Anna

Das letzte Mal habe ich Anna vor vielen Jahren gesehen. So viele Jahre liegen zwichen Anna und mir, dass ich nicht mehr weiß wie viele Jahre genau.

Das letzte Mal als ich Anna sah, lebte ich in Berlin.

Das letzte Mal als ich Anna sah, hatte ich ganz kurze Haare.

Aber Anna hatte immer ganz lange Haare.

Anna war die Freundin meines Freundes J.

Der J. und ich hatten Freundschaft in einem Waschsalon geschlossen.

Bevor ich J. kannte, wusste ich schon von Anna.

J. sagte zwischen den sich drehenden Waschmaschinentrommeln: Ich bin Jan und die Frau, die ich liebe, heißt Anna.

Ich nickte und sagte: Hallo, J. der Anna liebt.

Dann sahen wir auf die Buntwäsche.

Wir teilten uns eine Stange Pfefferminzdrops und eine Tüte grüner Haribo-Frösche.

Zwei Tage später traf ich Anna zum ersten Mal.

Anna war hell, so hell, dass ich erst einmal blinzeln musste. Ich war nie hell und damals als ich Anna traf, war ich besonders dunkel.

Anna aber lachte mit offenem Mund, sie schlang die Arme um J., wie es eigentlich nur Kinder tun, sie spielte Gitarre, Anna spielte Gitarre und J. sah Anna zu wie sie liebte und lebte, ganz aus dem Vollen. Man musste einfach lächeln, wenn Anna kam.

Anna hatte immer Ideen. Auf ein Hausboot ziehen. Die Anden erkunden. In Thailand ein Fischerboot zu einer Bar ausbauen. In Sizilien auf einer Steintreppe selbstgezogene Kerzen verkaufen.

Jeden Anderen hätte man belächelt, aber Anna bewunderte man insgeheim und man wollte sofort ein Interrail Ticket lösen, um mit ihr loszuziehen.

Niemand fragte Anna, woher sie sei. Alle wollten immer wissen, wohin Anna wohl als Nächstes ginge.

Ich war gar nicht so wenig neidisch auf diese Frage.

Aber Anna lachte und wenn man sie zwei Wochen später sah, war sie gerade erst mit dem Zug aus Budapest angekommen oder hatte in einem Kloster in Oberbayern Schals gebatikt.

Anna war Ballerina und konnte Traktor fahren.

Aber Anna liebte auch J. und wann immer er dazukam, strahlte sie heller noch und hielt seine Arme fest, so fest es ging.

Eines Tages Anna und ich kannten uns ein halbes Jahr, da machte der J. ihr einen Heiratsantrag.

Anna sagte Ja.

J.sagte immer wieder: Sie hat wirklich ja gesagt.

Nie wieder habe ich J. so glücklich gesehen wie an jenem Tag.

Das war vielleicht zwei Wochen bevor ich Anna das letzte Mal sah.

Das letzte Mal habe ich Anna in einem Brautmodengeschäft in der Schlüterstraße gesehen.

Anna wollte eine spontane Hochzeit und ein Kleid für eine Hochzeit, die man mindestens ein Jahr im voraus plant.

Anna probierte immer neue Kleider an.

So schön war Anna. Draußen vor dem Schaufenster blieben Passanten stehen, um Anna anzusehen.

Anna winkte.

Ich lachte so sehr an diesem Nachmittag mit Anna. Vielleicht habe ich nie wieder so gelacht wie damals mit Anna.

Sie suchte ein Kleid aus, das ihr weich um die Knöchel fiel. Ein Kleid aus Stoff und Tüll, mit Spitzenbesatz, ein Kleid wie aus einem Märchen. Ein Kleid wie es nur Anna einfallen konnte, die schwor sie würde genau zu diesem Kleid schwere Haferlschuhe tragen und die alte Strickjacke ihrer Mutter mit den Rosenknospen.

Die Verkäuferin strahlte, wir strahlten und der J. bezahlte das Kleid.

Der J. ging zurück zur Arbeit.

Anna küsste mich zweimal links und zweimal rechts.

