alten Freundin, die mir seit so vielen Jahren auf der Fensterbank die Treue hält.

So eine Freundin will man nicht ziehen lassen.

Dann kommt sie doch.

Ich atme aus.

Die alte Freundin Wildtaube gurrt.

Dann kommt der Regen.

Der Regen läuft einem umgefallenen Tintenfass gleich die Strasse hinunter.

Der Regen lässt mich nicht mehr gehen, fürchte ich.

Am Abend treffe ich eine Freundin.

Viel haben wir zu erzählen, aber schön ist das nicht was wir uns zu erzählen haben,man sucht es nicht immer aus.

Es regnet noch immer.

Immer mal wieder öffnet sich die Tür. Herein kommen ein Mann oder eine Frau, aber sie suchen keinem Tisch, sondern sie haben dicke Kästen auf dem Rücken. I n die Kästen laden sie bestelltes Essen und fahren es durch die Stadt. Alle Fahrer sind nass. Drei Minuten halten sie sich vielleicht in dem Restaurant auf und dann verschwinden sie wieder in den Regen. Ganz unbeachtet bleiben sie von uns dne zahlenden Gästen. Manchmal liest man in einer Buchbesprechung von dystopischen Gesellschaftsordnungen in denen es immer auch um das Gefälle zwischen Herrn und Dienern geht. Aber das sind keine Bücher, die in eine Zukunft weisen, sondern das ist schon die Realität, denn die nassen Essensfahrer klingeln ja schon an einer Wohnungstür und reichen das Essen durch einen Türspalt. Wir akzeptieren dies schweigend, die nassen Lieferanten, die unhandlichen Kisten, den Hungerlohn, den Zeitdruck, die klapprigen Fahrräder, die mangelnde Ausrüstung, die stummen Gesichter derjenigen, die das Essen in die Kisten laden, wir alle sind immer auch die Augenzeugen der Welt, die wir für richtig halten.

In der S-Bahn auf dme Weg zurück zu mir in den Wald schlafen mehr Menschen als das sie wach sind. Diejenigen, die schlafen, schlafen so als hätten sie anderswo keinen Platz um sich hinzulegen.

Im Regen zurück in den Wald gelaufen.

Der Regen verschluckt meine Schritte.

Anderntags lange in die Kiefern gesehen.

Endlich wieder Zeit am Klavier verbracht.

Das Klavier ist verstimmt. Wer will es ihm schon verdenken?

Ein Kleid gekauft. Blau mit schimmernden Knöpfen.

Später treffe ich in dem gleichen Kaufhaus nur einige Stockwerke übe rmir, die liebe C.

Wir sind müde und trinken Kafffee. Der Kaffee kostet 3, 60 Euro.

Das kümmert hier keinen. Das ist ein Ort des behaglichen Reichseins.

Die liebe C. und ich rühren in dem Kaffee und erzählen uns lauter Dinge, die am Telefon immer ungesagt bleiben.

Dann kommt eine junge Frau an unseren Tisch.

„Nen bisschen Geld für was zu essen“, sagt sie. Sie trägt eine Strickmütze und zwei verschiedende Schuh an den Füssen.

In beiden Schuhen klafft ein grosses Loch.

Man findet überall Ähnlichkeiten, auch wenn man gar nicht nach ihnen sucht.

Wir geben sechs Euro. Das ist weniger als unsere zwei Kaffee zusammen kosten.

Die Frau starrt uns an.

Wir wissen nicht wohin mit unseren Augen.

„So viel Geld“, sagt sie und „Das reicht für zwei Tage und warm duschen.“

Sie greift schnell nach dem Geld, aks fürchtete sie wir könnten es uns auch noch einmal anders überlegen.

Wir schweigen beschämt.

Dann geht sie weiter.

An einem Tisch beschwert sich ein Mann über die Frau. „Das ist Belästigung.“

Dann kommt eine Mitarbeiterin des Kaufhauses und ruft: „Aber kusch dich.“

Sonst kommt die Security.

Der Mann nickt befriedigt. Er bezahlt ja auch für ein Einkaufserlebnis und fine dining.

Wir schweigen noch immer.

Die liebe C. nickt mir zu.

Dann stehen wir auf und gehen.

Vor den Lebensmittelbergen stehen Touristen und filmen sich mit diesen silbernen Gestellen, an die sie ihre Telefone schrauben.

Das alles folgt einer komplexen Choreographie, die wir doch ohnehin nicht begreifen.

Überall dickes Parfüm.

Noch einmal sitzen wir beieinander im Wald.

Dann trennen sich unsere Wege.

Ich fliege nach Irland zurück.

Der Flug ist ganz ereignislos.

Ich lese lange in Andrew Millers „Now we shall be entirely free.

Es ist ein Buch über den Krieg.

Der Krieg sagen manche sei auch nur eine Dystopie.

„Man muss aufpassen“, denke ich, dann fahre ich vom Flughafen direkt in die Mondsteinscheibenfabrik.

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Ein Mann schreit schon im Flugzeug. „Diese Busfahrer!“ Die sollten nur abwarten bis er käme, er würde sich die Busfahrer schon vorknöpfen. Andere Seiten müsse man da aufziehen. Aber ganz andere. Diese Busfahrer sollten sich frisch machen. Erst streikten die Kinder und nun auch die Busfahrer.
Der Mann schreit immer lauter in sein Telefon und wischt sich mit der Hand über die zitternde Oberlippe. „Frau Annika“, schreit er weiter, denn er ist noch nicht fertig mit den Kindern, den Busfahrern und all den anderen, die nicht so wollen, wie er will, „Frau Annika, das sage ich Ihnen, mein Vater hat früher, das war natürlich alles noch vor der Pleite den Lehrjungen eine Backpfeife verpasst und sie die Werkstatt fegen lassen und das sind alles anständige Menschen geworden.“ Vatern hat ohnehin keine Unterschiede gemacht, wenn ich eine Abreibung verdiente, habe ich sie bekommen. Vor den Augen der Lehrjungen, Frau Annika und ich sage ihnen Vatern hat Recht gehabt und es ist eine Sauerei gewesen mit der Pleite und dann diese Busfahrer.“
Der Mann holt gerade noch einmal Luft, aber dann kommt die Stewardess und der Mann muss das Telefon weglegen. Zwei Minuten später schließt er die Augen. Wut ist anstrengend und die Erinnerungen an den Vater, die Werkstatt und die Schläge sind es wohl auch. In Tegel verliere ich den Mann aus den Augen. Erst in der Taxischlange sehe ich ihn wieder, da streitet er mit einem Taxifahrer über den anvisierten Fahrpreis: „35 Euro, das sind ja siebzig Mark!“ Aber für mehr Empörung fehlt mir die Zeit.

Es ist fast komisch, ausgerechnet wenn die Busfahrer streiken gibt es eine zuverlässigen Pendelshuttle zur nächsten U-Bahn Station, die U-Bahn kommt sofort, die S-Bahn folgt auf den Fuß. Eine Frau aber fragt mich, ob ich wüsste wann der Bus kommt. „Heute ist Streik, sage ich, noch bis 22 Uhr.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt sie und sieht verlegen weg. Die S-Bahn und die U-Bahn fährt aber trotzdem. Sie nickt. „S-Bahn und U-Bahn traut sie sich nicht“, erwidert sie. Sie fühle sich nicht gut dabei, wenn man gar nicht mehr sehen könne, ob so eine S-Bahn denn überhaupt noch von einem Menschen gefahren würde.“ Dann geht sie schnell weg und ich steige in die S-Bahn ein. Die Frau dreht sich noch zweimal um, und bleibt wieder an der Bushaltestelle stehen. Eine Erklärung ist eine Erklärung, aber die Angst der Anderen erreicht sie nie. Aus dem S-Bahnfenster heraus zählt ein kleines Mädchen die Autos. Für sie ist der Streik eine Mathematikaufgabe. „Wie viele Autos passen auf die Straße bis sie platzt?“, fragt sie ihre Mutter. Ihre Mutter schüttelt den Kopf. Das ist nur wegen des Streiks sagt sie und das Mädchen zählt weiter grüne, blaue, rote und silberne Autos. Sie hat viel zu tun. Viele Taxis stehen im Stau und in einem Taxi da schreit ein Mann bestimmt gerade den Taxifahrer oder Frau Annika an.

