Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

Sonntag

Nachts um zwei Uhr unruhige Träume, oder vielleicht auch nur die Schatten an der Decke. Wer weiss das schon genau zu sagen? Ich weiss es nicht. Aber aufstehen tue ich doch, meine Grossmutter sagte es sind nicht die Monster unter dem Bett vor denen man sich gruseln müsse, sondern der eigentliche Schrecke sei die Weigerung aufzustehen und nach zu sehen, was denn eigentlich geschehen sei. Damals als sie es das erste Mal zu mir sagte, wusste ich nicht, dass sie in Wirklichkeit nicht über die Schattenmonster sprach, sondern über ganz andere Dinge. Aber aufgestanden bin ich schon damals und auch heute stehe ich auf.

Der Hund schläftmit leise zuckenden Pfoten, die Katze schläft mit eingerolltem Schwanz. Die M. schläft und ich schlafe nicht. Ganz leise, also auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tapp, tapp, tapp. Ein Glas kaltes Wasser aus dem Hahn und eine Handvoll Eiswürfel hinterher. Das Eis knackt zwischen den Zähnen. Immer dieser Durst. Ich schäme mich für diesen Durst schon immer. Ich kann nie langsam, nie angemessen trinken, ich kann Wasser nur gierig herunter schlucken, die Eiswürfel sind schon verschwunden, immer der Durst und die Scham und dann sehe ich mich um, ob mich nicht doch jemand beobachtet. Immer die Scham.

Eine ganze Weile sitze ich auf dem Sofa und sehe auf die leere Strasse. So heisst das ja oft im Gedicht oder im Film oder in einem der vielen Kriminalromane. Aber eigentlich gibt es keine stille Strasse. Der Nachbar kann auch nicht schlafen oder sucht seine Monster, jedenfalls raucht er am offenen Fenster. Der Nachbar bläst Rauckringel in die Luft. Vielleicht müssen die Monster davon husten. Ein Auto fährt einmal, zweimal, dann dreimal die Strasse hinauf und wieder hinunter. Dann geht der Motor aus und eine Frau schreit in ein Telefon. Damn it schreit sie, aber ihre Monster kümmert das nicht. Lauteres Geschrei. So viel Wut, überall so viel Wut. So müde Monster. Das Auto hupt aus irgendwelchen Gründen vier Mal- vielleicht gilt in Monsterkreisen die vier als Unglückszahl und nicht die Dreizehn? Dann krakeeln drei Möwen. In den Nächten von Samstag zu Sonntag halten die Möwen grosse Bankette an den Müllkübeln ab. Pieter Breughel hätte daraus grosse Bilder gemacht, aber ich sitze nur vor dem Fenster und sehe den Möwen zu, die Trinklieder singen und ihre gelben, gezackten Schnäbel mit Essensresten beladen stolz in die Höhe recken.
Dann habe ich kalte Füsse.
Zurück ins Bett.
Noch einmal einschlafen.

Am Morgen mit dem Hund durch das Viertel spazieren.
Sturm liegt in der Luft.
Der Hund seufzt.
Die Welt seufzt, sage ich Hund.
Der Hund nickt.
Zuhause richte ich Porridge.
Die Katze glaubt es gereiche ihr zu ihrem Vorteil wenn Sie nur zwischen Topfdeckel und Rührlöffel spränge.
Hier irrt die Katze.
An jedem Sonntag fallen harsche Worte zwischen mir und der Katze.
Aber an diesem Sonntag tappt wenigstens der Hund nicht in die Porridgeschale.
Im Schwimmbad ist es voll.

Am Sonntag sind Schwimmstunden für Kinder. Die Kinder sind schon groß. Vielleicht steigt mit der abnehmenden Angst vor den Monstern die Angst vor anderen Dingen wie dem Wasser. Die großen Kinder haben fast alle Angst vor dem Wasser. Das muss schwer sein mit der Angst im Nacken schwimmen zu sollen. Die Kinder sollen an Schwimmnudeln herunter ins Wasser gleiten. Die Kinder fürchten sich. Überall diese Angst denke ich. Überall die Angst.
Am Nachmittag habe ich der M. einen Kuchen für den Abend versprochen. Die M. hat Besuch. Ich backe einen Kuchen mit dicker Orangenglasur, auf der Straße spielen Kinder Himmel und Hölle. Da ich die Hände schon in Seifenwasser habe, ist es nicht mehr weit bis ich Seifenblasen aus dem Fenster puste. Die Kinder haschen nach den bunten Kugeln. Eine ganze Straße voller Lachen.

