Sonntag

Um zwei Uhr wache ich auf. Vor meinem Fenster gähnt der Halbmond, reibt sich die Hände. Er friert und ich habe kalte Füße. Das bringt der November so mit sich. Einen Mond mit blauen Lippen und kalte Füße dazu.

Vor dem Fenster steht eine Laterne. Um die Laterne tanzen drei Männer. Erst denke ich, ein Rest eines merkwürdig verschobenen Traumes verlagert sich dort unten auf die Straße, aber dann finde ich meine Brille und die drei Männer tanzen noch immer um die Laterne. Ringelreihen oder der Plumpsack geht um, eines jener Kinderreime, aber dann singen sie mit taumelnden Lauten ein Sport-Jubellied, denn ein paar Stunden zuvor  hat Irland im Rugby gegen Neuseeland gewonnen. Irgendwann wird ihnen schwindlig und dann sitzen die drei Männer auf dem Bürgersteig und trinken Bier.

Der Mond schweigt über all dies und auch ich vergrabe mich tiefer in die Kissen. Am Morgen hebe ich die Bierbüchsen auf.

Der Mond lehnt seine Wange an die der Sonne, dann geht auch er.

Ich koche Kaffee, die Katze schlürft Milch, der Hund tapst in den Wassernapf, eine große Pfütze. Die Katze grinst, der Hund tapst in die Milchschale, die Katze grinst nicht mehr. „Ach Kinder“, sage ich. Der Hund will doch zeigen, dass er nicht nur Tollpatsch ist, schon stößt er meinen Kaffeebecher um. Wenigstens die Katze ist mit meinem Unglück versöhnt. Der Hund schleicht mit gesenktem Kopf zur Tür. Dann gehen wir langsam durch das Viertel, zwei Kinder kommen angerannt und ziehen am Hund, oh wie niedlich sagen die Eltern, „bitte fassen sie meinen Hund nicht einfach an“ sage ich, der Hund versucht sich unter einer Hecke zu verstecken. „Aber wenn er doch so süß ist“, sagen die Eltern. „Nein“, sage ich. Die Eltern starren mich an. Die Kinder jagen eine Katze.

Der Hund legt sich seufzend auf das Kissen. Die Katze liest die Zeitung und macht ungeduldige Schwanzbewegungen, manchmal glaube ich die Katze ist Spitzenpolitikerin und verhandelt für die Republik der Katzen die Milchpreise neu. Chancen auf die Zeitung rechne ich mir keine aus.

Am Abend zuvor habe ich Frau Crocodylus und ihren Mann kennen lernen dürfen und als ich Honig auf ein Brot träufle, denke ich mit großer Dankbarkeit daran, wie viele wunderbare, einzigartige Menschen ich über dieses Blog schon habe kennen lernen dürfen. Frau Croco liest dieses Blog schon, so lange wie es besteht und diese Form des begleitenden Lesens ist für mich ein besonders großer, unschätzbarer Wert. So viele Gedanken und Kommentare, so viele verschiedene Stimmen tragen dieses Blog Tag für Tag. Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.

Dann Sonntagsschwimmen. Die schmale Sonne im Fenster und für viele Bahnen ist es ganz still in meinem Kopf. Dann rennt ein Mädchen begeistert noch mit Socken in den Pool. Platsch. Kurz darauf verliert ein Schwimmlehrer beim Vorführen der richtigen Kraultechnik die Balance. Platsch. Prustend taucht er neben mir auf. Tschuldigung, sagt er. Kein Problem sagte ich, ich kenne einen Hund, dem geht es so wie ihnen. „Hauptsache Humor“ sagt er. Dabei ist es mir doch immer ernst.

Lange in Jonathan Coes Middle England  gelesen.

Möhren geschält, Kartoffeln geschält, über Zwiebeln geweint. Rind geviertelt. Knoblauch zerdrückt, mit Töpfen, Pfannen und der Casserole hantiert, Beef Stew in den Ofen geschoben, Kartoffelstampf fertig gestellt. Auf einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze erhalten. Der Katze Kartoffelstampf verweigert. Die Katze verärgert davon eilen sehen. Man wird in der UN von ihr hören.

Eingeschlafen.

Aufgewacht. Zum Glück schmurgelt der Stew weiter unauffällig vor sich hin.

Die G. hat sich angesagt, die G. ist eine Freundin der M. Der M. gehört das Haus in dem ich lebe. Die G. ist für ein paar Tage in der Stadt. Leeds, sagt die M.

„Aha“, sage ich.

Die M. sagt nach Freundlichkeiten, zwei Gläsern Wein und einer Karaffe Wasser für mich: „G. wie hast du denn damals abgestimmt G. als es um den EU-Verbleib ging?“

„Gar nicht“, sagt die G. „wer konnte denn das schon ahnen?“ „Das hat doch niemand ahnen können.“

Dann schweigen wir alle und essen Stew.

„Ich will nur noch, dass es endlich vorbei ist, sagt die G., egal was kommt, Hauptsache, dass alles geht irgendwie vorbei. Man hört ja nichts anderes mehr als Brexit, Brexit, Brexit, Brexit. Es wird schon irgendwie weitergehen, keep calm and carry on, es soll nur endlich vorüber sein.

Wir schweigen lange.

