In der Mondsteinscheiben-Fabrik

Sie liegt gut versteckt hinter einer Tannenschonung, zwei Schafsweiden und einem Fluss die Fabrik zur Herstellung von Mondsteinscheiben. Überrascht ist der Reisende taucht die Fabrik dann auf. Sofort geht ein jeder ein kleines bisschen verloren, denn die Fabrik ist groß. Nicht nur groß riesig ist die Fabrik. Lange leben wir schon in einer Welt in der es kaum noch rauchende Schornsteine gibt, keine Männer mit rußigen Gesichtern beugen sich mehr in ein glühendes Feuer und vor der Fabrik warten auch keine Frauen mehr das ein Ehemann oder ein Bruder mit einer Lohntüte vor das Fabriktor kommt. Das sind nur mehr Geschichten für kalte Tage. Aber jetzt wo auch ich am Morgen durch das Fabriktor gehe, dem Pförtner winke und eine Mondsteinscheibenmitarbeiterkarte an ein Lesegerät halte, da erinnere ich mich wieder an die Bilder aus anderen Zeiten.

Die Fabrik schläft nie. An sieben Tagen in der Woche, in Tag und in Nachtschichten werden die kostbaren Mondsteinscheiben gefertigt. In den Spinden hängen Fotos von jungen Hunden oder jungen Frauen. Die Mondsteinscheibenfabrikarbeiter genieren sich etwas, auch wenn ich sage, dass es nichts zum sich schämen gebe und ich über eine ausgezeichnete Sammlung von Kälberbildern verfüge. Dann lachen sie und greifen nach ihren Helmen. Etwas vom feuerspeienden Ofen ist auch in dieser Fabrik mit ihren Schutzanzügen, Sicherheitsbrillen, festen Schuhen, ihren Sicherheitsvorschriften und Notfallplänen erhalten geblieben. Tief im Bauch der Fabrik gurgelt ein ewiges Feuer auch wenn es ein anderes ist als jenes der Eisengießer und Stahlkocher anderer Tage.

Auch ich habe schon eine Mondsteinscheibe in der Hand gehalten. Dünn und grazil, eine zarte Haut, zerbrechlich erschien sie mir und schwer fällt es sich vorzustellen, wie viele Tage und Nächte es braucht bis eine Mondsteinscheibe so glänzt wie diejenige in meiner Hand. Zum Glück ist sie mir nicht aus der Hand gefallen. So leichten entgleiten einem ja die Dinge und in den Dingen liegt immer auch die ganze Welt.

Der Fabrikdirektor sagt: „Fräulein Read On Sie haben ein Fragzeichen auf der Stirn.“

Der Fabrikdirektor ist ein anderer Mann als Emil Rathenau, der einmal beschloss, das ganz Deutschland am Abend elektrisch beleuchtet sein möge. Nein, den Direktor der Mondsteinscheibenfabrik trägt keinen Rock und keinen Zylinder und morgens kommt er nicht im offenen Landauer gezogen von zwei frischen Rappen in die Fabrik. So viele Jahre, so viele Geschichten liegen zwischen Ihnen. „Ich frage mich, sage ich also, ob ich nicht doch eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Emil Rathenau entdecken kann.“ Der Fabrikdirektor lacht. Sie lassen es mich wissen, sonst liege ich noch wach und grüble über jenen Emil Rathenau nach.“

„Gewiss Herr Direktor“, sage ich und der Herr Direktor lacht und winkt.

„Fräulein Read On in Los Angeles erwartet man mich am Telefon. Wir sprechen uns später.“ Aber bevor Los Angeles, wo es auch Mondsteinscheiben gibt noch lauter ruft, erkundigt sich der Herr Direktor erst nach der Frau des Reinigungsmannes, die ausgerechnet im Urlaub fiel. So ein Direktor ist das nämlich.

Ob Emil Rathenau sich wohl für Mondsteinscheiben begeistert hätte?

Manchmal stehe ich auf von meinem Stuhl und dem Tisch an dem ich ganz andere Dinge tue, als sonst und sehe aus dem Fenster. Da steht ein Ingeniuer und sieht in eine Mappe, ein Frau schüttelt die Haare auf unter dem Helm, ein Mann rollt einen Wagen geschälter Kartoffeln vorbei. Eine Gruppe Reisender mit silbernen Koffer betritt die Fabrik. Ein Mondsteinscheibenschrauber raucht eine Zigarette. Eine andere Frau trinkt hastig einen Schluck Wasser. Jede Fabrik ist ein Roman, denke ich und dann kehre ich an meinen Schreibtisch zurück und wundere mich, dass ich ausgerechnet ich das Fräulein aus einem ganz anderen Jahrhundert hier tief im Bauch der Fabrik sitzt, in der die so kostbaren wie zarten Mondsteinscheinscheiben gefertigt werden, von denen ich doch eigentlich so wenig weiß wie vom ewigen Feuer anderer Tage.

Aber dann klopft der Herr Direktor und ich öffne die Tür.

Lautes Gelächter

Vor vielen Jahren, ich lebte noch nicht lange in Europa, da saß ich auf einem Sofa. Das Sofa war blau.

Ich weiß nicht mehr was aus dem Sofa geworden ist und zu A. und G. mit denen ich auf dem Sofa saß, habe ich kaum noch Kontakt.
A. und G. waren damals ein Paar, aber ich weiß nicht, ob sie es immer noch sind. Nach jenem Nachmittag auf dem blauen Sofa habe ich mich einfach nicht mehr gemeldet und war erleichtert als auch A. und G. schließlich nicht mehr anriefen.

Vor dem blauen Sofa stand ein Fernseher.

Als ich nach Europa kam, war Fernsehen für mich etwas von ungeheurem Luxus.

Niemand den ich kannte, dort im Land A. besaß einen eigenen Fernseher.

Meine Großmutter hatte auch keinen Fernseher.

So habe auch ich nie einen Fernseher besessen.

Aber A. und G. hatten einen riesigen Fernseher und sagten: „Komm doch vorbei, es kommt etwas total Lustiges.“

Ich nickte und brachte Kuchen mit.

Wir saßen zu dritt auf dem Sofa und ich fühlte mich plötzlich sehr europäisch. Was für ein Gefühl an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag einfach fernzusehen.

Aber einen Film haben wir nicht gesehen.

Sondern A. und G. hatten einen Sender gefunden in dem lauter Videoclips liefen.

Die Videos waren nicht in besonders guter Qualität, grobkörnig und verwackelt, mit verzerrten Stimmen im Hintergrund. Kein Clip war länger als zwei Minuten.

