Eckensteher auf Zeit

Auf einer belebten Straße stehe ich und warte auf den Herrn Direktor. Der Herr Direktor steht im Stau. „Macht nichts“, sage ich am Telefon. Wann hat man denn an einem belebten Montag Morgen schon Zeit einfach einmal so auf die Straße zu schauen?

Schon immer wäre ich gern Eckensteher geworden, aber leider hat sich dieser Berufsweg nie ganz durchsetzen können und so sehe ich nur ausnahemsweise der Straße am Montag zu. Da ist der Mann mit bunter Krawatte und Lederetui, der hektisch in ein Telefon schreit: „Hongkong or Singapore? Hongkong or Singapore? Mir scheint an den Business Schools geniesst Geographie nicht den Stellenwert, den es bräuchte. Aber schon ist der Mann vorbei gerannt. Ein kleines Kind mit Zauberstab und prächtigen Schmetterlingsflügeln angetan inspiziert eingehend einen Stock auf den Boden. Wer selbst ein Schmetterling mit magischer Hand ist, so scheint es, der findet nicht einfach so einen verwehtes Stück Holz, sondern hebt den Bleistift eines Druiden auf und hält den Stock genauso fest in der Hand wie den Zauberstab. Ein Mann in mittleren Jahren mit einer kleinen Nickelbrille und einem großen Rucksack auf dem Rücken begrüßt mit großem Ernst jede einzelne Laterne auf dem Weg die Straße hinauf. Langsam geht er und für jede Laterne findet er ein Wort. Ein Hund wartet mit hängender Zunge auf eine Frau. Die Frau trägt einen rot-grün karierten Mantel und einen gelb-blau gestreiften Rock. Ihr Hund hat brau-weiß geflecktes Fell und eine blass-rosa Zunge. Die Frau holt ein Croissant mit Mandeln aus einer Tüte und der Hund bekommt zwei Scheiben Schinken. Der Hund jauchzt und die Frau lächelt.

Zwei amerikanische Touristen mit viel Gepäck haben müde Gesichter. Ihr Hostel hat noch nicht auf oder der Nachtportier ist auf beiden Armen eingeschlafen. So genau weiß man das nicht, denn die Tür zum Hostel geht einfach nicht auf. Die beiden Touristen streiten sich dann. „Das ist alles deine Schuld. Nein deine Schuld. Klar immer bin ich schuld. Jetzt fängst du wieder so an.“ Zum Glück kommt ihnen eine große Möwe dazwischen, die mit viel Getöse auf dem Sims über dem Hostel landet. Die Toursiten kreischen erst und dann machen sie ein Foto. Eine Frau schließt ihren Friseursalon auf und kehrt seufzend mit ihrem Handfeger Zigarettenkippen vom Abtreter herunter. Ein Schulkind hüpft auf einem Bein sehr gekonnt die Straße hinauf. Ich sehe ihm ein bisschen neidisch hinterher. Ich hüpfe nur mittelmäßig und überhaupt viel zu selten.

Eine andere Frau balanciert vier heiße Kaffeebecher und setzt vorsichtig, so vorsichtig es auf einer belebten Straße eben gehen kann einen Fuß vor den anderen. Jetzt soll bloß kein Malheur geschehen. Schon überquert sie die Straße. Eine andere Frau beugt sich über einen Autospiegel und zieht sich die Lippen nach. Zufrieden wirft sie ihrem Spiegelbild einen Kuss zu und schon sieht man sie nicht mehr. Nur ihr schweres Parfüm-Bergamotte und irgendein süßes Gehölz- vermute ich liegt noch lange in der Luft.

Ein älterer Herr stopft sich seine Pfeife, aber er kaut nur auf dem Pfeifenstiel herum. Noch sind die guten Vorsätze nicht gänzlich abgegolten.

Zwei Obdachlose sitzen auf feuchten Pappen und hoffen auf Kleingeld, das vielleicht für einen Kaffee reicht. Ich gehe zu beiden herüber, aber während ich warte, kommen fünf weitere Menschen auf der Suche nach „just a bit og change“ vorbei. Wie haben wir uns als Gesellschaft daran so schnell gewöhnen können, frage ich mich wieder und wieder, dass so viele Menschen nicht nur ganz sprichwörtlich auf dem Boden sitzen? Aber wir haben uns daran schon lange gewöhnt, denn wir sehen kaum noch auf und das liegt nicht an einem geschäftigen Montag Morgen.

Dann klingelt mein Telefon wieder. Aber schon sehe ich den Herrn Direktor, der sich schon wieder entschuldigt und dabei habe ich doch so viel gesehen als ein Eckensteher auf Zeit an diesem trüben Januarmorgen an einer Kreuzung in Dublin.

Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.

Kurze Notizen

Am Morgen geschwommen. Ereignislos, nichts gedacht, nichts gehofft, nichts verloren, nicht schnell und nicht langsam geschwommen, ausatmen, einatmen, immer zwischen 6 Uhr und 7 Uhr. Gehe ich aus dem Wasser, kommt das Rentnergrüppchen, als ich vor vielen Jahren anfing zu schwimmen, waren es noch Ehepaare, jetzt kommen die Witwen zum See. Nur zwei Männer sind dabei, eine Frau sagt: „ Der G. macht sich Hoffnungen.“ Dann verschwindet sich hinter die Bäume. Die verbliebenen Männer machen Rückenschwimmen. Ich fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt schläft noch. Die Sonnenblumen machen müde Gesichter. Einen Teller Rosinen-Sonnenblumen-Kürbiskerne für die alte Freundin Wildtaube dazu. Auf der Straße trinken Bauarbeiter Kaffee und frühstücken Semmeln. Sie sprechen Polnisch und warten auf den Chef. Der Chef lässt auf sich warten.

