Was man im Frühzug hören kann

Ein Mann singt für seine Tochter am Telefon. Ein rumänisches Wiegenlied. Das kleine Mädchen weint erst, dann singt es mit und schliesslich drückt es Küsse auf den Bildschirm irgendwo in einem Dorf zwischen Bukarest und Timisora. Der Mann aber singt und singt für seine Tochter.

Eine Frau ist tief über einen Lottoschein gebeugt und murmelt: Sieben, nein drei, nein drei, sieben. Der 3.7. das war doch Nellys Geburtstag, doch, aber, ganz sicher ist sie sich nicht über die Zahlen, die ihr vielleicht zum grossen Los verhelfen oder auch nur zum Geburstagsdatum von Nelly.

Eine Frau mit flammend roten Haaren diktiert einen Einkaufszettel in ihr Telefon. Milch, Zucker, Erbsen, Baked Beans, Truthahnwürste, Spaghetti, Thunfisch. Manchmal stolpert das Telefon in seinen Notizen, dann atmet die Frau ganz langsam und sehr bewusst ein und aus und sagt zu dem Telefon: „Nein, nein, hier irrst du, es muss doch anders heissen und dann sagt sie noch einmal Thunfisch oder Erbsen, sie sagt es mit einer bestimmten Härte, sie sagt es wie Mütter die spät in der Nacht zu ihren betrunkenen Kindern sagen: „Nein, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.“ Dann zuckt die Frau doch noch einmal zusammen und diesmal ist nicht das Telefon schuld. „Kay“ ruft sie erschrocken, „Kay hasst Thunfisch.“ Sie starrt auf das Telefon, ungläubig fast, dass sie es sich beinahe mit Kay auf ewig verscherzt hätte. Nur das Telefon bliebt von dieser existentiellen Krise unberührt. Es sagt: „Kay privat anrufen.“ Aber die Frau unterbricht hektisch die Verbindung. „Nein, sagt sie, nein bloss nicht.“ Wer weiss schon ob das Telefon nicht in einer schwachen Minute Kay die fatale Einkaufsliste würde zukommen lassen.

Hinter mir sitzen zwei Männer, einer schläft fast, sein Arm liegt über seinen Augen. Er atmet schwer, aber sein Nachbar ist wie eletrisiert. Was für ein Tor, was für ein Schuss, was für ein Mann. Messi ist ein G’tt. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Bgeisterung und dann beginnt er noch einmal von vorn und kann sich nicht beruhigen über das Tor und einen Mann, der kein gewöhnlicher Sterblicher zu sein scheint, sondern ein G’tt ist an diesem Morgen wenigstens.

An der Schranke aber hupen zwei Lastwagen. Vielleicht zollen auch sie Messi Tribut.

Ernstere Gespräche aber führen zwei Männer, die blaue Arbeitshosen und karierte Hemden tragen. Sie essen Butterbrote und trinken schwarzen Kaffee.

„Schlimm sagen sie schlimm sei die Sache mit der Kirche.“

„Die Handwerker werden alles leugnen, sagen sie. Sie täten dasselbe. Einer muss Schuld sein und die Handwerker seien doch eh immer dran.“

Sie nicken vereint.

„Die Missus habe ihn auch in die Kirche geschleppt“, sagt einer der Handwerker.

Alle seufzen.

Aber schlimm ist es doch.

„Fast so schlimm wie bei seiner Schwiegermutter“ sagt der Mann in der Runde, der das grösste Butterbrot fingerdick belegt mit Butter und Schinken verzehrt.

Die Schwiegermutter sagt er habe sich ja immer schon wichtig genommen. Immer Sonntags zweimal zur Messe und dem Priester hier einen Kuchen und da eine geräucherte Forelle und imme rein süssliches Gedicht. Aber wehe er hätte einmal eine Forelle gefordert! Na jedenfalls habe die Schwiegermutter dann auch angefangen die Kirche mit Blumen zu schmücken. Scheussliche Blumensträusse. Er selbst könne sich sein Hochzeitsfoto gar nicht mehr ansehen, der scheusslichen lila Nelken wegen. Lila Nelken. Die Anderen drehen sich schaudernd weg. Jedenfalls sei sie auf immer verrücktere Ideen gekommen mit der Blumenschmückerei und ihrer Wichtigtuerei und im Herbst eines Jahres habe sie die Kirche mit ausgestopften Strohtieren ausgeschmückt.
Einen Hahn aus Stroh wegen Judas oder so und aus irgendeinem Grund auch ein Schwein aus Stroh auf dem Altar sogar, der Priester was dem Schwein sehr zugetan. Jedenfalls war die ganze Kirche voll mit diesen Tieren, selbst neben der Orgel war so ein Strohschaf und der Priester schrieb deswegen sogar nach Rom, um zu zeigen das seine Kirche jedenfalls die Originellste sei. Es habe alles auch in der Zeitung gestanden und seine Schwiegermutter habe die Artikel auf dem Gästeklo aufgehangen, damit auch keiner daran vorbeikam. Er habe damals gleich zu seiner Frau gesagt, dass das ein böses Ende nehmen würde mit den Strohtieren und Briefen nach Rom und so. Eines Tages sei es dann auch so gekommen, wie er gesagt habe.
Der Priester nämlich habe irgendwoher ein Bethlehemslicht bezogen, das Tag und Nacht brannte. Ob es nun Durchzug war oder was auch immer, das Bethlehemslicht sei umgekippt und natürlich direkt auf das Strohschwein gefallen und alles was danach kam, war Paris.“ Die anderen Männer nicken. Schwiegermutter hat natürlich wochenlang geheult, aber die Kirche war eben trotzdem hin. Der Priester musste bald danach gehen, aber die Schwiegereltern hätten ja dort das Haus und da sei nun nichts mehr zu machen.

Schlimme Sache, sagen die Männer noch einmal, die Sache mit Notre-Dame und deiner Schwigermutter.

„Man wird gute Handwerker brauchen“, sagt der Mann der bis dahin geschwiegen hatte und alle vier nicken.

„Für viele Jahre wird man gute Handwerker brauchen.“

Auf dem Bahnsteig singt eine Amsel.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

In der Dämmerung mit dem treuen alten Hund hinunter zum Fluss.

Ein Vogel, der vielleicht auch nur ein Schatten ist über unseren Köpfen.

Der Hund starrt lange in sein Spiegelbild.

Ob er wohl weiss, dass er es ist oder sieht er jedes Mal wieder einen neuen Fremden?

Am Ufer sitzt eine Wasserratte- braune Augen, sorgenvoll will ich fast sagen, aber ich weiss nichts über die Dinge unter unserem Boden. Vielleicht sind in den Kanälen ja gerade Bürgermeisterwahlen.

Komm, sage ich zum treuen, alten Hund, denn der Tag fängt ja gerade erst an.

BBC 4 beim Zähneputzen. Grüner Schaum vor dem Mund. Das ist ja dieser Tage so etwas wie angemessen.

Ein grosses Glas Wasser, zum Wachwerden, sagte meine Grossmutter, sie trank ihr erstes Glas Wasser lauwarm, aber mein Wasserglas ist kalt, Eiswasser, sie schüttelte den Kopf und ich küsste sie auf die Nasenspitze, so war das mit uns. Sie und ich und kaltes, klares Wasser.

Der Katze und dem Hund Frühstück anreichen.

Für mich ist es noch viel zu früh.

Die Katze rollt sich auf dem Sessel zusammen. Der Hund schläft auf dem Teppich ein.

Tschüss ihr beiden, Schlüssel, Telefon, Fabrikkarte, Portemonnaie?

