Wandermuschel

Viele Menschen heben eine Muschel am Strand auf und stecken sie ein. Aber ich tat es nie. Die erste Muschel bekam ich anstelle von 2 Dollar und 50 Cent in einem Laden in New York. Der Laden war einer dieser Läden, die man in New York fast überall findet und doch nie sieht. Der Mann hinter der Theke zuckte mit den Achseln. Er sagte: Kleingeld ist aus und dann hielt er mir eine Muschel hin. Meine Hand zögerte. War das nicht ein schlechter Tausch? Außerdem gefiel mir die Muschel nicht. Sie war nicht rund mit feinen vom Meer geschliffenen Ende und sie glitzerte nicht, an ihr war kein Hauch von Perlmutt zu sehen, kein rosafarbener Schimmer und erst recht nichts vom blütenweiß echter Perlen ließ sich erahnen in jener Muschel, die der Mann hinter der Theke mir entgegenstreckte. Die Muschel in seiner Hand war verformt, so als hätte sie sich lange an ein Riff gekrallt, bevor gierige Hände sie dann doch abbrachen und sorglos in eine Kiste warfen. Schmutzig, schwarz und grau, wie ein verschorftes Knie war die Muschel in seiner Hand. „Geld verliert sich“, sagte der Mann, „aber eine Muschel, die wird ihnen bleiben.“ Energischer noch sagte er: „Nehmen Sie schon, ich will ihnen nichts schuldig bleiben.“
Ich nahm die Muschel, aber nur mit den Fingerspitzen und zögerlich blieb meine Hand. Kühl war die Muschel und dann verlor sie sich in meiner Manteltasche. Der Mann schaute auf mich und auf die verschwundene Muschel, die er noch eben so nachdrücklich in meine Hand gelegt hatte. Für einen Moment lag, dachte ich, er würde sich von der Muschel verabschieden wollen, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, denn wer verabschiedet sich denn von einer Muschel?

Ich ging meiner Wege und erst später am Abend nahm ich die Muschel noch einmal hervor. In ein Papiertaschentusch wickelte ich die Muschel ein, denn mir grauste vor der schorfigen Kruste und der Kälte, die in der Muschel lag. Damals war ich mit anderen Dingen befasst als das ich mich großartig weiter um eine Muschel gekümmert hätte. Mir wären die 2, 50 Dollar lieber gewesen und die Muschel stopfte ich in eine Ecke, vielleicht in einen Strumpf mit Loch an der Ferse oder in eine Jacke, die ich nur aus Sentimentalität behielt. So genau weiß ich es nicht mehr. Aber Recht behalten hat der Mann doch, vieles habe ich verloren. Mehr als eine Liebe, eine Geldbörse, Schlüssel, einen wichtigen Brief, ein Quartettspiel, Notenblätter, die Geduld und so viele andere Dinge, dass das Papier nicht ausreicht, sie alle aufzuzählen, aber wohin immer ich ging, die Muschel um die ich mich niemals bekümmert habe, sie blieb.

