In der Mondsteinscheiben-Fabrik

Sie liegt gut versteckt hinter einer Tannenschonung, zwei Schafsweiden und einem Fluss die Fabrik zur Herstellung von Mondsteinscheiben. Überrascht ist der Reisende taucht die Fabrik dann auf. Sofort geht ein jeder ein kleines bisschen verloren, denn die Fabrik ist groß. Nicht nur groß riesig ist die Fabrik. Lange leben wir schon in einer Welt in der es kaum noch rauchende Schornsteine gibt, keine Männer mit rußigen Gesichtern beugen sich mehr in ein glühendes Feuer und vor der Fabrik warten auch keine Frauen mehr das ein Ehemann oder ein Bruder mit einer Lohntüte vor das Fabriktor kommt. Das sind nur mehr Geschichten für kalte Tage. Aber jetzt wo auch ich am Morgen durch das Fabriktor gehe, dem Pförtner winke und eine Mondsteinscheibenmitarbeiterkarte an ein Lesegerät halte, da erinnere ich mich wieder an die Bilder aus anderen Zeiten.

Die Fabrik schläft nie. An sieben Tagen in der Woche, in Tag und in Nachtschichten werden die kostbaren Mondsteinscheiben gefertigt. In den Spinden hängen Fotos von jungen Hunden oder jungen Frauen. Die Mondsteinscheibenfabrikarbeiter genieren sich etwas, auch wenn ich sage, dass es nichts zum sich schämen gebe und ich über eine ausgezeichnete Sammlung von Kälberbildern verfüge. Dann lachen sie und greifen nach ihren Helmen. Etwas vom feuerspeienden Ofen ist auch in dieser Fabrik mit ihren Schutzanzügen, Sicherheitsbrillen, festen Schuhen, ihren Sicherheitsvorschriften und Notfallplänen erhalten geblieben. Tief im Bauch der Fabrik gurgelt ein ewiges Feuer auch wenn es ein anderes ist als jenes der Eisengießer und Stahlkocher anderer Tage.

Auch ich habe schon eine Mondsteinscheibe in der Hand gehalten. Dünn und grazil, eine zarte Haut, zerbrechlich erschien sie mir und schwer fällt es sich vorzustellen, wie viele Tage und Nächte es braucht bis eine Mondsteinscheibe so glänzt wie diejenige in meiner Hand. Zum Glück ist sie mir nicht aus der Hand gefallen. So leichten entgleiten einem ja die Dinge und in den Dingen liegt immer auch die ganze Welt.

Der Fabrikdirektor sagt: „Fräulein Read On Sie haben ein Fragzeichen auf der Stirn.“

Der Fabrikdirektor ist ein anderer Mann als Emil Rathenau, der einmal beschloss, das ganz Deutschland am Abend elektrisch beleuchtet sein möge. Nein, den Direktor der Mondsteinscheibenfabrik trägt keinen Rock und keinen Zylinder und morgens kommt er nicht im offenen Landauer gezogen von zwei frischen Rappen in die Fabrik. So viele Jahre, so viele Geschichten liegen zwischen Ihnen. „Ich frage mich, sage ich also, ob ich nicht doch eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Emil Rathenau entdecken kann.“ Der Fabrikdirektor lacht. Sie lassen es mich wissen, sonst liege ich noch wach und grüble über jenen Emil Rathenau nach.“

„Gewiss Herr Direktor“, sage ich und der Herr Direktor lacht und winkt.

„Fräulein Read On in Los Angeles erwartet man mich am Telefon. Wir sprechen uns später.“ Aber bevor Los Angeles, wo es auch Mondsteinscheiben gibt noch lauter ruft, erkundigt sich der Herr Direktor erst nach der Frau des Reinigungsmannes, die ausgerechnet im Urlaub fiel. So ein Direktor ist das nämlich.

Ob Emil Rathenau sich wohl für Mondsteinscheiben begeistert hätte?

