Das Hotel Central

Das Hotel Central ist, obwohl an einer vielbefahrenen Straße gelegen mitten in Dublin gelegen , leicht zu übersehen.

Das Hotel Central fällt einem nicht auf. Ich frage mich oft, ob das nicht Absicht ist.

Das Hotel Central ist aus rotem Backstein und über dem Eingang des Hotel Centrals ist ein großes Vordach angebracht.

„Hotel Central“ steht auf den bunten Glaskacheln des Vordachs. Erstaunlicherweise ist es gerade jenes Zierdach, das einzige Schmuckstück des Hotel Centrals, welches maßgeblich dazu beiträgt, dass das Hotel so leicht zu übersehen ist.

Das Hotel Central gibt es schon seit dem vorletzten Jahrhundert.

Man sieht es ihm an.

Früher einmal mag es ein Hotel glitzernder Geschichten von Fernreisenden, Kolonialbeamten, britischen Offizieren und reich gewordenem amerikanischen Besuch gewesen sein.

Dass die Zeiten auch einmal ganz andere gewesen sein, daran erinnert fast nichts mehr- nur noch eine alte Lampe und ein verwittertes Plakat hinter der Rezeption, das für eine Schifflinie wirbt, die es nicht mehr gibt.

Gewiss auch das Hotel Central ist immer mal wieder renoviert worden, aber der Irrtum der Innendekorateure bestand eben in genau der Annahme, dass sich der Charakter des Hotels formen ließe, nach ihrem Geschmack und den Anforderungen moderner Hotellerie.

Dieser irrtümlichen Annahme kann man im Hotel Central nirgendwo entgehen. Zwar sind einmal gold-braun gestreifte Tapeten geklebt worden, aber die Wände des Hotels sind so verwinkelt, sie taugen nicht zur Repräsentation, dass sie nur einmal mehr das schäbig- altmodische betonen, denn Weite oder Eleganz zu schaffen.

Auch im Hotel Central hat man es Kunstdrucken versucht und gewagten Teppichmustern. Aber die Kunstdrucke in ihrer ganzen Einfältigkeit haben längst Staub angesetzt und in den engen Aufgängen des Hotels sieht ohnehin niemand nach, ob jene vier blaue Quadrate einmal irgendwo auf einer Ausstellung für eine Sensation gesorgt haben mögen, hier sieht sie niemand.

Über die Teppichböden aber schweigt sogar der Direktor kummervoll.

Das Hotel Central hat keine Kofferträger, keine Türöffner, keinen Liftboy und auch keine dreisprachigen, an einer niederländischen Hotelfachschule ausgebildeten Rezeptionistinnen. Das Hotel Central hat einen Portier. Der Portier erwartet die Gäste nicht, er erträgt die Gäste. Zwar hängt im Foyer des Hotels eine große, leise tickende Uhr, aber die Zeitrechnung des Hotel Centrals folgt der seines Portiers.

So ist das schon immer gewesen, nehme ich und so wird es wohl auch immer sein.

Der Portier ist manchmal für lange Zeit nicht zu sehen. Was er dann macht, geht keinen etwas an.

Ankommende Gäste , die noch nichts von den Gepflogenheiten des Hotels Centrals wissen, werden naturgemäß unwirsch und bedienen immerzu die kleine Glocke auf der braunen Anrichte der Rezeption. Den Portier kümmert dies wenig, er kommt immer genau dann, wenn die Gäste zwischen cholerischem Brüllanfall und schweigender Resignation schwanken.

„Sie hatten reserviert?“, sagt er dann langsam und mit schleppendem Tonfall.

Die geplagten Gäste haben natürlich ihre Reservierung längst vergessen. Sie wollen sich beschweren.

Also sagen sie: WAS FÜR EINE SAUEREI, DIESE WARTEREI, EINE UNVERSCHÄMTHEIT, ICH MÖCHTE MICH BESCHWEREN.

Der Portier nickt dann und schiebt einen Block mit einem vorgedruckten Beschwerdeformular über den Tresen.

Die Gäste füllen ihn sorgfältig aus und der Portier faltet die Beschwerdevorlagen sehr sorgsam zu einem Quadrat. Er reicht den Gästen die Schlüssel herüber. Er sagt: Treppe links, Fahrstuhl rechts, Achtung immer nur zwei Personen, Frühstück ab 7 Uhr, Bar ab 12 Uhr, kein Schwimmbad. Zu den Schlüsseln schiebt er einen zweiten Zettel über die Theke: Polizei, Feuerwehr, W-Lan, noch Fragen?

Die Gäste bleiben meistens stumm.

Gehen die Gäste dann nach rechts oder links, nimmt der Portier das gefaltete Beschwerdeformular studiert es eingehend, um es dann umgehend in einen unter dem Tresen befindlichen, gelben Papierkorb zu werfen.

Dann setzt sich der Portier und nimmt Eintragungen an einem dicken schwarzen Buch vor. Manchmal liest der Portier auch den Sportteil der Irish Times nach.

Die meisten Gäste des Hotel Centrals aber sind vertraut mit der eigenen dort vorherrschenden Zeitrechnung. Gelegenheitsgäste oder gar Touristen kommen selten ins Hotel Central.

Im Hotel Central nächtigen Geschäftsreisende, aber nicht solche, die mit glänzenden RIMOWA Koffern Großes bewegen, sondern die Nachfahren der Reisenden mit Koffern voller Schnürsenkel, Miederwaren und Bohnenkaffee. Sie sind die Letzten ihrer Art, der Großteil von ihnen ist längst Vergangenheit, anders aber als in der Industrie verlief ihr Verschwinden unbemerkt. Nur hier im Hotel Central sieht man sie noch einmal in den dünn gewordenen, niemals gut sitzenden Anzügen, den unbequemen Lederschuhen und den schweren, abgestossenen schwarzen Lederkoffern.

Sie wissen es ja selbst, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt und wenn der Portier nicht da ist, so bestellen sie ein Glas Bier und warten. Das haben sie ja ein ganzes Leben lang geübt. Viele nehmen ja Handelsreisende verkauften, dabei warten sie, vor allem warten sie und so ist ihnen das Hotel Central die Fortsetzung ihrer Gewohnheit.

Der Portier stellt ihnen keine Fragen, belästigt sie nicht mit Feuerwehr, Polizei, Frühstück, sondern händigt ihnen den Schlüssel aus und das ist alles.

Manchmal kommen Paare ins Hotel Central. Sie alle haben etwas zu verbergen. Einen Ehering vielleicht, eine hässliche Scheidung, eine bettlägerige Mutter oder Schulden. Sie kommen schwitzend im Hotel Central auch wenn es draußen kalt ist, sie wollen vergessen, wenigstens für eine Nacht. Nicht immer ist die Frau mit der sie am Abend ins Hotel zurückkommen, auch in der Reservierung inbegriffen, aber der Portier des Central hat schon alles und noch mehr gesehen und schweigt über diese und andere Fragen.

In einer Schublade seines Rezeptionstresens verwahrt der Portier zurückgelassene Eheringe, Scheidungsurkunden, Kondome, Heftklammern, zerrissene Bilder und Bücher auf.

Ich selbst habe schon gesehen, wie der Portier die Schublade öffnete und einen Ring herausfischte, den ein Mann mit roten, fleckigen Wangen entgegennahm. Er wollte dem Portier mit einem Schein danken, aber der Portier, der doch alles weiß und nichts sieht, schüttelte den Kopf.

Der Portier wie auch das Hotel Central sind keine Orte für leichte Gefälligkeiten.

Das Hotel Central ist ein Ort der Einsamen und Kargen, der einmal zu oft Verlassenen und der nie wieder Gefundenen, das Hotel Central ist Hafenkneipe und Bahnhofshotel, das Hotel Central ist ein Fundbüro.

Gerade deswegen sitze auch ich am Samstag im Hotel Central und lese die Zeitung, dabei lese ich die Zeitung immer zu Haus und sehe den Menschen zu, die dort kommen und gehen, für eine Weile, für die Weile in die der Tierarzt lebte, ging ich seltener ins Central. Aber jetzt bin ich wieder zurück mühelos aufgenommen in den Kreis der Einsamen, die dort beisammen sitzen.

Der Tee ist heiß und zu stark, die Scones sind immer von gestern, es ist immer Zugluft zu spüren im Hotel Central, nur manchmal sieht der Portier auf von der Rezeption und mir ist als zähle er nach, ob es uns alle auch wirklich noch gibt.