Unsichtbar blieb die Muschel, aber einmal, ich war gerade im Begriff die Tür hinter mir zuzuziehen, da trat ich auf eine scharfe Kante und schnitt mir tief in den Fuß. Noch heute habe ich am linken Fuß eine lange silberne Narbe und manchmal ist mir als sei in de Narbe etwas vom Glanz jener Muscheln enthalten, die ganz aussehen als die Muschel, die ich noch immer habe. Ich fluchte damals heftig als ich blutete und nach einer Mullbinde suchte, hüpfend auf einem Bein. Erst später merkte ich, dass ich gar keinen Schlüssel in der Tasche hatte und ich lehnte mich zur Muschel hinunter und strich ihr über die schorfige, narbige Kruste. Viele solcher Male hat mich die Muschel bewahrt, einmal ließ sie ein Fenster zuknallen, welches ich sonst hätte offenstehen lassen für viele Woche und obwohl das Fenster heftig an den Rahmen geschlagen war, hatte die Muschel keinen Kratzer mehr. Viele solcher Gelegenheiten ließen sich berichten, wie sich meine Geldbörse in der Muschel verhakte, wie die Muschel einmal klappernd zu Boden fiel, dabei lag sie nicht weniger fest auf dem Regal als sonst und ich mich erinnerte einen Anruf doch lieber nicht aufzuschieben. Viele Jahre lang lebte die Muschel bei mir, oder ich bei ihr, wer weiß das schon zu sagen? „Geld verliert sich“, sagte der Mann damals in New York, in einem kleinen und dunklen Laden, die Muschel wird ihnen bleiben. Wer weiß, wer ihm einmal die Muschel in die Hand gelegt hatte. Die Muschel selbst schweigt sich aus über diese Fragen, die nur von uns von Bedeutung sind. Aber eines Tages, da habe ich die Muschel vom Regal genommen, nicht als Wechselgeld, aber nicht minder zögernd war die Hand in die ich sie legte, aber ich versicherte ihr, der ich die Muschel in die Hand legte, dass es eine Bewandtnis habe mit jener Muschel, die anders aussieht als andere Muscheln und kühl in der Hand liegt so als sei das Meer noch immer eine Möglichkeit. Manchmal wenn ich sie sehe, die Frau der ich die Muschel gab, dann bin ich versucht zu fragen, wie es der Muschel denn eigentlich geht.

Dieser Text entstand im Rahmen des von des von e13 Kiki initiierten Projekts #Septemeer2018 Immer im September wird zum Thema Meer gemalt, gezeichnet, radiert und manchmal auch geschrieben. Das heutige Tagesmotto lautete: Muscheln.

Lautes Gelächter

Vor vielen Jahren, ich lebte noch nicht lange in Europa, da saß ich auf einem Sofa. Das Sofa war blau.

Ich weiß nicht mehr was aus dem Sofa geworden ist und zu A. und G. mit denen ich auf dem Sofa saß, habe ich kaum noch Kontakt.
A. und G. waren damals ein Paar, aber ich weiß nicht, ob sie es immer noch sind. Nach jenem Nachmittag auf dem blauen Sofa habe ich mich einfach nicht mehr gemeldet und war erleichtert als auch A. und G. schließlich nicht mehr anriefen.

Vor dem blauen Sofa stand ein Fernseher.

Als ich nach Europa kam, war Fernsehen für mich etwas von ungeheurem Luxus.

Niemand den ich kannte, dort im Land A. besaß einen eigenen Fernseher.

Meine Großmutter hatte auch keinen Fernseher.

So habe auch ich nie einen Fernseher besessen.

Aber A. und G. hatten einen riesigen Fernseher und sagten: „Komm doch vorbei, es kommt etwas total Lustiges.“

Ich nickte und brachte Kuchen mit.

Wir saßen zu dritt auf dem Sofa und ich fühlte mich plötzlich sehr europäisch. Was für ein Gefühl an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag einfach fernzusehen.

Aber einen Film haben wir nicht gesehen.

Sondern A. und G. hatten einen Sender gefunden in dem lauter Videoclips liefen.

Die Videos waren nicht in besonders guter Qualität, grobkörnig und verwackelt, mit verzerrten Stimmen im Hintergrund. Kein Clip war länger als zwei Minuten.