Ich schlucke und sage dann doch: „ Wieso aufhören?“ „Es fängt doch gerade erst an.“ Die G. starrt mich an. „Es fängt doch gerade erst an“, sage ich noch einmal.

Dann knallt es in der Küche. Die Katze hat mit einem beherzten Sprung versucht den Deckel vom Stampfkartoffeltopf herunterzureißen, der Hund sieht verdutzt auf den Deckel zwischen seinen Pfoten. Ich verbanne die Katze in den Garten.

Die Katze faucht verächtlich.

Der Hund kaut entsagungsvoll auf meinem Pantoffel.

Die G. schweigt noch immer.

„Will jemand Kaffee?“ fragt die M.

Der Mond sieht mir über die Schulter, später, da liege ich im Bett noch immer mit Jonathan Coe in der Hand. Der Hund schnarcht. Die Katze lässt die offerierte Versöhnungsmilch stehen und rollt sich in meiner Strickjacke ( streng verboten ) auf dem Sessel ein.

Von Menschen oder dem Mond, der mit den Knöcheln leise ans Fenster klopft, will sie nichts wissen. Ich mache das Fenster trotzdem auf. Der Mond wärmt sich die kalten Hände.

Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Im Supermarkt, kurz nach halb acht am Abend, London.

Das Offensichtliche:
Der Haushalt ist der Erwähnung nicht wert. Auch nicht, dass zum ersten Mal die Kinder 1-4 nicht den Belag von der Pizza herunterpulten oder nur den Rand knusperten, sondern alles, alles, alles aufaßen ist es nicht. Das lag nämlich nicht an mir und meinen Pizzabackkünsten, sondern an einem Schwimmbadnachmittag. In London nämlich ist es heiß.
So heiß, dass auch ein Wassereis-Everest in vier Kindermündern schneller schmolz als der Tierarzt sagen kann: „Wer soll das alles essen?“
Die Kinder 1-4 sind natürlich jeder Erwähnung wert und das Staunen, das nicht nachlässt über Bébé No. 5, das kleine Täubchen, das Lächeln meiner Schwester und das Glück meines Schwagers, das ist so offensichtlich, dass es jede Erzählung nur kleiner machte. Deswegen stellen sie es sich vor, das ganze große Glück.

„Fünf“, sagt meine Schwester. Eine Handvoll, sage ich und küsse ihre Fingerspitzen.

„Wie schön Du bist“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„Wäschst Du mir die Haare?“, fragt sie.

Ich wasche ihr die Haare. Meine große Schwester seufzt selig genau so wie das kleine Täubchen im Arm ihres Vaters.

Wir spannen die Hängematte auf. Ein Wochenbett kann auch eine Hängematte sein. Bébé No. 5 ist einverstanden.

Am Abend, Kind 1 liest, Kind 2 kichert mit einer Freundin am Telefon, und die Kinder 3 und 4 schlafen schon aber es lag nicht an meiner Geschichte von Fräulein Rosa und einem Ausflug zum Nil, sondern an den sommerschweren Gliedern, sollen Schwager, Schwesterchen und Bébé Zeit für sich allein haben.

„Sag das nicht“ protestiert Schwesterchen.

Ich werfe ihr Kusshände zu und dann gehen der Tierarzt und ich einkaufen. Das ist der Rede wert, denn der Tierarzt kann doch Lebensmittel in gehäuften Mengen kaum ertragen. Aber er nickt und zählt die Jutebeutel.
Zum Wochenbettservice gehört nicht nur Vollpension, sondern auch ein gut gefüllter Kühlschrank mit Sachen, die sich Schwesterchen und Schwager sonst eher verkneifen. Fünf Kinder gibt es nicht für umsonst.

Auf der Straße steht die Hitze. London atmet so als sei es Brindisi.

In den Pubs trinken die Leute Aperol Spizz und ganz London ist entschlossen sich heute Abend zu verlieben.

Zwei U-Bahnstationen weiter steigen wir aus. Ein großer Sainsbury an der Ecke.

