Automatenwirtschaft

Es ist schon spät als ich im Supermarkt stehe. So spät schon wieder, draussen hat die Dunkelheit alles verschluckt.Die Müdigkeit hält uns alle fest bei den Händen. Ein Kind schreit der Bonbons wegen, laut und schrill schreit das Kind, seine Mutter hält sich für einen Moment die Hände über die Ohren, sie wirft Nudeln, eine Gurke und Cracker in den Einkaufskorb, dann fallen ihre Hände herunter, sie beugt sich zu dem schreienden Kind, das Kind schluchzt und beide Mutter und Kind suchen nach einer Atempause, aber das wird nicht verkauft in den Regalen.

Ein Mann sucht nach einer Flasche Wein, ein Etikett nach dem Anderen liest er sorgfältig, so als seien die Weinflaschen ein besondes gehaltvoller Zeitungsartikel,vielleicht sind sie es ja, aber seine Hände zittern beim Lesen, das Zittern der Trinker erkenne ich noch immer als sei es gestern gewesen. Der Supermarkt ist ein upscale Supermarkt, hier gibt es französischen Käse, deswegen bin ich hier. Ich kaufe Brot. Sourdough San Francisco steht auf der Packung, im Radio laufen Weihnachtslieder, ich lege Brie und Comte d‘ Chateau in den Einkaufswagen. „Das bist du nun?“, frage ich mein Spiegelbild, eine von jenen, die teuren Kaese kaufen und Weissbrot mit albernen Namen, weil dir nichts anderes einfällt gegen die Leere. Aber mein Spiegelbild antwortet nicht,es ist ja auch schon so spät.

Die Schlange an der Kasse ist lang. Ganz vorn an der Kasse steht eine Frau deren Haare am Scheitel schon dünn sind, ein verwaschenes rot sehe ich von ganz hinten, aber so genau sehe ich nicht hin, denn meine Finger tippen auf dem iphone herum, Teresa May gibt eine Pressekonferenz, tapp, tapp machen meine Füsse, tapp, tapp, ungeduldig werden meine Füsse, es ist doch schon so spät, Minister treten zurück, die grosse Weltlage hier auf dem kleinen iphone, tapp, tapp, das Spiegelbild lacht mich aus, so wichtig auch du, ja, tapp, tapp, meine Füsse wollen weiter, die Frau vorn an der Kasse kann nicht bezahlen, drei Karten reicht sie dem Kassierer herüber keine der Karten funktioniert, sie verliert sich in Erklärungen, dann rennt sie aus dem Supermarkt heraus, zwei Tüten bleiben zurück, als ich es bemerke, Teresa May verteidigt ihrern Brexit-Plan, ist die Frau schon verschwunden. Da siehst du, so fällt die Welt dir vor die Füsse sagt mein Spiegelbild. Das iphone verschwindet in meiner Manteltasche. Der Kassierer sagt: „Aber ich kann doch nichts tun.“ Keiner antwortet.

Vor mir bezahlt der Mann seine Weinflaschen, drei Weinflaschen und ein Tetrapack Milch, er zahlt in Münzen. Seine Hände zittern jetzt stärker als vorhin am Regal. Die Münzen reichen, Glück gehabt, die Weinflaschen verschwinden in seinem schweren Mantel, die Milch nimmt er in die Hand.

Dann bin ich dran, Käse und Brot. Tapp, tapp machen meine Füsse, ich gebe dem Mann an der Kasse 50 Euro. Der Mann an der Kasse ist alt, nicht nur älter, der Mann an der Kasse sollte nicht mehr im Supermarkt arbeiten, denke ich, 39, 58 Euro bekomme ich zurück. Die Armut lehrt rechnen, ich kann nicht, nicht mit rechnen, die Jahre mit dem Marmeladenglas für das Monatsende vergisst man nie, der Kassierer gibt mir 25 Euro. Ich starre auf die zerknitterten Geldscheine in seiner Hand. Ich rechne hektisch nach, aber ich lande noch immer bei 39, 58 Euro, ich sage: „Entschuldigung, ich habe Ihnen 50 Euro gegeben.“ Der Kassierer sagt: „Oh mein G’tt, oh mein G’tt, ich habe mich geirrt, ich habe nicht gesehen, ich habe, ich es tut mir so leid, das ist mir so peinlich, was für ein Fehler, wenn sie sich beschweren wollen, ich.“ Ich sage: „Das kommt doch mal vor, es ist doch schon spät, bitte wirklich, nein ich möchte mich nicht beschweren. Der Mann hat rote Flecken auf den Wangen und hinter uns da ist die Schlange mit den Menschen, tapp, tapp. Der Kassierer hat rote Flecken auf den Wangen. „Wie ich mich so irren konnte, wie, dann bricht er ab.“ „Hatten Sie schon eine Pause?“, frage ich ihn. Er starrt mich an. „Ich glaube Sie brauchen eine Pause“, sage ich. „Ich brauche den Job wissen Sie sagt er, aber wenn Sie sich beschweren wollen.“ „Nein, sage ich, ich will mich nicht beschweren.“ Der Mann zählt mein Rückgeld zweimal nach. „Es muss gehen“, sagt er und fragt: „Brauchen Sie einen Beutel. Es tut mir so leid.“ „Nein, sage ich, nein.“

Dann kommt der nächste Kunde, tapp, tappen meine Füsse und ich sind auf und davon. Langsam laufe ich nach Hause, im Sommer, ich hatte es fest vergessen, da war ich in Berlin, die Milch war aus oder etwas anderes, ich weiss es nicht mehr, da war ich in einem jener Supermärkte in die ich sonst doch nicht gehe,ich weiss schon warum, der Marktleiter schrie: „Lange mache ich das nicht mehr mit, ihr seid alles Idioten, dann kommen hier die Automaten rein und ihr seid erledigt.“ Die Frau, die da stand weinte und sagte:“ Bitte, ich brauche diesen Job.“ Der Marktleiter verschwand irgendwohin und die Frau musste ja auch wieder an ihren Platz, Kasse drei oder sieben. Ich hatte die Geschichte fast vergessen, am Abend in einem anderen Supermarkt holte sie mich wieder ein.

Tapp, tapp, ich schliesse die Tür auf, Katze und Hund und die Leere, alles wie immer und die Geschichten tief vergraben im Beutel unter dem San Francisco Sourdough und dem teuren Käse. Ich esse nichts mehr, ich sehe aus dem Fenster, still ist es, ich ziehe die Knie hoch. „Ist es zu spät?“, frage ich mich, „Ist es nicht längst zu spät?“

Podologische Notizen im Zugabteil

In Prag stehen so viele Menschen auf dem Bahnsteig, dass ich mir sicher bin, diese Menschen gehen niemals alle in diesen Zug und wir haben auch noch Koffer, Rucksack, luggage holdall und eine Tasche dabei.

