Katz und Maus

Die beste Chefin der Welt liegt mit Grippe im Bett und so ziehe ich mit einem Stapel an Aktenordnern in ihr Büro um und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und den unvermeidlichen irischen Wind. Sonst ist es still. Die meisten Fellows des Instituts trudeln erst im Lauf der Woche wieder ein und die Auszubildende ist mit messerscharfen Anweisungen versehen im Kopierraum und schreddert alte Akten. So vergeht der Vormittag, ich gähne ein bisschen und gerade als ich darüber nachdenke, ob ich nicht doch Teewasser aufsetzen sollte, da fährt ein markerschütternder Schrei durch das Institut. Ein Schrei wie aus Horrorfilmen, ein Schrei, der wie ein Fingernagel über eine Tafel kratzt, und ich fahre derart zusammen, dass mir der Ordner aus den Fingern gleitet. Ich denke: Das ist ein bewaffneter Raubüberfall, dann springe ich auf schnappe mir einen Regenschirm und mein Telefon und überlege mir in wie vielen Sprachen ich sagen kann: „Hier ist kein Geld zu holen und die Polizei ist schon informiert. Ich hetze die Treppe nach oben und auf einem Tisch an dem die Fellows sich sonst über Kaffee und Keksen ihr Leid klagen, da steht die Auszubildende und schreit als seien die sieben Höllenhunde selbst hinter ihr her. Mir fällt der Regenschirm aus der Hand, denn ich erwarte ja noch immer einen Überfall, aber der Überfall kommt nicht, nur die Auszubildende schreit nach Kräften.

Auszubildende rufe ich also so laut ich kann: „Warum stehen Sie auf dem Tisch und schreien um ihr Leben?“

Die Auszubildende kreischt noch einmal so laut sie kann, bevor sie schluchzend herausbringt: „Fräulein Read On, ich habe ein Monster mit roten Augen gesehen.“

Auszubildende sage ich, ich schwöre ich bin schrecklicher als jedes rotäugige Monster, bitte kommen Sie runter vom Tisch.“ ( Mich stören weniger Monster mit einer Bindehautentzündung als die Erinnerung daran, dass die Auszubildende an ihrem zweiten Arbeitstag mit einem Tritt zwei Akten von einem Regal holen sollte, sich dabei vertrat, fiel und sich vier Wochen lang weigerte, die Halskrause, die ihre Mutter von einer Esoterik-Expertin empfohlen bekam, wieder abzulegen.

Die Auszubildende schüttelt den Kopf: „Nie wieder werde ich den Tisch verlassen“, sagt sie und schüttelt in großer, dramatischer Geste den Kopf.“

„Haben Sie etwas aufgehört zu rauchen, Auszubildende?, frage ich sie.

„Ich hasse sie, kreischt die Auszubildende.“

Aber das weiß ich schon und endlich nimmt die Auszubildende meine Hand und steigt vom Tisch herunter. Sie schnieft noch immer.

„Wo Auszubildende haben Sie das Monster zuletzt gesehen?“

Die Auszubildende starrt mich an und zeigt mit bebendem Finger auf den Kopierraum. Da drin hat es auf mich gelauert, sagt sie und ich gehe einmal nachsehen. Im Kopierraum liegen viele vollständige Aktenordner, halbherzig geschredderte Akten und dann sehe ich es auch: eine Reihe von Papieren ist angenagt und neben dem Papierkorb liegt Mäusekot. Im Papierkorb raschelt es und verängstigt blickt eine Maus zu mir herüber. „Tach, Maus“, sage ich und dann etwas leiser: „Moment, bitte.“

„Auszubildende“ sage ich und setze mein vertrauensbildenstes Lächeln aus, warum erholen Sie sich von dem Schrecken nicht einfach vor der Tür?“ Die Auszubildende starrt mich an. Mit klappernden Zähnen sagt sie: „Sie haben das Monster gefunden?“ Das Monster sage ich, ist eine kleine, graue Maus. Die Auszubildende sieht mich an und rast aus der Tür.“