Ich arbeite und irgendwann wacht der Tierarzt auf. Tee. Wenigstens das geht, man wird bescheiden mit der Zeit. Der Tierarzt packt das luggage holdall, er fährt schon vor an die Ostsee, aber erst einmal, fahren wir in die kleine deutsche Stadt. Aufklärungssprechstunde, diesmal bin ich am letzten Freitag des Monats nicht da.

Im Radio spielt Angela Hewitt Bachs Goldberg Variationen .

Die S-Bahn ist voll. Stickig ist die Luft, die S-Bahn ist ein Aquarium für Menschen. Ein Mann schreit in ein Telefon, eine Frau feilt sich die Nägel, sie hat lauter Lockenwickler im Haar, bin Brautjungfer nuschelt sie, dann feilt sie weiter, ein Mann hat zwei große Taschen mit Leergut vor sich, er zählt die Flaschenarten auf: 2x Sternbhurger dit hilft nicht viel, dreimal Cola schon besser dit, denn sone Ökoflaschen, dit muss ich mir erst ma beschauen, und denn ne ganze Ladung Cola-Mix, damit lässt es sich doch arbeiten. Johgurt-Gläser auch noch, jetzt saufen die schon den Joghurt, dann hat der Flaschensammler seine Inspektion beendet und atmet durch. Die Brautjungfer schreit in ein Telefon: Nur Assis in der S-Bahn, dann fegt sie sich Nagelstaub und Nagelhautfitzel von der Jeans, die fallen in eine Hundefell. Der Hund heißt Janosch. „Janosch, pfui“, sagt seine Besitzerin und zieht den Hund zur Seite. Janosch gähnt, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar stößt gegen die Beutel mit den Flaschen. „Ey hab mal Respekt“ ruft der Mann. Dit is alles mit der Hand gesammelt. Die Frau stürmt aus der Bahn. Eine ältere Dame schreibt unbeirrt einen langen Einkaufszettel.

Im Zug müssen wir stehen. Der Tierarzt ist müde. Ich halte den Tierarzt fest.

Am Bahnhof winkt die liebe C.

Die liebe C. macht den Schatten leichter, heller, irgendwann hören meine Arme wieder auf zu zittern. Bestimmt.

Der Tierarzt schläft.

Schwesterchen demonstriert in London. Das kleine Täubchen auf dem Rücken. Bitte pass auf euch, sage ich. Meine Schwester hat in den letzten Wochen der Schwangerschaft Nacht für Nacht über die Kinder in Amerika gelesen, die über Nacht keine Mutter und keinen Vater mehr hatten.
Man muss aufpassen, das sagst du sagt meine Schwester am Telefon. Sie hat Recht.

Aufklärungssprechstunde.

Ich bin müde.

Auf die Fragen, auf die es ankommt, habe ich keine Antwort.

Die liebe C. macht Pflaumenkompott. Ich mache Buchteln. Ich muss lachen. Weißt Du noch, sage ich zu ihr, was meine Großmutter immer sagte: „Im Sommer sagte der Harry Heine, der nebenbei auch Gedichte schrieb, im Sommer soll ein jeder Jude zum Shabbat keine Challah sondern Buchteln essen-mit Vanillesauce.“

Die liebe C. lacht.

Es ist dieselbe Küche in der sie und ich Pflaumenkompott und Buchteln machten.

Wenn ich mich umdrehe, denke ich noch immer, sie kommt gleich zurück. Aber sie kommt nicht mehr zurück. Das ist nur noch diese entsetzliche Lücke.

Die Buchteln gehen vor sich hin.

Die liebe C. erzählt mir Praxisgeschichten.

Schwesterchen ruft an. Das kleine Täubchen hat geschlafen, so viele Menschen, meine Schwester mit einem Papierschild in der Hand. Eine hilflose Geste, sagt sie und ich wünschte, ich könnte sie zu mir durch das Telefon ziehen.

Wir sitzen am Tisch.

Wir singen. Immer die gleichen Lieder zum Shabbat.

Der Tierarzt lächelt.

So schöne Lieder.

Dann klingelt es.

Ich kann mich an keinen Shabbat erinnern, an dem es einmal nicht klingelt.

„Für Dich oder für mich?“, fragt die liebe C.

An der Tür steht ein Mann mit einem Kind. Das Kind schreit nicht. Das ist nie ein gutes Zeichen. Das Kind hat ein blutiges Küchentuch auf dem Kopf. Herr A. ist Flüchtling, sein Sohn ist 2 Jahre alt, seine Frau ist auf dem Grund des Mittelmeers begraben. Herr A. sagt: „Ein großes Stück Schmerz.“ Der Kleine finde ich heraus, ist aus dem Tripp-Trapp herausgeklettert und rutschte ab. So ein großes Stück Schmerz.
Wir nehmen das Auto. Herr A. hat eine schwarze Reisetasche dabei. Das ist sein Fluchtkoffer. Er sagt: „Alle Papiere.“
Das Kind ist ganz still. Die liebe C. singt für das Kind.
Im Krankenhaus dann ganz schnell.
Fünf Stiche.
Das Kind ist ganz tapfer.
Der Vater hält das Kind.
Die liebe C. hält den Hasen des Kindes.
Ich organisiere ein Bett für Vater und Kind.
Keine Gehirnerschütterung übersetze ich.
Medizindeutsch noch schwer, sagt er, aber Ärzte Top.
Ich nicke.
Eine Nacht zur Beobachtung sage ich.
Brauchen Sie etwas?
„Alles dabei“, sagt Herr A. und umarmt mich und die liebe C.
Ich spreche mit der Ärztin.
„Alles ok“ sagt sie.
Das Kind liegt im Arm des Vaters als ich noch einmal vorbeisehe.
Zweimal Eis aus der Cafeteria.
Das Kind strahlt.
Herr A. lächelt.
„Eis hilft immer“ sage ich.
Das Kind winkt.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild. Auf dem Bild lächelt eine Frau mit einem Kind im Arm.
Sie ist schön die Frau, schön sind die Frau und ihr ih Kind.
Ihr Mann dreht sich zu dem Bild um er sagt: „Mein Herz, unser Sohn.“
Ich mache die Tür ganz vorsichtig und leise hinter mir zu.
Ich laufe nach Haus.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Es ist fünf Uhr in der Früh und eine lange Nachtschicht ist endlich zu Ende.