„Pass auf“, sagten A. und G. „Du wirst so lachen.“

Die Videoclips zeigten eine Frau, die im Garten stolpert, hinschlägt und einen Hang hinunterpurzelt. Ein Kind, das in eine Torte fiel. Einen dicken Mann, der in einer Flugzugtoilette stecken blieb. Eine Frau, der eine Spinne auf den Kopf fiel und anfing zu kreischen als sei sie eine Banshee. Einen Mann, der sich mit dem elastischen Hosenträger verheddert und gegen eine Wand prallte, nur um einen Tisch zu Fall zu bringen. Eine Oma, die ihr Gebiss verlegte und mit brabbelnden Gesten Hilfe erbittet, während die Enkel die Zähne versteckten, ein Kind, das in eine Plastikbanane biss und vergeblich schluckte.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. lachten. Lachten so herzlich als gäbe es nichts Komischeres als diesen fremden Leuten, bei ihren Missgeschicken zuzusehen. Es waren die Kinder, Ehremänner, Onkels und Cousins, die diese Clips aufnahmen. Das Hochzeitspaar, das unter einer Stange hindurch kriechen sollte und er knallte sich den Holzstiel vor den Kopf. Pardauz. Gelächter. Onkel Hans ruft im Hintergrund: So ist die Ehe!

Oft endeten die Clips mit einer Momentaufnahme, in der diejenigen die fielen oder stolperten, der Tatsache gewahr wurden, dass sie gefilmt worden sein und auch sie begannen scheppernd zu lachen, damit bloß niemand auch noch das Weinen. Nur die Kinder heulten inmitten der johlenden Geburtstagsgäste, weil sie noch nicht gelernt hatten, dass man entweder mitlacht oder ausgelacht wird. Sie wurden irgendwann aus dem Bild getragen. A. und G. johlten über die Menschen, die alle schon so aussahen, wie man sich dumme, hässliche, ungeschickte Leute eben vorstellt.

Die Frauen, die sich auf ein Furzkissen setzten, waren keine eleganten Elfen, die anmutig erröteten, sondern trugen Lockenwickler, Kittelschürze und hatten geschwollene Beine.

Die Männer waren dick, hatten Nasenhaare, eine schlechte Frisur, sicher auch schlechten Atem. Ihre Kleidung war schlecht sitzend, passte ihnen so wenig, wie wohl ihr Leben selbst. Auch die Hochzeitspaare selbst, sahen nicht aus wie auf Fotografien auf denen Forever Yours steht, sondern die Kleider waren billig, die Anzüge geliehen und die große Liebe traute man den Lamabda Tänzern auf keinen Fall zu.

Alle Menschen, die in diesen Videoclips vorkamen, waren einfache Opfer, weil allein ihre äußere Erscheinung kein Mitleid, sondern Abscheu erregte.

Ein deutliches, das geschieht dem dicken Fresssack Recht.

Sieh mal wie die Alte brabbelt.

So dick wie doof.

Das die mit dem Arsch überhaupt einen abgekriegt hat.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. auf dem Sofa rot vor Lachen.

Ich konnte nicht lachen.

Nicht einmal über den Hund, der auf einer Bratpfanne, die Kellertreppe hinunterfuhr.

Denn alles was ich sah, war ich.

Ich war kein schönes, kein elegantes, kein kluges Kind.

Ich war ein hässliches, verstocktes Kind,

Ich habe meine Schulzeit damit verbracht über ausgestellte Beine zu fallen, ich war daran gewöhnt, dass Leute, die Nase rümpften, wenn ich vorbei kam. „Die stinkt“, wir waren arm und mir sah man es an, nicht auf schöne, zarte Weise, sondern ich war hart und kantig, unangenehm und keineswegs anrührend.

Ich stolperte, lief mit Löchern in den T-Shirts herum, hatte schwarzen Dreck unter den Nägeln, war nicht sozialkompatibel, misstrauisch, verschlagen und in allen Clips, sah ich mich fallen, hinschlagen, ausrutschen, einbrechen und liegen bleiben.

Das war ich.

Auch ich habe viele Jahre am lautesten gelacht über mich.

Das ist vielleicht das Ekligste an den Demütigungen, dass man gezwungen ist noch lauter zu lachen als alle Anderen.

Ertappt habe ich mich gefühlt, damals am Nachmittag. Ertappt bei meiner eigenen Hässlichkeit. Ein nimmer endender Spiegel meiner Geschichte.