Im kleinen, verschlafenen südwestlichen Vorort der großen Stadt Berlin aber steht ein Bus und vor dem Bus steht ein Busfahrer und trinkt Kaffee aus einer gewaltigen grünen Thermoskanne. Die Passagiere bestaunen ihn sehr. „Ist doch Streik“, sagt ein Rentner mit Regenmantel und kariertem Schal. Aber der Busfahrer schüttelt den Kopf. „Wir sind doch längst outgesourct und gar nicht drin in die ihre feine Gewerkschaft. Ich wär ja och schon lange in Rente, aber der Sohn hat Schulden und Kinder, da mach ich eben noch Touren hier.“ Wollense denn mit?“ Aber der ältere Herr will nicht mit. „Söhne“, sagt er stattdessen, na das kenn ich auch. Erst hat mir der feine Herr Sohn die Autoschlüssel abgenommen und jetzt stöhnt er, wenn er mich fahren soll. Aber heute ist er dran. Da kommt mir nichts davor. Soll ja keiner sagen können, dass der Streik nicht auch einen Nutzen hat. Der Busfahrer und der ältere Herr nicken sich zu. Der Busfahrer schraubt die Thermoskanne zu, steigt in den Bus, dann hupt er dreimal und fährt davon. Aber da laufe ich schon die lange Straße herunter und winke dem Nachbarn zur Linken zu, der ruft über den Gartenzaun: „Fräulein Read On, sie machen ja immer Sachen, entweder Sturm oder Streik, wenn Sie kommen.“ Ich habe zur Ilse heute früh schon gesagt: „Na wenn das Fräulein nicht bald mal wieder hier auftaucht

„Man tut was man kann, werter Herr Nachbar“, rufe ich und krame nach dem Schlüsselbund.

Ein Herz auf der Straße

Heute und gänzlich unverhofft habe ich ein Herz auf der Straße gefunden. Ein Herz mit Sprung. Eigentlich war ich mit dem Fahrrad ein bisschen zu schnell unterwegs um einfach so ein Herz zu finden. Fast alles lässt sich übersehen, warum nicht auch ein Herz? Aber dann sah ich es doch, verlor über meinem Erstaunen über ein Herz auf offener Straße prompt einen Schuh. Zurück also zum Schuh und dann endlich zum Herzen hin. Staubig war das Herz dort auf der Straße, ein bisschen geknickt, wie nach zu hohem Fall. „Guten Tag Herz“, sagte ich, darf ich nach ihrem Befinden fragen?“ Das Herz aber seufzte nur, ein herzzereißendes Seufzen war es, ein Herzensseufzer und damit war alles gesagt.
Die Sonne schien auf die Straße, aber um das Herz lag ein dunkler Schatten und mein Schatten war es nicht. Ich traf dieses Herz dort auf der Straße doch auch zum ersten Mal. Gegenüber im Rathaus stand eine Braut und vor ihr kniete ein Mann, der wohl ihr Bräutigam war. Fotos und dann Sekt. Das Herz auf der Straße wendet den Blick ab. „Ein anderes Herz“, sagt es zu mir, noch immer zu leise, um es gut verstehen zu können. Ein Bus quietscht, Autotüren klappen, ein Mädchen hat einen Gummiflamingo, eine Frau will Kirschen verkaufen, aber Herzkirschen sind es nicht. Ich setze mich auf den Bordstein, neben mir liegt das Herz im Rinnstein. Achtlos liegt es dort zwischen Zigarettenkippen, einer durchgetretenen Schuhsohle, Laub vom letzten Herbst und all dem Straußenstaub von Zehlendorf-Mitte.

„Der Schuh war mir gute Gesellschaft“, sagt das Herz. Keine ganz leichte Geschichte, die Geschichte des Schuhs. Ich nicke, das leuchtet mir ein, die Schuhsohle sieht angegriffen aus. „Den letzten holen die Mäuse“, sagt das Herz und erzählt von einer Ratte, die Nachts über den Rinnstein klettert und im Mondlicht Herzen jagt.
„Zum Glück war der Schuh mir treuer Ritter“, sagt das Herz ich nicke. Ein bisschen merkwürdig sehen die Passanten mich an. So als sei es etwas Ungewöhnliches sich im Gespräch mit einem Herzen zu befinden, das auf der Straße liegt. Ich fürchte das kommt doch häufiger vor als man es annimmt. Ein Mann raucht eine Zigarette und brüllt in ein Telefon: „Alles Arschgeigen. Das habe ich dir gleich gesagt.“
Es scheint als hätte auch er ein Problem mit dem Herzen. Das Herz auf dem Boden zuckt zusammen. Gute Erinnerung an Geigen hat es jedenfalls nicht. Ich überlege fieberhaft, wie man wohl ein Herz zu sich nach Hause einlädt und wie man ein Herz auf dem Bodne wohl mit dem Fahrrad sicher transportiert. „Ich bin nicht aus Zucker“, sagt das Herz zu meinen Zweifeln. Der Schuh hat mir den letzten Kleber geliehen, der noch an seiner Sohle pappte und in drei Nächten haben wir die vielen Teile wieder zusammengeklebt. „Oh“, sage ich und dann tollpatschig wie ich eben bin: „Sie sind ein gebrochenes Herz?“ Das Herz nickt indigniert und seufzt wieder, seufzt dieses schrecklich leere Seufzen, über das ich fast drübergefahren wäre. „Haben Sie eine Telefonnummer?“, frage ich das Herz, aber das Herz bleibt stumm. Dann höre ich zu fragen, denn das Herz auf der Straße, das Herz im Rinnstein es zittert wie Espenlaub.

An einem Stand habe ich Blaubeeren gekauft, auf die lege ich das Herz. Die Blaubeeren nicken verständig. Im Wald hat schon so mancher sein Herz vergraben und die Blaubeeren halten still. Vorsichtig und nicht ganz so rasant fahren das Herz und ich zurück in den Wald. Auf dem Fensterbrett in der Sonne liegt nun das Herz. Die Kirchturmuhr schlägt und die Lider der Sonne sind schon schwer. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt auf dem Fensterbrett. „Sie hat Durst“ sage ich zum Herz. „Ich weiß, sagt das Herz. Wir Herzen sind durstige Kinder. Immer wollen wir mehr, selbst wenn wir schon lange im Rinnstein einer staubigen Straße liegen. So ist das mit uns Herzen, wir sehen nichts voraus, wir ahnen nichts, wir sind nur Herzen. Wir sind Postkartenmotive, Bilderrahmenaufkleber, wir sind Gedichte und Disney-Filme, aber nicht einmal das ist uns genug, immer wollen wir, alles wollen wir ganz, niemals sind wir frei. Immer geben wir uns ganz und dann finden wir die passenden Teile nicht mehr oder der Kleber hält nicht, was er verspricht. Die alte Freundin Wildtaube nippt Wasser, ich schweige und das Herz, das Herz von der Straße schließt die Augen, seufzt und atmet schwer. Wie lange ein Herz wohl einfach so ohne Begleitung am leben bleibt?, frage ich mich, aber darauf kann es keine Antwort geben.
Aber wenn Sie ein Herz vermissen oder gerade heute am Nachmittag ihr Herz auf der Straße verloren haben, so melden Sie sich doch. Es liegt hier bei mir in der späten Sonne, im Schatten der Bäume, es wartet auf sie, es wartet auf sie ein pochendes Herz.

Kurze Notizen

Am Morgen mit den Füßen im Garten stehen.