Die Sonne gähnt.

Die Katze gähnt.

Der Tierarzt gähnt.

Der Hund schläft.

Ich gähne und werfe die Scrubs in die Waschmaschine.

„Was für eine Nacht.“

Die Waschmaschine gähnt und rumpelt.

Wie müde bist du?, pfeift der Tierarzt mir hinterher.

Ich gähne und dann dusche ich sehr heiß.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf und duscht sehr kalt.

Derweil ziehe ich die Vorhänge zu.

„Mädchen, sagt der Tierarzt als er tropfend aus dem Badezimmer kommt, Mädchen und der Tierarzt klingt sehr grundsätzlich, ist es dir nicht zu warm?“

Ich gähne.

„Tierarzt nuschle ich, was ist das für eine Frage?“

Der Tierarzt trocknet sich die Haare und sagt: „Mädchen du schläfst unter einem Federbett, einem Quilt, du wickelst dich in ein Tuch, und dann vergräbst du dich in zwei schweren Kissen.“

„Du hast die Bettsocken vergessen“, gähne ich.

Der Tierarzt schläft nämlich- liebe Leser halten sie sich die Augen zu- splitterfasernackt-denn über Irland ist der Sommer gekommen- aber ich käme niemals auf die Idee ohne Decken, Tuch und Kissen zu schlafen.

„Mädchen Du wirst ersticken“, findet der Tierarzt.

„Ja, Tierarzt, aber wenigstens mit warmen Füßen.

Der Tierarzt murmelt etwas, das verdächtig nach sturer als Kälbchen klingt, aber ich bin viel zu müde.

„Wecker auf 9 Uhr“, erinnere ich den Tierarzt.

„Wecker auf 9 Uhr“, seufzt der Tierarzt.

Um neun Uhr trinke ich Tee und dann fahre ich ins Büro.

Die Auszubildende seufzt.

„Fräulein Read On, das Schlimme am Lernen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, merkt man erst was man alles noch nicht gelernt hat.

„Auszubildende sage ich, sie haben keine Zeit für eine Sinnkrise. Lernen Sie. Lernen Sie. Lernen Sie. Um vier Uhr höre ich sie ab.

„Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält“, schnaubt die Auszubildende.

„Es sind meine schöne Ohren, Auszubildende“, sage ich und bin verschwunden.

 

Dann tue ich Büro-Dinge. Ich rufe in Telefone, ich tippe Emails und ich habe einen Ordner: Letzte Dinge. Mitte August geht es für mich woanders weiter. Aber erst einmal brauchen Fellows ein Bügelbrett, ein Taxi zum Flughafen, kommt nicht, die beste Chefin der Welt hat gute Ideen, ein anderer Fellow hat keine Nagelfeile, aber die Auszubildende hat unter ihrem Schreibtisch ein mobiles Nagelstudio.

Ich renne in die Bibliothek, ich trinke Pfefferminztee und fülle zu viele Dokumente aus. Neue Anrufe, aber wenigstens die Email-Lawine ist eingefangen. Ein Becher Joghurt immerhin.

Schon wieder das vermaledeite Telefon. Aber diesmal ist es der Tierarzt.

„Mädchen?“

„Tierarzt!“

Ich klopfe jetzt an deine Bürotür.

Schon steht der Tierarzt im Zimmer.

„Immer noch müde Mädchen?

Tierarzt?

Der Tierarzt knöpft sein Hemd auf.

„Tierarzt“!

Aber den Tierarzt kümmert das nicht und er schiebt Unterlagen, Teetasse, Joghurt und Bücherstapel zur Seite.

„G*tt Tierarzt wirklich mit offenem Hemd.

„G*tt ja, Mädchen. Unbedingt.

Sind das deine Finger an meiner Bluse, Tierarzt?

„Ich wäre enttäuscht, verstecktest du einen Beau unter deinem Schreibtisch.

Die Zimmerpalme bekommt rote Ohren.

Dann klopft es.

„Die Auszubildende will abgefragt werden“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr.

Der Tierarzt findet: „Die Kunst der kalten Dusche musst du nicht vertiefen, Mädchen.“

Tierarzt, dein Hemd.

Der Tierarzt knurrt.

Der Tierarzt geht.

Die Auszubildende kommt.

Der Tierarzt looked so flushed, Fräulein Read On.

„Wirklich? Auszubildende, das habe ich gar nicht bemerkt. Wohl bemerkt habe ich aber, dass sie nur Buch 1 von 3 dabeihaben. Dabei hatten wir verabredet, dass ich sie heute querbeet abfrage. Die Auszubildende flucht fast so sehr wie der Tierarzt.