Wir kaufen das Lieblingsgranola von Kind No. 1, Joghurt auf dem Luxury steht, der Tierarzt sucht nach den Lieblingssäften vom Schwesterchen, ich sage zum Mann an der Theke mit Delikatessen: Mehr davon. Der Mann nickt. Ein Anlass?, fragt er. „Oh ja, sage ich, eine ganze Handvoll!“ Der Mann lacht. „Davon auch mehr“, sage ich.
Wir kaufen Erdbeeren und Clotted Cream, Lachssteaks, Salat, belgische Schokolade, Mangopüree und von jeder Sorte Italienischer Nudeln mindestens zwei, sage ich. Wir kaufen den Kaffee, den mein Schwager sonst nur zum Shabbes trinkt.
„Wir brauchen einen zweiten Wagen“, sagt der Tierarzt, um eilig hinzuzufügen: „Ich gehe schon.“
„Wir treffen uns beim Käseregal“, rufe ich ihm hinterher.
Dann kaufe ich Brokkoli und junge Erbsen, und reife Ananas.
Neben mir steht ein Mann, alt ist der Mann. Ein Gesicht wie ein verwitterter Wetterfleck. Eine Jacke trägt er trotz der Hitze. Unscheinbar ist die Jacke, aber erst als ich Bananen in den Wagen lege, fällt mir auf: fadenscheinig ist das richtige Wort. Der Mann steht vor einer Kiste mit Kohl und Mohrrüben. Gelb ist der Kohl schon und die Mohrrüben haben welkes Grün. Aber am Abend da setzt Sainsbury die Preise herunter. 50 Percent off steht an der Kiste. Der Mann legt einen Kohlkopf und vier Mohrrüben in seinen Korb. Er sieht zum dem Regal mit den Südfrüchten herüber. Aber die Melone, die Mango und auch die Ananas sind nicht heruntergesetzt. Auch nicht die British Strawberries und die Kirschen, die dunkelroten, die kosten weiterhin 3 Pfund.
Da ist der Mann schon an mir vorbeigegangen. Vor einer Kiste mit Kartoffeln steht er, drei Kartoffeln fingert er schließlich heraus und legt sie zu den Möhren und dem Kohl dazu.
Ich gehe zum Käseregal, aber plötzlich sehe ich sie überall, die alten Leute links und rechts von mir, mit einem fast leeren Korb in der Hand und im Korb liegen immer die gleichen Dinge. Was in ihren Körben liegt, das ist reduziert. 30%, 50% und wer Glück hat der bekommt vielleicht eine Packung Würstchen, die beim Transport beschädigt wurde um 70% reduziert.
Eine Frau hat eine Flasche Milch und eine Tüte Salisbury Chocolate Chips im Korb und sieht steht vor einem Schild auf dem steht Salisbury Delectable Cakes, Aber die Kuchen sind nicht reduziert und die Frau geht weiter. Der Tierarzt findet mich schließlich beim Käse, denn ich bin fest entschlossen Käse zu kaufen, denn die Kinder wachsen und wie wir alle, lieben sie Käse. Richtigen Käse nicht die Familienpackung Gummigouda von Lidl.
Neben mir steht wieder der Mann mit dem krummen Rücken, dem Stock in der einen Hand und dem Korb in der anderen, er sieht auf ein Stück Gorgonzola herunter. Das Stück Gorgonzola kostet 2 Pfund und 19 Pence. Ich habe drei größere Stücke Gorgonzola im Einkaufswagen zu liegen und der Tierarzt, sagt: „Mädchen willst du den Parmesan oder?“ Ich nicke und sehe dem Mann nach, der ohne Gorgonzola in der Hand zur Kasse geht. Dann legen auch wir den halben Supermarkt auf das Band, wir füllen die vier Jutebeutel und den riesigen Wanderrucksack auf meinem Rücken. Hinter uns legt der Mann seine Einkäufe aufs Band.
„Tierarzt“, sage ich, „warte kurz“ und dann wuchte ich den Rucksack wieder von meinem Rucksack herunter, sprinte zum Käseregal, greife nach Gorgonzola, einem Stück Emmentaler, einer großen, gelben Honigmelone British Strawberries und Kirschen als ich wieder an der Reihe bin, ist der Mann noch damit beschäftigt seine Einkäufe umständlich in einen Beutel zu verstauen.
„Sorry Sir, sage ich vorsichtig und er sieht mich misstrauisch an, sorry Sir, we bought so much, we really can not carry even the tiniest bit more, would you mind taking those?“

Ich lege den Käse und das Obst vor ihm hin.

Er starrt mich an.

„Thanks for helping“, sage ich und „Goodbye.“

Dann gehen wir aus dem Sainsbury hinaus.

Ich drehe mich nicht um, aber nicht wegen des schweren Rucksacks auf meinem Rücken, sondern weil ich mich erinnere, noch ganz genau, als ein Fremder in einem Supermarkt in Berlin als auch ich, kaum Geld hatte, mir Käse, frisches Brot und Birnen übergab, mit den Achseln zuckte und sagte: „Ich hatte ganz vergessen, ich vertrage den Käse gar nicht mehr.“ Irgendeine Allergie.“ „Helfen Sie mir, wäre doch schade, wenn das schlecht würde.“ Ich hatte am Regal mit Dosenravioli mein Kleingeld gezählt.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt vor dem Supermarkt.

„Tierarzt“, sage ich.

Mehr sagen wir nicht.

Es ist noch immer nicht dunkel, als wir die Wohnungstür aufschliessen und auch nicht als wir die Einkäufe in Kühlschrank und Speisekammer verstaut haben und auch nicht als ich Schwesterchen, Bébé No. 5 und den Schwager auf die Nasenspitze küsse.

Sonntag

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🍒 Cherry, cherry lady. #cherries🍒 #inmygarden #cherry

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen ist alles wie immer. Dunkelheit, das Meer rauscht von fern, der Teekessel pfeift nach drei Minuten, eine Schale Milch für die Katze, eine Schüssel Wasser für den Hund, drei Esslöffel Müsli in die blaue Schale, ein halber Apfel, eine halbe Tasse Milch dazu, für den Tierarzt, ich löffle Joghurt, Natur, eine halbe Zitrone darin. Der Tierarzt schläft noch. Der Morgen gehört mir ganz allein und dem Meer vor dem Fenster. Die Tasche auf dem Tisch, die Zeitung in der Tür, der Wetterfleck am Haken, die Schuhe im Bord. Auf Wiedersehen, Hund, Katze, Tierarzt.