Tau an den Fußsohlen.

Nur vorsichtig auftreten. Was weiß man schon über die Feen, die morgens im Garten tanzen?

Die alte Freundin Wildtaube schlief noch.

So früh. Immer so früh.

Dem Tag, die Minuten aus der Tasche ziehen.

Manchmal frage ich mich doch, wie lange der Tag sich das noch gefallen lassen wird.

Im See geschwommen.

Auf dem Rücken gelegen und langsam, langsam im Kreis gedreht.

Dann bricht der Tag hinein.

Mit dem Tag kommen die Zweifel, aber das stimmt nicht. Ich habe auch Zweifel in der Nacht. Es sind nur andere Zweifel.

Zum ersten Mal die roten Birkenstock-Sandalen angezogen.

Große Liebe und pinke Zehennägel.

In der S-Bahn stadteinwärts sitzen sieben Männer mit weißen Hemden. Zwei haben die Hemdsärmel aufgekrempelt, einer trägt das Hemd weit offen, seine Freundin krault ihm das Brusthaar. Mein Bärchen sagt sie. Die anderen weißen Hemden sind hochgeschlossen.

Berlin-Mitte ist voller Leihfahrräder. Leihfahrräder sind das Letzte was Berlin-Mitte noch braucht. Die Fahrräder sind gelb und heißen ofo. An der Ampel sitzt eine Frau auf dem Boden. Sie sammelt Geld in einem alten Becher. Ein Mann wirft sein leeres Brotpapier in den Becher. Sie zuckt nicht zusammen.

Eine Frau in einem Erdbeerhäuschen schminkt sich die Lippen nach.

Dunkellila.

Es ist merkwürdig. So viel in Mitte hat lange schon geschlossen, aber der Bubble-Tea Laden ist immer noch da. Eine Schulklasse trinkt dort bunten Tee aus riesigen Plastikbecher. Die Jungen stecken sich die Perlen in die Nase. Die Mädchen kreischen.

Im Bioladen klärt eine Frau ihre Beziehung vor der Stiege mit Süßkartoffeln. Sie sagt: „Verkauf mich nicht für dumm!“ Sie würgt eine Kartoffel und gleich darauf packt sie den Lauch und schreit: „Das mit deiner Mutter werde ich dir nie verzeihen.“ Man kann den Lauch weinen hören. Ich gehe ohne Süßkartoffeln aus dem Bioladen.

Auf einer Bank gesessen.

Einen Apfel gegessen. Apfelschorle getrunken.

Ich bin jetzt Verkaufsberaterin sagt eine Frau zu ihrer Freundin.

„Wo?“, fragt die Freundin.

„Bei Primark“, sagt sie.

Ihre Freundin schnaubt. „Da kaufen doch nur Assis ein.“

Alle Frauen in Berlin-Mitte sind so schön.

Ich seufze und nehme meine Tasche.

Mein Vater ruft an. Er hat den Kashmirpullover der lieben C. zu heiß gewaschen. Verzweiflung. Er übt Gesprächsanfänge: „Oh Du Tausendschöne, kein Pullover reicht an Deine Augen.“

Lieber nicht, sage ich.

„Sagst du es ihr?“

„Ja“, sage ich.

„Süße, mein Vater hat deinen Kashmirpullover zu heiß gewaschen.“

Die liebe C. lacht.

„Ich weiß, dein Vater ist wie ein zahnschmerzgeplagter Bär umher geschlichen.“

Niemand lacht so wie die liebe C.

Ein Lachen für die Dunkelheit.

In der S-Bahn weiter in David Sedaris Tagebüchern gelesen. Auf der Rückseite, loben die Kritiker den Humor und die Ironie.

Im Buch wird auf jeder zweiten Seite, eine Frau erschlagen, bedroht, vergewaltigt, gedemütigt, bestohlen. Nicht von Sedaris selbst, sondern in dem Leben, dessen Teil er ist. Schwer ist es das zu lesen. Eine gewaltige Welle aus Tätlichkeiten, Seite für Seite. Bedrückend und bleischwer fällt das Buch zurück in die Tasche.

Ein Mann starrt mich an, als ich ihn bitte seinen Rucksack vom Sitz zu nehmen, damit ich sitzen kann. Er seufzt über mein Anliegen, als müsse er einen Stein einen Berg hinaufwälzen. Eine ältere Dame sagt zu mir: Dass Sie sich das trauen!

So habe ich das noch nie gesehen.

Endlich zurück im Wald.

Erdbeeren kaufen, aber nicht aus einem Erdbeerhäuschen. Das Wort schon ist mir unbehaglich. Die Verniedlichung von Landwirtschaft ist mir immer seltsam gewesen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Garten auch Erdbeeren ziehe. Ob für mich oder die Schnecken ist weiter fraglich.

Barfuß über die Dielen.

Eine Dreiviertelstunde Klavier.

Mehr Arbeit.

Wasser der alten Freundin Wildtaube gereicht.

Das Fenster weit aufgemacht, um der Geigenschülerin der Nachbarin zuzuhören.

César Franck.

Zwei Postkarten geschrieben.

Einen Vortrag gelesen.

Ein Fenster geputzt.

Auf dem Fensterbrett sitzt die Müdigkeit und schaukelt mit den Beinen.

Ein Fuchs auf der Straße.

Eine durchgebrannte Glühbirne.

Auf meinem Zeigefinger: ein Marienkäfer.

Unschicklichkeiten am offenen Fenster.

Am Morgen aber beginnt es zu schneien. Ich seufze. Der Tierarzt seufzt. „Woran liegt es Mädchen?“, fragt der Tierarzt. „Haben die Sterne gestritten, zanken wieder Sonne und Mond oder hat der Mars hartnäckigen Husten?“ „Es liegt an einem spöttischen Tierarzt, sage ich, der ein Mädchen ob ihrer kosmologischen Betrachtungen verlacht.“ Der Tierarzt kichert. Der Tierarzt kichert unverschämt mädchenhaft. „Niesprimel“, sage ich und der Tierarzt lacht bis ihm die Tränen laufen. „Oh holy moly German!“

„Die alte Freundin Wildtaube mag den Schnee auch nicht“, murmele ich und schütte Sonnenblumenkerne und natürlich Rosinen auf die weiße Untertasse mit Goldrand, aber einem Sprung an der Seite von der die alte Freundin Wildtaube seit Jahr und Tag ihr Frühstück einnimmt. „Ich schäme mich immer ein bisschen, sage ich zum Tierarzt herüber, der gähnt und sich in meinen Morgenmantel wickelt, ihr die angeschlagene Untertasse anzureichen.“ Der Tierarzt zieht eine Augenbraue hoch: „Mädchen, diese Taube ist das verwöhnteste Tier jenseits des Nils.“ Tierarzt sage ich, dass verwöhnteste Tier auf diesem Erdenrund ist niemand anders als Kälbchen.“ Der Tierarzt schäumt sich das Gesicht ein. „Mädchen, darf ich Dich erinnern, dass Du erst vorletzte Woche Kälbchen Apfelstücke verweigert hast? Aus erzieherischen Maßnahmen?
„Tierarzt sage ich und schraube das Rosinenglas auf: „Wenn ich Dich erinnern darf, Kälbchen stand mit dem ganzen Gewicht seines rechten Beines auf meinem Fuß.“ „Glaubst Du wirklich er sollte dafür Äpfel bekommen?“ Der Tierarzt greift nach dem Rasiermesser. „Auf jeden Fall hättest Du Kälbchen nicht mit dem Internat für schwer erziehbare Paarhufer unter der Leitung von Oberin Schaf drohen sollen.“ Ich verrate dem Tierarzt nicht, dass die Nummer von Oberin Schaf sehr weit oben in meinem Notizbuch, denn es wäre doch wirklich schrecklich, nähme die Wange des Tierarztes über dem Waschbecken Schaden.
Also setze ich Teewasser auf und stelle die Untertasse auf das Fensterbrett. Die Untertasse stelle ich so auf das Fensterbrett, dass meine alte Freundin die Wildtaube den Sprung am Rand nicht sieht. Die Wildtaube wohnt in den dichten Tannenzweigen, aber es dauert nur so lange, bis der Tierarzt sich das Gesicht abgetrocknet hat, bis sie erst zwei Äste nach oben hüpft, um dann langsam auf die Fensterbank zu segeln.