Eine Stunde lang, frage ich die Auszubildende ab.

Nach einer Stunde weint die Auszubildende.

Taschentücher für die Auszubildende.

Ein Aspirin für mich.

Sie sind ein grausamer Mensch, findet die Auszubildende.

Vielleicht hat sie recht.

Ich schreibe die letzten Emails.

Dann werfe ich Badetuch, Bikini und Kram zusammen und fahre ans Meer. ZU groß ist die Sehnsucht und so fahre ich nicht zurück auf das Dorf, sondern nach Seapoint, dort trifft die Stadt das Meer.

Grün und blau ist das Meer. Das Meer fragt nichts, das Meer trägt mich und ich schwimme weit hinaus, heute mehr Schatten als Sonne. Das Meer erinnert sich und das Meer trägt mich weiter und weiter hinaus. Mit blauen Lippen komme ich zurück. Für einen Moment bleibe ich auf den Klippen sitze. Dann ziehe ich mich an.

Mit dem Zug zurück aufs Dorf.

Müde Beine.

Ein müder Kopf dazu.

Nasse Haare.

Salz in den Haaren.

Ein Käsebrot, eine Schüssel Erdbeeren, drei Gläser Wasser, ein sehnsüchtiger Blick aufs Sofa. Dann doch das luggage holdall packen. In den nächsten Wochen sind der Tierarzt und ich viel unterwegs.

Dann klinkt die Tür.

Der Tierarzt ist zurück.

„Mädchen, ich habe den Schlafzimmerschlüssel gefunden.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Du meinst deine Spürnase?“

„Nicht ganz.“

„Oh?“

„Müde Mädchen?“

„Ziemlich.

„Ich kann mein Hemd in unter zehn Sekunden ausziehen.“

„Das will ich sehen.“

„Das dachte ich mir fast.“

Auf drei.

Der Tierarzt bricht seinen Rekord.

Die Katze gähnt

Der Hund schläft.

Der Tierarzt zieht mir das T-Shirt über den Kopf.

Ich lasse mich nicht gern ansehen.

Doch, doch, bitte, bitte bleib so stehen, sagt der Tierarzt.

Ich bleibe stehen.

Die Sonne gähnt.

Es ist 21:47 Uhr.

 

 

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.

Ein Blick zurück

Zum letzten Mal in diesem Jahr, das Handtuch vom Halter, um die Schultern gelegt, der Ginster gähnt müde und müde bin ich auch, den steilen Pfad zum Meer herunterklettern. Vorsicht gilt es zu bewahren, denn der Pfad ist steil, das Meer aber rauscht so kalt und flaschengrün, wie ich es liebe. Noch einmal schlägt das Meer seine Hände über meinem Kopf zusammen und noch einmal wird alles leicht und schwerelos, am Ende auch ich. Der Wind lächelt spöttisch über die Frau im kalten Meer, das Meer aber ist unbekümmert, das zehn Uhr Schiff legt ab, nach dem 10 Uhr Schiff kann man die Uhr stellen, das 12 Uhr Schiff ist unzuverlässiger, das habe ich gelernt in den Jahren, in denen die Schiffe vorbeiziehen am rückwärtigen Fenster des kleinen, windschiefen Hauses. Einen Stein nehme ich mit, blank poliert für das Grab meiner Großmutter, die ich besuche, dabei ist der Friedhof wohl der letzte Ort an dem meine Großmutter sich aufhalten würde, sie und der Tod waren erbitterte Gegner, aber ich gehe doch wieder und wieder zum Friedhof, lege einen Stein auf den Stein mit ihrem Namen und fahre mit den Händen über den Namen, der mir am meisten fehlt. Noch aber läuft mir das Wasser aus den Haaren, blaue Füße und blaue Lippen, der Klabautermann würde mich als seine Schwester erkennen. Die Frau des Krämers erkennt mich auch so: „So long Fräulein Read On!“, „So long, Frau des Krämers“ rufe ich. Ein letztes Mal in diesem Jahr, das lugagge holdall packen, Bücherstapel vom Nachtisch nach unten tragen, das Kleid mit dem Norwegermuster zusammenrollen, die letzten Blumen aus der Vase nehmen, eine letzte Tasse Tee aus der blauen Tasse mit den weißen Tupfen trinken. Der Tee geht zur Neige. Der Priester lehnt in der Tür. „ Sie sehen nach Abschied aus, Fräulein Read On“, sagt er und ich nicke: „Kein Abschied ohne Tee und Gebäck“, sage ich und der Priester sieht müde aus und zwei müde Menschen sitzen am Tisch, der Blick geht aufs Meer und das Meer wird nicht müde Wellen gegen die Klippen schlagen zu lassen. Weißschäumend und wild ist die Welt unter dem Haus, eine Kirche auf Wellen gebaut, ist St. Sylvester, der Kirchturm so grau wie die tiefen Wolken. Möwengeschrei, in meinem Kopf verschwimmen die Weihnachtskantaten Johann Sebastian Bachs mit der Stimme des Priesters, nicht unangenehm, sondern fast überweltlich heiter. Auf dem grünen Sofa aber schläft der Tierarzt noch einmal auf eine halbe Stunde, nach dem langen Dienst der Nacht zusammengerollt an seinem Fußende liegt der Hund, die Katze aber schläft wie üblich auf der Sofalehne. Der Priester aber wird für die nächste Zeit zu allem auch noch Tierpension, aber von meinen Entschuldigungen über die schlechten Manieren des Hundes und die Manieriertheit der Katze will er nichts hören. Der Priester muss weiter, sein wehender Mantel flattert noch lange im Wind, da ist er längst schon im Unterland und ich lege das Plaid zusammen, gieße die Alpenveilchen in der Diele, lila Köpfe nicken mir zu, die alte Standuhr tickt, ein verirrter Sonnenstrahl wandert durch die Diele und für einen letzten Moment sitze ich auf dem Fensterbrett und schließe die Augen.