Mit dem Fahrrad die Straße herunterrollen durch das schlafende Dorf, der Morgen gehört mir, im Unterland links abbiegen, im nächsten Dorf liegt der Bahnhof. Das Fahrrad anschließen, der Zug kommt, der Platz neben mir bleibt leer. Am Donnerstag sind die Pendler schon müder, treue Zirkuspferde mit der Aufsicht auf einen Zuckerwürfel. Der Zuckerwürfel heißt Freitag, aber noch ist Donnerstag. Müde Gesichter. Wasserflaschen, Kaffeebecher, geknitterte Anzüge, verstohlenes Gähnen, von fern Musik aus einem Kopfhörer, Leinenmäntel, öfter noch aber Schal, Mütze, Handschuhe. Es ist kalt. Die Sonne legt dafür die Wange ans Fenstern und sieht uns müde Gestalten an. Bürogangstellte sind wir. Ich frage mich oft, ob nicht Franz Kafka das Wort erfunden hat. 40 Minuten später Dublin. Arbeitsbeginn. Es ist 6. 45 Uhr.

Der Tag beginnt mit Listen, zieht Listen, Telefonanrufe, Protokollfragen, Eventbrite-Ärger nach sich. Das Telefon klingelt mit jeder Stunde energischer, wütender rascheln die Listen, der Protokollchef vertröstet mich. Ich telefoniere mit zwei Palastverwaltungen, einem Catering-Unternehmen, ich klopfe im Vorzimmer des lieben Herrg*tts selbst an. Dort schweigt man sich aus. Noch. Ich bin eine hartnäckige Anruferin.

Später kommt die Auszubildende zur Tür herein. Kaugummiblasen im Mund. „Bitte den Kaugummi in den Mülleimer“ sage ich, es vergehen zehn Minuten. Wir üben Mathe. Prozentrechnung. Die Auszubildende hasst Mathe, die Welt und mich. Nach einer halben Stunde. Geheul. Ich sitze da einfach und sehe auf die weinende Auszubildende. Früher habe ich oft versucht sie zu trösten, Taschentücher zu reichen, alles was mir das einbrachte war ein verlängertes Klagen: „Aber sie hasse ich noch mehr.“
Irgendwann ist die Auszubildende leer geweint. Ein letzter Schluckauf. Die Auszubildende sagt: „Sie finden mich dumm, nicht wahr?“ Ich schüttle den Kopf: „Nein sage ich, warum sollte ich, man weiß nichts über andere Menschen und ich habe nie verstanden, warum man so viel Freude dabei hat, dem Anderen klar zu machen, wie blöde er sei. Das einzige was ich mir denke, wenn immer wir üben ist, dass Sie keine Lust dazu haben, das zu machen, was Sie machen sollen und mir fällt nichts ein wie ich das ändern könnte. Die Auszubildende starrt mich an. Dann bekommt sie einen Schluckauf, sie geht ins Badezimmer. Weinkrämpfe bekommen dem Make-Up nicht gut, die Auszubildende lässt sich nicht gehen.

Ich telefoniere weiter.

Neue Listen.

Möwen vor dem Fenster. Aus der verpassten Mittagspause wird gar keine Pause mehr, dafür ein Möwenchor.
Irgendwann ist der Tag zu Ende. Das sagt die Uhr oder die Palastverwaltung. Die Auszubildende starrt auf den Bildschirm. „Es ist gut für heute“, sage ich. Ich suche den Mantel, die Tasche, ich nicke der B. und dem E. zu. Auf Wiedersehen, so lang, see ya, bye, die Straße hinunter zum Bahnhof. Der Zug ist verspätet, die Gesichter der Pendler verraten nichts. Quietschend kommt der Zug dann doch, ich stehe wie ein Flamingo, auf meinem Fuß steht meine Tasche, an meinem Ohr bespricht ein Mann das Abendbrot. „Nein, keinen Käse!“, ruft er, da bricht die Verbindung ab, zwanzig Minuten Ungewissheit für den Mann. Dann steigt er aus. Nach 52 Minuten erreiche ich das Dorf vor dem Dorf. Das Fahrrad steht da und schweigt sich aus über seinen Tag. Die Frau des Krämers sagt: „Es ist empörend wie lange Sie den Tierarzt von uns ferngehalten haben. Was da alles hätte passieren können.“ „Es ist empörend.“ Ich brauche Milch und Fenchel. Orangen sind noch da. Die Frau des Krämers empört sich. „Noch immer nicht verheiratet“, werfe ich in ihre Empörung hinein. Die Frau des Krämers wiegt den Fenchel zu meinen Gunsten ab. Ich fahre zurück ins Oberland. Der Hund ist noch mit dem Tierarzt unterwegs, die Katze schläft, einmal den Wind hineinlassen und das Meer. Fenster auf. Horowitz spielt Klavier im Radio. Die Katze starrt mich empört an. Fenchelsalat mit Orangen. Kosher for pessach, noch immer. Der Tierarzt starrt mich empört an. Ich mag den Salat.

Der Tierarzt erzählt mir etwas von einem Pelikan ohne Tränenflüssigkeit.

Ich erzähle von der weinenden Auszubildenden.

Noch immer spielt Horowitz im Radio Klavier.

Die Nachrichtensprecherin liest Nachrichten vor.

Der Tierarzt kocht Tee.

