Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

Zwei Kilometer sind es von unserem Hotel herüber bis nach Tatranské Matliare, jenem Ort in dem Franz Kafka zwischen 1920 und 1921 einige Monate verbrachte. Das Hotel in dem wir wohnen, stand damals schon. Sommerfrische. Es waren nervöse Jahre, der erste Weltkrieg war auch an der Hohen Tatra nicht einfach so vorbeigegangen. Viele der großzügigen Sanatorien und Hotels beherbergten nun Soldaten, die nichts mehr vom lässigen Hans Castorp hatten.Die Damen an der Rezeption winken uns hinterher: „Have a nice day.“ Der Tierarzt ruft: „We are looking for Franz Kafka.“ Die Damen nicken und winken noch einmal. „Have fun with your friend.“

Vor dem Hotel beginnen die Berge. Still ist es hier. Die Berge atmen leise. Ungewohnt ist das, denn das Meer vor unserer Haustür schweigt niemals. Aber hier in der Hohen Tatra schweigen die Berge. Wanderer kommen uns entgegen. Wanderer sind stille Menschen stellen wir fest. Sie teilen Wasserflaschen und Müsliriegel, sie nicken uns zu, wie nicken zurück. Sie gehen in Richtung eines Gipfels, wir gehen um die Ecke. Wiesen. Ein gluckernder Bach. Eine Handvoll Wasser für mich, eine Handvoll für den Tierarzt. Süß ist das Wasser. Vielleicht spricht das Gebirgswasser aus, was die Berge verschweigen. Ganz allein sind wir im Wald und auf den Wiesen. Auf einer Lichtung ein Denkmal. Matthias Loisch gründete hier eine Jagdhütte. 1884. Aber er lud nicht zur Jagd, sondern die Städter ein. Hinaus aus der Stadt. Aus der Hütte, wurden mehr Hütten. Schwedenbungalows würden wir heute sagen. Er baute eine Sauna und dann ein Hotel. Wo ein Hotel ist, haben auch zwei Hotels Platz. So entstand Tatranské Matliare, ein Ort wie man es sich vorstellt, war es nie. Eine Ansammlung von Hotels, die dann auch Sanatorium hießen. Ein Sanatorium war das Lungensanatorium von Dr Kral. Dorthin begab sich Franz Kafka. Da war der Erste Krieg schon über die Hohe Tatra gezogen. Aber auch dazu hatten die Berge geschwiegen. Gefallen hat es Franz Kafka nicht. Das wäre zu einfach gewesen. An Max Brod schrieb er: „Vorläufig stört mich noch alles, fast scheint mir manchmal, dass es das Leben ist, was mich stört, wie könnte mich denn sonst alles stören?“

Wenigstens gibt es keine Durchfahrtsstraße. Damals 1920 und 1921 als Kafka dort oben lebte, wo wir hinwandern an einem sonnigen Nachmittag, da sprach man Ungarisch, nicht Deutsch, nicht Tschechisch, nicht Slowakisch, sondern Ungarisch. Es waren die letzten europäischen Jahre. Damals konnte ein Budpester Zahnarzt mit einem deutschen Buch unter dem Arm spazieren gehen und eine tschechische Dame zum Tee einladen, oder das Buch Franz Kafka leihen. Krank vor Liebe zu Milena war Kafka in jenen Monaten. Man kann an der Liebe zu Grunde gehen, das war die Antwort und ein heftiger Husten kam dazu. Ein müdes Herz also, keine Milena mehr, dafür ein Tschechin, die auf Juden schimpfte, lange Briefe hinunter nach Prag, ein aufdringlicher Journalist, ein Kellner wie aus einer Thomas Mann Novelle und ein Zimmermädchen, aber ihr Name war nicht Milena.