Auf dem Tisch, das weiß ich auch mit geschlossenen Augen, steht noch immer die blaue Schale mit den Äpfeln, rot, gelb und grün, Mandarinen daneben, ein Stapel mit Briefen, auf der Tischdecke laufen grüne Elefanten umher, neben der blauen Schale, steht die silberne Dose, schwere Ranken, in der Dose sammle ich Telefonnummern, verpasste Gelegenheiten, eine alte Rose, fast unlesbar gewordene Briefe, Schlüssel zu es denen das Schloss nicht mehr gibt und dann fällt mir ein, dass dieses Jahr nicht ein einziger Traum in die Dose gewandert ist. Geträumt habe ich nichts dieses Jahr, ich habe mir nichts vorgestellt, sondern durchgearbeitet und durchgehalten, die Dose blieb leer. Neben dem Tisch steht das alte Sideboard, auf dem Sideboard mehr Bücher und eine Kiste mit Mince Pies, Bilder aus diesen und anderen Tagen und eine Muschel mit abgeschürften Kanten. Eine Fallmuschel sozusagen. Noch einmal sage ich Bett und Tisch und Stuhl, Standuhr und silberne Dose. Man kann sich festhalten an Wörtern wie Tisch und Stuhl, kann sich am Bettrand festkrallen und an den Bücherschrank hängen. Dieses Jahr mit seinen langen Schatten aus Angst vor fast allem und vor allem dafür doch zu dumm zu sein, wie die Lehrer sagten, wann immer sie mich sahen, für etwas das Dissertattion heißt und für andere Leute da ist, aber nicht für mich, hieß es nicht, das Schicksal herauszufordern und ist das Schicksal nicht ein harter, ein unnachgiebiger Gegner? Ich weiß es nicht, im nächsten Jahr werde ich es wissen, die Verteidigung steht noch aus. Ein merkwürdiges Wort, eines jener Schauerwörter, dieses Jahr habe ich mich wieder und wieder an Tisch und Bett und Stuhl und der Schale mit Äpfeln festgehalten, in all den Nächten den einen wie den anderen. Zwei müde Schatten in einem Haus. Das Haus liegt im Schatten St Sylvesters, St Sylvester liegt im Schatten des Meeres. Dann aber wirklich Pass, Schlüssel, den Wollmantel, Keksdosen, Mince Pies, die Äpfel obenauf, noch einmal durch das Haus gehen, der Tierarzt stellt den Plattenspieler aus, Fenster zu, Licht aus, die Uhr schlägt. „Komm“ sagt der Tierarzt. Die Tür fällt ins Schloss.

Flora und Fauna

Es ist also ein ganz gewöhnlicher Samstag Morgen, mir tropft das Meerwasser aus den Haaren, ich stehe am Herd und in der alten Stielkasserole quillt Porridge und ich rühre und rühre und rühre. Wie gewöhnlich lauert die Katze auf dem Fensterbrett, dass ihre warme Milch abgeschöpft wird und wie jeden Samstag steht der Hund hinter mir und glaubt, wenn er mir seinen Hundeschädel nur arg genug in die Kniekehlen rammte, würde er seinen Porridgeanteil schneller erhalten. Hier irrt der Hund, ich rühre, der Tierarzt sitzt auf der Anrichte, liest mir aus der Zeitung vor, schlenkert mit den Beinen, unterbricht die Zeitungslektüre, küsst mich auf die Nasenspitze und sagt: Mädchen, was schenkst du eigentlich Kälbchen zu Weihnukkah?“ Ich huste und während ich noch sagen will: „einen ausgedehnten Aufenthalt in einem Landschulheim für Rüpelkälber“, klingelt das iphone auf dem Küchentisch. „Tu mir die Liebe und nimm ab, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt bringt das Telefon zu mir herüber an den Herd und sagt: Ich weiß nicht, es klingelt so aggressiv. „Ach, sage ich, das ist nur die D.“ und während Hund und Katzen sich um die Stehlampe jagen, tippe ich auf den Lautsprecher und die Stimme der D, schallt durch die Küche des kleinen, windschiefen Hauses in einem kleinen, irischen Dorf.