„Wagen 257″ sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt ist so viel größer als ich, dass er den Wagen erspähen muss.

Der Zug kommt und der Tierarzt sagt: „Bist Du Dir sicher, dass es Wagen 257 ist? Mir war als hätte ich eben Wagen 275 gesehen.“

Ich krame nach den Fahrkarten, aber da steht noch immer: Wagen 257.

Derweil stürmen alle Leute in den Zug.

„Auch gut“, sage ich zum Tierarzt,„dann tritt uns keiner auf die Zehen.’“

Dann schleppen wir Gepäck zum Waggon, ich hieve und wuchte das Gepäck in die Ablage und wir fallen auf die Sitze. In der tschechischen Bahn hat es lauter Abteile. Jedes Abteil hat sechs Sitze, wir haben einen Fensterplatz und einen Gangplatz.

Der Tierarzt lehnt den Kopf ans Fenster.

Ich lehne meinen Kopf an die Tierarztschulter.

Dann quietscht die Abteiltür und eine Frau mit karottenrot gefärbten Haaren und zwei Enkelkindern, die eigentliche schon junge Enkeldamen sind, kommen herein.

Uns würdigt sie keines Blickes.

„Hier setzen wir uns hin, sagt sie und wenn hier irgendein Spießer mit Platzkarten kommt, dann soll er uns erstmal kennenlernen.“

Die beiden Enkeldamen pfeffern die Rucksäcke auf den Fußboden und zanken sich während wir aus Prag herausrollen, um ein Paar Kopfhörer. Nach fünf Minuten wird der Streit handfest, der Tierarzt flüstert: „Menschen sind schon wegen geringer Dinge erschlagen worden.“

Dann reißt der Kopfhörer entzwei.

„Problem gelöst“, flüstere ich dem Tierarzt zu.

Der Tierarzt erschauert.

Die karottenrote Großmama erfrischt sich mit einem Deoroller unter den Achseln. Dabei verrutscht ihr das Top. Wir schlagen die Augen nieder und zählen bis 120.
Die Großmama juchzt: „Berlin“ ruft sie „Berlin wir kommen.“ Sieben Tage, der Laurentius freut sich schon. Na ja, ich muss erst mal baden.“

Die Enkeldamen reißen sich an den Haaren.

Plötzlich sagt eine von Ihnen: „Oma haben wir denn ein Gastgeschenk?“

Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“

Die Enkeldamen nicken zufrieden.

„Ihr werdet sehen“, sagt sie „Berlin ist eine ganz andere Nummer als Tulln.“

Für eine halbe Stunde verstummt das Gespräch und die Großmama nebst Enkeldamen verzehren Brote. Die Brotpapiere pfeffern die Damen auch auf die Erde.

„Hier ist ein Mülleimer“, sage ich zu den Damen.

Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“

Ich hebe die Butterbrotpapiere also auf.

Die Damen werden müde. Die Enkeldamen streiten sich um ein Buch. Die Großmama gähnt. Sie spreizt die Beine und schon hat sie ihr linkes und dann ihr rechtes Bein auf die Sitzlehnen des Polster geschwungen auf dem nun eben ich sitze.
Dreißig Sekunden später schnarcht sie.

Ihre Socken hat sie ins Abteil wo auch schon der übrige Kramuri liegt, gepfeffert.

Ihre Füßen riechen nicht gut. Ihre Füße haben Schrunden, Hühneraugen und eingewachsene Nägel.

Mir dreht sich der Magen um.

Der Tierarzt erschauert.

„Mädchen“, was willst du tun? Die Frau ist zum Äußersten entschlossen.“

„Entschuldigen Sie“, sage ich zu der Großmama mit dem karottenroten Haar. „Ich sehe Sie sind ermüdet und haben wehe Füße, aber dies ist eben auch ein enges Abteil und ich möchte ungern die nächsten Stunden zwischen ihren Füßen verbringen.“

„Was sind sie denn für Eine?“, blafft die Großmama herüber. „Wie kann man sich nur so affig haben?“ „Ich kann nicht schlafen ohne die Füße hochzulegen.“ „Noch nie ein Paar Füße gesehen oder was. War ja klar, dass wir neben so einer Vollspießerin landen.“ Dann greift sie nach ihren Füßen und beschnüffelt sie ausgiebig. „Riecht einwandfrei“, sagt sie und streckt mir die Füße hin. Ich sehe die schrundigen Füße und finde ich habe wirklich genug gesehen. Der Tierarzt versucht hektisch ein Fenster zu öffnen.

„Ich bin mir sicher, sage ich zu der weiter keifenden Großmama, dass ihre Enkeltöchter gern bereit sind ihre Füße aufzunehmen.“

Die Dame starrt mich wütend an.

Die Enkeltöchter sehen zu ihrer Großmutter herüber.

Unisono kreischen sie los: „iiiiiiiiehhhhh, niemals legst du deine Stinkefüße auf unsere Lehne.“

„Das ist ja voll krass“,iiiiiihhhhhhh.“

Der Tierarzt flüstert: „Jetzt bringt sie dich um.“

Ich flüstere: Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan.“

Aber dann kommt der Schaffner und will die Fahrkarten sehen.

Die Großmama durchwühlt ihren Rucksack. Viele Dinge fallen aus dem Rucksack auf den Abteilboden. Der Tierarzt starrt gebannt auf den sich leerenden Rucksack. Er erwartet eine Streitaxt und sicherlich auch Pfeil und Bogen um Spießer zu erlegen.

Der Schaffner sagt: „Immer mit der Ruhe, die Dame bitteschöndankeschön.“

Die Dame ruft: „Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eigentlich fahr ich immer schwarz, aber is eh klar, wenn ich schon einmal eine Fahrkarte hab, dann finde ich die nicht.“

Dann findet sie doch drei eingedellte Fetzen Papier.

„Einen Identifikationsnachweis bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner.

Die Dame ruft: „No borders, no nations.“

Der Schaffner sagt: No English, bitteschöndankeschön.“

Und dann sagt er noch einmal: „Einen Identifikationsnachweis bitte wegen des Rabatts bitteschöndankeschön.“

Der ganze Abteilboden ist jetzt vom Rucksackinhalt bedeckt.