Sie roch nach Jasmin und grünem Tee, glaube ich.

„Ich ruf dich später an“, sagte Anna und dann lief sie los.

Sie trug ein gelbes Kleid mit weißen Streifen.

Es war ein Sommertag in Berlin als ich Anna zum letzten Mal sah.

Angerufen hat Anna mich nicht.

Nicht am Abend.

Auch nicht einen, oder zwei Tage später.

Sie meldete sich auch nicht bei J.

Der J. hängte das Kleid zum Lüften an den Schrank.

J. fuhr durch die Berliner Krankenhäuser und fragte nach Anna.

Aber da war Anna nicht.

Nach einer Woche ging er zur Polizei.

Es gibt immer wieder Menschen, die verschwinden und nicht gefunden werden wollen, sagte der Polizist.

Anna und ich wollen heiraten, sagte der J.

Aber Anna meldete sich nicht.

Der J. hängte das Hochzeitskleid in den Schrank.

„Sie kommt bestimmt wieder“, sagte J.

„Ja“, sagte ich.

Aber Anna kam nicht zurück.

Manchmal sagten Freunde sie hätten von Anna in Sydney gehört.

Oder sie hätten Anna mit einem Freund in Hongkong gesehen.

Irgendwann hatte der J. kein Geld mehr um spontan nach Sydney zu fliegen.

Anna blieb verschwunden.

Aber wenn jemand den J. fragte auch noch zehn Jahre oder fünfzehn Jahre später, ob er mit jemanden zusammen sei, dann sagte er, er würde auf Anna warten.

Manchmal in all den Jahren, die vergingen und in denen der J. sich oft verlor, rief er mich an und sagte: „Du hast doch Anna gekannt.“

„Ich weiß nicht“, sagte ich und oft fuhr ich dann los und suchte nach J.

So vergingen die Jahre.

Das Brautkleid frassen die Motten.

Den J. frisst die Arbeit auf.

Aber nach Anna sucht er nicht mehr.

Keiner seiner Freunde fragt mehr nach Anna.

Den Freundeskreis jener Jahre gibt es nicht mehr.

Der J. nimmt manchmal eine Frau mit nach Haus, aber über Nacht bleibt sie nie.

Seine Telefonnummer ist noch immer dieselbe.

Wenn wir uns in Berlin sehen, sprechen wir über alles, aber nicht über Anna.

Einige Jahre lang schrieb ich ihrer Mutter.

Aber irgendwann kamen die Briefe ungeöffnet zurück.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich in den letzten zwei oder drei Jahren kaum noch Anna gedacht.

Längst kenne ich andere Annas und ihr Name ist nur noch ein fernes Echo.

Ein Brautkleid habe ich selbst nie gekauft.

Aber immer mal wieder habe ich mit einer Freundin in einem Brautmodenladen gesessen und ihr zugesehen, wie sie ein Kleid aus Tüll anprobierte. Nur gelacht habe ich nie mehr so wie an jenem Nachmittag mit Anna.

Aber das habe ich den Freundinnen nie gesagt.

Eine getrocknete gelbe Rose erinnerte mich immer mal wieder an Anna.

Aber eigentlich erinnerte mich nur der J. noch an Anna.

Denn der J. liebt Anna noch immer.

Irgendwann hat der J. eine Therapie gemacht. Der Therapeut sagte er müsse eben loslassen und sich auf neue Erfahrungen einlassen. Aber der Therapeut wusste nichts von Anna und ihrem Lachen.

Gesprochen aber haben der J. und ich auch nicht mehr über Anna.

Nur geschwiegen haben wir über Anna.

Heute Nachmittag aber ich hatte gerade ein anderes Telefonat beendet und dem D. versprochen mich einer Angelegenheit anzunehmen, da klingelte das Telefon. Ich dachte die vorherige Anruferin hätte etwas vergessen.

Aber die Stimme am Apparat war eine Andere.

„Hallo, hier ist Anna“, sagte die Stimme am Telefon, so viele Jahre später, heute um 16.34 Uhr.

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.