Später lese ich im Internet herum. Die Polizei in Bremen hat ein Video veröffentlicht, das bei der Identifizierung von Tätern helfen soll. Mich macht immer wieder neu sprachlos wie viele Kalle Blomquvist Detektive mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien dort in den Kommentaren herumpoltern, sich in wildesten Gekreisch übertreffen und nichts zur Sache beitragen. Ob diese Menschen auch glauben, dass James Bond wirklich mit einem Auto über die Dächer fliegt? Und ob diese Menschen wohl in ihrem ganzen großen Wutgeheul nie einmal innehalten, um in sich zu gehen und einfach einmal still zu werden?
Dem Besuch der M. unaufmerksam zugehört.
Spät am Abend einen Pfirsich geschält.
Vergessen das warme Wasser anzustellen. Sehr kalt geduscht.

Später noch in den Nachrichten vom Angriff auf den Gdansker Bürgermeister Paweł Adamowicz gehört.
Später noch, einen halben Tag später ist Paweł Adamowicz tot.
Die Monster schlafen nie.
Cześć Jego pamięci.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissenAn jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Der Tag ist noch müder als der alte, treue Hund und ich.

Der Hund sieht mich zweifelnd an.

„Doch“, sage ich, heute wird ein schöner Tag.

Der Hund gähnt.

„Du wirst schon sehen“, sage ich.

Der Hund seufzt so wie Kinder seufzen bevor sie zu ihren Eltern sagen: „Immer muss ich machen, was ihr wollt. Nie darf ich.“

Der Fußweg ist dreckig.

Bierdosen, Zigarettenkippen, eine Schüssel mit Biomüll, ein zerrissenes Handtuch, ein alter Schuh, ausgespeibter Kaugummi. Tüten in denen einmal fettiges Hähnchen gewesen sein mag. Alles ist voller Müll. So viel geben die Menschen auf sich, aber auf das wo sie leben geben sie nichts.

Der treue, alte Hund und ich gehen auf der Straße. Scherben sind nicht gut für Hundepfoten.

Langsam gehen die Straßenlaternen aus. Eine nach der Anderen.

Wie schade das doch ist, denke ich, dass es keine Nachtwächter mehr gibt, die singend durch die Straßen ziehen.

Der treue, alte Hund und ich nehmen den ersten Zug nach Howth.

Wir sind ganz allein. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Müde ist der Hund, nicht morgenmüde, sondern müde an sich.

Der Hund ist alt.

Der Zug rattert durch die Vorstädte und kurz bevor der Zug zum letzten Mal anhält, wecke ich den treuen, alten Hund.

Dann wandern wir durch das noch schlafende Städtchen. Noch schlafen auch die Touristen.

Der treue, alte Hund kennt den Weg. So oft sind wir ihn schon gegangen, den Cliff Path über Howth. So gehen wir langsam die Klippen hinauf, mild ist der Morgen, manchmal im Januar tut Irland so als läge unsere Insel am Golf von Neapel und nicht an der irischen See und dem Atlantik. Im August käme Irland niemals auf die Idee uns den Süden vorzugaukeln, aber manchmal im Januar krempelt der Wind sich die Hemdsärmel auf und erzählt uns von einer Liebe im Süden.

So oft sind der Hund, der Tierarzt und ich hier gegangen. Wieder und wieder. Der Tierarzt mochte am Liebsten im Gehen reden, und so liefen wir weiter und weiter auch dann noch als der Tierarzt eigentlich gar nicht mehr gehen konnte. Hier zwischen dem Ginster und den schroffen Felsen zur Linken liegen so viele Gespräche von uns. Angefangene und Abgebrochene. Aber jetzt fassen meine Hände ins Leere und der Ginster, die Felsen und auch das Meer schweigen.

Der Hund seufzt.

Ich seufze.

Schweigend gehen wir die alten Wege entlang.

Ganz oben, noch vor dem Leuchtturm kämmt sich die Sonne das goldene Haar. Die Sonne ist großzügig heute, mir legt sie eine goldene Hand auf den Arm und auch dem Hund schenkt sie goldenen Glanz.

Heute wird ein schöner Tag, sage ich noch einmal und diesmal gähnt der Hund nicht.

Wir steigen zum Leuchtturm hinunter und ruhen uns in der Mitte der Sonne und im Ginster aus.

Ganz blau ist das Meer, ganz mild wie der Morgen ist das Meer.

Dann gehen wir zurück auf den Pfad und zurück in den Ort. Inzwischen kommen uns Sportler und Wanderer mit guten Vorsätzen. Die Sportler haben wenig Geduld mit den guten Vorsätzen und die guten Vorsätze sitzen bald am Wegesrand.

Auf dem letzten Kilometer wird der Hund so müde, dass er nicht mehr gehen mag.

Ich schleppe den Hund zur Bahn zurück.

Die Leute sehen mich seltsam an.

Vielleicht denke ich, lieben sie niemanden der müde Füße hat.

Der Hund kriecht in mich hinein.

„Für müde Pfoten muss man sich nicht schäme“, flüstere ich dem treuen, alten Hund ins Ohr.

Der Hund schläft auf der Rückfahrt. Ich sehe aus dem Fenster.