Als ich in den Kopierraum zurückkehre, ist die Maus nicht länger im Papierkorb. „Ach Maus, sage ich“, das ist hier doch kein Leben. Aber dann denke ich, die Maus hat natürlich Recht, ich würde nach einem solchen Vormittag auch nicht ohne Käse gehen, natürlich liegt im Kühlschrank Käse, all meinen ewigen Mahnungen zum Trotz den Kühlschrank vor Ferien leer zu räumen. Ich richte Käse an und irgendwann kommt die Maus. „So sage ich Maus, jetzt gilt es und sehe die Maus etwartungsvoll an. Die Maus grinst und ist verschwunden. Ich lege eine Käsespur in einen schwarzen Müllsack und denke an die faule Katze auf dem Fensterbrett, den nichtsnutzigen Hund und an das verzogene Kälbchen in den Flegeljahren will ich gar nicht erst denken. Der Tierarzt nämlich, der sich bekanntlich nicht einmal vor zahnwehkranken Krokodilen fürchtet, bekommt beim Anblick einer Maus, Schüttelfrost vor Grausen und kann somit auch keine Fernhilfe anbieten. Mein Wissen über Mäuse beschränkt sich auf ein Kinderbuch namens Stadtmaus und Landmaus und so hoffe ich auf den Käse und den schwarzen Müllsack. Nach einer halben Stunde geht der Plan auf, die Maus trippelt dem Käse entgegen. Der Müllsack schnappt zu, ich renne mit der zappelnden Maus im Müllsack die Treppe hinunter, da raucht die Auszubildende und erzählt einem wachsenden Zuhörerkreis von ihrer Begegnung mit dem rotäugigen Monster.

Die Auszubildende sieht mich, den zuckenden Beutel in der Hand, neues Gekreisch, als ich über den Universitätshof laufe, lächle ich so unschuldig wie möglich, aber tun das nicht auch Leute, die ihre Schwiegermutter heimtückisch im Garten vergraben? Unter einer großen Magnolie öffne ich den Müllsack, die Maus nuschelt: Verräter und ist schon verschwunden. Zurück im Institut sagt die Auszubildende: „Fräulein Read On, ich bin jetzt voll traumatisiert.“ Auszubildende sage ich und halte zwei Cracker-Packungen hoch. Die Cracker Packungen hatte die Auszubildende zwar mit ihrem Namen beschriftet, aber nicht in den Schrank gestellt, sondern offen stehen lassen. „Was sage ich immer? „Schlüssel, Licht, Alarmanlage?“, fragt die Auszubildende. „Das auch.“ KEINE LEBENSMITTEL HERUMSTEHEN LASSEN.

Die Auszubildende schnaubt wütend und murrt: „Dabei machen das alle, nur immer ich bekomme geschimpft, aber ich sage: „Schreddern jetzt.“ Die Auszubildende will noch einmal eine posttraumatische Belastungsstörung anführen, aber ich sage ganz leise und sehr langsam: „Auszubildende Sie können auch neben mir im Büro schreddern und sich höchstselbst davon überzeugen, dass auch meine Augen rot glühen können, wenn ich nur will.“ Die Auszubildende verlässt sehr schnell den Raum, Stille senkt sich über das Institut, und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und dem unvermeidlichen irischen Wind, von fern surrt der Schredder und als ich wieder aufsehe, lehnt der Tierarzt im Türrahmen.

„Mädchen, ist alles in Ordnung mit der Auszubildenden? Sie ist heute gar nicht sie selbst und huscht umher wie ein schüchternes Mäuschen.

„Wie ein Mäuschen?, du musst Dich irren lieber Tierarzt“, sage ich und im Spiegelbild der dunklen Fenster, sehe ich für einen Moment nicht mich, sondern sehr deutlich, dass Bild der Grinsekatze mit auffallend rötlichen Augen, aber dann hält der Tierarzt die Tierarzt die Tür für mich auf und rufe der Auszubildenden zu: „Sie können Schluss machen, für heute.“