„Morgen schönes Mädchen“, sagte ich. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise und lockend. Der Tierrazt kichert. „Dieser alberne Herr, der sich in der Gegenwart von Damen nicht schämt nicht einmal ein Hemd zu tragen, ist der Tierarzt, alte Freundin Wildtaube. Die Taube legt den Kopf ein wenig zur Seite und dann sieht sie mich ernsthaft an: „Männerbesuch noch vor dem Frühstück, seriously?“ Aber der Tierarzt schaltet sein 1000 Volt Lächeln, jenes Lächeln von dem die Hühner und die Damen zwischen Dublin und Dingle wachsweiche Knie bekommen an. Ich halte den Atem an, aber auf die alte Freundin Wildtaube ist Verlass. Sie legt den Kopf auf die andere Seite und gurrt etwas von „Eitler Geck.“ Dann pickt sie eine Rosine auf. Der Tierarzt starrt mich verwundert an. „Berliner Mädchen“, sage ich, „sind eine andere Liga.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Good grief, stubborn Berlin girls.“
Meine alte Freundin Wildtaube und ich zwinkern uns zu. Wir kennen das Leben. Die alte Freundin Wildtaube nämlich hat mich schon Rosinen mit gebrochenem Herzen auf den alten Teller legen sehen und ich habe den Uhu nie gemocht, der ihr nachstellte jahrelang, bis der Specht schließlich mit einem Herzanhänger aus Holz unter die Tannenschonung schlich.
Der Tierarzt cremt sich die Wangen, ich putze mir die Zähne und die alte Freundin Wildtaube frühstückt so vor sich hin.

Ehe ich mich aber versehe, hat der Tierarzt den Teller mit den Körnern und dem misslichen Sprung in Richtung der guten Taube gedreht. „Von wegen Freundin, sagt er zur Wildtaube, dieses Fräulein dort mit den Shetlandponyhaaren, gibt dir nur das schlechte Geschirr. Das ist als würde man Besuch in der Dienerloge abfertigen, als stünde man den armen Verwandten zwar auch ein Stück Kuchen zu, aber nur an jenem Tisch, der drei Beine hat.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber und ist da nicht auch erstes Misstrauen gegen mich in den Augen der teuren Freundin zu lesen. „Glaub ihm kein Wort“, rufe ich mit im wahrsten Sinne Schaum vor dem Mund zu ihr herüber. Aber die alte Freundin Wildtaube ahnt schon, dass der angeschlagene Teller und die Worte des Tierarztes miteinander zu Tun haben. Die alte Freundin Wildtaube fliegt seufzend davon. Der Tierarzt keckert, ich speie Schaum.

„What an evil ass you are“, fauche ich zum Tierarzt herüber, der kichert als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen. Aber meine Flüche machen den Tierarzt noch viel fröhlicher, ganz wie der Teekessel gluckst auch der Tierarzt und kann sich nicht einkriegen vor Lachen über den gelungenen Streich. Ich aber bin ernstlich betrübt, denn ich hänge an der Freundschaft zur guten Taube, die seit so vielen Jahren schon ihre Aufwartung auf meinem Fensterbrett macht. „Was ist wenn sie nun nie wiederkommt“, zische ich zum Tierarzt herüber, der den Bademantel von den Schultern fallen lässt. „Ich möchte Dich außerdem daran erinnern, dass die Nachbarn zwar alt, aber nicht blind sind und Du splitterfasernackt.“ Ich habe hier auch einen Ruf zu verteidigen.“
Der Tierarzt läuft blau an vor Lachen. „Du hast selbst gesagt, Berliner Damen wollen wissen, was sie kaufen und fallen nicht auf den erstbesten Parvenu herein.“ Immerhin greift der Tierarzt nach einer Socke. „Ich aber sehe betrübt aus dem Fenster, die Tannenzweige sind dicht vor den Schnee gezogen.“

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, keine Taube der Welt ist so verwegen einen goldenen Frühstücksteller auszuschlagen.“ Dann lässt der Tierarzt den Socken fallen und winkt der Nachbarin zu. Die Nachbarin läuft rot an und winkt zurück. „Die Frau ist 93 und feiert nächste Woche goldenen Hochzeit“, knurre ich. „Wie kann man nur ein so eitler, überkandidelter goldener Gockel sein, wie Du?“ Der Tierarzt heult auf vor Lachen: „Überkandidelter, goldener Gockel?“ Oh Mädchen, German is like heaven!“

Ich aber schwöre mir, dass ich mich bei nächster Gelegenheit bei der Oberin Schaf der gestrengen Leiterin des Internats für schwer erziehbare Paarhufer erkundigen will, ob sie in Ausnahmefällen auch Zweibeiner in ihr Institut auf nehmen.

Eisläufer viele Jahre nach Pieter Breughel

Ein sonniger Nachmittag ist es, trotz der klirrenden Kälte und der Mantel ist wattiert und dunkelblau und der Schal ist lila und ich kann ihn mir zweimal um den Hals wickeln und dann stehe ich am See, in dem ich das ganze Jahr schwimme. Aber jetzt ziehe ich die dicken gefütterten Stiefel nicht aus, sondern stehe am Rand des Wassers und da ist das Eis. Ein sonniger Freitagnachmittag ist es und dann ist mir als kippt die Welt ein bisschen und es ist nicht mehr 2018, sondern ich stehe an einem anderen Ufer, in einem anderen Land und neben mir sitzt der Maler Pieter Breughel und er sieht auf das Eis des Weilers Sint-Anna-Pede bei Bruxelles. Das Bild, dieses Jahres 1565 aber ist das Spiegelbild zum sonnigen Nachmittag am Rand von Berlin so viele Jahrhunderte später.

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Wirklich aber sind sie alle noch da, die Menschen seiner Bilder, sie gleiten über das Eis, sie tragenähnliche Mützen, sie lachen und jauchzen, sie rufen: „Vorsicht“, Obacht oder auch „Autsch“, ganz wie die Menschen die 1565 mit einer falschen Drehung auf dem Eis landeten und sich den Steiß rieben. Schon aber kommt ein anderer und zieht den Freund wieder hoch. Damals wie heute haben die Kinder rote Wangen-

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Ein Vater hat sich ein Seil um den Bauch gebunden und am Seil entlang zieht er das Kind über das Eis. Eine Mutter richtet ein schluchzendes Kind wieder auf, vielleicht kam ein Zweig zwischen die Kufen und schon schlug es hin. Zum Glück gibt es auch 2018 noch immer offene Arme. Ein Liebespaar hält sich bei den Händen und vielleicht sind sie  gerade erst vierzehn Tage zusammen und teilen sich später andächtig Kakao. Jetzt aber hält sie seine Hände, denn es ist klar, er holpert auf den Kufen während sie ganz andächtig, federleicht und schwungvoll über das Eis fährt, aber ihre Hände sind warm, denke ich mir und er lächelt mit roter Nasenspitze, der Frau zu, über die er jetzt schon mehr weiß, als er dachte und schon gleiten sie vorüber. Ihr roter Schal leuchtet noch lange und dann fahren zwei Mädchen vorüber mit schwarzen Ohrenschützern aus Plüsch und Glitzerjacken und eines der Mädchen hat eine Tasche mit Katzenohren. Selbst die Eishockeyjungs sind sehr beeindruckt. Einer von ihnen, fährt plötzlich ruckwärts, einen eleganten Bogen schlägt er, das sollen natürlich die Mädchen bemerken, aber schon stolpert er, schlittert auf dem Eis entlang, die Mädchen kichern, die Freunde grölen, er ist hochrot und ruft: „Na nun macht doch mal Tempo“ und schon ist der Puck wieder auf dem Eis und die Mädchen drehen sich doch noch einmal um.