Dann finden die Enkeldamen einen Schülerausweis.

„Bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner und schließt die Tür.
In Usti nad Labem steigt eine Familie mit Platzreservierung zu.

„Jetzt geht es um alles“, flüstert der Tierarzt panisch.

Die karottenrote Dame schreit den Vater an: „ Scheiße, such dir doch einen anderen Platz. Reservierung ist nur was für so ne Pinkel wie euch.“

Der Mann sagt immer wieder: „Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt.“

Das zermürbt die Dame und ihre Enkelinnen.

Zeternd verlassen sie das Abteil.

Dreimal kehren sie zurück, weil immer noch einige ihrer Habseligkeiten auf dem Abteilboden liegen.

Der Tierarzt atmet auf: „Und Du sagst immer Kälbchen hätte kein Benehmen.“

Als wir in Dresden aussteigen, gleite ich fast über das Paar Socken aus, das noch immer auf dem Boden liegt. Aber nur fast und darauf kommt es ja manchmal auch an.

Was ich über den Uhrmacher weiß.

Ein Jahr lang, lebte ich schon in Irland, da blieb der alte Reisewecker meines Großvaters einfach so stehen. Genau um 2.30 Uhr mitten in der Nacht. Bei Weir&Sons schüttelte man den Kopf: „Der Wecker sei schrott, aber sie könnten mir einen neuen Wecker verkaufen.“
Ich schüttelte den Kopf.
Der Wecker blieb stehen und ich suchte einen Uhrmacher.

Ich suchte vier Wochen bis ich den Uhrmacher fand.

Der Laden des Uhrmachers ist am Ende einer kleinen, dunklen Straße. Die Straße ist eng und fast hätte ich den Laden gar nicht gesehen.

Im Schaufenster des Uhrmachers liegen keine Uhren. Im Schaufenster des Uhrmachers steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Plastikrosen im Sommer, Plastiksonnenblumen im Herbst, im Winter ein Tannenbaum aus Plastik natürlich, im Frühling eine Primel. Die Primel ist dunkelblau und nicht aus Plastik. Sonst ist die Auslage leer. Uhrmacher steht auf dem Schild. Das Schild ist schwarz. Eine kleine Papptafel klemmt an der Tür: Watch Batteries.

Die Tür des Uhrmachers ist verschlossen. Man muss an die Tür klopfen, dann kommt die Frau des Uhrmachers und betätigt einen Schnapper, erst dann öffnet sich die Tür.

Der Laden ist klein. Nicht viel größer als eine Küche in einer Berliner Altbauwohnung. Eine Vitrine steht im Uhrmacherladen, die Vitrine ist fast leer, ein paar Ringe, ein paar Halsketten, Armbänder, Uhren sind nicht in der Vitrine. Hinter der Vitrine hängt ein Kalender. Der Kalender ist von 2002 und neben dem Kalender hängt eine billige Küchenuhr.

Mehr Uhren gibt es im Geschäft des Uhrmachers nicht.

Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.

Der Uhrmacher selbst sagt: My wife does the talkin.’

Aber auch die Frau des Uhrmachers spricht nicht viel.

Damals als ich mit dem alten Reisewecker meines Großvaters zum Uhrmacher kam, schwieg der Uhrmacher und ich redete auf den Uhrmacher ein. Ich wollte den Uhrmacher unbedingt davon überzeugen, den Wecker zu reparieren. Der Uhrmacher schwieg und klemmte sich eine Uhrmacherlupe in das rechte Auge.

„Das ist eine gute Uhr“ sagte er.

Damit war es besiegelt.

Die Frau des Uhrmachers schreibt die Reparaturaufträge in ein grünes Buch aus festem Karton. Der Uhrmacher diktiert ihr. Er beschreibt die Uhren genau. Er sagt nicht: Ein alter Wecker, metall, grüner Zeiger. Er sagt: Reisewecker, metall, beleuchtetes Ziffernblatt, vermutlich 1962, Deutschland, Federspannung. Der Uhrmacher diktiert mit geschlossenen Augen. Seine Frau fragt nie nach, sie schreibt mit langen geschwungenen Buchstaben.

„Mittwoch können Sie kommen und den Wecker wieder abholen“, sagte die Frau des Uhrmachers. Der Uhrmacher nickte.

Auf der Vitrine klebt ein Schild. „Wie möchten die Kundschaft darauf hinweisen, dass wir uns das Recht vorbehalten, eine Uhr, die auch drei Monate nach der Reparatur nicht abgeholt wurde, zu veräußern, um unsere Unkosten zu decken.

„Gibt es denn wirklich Menschen, die ihre Uhren nicht abholen?“, fragte ich den Uhrmacher oder seine Frau, man weiß ohnehin niemals wer einem antwortet.

Der Uhrmacher zog eine Schublade auf. Die Schublade war voller Uhren. Herren,-Damen und Kinderuhren, sogar ein kleiner Wecker in Form eines Hahnes aus Porzellan war darunter.

„Was machen Sie denn mit den Uhren, wenn Sie sie doch nicht verkaufen?“, fragte ich den Uhrmacher. „Ich ziehe sie auf, was denn sonst?“, sagte der Uhrmacher. Ich nickte.

Manchmal kommen Kunden mit Uhren, die dem Uhrmacher nichts taugen. Uhren aus Plastik für drei Euro. „Das ist keine Uhr, sondern eine Schande“ sagt der Uhrmacher dann. Die Frau des Uhrmachers sagt: „Sie können die Uhr wieder mitnehmen“ Dann knallen die Kunden mit den Türen.

Der Uhrmacher repariert Uhren, aber Uhren verkauft er nicht.

Der Uhrmacher sagt: „Jede Uhr hat einen Charakter, die meisten Menschen haben keinen.“

Manchmal verkauft der Uhrmacher eine Kette, einen Ring oder ein Armband. Aber auch das macht der Uhrmacher nicht gern.
Der Uhrmacher sagt: Er hat schon viele Bräute auf Hochzeiten weinen sehen. Dann seufzt der Uhrmacher und seine Frau streicht ihm über die Hand.

„Die Uhr ist an ihrem Ende angekommen“, sagte der Uhrmacher einmal zu einer alten Frau, die zum dritten Mal ihre Uhr zur Reparatur zu ihm brachte. Die alte Frau seufzte, die alte Frau sah nicht so aus, als ob sie Geld für eine neue Uhr gehabt hätte, der Uhrmacher öffnete die Schublade mit den tickenden Uhren und legte der Frau eine Uhr in die Hand. So ist der Uhrmacher.