„Pass auf“, sagten A. und G. „Du wirst so lachen.“

Die Videoclips zeigten eine Frau, die im Garten stolpert, hinschlägt und einen Hang hinunterpurzelt. Ein Kind, das in eine Torte fiel. Einen dicken Mann, der in einer Flugzugtoilette stecken blieb. Eine Frau, der eine Spinne auf den Kopf fiel und anfing zu kreischen als sei sie eine Banshee. Einen Mann, der sich mit dem elastischen Hosenträger verheddert und gegen eine Wand prallte, nur um einen Tisch zu Fall zu bringen. Eine Oma, die ihr Gebiss verlegte und mit brabbelnden Gesten Hilfe erbittet, während die Enkel die Zähne versteckten, ein Kind, das in eine Plastikbanane biss und vergeblich schluckte.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. lachten. Lachten so herzlich als gäbe es nichts Komischeres als diesen fremden Leuten, bei ihren Missgeschicken zuzusehen. Es waren die Kinder, Ehremänner, Onkels und Cousins, die diese Clips aufnahmen. Das Hochzeitspaar, das unter einer Stange hindurch kriechen sollte und er knallte sich den Holzstiel vor den Kopf. Pardauz. Gelächter. Onkel Hans ruft im Hintergrund: So ist die Ehe!

Oft endeten die Clips mit einer Momentaufnahme, in der diejenigen die fielen oder stolperten, der Tatsache gewahr wurden, dass sie gefilmt worden sein und auch sie begannen scheppernd zu lachen, damit bloß niemand auch noch das Weinen. Nur die Kinder heulten inmitten der johlenden Geburtstagsgäste, weil sie noch nicht gelernt hatten, dass man entweder mitlacht oder ausgelacht wird. Sie wurden irgendwann aus dem Bild getragen. A. und G. johlten über die Menschen, die alle schon so aussahen, wie man sich dumme, hässliche, ungeschickte Leute eben vorstellt.

Die Frauen, die sich auf ein Furzkissen setzten, waren keine eleganten Elfen, die anmutig erröteten, sondern trugen Lockenwickler, Kittelschürze und hatten geschwollene Beine.

Die Männer waren dick, hatten Nasenhaare, eine schlechte Frisur, sicher auch schlechten Atem. Ihre Kleidung war schlecht sitzend, passte ihnen so wenig, wie wohl ihr Leben selbst. Auch die Hochzeitspaare selbst, sahen nicht aus wie auf Fotografien auf denen Forever Yours steht, sondern die Kleider waren billig, die Anzüge geliehen und die große Liebe traute man den Lamabda Tänzern auf keinen Fall zu.

Alle Menschen, die in diesen Videoclips vorkamen, waren einfache Opfer, weil allein ihre äußere Erscheinung kein Mitleid, sondern Abscheu erregte.

Ein deutliches, das geschieht dem dicken Fresssack Recht.

Sieh mal wie die Alte brabbelt.

So dick wie doof.

Das die mit dem Arsch überhaupt einen abgekriegt hat.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. auf dem Sofa rot vor Lachen.

Ich konnte nicht lachen.

Nicht einmal über den Hund, der auf einer Bratpfanne, die Kellertreppe hinunterfuhr.

Denn alles was ich sah, war ich.

Ich war kein schönes, kein elegantes, kein kluges Kind.

Ich war ein hässliches, verstocktes Kind,

Ich habe meine Schulzeit damit verbracht über ausgestellte Beine zu fallen, ich war daran gewöhnt, dass Leute, die Nase rümpften, wenn ich vorbei kam. „Die stinkt“, wir waren arm und mir sah man es an, nicht auf schöne, zarte Weise, sondern ich war hart und kantig, unangenehm und keineswegs anrührend.

Ich stolperte, lief mit Löchern in den T-Shirts herum, hatte schwarzen Dreck unter den Nägeln, war nicht sozialkompatibel, misstrauisch, verschlagen und in allen Clips, sah ich mich fallen, hinschlagen, ausrutschen, einbrechen und liegen bleiben.

Das war ich.

Auch ich habe viele Jahre am lautesten gelacht über mich.

Das ist vielleicht das Ekligste an den Demütigungen, dass man gezwungen ist noch lauter zu lachen als alle Anderen.

Ertappt habe ich mich gefühlt, damals am Nachmittag. Ertappt bei meiner eigenen Hässlichkeit. Ein nimmer endender Spiegel meiner Geschichte.

Aufgestanden bin ich dann und weggegangen.

Das ist Europa dachte ich später. Fernsehen mitten am Tag und das Gelächter über die hässlichen Menschen und ihre Idiotie.

Über das Land K. und das A. schüttelt man in Europa oft den Kopf.

Unzivilisiert heißt es gern, denn noch immer setzt Europa Maßstäbe, auch die der Lächerlichkeit.

Ich denke nicht mehr oft an den Nachmittag, das blaue Sofa und A. und G.

Nur manchmal erinnere mich, so wie in dieser Woche.

Da ging der Mann mit dem Deutschlandhut, dem karierten Hemd, dem breiten Gesicht, dem Akzent durch das Internet und schon lange ist er schon längst nicht mehr ein LKA Mitarbeiter, der sich von der Pressefreiheit nicht die Lust am Pöbeln lassen will, sondern eine jener Figuren vom Clipkanal, der nur noch der Lächerlichkeit dient.

Das Beispiel des hässlichen, gemeinen Deutschen, wie man ihn sich vorstellt.

Ein Mann, dessen Pöbelei nicht überrascht,

Genau so einer ist das nämlich.

Das ist ein Bild, bei dem man sich sicher sein kann. Hier trifft es nicht den Falschen, sondern hier treffen Spott, Häme und lustige Memes endlich einmal den Richtigen, hier kann man ohne schlechtes Gewissen ein Zeichen gegen Rechts setzen, wer austeilt muss einstecken können und dann auch noch der Dialekt.

Echt Ossi-Nazi-Pegidist.

Wie der schon aussieht,

Das ist was übrig bleibt von der Szene in der jener Mann unangenehm, überheblich und gegen die Presse pöbelt.

Das herumgereichte Bild des Mannes ist das einfache Gegenteil, die Versicherung: So bin ich nicht. Das sind die Anderen.

Diejenigen, die auf der Seite des Mannes mit seinem Deutschlandhut stehen, haben in ihm längst eine Symbolfigur gefunden, denn sie erkennen sich ja wieder und seine Demütigung kann morgen schon ihre sein. Ihre Ansichten werden ja nicht dadurch angenehmer, dass einer von ihnen ein Hanswurst ist.

Fragen aber beantwortet es keine.

Keine darüber, wie das Klima in sächsischen Behörden ist.

Wieso die Demokratisierung nach 1989 zwar Eigenheime und Autos ermöglicht hat, aber in vielen Hinsichten kein Bewusstsein für einen demokratischen Staat und seine Institutionen,

Wie Mitarbeiter in einer öffentlichen Behörde ein Klima finden können, dass solche Ansichten wenn nicht fördert, so doch ignoriert.

Warum ein Mitarbeiter des LKA keinen Begriff von Pressefreiheit hat und wer überhaupt weiß was Pressefreiheit ist.