Auf dem Weg zum Bahnhof drei Kastanien und auf einer Wiese eine Gruppe Birken. Ich warte mit brennender Ungeduld auf die grünen Blätter der Kastanie und auf das flirrende Birkenblätter. Aber heute, heute sind da nur die Knospen, aber noch keine Blätter. Vielleicht aber morgen, vielleicht sind die Blätter ja morgen schon da, nur heute sind sie es noch nicht.

Am Bahnsteig warten drei Männer mit Bohrmaschinen und staubigen, kalkbedeckten Jacken. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen und essen dicke Wurststullen dazu. Einer liest die Nachrichten vor. Irish Sun. Die Anderen nicken beim Kauen. Vielleicht wechseln sie sich ab mit dem Vorlesen, eine Zeitung für drei, ihnen ist Lesen mühsam, das hört man, sie halten inne, misstrauisch sind sie den Wörtern gegenüber und doch ist ihr Vorlesen würdevolll, einprägsam und für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen, verschlinge ich doch Wörter hastig und ingeduldig, das ist schon immer so gewesen. Die Männer aber gehen genau vor. Sie nehmen sich Zeit für jedes einzelne Wort.

All bonkers sagen sie schließlich, die Weltlage ist ja auch danach, dann schrauben sie die Thermosflaschen zu, streichen das Butterbrotpapier wieder glatt, knicken die Zeitung, aber so dass die Frau auf dem Titelblatt, die heiratet oder sich scheiden lässt, keinen Schaden nimmt.

Dann rauchen sie jeder eine Zigarette.

Wie schön doch Menschen sind, die lesen.

Dann kommt der Zug und dann beginnt ein langer Tag in der Mondsteinscheibenfabrik. Aber was in der Mondsteinscheibenfabrik geschieht, das bleibt in der Mondsteinscheibenfabrik.

Am späten Nachmittag hole ich die J. aus dem Institut ab. Sie lacht, ich lache, es ist leichter, wenn sie lacht und dann gehen wir in die National Gallery herüber, so als würden wir uns kaum kennen, so als wüssten wir in Wirklichkeit nicht was unsere Lieblingsbilder sind, so als seien wir ein zweites Date und nicht so viel Geschichte, so viel Zutrauen ineinander, für eine Stunde sind wir noch einmal uns fast fremd und hoffen und bangen wie ganz Frischverliebte, dass der Andere William Orpen nicht für einen stumpfen Portraitmaler hält oder nicht Herzklopfen bekommt bei Lucian Freud. Natürlich geht die Rechnung auf.

Der Museumwärter muss uns hinausklingeln. Wir lachen noch immer auf der Treppe. Der Wächter, der doch so streng klingelt, verzieht seine Mundwinkel. Das ist J. will ich ihm sagen, aber wir blinzeln ins Sonnenlicht und dann gehen wir ins Merrion Hotel, wo die Damen Seidenkleider tragen und die Männer Anzüge aus der Savile Row, denn Dublin will doch so furchtbar gern London sein. Die Seidenkleider rascheln und der Kellner, ist kein Kellner wie im Hotel Central sondern ein Teesommelier und wir beissen uns auf die Lippen, um ihn nicht zu verschrecken.
Der Tee, nein nicht aus Assam, kommt in einer schweren Silberkanne mit Gebäck und cremiger Milch, die Männer trinken Wein und lassen die Zigarrenkiste kommen, die Damen trinken Cocktails und wir trinken Tee und beugen uns vor in den tiefen plüschigen Sesseln. Von außen betrachtet noch immer ein zweites Date, Beeindruckungsversuche, aber das Bild täuscht, denn wir sprechen über den Tierarzt und die offenen Wunden, über S. und das Ende, über Kashmir und Sikkim, über einen Ort in Nainital, über eine gelbe Plastiktüte in einem Slum in Delhi, über so viele Dinge bei denen man in der einen Hand eine Teetasse und in der anderen die Hand des Anderen halten muss. Wir gehen, da haben die Damen in den Seidenkleidern schon rote Wangen und die Männer glasige Augen. Frische Luft auf der Straße, Regenwolken, die Kastanien schweigen.

Hunger?

Hunger.

Wir gehen zu Dunne and Crescenzi. Warm ist es dort, es riecht nach Basilikum und Knoblauch, nach Adria und der Toscana zugleich. Es ist ein kleines Restaurant, nur Dublin ist kleiner. Am Nebentisch sitzen ein Mann und eine Frau, schwere goldene Ringer, sie und er, zwei Tische weiter sitzt seine Geliebte mit ihrem Mann und am Tisch am Fenster, sitzt die Frau mit der, der Mann am Nebentisch ein Sohn hat. Alle grüssen sich freundlich. Das muss man wissen, wenn man in Dublin leben will, dass es so ist.

„Ich habe an den D. gedacht“, sagt die J.

„Weißt Du noch als du so deprimiert warst auf über D.?“

Ja, sage ich.

Der D. schwärmte von etwas, was wir bezahlten, damals als er im Institut war. Der D. aus Deutschland, eine Promotion mit einem komfortablen Stipendium, geförderten Auslandsarchivaufenthalten, Druckkostenzuschuss, keine Lehraufträge, dann natürlich England, denn das deutsche System macht ja irgendwann keinen Spaß mehr, er schwärmte da vor und über Europa. Die Möglichkeiten. Er spottete über den Brexit, aber mir war schon damals als spottete er über uns über. Über T., P., B. und mich.
Ich hatte noch Glück gehabt, mir wurden wegen guter Leistungen oder so, die Studiengebühren erlassen, aber wie T. P. und B. unterrichtete ich Kurse über Kurse, sie die sie kein Stipendium hatten gegen magere Bezahlung, ich ohne Bezahlung das ist der Preis, dafür mit Nachtschichten im Rücken, dann die Stelle für J. Ich bat meine Schwester in die British Library zu gehen, um Geld zu sparen natürlich, wie denn sonst. Da saßen wir und sahen die Möglichkeiten, die für uns ein ferner Planet waren, ein anderes Europa auf jeden Fall.
Die T. arbeitet heute als Admin in einer anderen Universität, der B. hat Lehraufträge an drei Universitäten, der P. arbeitet für seine Eltern in Southampton, ich wusste, dass ich mir keinen Postdoc leisten können würde und ich war so müde nach all den Nachtschichten. Wir gönnten es dem D. doch, nur wir haben dafür bezahlt und wussten schon damals, dass wir nicht in Oxford oder Cambridge oder Warwick landen würden, auch wenn unsere Dissertationen vielleicht nicht besser, aber vielleicht auch nicht schlechter sein würden als seine.

„Ich hatte es vergessen, sagt die J., die Sache mit D. nur dein Kopfschütteln hatte ich behalten und jetzt, wo alles zerbricht, frage ich mich doch, ob wir nicht mit den D.s und ihren Reden hätten anders umgehen müssen, wir haben das weggelächelt, auch wir haben gedacht Brexiteers seien doch bei Nigel Farage zu verorten, aber vielleicht kein frustrierter Doktorand, der sieht, wie seine Seminare nur Zweck sind und niemals Mittel und dass er am Ende außen vor bleiben wird. Wir haben nicht aufgepasst, sagt sie, wir waren alle betrunken an den Möglichkeiten und euch, die man euch die Möglichkeiten einer Mohrrübe gleich vorhielt, wir haben die sich schließenden Türen nicht gesehen Darüber haben wir nie gesprochen.“
Wir fürchteten uns schon damals vor dem Brexit, denn das ist in Irland ja unmittelbar, aber wir fürchteten uns auch vor dem Spott des D., der ja uns galt, uns die wir es nicht vermochten.

Ich nicke und auch ich weiß, wir haben uns nicht gekümmert, nicht um all die, mit nein gestimmt haben, weil sie keine Möglichkeiten mehr sahen, sondern den Spott, denn auch wir, auch ich und P. und T. und B. wir wollten glauben, dass es doch alles ganz anders sei.