Heute brauchte meine Armbanduhr nur eine neue Batterie.

Der Uhrmacher sagt: „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“
Ich muss lachen.

Vier Euro will der Uhrmacher für die Batterie haben.

Fünf Euro werfe ich in die Trinkgeldkasse des Uhrmachers. Die Trinkgeldose ist eine rostige Keksdose. Big Ben.

„Der Tierarzt, Uhrmacher sage ich, kommt nächste Woche, er braucht ein neues Armband für seine Uhr.“

Der Uhrmacher mag die Uhr des Tierarztes besonders gern. Die Uhr ist aus Frankreich. Der Uhrmacher war einmal mit seiner Frau in Lourdes. Der Uhrmacher ist ein frommer Mann. In der Vitrine des Uhrmachers neben den niemals abgeholten Uhren liegt ein Fotoalbum. Die Bilder im Album sind alle schwarz-weiß. Auf den Bildern ist der Uhrmacher zu sehen, neben einem alten Mann mit langem Bart. „Oben in Belfast bin ich Uhrmacher geworden“ sagte er, der alte Uhrmacherjude ist dann nach Israel. Der Uhrmacherjude war ein frommer Mann. Der Uhrmacherjude verstand sein Handwerk.

Ja, sagte ich.

Einmal fragte ich den Uhrmacher, wie lange es sein Geschäft noch gäbe und ob er denn Kinder hätte. „Kinder hätte er keine“, sagte der Uhrmacher, das Geschäft aber würde es geben, bis und dann zeigte der Uhrmacher auf seine Brust, bis die Uhr hier drin aufhört zu schlagen.“

„Ziehen Sie die Tür fest hinter sich zu“, sagt die Frau des Uhrmachers.

Manchmal macht sie dann noch eine Bemerkung über das Wetter, der Uhrmacher nickt. Der Uhrmacher macht niemals eine Bemerkung über das Wetter.

Das ist alles,was ich über den Uhrmacher weiß.

Flora und Fauna

Es ist also ein ganz gewöhnlicher Samstag Morgen, mir tropft das Meerwasser aus den Haaren, ich stehe am Herd und in der alten Stielkasserole quillt Porridge und ich rühre und rühre und rühre. Wie gewöhnlich lauert die Katze auf dem Fensterbrett, dass ihre warme Milch abgeschöpft wird und wie jeden Samstag steht der Hund hinter mir und glaubt, wenn er mir seinen Hundeschädel nur arg genug in die Kniekehlen rammte, würde er seinen Porridgeanteil schneller erhalten. Hier irrt der Hund, ich rühre, der Tierarzt sitzt auf der Anrichte, liest mir aus der Zeitung vor, schlenkert mit den Beinen, unterbricht die Zeitungslektüre, küsst mich auf die Nasenspitze und sagt: Mädchen, was schenkst du eigentlich Kälbchen zu Weihnukkah?“ Ich huste und während ich noch sagen will: „einen ausgedehnten Aufenthalt in einem Landschulheim für Rüpelkälber“, klingelt das iphone auf dem Küchentisch. „Tu mir die Liebe und nimm ab, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt bringt das Telefon zu mir herüber an den Herd und sagt: Ich weiß nicht, es klingelt so aggressiv. „Ach, sage ich, das ist nur die D.“ und während Hund und Katzen sich um die Stehlampe jagen, tippe ich auf den Lautsprecher und die Stimme der D, schallt durch die Küche des kleinen, windschiefen Hauses in einem kleinen, irischen Dorf.

„Diese Haselnuss, diese impertinente Person schreit die D. und man hört ein dumpfes Krachen am anderen Ende der Leitung. „Dieser Mann vom Verstand einer schimmeligen Seegurke, dieser Beißwurz“ donnert die D. und aus ihr spricht ein Zorn, wie er seit Zeiten der römischen G*tter selten geworden ist. In eine Atempause hinein frage ich: „D. wer hat Dir ein Leids getan?“ Die D. aber lacht nur höhnisch: „Der grünäugige Sellerie natürlich, wer denn sonst, es ist nicht zu glauben, dass ausgerechnet ich an einen Mann vom Gehalt einer Spreewälder Gurke geraten bin.“ „Oh, Spreewälder Gurken sind sehr gut, sage ich, wusstest Du eigentlich, dass meine Großmutter selbige in gewaltigen Tontöpfen einlagerte, kam der Winter?“ Von all dem aber will die wütende D. nichts wissen. „Lenk nicht ab Read on, diese Nachtschattengewächseite kannst Du Dir bei mir wirklich sparen. „Wäre ich eine Pflanze, liebe D. sage ich wäre ich ein Fliederbusch“, werfe ich ein und die D. wirft mit einem Buch. Ein Glück, dass Bücher nicht durch Telefone passen, sage ich mir und die D. schnarrt, dass ich wirklich etwas von einer ätherischen Pflanze hätte, denn auch sie ertrüge mich nur unter Betäubung. Ich muss kichern, während der Tierarzt langsam an den Rand der Anrichte rutscht. „Was ist denn nun vorgefallen?“, frage ich noch einmal und die D. fährt fort zu schreien: „Dieser hohle Kürbis, der T. hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“ „Mazal tov“, rufe ich und die D. faucht: „Mazal tov?“ willst du mich verfluchen?“ Noch niemals seit der Erfindung des Penicillins haben Internisten und Chirurgen geheiratet. „Man lagert ja auch keine Birnen neben Äpfel Erdbeeren wachsen nicht am Walnussstrauch“ und wieder unterbreche ich die D. „Du weißt schon, dass Erdbeeren durchaus der Familie der Nüsse zuzuordnen sind, ja?“ Die D. aber mauzt nun vollends aufgebracht: „Erspare mir doch einmal Deine Spitzfindigkeiten, Read On. Du kannst wahrhaftig eine Kokosnuss zur Weißglut reizen.“ Inzwischen sitzen Hund und Katze still und ehrfurchtsvoll unter dem Küchentisch, dort säße der Tierarzt auch gern, aber der muss Zimt anreichen und tut es mit zitternder Hand. „Chirurgen“ schreit die D. „seien Pflaumen, von außen hübsch, von innen matschig, das Gehirn eines Chirurgen ist so groß wie eine Medjool-Dattel nach siebenzehn Wochen in der heißen Wüstenluft, jede Petersilienwurzel habe mehr Tiefgang als ein Chirurg und ein Kartoffelacker sei die Bibliothek von Alexandria gegen die dreiundzwanzig Vokabeln, die dieser Spezies zur Verfügung stehe.“ „Er hat dich richtig gefragt, mit Ring und allem?“, frage ich die D. „Ja, Ja, Ja“, schreit die D. „Dabei sind wir doch Naturwissenschaftler, da lässt man sich doch nicht zu so etwas hinreißen.“ Und was hast Du gesagt?“, frage ich weiter. „Er solle sich dahin scheren wo der Pfeffer wächst“, bringt die D. unter zusammengebissenen Zähnen vor.“ „Ouf, sage ich D. Du bist wirklich richtig verliebt.“ Die D. befindet daraufhin, dass Promotion hin oder her, mein IQ dem einer sehr kleinen Perlzwiebel entspräche. „Mazal tov, Süße“ rufe ich und die D. schmettert den Hörer auf. Der Tierarzt sieht fassungslos auf das nun stumme Telefon. Ich reiche der Katze Milch, dem Hund Porridge und fülle auch uns Haferbrei in die Schüsseln. Wieder klingelt das Telefon, Tierarzt, Katze und Hund zucken zusammen, aber es ist nur der T.