Aufgestanden bin ich dann und weggegangen.

Das ist Europa dachte ich später. Fernsehen mitten am Tag und das Gelächter über die hässlichen Menschen und ihre Idiotie.

Über das Land K. und das A. schüttelt man in Europa oft den Kopf.

Unzivilisiert heißt es gern, denn noch immer setzt Europa Maßstäbe, auch die der Lächerlichkeit.

Ich denke nicht mehr oft an den Nachmittag, das blaue Sofa und A. und G.

Nur manchmal erinnere mich, so wie in dieser Woche.

Da ging der Mann mit dem Deutschlandhut, dem karierten Hemd, dem breiten Gesicht, dem Akzent durch das Internet und schon lange ist er schon längst nicht mehr ein LKA Mitarbeiter, der sich von der Pressefreiheit nicht die Lust am Pöbeln lassen will, sondern eine jener Figuren vom Clipkanal, der nur noch der Lächerlichkeit dient.

Das Beispiel des hässlichen, gemeinen Deutschen, wie man ihn sich vorstellt.

Ein Mann, dessen Pöbelei nicht überrascht,

Genau so einer ist das nämlich.

Das ist ein Bild, bei dem man sich sicher sein kann. Hier trifft es nicht den Falschen, sondern hier treffen Spott, Häme und lustige Memes endlich einmal den Richtigen, hier kann man ohne schlechtes Gewissen ein Zeichen gegen Rechts setzen, wer austeilt muss einstecken können und dann auch noch der Dialekt.

Echt Ossi-Nazi-Pegidist.

Wie der schon aussieht,

Das ist was übrig bleibt von der Szene in der jener Mann unangenehm, überheblich und gegen die Presse pöbelt.

Das herumgereichte Bild des Mannes ist das einfache Gegenteil, die Versicherung: So bin ich nicht. Das sind die Anderen.

Diejenigen, die auf der Seite des Mannes mit seinem Deutschlandhut stehen, haben in ihm längst eine Symbolfigur gefunden, denn sie erkennen sich ja wieder und seine Demütigung kann morgen schon ihre sein. Ihre Ansichten werden ja nicht dadurch angenehmer, dass einer von ihnen ein Hanswurst ist.

Fragen aber beantwortet es keine.

Keine darüber, wie das Klima in sächsischen Behörden ist.

Wieso die Demokratisierung nach 1989 zwar Eigenheime und Autos ermöglicht hat, aber in vielen Hinsichten kein Bewusstsein für einen demokratischen Staat und seine Institutionen,

Wie Mitarbeiter in einer öffentlichen Behörde ein Klima finden können, dass solche Ansichten wenn nicht fördert, so doch ignoriert.

Warum ein Mitarbeiter des LKA keinen Begriff von Pressefreiheit hat und wer überhaupt weiß was Pressefreiheit ist.

Wieso eigentlich keiner auf dem Bild sagt: „Geht’s noch!“

Warum das Bild der Polizei eigentlich so oft einen so unsouveränen Eindruck macht.

Ein Bild und so viele Fragen.

Aber keine davon ist übrig geblieben.

Und das Bild macht es uns so einfach, auch in der Annahme, dass dies das größte Problem ist, der hässliche Mann und sein Hut.

Den kennen wir ohnehin nicht, der kommt nicht zum Abendbrot vorbei und auch in der Philharmonie hat er keine Karten, da kann man sich sicher sein.

Eine Witzfigur, ein Michel, ein Hanswurst, einer der sich nicht entblödet, und die Polizei macht auch noch mit.