Dann sprechen wir über andere Dinge und spielen nicht mehr zweites Date, sondern halten uns an dieser Vertrautheit fest, die wir uns doch erarbeitet haben, endlich schaffe ich es vor ihr zu bezahlen, und dann gehen wir noch ein Stück gemeinsam, ich renne zum Bus, Handküsse, wir sagen nie Auf Wiedersehen, sondern immer nur auf bald.

Die Katze hebt die Schwanzspitze.

Der Hund schüttelt sich.

„Na ihr beiden“, sage ich.

Der treue alte Hund und ich gehen noch einmal zu den Kastanien.

Aber die Blätter sind noch nicht da.

Vielleicht morgen.

Vielleicht ist schon morgen alles ganz anders.

Sonntag

Am Morgen mit dem treuen, alten Hund zum Fluss hinunter gelaufen. Der Fluss ist ein kleines Meer, sage ich. Aber der Hund schweigt, er weiss ja längst schon, dass ich kein Handtuch mehr über dem Arm trage, um im Meer zu schwimmen. Das Meer ist so fern. Der Hund muss sich ausruhen. Der Hund legt den Kopf auf die Pfoten und ich meine Hand auf den Hundekopf.

So sehen wir auf den Fluss.

Der Hund schliesst die Augen.

Dann sehe ich die Federn.

Schöne weiße Federn.

Federn wie Flaum.

Zart noch und ich stehe auf, um vielleicht eine Feder aufzuheben in der Tasche der dicken grünen Strickjacke kann man gute eine Feder haben. Eine leichte Feder vielleicht für schwere Tage.

Aber als ich näher auf die Federn zutrete, da sehe ich den abgerissenen Kopf im Gras. Ein verdrehte Grimasse, ein halbes Nein noch in diesem letzten Moment in dem schon alles vorbei war, liegt da in dem toten Vogelkopf. Obszön komme ich mir vor, in diesen letzten Augenblick hineingetreten zu sein. Ich hole Laub um den Kopf zu bedecken, die Erde ist zu hart für ein Grab aus Fingern.

Der Hund schläft noch immer.

Am Freitag Abend ganz spät, der Tag war fast schon zu Ende, da schickte mir Freund H. ein verwackeltes Video Auf dem Video eine johlende Menge. Zwei oder drei Männer ziehen zwei Gummipuppen die als Theresa May und Sadiq Khan aufgemacht sind am Strick hinter sich her, in London im März 2019, mitten in Europa. Ich starrte auf die verdrehten Köpfe der Gummipuppen mit ihren schlechten Perücken und übermalten Mündern und dem Dreck der Straße, der schon an ihnen klebt. Wie ich den Vogelkopf mit Laub bedecke, da sehe ich sie wieder vor mir und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht und dieselben sind der Vogelkopf und die grotesken Grimassen der Puppen.

Dass da nicht einer dabei war, der sagt: Mate, will ye stop it please. Aber da kommt keiner.

2019 kommt keiner mehr.

Dann gehen der Hund und ich zurück.

Am Nachmittag gehen der tierärztliche Neffe und ich in die Stadt. Der Neffe will den Frühling mit einem Eis eröffnen und Basketball üben. Aber da wo er Körbe werfen will spielen nur große Kinder und der Neffe sieht zu mir herüber: „Aber du bist doch auch groß.“ Ich nicke: „Heute bin ich groß“, sage ich. Der Neffe strahlt. Dann hören wir die Feuerwehren. Es brennt in einem Café, Rauchwolken, der Koch spuckt auf die Straße, eine Menschentraube steht schon um das Café herum. Ganz vorn am Bordstein steht eine Nonne. Ältlich schon, wie fast alle Nonnen, die man in Dublin noch treffen kann. Ein weißer Schleier, ein graues Kleid aus Kattun vielleicht, derbe Schuhe, eine Handtasche derb wie die Schuhe, ein Bund dünne Osterglocken auf der Tasche, ganz vorn steht die Nonne. Eine runde Brille, ein dünnes Gestell, zierlich ist sie nicht, wohl aber die Brille. Ihre Augenfarbe kann ich nicht sehen, denn wir stehen ja auf der anderen Straßenseite. Aber dass sie direkt in das Feuer sieht, dass sehe ich sofort. Eindringlich ist ihr Blick nämlich, so als wollte sie schon einmal vorausschauen. Wie oft kommt man als Nonne schon in direkten Kontakt mit dem was einen am Ende wohl erwartet oder erwartet die Hölle immer nur die Anderen? Ihr Augen sind weit offen, so als wolle sie sich alles ganz genau merken. Sie wippt ganz leicht mit den Zehen.

Vielleicht ist sie ja die Einzige unter den Gaffern, die wenn man so will aus beruflichem Interesse in die Flammen starrt.

Ich möchte den Priester anrufen, dem das Fegefeuer so fremd war, fremder noch als mir und dabei war er doch im Priesterseminar und ich nur einfacher Jude.

Aber das Verhältnis vom Priester und mir taugt nicht zu derartigen Vertraulichkeiten und dann zieht ja auch der tierärztliche Neffe an meiner Hand. Er will auch in das Feuer sehen.

Aber ich schüttle den Kopf und sage das Gleiche, nur milder, denn ich habe hier nur einen Begleit- und keinen Erziehungsauftrag.

Ich sage also etwas Ähnliches was meine Großmutter damals als sie mich fragte an einer Bordsteinkante- was macht man bei Feuer? „Wasser“, sagte ich und meine Großmutter sah mich an: „Und hast du Wasser, oder Sand oder einen Schlauch? Ich schüttelte den Kopf. „Kannst du die Sirenen der Feuerwehren hören?“ Ich nickte und dann sagte meine Großmutter: „Sieh mein Kind, wenn man nichts tun kann, soll man nicht im Weg stehen und niemals auch wenn man nichts tun kann, soll man bei den Gaffern stehen, die nichts tun wollen.“

Ich merkte es mir und sage etwas sehr Ähnliches zum tierärztlichen Neffen.

Der nickt dann doch und wir gehen an der Menschentraube vorbei.

Auf dem Basketballplatz spielen schon Jugendliche. Der Neffe versteckt sich hinter meinem Rücken. „Du fragst, okay?“, flüstert er. Ich nicke und nehme seine Hand, „wir beide fragen, okay?“ Der Neffe nickt in meinem Rücken. Es ist gar nicht so einfach schon groß zu sein, denke ich und dann frage ich die Jugendlichen, ob der kleine Monsieur und ich wohl auch mitmachen dürften. Die Jugendlichen finden es fehlten ohnehin noch Mitspieler und ein kleiner Neffe wächst auf einmal vor meinen Augen und jagt den Ball. Die Jugendlichen hören Rap aus einer Box und fluchen wie verrückt. Sie sind laut und sie sind ganz zart mit einem kleinen Jungen, den sie vor Remplern beschützen und den sie anfeuern steht er vor dem Korb. Zwei heben ihn hoch und zeigen ihm wie man mit einer Hand am Korb hängt und zwei stehen unter dem Korb,falls er fallen sollte.

„Ihr seid so großartig“, sage ich eine Stunde später, die Jungs klatschen ab und werden fast ein bisschen rot. Ich kaufe Eis für alle und der kleine Neffe hat plötzlich große Freunde und neue Schimpfwörter auch.

Dann bringe ich den Neffen nach Haus.

Auf meinem Heimweg sehe ich noch einmal zwei Nonnen, aber sie tragen dunkle Kleider und helle Schuhe und keine trägt eine Brille, schnell laufen sie hastig, aber ihre Wege verlaufen ganz grundsätzlich anders als meine sind sie doch Flammen des Glaubens und ich noch immer nur ein einfacher Jude, den seine Großmutter vor dem Feuer warnte.