Ich liege auf dem grünen Sofa und gehe mit Durs Grünbein in der Hand durch Dresden Hellerau spazieren. Man kann vortrefflich mit Durs Grünbein durch die Gartenstadt laufen. Man trifft Kafka, Dresdner, die vom Indianersein träumen, Paul Adler, einen Großvater, Bahnhofstrinker, die Bewohner von Hellerau, den Dichter, der einmal ein Kind war und mit Wehmut schließe ich das Buch, denn man möchte gerne Weitergehen.

Der Hund gähnt, da schläft die Katze schon.

Zähne putzen, ein Glas Wasser ans Bett.

Der Tierarzt schließt Fenster, die Tür und die Welt aus.

So ist das bei uns am Ende der Welt. Ich bin für das Aufschließen des Tages verantwortlich, während nicht nur am 5. Eines Tages der Tierarzt den Schlüssel für die Nacht in die Kommode legt, gähnt und sagt: „Mädchen erzähl mir doch…“

Unschicklichkeiten am offenen Fenster.

Am Morgen aber beginnt es zu schneien. Ich seufze. Der Tierarzt seufzt. „Woran liegt es Mädchen?“, fragt der Tierarzt. „Haben die Sterne gestritten, zanken wieder Sonne und Mond oder hat der Mars hartnäckigen Husten?“ „Es liegt an einem spöttischen Tierarzt, sage ich, der ein Mädchen ob ihrer kosmologischen Betrachtungen verlacht.“ Der Tierarzt kichert. Der Tierarzt kichert unverschämt mädchenhaft. „Niesprimel“, sage ich und der Tierarzt lacht bis ihm die Tränen laufen. „Oh holy moly German!“

„Die alte Freundin Wildtaube mag den Schnee auch nicht“, murmele ich und schütte Sonnenblumenkerne und natürlich Rosinen auf die weiße Untertasse mit Goldrand, aber einem Sprung an der Seite von der die alte Freundin Wildtaube seit Jahr und Tag ihr Frühstück einnimmt. „Ich schäme mich immer ein bisschen, sage ich zum Tierarzt herüber, der gähnt und sich in meinen Morgenmantel wickelt, ihr die angeschlagene Untertasse anzureichen.“ Der Tierarzt zieht eine Augenbraue hoch: „Mädchen, diese Taube ist das verwöhnteste Tier jenseits des Nils.“ Tierarzt sage ich, dass verwöhnteste Tier auf diesem Erdenrund ist niemand anders als Kälbchen.“ Der Tierarzt schäumt sich das Gesicht ein. „Mädchen, darf ich Dich erinnern, dass Du erst vorletzte Woche Kälbchen Apfelstücke verweigert hast? Aus erzieherischen Maßnahmen?
„Tierarzt sage ich und schraube das Rosinenglas auf: „Wenn ich Dich erinnern darf, Kälbchen stand mit dem ganzen Gewicht seines rechten Beines auf meinem Fuß.“ „Glaubst Du wirklich er sollte dafür Äpfel bekommen?“ Der Tierarzt greift nach dem Rasiermesser. „Auf jeden Fall hättest Du Kälbchen nicht mit dem Internat für schwer erziehbare Paarhufer unter der Leitung von Oberin Schaf drohen sollen.“ Ich verrate dem Tierarzt nicht, dass die Nummer von Oberin Schaf sehr weit oben in meinem Notizbuch, denn es wäre doch wirklich schrecklich, nähme die Wange des Tierarztes über dem Waschbecken Schaden.
Also setze ich Teewasser auf und stelle die Untertasse auf das Fensterbrett. Die Untertasse stelle ich so auf das Fensterbrett, dass meine alte Freundin die Wildtaube den Sprung am Rand nicht sieht. Die Wildtaube wohnt in den dichten Tannenzweigen, aber es dauert nur so lange, bis der Tierarzt sich das Gesicht abgetrocknet hat, bis sie erst zwei Äste nach oben hüpft, um dann langsam auf die Fensterbank zu segeln.

„Morgen schönes Mädchen“, sagte ich. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise und lockend. Der Tierrazt kichert. „Dieser alberne Herr, der sich in der Gegenwart von Damen nicht schämt nicht einmal ein Hemd zu tragen, ist der Tierarzt, alte Freundin Wildtaube. Die Taube legt den Kopf ein wenig zur Seite und dann sieht sie mich ernsthaft an: „Männerbesuch noch vor dem Frühstück, seriously?“ Aber der Tierarzt schaltet sein 1000 Volt Lächeln, jenes Lächeln von dem die Hühner und die Damen zwischen Dublin und Dingle wachsweiche Knie bekommen an. Ich halte den Atem an, aber auf die alte Freundin Wildtaube ist Verlass. Sie legt den Kopf auf die andere Seite und gurrt etwas von „Eitler Geck.“ Dann pickt sie eine Rosine auf. Der Tierarzt starrt mich verwundert an. „Berliner Mädchen“, sage ich, „sind eine andere Liga.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Good grief, stubborn Berlin girls.“
Meine alte Freundin Wildtaube und ich zwinkern uns zu. Wir kennen das Leben. Die alte Freundin Wildtaube nämlich hat mich schon Rosinen mit gebrochenem Herzen auf den alten Teller legen sehen und ich habe den Uhu nie gemocht, der ihr nachstellte jahrelang, bis der Specht schließlich mit einem Herzanhänger aus Holz unter die Tannenschonung schlich.
Der Tierarzt cremt sich die Wangen, ich putze mir die Zähne und die alte Freundin Wildtaube frühstückt so vor sich hin.