Wieso eigentlich keiner auf dem Bild sagt: „Geht’s noch!“

Warum das Bild der Polizei eigentlich so oft einen so unsouveränen Eindruck macht.

Ein Bild und so viele Fragen.

Aber keine davon ist übrig geblieben.

Und das Bild macht es uns so einfach, auch in der Annahme, dass dies das größte Problem ist, der hässliche Mann und sein Hut.

Den kennen wir ohnehin nicht, der kommt nicht zum Abendbrot vorbei und auch in der Philharmonie hat er keine Karten, da kann man sich sicher sein.

Eine Witzfigur, ein Michel, ein Hanswurst, einer der sich nicht entblödet, und die Polizei macht auch noch mit.

Aber unangenehmer ist es doch, wenn die gute Freundin auf einmal findet, dass es mehr Müll gibt, seitdem die Flüchtlinge da sind. Dass der gute Freund sein Kind lieber auf die Privatschule gibt, weil in der Klasse eben doch sehr viele Kinder sind, die Deutsch nicht als Muttersprache können, wenn bei Butter Lindner in der Schlange diskutiert wird, dass Integration eben eine Bringschuld derjenigen ist, die hierherkommen und der Mann hinter der Theke, der eben nicht Müller, sondern Özgöz heißt, wird Rot. Wenn beim zweiten Glas Wein, dann eben doch befunden wird, dass nicht jeder kommen kann und wir ja auch genug eigene Arme hätten und nicht noch die aus der übrigen Welt gebrauchen könnten. Oder die Bekannte vom Wochenmarkt erzählt, dass man so froh sei über die eigene Perle aus Polen, die rein machen kommt, während man ja höre, wie viele von den Putzhilfen aus Rumänien betrogen würden. Das lässt sich fortsetzen, viele, viele Zeilen lang und es ist die Frage, ob wir ihnen denn mit der gleichen Härte und dem gleichen Einsatz wie dem Hütchenträger begegnen oder ob wir nicht lieber nicken, hmm, naja sagen, uns lieber schnell verabschieden oder ausweichen, denn es sind doch die hässlichen Menschen, die nach rechtsaußen schwenken und deren Anderssein uns doch versichert, dass wir auf der richtigen Seite stehen und lachen dürfen, laut und heiter und ohne Gewissensbisse.

Ich habe keine eindeutige oder einleuchtende Antwort auf die Frage wie man mit Menschen, die mit größten Selbstbewusstsein Verächtliches äußern umgeht, ich bin schon immer Jude und habe schon lange gelernt, dass keine noch so wohlmeinenden Worte, Überzeugungen ändern. Aber gelacht, gelacht, habe ich nicht, damals nicht auf dem blauen Sofa und auch nicht über den Mann mit seinem Hut und der schiefen Sonnenbrille. Dazu ist es zu ernst, dazu schien mir schon damals geht es um zu viel.

Abschied vom Institut

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Es gibt Gespräche, die vergisst man nie.
Dieses Gespräch vergesse ich nie.
„Ich möchte mit Ihnen arbeiten, könnten Sie sich vorstellen, das auch zu wollen?
So nah war ich noch nie an einem Heiratsantrag und nie wieder habe ich so schnell ja gesagt.Dabei war ich doch so fest entschlossen die Frau nicht zu mögen.
Ja. Ja. Ja.
Aus der Frau hinter dem Schreibtisch wurde die beste Chefin der Welt.
Aus der besten Chefin der Welt wurde eine Freundin.
Eine von den Freundinnen, die eine Hand über einem halten, auch über Kontinentalplatten hinweg.
Ich bin nicht gut darin im Freundin-Haben.
Ich bin auch keine gute Freundin.
Ich möchte dieses Freundin sein und haben.
An jenem Tag dachte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren: Vielleicht wird, wenn schon nichts wieder gut wird, doch wieder etwas besser.
Drei Jahre sind aus diesem Gespräch geworden.
Drei Jahre in denen ich immer mindestens einmal am Tag gelächelt habe.
Drei Jahre in dem ich jeden Tag auf ihr Lachen gewartet habe. Ohne ihr Lachen ist das Institut nicht vollständig.
Heute räume ich mein Büro aus.
Alle Kapitelversionen des Doktormonsters sind geschreddert.
Ordner aussortiert.
Zettelsammlungen aufgelöst.
Ich schreibe lauter Emails in denen steht: Danke für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, ab…übernimmmt…Mit besten Wünschen. Yours truly.
Die Zimmerpalme hat sich vor Wochen schon beleidigt abgewandt.
Meine Ankündigung, dass sie nicht mit umzieht, nimmt sie mir persönlich übel.
„Es sollte eine Überraschung sein“, sage ich zu ihr, während ich mein Notizbuch, das steinschwere Oxford Dictionary, Post-Its, die Zigarrenkiste mit Büroklammern, Stifte, Tee und die Thermoskanne in die Keep-it Kiste lege.
„So?“, zischt die Zimmerpalme missmutig,
„Sie werte Frau Palme ziehen“ und die Blätter der Palme stellen sich argwöhnisch auf natürlich nicht zur Auszubildenden, jene hatte einmal in den Palmentopf geascht- sondern zum werten Fellow G., der ein ausgewiesener Palmenkenner, ein Connaisseur und Besitzer einer eigenen Büropalme ist.“ Ich sehe ungefähr so aus wie Mütter, die ihren Kinder am ersten Schultag versichern, dass sie bestimmt ganz viele neue Freunde finden, obwohl sie doch wissen, dass das alles so viel schwieriger wird, weil es immer einen gibt, der übrig bleibt.
Die Zimmerpalme starrt trotzig in die Ecke.
Es ist eine sehr gutaussehende Palme versichere ich ihr.
Sie knurrt etwas von inneren Werten.
Freitag sage ich, ziehen sie um.
Muss man nicht auch einmal Fakten schaffen?
Das Telefon klingelt.
Das ändert sich wohl nie, aber auch hier sind es letzte Gespräche.
Ja, bitte füllen Sie den Visumantrag vollständig aus.
Ein letztes Mal noch das große Sommerräumen.
Ein letztes Mal einem Fellow den Wunsch nach einem Bürobügelbrett abschlägig beschieden.
Eine Notiz: Linke Schublade klemmt. Der Hausmeister will sich kümmern.
Fräulein Read On, was ich hier schon alles repariert habe.
„Weiß Gtt Hausmeister, weiß Gtt.
Die Auszubildende schluchzt.
„Fräulein Read On, Sie dürfen uns nicht verlassen.“
„Auszubildende ich verlasse sie nicht, ich trete eine neue Stelle an.
„Wo ist da der Unterschied?“
„Ich habe ein Geschenk für Sie, stehe hier und habe das Institut nicht bei Nacht und Nebel verlassen und meine Email Adresse verbrannt.
Die Auszubildende schluchzt lauter.
Ein Fellow kommt vorbei.
„Hat die Auszubildende Schmerzen?“
„Phantomschmerzen!“
„Fräulein Read On, habe ich Ihnen eigentlich schon einmal erzählt wie ich in einem Institut in St Petersburg einmal ein Bein im Institutskühlschrank gefunden habe?“
„Wenn Sie wüssten, was ich schon alles im Instituskühlschrank gefunden habe!“
„Kaffee um halb drei?“
„Kaffee um halb drei.“
Außerdem haben sie keine Zeit zum Weinen. Sie müssen für die Prüfung lernen.
„Fräulein Read On Sie sind der grausamste Mensch, den ich je gekannt habe.
„Es ist mir eine Ehre.“
Dann sortiere ich weiter aus, der Papierschlucker hickst.Ich finde einen alten Osterhasen.
Es klopft an der Tür.
Meine Nachfolgerin sieht nervös ins Zimmer herein.
Haben Sie noch Fragen?
„Um Fräulein Read On, hier arbeiten ja nur Frauen.“
„Die Männer sind alle schwanger“, sage ich.
„Soll ich jetzt lachen?“
„Nachfolgerin, niemand lacht über meine Witze.“
„Sind Sie hier Männerfeinde?“
„Männerfeinde?“ Wenn Sie nur wüssten, wie oft ich mich unglücklich verliebt habe.“
„Ist es ein Prinzip, dass hier nur Frauen arbeiten?“
„Es hat sich so ergeben.
Wir hatten aber schon Praktikanten, wir haben viele hervorragende Fellows, der Hausmeister ist ein wahrer Herr, aber das Institut selbst ist eben in Frauenhand. Aber machen Sie sich keine Sorgen, hier sind noch keine Männer weinend herausgelaufen.“
Sie nickt.
„Gut zu wissen.“
„Herzlich Willkommen“, sage ich.
„Herzlich willkommen an diesem wunderbaren, offenen, großartigen, wundersamen, verrückten, inspirierendem Ort. Es wird Ihnen gefallen. Hier wachsen Männer und Frauen, wenn auch nicht auf den Bäumen. Hier wächst man mit. Sie werden sich die Haare raufen, weglaufen wollen, wiederkommen, durchatmen, lachen, schreien und jeden Tag ein bisschen anders aus dem Institut gehen als Sie angekommen sind. Obwohl ich es weiß, wünsche ich es Ihnen. Herzlich willkommen im Institut. Schön, dass Sie da sind.
Ab Montag ist dies Ihr Büro.

Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.

Woanders ist es auch schön

Indigo und manchmal hilft nicht einmal ein Wunder weiter.

Inmitten von Wespen und Bienen.

Die Geschichte einer ganz und gar fabulösen Rettung. Ich bin ja eine große Freundin von Schafen. Gerade auch den auf zwei Beinen.

Es zerbricht mir das Herz.
Wie soll aus all den Gräbern nur der Frieden wachsen?

Kerala steht unter Wasser, 170 Menschen haben ihr Leben in der Flut verloren und viele Menschen alles was sie haben, es ist eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes , aber auch eine, die fast unbemerkt bleibt.

Es ist auch keine gute Nachricht, dass die Zahlen der Maserninfektionen rapide steigen. In Deutschland wohlgemerkt.

Ein Opernbesuch.

20 Jahre Soloalbum. Via Katrin Scheib

No encore. Aretha.

Der Tierarzt aber hat sein Kälbchen wieder und Kälbchen hat den Tierarzt wieder.
Anna Calvi singt dazu.

Feindliche Linien

Sie sagen so schlimm wie dieses Jahr, war es noch nie.

So viele. Überall. Ganz plötzlich.

Eine Epidemie.

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

Sogar in den Pflaumen.

Aber die Pflaumen habe sie ohnehin nie gegessen wegen der Würmer.

Man müsse handeln.

In Zuckersirup ertränken, sei noch zu milde.

Sie erschlagen mit einer Zeitung von vorgestern sei noch nicht Strafe genug.

Ausräuchern müsse man sie.

Mit Gift müsse man ihnen beikommen.

Früher habe es so viel Gift beim Drogisten gegeben. Auch gegen anderes Ungeziefer habe man einfach ein Mittel gefunden.

Humanität sei etwas Schönes, aber habe auch ihre Grenzen.

Ihnen die Flügel ausreißen sei ein guter Anfang. Aber auch schwierig.

Auf jeden Fall müssten sie spüren, dass es so nicht ginge.

Andere Seiten müssten aufgezogen werden, um zu zeigen wer der Herr im Haus ist.

Der Herr im Haus kann auch eine Dame sein.

Die Herren überlegen, ob man ihnen nicht auch mit Hilfe eines Hammers zu Leibe rücken kann. Das wäre eine Maßnahme, die Farbe bekennt.

Die Frauen sagen es ist eine Schande, dass es noch immer kein wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung gibt. Das beträfe doch auch Kinder. Das empöre sie am Meisten. Das noch immer nichts unternommen wurde.

Die Kinder sagen sie. Die Kinder. Es geht doch um die Kinder.

Dann beginnen sie wieder von vorn.

Aurotten. Erschlagen. Vergiften. Den Gar rausmachen. Sich nichts bieten lassen. Keine Rücksicht mehr nehmen. Zu allen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen.

Die Tierschützer sagen sie machen sich ja lächerlich. Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann wäre doch allen geholfen.

Das ist alles die Schuld von diesem Greenpeace sagen sie.

Das müsste man verbieten. Oder noch besser, man müsste sie diesen Biestern ausliefern. Dann würden sie schon sehen, was sie davon hätten.

Es sei nicht zu begreifen, warum man nicht in aller Härte gegen sie vorginge.

Der Tierschutz hätte ohnehin zu viel Macht.

Wie die schon aussehen.

Früher hätte man im Garten sitzen können, ganz ungestört.

Was hätte man früher nicht für schöne Sommer im Garten verbracht.

Das waren lustige Zeiten als Onkel Kurti beim Sherezade Spiel Cleoptra zog und einen Bauchtanz vorführte, dort drüben unter der Kastanie. Die war damals viel kleiner. Bauch hatte er ja Onkel Kurti, so wie Heinz Erhard, man konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Einmal hat Onkel Kurti Dreirad gezogen und ist wirklich dreibeinig über die Terrasse gerobbt. Es muss davon noch Dias geben, irgendwo unten im Keller. Onkel Kurti ist schon lange tot. Der Dia-Projektor ist kaputt. Es gab süßen Moselwein damals, in den kleinen Gläsern, in die man immer nur ein winziges Schlückchen goss und dabei so herrlich heiter wurde, obwohl man doch nur hin und wieder ein bisschen nippte, wenn es Kurti gar zu arg trieb. Was haben wir gelacht. Ganze Abende lang unter dem Sonnensegel. Ohne auch nur ein einziges Mal belästigt zu werden.

Aber das sei alles Vergangenheit.