 

 

 

Fast eine Woche später

Die Katze habe ich die ganze Woche kaum gesehen.

Die Katze hat ja auch ihren eigenen Sessel.

Die T. sagt: „Ist das nicht wie enorm, wie die Katze mit einer blossen Schwanzbewegung mitteilen kann, ob sie mehr Milch möchte?“

Ich entschuldige mich für die Katze und die Manieren.

Die T. streichelt die Katze und sagt: „So eine gute Katze!“

Die Katze grinst.

Den treuen, alten Hund immerhin sehe ich öfter.

Aber auch nur weil der J. Abends Sport macht.

Der Hund hat es eher nicht so mit Sport.

Aber am Abend nach der Fabrik gehen der Hund und ich spazieren.

Die Häuser hier sind alle groß und haben einen Garten. Selbst im Januar sieht man, dass hier die Rasenflächen mit der Nagelschere nachgeschnitten werden.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig umher.

Andere Hunde habe ich noch nicht gesehen.

Vielleicht gehen die vornehmen Hunde die neben ihren Besitzern vor einem Kamin sitzen, aber auch nur tagsüber spazieren und lesen am Abend in: 101 Gründe warum Katzen immer alles besser wissen und was kluge Hunde dagegen tun können.“

Aber tagsüber bin ich nie bei T. und J.

Tagsüber bin ich in der Mondsteinscheibenfabrik.

2,3 Kilometer sind es von der Haustür zur Bahnstation.

Ich laufe, aber sonst läuft morgens nur eine Frau mit einer Stirnlampe ihre Runden. Sie läuft aus anderen Gründen als ich.

Nur einmal bin ich diese Woche so richtig nach irischer Fasson eingeregnet.

Das ist keine schlechte Bilanz.

Die Nachbarn zur Linken haben ein großes, helles Wohnzimmer.

Das ganze Zimmer ist voller Bücher.

Abends bevor ich den Schlüssel aus der Tasche krame sehe ich in ihr Zimmer herein.

„Wie das voll ist, frage ich mich dann immer, so ein vollständiges Leben zu haben?“

Ich habe nur einen Flickenteppich, zwei Koffer, eine Katze, den treuen alten Hund und die wieder säuberlich gestapelten Kisten mit Traurigkeit. Weiter besitze ich einen blauen Rucksack und zwei Taschen. Im ledernen Luggage holdall sind Tierarzt Dinge. Manchmal lege ich meine Hand auf seinen Lieblingspullover. Ich will ihm sagen. „Ohne dich sind wir drei haltloser noch als zuvor.“ Aber der Tierarzt hört ja nicht mehr zu. Dann schiebe ich das luggage holdall wieder ganz tief in den Schrank hinein.

Ich wohne noch immer weit weg vom Meer.

Ein neues Schwimmbad habe ich noch nicht gefunden.

Vor meinem Fenster steht ein großer Baum.

Es ist gut einen Baum in der Nähe zu wissen, sage ich mir.

Der Baum und ich sehen uns selten, aber manchmal ist mir als winkte mit der Baum im Dunkeln zu.

Ich winke immer zurück.

Es regnet vor meinem Fenster. Ich bin froh um den Regen. Der Regen sage ich mir, ist eine bewegliche Wand auf die Verlass ist. Ich möchte mich gern auf den Regen verlassen.

Die ersten Nächte habe ich lieber auf dem Fussboden geschlafen.

Der Boden und der Baum sind sichere Orte habe ich gelernt.

Geschämt habe ich mich trotzdem.

So viel Angst liegt vor dem Davonkommen.

Die T. bringt mir immer mehr Decken.

Vor meinem Fenster steht ein kleines, rotes Segelboot aus Holz.

Ich nehme es oft ganz vorsichtig in die Hand.

Ich sagte mir gern: „Leinen, los.“

Aber dann ist es schon wieder spät und ich muss zusehen, dass ich den Zug in die Fabrik bekomme.

Ich ziehe mir Gummistiefel an.

Der Hund zieht ein Gesicht.

Die Katze grinst und rollt sich auf T.s Schoß zusammen.

Der Hund und ich tappen ins Dunkle.

Der Regen fällt mir schwer ins Gesicht.

Der treue, alte Hund seufzt.

Auf den Rasenflächen stecken die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe heraus.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig, damit die Schneeglöckchen keinen Schaden nehmen.

In Berlin gehe ich ganz vorsichtig, um nicht auf einen Stolperstein zu treten.

In Irland gehen der Hund und ich ganz vorsichtig, damit keine Blumen Schaden nehmen.

So unterscheiden sich die Böden und die Füße der Länder.

 

A Tale of Two Streets

Dublin is a rich city.

Sometimes I forget how rich this city can be. Right place, right time, fortune makers are no fortune tellers.

I asked a fortune teller once. She had no good news.

So rich, Dublin city.

It is easier to forget than to remember.

I know the grit better than well- groomed hedges. I can’t help it.

I have a bit of time of left.

Dublin can be such a rich girl. Pearls like fists. You know what I mean. Don´t you?

Golden frames, windowpanes, fine teak, true antiques. Big cars. Bigger cars. A Ferrari. A yellow one. Playful, sweetlike. Aren´t we all children sometimes?

Sweet kids, of course. Such a rich city, rich city girls waiting for the car valet.

The men make business, the children breath entitlement, the pavement too, the women look good, sometimes they look even better when the divorce gets through.

I stand there in the rain, window shopping is just another word for waiting. Oil paintings, hunting scenes, the empire is not dead yet. Red coats, dead hogs, a man drinks old sherry. Dublin is a rich girl. Christmas trees, candlelights, button-up or button-down, your so silent rich girl I think, when do you ever speak. I am leaving. Such a rich girl you are I think

I don´t know thing about you. I walk back. It is not a long way.

Just a one way.

One bridge,

Two traffic-lights,

One zebra crossing

Two pharmacies, one deli, one Supervalu later, Dublin is poor again, or at least poorer. Just an ordinary street.

A pizza place.

A Laundromat.

A bakery. Orange brownies. What is not like?

Puddles of all sorts. Water, dirt, puke. It´s Christmas season after all.

All souls.

An ATM machine.

A vegetable shop.

600 metres maybe more, maybe less.

I stop.

They have honeymelons in the window.

They just look like a summer day. A day without shadow. Blasting heat. Hell I am roastin, the Irish say. I am so cold. Always cold. Rain is dripping. I could go and buy one, I want to convince myself here. It is turnip season after all. I have a bad conscience. But the honeymelons, I can smell under my tongue. I look up, suddenly. Why did I look.

A Woman on the street stands somehow awkward at the corner.

She looks cornered. Sometimes my English can´t follow my eyes.

The woman is still there. Standing still. Why is she standing so still? Is cornered actually a word? I forget the honeymelon, I hear a man shout. I am not surprised. Men are shouting all the times. Couples have issues, don’t they? It’s Christmas season after all. Finally I listen. Listen what the man shouts at the woman. The woman, still the same woman, standing there. He shouts, but I don´t, he shouts like a child would, looking for words, but finding any. I takes me a moment, because sometimes I don’t trust me English. Am I getting it wrong? Am I a not? More shouting, louder and louder, and the woman still standing there frozen. It takes another moment until realize that this man and this woman have never met before. She just meets his scorn.

Out of the sudden he jumps forward and grabs her by the arm, drags her with him. A massive lad, he is wearing stained jeans, and cut off bin bags, he has a firm grip at the woman he just shouted at. Finally I grab the woman by her elbow. So cold, I think, my hands are always cold. I want to tell her, I am so sorry for my cold hands. The man is shouting trying to drag the woman with him. Strong this man. A heavy grip, my cold hands are clammy.

Don’t be afraid I want to to tell this woman, but the words do not come. So strong is his grip, I shout, finally two men come to help.

Arab men, vegetable sellers. The honey melon still behind the warm windows. Three pairs of hands finally, the man caves in, all so sudden, we land on the pavement. The vegetable vendors keep the shouting man at bay. So loud, his voice is a boomerang, a grinding piece of metal. The woman cries. A man calls the police. There is a man who grabs women on the street. He fells silent, the police needs twenty minutes. The woman is shaking.

I want to tell her that she will be ok. It is just 6.30pm, this is busy street, but I don’t tell her. I can’t. Your fingers, she whispers are so cold. She covers her ears.