Ehe ich mich aber versehe, hat der Tierarzt den Teller mit den Körnern und dem misslichen Sprung in Richtung der guten Taube gedreht. „Von wegen Freundin, sagt er zur Wildtaube, dieses Fräulein dort mit den Shetlandponyhaaren, gibt dir nur das schlechte Geschirr. Das ist als würde man Besuch in der Dienerloge abfertigen, als stünde man den armen Verwandten zwar auch ein Stück Kuchen zu, aber nur an jenem Tisch, der drei Beine hat.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber und ist da nicht auch erstes Misstrauen gegen mich in den Augen der teuren Freundin zu lesen. „Glaub ihm kein Wort“, rufe ich mit im wahrsten Sinne Schaum vor dem Mund zu ihr herüber. Aber die alte Freundin Wildtaube ahnt schon, dass der angeschlagene Teller und die Worte des Tierarztes miteinander zu Tun haben. Die alte Freundin Wildtaube fliegt seufzend davon. Der Tierarzt keckert, ich speie Schaum.

„What an evil ass you are“, fauche ich zum Tierarzt herüber, der kichert als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen. Aber meine Flüche machen den Tierarzt noch viel fröhlicher, ganz wie der Teekessel gluckst auch der Tierarzt und kann sich nicht einkriegen vor Lachen über den gelungenen Streich. Ich aber bin ernstlich betrübt, denn ich hänge an der Freundschaft zur guten Taube, die seit so vielen Jahren schon ihre Aufwartung auf meinem Fensterbrett macht. „Was ist wenn sie nun nie wiederkommt“, zische ich zum Tierarzt herüber, der den Bademantel von den Schultern fallen lässt. „Ich möchte Dich außerdem daran erinnern, dass die Nachbarn zwar alt, aber nicht blind sind und Du splitterfasernackt.“ Ich habe hier auch einen Ruf zu verteidigen.“
Der Tierarzt läuft blau an vor Lachen. „Du hast selbst gesagt, Berliner Damen wollen wissen, was sie kaufen und fallen nicht auf den erstbesten Parvenu herein.“ Immerhin greift der Tierarzt nach einer Socke. „Ich aber sehe betrübt aus dem Fenster, die Tannenzweige sind dicht vor den Schnee gezogen.“

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, keine Taube der Welt ist so verwegen einen goldenen Frühstücksteller auszuschlagen.“ Dann lässt der Tierarzt den Socken fallen und winkt der Nachbarin zu. Die Nachbarin läuft rot an und winkt zurück. „Die Frau ist 93 und feiert nächste Woche goldenen Hochzeit“, knurre ich. „Wie kann man nur ein so eitler, überkandidelter goldener Gockel sein, wie Du?“ Der Tierarzt heult auf vor Lachen: „Überkandidelter, goldener Gockel?“ Oh Mädchen, German is like heaven!“

Ich aber schwöre mir, dass ich mich bei nächster Gelegenheit bei der Oberin Schaf der gestrengen Leiterin des Internats für schwer erziehbare Paarhufer erkundigen will, ob sie in Ausnahmefällen auch Zweibeiner in ihr Institut auf nehmen.

Einfach mal Ja sagen

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Weißt Du, was Dein Problem ist, sagt Schwesterchen ins Telefon hinein, während sie eine saure Gurke verzehrt, Du musst einfach mal „JA“ sagen.

„Ja“, sage ich.

Das ist genau, das was ich meine, fährt Schwesterchen fort, selbst wenn Du ja sagst, klingt das immer noch wie ein Nein.

„Na was denn nun, sage ich ja oder nein?“

Schwesterchen seufzt: „Es ist immer dasselbe mit Dir.“ „So wird Dich ganz bestimmt niemand heiraten und dann noch diese Haare.“ „Weißt du“-Schwesterchen beißt wieder herzhaft in die Gurke „ Du musst wirklich positiver, zugewandter, offener und vor allem bejahender werden, sonst wird es noch schlimm mit dir enden.“

„Du klingst schon wie Kommentatoren im Internet“, sage ich, aber Schwesterchen wiegelt ab: „Papperlapapp, sagt sie. Ich bin deine Schwester. „Versuch es doch einmal, sag doch einen ganzen Tag lang einfach mal „Ja.“

„In Ordnung“ seufze ich und Schwesterchen beschwört mich sie am Abend unbedingt anzurufen. Dann greift sie nach einer zweiten Gurke und ich lege auf.

„Hab einen schönen Tag“, murmelt der Tierarzt verschlafen unter der Decke hervor und schon springt der Hund auf die eine und die Katze auf die andere Bettseite.

„Ja“, sage ich, Dir auch.“ Eine Antwort bleibt aus.

Im Institut treffe ich auf die Auszubildende. Die Auszubildende sagt: „Fräulein Read On, ich hab da mal eine Frage. Wenn ich bei der Prüfung in der Berufsschule durchfalle, bin ich dann durch die ganze Ausbildung gefallen?“

Ich überlege kurz und sage : „Ja.“

Die Auszubildende starrt mich an, heult auf und verschwindet schluchzend im Bad.

Zwanzig Minuten später klopft die beste Chefin der Welt an die Tür.