„Read On“, sagt der T., diese Frau, was glaubst Du, was sind meine Chancen?„Spätestens Montag sagt sie Ja“, sage ich und der T. atmet hörbar aus. „Diese Frau ist eine Chilischote“ sagt er und dann geht sein Pieper.

Der Tierarzt gießt Tee nach und sagt:“Mädchen, the Germans know their drama. The heat, the fire, there is desire lurking underneath their pores. They know what a lover’s tryst looks like, oh the passion. They glow from the inside, oh these Germans. What marvelous beings“. Den Tierarzt durchfährt ein heiliger Schauer.

Ich löffle Himbeermarmelade auf meinen Haferbrei und sage:
„Tierarzt wusstest Du, dass die liebe D. eine kleine Schwester hat und beuge mich über den Tisch, sie ist zwei Monaten wieder Single.“

Schweigend starren mich Hund, Katze und der Tierarzt an.

Es geht doch nichts über ein Samstagsfrühstück im Kreis seiner Lieben, denke ich mir und schiebe die Himbeermarmelade zum Tierarzt herüber.

Zwischen den Orten

Auf dem Flughafen gerät ein Mann in größte Verzweiflung. Irgendetwas muss er vergessen haben. Er packt seinen Koffer aus und wieder ein. Auch auf die Kleidungsstücke springt seine Verzweiflung über: zwei Pullover verknoten sich unentwirrbar ineinander, ein Hemd knittert sich innerhalb von zwei Minuten zu einem traurigen Ball zusammen, ein Schuh springt entsetzt davon und die Pyjamahose schlackert mit den Beinen als fürchte auch sie hier auf dem Flughafen in Vergessenheit zu geraten. Der Mann aber durchwühlt den Koffer ein zweites und drittes Mal, rauft sich die Haare, seine Brille beschlägt und in seinem Gesicht steht der ganze Schrecken geschrieben, der einen umfängt, lähmt und ganz und gar aus der Fassung bringt. Dann öffnet der Mann seinen Rucksack durchwühlt auch diesen, doch das Gesuchte bleibt verschwunden und mit dem Kopf in den Händen vergraben, sitzt der Mann auf den trostlosen Stühlen von Terminal C. in Tegel, um ihn herum kaufen Menschen Christsstollen für 29,80 Euro, riesige Toblerone-Rollen in Schwertlänge, andere fletschen Bockwürste und eine Frau ruft: „Zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und den Zucker nicht vergessen, Heinz.“ Heinz nickt und versucht zu verstehen, warum zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und einige Zuckerlsackerl zehn Euro kosten, ein Mann probiert auf seinem Telefon Klingeltöne aus, und zwei Frauen überlegen, was man der Schwiegermutter auf keinen Fall schenkt, bei Topflappen sind sie sich unschlüssig. Der Mann aber bekommt von all dem nichts mit, sondern durchwühlt den Koffer ein drittes und den Rucksack ein viertes Mal. Auch ich angesteckt wie die um ihn verteilten Dinge, werde unruhig und nervös und sehe sieben Mal nach ob SchlüsselPassPortemonnaie noch das sind, wo sie sein sollen. Denn die Verzweiflung des Mannes kenne ich nur all zu gut, auch mir gehen die Dinge gern und häufig verlustig und so liegen in einem Hotelzimmer in Marseille in einer Schublade vielleicht noch immer ein Stapel Briefe, deren Verlust mir noch immer ein Ziehen im Herzen bereitet, liegen inzwischen auch viele Jahre und viele verlorene Dinge zwischen ihnen. Dann aber wird der Flug nach Dublin aufgerufen und der Mann geht geschlagen davon, nicht ohne sich noch ein letztes Mal umzusehen, ob das Verlorene nicht wie ein Wunder doch noch einmal auftauchen wird.

Im Flugzeug lange in den Pariser Tagebüchern Ernst Jüngers gelesen. Dabei verlässt einen die Irritation als Grundgefühl nie. Jünger hellsichtiger als viele andere, die vom Endsieg schwadronieren, weiß viel und sieht viel, besteht auf dem Wissen um die Verbrechen und gleichzeitig sind die Tagebücher auch immer wieder unerträglich, wenn Jünger sich in seitenlangen schwülstigen Ästhetizismen ergeht, die im Herbst 1944 vollständig egal geworden sind, oder nach Käfern grabbelt, auch dies immer im Bewusstsein in einem höheren Verhältnis zu den Dingen zu stehen, dabei ist er ja Teil jener deutschen Okkupationsregierung, die französische Geiseln an die Wand stellen lässt. Erstaunlich aber, wie sehr Jünger sich verliebt in Sophie Ravoux, eine Kinderärztin, ihr Mann, der Journalist Paul Ravoux sitzt im Gestapogefängnis und irgendwie geht es alles weiter und vielleicht ist das der Moment in dem endlich einmal nicht mehr über, sondern in den Dingen steht. So anrührend wie komisch Jüngers Beharren darauf, dass sein jüngere Bruder gute und tiefe Gedichte schrieb. Die klingen so: Das Wissen, das ich mir erworben/ Ist dürrer Zunder, Kommt, Flammen, und verzehrt, verschlingt / Den ganzen Plunder.

Das Entsetzliche aber ist immer ganz nah und als wir in Dublin landen, ist sein Sohn Ernstel verhaftet und wieder hat die Realität den kühlen Beobachter eingeholt. Keine Vorstellung darüber, ob man Ernst Jünger in Deutschland noch liest.