Zurück zu Hause schläft der Hund vor dem Kamin.

Die Katze poltergeistert herum.
Ich bringe die Decken in den Waschsalon. Dort drehen sich die Deckbetten für ein paar Stunden in einer riesigen Maschine.

Herr X. Besitzer des Waschsalons hat auch gute Vorsätze gefasst.

Dieses Jahr wird er seinen Schwager nicht wieder für vier Wochen beherbergen.

Noch wichtiger aber Herr X. macht ernst mit dem Verkauf nicht abgeholter Wäsche nach der festgesetzten Frist.

Herr X. sagt: „Sie sind meine Zeugin.“

Ich nicke ernst.

Herr X. ist beruhigt.

„Haben Sie auch Vorsätze gefasst, Fräulein Rad On?“

„Nein, sage ich, mir sind die Nachsätze lieber.“

Das leuchtet Herrn X. ein.

„Ihre Betten sind sicher“, sagt er.

Ich bin darum sehr froh.

Dann gehe ich einkaufen.

Im ersten Laden kaufe ich Käse.

Ich vergesse die Eier.

Im zweiten Laden kaufe ich Trauben, zwei Kaki, Rosmarin, Thymian, Salat, Rosenkohl, Kartoffeln, Milch, Reis, Joghurt, Nussschokolade, ein Netz Orangen und Entenbrust.

Ich vergesse die Eier.

Im dritten Laden stehe ich lange im Gang.

Ich überlege was fehlt?

Cottage Cheese? Clementinen? Griechischer Joghurt?

Kurz bevor ich den Laden verlasse, fällt es mir ein.

Ach, ja klar: Waschmittel.

Im vierten Laden dann: sechs braune Eier. Die organisch-glücklichen Hühner auf der Pappe grinsen hämisch.

Zuhause klingelt das Telefon.

Dann geht die Tür.

Der Nachbar hat sich ausgeschlossen.

Den Ersatzschlüssel findet die M. nicht.

Dafür habe ich ja das 15er Skalpell.

Der Nachbar ist erleichtert.

Er hat Reis auf dem Herd.

Ich blättere durch die Zeitung.

Im Radio spielt Yehudi Menuhin Geige.

Ich mache Ente mit Orangensauce für die M., den Hund und die Katze.

Die M. heizt den Kamin an.

Die Schokoladencreme brennt nicht an.

Die M., der Hund, die Katze und ich haben warme Füße und die M. dazu noch ein Glas Wein.

Die M. lächelt und erzählt von einem völlig missratenem Cassoulet, die Katze schnurrt und träumt vom Mäusefasching, der Hund liegt vor dem Feuer und seine Pfote deutet einen langsamen Walzer an.

Heute wird ein schöner Tag, das habe ich doch schließlich versprochen, ganz früh am Morgen, noch halb im Bett, neben mir die müde Nacht und ein Viertel Tag.

A Tale of Two Streets

Dublin is a rich city.

Sometimes I forget how rich this city can be. Right place, right time, fortune makers are no fortune tellers.

I asked a fortune teller once. She had no good news.

So rich, Dublin city.

It is easier to forget than to remember.

I know the grit better than well- groomed hedges. I can’t help it.

I have a bit of time of left.

Dublin can be such a rich girl. Pearls like fists. You know what I mean. Don´t you?

Golden frames, windowpanes, fine teak, true antiques. Big cars. Bigger cars. A Ferrari. A yellow one. Playful, sweetlike. Aren´t we all children sometimes?

Sweet kids, of course. Such a rich city, rich city girls waiting for the car valet.

The men make business, the children breath entitlement, the pavement too, the women look good, sometimes they look even better when the divorce gets through.

I stand there in the rain, window shopping is just another word for waiting. Oil paintings, hunting scenes, the empire is not dead yet. Red coats, dead hogs, a man drinks old sherry. Dublin is a rich girl. Christmas trees, candlelights, button-up or button-down, your so silent rich girl I think, when do you ever speak. I am leaving. Such a rich girl you are I think

I don´t know thing about you. I walk back. It is not a long way.

Just a one way.

One bridge,

Two traffic-lights,

One zebra crossing

Two pharmacies, one deli, one Supervalu later, Dublin is poor again, or at least poorer. Just an ordinary street.

A pizza place.

A Laundromat.

A bakery. Orange brownies. What is not like?

Puddles of all sorts. Water, dirt, puke. It´s Christmas season after all.

All souls.

An ATM machine.

A vegetable shop.

600 metres maybe more, maybe less.

I stop.

They have honeymelons in the window.

They just look like a summer day. A day without shadow. Blasting heat. Hell I am roastin, the Irish say. I am so cold. Always cold. Rain is dripping. I could go and buy one, I want to convince myself here. It is turnip season after all. I have a bad conscience. But the honeymelons, I can smell under my tongue. I look up, suddenly. Why did I look.