Briefe und Einsamkeit. Keiner kam hinauf zu Franz Kafka. Milena wollte und sollte nicht, Ottla hatte ein kleines Kind auf dem Arm, die Eltern einen Laden und ich weiß nicht wo Max Brod war in jenen Monaten. Aber der Ort, das Sanatorium, die enge Welt mit europäischem Zungenschlag, die ist verschwunden, lange schon. Tatranské Matliare ist kein verfallenes Stück Zeit mehr. Bald kam der zweite Krieg, der deutsche Krieg, nach dem zweiten Weltkrieg war das Europa der Zahnärzte aus Budapest und der Schriftsteller aus Prag zu Ende. Das Militär kam in die Hohe Tatra hier sollten sich Offiziere erholen. Sperrgebiet. Abrissbirne. Kein Prager Frühling, kein Ungarisch mehr. Es ist nichts mehr übrig von Matthias Loisch und seinen Mitstreitern. S

päter dann baute die CSSR hier Hotels im guten sozialistischen Stil. Quadratisch und mehr Durchgang zum Speisesaal. Hutnik heißt das Hotel, vor dem wir stehen. Plötzlich im Wald. Palettentische auf der Terrasse. Zigarettenrauch. Die Zimmermädchen haben Langeweile. Graue Treppenstufen. Gelbe Wandfarbe, aber die Tristesse der langen und bleiernen Jahre, die atmet man ein, betritt man das Hotel. An der Wand noch immer Kunst der Werktätigen und eine Hausordnung die kein Ende nimmt. Wir bestellen Kaffee und wo anderswo Bücher über den Amazonas liegen, stapeln sich hier die Gästebücher. Der Tierarzt schließt die Augen. Der Kellner nimmt sich Zigaretten und setzt sich zu den Reinigunsgfrauen auf die Terrasse. Eine Frau steht am Fahrstuhl und sieht lange auf ihr Telefon. Ich blättere in den Gästebüchern. Dieter und Petra, Januar 1982 gefiel es sehr gut. Anne und Heiner, 1986 verbrachten schöne Tage im Bruderland, Herta und Wilfried kamen schon zum dritten Mal und fanden: „schöner als wie in der Schweiz.“ Druschba, druschba neben Kinderzeichnungen. Gedichte und kleine Bonmots. Die liebe C. war niemals in der Hohen Tatra, mein Vater ein Republikflüchtling, meine Großmutter hatte eine andere Landkarte vor Augen, aber hier in den Gästebüchern stehen die Geschichten derjenigen für die die DDR etwas ganz anderes war und die schöne Ferien verlebten und keine Bücher von Ivan Klima unter der Theke schmuggelten. Hier stehen ihre Geschichten und sind doch unerzählt. Nach 1993 brechen die Einträge weg. Die Ostbürger wollten in den Westen. Die Hohe Tatra war auf einmal das arme Osteuropa, keine Brüderschaft mehr, lieber vergessen, die Alpen sind die andere Richtung. Wir legen Münzen auf den Tisch. Der Kellner bleibt verschwunden.

 

Auf einer Wiese, abseits des Weges ein Stein für Franz Kafka. Man kann ihn leicht übersehen, die Straße nicht finden, die Wiese ganz anders überqueren, wir finden ihn doch. Liegen im Gras, keiner kommt, wir zählen Wolken und Geschichten, die erzählten und unerzählten, alle Geschichten sind unendlich. Bevor wir aufstehen, uns das Gras aus den Haaren klopfen, über den Stein streichen, uns vorstellen wie es hätte sein können, wie es wohl gewesen wäre, wenn, hole ich einen Zettel aus der Tasche und lese dem Tierarzt vor, was Franz Kafka schrieb an genau jenem Tag an dem er aus der Hohen Tatra zurückkehrte nach Prag:

„ Liebster Max, meine letzte Bitte, alles was sich in meinem Nachlass ( also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause oder im Bureau, oder wohin sonst irgendwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt.) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen usw. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene und Gezeichnete, das Du oder Andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“

Dein Franz Kafka.“

Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben und Max Brod beschloss ihn niemals sterben zu lassen. Die Berge aber schweigen und still gehen auch wir zurück.

Prag- Auf der Suche nach Franz Kafka (IV) 