The man throws a beer can at the two men, then he turns around, walks across the street, disappears, is gone. We are still waiting. The woman, the two men and I. We don’t speak. I look back. The street makes a swift left turn, where the street turns left, Dublin is a rich city, grand houses, proper fire places, security alert, fine wreaths, careful measured scorn. Warm windows glowing, silk tapestries, heavy linen, brass plates, velvet curtains. Dublin is a rich city. Sometimes I forget the riches. I don’t buy a watermelon. Count your blessings, the policeman looks so young. The woman shivers.

“Can you tell me what happened?”

It is still raining and my hands are still so cold.

Abseits des Meeres heißt stadteinwärts

In meinem fünften Jahr in Irland ist mir das Meer abhanden gekommen. Sehe ich aus dem Fenster, so ist vor dem Fenster eine Straße, hinter der Straße beginnt eine andere Straße und so geht es immer weiter. Keine der Straßen führt ans Meer. Die Straße liegt nicht mehr im Oberland und am Morgen gehe ich nicht mehr im Bademantel die Straße hinunter ans Meer. Das Meer und ich wir hatten uns aneinander gewöhnt. Das Meer sich an meine Müdigkeit und ich mich an die kalten Hände der irischen See. Oft bin ich aufgewacht in der Nacht und das Meer war noch war. Das Meer ist ein guter Wächter, wenn auch einer mit kalten Händen. Oft saß der Mond auf der Fensterbank und erzählte mir von der Sonne, dieser einen Liebe und am Morgen kam die Sonne zum Fenster herein und erzählte mir vom Mond, dieser einen, großen Liebe.
Wache ich auf in der Stadt, gluckert manchmal Wasser in einem Rohr, aber das ist alles, nichts ist mehr da vom großen Rauschen der See vor meinem Fenster. Ein Kanal ist in der Nähe, aber der Kanal führt nichts ans Meer. Müll schwimmt im Kanal und zwischen dem Müll schwimmen Schwäne. Am Kanal stehen Zelte, da leben Menschen, die haben kein Dach über dem Kopf, sondern nur eine Plane. In Dublin ist das ganz normal, seit Jahren schon, alle Antworten sind die immer gleichen Redensarten und jeden Abend liege ich im Bett und zähle die Kamine und hinter den Kaminen, da stehen die Zelte. Am Wochenende stelle ich Tüten mit Dingen des täglichen Gebrauchs vor die Zelte.
Ich schäme mich und das Meer ist nicht da, was die Scham auffängt. So lebt man in der Stadt beständig mit der Scham. Vor dem Haus steht eine Laterne und auf der anderen Straßenseite, da steht eine Kirche, aber es ist nicht mehr St. Sylvester, keine Seefahrerkirche mehr, die Kirche ist nur noch von außen Kirche, lange war sie ein Arbeitsamt, dann sollten sich Käufer finden und keiner kaufte und manchmal spielen die Kinder der Nachbarschaft Verstecken im Kirchgarten, aber niemand hat einen Schlüssel oder vielleicht doch, aber niemand der den Schlüssel hat, schließt die Kirche auf und es gäbe weniger Zelte am Kanal. Aber keiner kommt. S
o fern das Meer und der Mond ist blasser in der Stadt, hat nichts vom munteren Liebhaber, sondern viel vom müden Geliebten, der in einem schäbigen Bahnhofshotel auf die Geliebte wartet, die doch nicht kommt. Die Sonne kommt spät, hat Ruß in den Haaren, die Stadt hinterlässt selbst bei der Sonne Spuren und eilig ist die Sonne, wenn sie die Stadt erreicht. Keine Zeit mehr für Liebesgeschichten ruft sie mir zu und ich sehe ihr hinterher. So wird man sich fremder und irgendwann läuft man aneinander vorbei.
Manchmal steht ein Mann unter der Laterne und raucht. Er wippt mit den Hacken, vielleicht ist der Bordstein ja für eine Zigarettenlänge ein Boot auf der wogenden See, vielleicht ist alles auch ganz anders. Manchmal bilde ich mir ein, ich könnte das Meer noch immer hören, aber dem ist nicht so, selbst wenn in der Nacht nur in einem Haus noch ein Licht zu sehen ist, rauscht nur von Ferne eine andere Straße.
Damals als ich in das Dorf zog da sagte die Frau des Krämers zu mir: „Sie müssen noch viel lernen, wir verstehen die Welt hier vom Meer her.“ Ich wusste nichts, die Frau des Krämers wusste alles. Sie war es doch, die eine Stelle bei Arnott’s ausgeschlagen hatte, um einen Krämersladen in einem kleinen Dorf zu führen, denn die Frau des Krämers wusste schon damals, dass das Meer ihr zur Lebensform werden würde und so ist es ja auch gekommen.Bereut habe sie es nie, sagte sie beständig und zählte auf wer von den Lehrmädchen tot oder geschieden sei, das ist für die Frau des Krämers fast ein und dasselbe.
Sie werden schon sehen, was sie davon haben, sagte die Frau des Krämers als ich vor ein paar Wochen zum letzten Mal im Morgenmantel und mit tropfendem Haar bei ihr im Laden stand.
Das Meer, das habe ich nicht mehr, denke ich, wenn ich aus dem Fenster sehe, frühmorgens, abends oder nachts.
Das Meer ist mir auf einmal und ganz plötzlich abhanden gekommen.

Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.

Ein Dorf im Sommer

Neun Monate im Jahr sind wir das Dorf.

Drei Monate im Jahr gehört das Dorf den Touristen.

Die meisten Touristen sind Schülergruppen.

Sie kommen für drei Wochen ins Dorf und sollen Englisch lernen.

Sie kommen aus Deutschland, Italien und Spanien.

Das Dorf und seine Bewohner, das sind wir, verschwinden im Sommer. Man sieht uns kaum

Die Frau des Krämers sagt: BMWVWAUDISIEMENS, die deutschen Kinder kommen aus gutem Hause.

 Die Frau des Krämers sagt: PAELLAMANCHEGOBERNABEU, die spanischen Kinder sind schlimmer als Romeo und Julia

Die Frau des Krämers sagt: FIATBUONGIORNOGELATO, die italienischen Kinder haben es nicht leicht mir ihren Müttern.

Es ist der erste Sommer der Freiheit für die Kinder aus Deutschland, Italien und Spanien.

Sie sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt.

Ihnen gehört die Welt und die Welt ist das Dorf.

Im Sommer gehe ich mit der Sonne schwimmen. Die Sonne gähnt und ich schwimme. Wenn ich aus dem Wasser steige, wachen die Vögel auf. Am Ufer wartet der Tierarzt mit dem Handtuch.

Ich ziehe Yogahosen und ein T-Shirt an. Schwer liegt das nasse Haar mir im Nacken. Auf meinem Rücken liegt die Hand des Tierarzts. Das ist schön. Aber wir haben keine Zeit. Im Sommer trifft sich das Dorf mit der Sonne am Strand. Wir haben Plastiksäcke, Schubkarren, Müllschaufeln und Handschuhe. Wir gehen den Strand entlang und sammeln den Müll auf. Flaschen, Schuhe, Fertiggerichtpackungen, Scherben, Chipstüten, Kekspackungen, Tampons, Bonbonpapier, Hundehaufen, Eiscremebecher, Wegwerfgrille, Bierdosen. Im Winter treffen wir uns einmal im Monat um den Strand zu reinigen. Im Sommer reinigen wir den Strand jeden Tag.

Darüber spricht niemand. Der Strand gehört zum Dorf und das Dorf sind wir. Der Nachbar mit dem Traktor fährt den Müll zur Deponie. Der Nachbar mit dem Traktor ist ein zuverlässiger Mann.

Der Nachbar schneidet manchmal Coladosen auf und in Dosen sind Vogeljungen begraben.

Der Nachbar seufzt und begräbt die Vögel.

Wenn wir fertig sind, treffen wir uns bei der Frau des Krämers. Es gibt Tee und einen warmen Scone. Für den Tierarzt gibt es Tee und einen sorgenvollen Blick.

Dann kommen die Segler. Sie holen bestellte Brötchen ab und bekommen ofenwarme Scones.

Die Segler sind schweigsame Menschen.

Wir trinken Tee und sehen den Seglern zu, die zu ihren Booten gehen.