Manchmal stehe ich auf von meinem Stuhl und dem Tisch an dem ich ganz andere Dinge tue, als sonst und sehe aus dem Fenster. Da steht ein Ingeniuer und sieht in eine Mappe, ein Frau schüttelt die Haare auf unter dem Helm, ein Mann rollt einen Wagen geschälter Kartoffeln vorbei. Eine Gruppe Reisender mit silbernen Koffer betritt die Fabrik. Ein Mondsteinscheibenschrauber raucht eine Zigarette. Eine andere Frau trinkt hastig einen Schluck Wasser. Jede Fabrik ist ein Roman, denke ich und dann kehre ich an meinen Schreibtisch zurück und wundere mich, dass ich ausgerechnet ich das Fräulein aus einem ganz anderen Jahrhundert hier tief im Bauch der Fabrik sitzt, in der die so kostbaren wie zarten Mondsteinscheinscheiben gefertigt werden, von denen ich doch eigentlich so wenig weiß wie vom ewigen Feuer anderer Tage.

Aber dann klopft der Herr Direktor und ich öffne die Tür.

Sonntag

Der Tierarzt ist von meinem Versuch den Tag durch frühes Aufstehen zu verlängern nicht sonderlich angetan, sondern kriecht nur tiefer unter die Decke. Aber nach drei Jahren Irland habe ich gelernt: was ein Ire ist, lässt sich mit einer Tasse Tee wie einst Alice nicht ins Wunderland, sondern zumindest in den Garten locken. Es muss aber, sollten Sie einmal selbst in die Verlegenheit geraten einen Iren aus einem komatösen Schlaf zu erwecken, Barry’s Tea sein, ein starkes Gebräu in dem der Teelöffel stecken bleibt, dazu ein Schlückchen Milch und dann sitzt auch der Tierarzt im Garten unter der Kastanie und links vom Fliederbusch und klimpert mit den schlafschweren Lidern. Was genau das Geheimnis von Barry’s Tea ist, habe ich nie herausfinden können, aber die grüne Dose mit der Jubilee’s Mischung für 12 Pfund bei Fortnum & Mason für den Tierarzt erstanden, steht unberührt im Schrank. Nur der Priester, Gäste und ich trinken dann und wann ein Tässchen, während der Tierarzt noch für ein Wochenende in Berlin eine Notfallration an Barry’s Teabags in das luggage holdall verschwinden lässt.

Der Tierarzt gähnt, ich lege meine Füße in seinen Schoss. Die Katze, die den Tierarzt liebt, springt nun ihrerseits obendrauf und mein Plan geht auf: endlich warme Füße. Wir sehen den Amseln beim Frühstück zu und zählen die Möwen, die sich auf dem Dachfirst sammeln. Der Hund kaut hingebungsvoll auf einem Gartenhandschuh und der Tierarzt erzählt mir einen schrägen Traum. Im Wald nämlich sei er gewesen, barfuß und nur mit einem Hut bekleidet, auf der Suche nach einem bestimmten Moos. Aber das Moos habe er nicht gefunden, dafür ein langes Gespräch mit Silberfischen geführt, die von überall her auf ihn zu gekrabbelt kamen. Aber was genau die Silberfische ihm hätten sagen wollen, wisse er nicht mehr, denn schließlich hätte ich ihn geweckt. Ich höre nur halb zu, denn gerade klettert die Sonne über die Kirchhofmauer, wandert am Haus entlang, stolpert über die Kastanie und den Fliederbusch und taumelt schließlich an meiner Nasenspitze entlang, fährt mir durch die Haare und malt mir goldene Kringel auf die Beine.