A Woman on the street stands somehow awkward at the corner.

She looks cornered. Sometimes my English can´t follow my eyes.

The woman is still there. Standing still. Why is she standing so still? Is cornered actually a word? I forget the honeymelon, I hear a man shout. I am not surprised. Men are shouting all the times. Couples have issues, don’t they? It’s Christmas season after all. Finally I listen. Listen what the man shouts at the woman. The woman, still the same woman, standing there. He shouts, but I don´t, he shouts like a child would, looking for words, but finding any. I takes me a moment, because sometimes I don’t trust me English. Am I getting it wrong? Am I a not? More shouting, louder and louder, and the woman still standing there frozen. It takes another moment until realize that this man and this woman have never met before. She just meets his scorn.

Out of the sudden he jumps forward and grabs her by the arm, drags her with him. A massive lad, he is wearing stained jeans, and cut off bin bags, he has a firm grip at the woman he just shouted at. Finally I grab the woman by her elbow. So cold, I think, my hands are always cold. I want to tell her, I am so sorry for my cold hands. The man is shouting trying to drag the woman with him. Strong this man. A heavy grip, my cold hands are clammy.

Don’t be afraid I want to to tell this woman, but the words do not come. So strong is his grip, I shout, finally two men come to help.

Arab men, vegetable sellers. The honey melon still behind the warm windows. Three pairs of hands finally, the man caves in, all so sudden, we land on the pavement. The vegetable vendors keep the shouting man at bay. So loud, his voice is a boomerang, a grinding piece of metal. The woman cries. A man calls the police. There is a man who grabs women on the street. He fells silent, the police needs twenty minutes. The woman is shaking.

I want to tell her that she will be ok. It is just 6.30pm, this is busy street, but I don’t tell her. I can’t. Your fingers, she whispers are so cold. She covers her ears.

The man throws a beer can at the two men, then he turns around, walks across the street, disappears, is gone. We are still waiting. The woman, the two men and I. We don’t speak. I look back. The street makes a swift left turn, where the street turns left, Dublin is a rich city, grand houses, proper fire places, security alert, fine wreaths, careful measured scorn. Warm windows glowing, silk tapestries, heavy linen, brass plates, velvet curtains. Dublin is a rich city. Sometimes I forget the riches. I don’t buy a watermelon. Count your blessings, the policeman looks so young. The woman shivers.

“Can you tell me what happened?”

It is still raining and my hands are still so cold.

Sonntag

Um zwei Uhr wache ich auf. Vor meinem Fenster gähnt der Halbmond, reibt sich die Hände. Er friert und ich habe kalte Füße. Das bringt der November so mit sich. Einen Mond mit blauen Lippen und kalte Füße dazu.

Vor dem Fenster steht eine Laterne. Um die Laterne tanzen drei Männer. Erst denke ich, ein Rest eines merkwürdig verschobenen Traumes verlagert sich dort unten auf die Straße, aber dann finde ich meine Brille und die drei Männer tanzen noch immer um die Laterne. Ringelreihen oder der Plumpsack geht um, eines jener Kinderreime, aber dann singen sie mit taumelnden Lauten ein Sport-Jubellied, denn ein paar Stunden zuvor  hat Irland im Rugby gegen Neuseeland gewonnen. Irgendwann wird ihnen schwindlig und dann sitzen die drei Männer auf dem Bürgersteig und trinken Bier.

Der Mond schweigt über all dies und auch ich vergrabe mich tiefer in die Kissen. Am Morgen hebe ich die Bierbüchsen auf.

Der Mond lehnt seine Wange an die der Sonne, dann geht auch er.

Ich koche Kaffee, die Katze schlürft Milch, der Hund tapst in den Wassernapf, eine große Pfütze. Die Katze grinst, der Hund tapst in die Milchschale, die Katze grinst nicht mehr. „Ach Kinder“, sage ich. Der Hund will doch zeigen, dass er nicht nur Tollpatsch ist, schon stößt er meinen Kaffeebecher um. Wenigstens die Katze ist mit meinem Unglück versöhnt. Der Hund schleicht mit gesenktem Kopf zur Tür. Dann gehen wir langsam durch das Viertel, zwei Kinder kommen angerannt und ziehen am Hund, oh wie niedlich sagen die Eltern, „bitte fassen sie meinen Hund nicht einfach an“ sage ich, der Hund versucht sich unter einer Hecke zu verstecken. „Aber wenn er doch so süß ist“, sagen die Eltern. „Nein“, sage ich. Die Eltern starren mich an. Die Kinder jagen eine Katze.

Der Hund legt sich seufzend auf das Kissen. Die Katze liest die Zeitung und macht ungeduldige Schwanzbewegungen, manchmal glaube ich die Katze ist Spitzenpolitikerin und verhandelt für die Republik der Katzen die Milchpreise neu. Chancen auf die Zeitung rechne ich mir keine aus.