Kaum hätte man sich hingesetzt, seien sie schon da.

Setzten sich auf den Käse, die Butter, den guten Schinken. 4,69 pro 100 Gramm bei Butter Lindner. Selbst wenn man alles in Dosen und Butterbrotpapier verpackte geben sie keine Ruhe und machen alles zunichte. Unerträglich seien sie und unerschütterlich.

Räucherkerzen hätten nichts bewirkt.

Bei Tchibo gab es Tennisschläger mit eingebautem elektrischem Schlag, genau wie der elektrische Stuhl in den USA, Zapp und dann ist alles gelaufen. Probiert haben wir es natürlich, aber zweimal hat er sich selbst versengt mit dem Tennisschläger, er war nie besonders praktisch veranlagt und der Brandgeruch macht Übelkeit, jetzt liegt der Schläger im Keller bei dem kaputten Dia-Projektor.

Nichts würde helfen.

Ganz hysterisch sei sie schon, sagt sie.

Sie würde auf ein Brötchen sehen und da hockten sie schon. Grinsende Gesichter. Sie schliefe schlecht und immer wieder würde sie Nachts aufwachen und davon träumen sie verschlucke einen von ihnen und dann wache sie schweißgebadet auf. Es müsse endlich etwas passieren.

So ginge das nicht weiter.

Ausnahmen dürfe es nicht geben.

Es müssten endlich Fakten geschaffen werden.

Das sagen die Nachbarn rechts und links des Gartenzaunes zu mir.

Ich lese die Äpfel und Birnen und auch die Pflaumen auf die im Gras liegen.

Ich mache Apfelmus und Apfelkuchen, Birnenkompott und Pflaumenmus.

Aber niemand sonst, hat etwas übrig für das Fallobst außer den Wespen.

Eine Handvoll lasse ich übrig für die Wespen, die im Garten wohnen.

Wir stören uns nicht.

Einmal hat sich eine Wespe in meinem Haar verfangen. Aber in meinem Haar haben sich schon ganz andere Dinge verfangen und bald flog die Wespe davon.

Es ist schade denke ich um die alten Apfelsorten, die Augustbirnen, die dicken, weichen Pflaumen, die im Gras verfaulen.

Alle Wespen sagen sie und schütteln die Faust.

Was aber die Wespen denken über die Menschen weiß ich nicht.

Podologische Notizen im Zugabteil

In Prag stehen so viele Menschen auf dem Bahnsteig, dass ich mir sicher bin, diese Menschen gehen niemals alle in diesen Zug und wir haben auch noch Koffer, Rucksack, luggage holdall und eine Tasche dabei.

„Wagen 257″ sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt ist so viel größer als ich, dass er den Wagen erspähen muss.

Der Zug kommt und der Tierarzt sagt: „Bist Du Dir sicher, dass es Wagen 257 ist? Mir war als hätte ich eben Wagen 275 gesehen.“

Ich krame nach den Fahrkarten, aber da steht noch immer: Wagen 257.

Derweil stürmen alle Leute in den Zug.

„Auch gut“, sage ich zum Tierarzt,„dann tritt uns keiner auf die Zehen.’“

Dann schleppen wir Gepäck zum Waggon, ich hieve und wuchte das Gepäck in die Ablage und wir fallen auf die Sitze. In der tschechischen Bahn hat es lauter Abteile. Jedes Abteil hat sechs Sitze, wir haben einen Fensterplatz und einen Gangplatz.

Der Tierarzt lehnt den Kopf ans Fenster.

Ich lehne meinen Kopf an die Tierarztschulter.

Dann quietscht die Abteiltür und eine Frau mit karottenrot gefärbten Haaren und zwei Enkelkindern, die eigentliche schon junge Enkeldamen sind, kommen herein.

Uns würdigt sie keines Blickes.

„Hier setzen wir uns hin, sagt sie und wenn hier irgendein Spießer mit Platzkarten kommt, dann soll er uns erstmal kennenlernen.“

Die beiden Enkeldamen pfeffern die Rucksäcke auf den Fußboden und zanken sich während wir aus Prag herausrollen, um ein Paar Kopfhörer. Nach fünf Minuten wird der Streit handfest, der Tierarzt flüstert: „Menschen sind schon wegen geringer Dinge erschlagen worden.“

Dann reißt der Kopfhörer entzwei.

„Problem gelöst“, flüstere ich dem Tierarzt zu.

Der Tierarzt erschauert.

Die karottenrote Großmama erfrischt sich mit einem Deoroller unter den Achseln. Dabei verrutscht ihr das Top. Wir schlagen die Augen nieder und zählen bis 120.
Die Großmama juchzt: „Berlin“ ruft sie „Berlin wir kommen.“ Sieben Tage, der Laurentius freut sich schon. Na ja, ich muss erst mal baden.“

Die Enkeldamen reißen sich an den Haaren.

Plötzlich sagt eine von Ihnen: „Oma haben wir denn ein Gastgeschenk?“

Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“

Die Enkeldamen nicken zufrieden.

„Ihr werdet sehen“, sagt sie „Berlin ist eine ganz andere Nummer als Tulln.“

Für eine halbe Stunde verstummt das Gespräch und die Großmama nebst Enkeldamen verzehren Brote. Die Brotpapiere pfeffern die Damen auch auf die Erde.

„Hier ist ein Mülleimer“, sage ich zu den Damen.

Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“

Ich hebe die Butterbrotpapiere also auf.

Die Damen werden müde. Die Enkeldamen streiten sich um ein Buch. Die Großmama gähnt. Sie spreizt die Beine und schon hat sie ihr linkes und dann ihr rechtes Bein auf die Sitzlehnen des Polster geschwungen auf dem nun eben ich sitze.
Dreißig Sekunden später schnarcht sie.

Ihre Socken hat sie ins Abteil wo auch schon der übrige Kramuri liegt, gepfeffert.

Ihre Füßen riechen nicht gut. Ihre Füße haben Schrunden, Hühneraugen und eingewachsene Nägel.

Mir dreht sich der Magen um.

Der Tierarzt erschauert.

„Mädchen“, was willst du tun? Die Frau ist zum Äußersten entschlossen.“

„Entschuldigen Sie“, sage ich zu der Großmama mit dem karottenroten Haar. „Ich sehe Sie sind ermüdet und haben wehe Füße, aber dies ist eben auch ein enges Abteil und ich möchte ungern die nächsten Stunden zwischen ihren Füßen verbringen.“

„Was sind sie denn für Eine?“, blafft die Großmama herüber. „Wie kann man sich nur so affig haben?“ „Ich kann nicht schlafen ohne die Füße hochzulegen.“ „Noch nie ein Paar Füße gesehen oder was. War ja klar, dass wir neben so einer Vollspießerin landen.“ Dann greift sie nach ihren Füßen und beschnüffelt sie ausgiebig. „Riecht einwandfrei“, sagt sie und streckt mir die Füße hin. Ich sehe die schrundigen Füße und finde ich habe wirklich genug gesehen. Der Tierarzt versucht hektisch ein Fenster zu öffnen.