Eine Mutter hat einen grünen Kinderwagen, ein Sportwagen und den Kinderwagen und sie trägt einen eleganten blauen Mantel. Vielleicht Jil Sander oder so und ihre Schlittschuhe erinnern eher an Anna Karenina, mit langen ausgreifenden Bewegungen aber schiebt sie das Kind über das Eis, schneller ist sie, selbst als die großen Männer, die doch mit Kraft über das Eis fahren, alle hängt sie ab, schon ist sie hinter einer Kurve gefunden, aus meinen Augenwinkeln fährt sie genau so schnell wie die Dame auf Pieter Breughels Bild. Neidisch sehen ihr diejenigen hinterher, die Kinder und Proviant auf Schlitten über das Eis ziehen, mühsam ist da, im Eis sind schon tiefe Rillen und die Kinder wollen natürlich kein Käsebrot sondern Kuchen. Ein anderer Mann älter schon ruft: „Hannelore!, Dir ist doch ganz kalt, sie stehen unter zwei Bäumen und haben keine Schlittschuhe dafür aber Schneeeisen unter die Füße geschnallt, aber jetzt gibt es Tee mit Schuss, der Mann holt nämlich einen kleinen silbernen Flachmann hervor und ruft: „Hannelore Du wirst gleich sehen!“ Hannelore pustet über den Tee und wärmt sich die Hände. Ihr Mann genehmigt sich noch einen Schluck. Diesmal ohne Tee.

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Ein Hund läuft auf das Eis, kläglich versagen seine Pfoten und verdattert schlittert er einem Kind hinterher, welches doch auch so gerne mit den Großen Eishockey spielen möchte, aber die Großen wollen nicht und so kickt es den Puck zum Hund, aber dem Hund ist das Eis unheimlich, er jault, bemauzt über die kalten Pfoten, aber zurück kommt er auch nicht und schließlich schleppt sein Herrchen ihn vom Eis. Mit finsterer Miene sitzt der Hund schließlich am Ufer. Auf einer Bank sitzen  zwei Jungs mit Musik, sie sind zu cool für das Eis und vielleicht können sie auch nicht Schlittschuh laufen und so sitzen sie ähnlich bedropst wie der Hund am Ufer, immerhin im Sonnenschein. Eine andere Gruppe hat keine Hockeyschläger, aber schon gibt es Holzstöcker und wieder nickt Pieter Breughel mir zu. Ich aber wandere weiter, am anderen Ufer ist es still, denn hier planschen die Enten und das Eis ist dünn und brüchig, der See ist nicht ganz zugefroren und immer wieder gleiten die Menschen auf dem Eis gefährlich nah an die Bruchkanten heran.

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Immer habe ich mir den Styx, der in die Unterwelt führt und auf dem Charon rudert so vorgestellt, als teilte jener Fluss, in die Welt mit festem Grund und jenen Teil ohne Boden und so gluckert das Wasser und in der Luft liegt das Geräusch der Kufen, die in weiten Bögen über das Eis gleiten. Vielleicht aber ist es auch der Nöck, der hämisch lachend mit den Fingerknöcheln gegen das Eis klappert, denn der Nöck sieht es nicht gern steigt man ihm zu sehr auf die Zehen und nicht zum ersten Mal hat der Nöck mit kalten Händen einen Hund, ein Kind oder einen Mann tief unter das -Eis gezogen. Aber dann erreiche ich nach einer dreiviertel Stunde wieder das Ufer an dem Pieter Breughel sitzen könnte, um die lachenden, verschwitzten, kreischenden Kinder, Eltern, Tanten und auch die ältere Damen einzufangen, die wagemutig wie vielleicht keiner mit zwei Krücken und Schlittschuhen auf das Eis geht und erst trippelnd, dann aber sicherer werdend davongleitet, ein Schwan unter vielen, zwei Männer haben Drachen aufgespannt, die sie über das Eis ziehen, dicht heran an das dunkel-dräuende Wasser. Noch einmal Glück gehabt und am Ufer sehe ich noch einmal Anna Karenina im blauen Mantel, die Sonne lacht golden und ein Mann vor mir da bin ich mir sicher, packt gerade sein Skizzenbuch ein, zwinkert mir zu. „Au Revoir Mademoiselle“ und in vielen Jahren wird in einem großen Museum ein Bild enthüllt. Ein später Pieter Breughel wird es dann heißen und die Szene ist diesmal der Schlachtensee am Rande der großen Stadt Berlin.

Ein fehlendes Bett

Immer ist die Müdigkeit schon da, wartet auf mich und in der S-Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt Berlin, da legt die Müdigkeit ihre Arme um mich. Die Müdigkeit ist ein Schal aus undurchdringlicher Wolle. Auf dem Bahnsteig gefriert der Atem, die Männer trinken Bier, die Frauen trinken aus kleinen Flaschen mit grünem Verschluss. Die Frauen und Männer sind nicht müde, sie wollen etwas erleben, die Nacht fängt doch gerade erst, halb eins ist, die Müdigkeit drückt sich mir in die Rippen. Auf der anderen Seite, mir gegenüber sitzt eine Frau. Älter schon, vielleicht Ende Fünfzig, neben ihr steht ein Paar roter Lackschuh. Billige Schuhe, das sieht man auch von weitem, der rote Bezug hat Risse, die Hacken sind abgetreten, die Riemen mit Tesa-Film geflickt. Es ist zu kalt für rote Schuhe, denke ich mir und wieder steigen Leute aus. Die Frau hat dunkelrot gefärbtes Haar, aber das stimmt nicht, die Frau hatte einmal dunkelrotes Haar, die Farbe ist lange schon herausgewachsen, nur ein paar Strähnen sind noch dunkelrot. Die Frau trägt einen Mantel, aber den zieht sie aus, sie trägt eine Strickjacke aus Wolle, die vielleicht einmal weiß war, vor ein paar Jahren in einem anderen Leben, jetzt ist die Strickjacke fleckig und grau. Die Frau seufzt, die S-Bahn fährt durch die Nacht, die Frau massiert sich ihre Zehen, vorsichtig reibt sie sich über die Ballen, vielleicht ist das Paar Socken an den Füßen das letzte Paar Socken, welches sie hat, dann kramt sie in einer Tasche, eine kleine Reisetasche, nicht viel größer als eine Tasche in die man Schuhe, ein Handtuch und ein neues T-Shirt wirft, geht man zum Sport.

Aber die Frau mir gegenüber, hat nur noch diese Tasche und vielleicht irgendwo noch einen Koffer. Sie zieht sich ein Paar Schlafanzughosen über die Leggins. Die Frau trägt ein Kleid unter dem Mantel und jetzt trägt sie Schlafanzughosen über den Leggins. Kleine Bären mit einem roten Herz sind dort draufgedruckt und der Bär hat ein Pflaster über dem Ohr. Dann wühlt die Frau noch einmal in ihrer Tasche und zieht ein paar Bettpuschen hervor, auch sie waren einmal rosa oder pink, jetzt sind sie grau und dann legt die Frau sich über die Sitze, streckt sich aus, schüttelt den Mantel auf, als sei er ein Deckbett, schüttelt ihn auf so gut sie kann, sie langt nach einem Pullover in ihrer Tasche, faltet ihn in ein Quadrat, jetzt ist er kein Pullover mehr, sondern ein Kissen,sie murmelt etwas, was ich nicht hören kann: „Lieber G*tt mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, sagten die Kinder, mit gefalteten Händen, vielleicht erinnert sie sich daran noch, das weiß ich nicht, meine Großmutter legte mir die Hand auf die Stirn als ich ein Kind war, ich fürchtete mich vor Frau Holle, die im Himmel, die Kissenbezüge aufschüttelte, deren Bettdecken so schwer waren, dass es schneite, klopfte sie nur heftig genug. Selbst der Mond mein alter Freund, fürchtete sich vor Frau Holle und dem Zorn ihrer Nächte.