Dann gehe ich nach Haus und lese die Zeitungen nach, schreibe eine Email an L. in Sri Lanka, esse ein Brot, falte die Wäsche, mahle Kaffee, trinke ein grosses Glas Wasser und warte auf den Regen, der kommt früher oder später, die Frau die den Wetterbericht verliest, klingt zuversichtlich, der Regen lässt einen hier nicht lange warten.

Gern sähe ich länger aus dem Fenster.

Gern hätte ich wieder ein eigenes Fenster.

Die Sonne am Abend über den Giebeln glimmt rötlich wie das Feuer am Morgen nur ohne Rauch.

Gezählt

Gezählt

Die Knospen am Baum vor meinem Fenster. Schon 48 gestern waren es weniger und vorgestern waren die Knospen nur eine Ahnung. 48 Knospen schon, hinter dem Meer da kann man den Frühling schon fast erahnen und während er noch durch schattige Täler wandert, zähle ich noch einmal. 48 Knospen wirklich. Jedes Jahr zweifele ich daran, dass der Frühling wirklich wieder kommt. 48 mal kann ich mir nun doch Hoffnungen machen.

Drei Esslöffel Porridge in die schwarze Stilkasserole, misstrauisch beäugt von der Katze natürlich.

Einen Esslöffel und anderthalb Teelöffel Kaffee in die French Press, Wasser dazu und dann bis zehn zählen.

Bei acht balgen sich Hund und Katze schon wieder.

Es ist eine Schande, zische ich.

Der Hund wenigstens hat den Anstand betreten zu gucken, die Katze schert das nicht.

Ich zähle langsam bis zehn um nicht schon vor sechs Uhr zu fluchen.

Die Wildtaubenfamilie auf dem Dach gegenüber gezählt. Es scheint Besuch gekommen zu sein, denn statt der üblichen vier Wildtauben gurrren nun sieben vom First herunter.

Ich ermahne die Katze streng, denn mir liegt aus bekannten Berliner Gründen an guten Beziehungen zur Wildtaubengemeinschaft.

Bis drei gezählt: Schlüssel, Portemonnaie und Mondsteinscheibenausweis.

Dreimal ja.

Auf drei gehts los.

Auf dem Weg zur Bahnstation gezählt wie oft nur ein einiziger Mensch in einem der Autos sitzt, die sich jeden Morgen an der Ampel stauen. In 25 Autos sitzt nur ein einziger Mann oder Frau. In zwei Autos sitzt noch ein Kind auf dem Rücksitz und in einem Auto schläft ein Hund.

Ein Auto hupt. Immer ist einer nicht schnell genug.

Einen weissen Schal mit blauen Lokomotiven finde ich auf dem Weg.

Den Schal hänge ich an einen Yaun mit 33 Zinken.

Hoffentlich findet eine kleinen Lokomotivführerin oder ein kleiner Schaffner seinen Schal wieder.

Oy vey.

In zwei Minuten kommt doch schon der Zug.

Ich renne achtzehn Stufen ziemlich schnell herunter.

Uff. Glück gehabt. Der Zug fährt gerade ein.

Sechs Wagen hat der Frühzug und ich sitze immer in Wagen 6.

Platz 22.

22 ist eine milde Zahl finde ich.

Ein Mann dreht während der Fahrt sieben Zigaretten. Seine Fingerkuppen sind gelb.

Eine Frau sieht auf ihrem Telefon ein Video in dme ein Kind herzzereissend schreit.

Elf Passagiere suchen nach einem untröstlichen Kind, aber findne nur eine Frau mit einem Telefon in der Hand.

Ich zähle im Weiteren eine Gruppe Schafe, bin aber nicht schnell genug, dann aber auch eine Ziege und vier Kühe.

Dann muss ich aussteigen.

Wieder schreit das Telefonkind.

Ich zähle die Aufgaben des Tages.

Uff.

Ich zähle die noch in der Schreibtischschublade vorhandenen Snickers-Riegel: 4.

Hier muss dringend gehandelt werden.

Im Laufe des Vormittags zähle ich dreimal bis dreissig.

Einmal der geschnappigen Sekretärin wegen, die findet ich solle der Frechheit eines Lieferanten wegen Massnahmen ergreifen. Die Sekretärin klingt dabei nach Mordlust und Rache.

Mir liegen Massnahmen fern.

Einmal da ging ich mit einem Mann aus, der erzählte wie er einen Hund zur Sauberkeit erzöge in dem er dessen Nase in den Urin drückte. Er sprach lange von Grundsätzen und Massnahmen, aber ich legte Geld auf den Tisch und ging so schnell ich nur konnte.

Ich habe nie einen Glauben an Massnahmen bessessen. Sie dienen ja doch nur ummäntelt der Demütigung.

Besserungsmassnahmen, vor der Tür.

Ich nicke der Sekretärin zu und lasse sie stehen.

Dann zähle ich noch einmal bis 30, denn die Auszubildende lässt doch nie , nicht auch nur ein einziges Mal eine Katastrophe aus.

Ich zähle lieber noch ein weiteres Mals bis dreißig, denn bei näherem Hinsehen hat sich die Katastrophe dann doch noch einmal als grösser erwiesen als ich bis dahin dachte.

In der Kantine gibt es Spinatsuppe.

Ich mag Spinat. Eigentlich.

Misstrauisch schnuppere ich am Suppentopf.

Aber man soll im Leben doch offen sein für Neues und Ungewohntes.

Ich schöpfe zwei Kellen in eine Schüssel.

Dann setze ich mich zur R.

Die R. ißt Chicken Shawarma.

“Ihhh, sagt sie, was ist das denn?”

“Spinatsuppe” sage ich.

Sie erwidert nichts Positives.

Ich löffle die Suppe.

Die Suppe schmeckt nach nicht viel. Der Spinat ist schleimig.

Dann treffen meine Zähne auf etwas Wachsig-Weiches.

Ich würge.

Natürlich ist es mein Erzfeind Sellerie.

Acht Brocken schöpfe ich aus der Suppe.

Mit der Spinatsuppe und mir wird das nichts mehr.

Die R. sieht mich sehr mitleidig an.

Ich schreibe eine sehr unangenehme Email. Der Adressat ißt bestimmt Sellerie pur.

Ich kehre an den Schreibtisch zurück.

Irgendwann mache ich mir einen Tee.

Ganz fest nehme ich mir vor diesmal bis 42 zu zählen, um mir nicht wie an jedem vermaleideten Nachmittag die Zunge zu verbrühen.

Bei 36 habe ich den guten Vorsatz vergessen, der verehrte Herr Direktor ruft ja auch an, ich nehme einen Schluck Tee, meine Zunge jammert.

Ach, Read On.

Dann gehe ich wieder zur Bahnstation.

Drei Minuten dann kommt der Zug.

So voll ist der Zug, dass ich nicht durchzählen mag.

Sardinen soll man nicht weiter plagen.

Sechsmal stoße ich mir in den neuen Schuhen den Fuss.

Sechsmal fluche ich unziemlich vor mich hin.

Sieben Mal ruft die T. einen Telekommunikationsmann an, der ein Problem beheben soll. Siebenmal bekommt sie eine andere Antwort. Das Problem bleibt bestehen.

Dreimal rufe ich nach dem treuen, alten Hund.

Achtmal ignoriert die Katze meine Bitte nach Verlassen des Sofas, auf das auch ich einmal in die Tageszeitung sehen kann.

Einmal zum Fluss hinunter wandern der treue, alte Hund.

“Ihr zwei”, sagt der J. “ihr seid ja pünktlicher als die Uhr.

Ich verrate ihm nicht, dass der treue alte Hund zwar nicht bis zehn wohl aber bis zum Abendbrot zählen kann.