„Ich bin mir sicher, sage ich zu der weiter keifenden Großmama, dass ihre Enkeltöchter gern bereit sind ihre Füße aufzunehmen.“

Die Dame starrt mich wütend an.

Die Enkeltöchter sehen zu ihrer Großmutter herüber.

Unisono kreischen sie los: „iiiiiiiiehhhhh, niemals legst du deine Stinkefüße auf unsere Lehne.“

„Das ist ja voll krass“,iiiiiihhhhhhh.“

Der Tierarzt flüstert: „Jetzt bringt sie dich um.“

Ich flüstere: Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan.“

Aber dann kommt der Schaffner und will die Fahrkarten sehen.

Die Großmama durchwühlt ihren Rucksack. Viele Dinge fallen aus dem Rucksack auf den Abteilboden. Der Tierarzt starrt gebannt auf den sich leerenden Rucksack. Er erwartet eine Streitaxt und sicherlich auch Pfeil und Bogen um Spießer zu erlegen.

Der Schaffner sagt: „Immer mit der Ruhe, die Dame bitteschöndankeschön.“

Die Dame ruft: „Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eigentlich fahr ich immer schwarz, aber is eh klar, wenn ich schon einmal eine Fahrkarte hab, dann finde ich die nicht.“

Dann findet sie doch drei eingedellte Fetzen Papier.

„Einen Identifikationsnachweis bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner.

Die Dame ruft: „No borders, no nations.“

Der Schaffner sagt: No English, bitteschöndankeschön.“

Und dann sagt er noch einmal: „Einen Identifikationsnachweis bitte wegen des Rabatts bitteschöndankeschön.“

Der ganze Abteilboden ist jetzt vom Rucksackinhalt bedeckt.

Dann finden die Enkeldamen einen Schülerausweis.

„Bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner und schließt die Tür.
In Usti nad Labem steigt eine Familie mit Platzreservierung zu.

„Jetzt geht es um alles“, flüstert der Tierarzt panisch.

Die karottenrote Dame schreit den Vater an: „ Scheiße, such dir doch einen anderen Platz. Reservierung ist nur was für so ne Pinkel wie euch.“

Der Mann sagt immer wieder: „Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt.“

Das zermürbt die Dame und ihre Enkelinnen.

Zeternd verlassen sie das Abteil.

Dreimal kehren sie zurück, weil immer noch einige ihrer Habseligkeiten auf dem Abteilboden liegen.

Der Tierarzt atmet auf: „Und Du sagst immer Kälbchen hätte kein Benehmen.“

Als wir in Dresden aussteigen, gleite ich fast über das Paar Socken aus, das noch immer auf dem Boden liegt. Aber nur fast und darauf kommt es ja manchmal auch an.

Woanders ist es auch schön

Es gibt Texte, deren Sätze bleiben einem im Gedächtnis, gerade weil sie so unauffällig sind und nachts schreckt man dann doch unerwartet wieder auf.

Zelte bringt man Camping, mit Lagerfeuer und Gitarre in Verbindung. Aber es gibt auch ganz andere Zelte.

Eine Dokumentarempfehlung.

Die Frage was ein Blog wohl ist und was das heißt Bloggen wird niemals alt. Nur man selbst manchmal dunkelmüde.

Katrin Scheib ist in Usbekistan.

Frau Coco erinnert sich an ihren Vater und uns alle erinnert sie an eine fast vergessene Kulturtechnik.

Herr Giardino war in Schottland und für uns hat er Puffins mitgebracht. Puffins sind die Kälbchen der Lüfte!

In Berlin liegen zwar noch die kaputten Leihfahrräder am Straßenrand, aber ich fürchte es dauert nicht mehr lange, dann erreicht auch uns die Pest der Roller.

Der Tierarzt ist auch in der Slowakei beständig auf der Suche nach Musik und nun hört er in Dauerschleife Kristína zu.

Der Fuji, zwei Seile und ein Schatten

Eines Tages sagte der Tierarzt: „Mädchen, ich will noch einmal die Berge sehen. Unser Fenster geht zum Meer hinaus. So nah ist das Meer, dass ich vergessen konnte wie viele Jahre der Tierarzt auf den Fuji sah. Aber bis auf den Fujischaffen wir es nicht mehr. Das wusste der Tierarzt und ich wusste es auch. „Kafka war in der Hohen Tatra“, sagte ich. „Glaubst du die Tatra kann auch der Fuji sein.“ Der Tierarzt nickte. „Mädchen, der Fuji kann überall sein.“ „Dann fahren wir in die Hohe Tatra sagte ich. Zu Kafka und zum Fuji.“

„Das ist Wahnsinn“ sagte die Frau des Krämers dunkel. Dann erzählte die Frau des Krämers ihre Lieblingsgeschichte vom alten Herrn G., der obwohl schwer krank einen Bus bestieg um nach Barcelona zu fahren, wo er auf einer Parkbank sitzend erst noch Sangria trank und lustig wurde, nur um darüber zu versterben. „Der Tierarzt trinkt keinen Sangria- wissen Sie wie viele Kalorien das hat?“, sagte ich. Die Frau des Krämers aber war noch nicht fertig mit der Geschichte von Herrn G. „In einem Zinksarg ist er zurück gekommen. Verplombt war der Sarg. So findet ein jeder das Ende, das er verdient.“ Ich tat so als hörte ich nicht. Aber etwas vom Zinksarg blieb doch an mir kleben.

„Ist das nicht Wahnsinn, fragte ich meine liebe C. mit einem Schatten in die Berge zu ziehen?“ Was mache ich, wenn der Tierarzt und sein Schatten immer länger werden mitten auf dem Berg? „Dann trägst du ihn“, sagte die liebe C. Sagte es so, dass ich es glaubte. „Der Tod lässt sich nicht von dir in die Karten sehen“, das war es was sie sagte. „Der Tod“, sagte ich zu ihr und ich wir sind zu enge Bekannte.“ Sie nickte und schenkte mir eine Wanderkarte.

Vor der Abfahrt ging ich in einen dieser Läden, die voller Menschen sind die auf den Nanga Parbat kraxeln oder in einen Vulkan sehen oder über Eisgletscher rutschen. Ein Mann, der aussah als würde er auf dem Everest frühstücken, fragte mich was ich suchte. „Ein Seil für einen Schatten und ein Seil vor dem der Tod sich fürchtet, brauche ich. Mit Karabinerhaken. Der Mann sah mich fragend an, aber ich nickte. Zwei Seile brachte er mir. „Wo wollen Sie denn hin?“ Auf den Fuji sagte ich. Ich kaufte zwei Seile und Karabinerhaken, aber den zögerlichen Blick des Verkäufers, den ließ ich liegen. Lange hielt ich die beiden Seile in der Hand. Wog sie auf gegeneinander. Welches hält den Schatten? Vor welchem fürchtet sich der Tod?