Am Abend zuvor habe ich Frau Crocodylus und ihren Mann kennen lernen dürfen und als ich Honig auf ein Brot träufle, denke ich mit großer Dankbarkeit daran, wie viele wunderbare, einzigartige Menschen ich über dieses Blog schon habe kennen lernen dürfen. Frau Croco liest dieses Blog schon, so lange wie es besteht und diese Form des begleitenden Lesens ist für mich ein besonders großer, unschätzbarer Wert. So viele Gedanken und Kommentare, so viele verschiedene Stimmen tragen dieses Blog Tag für Tag. Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.

Dann Sonntagsschwimmen. Die schmale Sonne im Fenster und für viele Bahnen ist es ganz still in meinem Kopf. Dann rennt ein Mädchen begeistert noch mit Socken in den Pool. Platsch. Kurz darauf verliert ein Schwimmlehrer beim Vorführen der richtigen Kraultechnik die Balance. Platsch. Prustend taucht er neben mir auf. Tschuldigung, sagt er. Kein Problem sagte ich, ich kenne einen Hund, dem geht es so wie ihnen. „Hauptsache Humor“ sagt er. Dabei ist es mir doch immer ernst.

Lange in Jonathan Coes Middle England  gelesen.

Möhren geschält, Kartoffeln geschält, über Zwiebeln geweint. Rind geviertelt. Knoblauch zerdrückt, mit Töpfen, Pfannen und der Casserole hantiert, Beef Stew in den Ofen geschoben, Kartoffelstampf fertig gestellt. Auf einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze erhalten. Der Katze Kartoffelstampf verweigert. Die Katze verärgert davon eilen sehen. Man wird in der UN von ihr hören.

Eingeschlafen.

Aufgewacht. Zum Glück schmurgelt der Stew weiter unauffällig vor sich hin.

Die G. hat sich angesagt, die G. ist eine Freundin der M. Der M. gehört das Haus in dem ich lebe. Die G. ist für ein paar Tage in der Stadt. Leeds, sagt die M.

„Aha“, sage ich.

Die M. sagt nach Freundlichkeiten, zwei Gläsern Wein und einer Karaffe Wasser für mich: „G. wie hast du denn damals abgestimmt G. als es um den EU-Verbleib ging?“

„Gar nicht“, sagt die G. „wer konnte denn das schon ahnen?“ „Das hat doch niemand ahnen können.“

Dann schweigen wir alle und essen Stew.

„Ich will nur noch, dass es endlich vorbei ist, sagt die G., egal was kommt, Hauptsache, dass alles geht irgendwie vorbei. Man hört ja nichts anderes mehr als Brexit, Brexit, Brexit, Brexit. Es wird schon irgendwie weitergehen, keep calm and carry on, es soll nur endlich vorüber sein.

Wir schweigen lange.

Ich schlucke und sage dann doch: „ Wieso aufhören?“ „Es fängt doch gerade erst an.“ Die G. starrt mich an. „Es fängt doch gerade erst an“, sage ich noch einmal.

Dann knallt es in der Küche. Die Katze hat mit einem beherzten Sprung versucht den Deckel vom Stampfkartoffeltopf herunterzureißen, der Hund sieht verdutzt auf den Deckel zwischen seinen Pfoten. Ich verbanne die Katze in den Garten.

Die Katze faucht verächtlich.

Der Hund kaut entsagungsvoll auf meinem Pantoffel.

Die G. schweigt noch immer.

„Will jemand Kaffee?“ fragt die M.

Der Mond sieht mir über die Schulter, später, da liege ich im Bett noch immer mit Jonathan Coe in der Hand. Der Hund schnarcht. Die Katze lässt die offerierte Versöhnungsmilch stehen und rollt sich in meiner Strickjacke ( streng verboten ) auf dem Sessel ein.

Von Menschen oder dem Mond, der mit den Knöcheln leise ans Fenster klopft, will sie nichts wissen. Ich mache das Fenster trotzdem auf. Der Mond wärmt sich die kalten Hände.

Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Im Supermarkt, kurz nach halb acht am Abend, London.

Das Offensichtliche:
Der Haushalt ist der Erwähnung nicht wert. Auch nicht, dass zum ersten Mal die Kinder 1-4 nicht den Belag von der Pizza herunterpulten oder nur den Rand knusperten, sondern alles, alles, alles aufaßen ist es nicht. Das lag nämlich nicht an mir und meinen Pizzabackkünsten, sondern an einem Schwimmbadnachmittag. In London nämlich ist es heiß.
So heiß, dass auch ein Wassereis-Everest in vier Kindermündern schneller schmolz als der Tierarzt sagen kann: „Wer soll das alles essen?“
Die Kinder 1-4 sind natürlich jeder Erwähnung wert und das Staunen, das nicht nachlässt über Bébé No. 5, das kleine Täubchen, das Lächeln meiner Schwester und das Glück meines Schwagers, das ist so offensichtlich, dass es jede Erzählung nur kleiner machte. Deswegen stellen sie es sich vor, das ganze große Glück.