 

Vielleicht, oder auch nicht

„Vielleicht“ sagt der Mann im Zug neben mir in sein Telefon, vielleicht ist ja die Antwort sich einfach zu verlieben.“ Der Mann trägt eine blauen Regenmantel und einen gelben Seidenschal. Den Seidenschal dreht er nachlässig mit einer Hand hin und her. Er sieht sich um im Zug, ob da vielleicht die Liebe einsteigt in Coolmine oder Clonsilla, aber die Liebe ist ganz offensichtlich andersweitig verabredet und der Mann seufzt in sein Telefon.
„Was meinst du denn?” Für einen Moment lang ist es ganz still, so als sei der Mann sich nicht sicher, ob er die Antwort denn wirklich hören will. Dann spricht sein Gegenüber sehr lange und der Mann nickt. „Er sei sich der Gefahren in jeder Hinsicht bewusst“, sagt er schliesslich und bevor er das Gespräch beendet, fügt er hinzu: “ Vielleicht ist das mit dem sich verlieben, wirklich kein guter Plan.“ Dann verschwindet das Telefon in der seiner Manteltasche und er sagt zu sich ganz leise noch einmal: „Vielleicht.“

„Vielleicht“, sagt ein Mann neben mir zu einem Kollegen, der heisses Wasser auf einen Teebeutel giesst und Zucker und Milch in die Tasse füllt, vielleicht müsste man es doch noch einmal ganz anders machen.“ „Ich mache den Tee schon immer so“, sagt der Mann und rührt dreimal nach links und dreimal nach rechts. „Nicht den Tee“, sagt der Mann und starrt in seine Tasse, in der der gleiche braune Teebeutel schwimmt.“Ich meine das alles. Job, Haus, Kinder, Auto, Frau, Scheidung. Vielleicht hätte ich doch bei meinem Bruder in Australien einsteigen sollen oder, oder“ und dann fährt der Mann sich durch das Haar. „Ach, ich weiss nicht, nur manchmal denke ich vielleicht…“ Dann starrt er in seine Tasse. Der Tee ist ganz schwarz.“Damn it“, flucht er und giesst den Tee aus. „Vielleicht solltest du es mal mit Kaffee probieren morgens“, sagt sein Kollege. Aber der Mann neben ihm zuckt nur mit den Achseln und wenige Minuten später schon sind sie verschwunden.

„Vielleicht sagt die Auszubildende später, vielleicht ist die Ausbildung zur Bürokauffrau gar nichts für mich.“ Die Auszubildende sieht anklagend in meine Richtung. Ich nicke. Die Auszubildende findet immer dann., wenn ich etwas von ihr will, es sei vielleicht besser, sie begönne es gar nicht erst, denn vielleicht sei es ja ohnehin ganz und gar vergebens. Vielleicht ist alles vergeblich, sagte ich einmal, aber da erschreckte die Auszubildende sich und seitdem schweige ich lieber. Vor einem vielleicht mag man sich mehr fürchten als vor einem Ja oder Nein,das weiss die Auszubildende und ich weiss es auch.

„Vielleicht“, sagt die Sekretärin und will gebeten werden. Also bitte ich. Erst bleibt ihr vielleicht ein vielleicht, ich lobe ihren scharfen Verstand, dann fast unverhofft wird aus ihrem vielleicht ein möglicherweise, dann hat sie genug von meinen Bitten und will es sich vielleicht oder auch möglicherweise noch einmal überlegen. Ich lasse sie ziehen, nur um zwei Stunden später wieder und weiter zu bitten und viel zu oft google ich, was vielleicht alles meinen kann. Die Sekretärin schweigt und ich bitte weiter.
Nach einer weiteren Stunde sind wir bei einem vielleicht mit einer Tendenz angekommen. Wohin die Tendenz aber geht scheint ungewiss. Derweil klingeln zwei Telefone und fragen nach dem Stand der Verhandlungen. „Ist ein halbes vielleicht doch schon ein Ja?” Aber mein Gegenüber will Sicherheiten.
Die Sekretärin starrt mich lange an. Die Sekretärin hat viele Jahre das Vorzimmer eines berüchtigten Finanzdienstleisters verteidigt. Für die Sekretärin bin ich ein kleiner Fisch. Die Sekretärin kann auf viele hundert Arten ein nein formulieren. Ihr Nein ist undurchdringlicher als ein Maschendrahtzaun. Ihr Ja ist immer ein Geschenk und sie ist vorsichtig und sehr verschwiegen, wer es wann und warum aus welchen Gründen erhält. Aber mit ihrem Ja oder nein, kann man leben. Es ihr vielleicht, dass einen zittrig und unruhig werden lässt, es ist ein vielleicht, das viel Platz lässt für mehr als ein ja oder nein, es ist ein vielleicht der tausend Möglichkeiten von denen nicht eine einzige zutreffen muss. Es ist wiegt schwerer und lockt einen doch immer wieder auf seinen Weg, dieses, ihr vielleicht, geübt und geprobt in Jahrzehnten vor schweren Türen, auch wenn es noch so den Anschein hat, es sei noch so beiläufig fallen gelassen und eigentlich schon in einem ohnehin zu tiefen Teppich versunken. Ihr vielleicht ist aus Stahl und wäre ihr vielleicht eine Rose, so zöge man sich noch Wochen später , die Dornen aus dem Finger ohne das man auch nur einen Zentimeter weitergekommen wäre.
Ihr Vielleicht ist ein Wartesaal in dem Samuel Beckett die Zeitung liest ohne aufzusehen.
Ich versuche es trotzdem noch einmal und frage nach, was aus dem Vielleicht denn nun geworden sei. Ja, sagt sie und ich will schon erleichtert austamen, da sagt sie ohne weiter von ihrem Computer aufzusehen. Vielleicht überlege ich es mir aber auch noch einmal.
Wird es denn klappen, fragt man mich später. Vielleicht, sage ich und zucke mit den Achseln, vielleicht auch nicht. Vielleicht weiß man es immer erst ganz bestimmt, wenn es zu spät ist.

Sieben Wochen Ohne

“Es ist Fastenzeit, Fräulein Read On“, ruft die Auszubildende schon vor acht Uhr.
„Oh“, sage ich Auszubildende, darf ich annehmen, dass Sie vielleicht das zu spät kommen fasten in diesem Jahr?
Am Mittwoch nämlich beginnt die Arbeitszeit der Auzubildenden um 7. 30 Uhr. Aber um 7. 30 Uhr bin zwar ich im Büro, aber nicht die Auszubildende.
Aber die Auszubildende wäre ja nicht die Auszubildende liesse sie sich von meiner Nachfrage auch nur ein kleines bisschen erschüttern.
„Nein, Fräulein Read On, zirpt sie, pünktlich kommen wäre ja zu einfach, da müsste ich ja einfach nur früher aufstehen.“
„Sie wissen wirklich nichts Fräulein Read On! Fasten muss doch weh tun. Ich faste dieses Jahr Nägel.
Nun hatte ich bis dato nicht angenommen, dass die Auszubildende nach getaner Arbeit, eine Tätigkeit als Heimwerkerin zu beginnen dächte, aber bekanntlich weiss man nichts über andere Menschen und so krächze ich mit mühsam verborgenem Erstaunen.
„Sie fasten Nägel?“
Die Auszubildende seufzt und findet selbst, dass sie sich eine nicht unerhebliche Herausforderung auferlegt habe.
„Ich werde aussehen wie ein Biest“, sagt sie und für einen Moment glaube ich wirklich, dass die Auzubildende rotige Nägel aus alten Dielenbrettern extrahiert.
Aber dann bleibt die Auzubildende doch die Auszubildende die ich kenne und zeigt mir ihre Fingernägel.
„Ich faste das Nagelstudio, Fräulein Read On.“
Die Auszubildende, das muss man nämlich wissen, betreibt wenige Dinge mit solch religiöser Hingabe wie den Besuch eines Nagelstudios, wo sie Woche für Woche ihre Fingernägel feilen, lackieren und mit Glitzerintarsien verzieren lässt.
Der Auszubildenden sind ihre Nägel heilig.So sehe ich dann doch erstaunt auf und sage: „Alldieweil Auszubildende, da haben sie sich ja wirklich etwas vorgenommen.“
Die Auzubildende ächzt und seufzt zustimmend.
„Es ist wirklich eine Katastrophe und es ist ja auch nur weil die Manuela bei ihrer Schwester in Australien zu Besuch ist und die Manuela macht mir doch den Sonderpreis und wenn ich dann jetzt zu jemand anderem gehe, dann kriegt die das doch mit und dann muss ich voll zahlen und das will ich nicht, denn ich hab ja die Abmachung mit der Manuela und den super Sonderpreis und na ja ich bin ja auch nicht blöd.“
„Jedenfalls, fährt die Auzubildende fort, werde ich jetzt aussehen wie ein Biest.“
Ich nicke besänftigend und sage, dass es so schlimm ja gar nicht kommen wird und man ja ohnehin wisse, dass unter so manchem Biest eine Prinzessin verborgen sei. Prinzen sind natürlich mitgemeint.
Die Auzubildende fotografiert noch einmal ihre unbiestigen Glitzernägel und ich erinnere die Auzubildende noch einmal an den Beginn der Arbeitszeit, die Auzubildende findet mich spiessig und so geht der erste der Fastenmorgen dahin.