Vertäuen ist ein schönes deutsches Wort.

Der Nachbar mit dem Rosenspalier vor dem Haus sagt: „Das streiche ich erst im September.“ Das ist ein verkohltes Fensterbrett. Die Sommergäste aus Deutschland, Spanien und Italien haben mit dem Feuerzeug Marshmallows gegrillt und ein Junge aus der Stadt G. hat ein Marshmallow in Alkohl getaucht und dann wussten die Sommergäste nicht mehr weiter und schrien dreisprachig um Hilfe. Der Nachbar mit dem Rosenspalier löschte den Brand.

Mehr bemerkt der Nachbar nicht, die erste Freiheit hat ihren Preis. Der Nachbar mit dem Rosenspalier spricht selten. Die Sommergäste hatten wohl ein Donnerwetter erwartet. Der Nachbar stand da mit dem Wassereimer, er sagte: Nun ist das Feuer aus. Let’s call it a night lads. Vielleicht haben die Sommergäste hier eine Ahnung bekommen vom Erwachsen-Sein.

Die Frau des Krämers gießt Tee nach. Die Frau des Krämers trägt im Sommer eine blaue Kittelschürze, wegen der Ventilation sagt die Frau des Krämers und Sie brauchen gar nicht so zu gucken Fräulein Read On. Die Frau des Krämers hat einen Donnerbusen. In den Donnerbusen der Frau des Krämers läuft das Heimweh der Sommergäste hinein. „Ah poor craythur“, sagt die Frau des Krämers, wenn keine Tränen mehr übrig sind und macht den Sommergästen süßen Tee. Am nächsten Morgen weiß die Frau des Krämers nichts mehr, sondern säbelt Brot und stellt Marmelade auf den Tisch.

Für Probleme, die größer sind als der Donnerbusen der Frau des Krämers gibt es den Tierarzt und mich. Wir sind die Studierten im Dorf und von uns erwartet man sich Antworten. Für in Dublin verlorene Geldbörsen, Asthmaanfälle, Wutausbrüche und komplexe Liebesdreiecke sind wir zuständig. Klingelt das Telefon, dann laufen wir ins Unterland. Das Dorf setzt auf das Studiert-Sein und wir setzen uns an Bettkanten, Tischkanten, Stuhlkanten und fahren zur Polizei auf der Suche nach Pass, Telefon und Geldbörse.

Für schwerere Probleme noch, ist der Fischer zuständig. Der Fischer hat seinen Bart seit 1965 und hat sechs Kinder großgezogen. Als in einem Sommer, Sommergäste aus Bochum und Sommergäste vom Garda-See mit Steinen aufeinander warfen, als ein Mädchen aus Remscheid, Geld stahl und ein Junge aus Barcelona einen Nebenbuhler biss, da war der Fischer gefragt. Der Fischer nimmt die Jugendlichen mit aufs Boot. Das ist alles. Allein mit der See sind die Jugendlichen dann für ein paar Stunden. Der Fischer spricht selten, denn für uns alle spricht ja die Frau des Krämers, die Söhne des Fischer sind alle wohlgeraten sagt die Frau des Krämers. Der Fischer fährt mit den Jugendlichen auf das Meer und vielleicht ist das der erste Moment in dem die Jugendlichen sich aushalten müssen.

Keiner der Sommergäste muss zweimal mit dem Fischer auf das Meer fahren.

Thank you very much indeed, sagt die Frau des Krämers zum Fischer.

Der Fischer sagt: No bother at all. Dann tippt er sich an die Mütze und geht davon. Im Winter flickt der Fischer die Netze. Im Herbst streicht der Fischer sein Boot. Das Boot heißt Deborah.

Dann ist der Tee getrunken, die Scones gegessen, der Tierarzt genug besorgt angesehen, bald kommen die Touristen, bald wachen die Sommergäste auf. Der Fischer geht, die Nachbarn verschwinden, der Tierarzt und ich wandern zurück ins Oberland,

Wir lesen unter den alten Bäumen im Garten. Das Licht schimmert. Ich mache Limonade mit Zitrone. Der Tierarzt schläft und ich lese.

Auf dem Kirchhof kichern die Sommergäste und machen dramatische Selfies mit den Grabsteinen im Hintergrund. Hier liegt James O’Hara, died 06.03.1953.

Irgendwann wird den Sommergästen langweilig und sie wandern zum Strand.

Der Tierarzt und ich räumen den Kirchhof auf und später liege ich wieder im Garten.

Man sieht nichts vom Dorf, hört nichts vom Dorf, denn das Dorf gehört den Touristen.

Aber spät Abends da geht der Tierarzt noch einmal durch das Dorf, geht ins Unterland, geht an den Strand, dort trifft er den ältesten Nachbarn des Dorfes, beide sehen nach, ob keiner der Sommergäste betrunken am Strand liegt oder die Flut unterschätzt. Erst dann, wenn sie sicher sind, gehen sie zurück und wenn sie am Laden der Frau des Krämers vorbeigehen, dann steht die Frau des Krämers vielleicht in der Tür und sieht wie Mütter in Remscheid, Perugia und Madrid es tun, noch einmal nach, ob die Kinder wohl geborgen sind.

„Alles gut?“, frage ich den Tierarzt, wenn er wieder kommt.

„Alles gut“, sagt der Tierarzt und löscht das Licht.

 

Wie die Frau des Krämers fast einmal ein Porträt geworden wäre und dann doch nur ein dunkles Omen übrig blieb.

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Seit sieben Jahren schon nimmt ein Künstler in unserem kleinen Dorf irgendwo in Irland, wo es mehr Schafe als Menschen gibt, Quartier. Der Künstler ist ein älterer englischer Herr, der Cordhosen, ein Tweedjackett und robuste Schuhe trägt. Der Künstler logiert im blauen Haus, das nicht etwas so heißt weil es blaue Fensterläden hätte, sondern weil die inzwischen verstorbene Besitzerin schon Vormittags trank. Dörfer wie das unsere verzeihen nichts.
Ihr Sohn aber bietet weiter Fremdenzimmer an. Damals also im ersten Jahr seiner Residenz im Dorfe, betrat der Maler den Laden der Frau des Krämers, die in ihm keinen Künstler, sondern nur einen Engländer erblickte. Nun ist die Frau des Krämers den Engländern an sich feindlich gesonnen, müsste die Frau des Krämers aber zwischen Künstler und Engländer wählen so wählte sie immer einen Engländer.

Die Frau des Krämers hat bekanntlich starke Ansichten und so überzog sie den Mann, der wie wir alle eigentlich nur einen Himbeerscone wollte mit der drohenden Aussicht, dass sich ein Künstler angesagt habe: „Künstler weiß die Frau des Krämers sind allesamt Lotterbuben, liegen bis zehn in den Federn, missachten den Kirchgang am Sonntag, haben eine Geliebte, unbezahlte Rechnungen und Ideen. Ideen sind das Schlimmste. Ideen haben zu Coca-Cola, dem Rückgang der Taufe, der Erderwärmung und Dingen im Bett geführt, die unaussprechlich sind. Schlimmer noch haben Ideen zu Supermärkten geführt. Die Supermärkte sind der Todfeind der Frau des Krämers.

Der Künstler sah mit saurer Miene zur Frau des Krämers herüber und sagte: „Der Künstler bin ich.“

Die Frau des Krämers erlebte einen seltenen Moment der Sprachlosigkeit.

Der Künstler aber nahm Quartier im blauen Haus und seit sieben Jahren trägt er am Morgen seine Staffelei an den Strand und malt das Meer.

Manchmal zieht der Künstler auch zu uns ins Oberland und malt Meer, Wolken und die Ginsterhecken.

Der Künstler ist ein schweigsamer Mann.

Er sagt: Morning und dann Bye.

Manchmal telefoniert er mit einem billigen mobile phone.

Der Künstler hat eine Thermoskanne mit Tee und einen kleinen, silbernen Flachmann bei sich. Immer wenn er den Deckel abschraubt um ihn mit Tee zu befüllen, gibt er einen guten Schluck aus dem Flachmann dazu.

Seine Bilder sehen nicht so aus, als ob er Ideen hätte. Aber der Tierarzt sagt, ich solle das nicht schreiben, denn vielleicht würde der Künstler doch irgendwann Kälbchen porträtieren.

Ich schreibe es trotzdem.