Es ist kalt draußen, das Thermometer, auf dem Balkon, das sehe ich nach, später Zu Hause auf dem Balkon, es zeigt minus 8 Grad, aber vielleicht sagt die Frau auch jemanden Gute Nacht, den es nicht mehr gibt, oder nur noch in Gedanken, dann schläft sie ein und die S-Bahn fährt durch die Nacht und ich sehe nur noch ihre Beine, die über dem Sitz hängen, die Beine in den Schlafanzughosen mit den Bären und den Herzen.

Sie schläft, unter dem Mantel, der keine Decke ist, auf zwei Sitzen, die kein Bett sind, in einer S-Bahn, die eine Endstation hat und ich weiß nicht, ob die Frau dann aufwacht, ob ein Bahnmitarbeiter kontrolliert, ob alle Fahrgäste ausgestiegen sind, ob sie auf einen anderen Zug wartet, in dem sie sich wieder ein Bett macht, ob Betrunkene sie anrempeln, ob eine Hand nach ihrer Tasche greift, und dann sehe ich noch einmal auf ihre Schuhe, rote Lackschuhe aus Plastik oder so, keine Schuhe für eine kalte Nacht. Ich lege sieben Euro in ihre Tasche, ich weiß nicht, ob sieben Euro einem helfen in der Nacht, lege das Geld ganz vorsichtig in die Tasche.Schlafende soll man nicht stören, aber ich bin beschämt, Frau Holle aber lässt keine Daunen vom Himmel fallen, der kleine Häwelmann steht nicht mit seinem Bett am Bahnhof, da wie man sich bettet so liegt man, ist ein deutsches Sprichwort, es verheißt nichts Gutes.

Die S-Bahn hält an, ich steige aus, die Frau schläft, es ist dunkel, hier leuchtet die Stadt nicht, die Häuser sind dunkel, auf meinem Bett liegt eine dunkle Decke, es ist kalt und ich kann nicht schlafen, die Müdigkeit ist ein graues Tuch. 52.000 Menschen habe ich neulich gelesen, leben in Deutschland auf der Straße, eine Frau liegt in der S7 und schläft, für zwanzig Minuten vielleicht, ich sehe auf den Wecker, viertel nach eins, zeigt die Uhr, ich sehe die Frau und die Nacht ist dunkel und kalt.Die Frau hat kein Bett.

Wie ich einmal einen Dieb in Ausbildung traf, der F. sein Rad trotzdem behielt und ich einen vergnüglichen Abend in der Philharmonie verlebte

Eigentlich bin ich mit meinem Vater vor der Berliner Philharmonie verabredet, uneigentlich eile ich so schnell ich kann zu einer großen Berliner Klinik, dort steht das Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten unter einer Müllplane verborgen, denn F. der ehemalige geschätzte Gefährte hat Schloss und Schlüssel verkramt, so dass ich herbeieile, sein Rad vor herannahenden Dieben zu schützen. Während ich also eile, fauche und fluche ich in das arme Ohr meines Vaters, der geduldig zuhört wie ich erst über Clara Schumann, dann über den ehemaligen, geschätzten Gefährten und schließlich über die Männer im Allgemeinen klage. Mein Vater leiderprobt genug, sagt immer nur dann und wann: Hmm, SoSo, Jaja und sichert mir zu, ich solle mich bloß nicht hetzen, er wartete geduldig, wenn auch ungeduldig weiter meinen Ausführungen zu Clara und Robert Schumann zu lauschen. Dann rauscht der Verkehr, der strenge Berliner Wind und ich sage: „Bis gleich“, ziehe mir den Schal höher, stolpere über einen abgestellten Karton ( wieso steht da ein Karton?) der Müllplane entgegen unter der nach Angaben des F. sein Rad auf Schloss und Schlüssel wartet.

Ich stapfe durch den Klinikpark, es ist dunkel, neblig, ich fluche und knurre, eine Katze mit glühenden Augen hockt auf einem Papierkorb und wäre ich nicht so eilig, ich gruselte mich bestimmt, aber so renne ich auf die Plane zu und als ich die Müllplane endlich sehe, steht dort ein Mann. Ich halte den Mann für den Kollegen B. „Holla B. rufe ich, hat der F. Dich zum Wachschutz seines Rades verdonnert?“
Der Mann, der sich umdreht, ist nicht der B.
Der Mann, der sich umdreht, macht sich am Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten zu schaffen.
Ich rufe also: „Hey Sie, was machen Sie da am Fahrrad?“
Der Mann starrt mich an und erhebt eine ebenfalls zum Fahrrad gehörende Luftpumpe und bedeutet mir ich möge ihn nicht unterbrechen.
Ich denke für zwanzig Sekunden an Karachi und denke, Read On, Du hast doch nicht in Delhi, Lahore und Karachi den Kopf hingehalten, um dich vor einem Mann mit Luftpumpe zu fürchten und sage: „Seien Sie nicht albern und nehmen Sie die Luftpumpe herunter und verschwinden Sie vom Fahrrad.“
Der Mann nimmt die Luftpumpe herunter und ich trete näher an die Müllplane heran und sehe, dass der Mann noch ein anderes Fahrrad am Wickel hat.

Neben sich herum liegt lauter Werkzeug mit dem sich offenbar Fahrradschlösser knacken lassen sollen. Ich sage, „dass kann doch nicht ihr Ernst sein, dass Sie ihr Fahrräder knacken, das ist doch völliger Wahnsinn, das Rad hier gehört der Oberschwester, die brät sie bei lebendigen Leib und hören Sie mal haben Sie noch alle Tassen im Schrank, das macht man doch nicht, man klaut keine fremden Fahrräder und schon gar nicht macht man Räder kaputt. Das ist wirklich das Letzte vom Letzten, das Allerletzte.“
Der Mann starrt mich noch immer an und sagt: „Schickt dich Cheffe, ey?

Ich sage: „Was reden Sie da, ich habe eine Chefin und die ist die beste der Welt.“
Der Mann fängt an zu schmimpfen: „Allet scheiße, ey, dit Werkezug, dit haut allet nicht hin ey, und jetzt schickt der mir die Olle auf nen Hals.“

Ich sage: „Sie sind hier wohl in einer Maßnahme für Möchtegernverbrecher, oder was? Das ist doch alles nicht zu glauben“ und da ich gerade und ich kann es jedem nur raten, denn ich bin schon so anstrengend genug, aber wenn ich meine pädagogisch- belehrende Art herauskehre ist es für niemanden schön, fahre ich fort und sage, „sofort geben Sie mir das Werkzeug nd ich muss mich unendlich zusammennehmen, aber auch meine pädagogische Art hat ihre Grenzen, dem Mann nicht zu zeigen, wie man Werkzeug benutzt, aufräumt und transportiert und vor allem, dass ein 15er Skalpell sich am besten eignet um Schlösser zu öffnen.

Der Mann baldowert weiter in einer ziemlich weinerlichen Art, von Missverständnissen, Kumpels, die gleich kämen und dann würde ich aber sehen, wieder schwenkt er F.’s Luftpumpe und bedauert sich, während er über meine Anwesenheit schimpft, „die allet, aber wirklich allet verdürbe.“ Aber ich bin ja eilig, wütend, und habe kalte Füße und sage: „So wie das hier aussieht, rate ich Ihnen sich dringend ein neues Betätigungsfeld zu suchen, denn wo immer Ihre Begabungen liegen im naturwissenschaftlich-technischen Feld liegen sie es nicht.“ Der Mann schüttelt denn Kopf und blökt: „Sie sind echt übel.“Dann stülpt er sich seine Kapuze über, schnappt einen Rucksack, ich sage die „Luftpumpe, aber sofort“, die Luftpumpe fällt klappernd auf den Boden und dann rennt der Fahrraddieb in Ausbildung davon als seien der Polizisten sieben hinter ihm her.Ich rufe den F. an, der F. eilt herbei und hinter ihm eilt der Hausmeister hinterher.