Um halb elf Uhr treffe ich den verehrten Herrn Direktor. Der verehrte Herr Direktor sieht hungrig drein.
Ich sage lieber nichts. Auf das Offensichtliche soll man ja überhaupt nur im Notfall hinweisen.
Ich faste sagt der Herr Direktor dann auch gleich.
Oh, sage ich.
„Das Leben, Herr Direktor, verlangt einem gläubigen Katholiken einiges ab“, merke ich an.
Der Herr Direktor schüttelt den Kopf.
„Ach, Fräulein Read On mit dem Papst lebe ich ja nicht zusammen, wohl aber mit Frau und Kindern, die einen strengen Fastenplan zusammengestellt haben.“
„Was ist denn noch erlaubt Herr Direktor?
„Tofu, Fräulein Read On.
„Oh, Herr Direktor.“
Dann schweigen wir beide und der Herr Direktor greift zu einer Flasche Wasser. Wasser scheint auch noch erlaubt zu sein.
Dann gehen wir unserer Wege.

Am frühen Nachmittag treffe ich die Sekretärin auf dem Flur.
„Also, Fräulein Read On, ich faste ja Schokolade und Zucker und Sie? In der Hand hält sie eine Banane.
„Oh, sage ich, sie fasten also gleich doppelt?
Die Sekretärin schaut mich ein bisschen mitleidig an. Die Sekretärin schaut mich sehr oft mitleidig an, denn die Sekretärin hat herausgefunden, dass ich viele Jahre meines Lebens über einem Haufen alten Papiers verbracht habe.
„Nein“, sagt sie nur Schokolade und Zucker.“
Man soll niemanden den Glauben nehmen und so fange ich gar nicht erst an eine Bemerkung zu Fruchtzucker hintendrei zu schieben.
Fasten ist doch ohnehin schon hart genug.
Aber die Sekretärin lässt nicht locker. „Nun sagen sie schon, Fräulein Read On, was fasten sie denn?“
„Nichts“, sage ich, ich faste überhaupt nicht.“
Die Sekretärin hustet böse.
„So etwas habe sie sich schon gedacht.“
Ich lächle freundlich und die Sekretärin schüttet noch mehr Süssstoff in ihren Kaffee.
7 Wochen ohne, sagt sie triumphierend.

Wirklich, wer fastet der muss Opfer bringen noch mit der Kaffeetasse in der Hand.
So gehe ich dann meiner Wege.

Die Auzubildende ist am Telefon und winkt mir zu.
„Fräulein Read On, vielleicht muss ich doch nicht als Biest gehen. Die Lisa, die kennt eine Maria und die Maria kennt eine Nadine und die macht Nägel zu Hause und die sind viel günstiger als bei der Manuela und sieben Wochen ohne Nägel das ist doch nicht menschlich.“

„Bei G“tt denke ich, es ist nicht immer leicht kosher durch den Tag zu kommen, auf so viel Fastenleid muss ich natürlich gleich einmal einen Riegel Nusschokolade verzehren aus Mitleid natürlich, das versteht sich ja ganz von selbst.

Rot am Horizont

Der Himmel am Morgen ist erst dunkelblau und wird dann langsam rot. Ich habe niemals heraus finden können, ob es nun die Sonne selbst ist, die einen roten Morgenmantel trägt oder doch mein alter Freund der Mond, der sich gähnend nun die roten Pyjamahosen von den Beinen streift und sich in eine dicke weiße Wolke fallen lässt. Vielleicht sagt der Mond dann auch zu seiner Geliebten der Sonne-„Komm Sonne gib noch zehn Minuten dazu.“ Vielleicht gibt die Sonne doch einmal nach, denn als ich aus dem Zug aussteige ist vom roten Schimmer fast nichts mehr zu sehen und der Himmel bedeckt uns alle noch einmal tief und dunkelblau.

Die Frau des Krämers aber fürchtete das Morgenrot und schwor, dass mit dem errötenden Himmel das Unglück nicht weit sei. Die Frau des Krämers hatte viele Beispiele bei der Hand, die belegten wie sehr das Unheil sich schon am frühen Morgen Gedanken macht. Die Frau des Krämers nämlich hat nicht nur Milchflaschen sauer werden sehen beim aufgang der Morgenröte, sondenr ihre geliebte Tochter fiel genau dann von der Schaukel und schlug sich zwei Zähne aus, als auch die Sonne erwachte. Ihr Mann verlor am Abend eine Schafskopf Partie als der Morgen die Sonne genau über dem Haus grinsend und mit rot gebleckten Zähnen besonders lange ins Fenster sah und nach jener Schafskopfrunde in der die Sonne ihre Hände mit im Spiel hatte, leerte die Frau des Krämers vor jeder Kneipenrunde die Taschen ihres Gemahls und gab in die Spielbörse Knöpfe statt Münzen, denn schon ihre Mutter und ihre Grossmutter hatten die Frau des Krämers eindringlich gewarnt, dass wenn die Männer das Geld erst einmal in die Wirtschaft trügen bald auch Haus und Hof verspielten und so scherte sich die Frau des Krämers nicht darum, dass ihr Mann zwar das Gespött des Dorfes wurde mit seinen Knöpfen im Portemonnaie, aber Haus und Krämersladen blieben in ihrer festen Hand und darauf kam es eben von Anfang an, an

„Wenn man eine Familie hat Fräulein Read On, dann hat man auch Mittel und Wege.“ Aber daran hatte ich nun Morgenrot hin oder her ohnehin keinen Zweifel, denn wer die Frau des Krämers kannte, der war vertraut mit ihren Mitteln und Wegen.

Die Frau des Krämers aber schläft noch laufe ich zur Fabrik herunter und eigentlich beneide ich den Mond um seine roten Pyjamahosen und die Sonne um ihre feine rote Seidenrobe, aber sie ist eben doch in meinem Hinterkopf, die warnende Stimme der Frau des Krämers, vielleicht leicht nur der Morgenröte wegen, sondern vor allem deshalb weil die Frau des Krämers mit mir ausschließlich mit mahnender oder klagender Stimme zu sprechen pflegte.

Obacht, sage ich mir also und laufe dem verehrten Herrn Direktor in die Arme.