Der Künstler aber ist ohnehin selten im Oberland, noch seltener bei der Kälberweide, fast nie im Laden der Frau des Krämers.

Der Künstler tut das Unaussprechliche und kauft im Tesco das Nötigste ein.

So vergehen die Jahre und die Leinwände vielleicht auch. Aber es nagt in der Frau des Krämers. Nicht nur, dass der Künstler im blauen Haus logiert und nicht in ihrer Scheune ist Anfechtung, aber es ist noch etwas Anderes, denn die Frau des Krämers hatte selbst eine Idee.

Ein Bild von sich und ihrem Laden nämlich. In Öl. Auf Leinwand. Mit einem goldenen Rahmen.

Wäre das nicht ein Werbeträger wie es ihn sonst nirgendwo gibt?

Die Frau des Krämers in ihrer besten Schürze, mit frischer Dauerwelle und den guten grünen Schuhen. Im Hintergrund der Laden mit roter Markise und dem Glöckchen an der Tür. Natürlich die Auslagen ein Füllhorn irischer Landwirtschaft. Rinderhälften neben saftigem Stilton und in einem Korb ofenfrische Scones. Die Frau des Krämers sieht dieses Bild vor sich. Es ist ihr Bild. Es ist der ganze Schluss ihres Lebens. Ihr Laden und Sie.

Das Problem ist nur, wann immer der Künstler ihren Laden betritt, will er nichts wissen von ihren Andeutungen, ihren Hinweisen, ihren Fingerzeigen in Richtung rote Markise, Schaufenster und natürlich auf sich selbst. Die Frau des Krämers ich habe es selbst gehört, ließ sogar einmal das Wort Muse fallen und das will etwas heißen, denn Musen sind weiß G*tt keine Frauen die Bienenstich backen, sondern Frauen, die sich für viel Geld Dummheiten auf die Arme tätowieren lassen. Die Frau des Krämers aber wollte wirklich sehr gern ein Bild vom Künstler gemalt bekommen. Nun ist die Geduld der Frau des Krämers lang, aber nicht unendlich und da der Künstler auf keinen ihrer Zaunpfähle auch nur mit einem Wort reagierte, entschloss sich die Frau des Krämers zum Äußersten. Sie bat den Künstler um ein Portrait.

Der Künstler verneinte und betonte er sei Landschaftsmaler.

Die Frau des Krämers erlebte erneut einen Moment der Sprachlosigkeit. Als ich nach dem morgendlichen Bade aber ihr Geschäft betrat, hatte sie die Worte wieder.

„Kein Künstler, ein Scharlatan ist dieser Mann. Ein Wolkengucker, ein Taugenichts, ein Wurm von einem Künstler, ein Mann ohne Ideen, ohne Visionen, stumpfe Meerbilder, ein kleiner Engländer, der so malte wie ihre Tochter in der dritten Klasse. Ein Amateur, ein Mann der genau ins blaue Haus gehöre und für den der verbrannte Scone, den sie ihm in die Tüte schob noch zu gut sei.“ Die Frau des Krämers sieht mich an und schäumt. Dann sieht sie mich an. „Fräulein Read On sagt sie mit schneidender Kälte, das ist alles ihre Schuld.“ „Nein, Frau des Krämers, das kann nicht sein, sage ich, ich lebe ja noch nicht seit sieben Jahren im Dorf. Ich wusste nichts vom Wollen und Werden des Künstlers. „Dieser Quacksalber“ äfft die Frau des Krämers, ist ein dunkles Omen für unser Dorf gewesen und ich habe es damals gleich geahnt, zweieinhalb Jahre nach dem Künstler kamen sie ins Dorf. Noch niemals ist ein Ausländer im Dorf geblieben. Wären Sie nicht gekommen, wäre meine Tochter längst schon die Frau des Tierarztes, einen Fotografen hätten wir bestellt, ein Bild hänge über der Tür und ich wäre nicht auf diesen Hallodri von einem Künstler verfallen.“

Noch bevor ich aber erwidern kann, klingelt das Glöckchen über der Tür. Herein tritt der Tierarzt: „Mädchen“ ruft er, ich habe eben den Künstler getroffen. Er will gern Kälbchen porträtieren.“

Zum zweiten Mal an einem Tag verschlägt es der Frau des Krämers die Sprache. In der Geschichte des Dorfes, seiner Menschen und Schafe ist dies noch niemals zuvor der Fall gewesen.

Die Stadt ist ein Schiff

Am Stadtrand ist der Himmel ein grauer Fluss. Schuhe, Schlüssel, die Tasche ist rot. Der Himmel ist ein Fluss. Feine Tropfen in den Haaren und im Gesicht. Ich fahre auf dem Meeresgrund, der Vorort ist eine versunkene Stadt, ein gelbes Licht in der Straße, hier liegt das Schiff noch im Hafen. Das Fahrrad fährt gut auf dem Meeresgrund. Es wunderte sich nicht, wenn die Fische neben ihm durch die Pfützen schwömmen. Es ist still auf dem Rad, auf der Straße, im Vorort, die Stadt auf dem Meer ist nur ein fernes Glucksen.

Die Treppe hat viele Stufen. Die Stufen sind nass, der graue Himmel, der ein Fluss ist führt von hier aus zum Meer. Das Schiff ist die Stadt, ein Koloss, das Schiff liegt schwer auf den Wellen. Die Wellen sind grau, angekettet ist das Schiff auf dem Meeresboden, der heute grau ist, grau wie das Meer an kalten Tagen. Vielleicht ist es auf dem Meeresgrund, wo niemals Licht ist, so sagt man, heute ein blauer Teppich ausgerollt. Die S-Bahn fährt über den Meeresgrund, ich lehne den Kopf gegen die Scheibe, die rote Tasche ist schwer, die Tannen sind keine Tannen mehr, sondern große und schwere Seegrasgewächse, ein umgestürzter Baum bei näherer Betrachtung ein Kalkriff, die Autos schnelle, kleine Unterseeboote, die S-Bahn, die Fähre zum alten Kahn. Der Himmel ist ein grauer Fluss.

Die S-Bahn wird voller. Eine Frau und ihre Söhne essen frittierten Fisch aus roten Pappen, die S-Bahn ist eine Fähre, die Fischfabriken der Stadt laufen auf Hochtouren, zwei Männer mir gegenüber wollen in ein Konzert, eine Premiere sagen sie. Die Männer haben alte Hände, sie können nur noch schwer aufstehen, die S-Bahn, die eine Fähre ist, schwankt über den grauen Wellen. Die Männer schwanken, fallen fast wieder zurück auf die Sitze. Wollen keine ausgestreckte Hand, sie wollen sich erinnern an die Nächte in denen sie jung waren und tanzten auf dem Schiff. Jede Premiere kann einmal die letzte sein, sagt der eine Mann zum Anderen. Der andere Mann sagt nichts. Dann stolpern die Männer in die Nacht hinaus. Der Himmel ist fast schwarz. In der Stadt endet der Fluss. Die Stadt ist ein Schiff, das Schiff liegt an einer langen Kette auf dem Meer, die Kette hat viele Ösen, die Kette zieht sich durch den Fluss, zieht sich bis an die Ränder der Stadt, vielleicht zieht die Kette sich noch viel weiter, das weiß ich nicht. Das Ende der Kette hat noch niemand gesehen.

Die schwere rote Tasche und ich wir wechseln, die Bahnen, der Bahnhof ist glitschig, der Bahnhof ist ein verrostetes Wrack, auf dem Boden liegen zerschlagene Flaschen, das Bier riecht süßlich und herb, fauliger Tanggeruch, ein Mann spuckt auf den Boden, ich balanciere vorsichtig über die Pfützen, die Spucke, den glitschigen Tang, der Bahnhof ist eine lange schon verlassene Mole. Von hier aus fährt keiner mehr nach Amerika, hier sind schon alle am Ende, halten sich fest am Schiff. Die Stadt ist ein Schiff. In der nächsten Bahn schält ein Mann eine Mandarine, die Schale fällt auf den Boden, ein kringelnder Seestern, bald wird auch er neben den Kaugummiblasen eingewachsen sein, in das Riff, das das Schiff umgibt sich durch die Kette frisst, die das Schiff hält. „Brauchen sie eine Tüte?“, frage ich den Mann, der die Mandarine schält. Der Mann starrt mich an, ein müder Segler vielleicht, bis er versteht, was ich meine mit der Tüte und den Schalen auf dem Boden. „Was bist denn du für eine?“, fragt er und klingt wie Ringelnatz. Dann aber springt er auf und rennt zur Tür, die Mandarine schmeißt er auf den Bahnhof, ich hebe die Schale auf, der Mülleimer auf dem Bahnhof ist voll, oben auf dem Müll liegt jetzt die Mandarinenschale, das Meer liest man in den Zeitung ist voller Plastikflaschen, das Schiff kann den Müll nicht mehr bei sich behalten, denke ich in jeder Nacht verliert das Schiff Flaschen, Scherben, Papierboxen mit den Resten vom Fisch in Asia-Sauce, vielleicht schwimmt bald auch die Mandarinenschale davon.