„Ick globe ick bin besoffen“, sagt der Hausmeister, der F. feiert Wiedersehen mit seinem Fahrrad, ich sage: „Der Fachkräftemangel in Deutschland ist noch schlimmer als befürchtet, selbst die Diebe taugen nichts mehr.“ Der Hausmeister bescheinigt mir, dass ich bestimmt einen Clown gefrühstückt hätte, der F. erklärt mir was alles hätte passieren können, aber ich muss nun wirklich weiter, denn mein Vater wartet ja noch immer in der Philharmonie.

Endlich sehe ich ihn und mein Vater winkt: „Kind, sagt er bei jedem anderen hätte ich geglaubt, er sei überfallen worden“, dann nehmen wir unsere Plätze ein, ich sage: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Mein Vater sagt: Clara und ich führe die komplizierten Verhältnisse zwischen Clara, Robert und Claras Vater aus und mein Vater schüttelt den Kopf: „Dass es wirklich Väter gibt, die glauben Ihre Töchter ließen sich von etwas abhalten!“ Dann kichert mein Vater und ich lache mit, so sehr, dass die beiden Herren, die sich hinter uns über Karajan streiten sich räuspern und wir betreten zu Boden blicken. Aber dann spielt Daniil Trifonov Schumanns Klavierkonzert in A-Moll, op. 54 und ich denke daran, wie meine Großmutter mir erzählte, dass Clara und Robert an unterschiedlichen Orten, des Nachts in Leipzig die Fenster öffneten und für den anderen spielten und spielten und der Nacht die Stunden raubten, ganz ohne Dietrich, Schraubenzieher und das berühmte 15er Skalpell.

Die Sache mit den Elektrofahrrädern, dem Nachbarn zur Linken und meinem Gartenzaun.

Etwas wehmütig stehe ich auf der Straße und winke meiner lieben C. hinterher, denn die liebe C. sehe ich immer lieber kommen und gehen, aber schon holpert das Oldsmobile um die Ecke und ich ziehe seufzend die Schultern hoch: es ist mürrisch grau und kalt auch im südlichen Vorort der großen Stadt Berlin. Als ich mich aber umdrehe kommt der Nachbar zur Linken an den Gartenzaun: FRÄULEIN READ ON, ruft er ES TUT MIR JA SO LEID!“ Ich sehe etwas verwundert zu ihm herüber und sage: Oh! Aber der Nachbar zur Linken humpelt an zwei Krücken herbei und sagt: Fräulein Read On, es ist unverzeihlich. „Nachbar zur Linken“ sage ich, „haben Sie meine alte Freundin die Wildtaube gefangen und an Papageno verkauft?“ Der Nachbar zur Linken sagt: „Fräulein Read On, gleich werden Sie nicht mehr scherzen.“ „Mag sein, Nachbar zur Linken erwidere ich, aber warum kommen Sie nicht mir rauf auf einen Tee, Kuchen gibt es auch und ich mache eine kleine Kunstpause: „und auch Pralinen.“ Der Nachbar zur Linken nickt und murmelt finster: „ Wahrscheinlich ist es das letzte Mal, das wir so beieinander sitzen, Fräulein Read On.“ Das Teewasser kocht und ich lege dem Nachbarn zur Linken ein gewaltiges Stück Apfelkuchen auf den Teller und der Nachbar zur Linken erzählt:

„Der Herr Sohn bemüht sich ohnehin nur Weihnachten nach Berlin, denn schon lange sind die alten Eltern ihm lästig und kommt er so hat Herr Sohn Ratschläge im Gepäck. Sie wissen schon: Weniger Cholesterin, mehr Hühnerfleisch, Solarpaneele, die alten Biberschwänze des Hausdaches abklopfen, die Sauna aus dem 72er Jahr herausbrechen, den Garten asphaltieren, den alten Mercedes gegen ein Hybridwunder eintauschen und neben den guten Ratschlägen verstauben die Wanderstöcke, die Neoprenanzüge zum Tauchen, die Wanderstiefel für das Hochgebirge und allerlei anderen Tand den der Herr Sohn so ins Haus schleppt, dabei hoffen die Eltern noch immer Jahr für Jahr, dass der Herr Sohn einmal länger bliebe als die 48 Stunden. In diesem Jahr aber fährt der Nachbar zur Linken fort, sei der Herr Sohn nur einen Tag geblieben, denn am 25. Dezember schon fuhr gegen die Mittagsstunde ein weißer Mercedes vor. Im weißen Mercedes saß eine blonde Frau, dass hat die Nachbarin zur Linken,die gerade den Weihnachtsbraten ins Rohr schob schon genau gesehen und die blonde Frau war nicht die Frau, die im vorigen Jahr den Herrn Sohn abholte. Die Frau aber die heuer im Auto saß, die stieg nicht aus, die hupte nur und der Herr Sohn schlüpfte in Mantel und Schuh, rief seinen Eltern: Bussi und Bye zu und schon war er aus der Tür. Die Nachbarn zur Linken jedenfalls sahen dem Sohn hinterher, wie ich meiner lieben C, im Oldsmobile, dann gingen sie zurück ins Haus und vom Braten aßen nur mehr der Nachbar zur Linken, seine Frau und die alte Katze. Aber am 24. sagt der Nachbar zur Linken und löffelt Zucker in den Tee da habe er sie in die Garage geführt und dort standen zwei Elektrofahrräder mit roter Schleife. Der Herr Sohn habe den Eltern die Vorzüge der Räder erklärt, nun könnten auch sie Tagestouren von 80 Kilometern machen, und überhaupt Fahrrad fahren wäre so gesund, so praktisch, so umweltfreundlich und und auch die Eltern dürften sich dieser neuen und ganz und gar elektrischen Zukunft auf keinen Fall länger verweigern. Dann schwang sich Herr Sohn selbst auf eines der nagelneuen Räder, preschte zischend davon und erst nach einer halben Stunde kehrte er mit roten Wangen zurück, die rote Schleife aber war wohl abgefallen. Der Herr Sohn also war zufrieden, den Eltern den Weg in die Zukunft geebnet zu haben und die Eltern lächelten, denn Eltern wollen ihre Kinder zufrieden sehen. Dann aber vergaßen die Eltern die Räder in der Garage, das neue Jahr kam und auch die Nachbarn zur Linken machten wie so viele Menschen eine Liste mit guten Vorsätzen. Auf der Liste stand: die Elektrofahrräder ausprobieren. Aber erst einmal kam die Schwester des Nachbarn zur Linken zu Besuch und die wollte die Attraktionen der großen Stadt Berlin im bequemen Mercedes erleben und nicht hoch zu Ross. Dann aber reiste die Schwester zurück an die schöne Mosel und am Freitag war es dann soweit, die Nachbarn zur Linken bestiegen die Elektroräder, die Räder brummten, die Straße des südlichen Vorortes ist leicht abschüssig, die Räder rasten schneller, der Nachbar zur Linken rief noch „Hilde, warte!“, aber Hilde raste schon schneller und schneller dahin, und auch der Nachbar zur Linken sah die Kurve der Straße auf sich zukommen und sein letzter Strohhalm Hoffnung war mein Gartenzaun und lenkte er das rasende und buckelnde Rad in den Zaun und der Zaun knirschte und ächzte, aber er hielt, den Nachbarn zur Linken aber katapultierte das Rad in den Zaun, unglücklich schlug er auf und verstauchte sich den Knöchel und auch seiner Frau erging es nicht besser, ein Strauch hielt sie zwar auf, doch auch sie kugelte auf den Gehweg und ist voller blauer Flecke. Die Elektroräder aber knurrten böse und unwillig, mühsam schleiften die Nachbarn zur Linken die Räder zurück in die Garage. Nie wieder schworen die Nachbarn zur Linken würden sie noch einmal auf diese Höllenrösser klettern und so stehen verbogen und verschrammt nun die Räder neben den Alpenstiefeln, den Wanderstöcken, den Tauchanzügen und all den anderen Dingen, die Herr Sohn einmal im Jahr nach Berlin mitbringt in der Garage.“

Der Nachbar zur Linken sagt: „Ihren Gartenzaun Fräulein Read On haben wir auf dem Gewissen.“

Papperlapapp sage ich, aber der Nachbar zur Linken sagt: „Sobald der Fuß besser ist, ja Fräulein Read On kümmere ich mich.