„Diese Haselnuss, diese impertinente Person schreit die D. und man hört ein dumpfes Krachen am anderen Ende der Leitung. „Dieser Mann vom Verstand einer schimmeligen Seegurke, dieser Beißwurz“ donnert die D. und aus ihr spricht ein Zorn, wie er seit Zeiten der römischen G*tter selten geworden ist. In eine Atempause hinein frage ich: „D. wer hat Dir ein Leids getan?“ Die D. aber lacht nur höhnisch: „Der grünäugige Sellerie natürlich, wer denn sonst, es ist nicht zu glauben, dass ausgerechnet ich an einen Mann vom Gehalt einer Spreewälder Gurke geraten bin.“ „Oh, Spreewälder Gurken sind sehr gut, sage ich, wusstest Du eigentlich, dass meine Großmutter selbige in gewaltigen Tontöpfen einlagerte, kam der Winter?“ Von all dem aber will die wütende D. nichts wissen. „Lenk nicht ab Read on, diese Nachtschattengewächseite kannst Du Dir bei mir wirklich sparen. „Wäre ich eine Pflanze, liebe D. sage ich wäre ich ein Fliederbusch“, werfe ich ein und die D. wirft mit einem Buch. Ein Glück, dass Bücher nicht durch Telefone passen, sage ich mir und die D. schnarrt, dass ich wirklich etwas von einer ätherischen Pflanze hätte, denn auch sie ertrüge mich nur unter Betäubung. Ich muss kichern, während der Tierarzt langsam an den Rand der Anrichte rutscht. „Was ist denn nun vorgefallen?“, frage ich noch einmal und die D. fährt fort zu schreien: „Dieser hohle Kürbis, der T. hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“ „Mazal tov“, rufe ich und die D. faucht: „Mazal tov?“ willst du mich verfluchen?“ Noch niemals seit der Erfindung des Penicillins haben Internisten und Chirurgen geheiratet. „Man lagert ja auch keine Birnen neben Äpfel Erdbeeren wachsen nicht am Walnussstrauch“ und wieder unterbreche ich die D. „Du weißt schon, dass Erdbeeren durchaus der Familie der Nüsse zuzuordnen sind, ja?“ Die D. aber mauzt nun vollends aufgebracht: „Erspare mir doch einmal Deine Spitzfindigkeiten, Read On. Du kannst wahrhaftig eine Kokosnuss zur Weißglut reizen.“ Inzwischen sitzen Hund und Katze still und ehrfurchtsvoll unter dem Küchentisch, dort säße der Tierarzt auch gern, aber der muss Zimt anreichen und tut es mit zitternder Hand. „Chirurgen“ schreit die D. „seien Pflaumen, von außen hübsch, von innen matschig, das Gehirn eines Chirurgen ist so groß wie eine Medjool-Dattel nach siebenzehn Wochen in der heißen Wüstenluft, jede Petersilienwurzel habe mehr Tiefgang als ein Chirurg und ein Kartoffelacker sei die Bibliothek von Alexandria gegen die dreiundzwanzig Vokabeln, die dieser Spezies zur Verfügung stehe.“ „Er hat dich richtig gefragt, mit Ring und allem?“, frage ich die D. „Ja, Ja, Ja“, schreit die D. „Dabei sind wir doch Naturwissenschaftler, da lässt man sich doch nicht zu so etwas hinreißen.“ Und was hast Du gesagt?“, frage ich weiter. „Er solle sich dahin scheren wo der Pfeffer wächst“, bringt die D. unter zusammengebissenen Zähnen vor.“ „Ouf, sage ich D. Du bist wirklich richtig verliebt.“ Die D. befindet daraufhin, dass Promotion hin oder her, mein IQ dem einer sehr kleinen Perlzwiebel entspräche. „Mazal tov, Süße“ rufe ich und die D. schmettert den Hörer auf. Der Tierarzt sieht fassungslos auf das nun stumme Telefon. Ich reiche der Katze Milch, dem Hund Porridge und fülle auch uns Haferbrei in die Schüsseln. Wieder klingelt das Telefon, Tierarzt, Katze und Hund zucken zusammen, aber es ist nur der T.

„Read On“, sagt der T., diese Frau, was glaubst Du, was sind meine Chancen?„Spätestens Montag sagt sie Ja“, sage ich und der T. atmet hörbar aus. „Diese Frau ist eine Chilischote“ sagt er und dann geht sein Pieper.

Der Tierarzt gießt Tee nach und sagt:“Mädchen, the Germans know their drama. The heat, the fire, there is desire lurking underneath their pores. They know what a lover’s tryst looks like, oh the passion. They glow from the inside, oh these Germans. What marvelous beings“. Den Tierarzt durchfährt ein heiliger Schauer.

Ich löffle Himbeermarmelade auf meinen Haferbrei und sage:
„Tierarzt wusstest Du, dass die liebe D. eine kleine Schwester hat und beuge mich über den Tisch, sie ist zwei Monaten wieder Single.“

Schweigend starren mich Hund, Katze und der Tierarzt an.

Es geht doch nichts über ein Samstagsfrühstück im Kreis seiner Lieben, denke ich mir und schiebe die Himbeermarmelade zum Tierarzt herüber.

12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen.

Hier beginnt der Tag mit Porridge. Auf dem Porridge sollten sie sich wundern, ist nicht getrocknetes Blut zu sehen, sondern Beerenkompott, denn wir die wir im außertropischen Monsun ( auch bekannt als irischer Regen ) unser karges Dasein fristen, versuchen den Sommer wenigstens in Kompottform zu konservieren.

Im Oktober aber verwandelt sich das Fräulein Read On in einen Klabautermann. Sie wickelt sich in einen gelben Wetterfleck, der ungefähr fünfmal so groß ist wie sie selbst, zwei Strickjacken trägt sie unter dem Wetterfleck und erschrickt so sehr zuverlässig, Möwen, Menschen und auch Katzen. Sollte Ihnen einmal ein Michelin Männchen mit Shetlandponyhaaren begegnen, der den Klabautermann alt aussehen lässt, das bin dann sehr wahrscheinlich ich.

Meine Großmutter sagte, die Dinge, die man vor zehn Uhr schafft,sind das Siebenfache dessen, was man nach zehn Uhr schafft. Mit diesen Worten im Ohr eile ich vom Zug in die Stadt und vom Bahnhof ins Institut, seit Jahr und Tag komme ich nie später als 6.30 Uhr und wenn ich wild lebe gegen sieben Uhr zur Tür herein.Lachen Sie nur, ich kann nicht aus meiner Haut.