„Fünf“, sagt meine Schwester. Eine Handvoll, sage ich und küsse ihre Fingerspitzen.

„Wie schön Du bist“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„Wäschst Du mir die Haare?“, fragt sie.

Ich wasche ihr die Haare. Meine große Schwester seufzt selig genau so wie das kleine Täubchen im Arm ihres Vaters.

Wir spannen die Hängematte auf. Ein Wochenbett kann auch eine Hängematte sein. Bébé No. 5 ist einverstanden.

Am Abend, Kind 1 liest, Kind 2 kichert mit einer Freundin am Telefon, und die Kinder 3 und 4 schlafen schon aber es lag nicht an meiner Geschichte von Fräulein Rosa und einem Ausflug zum Nil, sondern an den sommerschweren Gliedern, sollen Schwager, Schwesterchen und Bébé Zeit für sich allein haben.

„Sag das nicht“ protestiert Schwesterchen.

Ich werfe ihr Kusshände zu und dann gehen der Tierarzt und ich einkaufen. Das ist der Rede wert, denn der Tierarzt kann doch Lebensmittel in gehäuften Mengen kaum ertragen. Aber er nickt und zählt die Jutebeutel.
Zum Wochenbettservice gehört nicht nur Vollpension, sondern auch ein gut gefüllter Kühlschrank mit Sachen, die sich Schwesterchen und Schwager sonst eher verkneifen. Fünf Kinder gibt es nicht für umsonst.

Auf der Straße steht die Hitze. London atmet so als sei es Brindisi.

In den Pubs trinken die Leute Aperol Spizz und ganz London ist entschlossen sich heute Abend zu verlieben.

Zwei U-Bahnstationen weiter steigen wir aus. Ein großer Sainsbury an der Ecke.

Wir kaufen das Lieblingsgranola von Kind No. 1, Joghurt auf dem Luxury steht, der Tierarzt sucht nach den Lieblingssäften vom Schwesterchen, ich sage zum Mann an der Theke mit Delikatessen: Mehr davon. Der Mann nickt. Ein Anlass?, fragt er. „Oh ja, sage ich, eine ganze Handvoll!“ Der Mann lacht. „Davon auch mehr“, sage ich.
Wir kaufen Erdbeeren und Clotted Cream, Lachssteaks, Salat, belgische Schokolade, Mangopüree und von jeder Sorte Italienischer Nudeln mindestens zwei, sage ich. Wir kaufen den Kaffee, den mein Schwager sonst nur zum Shabbes trinkt.
„Wir brauchen einen zweiten Wagen“, sagt der Tierarzt, um eilig hinzuzufügen: „Ich gehe schon.“
„Wir treffen uns beim Käseregal“, rufe ich ihm hinterher.
Dann kaufe ich Brokkoli und junge Erbsen, und reife Ananas.
Neben mir steht ein Mann, alt ist der Mann. Ein Gesicht wie ein verwitterter Wetterfleck. Eine Jacke trägt er trotz der Hitze. Unscheinbar ist die Jacke, aber erst als ich Bananen in den Wagen lege, fällt mir auf: fadenscheinig ist das richtige Wort. Der Mann steht vor einer Kiste mit Kohl und Mohrrüben. Gelb ist der Kohl schon und die Mohrrüben haben welkes Grün. Aber am Abend da setzt Sainsbury die Preise herunter. 50 Percent off steht an der Kiste. Der Mann legt einen Kohlkopf und vier Mohrrüben in seinen Korb. Er sieht zum dem Regal mit den Südfrüchten herüber. Aber die Melone, die Mango und auch die Ananas sind nicht heruntergesetzt. Auch nicht die British Strawberries und die Kirschen, die dunkelroten, die kosten weiterhin 3 Pfund.
Da ist der Mann schon an mir vorbeigegangen. Vor einer Kiste mit Kartoffeln steht er, drei Kartoffeln fingert er schließlich heraus und legt sie zu den Möhren und dem Kohl dazu.
Ich gehe zum Käseregal, aber plötzlich sehe ich sie überall, die alten Leute links und rechts von mir, mit einem fast leeren Korb in der Hand und im Korb liegen immer die gleichen Dinge. Was in ihren Körben liegt, das ist reduziert. 30%, 50% und wer Glück hat der bekommt vielleicht eine Packung Würstchen, die beim Transport beschädigt wurde um 70% reduziert.
Eine Frau hat eine Flasche Milch und eine Tüte Salisbury Chocolate Chips im Korb und sieht steht vor einem Schild auf dem steht Salisbury Delectable Cakes, Aber die Kuchen sind nicht reduziert und die Frau geht weiter. Der Tierarzt findet mich schließlich beim Käse, denn ich bin fest entschlossen Käse zu kaufen, denn die Kinder wachsen und wie wir alle, lieben sie Käse. Richtigen Käse nicht die Familienpackung Gummigouda von Lidl.
Neben mir steht wieder der Mann mit dem krummen Rücken, dem Stock in der einen Hand und dem Korb in der anderen, er sieht auf ein Stück Gorgonzola herunter. Das Stück Gorgonzola kostet 2 Pfund und 19 Pence. Ich habe drei größere Stücke Gorgonzola im Einkaufswagen zu liegen und der Tierarzt, sagt: „Mädchen willst du den Parmesan oder?“ Ich nicke und sehe dem Mann nach, der ohne Gorgonzola in der Hand zur Kasse geht. Dann legen auch wir den halben Supermarkt auf das Band, wir füllen die vier Jutebeutel und den riesigen Wanderrucksack auf meinem Rücken. Hinter uns legt der Mann seine Einkäufe aufs Band.
„Tierarzt“, sage ich, „warte kurz“ und dann wuchte ich den Rucksack wieder von meinem Rucksack herunter, sprinte zum Käseregal, greife nach Gorgonzola, einem Stück Emmentaler, einer großen, gelben Honigmelone British Strawberries und Kirschen als ich wieder an der Reihe bin, ist der Mann noch damit beschäftigt seine Einkäufe umständlich in einen Beutel zu verstauen.
„Sorry Sir, sage ich vorsichtig und er sieht mich misstrauisch an, sorry Sir, we bought so much, we really can not carry even the tiniest bit more, would you mind taking those?“