Die meisten Besucher Prags laufen am Café Arco einfach vorbei. Das ist nicht schwer. Liegt es doch an einer vielbefahrenen Straße, die direkt zur Moldau führt. Hier an der Straßenkreuzung, wo sich die Havlicikova, die Hybernská und die Dlázdéna sich kreuzen,haben es alle eilig. Die Prager hetzen zur Arbeit, die Trambahn rattert vorbei und die Touristen werden von ihren schreienden Guides fachmännisch verkabelt. Eine Stadtführung verfügt heute über das technische Niveau der Mondlandung. Aber seit dem ich vor einigen Jahren angefangen habe, nicht nur in Prag nach Franz Kafka zu suchen, gehe ich am Schluss meiner Prager Tage immer noch einmal nachsehen, was das Arco, das einst legendäre Café Arco wohl gerade macht. Als ich 2014 zum letzten Mal in Prag war, da war das Café Arco vernagelt und leer.
Aber schon als ich noch auf der anderen Seite der Kreuzung stehe, sehe ich eine Tür steht offen. Eine Tür steht offen. Wer hätte das gedacht? Ich nicht? Wird vielleicht doch das weise Wort von Karl Kraus noch einmal wahr und es “ brodelt und kafkat und werfelt und kischt“ wieder im Café Arco? Es gibt viele Orte in Prag an denen man Kafka suchen kann,aber vielleicht war das Arco und seine Gesellschaft doch der Ort an dem Kafka all das sein konnte, was er sonst nicht war. Es ist ja nicht umsonst ein Eckcafé, ein wenig verborgen, aber in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof der heute nach Masaryk benannt ist. Für all diejenigen, die den harten Kern des Arco bildeten, war dies von nicht zu geringzuschätzender Bedeutung. Franz Kafka konnte vom nächsten Zug nach Berlin oder Wien oder oder oder träumen, Egon Erwin Kisch konnte tatsächlich nach Berlin fahren, wo vielleicht am Abend noch ein Boxkampf stattfand und Max Brod, der ja bekanntlich am Bahnhof als erstes fragte, wo es denn die schönen Mädchen gäbe, musste immer schnell zum Bahnhof können, um entweder zur Geliebten zu fahren oder zurück zur Ehefrau zu eilen. Nie jedoch ohne noch einmal im Arco vorbeigesehen zu haben. Es passierte auch einfach zu viel: Franz Werfel brüllte und schrie Gedichte, Else Lasker-Schüler kam aus dem Morgenland zu Besuch und Kurt Tucholsky erzählte nun aber wirklich den letzten Witz. Otto Groß zergliederte Seelen und wem das noch nicht reichte der konnte sich immer noch von Alfred Kubin porträtieren lassen.

Die Bahnstation schräg gegenüber des Café Arco gelegen.

Heute kann aber auch ich endlich einmal einen Blick in das Innere des Arco werfen, denn die Tür steht als ich die Straße quere noch immer offen. An der Tür klebt ein Schild, welches ich nur mühsam entziffern kann, ich finde jedoch heraus, dass das Arco heute eine Kantine ist. Keine öffentliche Kantine jedoch, sondern die Mitarbeiter, die in irgendeiner Weise für die Prager Stadtverwaltung tätig sind, können zwischen 8-10 Uhr morgens einen Bon ziehen und sich für das Mittagessen anmelden. Als ich durch die Tür trete, bemerkt mich eine Frau in Kittelschürze sofort. Ihr ist klar, ich habe keinen Bon, ich bin ganz offensichtlich keine Mitarbeiterin einer ihr irgendwie bekannten Verwaltung und trotzdem bin ich hier. Die Irritation der Frau kennt keine Grenzen. Einen Tisch kann sie mir nicht zuweisen, aber mich abweisen kann sie auch nicht. Sie schüttelt den Kopf. Ich kann Ihr dabei zusehen, wie sie sich bemüht irgendeinen ihr bekannten Verhaltensmaßregelkatalog zu finden, mit dem sie meiner Person begegnen kann zu finden, sie bemüht sich sehr, ihr stehen, es ist auch wirklich sehr heiß, die Schweißperlen auf der Stirn und hätte sie Kafka gelesen, sie fühlte sich sofort an den „Prozess“ erinnert und hätte keine Sympathie mit Josef K. der ihr ähnliche Schwierigekiten bereitete, wie ich ihr. Während sie also überlegt, wie mir zu verfahren ist, sehe ich mich um. Keiner der Gäste sieht auch nur vom Essen auf, die Polizisten schlürfen fette Hühnerbrühe, die Stadtverwaltunsgdamen picken Salat und etwas feiste Herren essen Lende mit Bergen von Kartoffeln. Das einzige Geräusch im Raum ist das Kratzen von Gabeln und Messern auf den Tellern. Ich kann gar nicht anders, als mich an den Landvermesser zu erinnern, der auch nicht glauben mochte, dass das geht: da zu sein, ohne stattzufinden. Schließlich nun energisch und mit Wischmop und Eimer bewaffnet vertreibt die Kantinendame mich aus dem Gastraum. Noch einmal aber sehe ich mich um, denn es war doch das Café Arco in dem Milena, die schöne, die kluge, die so begabte und energetische Milena Jesenská und Franz Kafka sich zum allerersten Mal sahen. Alle großen Liebesgeschichten glaube ich, haben ein „davor“ und diese, die vielleicht doch die schönste Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts war, begann genau hier. Dann stehe ich wieder vor der Tür und ich muss lachen. Ich schütte mich aus vor Lachen. Kafka, sage ich halblaut zu mir selbst, das mir nun ausgerechnet in Gestalt einer Megäre begegnest, meint das nicht, es ein wenig zu toll zu treiben mit mir?