Aber unangenehmer ist es doch, wenn die gute Freundin auf einmal findet, dass es mehr Müll gibt, seitdem die Flüchtlinge da sind. Dass der gute Freund sein Kind lieber auf die Privatschule gibt, weil in der Klasse eben doch sehr viele Kinder sind, die Deutsch nicht als Muttersprache können, wenn bei Butter Lindner in der Schlange diskutiert wird, dass Integration eben eine Bringschuld derjenigen ist, die hierherkommen und der Mann hinter der Theke, der eben nicht Müller, sondern Özgöz heißt, wird Rot. Wenn beim zweiten Glas Wein, dann eben doch befunden wird, dass nicht jeder kommen kann und wir ja auch genug eigene Arme hätten und nicht noch die aus der übrigen Welt gebrauchen könnten. Oder die Bekannte vom Wochenmarkt erzählt, dass man so froh sei über die eigene Perle aus Polen, die rein machen kommt, während man ja höre, wie viele von den Putzhilfen aus Rumänien betrogen würden. Das lässt sich fortsetzen, viele, viele Zeilen lang und es ist die Frage, ob wir ihnen denn mit der gleichen Härte und dem gleichen Einsatz wie dem Hütchenträger begegnen oder ob wir nicht lieber nicken, hmm, naja sagen, uns lieber schnell verabschieden oder ausweichen, denn es sind doch die hässlichen Menschen, die nach rechtsaußen schwenken und deren Anderssein uns doch versichert, dass wir auf der richtigen Seite stehen und lachen dürfen, laut und heiter und ohne Gewissensbisse.

Ich habe keine eindeutige oder einleuchtende Antwort auf die Frage wie man mit Menschen, die mit größten Selbstbewusstsein Verächtliches äußern umgeht, ich bin schon immer Jude und habe schon lange gelernt, dass keine noch so wohlmeinenden Worte, Überzeugungen ändern. Aber gelacht, gelacht, habe ich nicht, damals nicht auf dem blauen Sofa und auch nicht über den Mann mit seinem Hut und der schiefen Sonnenbrille. Dazu ist es zu ernst, dazu schien mir schon damals geht es um zu viel.

Feindliche Linien

Sie sagen so schlimm wie dieses Jahr, war es noch nie.

So viele. Überall. Ganz plötzlich.

Eine Epidemie.

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

Sogar in den Pflaumen.

Aber die Pflaumen habe sie ohnehin nie gegessen wegen der Würmer.

Man müsse handeln.

In Zuckersirup ertränken, sei noch zu milde.

Sie erschlagen mit einer Zeitung von vorgestern sei noch nicht Strafe genug.

Ausräuchern müsse man sie.

Mit Gift müsse man ihnen beikommen.

Früher habe es so viel Gift beim Drogisten gegeben. Auch gegen anderes Ungeziefer habe man einfach ein Mittel gefunden.

Humanität sei etwas Schönes, aber habe auch ihre Grenzen.

Ihnen die Flügel ausreißen sei ein guter Anfang. Aber auch schwierig.

Auf jeden Fall müssten sie spüren, dass es so nicht ginge.

Andere Seiten müssten aufgezogen werden, um zu zeigen wer der Herr im Haus ist.

Der Herr im Haus kann auch eine Dame sein.

Die Herren überlegen, ob man ihnen nicht auch mit Hilfe eines Hammers zu Leibe rücken kann. Das wäre eine Maßnahme, die Farbe bekennt.

Die Frauen sagen es ist eine Schande, dass es noch immer kein wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung gibt. Das beträfe doch auch Kinder. Das empöre sie am Meisten. Das noch immer nichts unternommen wurde.

Die Kinder sagen sie. Die Kinder. Es geht doch um die Kinder.

Dann beginnen sie wieder von vorn.

Aurotten. Erschlagen. Vergiften. Den Gar rausmachen. Sich nichts bieten lassen. Keine Rücksicht mehr nehmen. Zu allen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen.

Die Tierschützer sagen sie machen sich ja lächerlich. Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann wäre doch allen geholfen.

Das ist alles die Schuld von diesem Greenpeace sagen sie.

Das müsste man verbieten. Oder noch besser, man müsste sie diesen Biestern ausliefern. Dann würden sie schon sehen, was sie davon hätten.