Ich lege den Käse und das Obst vor ihm hin.

Er starrt mich an.

„Thanks for helping“, sage ich und „Goodbye.“

Dann gehen wir aus dem Sainsbury hinaus.

Ich drehe mich nicht um, aber nicht wegen des schweren Rucksacks auf meinem Rücken, sondern weil ich mich erinnere, noch ganz genau, als ein Fremder in einem Supermarkt in Berlin als auch ich, kaum Geld hatte, mir Käse, frisches Brot und Birnen übergab, mit den Achseln zuckte und sagte: „Ich hatte ganz vergessen, ich vertrage den Käse gar nicht mehr.“ Irgendeine Allergie.“ „Helfen Sie mir, wäre doch schade, wenn das schlecht würde.“ Ich hatte am Regal mit Dosenravioli mein Kleingeld gezählt.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt vor dem Supermarkt.

„Tierarzt“, sage ich.

Mehr sagen wir nicht.

Es ist noch immer nicht dunkel, als wir die Wohnungstür aufschliessen und auch nicht als wir die Einkäufe in Kühlschrank und Speisekammer verstaut haben und auch nicht als ich Schwesterchen, Bébé No. 5 und den Schwager auf die Nasenspitze küsse.

Sonntag

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Früh am Morgen hat das Gras nasse Füße.

Ich dann auch.

In den Kirschbaum klettern mit den alten Tennisschuhen.

Ich weiß gar nicht, wem die Tennisschuhe eigentlich gehören. Außer dem Tierarzt spielt niemand Tennis, aber die Tennisschuhe sind schon immer die Schuhe mit denen man in die Bäume steigt. Sie passen auch jedem von uns. Der lieben C. mit Schuhgröße 36 und mir mit Schuhgröße 40, eigentlich 41, aber das gebe ich nicht zu. Mein Vater steigt nicht in die Bäume. In die Bäume steigen bei uns nur die Damen.

Auf dem Apfelbaum sammeln sich die Stare und Amseln.

Im Stamm des Apfelbaums befindet sich das garteninterne Wettbüro. Gehandelt werden hier nicht Rennpferde oder Fußballspieler, sondern die Frage, ob das Fräulein Read On wohl durch die Krone bricht und sich den Fuß verstaucht.

Ich klettere hinauf, die Vogelschar johlt.

Die Vögel finden Menschen hätten im Kirschbaum nichts zu suchen.

Ich finde es sollte für einen Clafoutis reichen.

So unterschiedlich sind die Interessen.

Ich kämpfe mit den biestigen Kirschbaumästen.

Die Vögel brüllen Schlachtgesänge.

Ich schreie: „Ihr gemeinen Biester, euch soll die Katze holen“

Dann verfangen sich meine Haare in den Kirschbaumzweigen und na ja der Kirschbaum kann sich jetzt an Flechtfrisuren versuchen.

Die Vögel kreischen Obszönitäten.

Aber dann ist die blaue Schale voll und ich hangle mich wieder herunter.

Nur meine Füße wollen nicht so wie ich will und so zapple ich etwas hilflos mit den Füßen und finde die Leiter nicht.