In eine offene Tür muss man eintreten.

Café Arco. Detail

„Und sagt, die E., die mich abholt, und hast du Kafka gefunden?“ Aber ich kann noch immer nicht sprechen vor lauter Lachen und wie immer, wenn ich zum Café Arco gehe, an dem die allermeisten Menschen einfach vorbeigehen, muss ich mich auch als ich schon mit der E. auf der anderen Seite der Straße stehe und in Richtung Moldau laufe,immer wieder umdrehen. Es ist diese Starßenkreuzung, die mich wie keine andere, so sentimental werden lässt. Hier war Kafka. Kafka was here.

Prag-Ein Abstecher zum „Prager Tagblatt“

„Es wird Dir nicht gefallen“sagt, die E. „Das macht nichts E.“, sage ich. „Warst Du immer schon so stur?“,fragt die E. „Ich glaube schon“,sage ich und die E. knickt seufzend ein. „Also gut, um halb elf vor dem Café Louvré“ sagt sie und ich laufe los. Seit 1902 gibt es schließlich das „Louvré“, das zentral gelegen am Ende des Wenzelplatzes liegt. Und Max Brod und Franz Kafka gingen eine ganze Zeitlang bis zu einem recht großen Krach kam, gern zu den abendlichen Zirkeln. Aber es eilt ja nicht. Es ist noch einmal neun Uhr.

Aber noch ist ja Zeit. Zeit genug jedenfalls sich vom Wenzelsplatz aus nach rechts zu wenden und eine Parallelstraße zu wählen, die nämlich führt direkt in die Panská. Niemand, wirklich niemand der Wörter liebt und gute Geschichten, kann in der Panská Nummer 8 einfach so vorbeigehen. Denn dieses Haus, das heute so unscheinbar, reichlich verkommen eine Schusterwerkstatt und eine Art recht obskure Touristinformation beherbergt, war einst der Redaktionssitz der wohl berühmtesten und besten Tageszeitung der Welt: des Prager Tagblatts nämlich. Es gibt Menschen, die sagen, das Prager Tagblatt sei eine jüdische Zeitung gewesen. Andere hingegen meinen, dass es vielmehr eine Zeitung gewesen sei, die für die Sache der tschechisch-deutschen Versöhnung eingetreten sei, wieder andere finden es sei die erste liberale Tageszeitung, die 1876 ihre Arbeit aufnahm. Ich aber bin der festen Überzeugung, dass das Prager Tagblatt, die erste und wichtigste europäische Zeitung war, die es je gab. Die Redakteure der Zeitung waren doch alle mindestens zweisprachig, die meisten aber sprachen mehr als vier oder fünf Sprachen, ihre Heimat das Wort nämlich führte sie durch ganz Europa und so versammelte das Prager Tagblatt bis 1939, die besten Geschichten, die Europa zu bieten hatte. Egon Erwin Kisch verfasste seine legendären Reportagen. Kennen Sie die, in der er nach dem Golem sucht? Wie selbstverständlich erschien Thomas Mann’s Zauberberg als Vorabdruck. Selbst Franz Kafka, der doch nie einen Text beenden konnte, schaffte den Abgabetermin für eine Zeitung, man stelle sich das vor, die mehrmals täglich erschien. Hermynia zur Mühlen versorgte die Leser mit Übersetzungen englischer Texte, natürlich gab es französische Musikritiken. Joseph Roth brachte Neuigkeiten aus Brody, ach eigentlich doch von überall, Kurt Tucholsky schrieb wie immer die größte Satire, Dinah Nelken brachte die große Mode, Alfred Plgar ging für das Prager Tagblatt in Berlin ins Theater und die besten Comic Zeichnungen kamen von Thomas Theodor Heine, der auch für den Simplicissimus und vor allem nach 1933 viele der besten politischen Karikaturen zeichnete, die es je gab. Das Prager Tagblatt war international ohne den Sinn für die Provinz zu verlieren, es war so trivial wie es ernst sein konnte, es nahm seine Leser ernster als sich selbst, das Prager Tagblatt, das waren große Reportagen, politische Skandale, es waren   Miniaturen aus Bukarest und Ostschweden, das Prager Tagblatt, das waren Redakteure, die nicht weltscheu waren, die neue Texte wagten,aber die vor allem, selbst im heißen Sommer 1914, nur kurz die Besinnung verloren, und dann weitermachten, was sie am besten konnten, eine europäische Zeitung nämlich. Das Prager Tagblatt erzählt nämlich auch eine Geschichte davon, dass Europa nicht nur zwischen Berlin, Paris und London stattfindet, sondern zwischen 1876 und 1939 wurde Europa von Prag aus in die Welt getragen, zuverlässig von Montag bis Sonntag. Max Brod, der ja alles konnte und noch viel mehr hat dem Prager Tagblatt, den schönsten Liebesroman geschrieben, den eine Zeitungsredaktion wohl je erhielt. 1924 jedoch bot das Prager Tagblatt, Anlass für eine traurige Nachricht: Herrmann und Julie Kafka gaben Nachricht vom Tod ihres Sohnes Franz.

