Der letzte Tag im alten Jahr

Das letzte Mal in diesem Jahr gähnen früh am Morgen auf dem Balkon.

Das letzte Mal in diesem Jahr Kaffee aus der grün-gestreiften Tasse, die ich so mag, weil sie so weich und leicht in den Händen liegt.

Das letzte Mal in diesem Jahr meiner alten Freundin Wildtaube einen Teller mit Rosinen hinstellen. Der Teller hat keinen Sprung mehr am Rand. Freunde soll man wie Könige behandeln, habe ich gelernt in diesem Jahr.

Die alte Freundin Wildtaube ist eine treue Freundin auch an diesem letzten Tag im Jahr.

Das letzte Mal in diesem Jahr eine Tüte Saftorangen kaufen. Dunkelrot sind die Orangen unter der Haut. Wie jedes Jahr vor dem Biomarkt Hupkonzerte und erhobene Fäuste. „Blödmann“ heisst es und „Ziege“. Der Mensch, auch der Mensch der Eier von glücklichen Hühnern kauft, ist dem Frieden nicht gewachsen.

Der Verkäufer im Biomarkt trägt schräg auf dem Kopf ein goldenes Papiermaché Hütchen. Ich weiss nicht, ob es etwas Trostloseres gibt als die Luftschlangen aus Papier und die Hütchen, die davon doch nicht ablenken können, dass ein Mann sich beschwert über das mangelnde Vorhandensein eines Weines, den die Schwiegermutter so gerne trinkt. „Ausgerechnet Silvester“, sagt der Mann mit bösem Blick. Der goldene Hut verrutscht. Der Mann an der Kasse ruft nach Frau Meier. Frau Meier weiss über die Bestände des Lagers Bescheid. Aber der Mann hat genug, er packt seine Tasche und geht ohne Wein. „Frohes Neues“, sagt der Verkäufer. „Dank Ihnen ja nicht mehr“, zischt der Mann.

Der goldene Hut wackelt.

Meine Großmutter sagte Altjahresabend zu diesem letzten Tag im Jahr. Dunkel ist es ja ohnehin. Sie lächelte spöttisch, das tat sie ja immer, berichtete ihr Frau B. von ihrem festen Vorsatz in diesem Jahr doch wirklich ein Haushaltsbuch führen zu wollen. Denn Frau B. Gab jedesmal am 10. Jänner diesen Vorsatz wieder auf. Sie nickte mit dem gleichen Spott über die rosigen Schweine aus Marzipan und stellte sie irgendwo ab, wo sie keiner mehr fand. Sie hielt nichts von der großen Bilanzabrechnung am Ende des Jahres. Kindereien waren ihr das. Der Mensch fand sie erinnerte sich nur an das, woran er sich erinnern wollte und vergesse alles was ihn dabei stören könne.

Erst Jahre später, da begriff ich, dass das Ende eines jeden Jahres sie ein Stück weiter forttrug von ihrem Vater, der Mutter, den Geschwistern, auf die sie wartete beharrlich und vergeblich in jedem, neuen Jahr.

Altjahresabend sagte sie und erzählte mir Jahr für Jahr die Geschichte wie bei Familie G. ein Tischfeuerwerk erst den Tisch und dann die Familie ins Wanken brachte.

Zum ersten Mal in diesem Jahr kaufe ich Krapfen für den Besuch am Abend.

Das letzte Mal in diesem Jahr herunter zum See. Dem See sind die Jahre gleich, der See schimmert grau, ein graues Wachstuch, die Bäume am Ufer sind kahl und warten und warten, sie warten wie wir, die wir glauben in dieser letzten Nacht änderte sich doch etwas. Der See schüttelt den Kopf und irgendwo auf dem Grund wartet der Nöck auf den Frost. Der Nöck hat Zeit.

Das letzte Mal in diesem Jahr in der Buchhandlung gewesen. Der Buchhändler trägt einen schönen gelben Pullover. Kanariengelb. Auf dem Einpackpapier des Buches sind rote Vogelbeeren.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Karte in den gelben Postkarten an der Ecke geworfen.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die lange Straße hinuntergelaufen zu mir nach Haus.

Jetzt aber schnell, die D. bringt doch ihren Hund vorbei. Der Hund fürchtet sich vor den lauten Böllern und kreischenden Raketen. Hier draussen im Wald aber ist es auch ganz am Ende des letzten Tages still.

Auch am letzten Jahr des Tages bin ich fast schon wieder zu spät.

Aber die D. lacht nur. Glück gehabt.

Der Hund schläft und ich kürze die Rosen. Das ist der letzte Strauss in diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr drehe ich mich um und rufe über meine Schulter.

„Tierarzt, kannst Du bitte.“ Aber der Tierarzt kann nicht mehr.

Die Verluste dieses Jahres werde ich mitnehmen für viele, neue Jahre.

Selbstverständlich ist nichts mehr nach diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die Hand auf die Rinde des alten Birnbaumes legen drunten im Garten.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Wie alle Jahre endet auch dieses Jahr mit Johann Sebastian Bach.

Ein letztes Mal also eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Concerto für Oboe und Violine BWV 1060 heisst das Stück.

Ein Stück wie ein Strauss roter Gladiolen schrieb der Y. auf die Hülle der Schallplatte.

Ein schöner, letzter Satz für den letzten Tag im alten Jahr.

Danke für Ihr Lesen, für Ihre Kommentare, für Ihre Geduld und Ihr Interesse an diesen meinen Notizen eines weiteren Jahres. Ich freute mich blieben Sie sich und auch mir gewogen im kommenden Jahr.