Der Himmel ist schwarz, je tiefer die Bahn in das Meer hineinfährt, um so dunkler und schwerer wogt auch das Schiff. In derr Bahn sitzt mir nun ein Paar gegenüber. Ein Mann, der etwas zu sagen hat, eine Frau, die sich auf den Mann verlässt. Sie sagt: „Ohne Dich stehe ich das nicht durch.“ Er sagt: „Ich werde für dich da sein.“ Sie seufzt. Er lacht. „Frauen brauchen einen richtigen Mann“, sagt er und sie sagt: „Du bist so ein starker Typ“ und dann öffnet er eine Flasche Bier und der Deckel springt von der Flasche auf sein Knie und dort bleibt es liegen, bis der Mann es mit der Fingerspitze wegschnippt, der Deckel dreht sich fällt auf den Boden, die Fähre hält an, der Mann und die Frau steigen aus und seine Hand liegt auf ihrem Po und breitbeinig wie ein Matrose am Kai zieht er die Frau hinter sich her und trinkt aus der Flasche und schon fährt die Bahn weiter, nur noch der Deckel auf dem Boden liegt, wo er hinfiel.

Ein Mann steigt ein, er wirft seine Zigarette unter der Tür hindurch kurz bevor die Türen schließen. Düdelüt macht die Fähre, das Schiff ist ganz nah, ein schwarzer Schatten schon, keine Möwen, der Mann sagt er heißt Dieter und wünscht den Passagieren eine wunderschöne Reise. Er sei vor dreieinhalb Wochen aus der Haft entlassen und jetzt sei er auf der Straße, etwas mit einem Amt habe nicht geklappt und dann hält er die Hände nach oben. Die Hände von Dieter sind schwarz und gerissen und ich krame nach Geld. Das Schiff ist die Stadt. Das Schiff hat tiefe Maschineräume, dunkle Gänge und wer erst einmal in den Maschinenräumen angekommen ist, ganz weit unten auf dem Grund des Schiffes, der findet nur schwer zurück an das Deck, wo die Frauen stehen in kurzen Kleidern, die Frauen sind schön, sie singen und Dieter starrt sie an und dann sieht er weg, seine schwarzen Hände, ich lege Geld in seine Hände und ich weiß nicht, ob das reicht für eine Nacht fern der Maschinenräume und Dieter ist schon wieder verschwunden, die Frauen lachen, sie rufen: „Was für ein Assi.“ Die Frauen wollen an Deck. Dann steige ich aus, die schwere rote Tasche und ich, die Treppen sind glitschig, ein Mann zieht sich am Geländer entlang, zwei Jungen rappen an der Ecke, ihre Stimmen sind gedämpft, eigentlich kommen nur Blasen aus ihrem Mund, die Fische singen ähnlich wie sie, das Radio ist zu laut für ihre Stimmen.

Am Bahnhof kaufen Touristen Drogen, die Drogen braucht man für die Party sagt ein Mann zu einem Anderen. Sie haben rosige Gesichter, sie wollen Drogen, aber erst noch etwas essen. Eine Grundlage schaffen. Sie kommen aus Landau, das sagen sie den Drogenhändlern, die wissen nicht wo Landau ist, auf dem Schiff kennt man sich besser nicht zu sehr, die Männer gehen vor mir die Straße hinunter. Sie sagen: Ey ist das geil hier, die Bahnen kommen alle fünf Minuten und das mit den Drogen voll easy und dann gehen sie zu einem Mexikaner und der Mann mit dem blauen Hemd über der Hose sagt: „Ey, das heißt „Los Banditos“ wie in Landau. Die Männer haben Heimat gefunden auf dem Schiff und ich gehe weiter, eine Frau wird von ihrer Freundin in einem Einkaufswagen geschoben, sie halten Sektflaschen in den Händen, aber dann rumpelt der Einkaufswagen gegen eine Bordsteinkante und die Frau heult auf: „Das tut voll weh, pass doch auf und die Freundin lässt sie einfach stehen und setzt sich auf den Bordstein und trinkt Sekt.

Das Schiff zieht seine Kreise durch die Nacht, zieht an der Kette und ich verschwinde in einem Haus und die rote Tasche wird leichter und Stunden später kehre ich zurück aus dem Haus in das Schiff, es ist spät und ich laufe auf dem Meeresgrund entlang, denn der Himmel ist das Meer und die Straße ist feucht und ich laufe an der Kette entlang an der Schiff zieht und wieder warte ich auf eine Bahn und die Bahn kommt und ein Mann kommt zu spät und will die Tür aufdrücken mit beiden Armen, aber das Schiff ist stärker als der Mann, der sich täuschen lässt von dem Bier und den Cocktails nur 3,90 Euro und die Tür drückt ihn weg und die Tür zerbricht seine Brille. Die Brille hätte auch seine Nase sein können, aber er schreit Scheiße und seine Frau fotografiert ihn und lacht: „Was für ein Idiot“, sagt sie und setzt sich hin und dann sagt sie: „Ich weiß nicht, wo ich hinfahren wollte, das weiß nur er.“ Aber er ruft Scheiße und die Bahn fährt durch das Schiff und das Schiff ist die Stadt.

Am Zoologischen Garten steige ich aus und auf dem Platz, der eine Mole ist, denn das Wasser, das der Himmel ist schwappt über uns hinweg und am Rand des Hafens, da erleichtert sich ein Mann, einer der Männer aus dem Maschinenraum des Schiffes, nämlich, so ist das auf dem Schiff und eine Gruppe von Frauen filmen den Mann, unter Gelächter und das Schiff an der Kette, dem fehlt der Steuermann vielleicht oder vielleicht hat das Schiff auch aufgehört zu zählen, wie viele es verliert in der Nacht, aber da in diesem Moment, da zerbricht etwas auf dem Schiff und ich rufe zu den Frauen hinüber: „Lassen Sie das. Lassen Sie den Mann in Ruhe“ und die Frauen kichern und schreien: „Da scheißt einer auf die Straße“ und ihr Lachen ist unbändig und das Schiff verschluckt ihren Lachen nicht, das Echo des Meeres reicht weiter als andere und der Mann verschwindet mit halb hochgezogenen Hosen und es ist spät und die Bahn fährt weit hinaus, schon rückt das Schiff ferner, einmal hält die Bahn noch auf dem Meeresgrund, ein Mann trinkt allein in einer Bar.

Ringelnatz vielleicht, ein Bruder, der kein Bruder ist, Ringelnatz, der das Schiff kannte, auch den Maschinenraum, manchmal weiß ich nicht, ob der Maschinenraum nicht näher ist, als wir glauben und ich frage mich öfter noch, wie viele über Bord gehen könne, ohne das wir es merken müssen und dann steige ich aus, der Himmel, der das Meer ist liegt schwarz auf den Stufen, eine schmale Kante zischen Fluss und Schiff und die lange, verrostete Kette die Kette wird dünner und schmaler durchgerieben ist sie schon fast, wo sie Hoffnung heißt mit der Verzweiflung berührt sie die Brücken zwischen dem Meer und dem Fluss und ich liege im Bett und ich höre das Rauschen und die knarrende Kette und die Stadt ist ein Schiff und der Himmel, der Fluss.

Frau Roman, 24 Hühner und die Ordnung der Dinge.

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Es begann mit einem Diebstahl. Der Dieb war mein Vater. Mein Vater war fünf Jahre alt und steckte sich ein braunes Hühnerei in die Tasche. Seine Mutter fand das Ei in seiner Jacke. Meine Großmutter und mein Vater brachten das Ei zurück. Meine Großmutter sagte: „Wir sind ehrliche Leut’.“ Mein Vater sagte: „Ich möchte mich entschuldigen, es war falsch von mir das Ei zu nehmen.“

Meine Großmutter hatte Kaffee mitgebracht.