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Das Redaktionsgebäude des „Prager Tagblatts“ , der progressivsten und europäischsten Zeitung, die es vielleicht jemals gab.

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Die berühmte Nummer 8 hat kein Klingelschild mehr.

Heute bietet die Redaktion des Prager Tagblatts einen traurigen Anblick. Der Hinterhof ist eine Ruine. Ein post-sozialistischer Zerberus schreit mich an, ich solle verschwinden und bleckt die vom vielen Rauchen gelben Zähne.

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Im Hinterhof regiert die Abrissbirne und bald schon wird die Redaktion des „Prager Tagblatts“ wohl endgültig nur noch Erinnerung sein.

Die Frauen in der Touristinformation schütteln den Kopf: „Prager Tagblatt“- nie gehört. Trotzdem und dennoch und gerade jetzt gilt es sich doch zu erinnern, dass eine europäische Zeitung, die doch von Selbstironie und Großzügigkeit, von Humor und Neugier, von ätzender Kritik ( ja auch das ) und scharfer Analyse getragen war, keineswegs eine Utopie, sondern eine so fantastische wie bewundernswerte europäische Realität gewesen ist, die keineswegs Vergangenheit bleiben muss.

Das Café Louvré übrigens hat mir wirklich nicht gefallen. Roter Linoleumboden, man stelle sich das vor. ( Oder besser nicht ). Gehen Sie einfach weiter, setzen Sie sich bloß nicht hin, sonst lacht die E. Sie aus, wie heute mich.

 

 

Prag-Auf der Suche nach Franz Kafka (III)

Der Neue Jüdische Friedhof in Prag liegt eingefasst zwischen mehreren Schnellstraßen. Zu seiner Rechten liegt das Hotel „Don Giovanni“ vor dem Touristenbus um Touristenbus hält, das aber mit seinen Business Facilities wirbt. Vielleicht soll das Schnellstraßenambiente die großen Idee beflügeln. Unscheinbar wirkt der Friedhof, den man durch ein Portal betritt. Am Eingang versucht eine junge Frau, die Männer zum Tragen einer Kippa zu bewegen, aber es gelingt ihr nur schwer. Die meisten Besucher lehnen es ab. Rundheraus und wie ich finde reichlich unverfroren. Den Diskussionen indes, die sich ergeben kann ich kaum folgen. Ich spreche keine Tschechisch und eigentlich bin ich als ich auf dem Friedhof stehe, sehr froh darüber. Ein Pfeil weist den Besuchern den Weg: „Dr Franz Kafka“, 200 Meter. Wie das klingt! Auf keinen Fall klingt es nach dem, was ich zu finden hoffe. Aber ich laufe brav, den ausgewiesenen Weg hinunter. Noch 100 Meter. Kafka-Countdown. Schließlich der Grabstein. Sachlich-nüchtern ist der Stein und verwitterungsbedingt verwaschen. Wieder ist Kafka, Prag nicht entkommen, sondern im Zinksarg schließlich aus dem österreichischen Sanatorium zurück nach Prag. Dieses Mütterchen hat Krallen, schrieb er nicht nur, sondern er lebte es wohl. Entkommen ist er, der so beständig Fliehende auch den Eltern nicht, deren Namen unter dem seinen auf dem Grabstein stehen. Eine merkwürdige Vorstellung: Familie Kafka. Noch bescheidener als das Grab Kafka’s aber ist die Gedenktafel für seine drei Schwestern, die reichlich lieblos auf dem Boden vor dem Grabstein liegt. Anrührend in ihrer Bescheidenheit und Hässlichkeit, die Plastikblumen, die handgemalten Bilder und Devotionalien, anders kann man die merkwürdigen Gegenstände, die sich auf dem Kies türmen wohl kaum nennen. Seltsam anmutend jedoch die Münzen, die auch dort liegen. Dreht man sich um zur den Friedhof begrenzenden Mauer, sieht man eine schmale Gedenkplatte für Max Brod. Es ist ein sehr merkwürdiger Gegensatz, das laute Getümmel an Kafka-Tassen und Kafka- Schirme der Stadt und die ganz vergessene Welt Kafka’s, die dem Gedächtnis Prags eigentlich entschwunden ist. Da Kafka’s Gesicht auf allem prangt, kann man ihn leicht vergessen, er ist ja überall, er ist nur nicht mehr da. 