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Suppenkasper. #4v12 #12von12 #spoonitup #blackeyedpeas

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Am Donnerstag ist der Tierarzt im Zoo und so trifft man sich zur Mittagsstunde in der Stadt und macht sich schöne Augen. Nebenbei schlürft man eine Suppe. Gestern gab es eine Tomatensuppe in der Black Eyed Peas schwammen, aber die Augen des Tierarztes sind doch schöner. Die Suppe nicht den Tierarzt können Sie in der Chocolate Factory selbst probieren.

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At the crossroads. #5v12 #12von12 #crossroads #dublin

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Der Tierarzt fährt links zurück in den Zoo und ich laufe geradeaus ins Institut zurück. Das ist manchmal auch ein Zoo.

„Halt durch Mädchen“, sagt der Tierarzt. ( Die Auszubildende )

„Lass Dich nicht beißen“, sage ich. ( Der Löwe, das Krokodil, der missgelaunte Orang-Utan.

Jeden Tag eine neue Karte und jeden Tag fällt die Karte schwerer. Die fortgesetzte Untersuchungshaft für Mesale Tolu und ihren Sohn macht mir sehr zu schaffen und ich wünschte mir fiele etwas Besseres ein, als eine Karte. Eine Papierfliegerkette. Ein Luftballonsbefreiungskommando. Ein Brieftaubengeschwader, dass Sie dort endlich herausholte aus dieser Hölle.

Karte Nummer 210. Manchmal sehe ich auf die Zahlen und wie bei Mesale Tolu überfällt mich auch hier die gleiche rasende Hilflosigkeit. So weit ich es weiß, erreicht Deniz Yücel keine der Karten. Es gibt viele verschiedene Wege einen Menschen zum Verschwinden zu bringen, die Türkei zeigt gerade Wie.

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Waiting, reading, eating. #8von12 #12von12

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Warterei mit sehr guter Zimtschnecke und einem Buch, über das mich auf Seite Drei schon sehr geärgert habe, das es nichts mehr werden wird mit uns beiden.

Wenn Sie sich fragen, wie dunkel es eigentlich ist in einem kleinen, irischen Dorf. So dunkel ist es. Seit Jahren schon sind die Straßenlaternen abgestellt oder kaputt.

Im Schlafzimmer muss eine Glühbirne gewechselt werden und ja, ich kann darüber wirklich sehr lachen. Immer noch. Schon wieder. Noch viel mehr als Sie glauben. Hihihihihihihihih.Hahahahahahahahaha.

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Clean teeth. #11von12 #12von12

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Zähne putzen nicht vergessen. Wieder einmal ein Bild von bestechender Aussagekraft und dem wiederholten Beweis: ich mache die schlechtesten Bilder der Welt.

Dieses Buch ist mir ein heimatlicher Hafen. Meine alte Ausgabe war so zerlesen, dass ich mir eine Neue anschaffen musste. Lesen Sie Vikram Seth. Sie werden es nicht bereuen.

Schaumbad

Am Küchenschrank hängt ein Zettel. Auf dem Zettel steht: TÜV, Volvo. Nicht vergessen. Drei Ausrufezeichen.Wann immer der Tierarzt eine Tasse aus dem Schrank nimmt, seufzt er. Der Tierarzt liebt den klapprigen, alten ,roten Volvo sehr. Auf der Liste der tierärztlichen Lieben steht ganz oben Kälbchen, dann folgt Stille und dann kommt der klapperige Volvo und irgendwo kurz bevor die Liste abreißt steht auch noch Mädchen. Der Tierarzt und der Volvo sind ähnlich unzertrennlich wie Stan und Olly und noch bevor ich den Tierarzt kennen lernte, wusste ich dass der Tierarzt im roten Volvo über die Dörfer klappert. Man erzählt, dass sogar die Tiger und Bären im Dubliner Zoo, Haltung annehmen, fährt der rote Volvo vor und der Tierarzt klettert mit Tierarztkoffer aus dem Wagen. Der Volvo und der Tierarzt sind unzertrennlich und als ich meinen Haustürschlüssel an den Tierarzt gab, erhielt auch ich Schlüsselgewalt über den Volvo. Sehr lange saßen wir im Auto und der Tierarzt sagte: „Volvo-Mädchen, Mädchen-Volvo. Ich deutete einen Knicks an und der Volvo akzeptierte mich als Co-Piloten. ( Ob es nun daran liegt, dass der Tierarzt mich dem treuen Gefährten vorstellte, oder mein Bedürfnis den Volvo immer mal wieder gründlich durchzusaugen, ist schwer zu entscheiden. Aber auch am Hang lässt der Volvo mich nie hängen. Ganze Generationen von Lämmern sind im Volvo geboren worden, Kälbchen ging im Volvo auf große Fahrt, eine Zebradame wurde im Volvo Mutter und die Hundehaare reichen garantiert zurück bis zu Christi Geburt. Der Volvo hat also viele Vorteile, ist heiß geliebt, und nur zwei Nachteile: er ist alt und wenn es sehr feucht ist, lässt sich die Beifahrertür nicht verschließen. Das ist an sich kein Problem, wer stiehlt schon ein altes Auto, das riecht wie eine fahrende Tierarztpraxis und nach von mir großzügig verteiltem Desinfektionsmittel? Einmal allerdings das sei nicht verschwiegen, gereichte das lose Türschloss dem Tierarzt doch zum Nachteil. Die Frau des Tierarzts hatte vor Jahr und Tag gesehen, wie der Tierarzt mein Haus verließ und fröhlich pfeifend den im Unterland geparkten Volvo auslöste und witterte Böses. Anderntags, es war im grauen Monat November, warf der Tierarzt die Tasche in den Kofferraum und neben ihm auf dem Beifahrersitz wartete die Tochter der Frau des Krämers. „She wanted to make a move at me, Mädchen“ sagte der Tierarzt und „I was quite taken aback.“ „This girl, Tierarzt, sagte ich, is in love with you since forever.“