„Was meinst Du ist der G. nicht völlig falsch hier?“

Ich nicke und sage: „Ja.“

Die J. wiegt den Kopf hin und her. „Ich hatte auf eine etwas diplomatischere Antwort von Dir gehofft, sagt sie etwas in der Art von „Nein, aber….“

Schwesterchen hat mich zum Ja verdonnert, sage ich und die J. lacht bis ihr die Knie wackeln, wir trinken Tee und ich sage, um zu deiner Frage zurückzukommen: „Ja, aber…“

Um die Mittagsstunde herum, kontrolliere ich mit dem Hausmeister die Lampen. In der Institutsküche rumort der Praktikant an der Spülmaschine herum.

„Fräulein Read On, kann ich Sie einmal etwas fragen?“

„Ja, bitte“, sage ich, so dass bestimmt selbst Schwesterchen nichts auszusetzen hätte.

„Fräulein Read On, ich habe herausgefunden, dass wenn man den zweiten Spülmaschinenkorb zu schwer belädt, und dann ganz schnell zieht, dann kann man verhindern, dass er vorn herüberkippt. Dann reißt der Praktikant am Korb und die Mittelschiene der Spülmaschine bricht heraus, der Spülmaschinenkorb donnert auf den Boden.

Ich sehe den Praktikanten an und sage: „Ja, jetzt ist die Spülmaschine richtig kaputt.“

Der Praktikant starrt mich an.

Ich sage nicht: „Was fummeln Sie an der Spülmaschine herum?“

Ich sage nicht: „Nein, das ist doch alles nicht wahr!“

Ich sage nicht: „Warum sitzen Sie nicht am Schreibtisch und stellen die Namensschilder für die Tagungsteilnehmer fertig?“

Ich sage: „Ja, Hausmeister dann nehmen Sie die Spülmaschine doch gleich noch mit.“

Hinter dem Praktikanten feixt hämisch die Auszubildende. Sie lacht wie nur sehr schöne Frauen lachen können und als der Hausmeister und ich weitergehen, da fragt der Praktikant: Du ist die immer so drauf?“ Meine Schwester würde ihre Freude an der Auszubildenden haben: „Ja, ruft sie nämlich und sagt: und noch viel schlimmer.“

Ja, sage ich viele Male in viele, verschiedene Telefone und erkläre jedem einzelnem Fellow des Instituts wie die neue Spülmaschine funktioniert.

Ja, bitte schließen sie die Tür fest.

Ja, bitte nur ein Tab.

Ja, wenn der Spülvorgang beendet ist, dann ist das Geschirr noch heiß.

„Na Fräulein Read On, ruft die Frau des Krämers später als ich zur Tür des Ladens hereinkomme, Sie sieht man ja auch nur von hinten.“

„Ja, sage ich, das kann Ihnen doch nur Recht sein.“

Die Frau des Krämers spitzt die Lippen.

„Sie wissen doch, wie ich das meine.“

Ja, sage ich und lege Eier, Paprika und Cheddar Cheese auf die Ladentheke.

Die Frau des Krämers erklärt mir, dass alle Politiker faule Bratzen seien und ergeht sich in einer langen Litanei, die ich mit einem „Ja, was bin ich ihnen schuldig abkürze?“

Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Sie haben Fieber, Fräulein Read On, Sie sind der personifizierte Widerspruch, Sie widersprechen sogar sich selbst, wenn es Ihnen zu langweilig ist. „Ist das so, Ja?“ sage ich und die Frau des Krämers ist endgültig davon überzeugt, dass ich nicht nur Fieber habe, sondern längst in ein Fieberdelirium eingetreten bin.

Ich aber wandere zurück ins Oberland. Dort gähne ich ins Spiegelbild, quirle Eier, schneide Paprika, Koriander, reibe Cheddar Cheese und greife nach den indischen Gewürzen, die man für ein Garam Masala Omlette eben braucht.

Der Tierarzt lehnt an der Küchentür.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht.
Der Tierarzt sieht Ei, Paprika, Käse und Gewürze.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht noch weiter.

Ich richte Salat in eine Schüssel, stelle Teller, Gläser und Besteck auf den Tisch und verteile Omlette, Bon Appétit, Tierarzt.

Der Tierarzt stochert im Ei.
Der Tierarzt schiebt den Salat an den Rand des Tellers.

„Mädchen sagt er, nur theoretisch angenommen, ich würde nie wieder etwas essen , dann würde ich doch sterben?“

„Ja“, sage ich, wenn Du auch noch aufhörst zu trinken, dann geht es noch schneller.“

Der Tierarzt starrt mich an.

„Ich meinte das doch nur theoretisch.“

Ja?, sage ich und der Tierarzt würgt an zwei Gabeln Omlette.

Dann ruft Schwesterchen an: „Süße und hast Du Ja gesagt?“ Ja, sage ich und Schwesterchen seufzt: „Nun sag schon. Eine heulende Auszubildende, eine lachende Chefin, ein verstummter Praktikant, eine ungläubige Frau des Krämers und ein bemauzter Tierarzt, berichte ich.

Schwesterchen seufzt. „Wirklich Süße, das schaffst nur du.