Es war Kaffee aus dem Westen.

Meine Großmutter trank gerne Kaffee.

Ein Pfund Kaffee gegen ein Hühnerei.

„Wir sind ehrliche Leut’.“ Das hat seinen Preis, lernte mein Vater. Mein Vater ißt nur weiße Eier.

Das Ei gehörte Frau Roman.

Frau Roman ist die Eierfrau der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter lebte und in der nach vielen Jahren auch mein Vater wieder lebt.

Frau Roman hat ihn gleich erkannt.

Frau Roman hat ein Fahrrad. Das Fahrrad ist noch aus der Zeit vor dem letzten Kriege. Es ist schwer. „Es ist verlässlich“ sagt Frau Roman.

Am Mittwoch und Samstag kommt Frau Roman mit dem Rad in die Stadt. Sie wohnt in der Vorstadt, dort hat sie ein Haus, einen Garten, einen Schuppen, ihrem Vater gehörte ein Wald, ein Teich und zwei Felder. Den Vater, den Wald, den Teich und die Felder haben sich die Kommunisten geholt, sagt Frau Roman. Frau Roman weiß etwas über Diebe.

Im Sommer hängen Blumeneimer an ihrem Lenker ,auf dem Gepäckträger klemmt ein Klapttisch und ein Schemel, die Eierpackungen sind in zwei verschlissenen Satteltaschen verstaut. In einem Plastikbeutel ist eine Kasse aus Metall. Den Schüssel trägt Frau Roman an einem Lederbändchen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, sagt sie. Sie trägt im Sommer wie im Winter eine Kittelschürze,eine Strickjacke und Pulswärmer, im Sommer trägt sie keine Strumpfhosen im Winter schon. Im Winter sind in den Eimern am Lenker keine Blumen, sondern Zwiebeln, Kräuter und Gläser mit Honig. Die Bienen gehören ihrem Bruder. Ihr Bruder hat keine Ahnung von Geschäften, sagt Frau Roman. Ihr Bruder hat in der schlechten Zeit, Maurer gelernt, er sollte ein Beispiel sein für die Arbeiterklasse, die Mauer stürzte ein, noch bevor das rote Band durchschnitten war, das Blasorchester spielte einen Tusch, aber das machte die Mauer auch nicht wieder heil. Die Kreisbezirksleitung war blamiert.

Frau Roman und ihr Bruder sprachen nie wieder von dieser dummen Geschichte. Irgendwann fiel die andere Mauer und Frau Roman verschaffte ihrem Bruder die Bienen.

Verheiratet war Frau Roman nie, dafür hat sie zwei Töchter. Die Töchter sind im Westen, sie haben es gut, Frau Roman war noch niemals im Westen. Die Bäume sind überall grün, die Enkel sind verzogen, die Schwiegersöhne wüssten mit ihren Händen nichts anzufangen, sagt sie. Frau Roman hat vierundzwanzig Hühner, sie kennt sie mit Namen, nur der Hahn ist namenlos. „Ein Mann ist wie der Andere“ sagt Frau Roman. Die Hühner laufen im Garten, zwei Hühner hat der Fuchs geholt, aber das sei dem Fuchs nicht gut bekommen. Frau Roman lässt sich nichts gefallen, Frau Roman hat Prinzipien.

Seitdem mein Vater ein Ei stahl, bekam meine Großmutter jede Woche eine Packung Eier. Es gibt in der kleinen Stadt drei Arten von Menschen. Diejenigen, die Eier von Frau Roman gebracht bekommen, diejenigen, die Eier bei Frau Roman auf dem Markt kaufen und diejenigen, die an den Klapptisch treten, auf eine Packung Eier zeigen und ohne Eier wieder gehen. „Sind reserviert“ sagt Frau Roman. Jeden Samstag versucht der Bürgermeister es wieder. Der Bürgermeister hat einmal vor Jahren Frau Roman dazu aufgefordert Standgebühren an die Stadt abzuführen, Frau Roman aber hat den Klapptisch 500 Meter weiter versetzt vor die Toreinfahrt meiner Großmutter. Der Bürgermeister ist längst ein Anderer, aber Frau Roman weiß es besser. „Bis auf die Krawatten ändert sich nichts“, sagt sie und der Bürgermeister fragt nach den Blumen im Eimer, oder einem Glas Honig im Winter. Frau Roman schüttelt den Kopf. Der Klapptisch steht in der Mitte des Marktplatzes, das Wasser für die Blumen, holt sie im Hof meiner Großmutter.

Die Eier sind die besten Eier im Umkreis von 500 Kilometer, das wusste auch der Betreiber des Cafés zu den „Goldenen Hörnchen“, über Jahrzehnte bekam er Eier von Frau Roman, dann ließ er seine Verlobte sitzen und heiratete eine Andere. Eier bekam er seit diesem Tag keine mehr, das Café zu den „Goldenen Hörnchen“ ist lange geschlossen. Dort wo einst das Café war, ist heute die Eisdiele von Familie Zingarelli. Ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft bekamen auch sie Eier, pünktlich geliefert und Herr Zingarelli ruft seit dem: „Oh Amore, mia Signora Roman!“ Frau Roman sagt Herr Zingarelli sei eine Ausnahme. Ich vermute der Hahn mit den grünen Federn könnte Signore Zingarelli heißen.

Das Eiergeld nimmt Frau Roman einmal im Monat entgegen. Wie viel jeder im Monat an Frau Roman zahlt, ist ganz verschieden. Der Preis berechnet sich aus der Länge der Eierlieferungen, der persönlichen Beziehungen, etwaigem Verdruss und zu langen Urlauben. Wer nicht begreift, dass er am Dienstag, wenn Frau Roman beim Arzt ist, leere Eierpappen an ihr Fahrrad zu hängen, der hat sich der Eier nicht würdig erwiesen und ist ein windiger Hahn. Dann gibt es keine Eier mehr. Frau Roman hat Krampfadern, die Behandlung hat meine Großmutter begonnen, die Frau meines Vaters setzt sie fort. Zur Hochzeit schenkte Frau Roman ihr einen Hasen. Mein Vater nannte ihn Dostojevski, russische Romane sind ihm die Liebsten. Frau Roman hat niemals erfahren, dass Dostojevski ein langes und erfülltes Hasenleben lebte.

Frau Roman schlachtet selbst.

Wer öfter als zwei oder dreimal keine Eierpappen aushändigt, der bekommt keine Eier mehr. Frau Roman hat nichts zu verschenken und Verschwender, Großkopferte und Menschen, die einfach nicht begreifen, wie essentiell Eierkartons für die reibungslose Zirkulation der Eier sind, sollen zum Teufel gehen. Der Teufel das sind die Supermärkte. Frau Roman holt im Supermarkt eine Kiste Grünzeug für die Kaninchen ab, der Marktleiter bekommt natürlich Eier.

Der Marktleiter würde niemals Eier aus seinem Supermarkt essen.

Frau Roman verkauft Eier, Blumen und Honig, aber eigentlich handelt sie mit Informationen. Es gibt kein Geheimnis der Stadt, welches sie nicht kennt, die Frage ist nur wem sie es wann verrät. Frau Roman hat Ehen gestiftet, Scheidungen forciert, Frau Roman wusste, dass der Kind der D. niemals und nimmer vom E. sein würde, und nur Frau Roman weiß, wer damals in einer kalten Nacht, an ein Fenster klopfte, einen Brief hereinreichte, und am anderen Morgen schon wachte ein Mann auf und fand im Bett einen anderen Brief, aber nicht länger seine Frau. Frau Roman aber schweigt über vieles, weiß alles, und wer nur sehr kleine Eier in seiner Schachtel findet, der ahnt, dass er vorsichtig sein muss, manchmal legt Frau Roman eine Feder in eine Schachtel und wer sie öffnet, dem schwant, dass nicht nur das Wetter sich ändert.