„Morgen Herr Direktor“, sage ich. „Alles gut bei Ihnen und den Damen des Hauses.“

„Von wegen gut“, sagt der verehrte Herr Direktor, die Frau Gemahlin ist mit dem Auto liegengeblieben und soll doch die Handwerker ins Sommerhaus lassen und nun muss ich hinüber sausen, wo ich doch niemals mehr aus dem Berufsverkehr herausfinden werde. Fangen Sie mit dem B. doch an und ich komme dann nach. Da weiss der Herr Direktor noch nicht, dass der B. schon mit Blaulicht ins Spital gefahren wird, eine lose Treppenstufe wurd eihm Verhängnis, sagt seine Frau am Telefon zu mir. Aber noch winkt mir der verehrte Herr Direktor zu und sagt: „Na wenigstens passt das Wetter.“

Ich nicke und hoffe der verehrte Herr Direktor und die Frau des Krämers werden sich niemals treffen.

Ein paar Stunden geschieht nichts. Die Sonne ist inzwischen auch golden-gelb.

Aber dann suche ich die Auszubildende. Die Auszubildende ist für eine Terminsache zuständig. Der Termin ist verstrichen.

„Auszubildende, wie erklärt sich das?“, frage ich.

„Die Sonne blendet mich“, sagt die Auszubildende.

„Der Termin war gestern?“

„Warum fragen Sie mich dann heute?“

„Damit sie mir sagen, wann sie mir sagen wollten, dass das nichts wird mit der Sache und dem Termin.

Sehen Sie Fräulein Read On, wenn Sie so studiert reden, dann weiß ich nicht was ich sagen soll.

„Sagen Sie nichts Auszubildende.“

„Aber Sie hatten doch gefragt.“

Eine halbe Stunde später meldet sich die Auszubildende krank.

Die Sonne lacht recht schadenfroh.

Der Sekretärin fällt eine Schüssel mit Reissuppe herunter.

Die Sekretärin flucht. Beim Fluchen

Ich habe aufgegeben mit der Sekretärin darüber nachzudenken, warum es möglichweise sinnvoller sein könnte Suppen in der Kantine zu verspeisen, denn Suppenstunde am Schreibtisch zu halten.

So rufe ich nach dem Hausmeister.

Der Hausmeister knurrt am Telefon.

Sie sind die Sechste heute mit so einer Lappalie.

Ich sage lieber nicht, dass ich die Sonne verdächtige.

Und immer geht es munter weiter.

Der Lieblingsingenieur hat sich mit dem Brotmesser beim Schnitten schmieren für die Kinder verletzt.

Die Sekretärin gerät mit einer anderen Sekretärin in einen Zwist über die olfaktorische Zumutung der verschütteten Reissuppe.

Der verehrte Herr Direktor seufzt am Telefon. Nicht nur das Auto, sondern noch viel mehr liegt im Argen- UND DAS IM SCHÖNSTEN SONNENSCHEIN FRÄULEIN READ ON.

„Das ist es ja gerade, Herr Direktor!“

Aber der Herr Direktor gibt mir eine Telefonliste durch und ich telefoniere.

Irgendwann sinkt die Sonne wieder.

Noch einmal färbt sich der Himmel feuerrot.

Ganz vorsichtig gehe ich die Treppe herunter und warte auf die Bahn.

Der Sonne zwinkere ich zu, sonst bin ja auch ich abergläubisch und geneigt der Frau des Krämers in solchen Fragen Recht zu geben, diesmal aber bin ich unbesorgt, auch wenn mich besonders das Schicksal des werten B. und der vermaledeite Tag des Herrn Direktors misslich stimmen, denn der Krämer selbst hat mich einmal in stiller Stunde wissen lassen, dass er bei Freund G. ein zweites Portemonnaie mit Münzgeld deponierte, um wirklich echtem Kartenspiel zu frönen. Gezwinkert hat der Krämer, der doch immer ein ernster Mann gewesen ist.

Wenn die Frau des Krämers also in vielen Jahrzehnten nichts gemerkt hat, dann glaube ich muss das Unheil mancher Morgen doch andere Ursachen haben als die Sonne, die eine roten Seidenrobe von den Schultern fallen lässt, oder den Mond, der nach getaner Nacht, die roten Pyjamahosen sorgfältig faltet und in einer Wolkenbank verwahrt. Denn der nächste rote Morgen kommt bestimmt.

 

 

Sonntag

Unsichere Träume. Von einer Katze geträumt, die mich auf eine Straße hinauslockt. Die Straße ist verschwommen, so als läge dichter Nebel über den Häusern. Eine Mülltonne fällt um. Erste glaube ich eine Ratte läuft hinter der Mülltonne hervor, aber dann sehe ich einen Mann mit einem silbernen Hut hinter der Mülltonne kauern. Sie sind gleich zurück, sagt er zu mir und ich nicke, als wüsste ich genau wovon er denn spräche. Mein Name ist Ernst Lubitsch, sagt er förmlich. Aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wer ich denn sein könnte. Dann wache ich auf. Aber alle außer mir schlafen. Die Katze, der Hund und neben mir mit einem Plüschfußball im Arm, der tierärztliche Neffe. Ich stehe ganz vorsichtig auf und sehe nach ob alle Fenster verschlossen sind. Ganz vorsichtig ziehe ich die Decke des kleinen Jungen neben mir wieder hoch.

Am Morgen toben das Kind und der Hund. Die Katze sitzt indigniert auf der Anrichte und schweigt. Vor der ersten Milch verliert sie ohnehin nie ein Wort. Ich richte Müsli für den kleinen Monsieur an. Das übe ich schon seit ein paar Jahren und immer ist es falsch. Die Flocken sind zu gatschig, das Obst ist bäh oder die drübergestreuten Kerne sind pfui, aber heute das löffelt der tierärztliche Neffe das Müsli so schnell aus, das nicht einmal Hund oder Katze einen bettelnden Blick zwischen Schüssel und Löffel legen können. Ich freue mich doch sehr, bin ich doch beim Tierarzt auch immer nur wieder krachend gescheitert.

Das erste Lächeln nicht aus Pflichtgefühl dieser Woche.

„Du kommst doch mit?“, hat der kleine Monsieur mich immer wieder gefragt.

„Na klar“, habe ich immer wieder gesagt, aber auch noch als wir im Bus zum Sportplatz sitzen, hält er meine Hand ganz fest.

Ich möchte dem Jungen neben mir mit den Stollenschuhen, dem Messi-Trikot und dem Baseball-Cap sagen, dass ich immer mitkommen will, solange er mich dabeihaben will, aber das kann ich nicht versprechen. Ich weiß nicht wie lange die Schwester des Tierarztes mir den Umgang erlaubt. Aber heute da fahren wir zusammen zum Spiel. Der kleine Monsieur spielt Fussball und heute ist ein schweres Spiel gegen einen Verein, in dem die Buben alle fürchterlich groß ausschauen im Gegensatz zu der Mannschaft, in der auch der kleine Monsieur spielt.

„Toi, toi toi“ rufe ich ihm hinterher.

Ich stehe bei den anderen Müttern am Spielfeldrand.

Hallo, sage ich.

Die Mütter nicken.

„Ihr Sohn?“, sagt eine Mutter zu mir als ich ganz besonders fest die Daumen halte für den kleinen Buben, der so schnell rennt wie er kann, um den Ball zu haschen.

„Nein“, sage ich. Ich bin nur die Begleitung.

Eine dritte Mutter dreht sich um und sagt: „Können oder wollen sie nicht?“ „Kinder liegen ja nicht jedem.“

Ich sehe sie an und sage nichts.

Was soll ich ihr sagen?

Dass ich meine Vorstellung auch Kinder zu haben, auf dem Friedhof begraben liegt. Da gehe ich hin, einmal die Woche.

Aber das ist ja nicht sozialverträglich und so sage ich nichts.

Die Mutter erklärt mir wie sie satt sie es habe, selbst hier und sie zeigt auf das Spielfeld von Leuten wie mir umzingelt zu sein, für die das ganze Leben nur ein einziger Spaß sei.