Dann müssen wir auch schon los. Denn der Tierarzt muss sich im Zoo einer erkrankten Giraffe annehmen und auf mich warten Stapel von Arbeit im Büro. In der Stadt trennen sich unsere Wege und für lange Stunden sehe ich die Sonne nur von fern durch die Fensterscheibe. Um 15 Uhr aber gehe ich ins Schwimmbad hinüber. Jeden Tag schwimme ich 50 Bahnen, denn das Gepaddel in der eiskalten Irischen See kann man kaum Schwimmen nennen und es sind diese 50 Bahnen am Tag, die nur mir gehören. Kein Telefon klingelt, kein- es-dauert-auch-nur-fünf-Minuten, kein dringend, eilig, bitte jetzt, sondern nur eine Schwimmhalle, Bahn für Bahn, der Geruch nach Chlor, Wasser plätschern, von Ferne das Radio aus dem Fitnesstudio über uns, nichts wird gewollt außer einatmen, ausatmen, Bahn für Bahn, Schwimmzug für Schwimmzug. Außer vier Männern bin ich ganz allein. Einatmen, Ausatmen, Weiteratmen, nichts zählen außer den Bahnen,21, 22, 23, die Augen schließen bei der Wende an jeder Seite des Beckens. Weiße Fliesen, grauer Sichtbeton, ein Stück blauer Himmel, die Bahn rattert vorüber, 27, 28, 29, immer weiter Bahn für Bahn. Als ich aus dem Schwimmbecken steige, immer mit weichen Knien, immer außer Atem, sehe ich vier Frauen hinter der Scheibe sitzen, die den Pool von den Umkleideräumen trennt. Alle vier sind verschleiert und die Luftfeuchtigkeit und Wärme des Schwimmbades kann nicht besonders angenehm sein. Sie warten auf die vier Männer, die wie ich Bahn um Bahn im Schwimmbecken ziehen. Als ich aus der Dusche komme und im Spind nach meinem Rucksack krame, nicken wir uns zu. „Schönes Wetter“ sage ich, „Schönes Wetter sagen die Frauen“. Sind sie aus dem Land A. ? fragen mich die vier Frauen. Ich zucke mit den Schultern. „Es ist lange her“, sage ich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Frauen Schwimmen“ sage ich schließlich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Schwimmkurse für Frauen“ sage ich. Die vier Frauen nicken. „ma’a as-salamah“, sage ich. ma’a as-salamah erwidern vier Frauen. Immer dann, wenn man ein Gespräch eigentlich beginnen müsste, sagt man „Auf Wiedersehen“, da bin ich nicht anders, und ich will den Zug nach Haus noch erwischen.

Der Tierarzt ist schon zurück. Ich bin hungrig, sagt der Tierarzt. Er isst zwei daumenbreite Stück grünen Sellerie und fünf Heidelbeeren. „Geben Sie den Mut nicht auf“ sagen die Ärzte. Man kann nichts aufgeben, was man nicht hat, sagte ich nicht, aber gedacht habe ich es auf dem grünen Resopalstuhl. Ich nicke und richte dem Tierarzt ein Käsebrot. Das Brot ist frischgebacken, die Butter vom Bauern nebenan, der Käse von der Frau des Krämers. Ein Brot in acht Würfel geschnitten. Eine Stunde für acht Käsebrotwürfel. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne wandert über die Kirchhofmauer, umarmt noch einmal den Fliederbusch, die Hollerstauden, den Rosenstock und die Kastanie. Der Priester winkt. Ich winke zurück. 10 Minuten später verliert der Tierarzt den Kampf gegen Käsebrot, zwei Stück Sellerie und fünf Heidelbeeren und übergibt sich. Es ist schwer zu sagen, was qualvoller ist mit anzusehen: wie der Tierarzt ißt oder wie der Tierarzt sich übergibt. Ich lege dem Tierarzt die Hand auf den Rücken und als es endlich vorbei ist, legt der Tierarzt seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht, sagt er. „Ich kann einfach nicht mehr essen.“

Ich will dich nicht verlieren, sage ich nicht. Ich kann doch nicht immer verlieren, denke ich. Der Tierarzt schließlich schläft vor Erschöpfung ein. Ich putze das Badezimmer. Dann wasche ich ab. Über Maria João Pires, die Beethoven spielt, wird das Abwaschwasser kalt. Der Hund erinnert mich an die Teetassen, die noch immer auf dem Spülbrett stehen und trägt das Geschirrhandtuch heran.

Im letzten Licht, sitze ich noch einmal an die Hauswand gelehnt ganz nah bei den Rosen. Da fällt sie mir nach Jahren wieder ein diese eine Strophe aus Paul Celans Psalm:

„Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben, blühend:

die Nichts-, die

Niemandsrose.“

Die Rosen neben mir halten sich bedeckt, ein Nichts sind wir und keine Rosen liegen in unseren Händen, die Kirchturmuhr schlägt sieben Uhr und ich sitze vor dem Notebook: Election Présidentielle 2017: Emmanuel Macron élu président.