Ich beschloss das längere Seil für den Tod zu behalten. Wer weiß vielleicht ist der Tod auch nur ein ganz gewöhnlicher Rodeoreiter und lässt sich einwickeln und bevor er sich befreit sind wir schon in einer Tannenschonung verschwunden. Die Seile und die Haken legte ich in den Rucksack.

Der Tierarzt sah die Seile und sah mich an: „So hoch hinaus?“

„Der Fuji sage ich ist 3776 Meter hoch. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Wer weiß schon, ob nicht plötzlich Nebel kommt oder ein Rodeoreiter oder ein junger Bär. Ein Seil hält viel aus.“

„Zwei Seile Mädchen“, flüstert der Tierarzt. „Zwei Seile liegen da in deinem Rucksack.“

„Ja“, sage ich.

Vor dem Fenster sehe ich die Berge und nicht mehr das Meer.

Stumm sind die Berge, schiefergrau, ein Berg sieht aus wie ein schlafender Riese. Vielleicht schlief er ein der Riese, müde geworden vom Stapeln der Steine. So viele Berge und schon fiel er hin und seine Müdigkeit war grenzenlos. So lange man geht und Steine stapelt, merkt man nichts von der Müdigkeit, nur wer sich hinlegt, der kann liegen bleiben.

Tannen wachsen auf den Bergen. Dann hören sie auf. Moos vielleicht noch, Gräser und Gestrüpp. Da hinauf wollen der Tierarzt und ich.

Was hat ein Jud im Gebirg zu suchen?, frage ich mich. Aber das gilt nicht.

Der Tierarzt trägt den Schatten. Ich trage den Rucksack. Vorsichtig prüfe ich noch einmal die beiden Seile. Schwer liegen die Seile in meiner Hand. Was hält ein Seil.

Skalnaté pleso heißt der Fuji auf den wir steigen.

Er schweigt der Berg, auch er schweigt. Verrät nichts. Wir gehen los. Lassen die Seilbahn liegen. Zu dünn kommt auch mir das Seil vor, das die schaukelnden Kabinen hält.

Schon sind wir verschwunden in den Tannen. Ich mit klopfendem Herzen und zugedrücktem Magen. Sitzt nicht oben auf dem Gipfel der Tod auf einem Stein, lacht schon, klopft die Sense auf einem Stein aus, wartet auf mich. Aber in meinem Rucksack, da ist auch das Seil.

Langsam gehen wir der Tierarzt, der Schatten, die Seile und ich.

Geröll unter den Schuhen, Wurzeln, so hoch wie vier Treppenstiegen. Manchmal fällt der Tierarzt einfach ins Gras. Bleibt liegen. Atmet schwer. „Einen Moment noch Mädchen ja?“

„Ja“, sage ich.

Der Tierarzt steht immer wieder auf.

Viele Stunden brauchen wir bis zum See. 1751 Meter steht auf dem Schild.

Ich sehe mich um. Ein Mann ißt einen Apfel auf einem Stein. Der Tod hat keinen Appetit denke ich. Kein Rodeoreiter. Der Berg nebenan, der schlafende Riese schläft.

Dann setzen wir uns ins Gras. Einen Zettel ziehe ich aus der Tasche. Yamabe no Akahito sage ich war ein anderer Wanderer und ein Dichter und vielleicht

Seit Himmel und Erde
sich voneinander schieden,
steht, ein Gottesmal,
in erhabener Größe
über Suruga
hoch der Gipfel des Fuji.
Zu Himmelsfluren
den Blick erhoben, siehst du
der wandernden Sonne
Licht sich hinter ihm bergen,
des hellen Mondes
Schein hinter ihm verschwinden.
Die weißen Wolken
scheuen sich, ihm zu nahen,
und unversehens
senkt sich die Wolke nieder.
Weiter erzählen,
weiter berühmen will ich
Fuji, den hohen Gipfel.

Zitiert nach:Yamabe no Akahito übersetzt von Wilhelm Gundert. In: Lyrik des Ostens. Hrsg. von Wilhelm Gundert et al. Hanser Verlag. München 1978, S. 397 f.

Dann sehen wir hinauf in den Himmel und der Schatten verschwindet. Viellicht ist der Tierarzt wirklich auf dem Fuji und nur ich sitze noch in der Slowakei. Vielleicht hält er Kirschblüten in der Hand oder Schnee oder die Hand einer Frau, die ich nur von Bildern kenne, vielleicht ißt er Tonkabohnenpaste oder salzige Edamame. Lange geht der Tierarzt auf dem Fuji umher und ich warte in der Slowakei.

In einem anderen Leben, auf einem anderen Berg umher geht der Tierarzt und neben mir auf dem Stein sitzt ein Feuersalamander. So sitzen wir im kühlen Gras. Irgendwann kommt der Tierarzt zurück aus Japan, ein großer Schritt vielleicht vom Fuji hinunter zum Skalatné Pleso. Blau ist der See. Kalt und weich ist das Wasser. Kaum ein Schatten über dem Wasser.

So erschöpft ist der Tierarzt vom Fuji.

So zittern mir die Knie.

Wir gehen in die Bergütte hinüber.

Der Tierarzt trinkt Tee. Ich trinke Kofola.

In der Hütte sind Bergesteiger.

Ich ziehe die zwei Seile aus dem Rucksack.

„Zwei Seile sage ich“, eins ist stärker als Tod und das andere hält den Schatten fest. Haben Sie Verwendung dafür?“

Der Mann hinter der Theke hat schon ganz andere Geschichten gehört. Das sehe ich gleich.

Er nimmt die Seile.

Er hängt sie an einen Haken.

„Seile wie diese werden gebraucht“, sagt er.

Ich nicke.

In der Seilbahn fahren wir herunter ins Tal.

Die Gondeln schaukeln.

Es weht immer ein leichter Wind auf dem Fuji.

Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

Zwei Kilometer sind es von unserem Hotel herüber bis nach Tatranské Matliare, jenem Ort in dem Franz Kafka zwischen 1920 und 1921 einige Monate verbrachte. Das Hotel in dem wir wohnen, stand damals schon. Sommerfrische. Es waren nervöse Jahre, der erste Weltkrieg war auch an der Hohen Tatra nicht einfach so vorbeigegangen. Viele der großzügigen Sanatorien und Hotels beherbergten nun Soldaten, die nichts mehr vom lässigen Hans Castorp hatten.Die Damen an der Rezeption winken uns hinterher: „Have a nice day.“ Der Tierarzt ruft: „We are looking for Franz Kafka.“ Die Damen nicken und winken noch einmal. „Have fun with your friend.“

Vor dem Hotel beginnen die Berge. Still ist es hier. Die Berge atmen leise. Ungewohnt ist das, denn das Meer vor unserer Haustür schweigt niemals. Aber hier in der Hohen Tatra schweigen die Berge. Wanderer kommen uns entgegen. Wanderer sind stille Menschen stellen wir fest. Sie teilen Wasserflaschen und Müsliriegel, sie nicken uns zu, wie nicken zurück. Sie gehen in Richtung eines Gipfels, wir gehen um die Ecke. Wiesen. Ein gluckernder Bach. Eine Handvoll Wasser für mich, eine Handvoll für den Tierarzt. Süß ist das Wasser. Vielleicht spricht das Gebirgswasser aus, was die Berge verschweigen. Ganz allein sind wir im Wald und auf den Wiesen. Auf einer Lichtung ein Denkmal. Matthias Loisch gründete hier eine Jagdhütte. 1884. Aber er lud nicht zur Jagd, sondern die Städter ein. Hinaus aus der Stadt. Aus der Hütte, wurden mehr Hütten. Schwedenbungalows würden wir heute sagen. Er baute eine Sauna und dann ein Hotel. Wo ein Hotel ist, haben auch zwei Hotels Platz. So entstand Tatranské Matliare, ein Ort wie man es sich vorstellt, war es nie. Eine Ansammlung von Hotels, die dann auch Sanatorium hießen. Ein Sanatorium war das Lungensanatorium von Dr Kral. Dorthin begab sich Franz Kafka. Da war der Erste Krieg schon über die Hohe Tatra gezogen. Aber auch dazu hatten die Berge geschwiegen. Gefallen hat es Franz Kafka nicht. Das wäre zu einfach gewesen. An Max Brod schrieb er: „Vorläufig stört mich noch alles, fast scheint mir manchmal, dass es das Leben ist, was mich stört, wie könnte mich denn sonst alles stören?“

Wenigstens gibt es keine Durchfahrtsstraße. Damals 1920 und 1921 als Kafka dort oben lebte, wo wir hinwandern an einem sonnigen Nachmittag, da sprach man Ungarisch, nicht Deutsch, nicht Tschechisch, nicht Slowakisch, sondern Ungarisch. Es waren die letzten europäischen Jahre. Damals konnte ein Budpester Zahnarzt mit einem deutschen Buch unter dem Arm spazieren gehen und eine tschechische Dame zum Tee einladen, oder das Buch Franz Kafka leihen. Krank vor Liebe zu Milena war Kafka in jenen Monaten. Man kann an der Liebe zu Grunde gehen, das war die Antwort und ein heftiger Husten kam dazu. Ein müdes Herz also, keine Milena mehr, dafür ein Tschechin, die auf Juden schimpfte, lange Briefe hinunter nach Prag, ein aufdringlicher Journalist, ein Kellner wie aus einer Thomas Mann Novelle und ein Zimmermädchen, aber ihr Name war nicht Milena.

Briefe und Einsamkeit. Keiner kam hinauf zu Franz Kafka. Milena wollte und sollte nicht, Ottla hatte ein kleines Kind auf dem Arm, die Eltern einen Laden und ich weiß nicht wo Max Brod war in jenen Monaten. Aber der Ort, das Sanatorium, die enge Welt mit europäischem Zungenschlag, die ist verschwunden, lange schon. Tatranské Matliare ist kein verfallenes Stück Zeit mehr. Bald kam der zweite Krieg, der deutsche Krieg, nach dem zweiten Weltkrieg war das Europa der Zahnärzte aus Budapest und der Schriftsteller aus Prag zu Ende. Das Militär kam in die Hohe Tatra hier sollten sich Offiziere erholen. Sperrgebiet. Abrissbirne. Kein Prager Frühling, kein Ungarisch mehr. Es ist nichts mehr übrig von Matthias Loisch und seinen Mitstreitern. S

päter dann baute die CSSR hier Hotels im guten sozialistischen Stil. Quadratisch und mehr Durchgang zum Speisesaal. Hutnik heißt das Hotel, vor dem wir stehen. Plötzlich im Wald. Palettentische auf der Terrasse. Zigarettenrauch. Die Zimmermädchen haben Langeweile. Graue Treppenstufen. Gelbe Wandfarbe, aber die Tristesse der langen und bleiernen Jahre, die atmet man ein, betritt man das Hotel. An der Wand noch immer Kunst der Werktätigen und eine Hausordnung die kein Ende nimmt. Wir bestellen Kaffee und wo anderswo Bücher über den Amazonas liegen, stapeln sich hier die Gästebücher. Der Tierarzt schließt die Augen. Der Kellner nimmt sich Zigaretten und setzt sich zu den Reinigunsgfrauen auf die Terrasse. Eine Frau steht am Fahrstuhl und sieht lange auf ihr Telefon. Ich blättere in den Gästebüchern. Dieter und Petra, Januar 1982 gefiel es sehr gut. Anne und Heiner, 1986 verbrachten schöne Tage im Bruderland, Herta und Wilfried kamen schon zum dritten Mal und fanden: „schöner als wie in der Schweiz.“ Druschba, druschba neben Kinderzeichnungen. Gedichte und kleine Bonmots. Die liebe C. war niemals in der Hohen Tatra, mein Vater ein Republikflüchtling, meine Großmutter hatte eine andere Landkarte vor Augen, aber hier in den Gästebüchern stehen die Geschichten derjenigen für die die DDR etwas ganz anderes war und die schöne Ferien verlebten und keine Bücher von Ivan Klima unter der Theke schmuggelten. Hier stehen ihre Geschichten und sind doch unerzählt. Nach 1993 brechen die Einträge weg. Die Ostbürger wollten in den Westen. Die Hohe Tatra war auf einmal das arme Osteuropa, keine Brüderschaft mehr, lieber vergessen, die Alpen sind die andere Richtung. Wir legen Münzen auf den Tisch. Der Kellner bleibt verschwunden.

 

Auf einer Wiese, abseits des Weges ein Stein für Franz Kafka. Man kann ihn leicht übersehen, die Straße nicht finden, die Wiese ganz anders überqueren, wir finden ihn doch. Liegen im Gras, keiner kommt, wir zählen Wolken und Geschichten, die erzählten und unerzählten, alle Geschichten sind unendlich. Bevor wir aufstehen, uns das Gras aus den Haaren klopfen, über den Stein streichen, uns vorstellen wie es hätte sein können, wie es wohl gewesen wäre, wenn, hole ich einen Zettel aus der Tasche und lese dem Tierarzt vor, was Franz Kafka schrieb an genau jenem Tag an dem er aus der Hohen Tatra zurückkehrte nach Prag:

„ Liebster Max, meine letzte Bitte, alles was sich in meinem Nachlass ( also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause oder im Bureau, oder wohin sonst irgendwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt.) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen usw. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene und Gezeichnete, das Du oder Andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“

Dein Franz Kafka.“

Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben und Max Brod beschloss ihn niemals sterben zu lassen. Die Berge aber schweigen und still gehen auch wir zurück.