Ja, sage ich.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen kommt der Heizungsinstallateur zur jährlichen Ablesung. Morgen Herr Installateur, sage ich und der Heizungsinstallateur knurrt Undeutliches zurück. Ich reiche Kaffee und sage: „Und schöne Feiertage gehabt?“ Der Installateur knurrt: Schwiegermuttern, noch bis zum 6. „Oh, sage ich, läuft nicht gut? Der Installateur schüttelt den Kopf und sagt: „Wissense Frollein Read On, die wollt halt dit Töchterchen n’en Studierten heiratet.“ Nicht so nen ollen Installateur.“ Ich schüttle den Kopf und sage: „Wissen Sie was, es zählt was innen drin ist und nicht was außen drauf steht.“ Der Installateur seufzt und ich sage: Honigbrot? Der Installateur seufzt aufgeräumter und kaut auf dem Honigbrot. „Süß hilft fast immer.“ Herr Installateur sage, ich wie sieht das denn bei Ihnen eigentlich aus mit Ausbildungsplätzen?“ Der Installateur sieht mich an. „Frollein Read On Sie wollen jetzt och noch unter die Heizer gehen? Ichs schüttle den Kopf und sage: „Einer meiner Jungs aus der Aufklärungssprechstunde…..“. Der Installateur sieht auf das Honigbrot und sagt: „Aber als Erpresserin hamse noch ne große Zeit vor sich.“ Ich nicke und frage: „Und?“ „Um Neune am Montag, soll der Knabe mich ma anrufen, aber um neun heißt um neun.“ „Alles klar“, sage ich und buttere ein zweites Brot und streiche Honig herauf: „Macht Schwiegermütter schwach“ sage ich und der Installateur lacht.

Dann rase ich stadteinwärts. In der Bahn sitzt eine Frau neben mir, die sich als Schamanin vorstellt. Sie interpretierte Rauchzeichen erklärt sie mir, sie riecht nach Rauch und billigem Parfüm, ihre nassen Haare hinterlassen, dicke schwarze Flecken auf meinem Mantel. Bevor sie aufsteht, zeigt sie in die Wolken: „Eines Tages, da flieg ich davon“, erklärt sie und ich nicke. „Alles Gute“, sage ich.

Angekommen bespreche mit dem G. und D. zukünftige Dinge.

„Um Punkt 11.20 Uhr muss ich hier raus sein, sage ich.“

„Dir auch einen guten Morgen werte Read On“, sagen G. und D.

„11.20 Uhr“, sage ich.

„Hast du jemanden bewusstlos geredet und heiratest?“

„Hahaha“, sage ich und ziehe die Augenbraue hoch.“

„Ich treffe um 12 Uhr eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Du machst was?, fragt der G.

„Ich treffe eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Dich auch schon eingeladen habe?“

„Du lieber G. hast mich dazu eingeladen, die Datsche deines Großvaters zu entrümpeln und das Wort Torte fiel in diesem Zusammenhang wirklich nicht ein einziges Mal.“

Der G. schweigt.

Der D. lacht.

Ich suche meinen Kugelschreiber.

Um 11.23 Uhr stürme ich heraus und treffe die wunderbare Sabrina.

Es gibt Zitronecremetorte, alte Türklinken, Baumkuchentorte und vor allem so viele, schöne Geschichten und Gesprächsfäden, die ich mir alle in die Manteltasche schiebe, und vorsichtig in Seidenpapier einwickeln will. Es ist so leicht es zu vergessen, aber es gibt grandiose Menschen in diesem Internet.

Dann fahre ich zurück in den Süden, laufe um drei Ecken, ein Hund setzt mit sehnsüchtigen Augen vor einem Fleischhauerladen, zwei alte Damen in pinken Bomberjacken ratschen über einem Bier und natürlich is punk not yet dead, der Gemüsehändler preist Mangos und Blumenkohl an, eine Frau hupt immer wieder, aber nichts passiert, ich hole zwei Bücher ab, die Bücher riechen nach Tabak und Einsamkeit, die Widmung ist längst schon verblasst und mir ist als seufzten die Bücher in der Tasche nicht wenig. Dann gehe ich Blut spenden. Es ist niemand dort, die so netten Blutspendendamen erzählen mir von einem umgekippten Weihnachtsbaum, vergleichen Kartoffelsalatrezepte, beschweren sich über den Müll auf den Straßen, nehmen mir ganz nebenbei Blut ab, wir schenken uns gegenseitig kleine Marzipanschweine und die Blutspendendamen nötigen mich zu Bechern gräulich süßen Tees. Keiner der Damen und auch ich nicht sind in den Grenzen Deutschlands von 1937 von denen so viele träumen, geboren. Sie alle fallen mir als erstes ein, denk ich an Deutschland, nicht nur in der Nacht.

Ich trinke einen halben Liter Apfelschorle, für zwanzig Minuten lege ich mich unter einen Schreibtisch, dann Arbeit und Marzipan. Einem Weihnachtsmann den Kopf abzubeißen, das bringe ich dann doch nicht über das Herz. In der Schreibtischschublade sitzt auch noch ein Lindt-Hase.

Fast alles habe ich schon vergessen aus jenen Jahren oder will mich nicht erinnern, manchmal ist das fast schon dasselbe, aber doch spät Abends in einem leeren Büro, da springt noch einmal ein Plattenspieler an. Ich war siebzehn, er war älter, der Himmel war blau, oder fast schon schwarz, und am Ende der Nacht, da hatte mein Kleid keinen Reißverschluss mehr.

Aber heute Nacht tanze ich nicht mehr.