Eine Handvoll Steine habe ich aus Irland mitgebracht und ich wiege sie in meiner Hand, kühl und glatt liegen sie da und dann wende ich mich hin zu den Gräberreihen, die sich anschließen. Wenige Meter reichen und schon bin ich herauskatapultiert aus Prag und mir ist als ginge ich über einen deutschen Friedhof, der überall sein könnte- in Trier ebensogut wie in Berlin. Ein evangelischer nochzumal, denn die Grabsteine des Neuen Jüdischen Friedhofs in Prag lesen sich wie das Bilderbuch protestantischer Tugenden. Fleißig und gütig waren Väter wie Brüder und die Mütter und Schwestern tugendhaft und einfühlsam, milde und von gutem Geist. Hier reimen sich Fabrikantensohn und Gotteslob, unvergessen und natürlich pflichtbesessen. Die Grabsteine sind immer auch eine Liebeserklärung an die deutsche und in diesem Falle eben Prager Heimat. Hier liegen Patrioten, Wagner-Verehrer, Goethe-Leser, hier trauerten Eltern stolz um die Söhne die den süßen Tod für ihr Vaterland starben und immer wieder noch mit dem letzten Atemzug betont man die Liebe für Patria. Die Lücken beginnen Mitte der 1930er Jahre und schließlich fehlen die Jahrgänge ganz. Die Kinder, der Eltern werden kein Grab mehr bekommen, keine Grabsteine aus festem schwarzen Stein, niemand wird mehr Stabreime für sie machen und keiner weiß, dass hier Malwine und Meta, Eduard und Isaac lebten und liebten, um schließlich in ganz und gar heimischer Erde die Augen zu schließen. Mir liegen die Steine schwer in der Tasche. Schon meine Großmutter nämlich, die einmal im Jahr nach Karlsbad zur Bäderkur reiste, besuchte den Neuen Jüdischen Friedhof, besuchte die Eltern des „Auschwitzer Kreises“, Sie der doch alle religiöse Symbolik fremd war, legte Steine auf die sonst so vollständig vergessenen Gräber. Jetzt also komme ich und vorsichtig lege ich Steine auf die Gräber der Orenstein, der Lachmanns und all der anderen, die einmal die Prager Juden waren. Es ist ganz still in den vielen Gräberreihen, die alle von Efeu überwachsen sind, viele Grabsteine sind umgestürzt und ich sitze auf einer kleinen Bank, als ich keinen Stein mehr in der Tasche fühle und sehen in die meterhohen Pappeln. Ich kann nicht aufhören, die Namen zulegen, so als könnte ich sie alle behalten und obwohl es so glühend heiß ist, wird mir je weiter ich gehe immer nur kälter, bis ich schließlich den Friedhof verlasse. Vor dem Tor rauscht der Verkehr, neue Busse fahren in die Auffahrt des „Don Giovanni“ und ich gehe durch die Unterführung zur U-Bahn zurück.

Heute habe ich nicht weiter nach Franz Kafka gesucht. 

Neuer Jüdischer Friedhof  Prag, Izraelská 712 /1, Prag, U-Bahn Station : Želivského , Geschlossen während des Shabbat