Ich stelle mich weg. Überall werden dieser Tage Grenzen gezogen.

Die Mannschaft des kleinen Monsieurs verliert. Wir gehen ein Eis essen. Ein großes Eis zum Durchatmen. Eins für den Neffen und eins für mich. Dann atmet es sich leichter. Auf dem Rückweg schläft der kleine Monsieur fest ein. Das ist für dich Tierarzt denke ich mir. Das hier sind deine Erinnerungen und ich bin doch eigentlich nur ein übriggebliebener Gast, der die richtige Uhrzeit zum Gehen verpasste.

Später am Nachmittag bringe ich den kleinen Monsieur zurück zu ihm nach Haus. Seine Mutter sagt kein Wort zu mir. Ich winke noch einmal vor dem Fenster. Ein stummer Zaungast in einem zu weitem Wetterfleck.

Nach Hause gelaufen, Tee getrunken, Wäsche aufgehangen, aus dem Fenster gesehen, mit meiner Schwester telefoniert, ein Buch begonnen das in Dublin spielt und ich kenne alle Plätze, Straßen, merkwürdige Vertrautheit ganz plötzlich. Lange war Dublin mir so fremd und ich brachte immer wieder auch altbekannte Straßen durcheinander.

In diesem Jahr noch fast kein Deutsch gesprochen. Das letzte Deutsch was ich noch habe liegt hier in diesem Blog. Manchmal anderthalb Sätze auf Twitter das ist alles. Am Samstag ein Telefonat mit der Mali-Tant, deren alten Wiener Dialekt ich oft kaum verstehe. Er hat nichts von den Wiener Wörtern, die meine Großmutter mir mitgab, es ist eine andere Sprache. Ich habe das nie annehmen wollen, dass ich einmal aufhören würde Deutsch zu sprechen, aber es ist wahr geworden. Deutsch ist nur noch Papiersprache. Es löst sich schon auf an den Rändern das Papier und meine Großmutter hat schon seit Jahr und Tag aufgehört mir zu antworten. So geht einem das was einem sicher schien, doch verloren.

Einen Zimtkringel gegessen. Mir am Tee den Mund verbrannt.

Überragende Müdigkeit.

Mehr gibt es nicht zu berichten.

Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

Sonntag

Nachts um zwei Uhr unruhige Träume, oder vielleicht auch nur die Schatten an der Decke. Wer weiss das schon genau zu sagen? Ich weiss es nicht. Aber aufstehen tue ich doch, meine Grossmutter sagte es sind nicht die Monster unter dem Bett vor denen man sich gruseln müsse, sondern der eigentliche Schrecke sei die Weigerung aufzustehen und nach zu sehen, was denn eigentlich geschehen sei. Damals als sie es das erste Mal zu mir sagte, wusste ich nicht, dass sie in Wirklichkeit nicht über die Schattenmonster sprach, sondern über ganz andere Dinge. Aber aufgestanden bin ich schon damals und auch heute stehe ich auf.

Der Hund schläftmit leise zuckenden Pfoten, die Katze schläft mit eingerolltem Schwanz. Die M. schläft und ich schlafe nicht. Ganz leise, also auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tapp, tapp, tapp. Ein Glas kaltes Wasser aus dem Hahn und eine Handvoll Eiswürfel hinterher. Das Eis knackt zwischen den Zähnen. Immer dieser Durst. Ich schäme mich für diesen Durst schon immer. Ich kann nie langsam, nie angemessen trinken, ich kann Wasser nur gierig herunter schlucken, die Eiswürfel sind schon verschwunden, immer der Durst und die Scham und dann sehe ich mich um, ob mich nicht doch jemand beobachtet. Immer die Scham.

Eine ganze Weile sitze ich auf dem Sofa und sehe auf die leere Strasse. So heisst das ja oft im Gedicht oder im Film oder in einem der vielen Kriminalromane. Aber eigentlich gibt es keine stille Strasse. Der Nachbar kann auch nicht schlafen oder sucht seine Monster, jedenfalls raucht er am offenen Fenster. Der Nachbar bläst Rauckringel in die Luft. Vielleicht müssen die Monster davon husten. Ein Auto fährt einmal, zweimal, dann dreimal die Strasse hinauf und wieder hinunter. Dann geht der Motor aus und eine Frau schreit in ein Telefon. Damn it schreit sie, aber ihre Monster kümmert das nicht. Lauteres Geschrei. So viel Wut, überall so viel Wut. So müde Monster. Das Auto hupt aus irgendwelchen Gründen vier Mal- vielleicht gilt in Monsterkreisen die vier als Unglückszahl und nicht die Dreizehn? Dann krakeeln drei Möwen. In den Nächten von Samstag zu Sonntag halten die Möwen grosse Bankette an den Müllkübeln ab. Pieter Breughel hätte daraus grosse Bilder gemacht, aber ich sitze nur vor dem Fenster und sehe den Möwen zu, die Trinklieder singen und ihre gelben, gezackten Schnäbel mit Essensresten beladen stolz in die Höhe recken.
Dann habe ich kalte Füsse.
Zurück ins Bett.
Noch einmal einschlafen.

Am Morgen mit dem Hund durch das Viertel spazieren.
Sturm liegt in der Luft.
Der Hund seufzt.
Die Welt seufzt, sage ich Hund.
Der Hund nickt.
Zuhause richte ich Porridge.
Die Katze glaubt es gereiche ihr zu ihrem Vorteil wenn Sie nur zwischen Topfdeckel und Rührlöffel spränge.
Hier irrt die Katze.
An jedem Sonntag fallen harsche Worte zwischen mir und der Katze.
Aber an diesem Sonntag tappt wenigstens der Hund nicht in die Porridgeschale.
Im Schwimmbad ist es voll.

Am Sonntag sind Schwimmstunden für Kinder. Die Kinder sind schon groß. Vielleicht steigt mit der abnehmenden Angst vor den Monstern die Angst vor anderen Dingen wie dem Wasser. Die großen Kinder haben fast alle Angst vor dem Wasser. Das muss schwer sein mit der Angst im Nacken schwimmen zu sollen. Die Kinder sollen an Schwimmnudeln herunter ins Wasser gleiten. Die Kinder fürchten sich. Überall diese Angst denke ich. Überall die Angst.
Am Nachmittag habe ich der M. einen Kuchen für den Abend versprochen. Die M. hat Besuch. Ich backe einen Kuchen mit dicker Orangenglasur, auf der Straße spielen Kinder Himmel und Hölle. Da ich die Hände schon in Seifenwasser habe, ist es nicht mehr weit bis ich Seifenblasen aus dem Fenster puste. Die Kinder haschen nach den bunten Kugeln. Eine ganze Straße voller Lachen.

Später lese ich im Internet herum. Die Polizei in Bremen hat ein Video veröffentlicht, das bei der Identifizierung von Tätern helfen soll. Mich macht immer wieder neu sprachlos wie viele Kalle Blomquvist Detektive mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien dort in den Kommentaren herumpoltern, sich in wildesten Gekreisch übertreffen und nichts zur Sache beitragen. Ob diese Menschen auch glauben, dass James Bond wirklich mit einem Auto über die Dächer fliegt? Und ob diese Menschen wohl in ihrem ganzen großen Wutgeheul nie einmal innehalten, um in sich zu gehen und einfach einmal still zu werden?
Dem Besuch der M. unaufmerksam zugehört.
Spät am Abend einen Pfirsich geschält.
Vergessen das warme Wasser anzustellen. Sehr kalt geduscht.

Später noch in den Nachrichten vom Angriff auf den Gdansker Bürgermeister Paweł Adamowicz gehört.
Später noch, einen halben Tag später ist Paweł Adamowicz tot.
Die Monster schlafen nie.
Cześć Jego pamięci.