Der Tierarzt bestellte von einem Händler in Hongkong ein neues Paar alter Volvo Schlösser und seitdem hat der Volvo nur noch ein Problem: er ist sehr alt und muss durch den TÜV. Letzte Woche war der Volvo in der Werkstatt zur Kur und heute begaben sich Tierarzt, Fräulein Read On und das treue Auto in den Waschsalon für Automobile. Ich sah ungefähr ungenau so aus, wie Karl Lagerfeld sich Menschen vorstellt, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben: Adidas Hosen mit Knöpfen an der Seite, Flip-Flops und ein indisches NAIK-statt Nike T-Shirt und auf meinem Schoss stand ein Eimer mit Hochglanzputzutensilien, die der Waschsalon bestimmt nicht vorrätig hat. ( Ich komme aus einer Familie preußischer Juden, ich komme vorbereitet. ) Dann also shampoonierten und polierten wir den treuen Gefährten. Wir wienerten die Scheiben, entkrusteten die Scheibenwischer, und der Tierarzt saugte mehre Löwenfelle aus den Polstern. Ich brachte Politur auf, hantierte mit einem Lackstift und der Volvo, ich schwöre, ich habe es selbst gehört, quiekte vor Freude und grunzte wie Kälbchen schrubbert der Tierarzt ihn mit dem Reisigbesen. Dann fiel mir auf, dass das Dach ja noch nicht glänzte wie eine Speckschwarte. Leider überfiel mich in diesem Moment auch der Übermut: Ich stieg auf einen umgedrehten Eimer und schwang mich auf das Dach und schrubbte das Dach. Der Schwamm indes hatte sich schon voller Wasser und Schaum gesogen und so war das Fräulein auf dem Dach ziemlich schnell sehr nass, aber alles für den Volvo, alles für den treuen, roten Gefährten des Tierarztes. Dann pfeift es vom Volvo her, da liege ich gerade auf dem Bauch und schrubbe die hintere Dachkante.

„Weißt Du Mädchen, sagt der Tierarzt, ich muss sagen, ich hatte es bis heute wirklich nicht mit so Fraue-Schaum-und Autoszenarien, aber ich muss sagen…
Weiter kommt der Tierarzt nicht: „Tierarzt sage ich, Du starrst mich doch nicht auf den Hintern, während ich den treuen, alten Volvo grundreinige?“ Der Tierarzt schweigt. Ich werfe den Schwamm nach ihm und der Tierarzt singtdieses entwürdigende Lied: Ich rutsche vom Autodach herunter, leider verliere ich dabei das Gleichgewicht, glitsche auf dem feuchten Schaum aus und lade mit Schwung im bereitgehaltenen Wassereimer. Es macht: Wuuusch und aus den Fluten steigt nicht Venus, sondern etwas was verdächtig einer Wasserratte ähnelt. ( Das bin ich.) Der Tierarzt versucht nicht zu lachen. Natürlich lacht er. Er lacht bis er rot anläuft. Mit ihm lachen alle anderen Besucher des Waschsalons und die Nachbarjungs auf der Mauer, lachen und pfeifen johlend. Karl Lagerfeld hätte keine Worte mehr für mich übrig. Tierarzt wird all das Kälbchen erzählen, wenn Kälbchen es weiß, wissen es morgen die Schafe und wenn die Schafe es wissen, weiß es am Samstag das ganze Dorf. Die Frau des Krämers wird es mich nie vergessen lassen, der Tierarzt lacht, ich setze mich tropfnass auf einen schwarzen, nassen Müllsack und versuche weiterzuatmen, überlege ob es statt eines Zeugenschutzprogrammes wohl auch ein Programm gibt, in denen die peinlichsten Menschen der Welt eine neue Identität annehmen können? Beim Dachrutschmanöver sind die Knöpfe der Adidas Hosen aufgesprungen und die Hose schlottert nass um meine Beine. Neben mir kichert der Tierarzt und ich rieche nach altem Öl und Putzmitteln. „Tierarzt, sage ich, wenn Du nicht sofort aufhörst zu lachen, dann kannst du heute Nacht im Auto schlafen.“ Der Tierarzt aber erklärt mir, dass er seit Jahren, noch nie, never, ever, so gelacht habe wie heute. „I am quite taken aback“, sage ich. Dann verschwinde ich ins Badezimmer. Morgen muss der Volvo zum TÜV, bitte beten sie zu ihren G*ttern, beschwören sie ihre Hausheiligen, nehmen sie ein Bad im Ganges, verbrennen sie Weihrauch, drücken sie alles was sie haben und noch mehr.

Der treue, alte, rote Volvo muss durch den TÜV. Ich brauche ein Fluchtfahrzeug, sollte die Frau des Krämers ein Bild von mir im Dorfladen aufhängen, auf denen ich in Adidas-Hosen und NAIK Shirt ein Autodach shampooniere. Es geht nicht mehr nur länger um das Fortleben des guten Autos, es geht um alles.