„Aber Nachbar zur Linken, sage ich, ich kann wirklich jemanden kommen lassen, der das repariert.“

Der Nachbar zur Linken aber schüttelt den Kopf: „Wissen Sie, nur wenn einen niemand mehr braucht, kommt man auf die Idee mit Rädern im Kreis herum zu fahren.“

Dann sehen wir beide aus dem Fenster in den grauen Himmel hinaus.

„Abgemacht“, sage ich zum Nachbarn zur Linken und der Nachbar zur Linken schlägt ein.

 

 

 

Berliner Geschichten

Der Morgen versteckt sich hinter einer Wand aus Regen. Meine alte Freundin die Wildtaube versteckt sich unter den dichten Tannenzweigen, da wohnt sie schon immer. Ich kann mich nicht erinnern, an ein davor, immer war da schon der Baum, die große Tanne und in der Tanne lebte die Wildtaube, mit der ich mich befreundete. Heute aber überlegt sie trotz meiner Frühstücksofferten, auf dem Balkon liegen Rosinen, aber es ist auch nass auf dem Balkon. Die alte Freundin Wildtaube kommt. Sie weiß schon, was die Nachbarn mit später erzählen. Die Wildschweine sind in den Nachbarsgarten eingebrochen, haben zwei Kirschbäume umgerissen, den Geräteschuppen in einen Bretterhaufen verwandelt, den Rasenmäher verstümmelt und dabei so sagt die Nachbarin noch hämisch gelacht. Die alte Freundin Wildtaube aber gurrt. Der Mann der Nachbarin, nämlich ist Hobbyjäger und der Hausflur ist voller Geweihe und vor dem Kamin liegt ein Wildschweinfell. Die Wildtaube und ich, wir wissen beide, irgendwann im Leben da muss man bezahlen, so oder anders oder mit einem Rasenmäher. Meinen Garten aber habe die Wildschweine ausgelassen. Ich sammle die letzten, schon matschig-braunen Quitten ein und an einem anderen Tag wäre ich wohl in die Pfützen gesprungen, aber heute kehre ich an den Schreibtisch zurück, meine Freundin die Wildtaube ist längst schon wieder unter die dichten Tannenzweige zurückgekehrt.

Der Tag läuft zwischen Schreibtisch und Klavier hin und her. Am Schreibtisch erinnere ich mich, am Klavier fallen die Erinnerungsstücke zwischen die schwarzen und weißen Tasten. Das Klavier weiß alles von mir und vergisst es sogleich wieder. Manchmal verwirre ich das Klavier und lege eine falsche Spur, lenke ab und lege Bach, Beethoven und Chopin zwischen die Tasten. Das Klavier ist älter als meine Erinnerungen und damals als ich es kaufte, da hatte es Jahre schon auf einem Speicher verbracht und davor sagte der Mann, der es mir verkaufte, sei es lange in einem Nachtclub gewesen. Das gefiel mir. Ein Klavier mit Vergangenheit und leider auch ziemlich viel Zigarettenasche im Inneren. Aber die Vergangenheit zählte mehr und das Klavier schwieg für ein Jahr, immer wieder wurde es gereinigt und gestimmt und irgendwann spielte es wieder. Das Klavier hatte lange überlegt und wer weiß schon, vielleicht war das letzte Lied im Nachtclub, der vielleicht zur „Einsamen Trompete“ hieß, auch: Man sagt einer Dame nicht beim ersten Mal komm mit…“

Am Abend aber fahre ich in die Stadt, denn ich wohne ja im Wald und in der Stadt da wohnt die L. Die L. will mich küssen und dann einen Fisch beim Griechen essen und das in genau dieser Reihenfolge. Soll sein, liebe L. sage ich, bringe ihr Blumen, die L. küsst mich und die Dorade hat kleine, spitze Zähne. Der Grieche heißt Alexandrou. Er seufzt und sagt: „Ach, die Damen.“ Das Lokal ist leer, bis auf vier betrunkene Frauen. Aber das kennt Alexandrou schon. „Das sind vier Witwen“ sagt er, „die haben keine Freude mehr, nur noch den Wein. „Wir trinken Wasser und Alexandrou sagt: „Die Miete ist erhöht worden. Aber die Leute wollen trotzdem einen Gyros-Teller für 5, 80 Euro.“ Er zuckt mit den Schultern. Wir sehen stumm auf den Tisch. Eine halbe Zitronenscheibe zwischen den Zähnen. Tomatenscheiben und Salatblätter unter dem Rücken und es ist als seufzte auch die Dorade über die Ungerechtigkeit des eigenen Endes und der ganzen Welt. „Ich bin ein einfacher Mann“, sagt Alexandrou. „Ich bin doch nur ein einfacher Mann.“ Was antwortet man. Bevor wir antworten müssen, rufen die vier Frauen nach einer neuen Flasche. Sie singen: Griechischer Wein.

„Erzähl mir von Dir“, sagt die L. Ich will sagen: „Ich fürchte mich vor allem.“ Ich sage: Es wird schon gehen.“ Ihre Hand liegt auf meiner und zum ersten Mal fällt mir auf, wie alt ihre Hände geworden sind. Ich wünschte, ihre Hände blieben bei mir. Die L. will mit mir über ihr Testament reden. Ich will mit ihr über das ewige Leben redne. Sie lacht und wir reden über ihre Reise nach Hamburg. Über Michel Houllebecq im Thalia Theater, die Akustik der Elbphilharmonie, wir wollen gerade über die D. sprechen, da stößt eine der betrunkenen Witwen gegen unseren Tisch auf dem Weg zur Toilette, die Dorade rutscht grinsend vom Salatbett herunter, die Wassergläser fliegen über den Tisch tropfen auf Kleider und Tisch. Die Witwe ist schon schwankend im Bad verschwunden. Alexandrou entschuldigt sich, wir zahlen und küssen uns noch einmal im Regen, ich winke ihrem Regenschirm. Sie ruft mir etwas hinterher. Ich werfe Küsse zurück.

An einer Straßenecke sehe ich einen Briefkasten. Neben dem Briefkasten steht ein Leierkastenmann. Ich habe seit Jahr und Tag keinen Leierkastenmann mehr gesehen, aber hier steht er mit grünem Filzhut und einem Äffchen neben sich auf dem Leierkasten. Er spielt „Veronika, der Lenz ist da.“ Ich werfe Münzen in den grünen Filzhut. „Wem darf ick denn danken?“,sagt er einer Dame oder nem Frollein?“ Frollein, bitte, sage ich und winke ihm zu. Als ich auf die U-Bahn warte da wühlt ein Mann sich durch die Mülleimer, schließlich zieht er einen verbeulten Regenschirm mit gebrochenen Speichen aus dem orangen Eimer. „Heute ist mein Glückstag“, sagt er und strahlt, ihm fehlen zwei Zähne und ein Schuh ist fast. aufgelöst. Pfeifend geht er davon, ich kenne das Lied nicht, dann kommt die Bahn. Zurück im Wald rauschen die Bäume, der Regen oder die Erinnerungen. Wer weiß das schon.