Frau Roman aber teilt die Welt in Mittwoch und Samstag, am Dienstag ist sie die erste im Sprechzimmer, die Zeiten ändern sich, sagt sie, die Menschen bleiben die gleichen. Eier haben die Menschen noch immer gebraucht und der Wetterhahn auf der Kirchturmspitze ist ihr die wichtigste Nachricht des Tages, den Wetterhahn kann man auch von der Vorstadt aus sehen, in die sie zurückfährt mit leeren Eimern und dem verlässlichen Rad. Zeitungen bewertet Frau Roman nur danach, ob sie schnell durchweichen oder an den Blumenstengeln kleben. Die Welt sieht sie vom Misthaufen her, der dümmste Hahn kräht immer am Lautesten, ein Hahn erfordert Strenge, die Hühner praktische Umsicht, damit ist alles gesagt über den Hühnerhof wie über die Welt.

Am Samstag gehen mein Vater und ich über den Markt und holen Gemüse, Käse und einen Rosinenzopf ein, die Eier hat Frau Roman da schon lange gebracht. „Ach sieh einer an, ruft sie, sobald sie meinen Vater erblickt, da kommt ja der kleine Eierdieb.“ Mein Vater wird auch nach einundsechzig Jahren immer noch rot.

Frau Roman hat ein gutes Gedächtnis, sie weiß alles über die Stadt, über uns und das was wir gern vergäßen.

Frau Roman sagt: Das wäre ja noch schöner und da könnte ja jeder kommen, tritt jemand an den Klapptisch und fordert, statt höflich zu fragen, Blumen, Eier oder ein Honigglas.

Frau Roman hat Mittel und Wege oder wenn Sie so wollen 24 Hühner und einen Hahn. In der Kasse liegt ein dickes, blaues Heft, Frau Roman macht mit einem Bleistift Notizen. Es ist die Geschichte der kleinen Stadt, die sie schreibt, Jahr für Jahr, im Sommer und auch im Winter.

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Sonntag

In der Nacht zieht der Sturm vorüber, am Morgen ist der Himmel klar. Der Himmel ist blau und kalt ist die Welt früh am Morgen, die Möwen sitzen auf dem Gartenzaun, die Katze liegt auf der Fensterbank. Der Tierarzt schläft, der Tierarzt schläft viel in diesen Tagen, das sagte ich schon, ich wiederhole mich oft. Der Hund will mit ans Meer. Die Katze interessiert sich nicht für nasse Pfoten. Der Hund ist zu alt für den Weg an den Klippen hinunter, wir gehen ins Unterland. Die Frau des Krämers steht schon im Laden: „Sie sind vom Wahnsinn gebissen“ schreit sie Fräulein Read On, „Sie holen sich den Tod.“ Die Frau des Krämers hat Lockenwickler im Haar, ihre Schwester feiert Geburtstag im Golf-Hotel. Es darf getanzt werden, die Frau des Krämers schüttelt den Kopf, Fräulein Read On, was soll nur aus ihnen werden. Ich trage keine Lockenwickler sondern einen alten Schafswollpullover des Tierarztes, der mir bis zu den Knien reicht, Kniestrümpfe und alte Pantinen, über allem trage ich einen Wetterfleck. „Was macht der Tierarzt?“ fragt mich die Frau des Krämers. „Der Tierarzt schläft viel, wiederhole ich in diesen Tagen.“ Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Wenn Sie doch nicht ins Dorf gekommen wären, sagt die Frau des Krämers, dann hätte der Tierarzt schon längst meine Tochter geheiratet , wir hätten einen Studierten in der Familie, wir hätten ihn uns schon groß gefüttert.“ Ich sehe die Frau des Krämers müde an, „der Tierarzt, Frau des Krämers heiratet niemanden mehr.“

Dann stehen wir im Laden und sehen dem schmalen Sonnenstreifen zu der durch das Fenster fällt, so schmal wie der Tierarzt, lehnt er im Rahmen der Tür. Dann gehen der Hund und ich zum Meer herunter, das Meer ist spiegelglatt und himmelblau, das Meer ist so kalt. Der Hund taucht seine Pfoten ins Wasser schüttelt den Kopf und legt sich in den Sand. Ich aber renne ins Wasser, findet man erst den Atem wieder, wird es schön, ich schwimme gemeinsam mit hier überwinternden Vögeln zur roten Boje hinaus, auf der roten Boje frühstückt eine Möwe und nickt mir kurz zu. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen, für einen Moment ist die Freiheit grenzenlos. Blaue Lippen, blaue Zehen, den Kopf im Handtuch, der Hund schüttelt den Kopf. Später wird er trotzdem mit den feuchten Pfoten vor der Katze promenieren, man kennt das ja.

Ich wickle mich wieder in den Schafwollpullover, in Strümpfe, Schuhe und Wetterfleck, die Sonne steigt höher, der Wind nimmt zu, grün bemoost sind die Steine. Vorsicht sage ich zum Hund, das sind schlafende Riesen, weck sie nicht auf. Der Hund und ich wandern mit äußerster Vorsicht an den Zehen der Riesen entlang. Der Schiefer ist rutschig und glatt, in einem Priel finde ich eine rosa Muschel. Perlmuttglanz denke ich und lasse sie vorsichtig in den Wetterfleck gleiten. Der Hund und ich teilen geschwisterlich einen warmen Himbeerscone, kaufen zwei weitere, winken dem alten Joe Reilly, der repariert die Taue, damit es kein Unglück gibt, Fräulein Read On, wärmen sie sich gut auf.

Zurück im Oberland bekommt die Katze Milch, der Hund Wasser, dann zieht der Tee und ich steige die knarrende Treppe hinauf. „Bist Du wach?“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr? Salzwasser tropft mir aus den Haaren. Der Tierarzt lacht: seit wann kommen die Meermmsellen ans Land. Seitdem die Meermamsellen nur mehr Beine habe, sage ich und reiche dem Tierarzt: T-Shirt, Pullover, Hose und Socken an. „Komm in die Sonne“, sage ich und wir ziehen die Stühle an die Mauer, die das Haus von der Kirche St. Sylvester trennt, der Rasenfleck vor der Mauer konserviert den Sommer selbst im Februar. Der Tierarzt schlürft Tee und schweigt sich aus über den kleinen Zuckerberg auf dem Grund der Tasse. Ich lege ihm die rosa Muschel aufs Knie. Sie Tierarzt, wer weiß vielleicht hat diese Muschel Eltern aus der Südsee gehabt, vielleicht lag die Muschel einmal in der Hand einer schönen Frau auf einem Ausflugsdampfer irgendwo im milden Süden.
„Liebling sagte sie: Diese Muschel will ich haben. Diese oder keine. Einen Ohrring lass mir daraus machen. Einen Ohrring ganz allein für mich. Einen Ohrring um dem mich alle Frauen beneiden. Aber dann schwankte das Boot, von einer heftigen Welle getroffen, der Mann dessen Namen von der Geschichte lang schon vergessen ist, hielt sich in seiner Not an einer ganz anderen Frau fest und alles kam anders, als einmal gedacht, die Muschel aber ging über Bord und so viele Jahre später fiel sie mir ausgerechnet unten am Strand in die Hand.“

Der Tierarzt lacht: Mädchen sagt er, Mädchen , versprich mir, hör niemals auf die Dinge nach ihren Geschichten zu befragen.

Ich schüttle den Kopf. „Tierarzt sage ich nur Du und ich sind so sentimental, der Welt verlangt es nach anderen Dingen.“ „Eigentlich wollte ich Dir etwas ganz anderes erzählen.“ Der Tierarzt schweigt über den nächsten Löffel Zucker, der in seiner Teetasse verschwindet und sagt: „Erzähl.“ Die Katze stolziert über die Steine und hopst auf seinen Schoß, der Hund schleppt verbotenerweise einen Pantoffel heran und legt mir den Kopf auf das Knie.

„Ich war doch vorhin bei der Frau des Krämers, die heute auf einen Geburtstag im Golfhotel geht, ich bezahle Scones, ich ratsche mit ihr, ich wende mich schon zum Gehen, da sehe ich ein Schild im Schaufenster kleben: „Final Blitz“ steht auf dem Schild. Die Frau des Krämer sagt: „Nehmen Sie es mir nicht übel Fräulein Read On, nichts gegen Sie, aber am Montag kommt eine deutsche Touristengruppe und das verstehen die Deutschen sofort.“

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„Oh Dear“ ruft der Tierarzt und lacht sein Sommerlachen, die Katze grinst, der Hund hechelt, ich lächle mit und die Sonne hoch über dem Kirchturm St Sylvester schüttelt den Kopf. „Derartige Albereien an der Kirchhofmauer“, sagt sie.

Bestimmt.