In den Nachrichten lese ich, da sind wir zurück in Irland, dass Suat Çorlu, der Ehemann von Meșale Tolu in Freiheit ist. Eine völlig unverhoffte, eine überraschende Nachricht. Da ich die Omen auch die Guten fürchte und der nächste Prozesstermin für Meșale Tolu am 18. Dezember stattfindet, die Nachricht wohlverwahrt und neue Briefmarken für die täglichen Karten herausgelegt. Mit dem Tierarzt ein in am Telefon begonnenes Gespräch auf dem Flughafen weitergeführt und mit ins Haus getragen, Frost auf dem Dachgiebel, kalter Wind von der See her, lange aus dem Fenster gesehen und auf das beruhigende Blinken des Leuchtturms gewartet.

Unruhige und verwirrende Träume.

Zitat aus: Ernst Jünger, Das zweite Pariser Tagebuch, (Stuttgart,1988),p. 265.

Regenguss

Schon auf dem Weg zum Bahnhof früh am Morgen werde ich nass. In Irland heißt das immer: nass bis auf die Knochen. Das Wasser tropft mir aus den Ohren, läuft aus den Schuhen und ich ähnle noch weniger als sonst einem respektablen Fräulein, sondern sehe aus wie eine ägyptische Tempelkatze nach dem rituellen Bade durch den Kämmerer des Pharaos selbst. Verkniffen spreche ich mir Trost zu: Immerhin hängt im Büro eine Zweitgarnitur. Im Büro angekommen trockne ich die Barbourjacke auf der Heizung und winde mich aus den durchweichten Sachen. Halbwegs trocken muss ich schon wieder los, denn ich treffe den Tierarzt, der jeden Donnerstag im Zoo den Blutdruck der Affen misst, sich um das asthmatische Zebra bemüht und nach der wunden Pfote des Wolfes sieht. Jeden Donnerstag hoffe ich indes, dass der Löwe doch bitte kein Zahnweh bekommen mag. Aber der Tierarzt und ich verabreden uns eben auch auf halber Strecke auf eine Stunde Gemeinsamkeit. Heute zudem bringt der Tierarzt mir einen Stapel Akten mit, denn am späten Nachmittag habe ich einen Termin in München. Erst einmal und wie könnte es auch anders sein, werde ich auf dem Weg zum Tierarzt nass. Die Regenwolken glaube ich haben sich gegen mich verschworen, kaum das sie sehen, dass ich das Büro verlasse, pfeifen sie sich schrill „Auf Drei“ zu und schon ergießt sich eine ganze Regenwand über mich. Die Regenwolken lachen laut und ich stapfe finster dem Tierarzt entgegen, der Regen läuft mir aus den Wechselschuhen. Mit klappernden Zähnen warte ich auf den Tierarzt, schon quietschen die Reifen des treuen Volvos und der Tierarzt betritt das Café: „Mädchen, Du frierst ja“, sagt er und schüttelt den Kopf und“ nass bist du auch.“ Ich klappere mit den Zähnen wie der Schneider sieben und der Tierarzt deutet auf seinen Wetterfleck. Der Wetterfleck des Tierarztes nämlich ist kein Regenmantel im eigentlichen Sinne, sondern ein als Mantel daherkommendes Zelt und schon sehr, sehr alt, hundertfach geflickt und mit breitem Kragen, 2 Meter hoch ist der Tierarzt und oh wie klein bin ich. Trotzdem mit blauen Lippen bibbere ich: Ja. Der Tierarzt entleert seinen Manteltascheninhalt in meine Barbourjacke und ich wickle mich in den Wetterfleck. Besser der Wetterfleck wickelt sich um mich bis nur noch meine Nasenspitze aus dem Mantelzelt hervorragt. Aber warm, oh wie warm ist der Wetterfleck, eine Kuhwärme hat der Wetterfleck an sich, denn ich weiß nicht wie viele Kälbchen und Lämmchen der Tierarzt schon in diesem Mantel erst auf die Welt gebracht und dann warm gehalten hat. So ausgerüstet, nebst dem alten braunen luggage holdall voller Akten also rase ich zum Flughafen. Unnütz zu Erwähnen, dass ich ein drittes Mal nass werde und wieder läuft mir das Wasser am Mantelsaum herab, meine Haare aber sind schon seit 11 Uhr ein nasser Klumpen der mir am Kopf klebt. Ich sehe inzwischen nicht mehr aus wie eine halbertrunkene Tempelkatze, sondern wie eine sehr, sehr nasse Mary Poppins.