Zum Glück ist die liebe C. aufgewacht und ruft: „Süße, links, du musst nach links.“

Meine Fußspitzen finden die Leiterkante.

Die Vögel sind enttäuscht.

Ich bin zufrieden.

Wir trinken Kaffee im Gras und essen Croissants auf der Terrasse.

Dann schließt die liebe C. die Praxis auf.

Der Notdienst beginnt um 9 Uhr.

Die erste ist Frau G.

Frau G. hat eine Krankheit und die heißt Einsamkeit.

Zwanzig Minuten erzählt sie der lieben C. vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

Dann quietscht das Gartentor und sie bringt eine Waschschüssel voll Kirschen vorbei.

Eine Stunde später weiß ich auch alles vom Rücken, vom Sohn in Bayern und dem Ziehen im Bein.

In der DDR hat Frau G. Handtaschen genäht, in der DDR gab es Fabriken in denen Frauen wie Frau G. Handtaschen für Quelle und Neckermann nähten.

Sie sagt: Wir Flüchtlingsfrauen waren froh um die Stelle.

Aber die Finger hat sie sich schon ruiniert. War ja Akkordarbeit und das Licht schlecht in der Fabrik. Aber als Flüchtling da durfte man sich erst recht nicht beschweren

Frau G. hilft mir beim Croissant-Essen. Dann fährt sie wieder los und ich gehe in die Praxis und gehe meiner lieben C. zur Hand.

Die liebe C. legt sich hin.

Ich rühre Mehl, Butter, Eier, Zucker, Vanille, Zimt und Topfen für den Clafoutis zusammen. Es ist ein Rezept meiner Großmutter unter dem Rezept steht: Bitte die Gäste vor dem Essen darauf hinweisen, dass die Steine noch in den Kirschen sind. Am 16.08. 1978 wäre Frau F. fast erstickt. Drei Ausrufezeichen.

Die liebe C. wird also vor den Kirschkernen gewarnt.

Wir beide atmen schwer nach dem Clafoutis, aber das liegt am Schmand und an der Butter.

Die liebe C. macht die Augen zu.

Ich telefoniere mit der lieben Freundin nördlich des Rheins.

Mit der lieben Freundin nördlich des Rheins lässt es sich vortrefflich telefonieren und da ich einen förmlichen Antrag auf Erhalt eines Wusnchzettels gestellt habe, wird es hoffentlich nie wieder vorkommen, dass ich ihr ein Buch, das sie schon hat auf ihre Rheinseite schicke.

Es hat mich scheußlich gefuchst.

Dann aber kehrt die liebe C. aus der Hängematte zurück und sagt: „Stell Dir vor, ich habe von einem scheppernden Wecker geträumt, den ich überall suchte.

Buhu, sage ich.

Wir essen Erdbeertorte zum Trost und dann ein Käsebrot.

Wir liegen im Gras und erzählen uns Dinge, die man sich nur im Schatten der Bäume und dem flackernden Sonnenlicht erzählt.

Ich wasche mir die Haare und die liebe C. bringt mich zum Zug.

Ich winke auch dann noch, wenn ich sie schon nicht mehr sehen kann.

Der Zug ist voll und ich stehe und mit mir stehen viele. Es ist müde Luft im Zug. Der volle ICE ist ein Aquarium für Menschen. Es ist stickig und warm, aber auf dem ipod ist Schuberts Winterreise.

Dann knackt ein Lautsprecher. Der Zugführer sagt: „Sehr verehrte Reisende, ich muss Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, die deutsche Nationalmannschaft hat das Auftaktspiel gegen Mexiko mit 1:0 verloren.

Ein Mann sagt: Mensch, was soll denn die Durchsage wir sehen das doch alles live.

Ein Mann springt auf und ruft: Ich möchte hier sagen, ich bin kein Mexikaner und finde die deutsche Nationalmannschaft ist eine tolle Mannschaft.

Applaus für den Mann, der kein Mexikaner ist.

Schubert in meinem Ohr ist auch nicht glücklich.

In der S-Bahn sitzen zwei Mädchen mit Plastikgirlanden in Schwarz-Rot-Gold neben mir.

Die eine der beiden sagt: Das ist alles die Schuld von dem Putin. Der hat die Gruppenauslosung manipuliert und jetzt haben die Deutschen die voll schweren Gegner und die anderen alle so die anderen. Die leichten halt.

Ihre Freundin nickt. „Aber das Make-Up hält voll gut, sagt sie und bewundert ihre Deutschlandfahnen auf der Wange im S-Bahn Fenster.“

Die Andere sagt: „Ja, steht dir voll gut, gerade die Kontraste.“

Ich steige aus und radle in den Wald zurück.

Für eine halbe Stunde sitze ich auf der Fensterbank und neben mir sitzt meine alte Freundin Wildtaube und knackt Sonnenblumenkerne.

Über dem Kirchturm geht die Sonne unter.