Im Flugzeug bin ich kurz davor die Stewardessen um einen Wasserabtropfeimer zu bitten, zum Glück bleibt der Mittelplatz frei und der Gangnachbar trinkt Rotwein und hört sehr, sehr laut Eros Ramazotti, aber die Liebe soll man laut besingen und der Sitznachbar zeigt mir sogleich das Bild einer Frau, die weder Mary Poppins noch einer zerzausten Fledermaus gleicht, sondern aussieht wie ich mir die amtierende Miss Ukraine vorstelle. Er strahlt. Neapel. Freundin. Good vibes lässt er mich wissen, ich tropfe säuerlich vor mich hin. In München angekommen, sieht der Taxifahrer mich skeptisch an und legt eine Plastiktüte auf den Sitz. Ich tropfe. Der Taxifahrer aber erzählt mir, dass München voller Räuber sei. Nicht aber im herkömmlichen Sinne, keinen Kaninchendiebe mit grünem Seppelhut oder gewiefte Fallensteller mit genagelten Schuhen. Nein, die wahren Münchener Räuber seien die Zahnärzte dieser Stadt. Der Taxifahrer fletscht die Schneidezähne und erzählt eine Horrorodyssee, die weniger von seinen zwei überkronten Schneidezähnen handelt, als von dem mit rythmischen Schlägen auf das Lenkrad begleiteten Versuch die Schlechtigkeit der Welt mit dem Tun und noch mehr dem Lassen der Zahnärzte zu erklären. Er verabschiedet sich mit einem zünftigen: „Saubuan alle!“ Ich steige tropfend aus dem Taxi.
Das Gebäude aber dem ich nun zu eile, möge mich bloß niemand sehen, denn in München sind die Frauen allesamt immer sehr gut angezogen mit passender Handtasche zum Twinset, ist einer dieser typischen Glas-Marmor-Metall Ungetümer und so tropfe ich auf dem blanken Boden hin zur Rezeption, wo sich eine schneeweiße Orchidee, die bestimmt nur mit Morgentau gewässert wird, angewidert von mir abwendet. Die wirklich ausnehmend schöne Dame an der Rezeption aber lächelt zuvorkommend: „Noch einen Moment Geduld Fräulein Read On“ sagt Sie, der Herr C-E-O ist auf dem Weg zu Ihnen. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen. Ich winde mich aus dem triefenden Wetterfleck und sitze nunmehr in feuchter Bluse und nassem Rock ganz zu Schweigen von den durchweichten Schuhen auf dem weichen Lederpolster. Mir gegenüber sitzt ein geschniegelter Hipster. Ein sorgfältig gemachter Bart, pomadierte Haare, Nadelstreifen mit Anzugträgern, Hornbrille, grasgrüne Socken, ein eng auf Taille geschnittenes Jackett. Mitleidig lächelnd sieht er auf mich herab und zieht die linke Augenbraue nach oben, alles an ihm schreit „Ich bin ein Macher von Morgen.“ Ich hingegen das ewig gestrige Fräulein richte meine Aktenstapel, da klingelt das Hipsterhandy und der Hipster lästert unverholen über meine tropfende Gestalt ihm gegenüber. Eine Lachnummer….Vogelscheuche….ein Trampel…..und vor allem chancenlos. Aha, denke ich der Hipster also sucht einen Job. Aber schon kommt der Herr C-E-O durch die Halle gelaufen und noch bevor ich Aktenstapel auf die Arme gehoben habe, steht der Hipster auf und stramm. Der Herr C-E-O aber sieht ihn nicht, sondern ruft unter der Andeutung eines Handkusses: „Ach mein sehr verehrtes Fräulein Read On, wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Dann übernimmt sein Assistent die Aktenberge, wir fahren hinauf in das C-E-O Büro: es gibt Kuchen und harte Verhandlungen. Zwei Stunden später, lächelt der Herr C-E-O: „Fräulein Read On darf ich Sie zum Flughafen fahren.“ Ich nicke beglückt und der C-E-O beauftragt die schöne Assistentin meinen Wetterfleck zu holen, bedauert meine Regenepisoden und der Assisstent holt den Wagen. Der einzige Grund einmal selbst ein Fräulein C-E-O zu werden, wäre die Anwesenheit eines Assistenten, der mir das Auto aus der Gararge holte. Auf dem Weg zum selbigen passieren wir noch einmal das gläserne Entrée. Dort wird der Hipster von einer weiteren schönen und wie ich weiß sehr klugen Frau zur Tür herauskomplimentiert. Als freundlichen Gruss des Hauses erhält er das Firmenmagazin mit dem strahlenden Antlitz des Herrn C-E-O. Ich nicke ihm freundlich zu, mit der Andeutung eines Lächelns bloß, denn der Herr C-E-O hilft mir selbstredend in den Wetterfleck. Der Hipster steht fassungslos danbeben. Aber wir sind schon vorbei. Das Auto, eines jener Autos, die ich nicht einmal anbekäme hat Heizung an allen möglichen Orten und zurück am Flughafen bin ich von der Taille abwärts zerknittert, aber trocken. Der Herr C-E-O und ich verabschieden uns bis zum nächsten Mal und mit der letzten Maschine fliege ich zurück nach Berlin. Mädchen, sagt der am Telefon, vielleicht solltest du ein heißes Bad nehmen, aber mir schaudert, noch einmal von Kopf bis Fuß durchzuweichen, ist mir selbst in warmen Lavendelwasser zu viel. So krieche ich unter das Federbett und nur der Wetterfleck tropft weiter über der Badewanne ab.

Nach Norden

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Am Morgen aber nicht zum Zug gerannt, statt dessen den treuen, alten Volvo bestiegen, nordwärts diesmal. Schon liegt das Dorf hinter mir, im Rückspiegel noch einmal schiefergrau der Kirchturm St. Sylvester, dann fliegen andere Dörfer vorbei, der treue Volvo beklagt sich kaum, schon liegt Drogheda hinter uns, dann Dundalk, vergessene Städte, Grenzorte, vernachlässigt seit Jahrzehnten allen beschwörenden Reden aus Dublin zum Trotz. Dann Schafe, Kühe, schiefergraue Häuser, die Wiesen auch im März irisch-grün, die Grenze bei Newry, noch merkt man den Landeswechsel nur an der miles statt Kilometerzahl. Benzin für den Volvo, Kaffee für mich. Weiter und immer weiter. Portadown und dann endlich Belfast. Die Anfahrtsskizze zur dem Tierarzt befreundeten Kollegin an die Windschutzscheibe geklemmt, der Volvo erweist sich als treuer Freund und lässt sich auch am steilen Hang nicht lange bitten. Roter Backstein, weiße Balken, auf dem Eisenzaun schwarze Zacken. Endlich da. Ich lassen den Türöffner zweimal gegen die Tür schlagen. Blau ist die Tür. Die Frau hinter der Tür ist von strenger Kühle. „Sie sind ja ein Mädchen“, ruft sie noch bevor ich sagen kann: „Fräulein Read On sehr erfreut.“ Große ist die Tierärztin, ein weißer Kittel, raspelkurze Haare, noch einmal schüttelt sie den Kopf: „Ein Mädchen.“ „Wollen Sie mit mir Arm drücken?“ frage ich und immerhin bleibt mir nun das dritte „Mädchen“ erspart. Endlich werde ich auch den schweren Karton mit tierärztlichem Bedarf los, den ich versprach zu übergeben. Die Tierärztin macht Tee. Si e schüttet Kekse auf einen Teller mit gesprungenem Rand. Resopalstühle. Auf der Untertasse Pferde,-Hunde oder Katzenhaare. Vielleicht auch alle zusammen. Die knallroten Fingernägel an ihrer Hand trommeln auf die Tischplatte. Der Geruch von Desinfektionsmittel und Barry’s Tee. Die Tierärztin sieht meinen Blick auf ihren Fingernägeln. „Der schwarzen Ränder wegen“, sagt sie, ich hatte sie nicht gefragt. Sie erzählt vom Tierarzt. „Er sei ganz anders als ich glaube“, sagt sie, dann lacht sie tief und dunkel. Anekdoten aus Studientagen. Dazu schlecht verborgene, offene Absichten. Ich sehe aus dem Fenster. Die Tierärztin schwärmt von einem Veterinärball aus anderen Tagen. „Nichts für Mädchen“, fügt sie hinzu. Vor dem Fenster repariert ein Mann ein Neon-Kreuz. Die Kirche selbst ist ein zwischen die Häuser gepresster grauer Block. Der Mann konzentriert auf das Kreuz, die Tierärztin auf längst vergangene Nächte. Schuljungen laufen vor dem Fenster vorbei, gescheitelte Köpfe, marine-blaue Schuluniformen, rosa Kaugummiblasen vor ihren Gesichtern. Frauen mit Einkaufstaschen, keine von ihnen kaut Kaugummi, keine hat eine rosa Schleife im Haar. Ernste Gesichter, ernst ist es auch der Tierärztin mit ihrer Erzählung: goldene Jahre seien es gewesen. Sie und er. Er und ich, was für ein Abstieg. Weiße Röcke tragen die Frauen vor dem Fenster zu ihren ernsten Gesichtern, schwarze Strümpfe, schwarz-grau-beige Schuhe. Regen und dann Sonnenschein. Nass glänz das Pflaster. „Wir wissen nichts über andere Menschen“, verabschiede ich mich von der Tierärztin, längst ist der Tee kalt, sie allein aß von den Keksen. „Schickt er mir doch ein Mädchen“, höre ich sie sagen, dann fällt die Tür ins Schloss. Vorsichtig manövriere ich den Volvo zurück in die Stadt. Noch hängen die Wahlplakate die einen Sonderstatus für Nord-Irland in der EU fordern an den Laternen. An einer Ampel sehe ich eine Modigliani-Frau. Seit Jahren schon begegnen sie mir immer wieder. Unverhofft fast immer, so auch hier, an einer Straßenkreuzung, steht sie eine Hand ins schwarze Haar geschoben, ein grünes Samtjäckchen, die Nase gen Himmel, eckig das Kinn, die Augen jettschwarz, die aufgeworfenen Lippen ganz nach Modigliani geformt, ein kleines Handtäschchen an goldener Kette baumelt über ihrer Schulter, schaukelt im Wind. Sie schließt die Augen im Sonnenschein. Hinter mir aber hupen die Autos, der Volvo heult empört auf. In der Universität, universitäre Dinge. Der angereiste finnische Kollege erinnert sich an ein Gespräch einmal in Oslo begonnen. Ich könnte schwören, ich hätte ihn nie gesehen, lieber aber nicke ich. Hände schütteln, bekannte Gesichte, veratmete Luft. Sind da nicht Hunde,-Pferde oder Katzenhaare auf meinem Mantel? Ungeduldig klopfe ich sie ab, dann für eine halbe Stunde nach draußen. Milde Luft. Ein Oxfam –Laden, neben einem Wettbüro, ein Schnellimbiss: Chinesisch-Koreanisch-Indisch, passend dazu eine „All- you-can-eat Offerte“. Eine Gruppe Bauarbeiter reibt sich die Hände, ich kaufe eine Flasche Wasser, eine Banane und einen Stapel Bücher bei No Alibis. Der Volvo wartet treu im Sonnenlicht. Wer weiß vielleicht liest er ja im Bücherstapel herum. Die Nachmittagssonne tritt auch in das Konferenzzimmer hinein, die Anwesenden gähnen einvernehmlich, Schlussworte, Abschiedshonneurs. Freitag-Abend. Der finnische Kollege will auf ein Bier, ich nach Hause, schon zieht der Finne mich mit. Ich starre ins Wasserglas, der finnische Kollege erzählt mir eine komplizierte Geschichte über eine Hochzeit, die nicht mit einem „Ja-Wort“ endet, ob er der Bräutigam war mit den Ringen noch immer in der Tasche, will ich nicht fragen, sondern fahre den schlingernden Finnen ins Hotel. Dann zurück durch die Dunkelheit. Erst Dvořáks Bagatelles op. 47 im Ohr, dann müder werdend, irgendein Sender, der im Dreivierteltakt zum Mithopsen auffordert, eine halbe Banane und die gleichen Städte, endlich bekannte Namen, absehbare Kilometerzahlen, dann das Meer zur Linken, Fenster auf, auf schlingernden Wegen durch größere Dörfer und schon sehe ich St. Sylvester, das Dorf ist still, bei mir Zuhause ist Licht, Fenster zu und Motor aus. „Du bist zurück mein Mädchen“, sagt der Tierarzt.

Zehn Minuten

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2, 5 Minuten stochere ich mit dem Löffel im Custard herum und versuche die Puddinghaut zu entfernen. Neben Sellerie und Pastinaken verabscheue ich Haut auf dem Pudding auf das Unaussprechlichste. Der B. mit dem ich in LA zusammen lebte, pflegte des Morgens die Haut vom Milchtopf ( das Fräulein Read On müssen Sie wissen, wärmt sich die Milch zum Kaffee ) zu ziehen, bog den Kopf nach hinten und verschlang mit einem großen Bissen die Milchhaut. Jeden Morgen aufs Neue wurde mir speiübel von dieser Praxis. Frau Rajasthani schüttelt den Kopf über solche Kleinmütigkeit. Jeden Morgen schöpft sie die Milchhaut ab, um später Ghee daraus herzustellen. Der Custard und Sponge Cake schmecken eigentlich nach nichts, sind dafür aber süß. Ich bin sehr für süße Dinge. Nicht einmal in Irland glaube ich, käme jemand auf die Idee, Sellerie in Vanillepudding zu schneiden. Das ist manchmal schon viel.

Für zwei weitere Minuten putze ich mir die Zähne. Zähne putzen ist eine meiner Obsessionen. Putze ich mir nicht fünfmal täglich die Zähne, sehe ich grüne Spinatpflanzen, Schokoladenbrocken und Pistazienkerne an meinen Zähnen entlangranken und muss sofort zum nächsten Waschbecken rennen, um Abhilfe zu schaffen. Heute aber strecke ich nur meinem Spiegelbild die Zunge heraus und glaube ganz sicher die Bakterien leidvoll jammern zu hören. Ihnen soll die Zahnpasta frommen.

Drei weitere Minuten lese ich eine mich über alle Maßen freuende Email. Manchmal, wenn auch sehr selten gelingt es einem ja, Menschen zusammenzubringen. Dass es hier gelang und sich im Dezember zwei der Frauen, denen ich viel zu verdanken habe in New York treffen werden, ist ein echter Glücksmoment. Ich tippe in 1: 28 eine Antwort. Glück macht flinke Finger.

Eine Minute lang gähne ich laut und herzhaft. 25 verbleibende Sekunden lang fahre ich mir durch das Haar, um mir wenigstens den Anstrich respektabler Ansehnlichkeit zu verleihen. Dann, Sie kennen das schon, muss ich weiter.