Es sei nicht zu begreifen, warum man nicht in aller Härte gegen sie vorginge.

Der Tierschutz hätte ohnehin zu viel Macht.

Wie die schon aussehen.

Früher hätte man im Garten sitzen können, ganz ungestört.

Was hätte man früher nicht für schöne Sommer im Garten verbracht.

Das waren lustige Zeiten als Onkel Kurti beim Sherezade Spiel Cleoptra zog und einen Bauchtanz vorführte, dort drüben unter der Kastanie. Die war damals viel kleiner. Bauch hatte er ja Onkel Kurti, so wie Heinz Erhard, man konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Einmal hat Onkel Kurti Dreirad gezogen und ist wirklich dreibeinig über die Terrasse gerobbt. Es muss davon noch Dias geben, irgendwo unten im Keller. Onkel Kurti ist schon lange tot. Der Dia-Projektor ist kaputt. Es gab süßen Moselwein damals, in den kleinen Gläsern, in die man immer nur ein winziges Schlückchen goss und dabei so herrlich heiter wurde, obwohl man doch nur hin und wieder ein bisschen nippte, wenn es Kurti gar zu arg trieb. Was haben wir gelacht. Ganze Abende lang unter dem Sonnensegel. Ohne auch nur ein einziges Mal belästigt zu werden.

Aber das sei alles Vergangenheit.

Kaum hätte man sich hingesetzt, seien sie schon da.

Setzten sich auf den Käse, die Butter, den guten Schinken. 4,69 pro 100 Gramm bei Butter Lindner. Selbst wenn man alles in Dosen und Butterbrotpapier verpackte geben sie keine Ruhe und machen alles zunichte. Unerträglich seien sie und unerschütterlich.

Räucherkerzen hätten nichts bewirkt.

Bei Tchibo gab es Tennisschläger mit eingebautem elektrischem Schlag, genau wie der elektrische Stuhl in den USA, Zapp und dann ist alles gelaufen. Probiert haben wir es natürlich, aber zweimal hat er sich selbst versengt mit dem Tennisschläger, er war nie besonders praktisch veranlagt und der Brandgeruch macht Übelkeit, jetzt liegt der Schläger im Keller bei dem kaputten Dia-Projektor.

Nichts würde helfen.

Ganz hysterisch sei sie schon, sagt sie.

Sie würde auf ein Brötchen sehen und da hockten sie schon. Grinsende Gesichter. Sie schliefe schlecht und immer wieder würde sie Nachts aufwachen und davon träumen sie verschlucke einen von ihnen und dann wache sie schweißgebadet auf. Es müsse endlich etwas passieren.

So ginge das nicht weiter.

Ausnahmen dürfe es nicht geben.

Es müssten endlich Fakten geschaffen werden.

Das sagen die Nachbarn rechts und links des Gartenzaunes zu mir.

Ich lese die Äpfel und Birnen und auch die Pflaumen auf die im Gras liegen.

Ich mache Apfelmus und Apfelkuchen, Birnenkompott und Pflaumenmus.

Aber niemand sonst, hat etwas übrig für das Fallobst außer den Wespen.

Eine Handvoll lasse ich übrig für die Wespen, die im Garten wohnen.

Wir stören uns nicht.

Einmal hat sich eine Wespe in meinem Haar verfangen. Aber in meinem Haar haben sich schon ganz andere Dinge verfangen und bald flog die Wespe davon.

Es ist schade denke ich um die alten Apfelsorten, die Augustbirnen, die dicken, weichen Pflaumen, die im Gras verfaulen.

Alle Wespen sagen sie und schütteln die Faust.

Was aber die Wespen denken über die Menschen weiß ich nicht.

Podologische Notizen im Zugabteil

In Prag stehen so viele Menschen auf dem Bahnsteig, dass ich mir sicher bin, diese Menschen gehen niemals alle in diesen Zug und wir haben auch noch Koffer, Rucksack, luggage holdall und eine Tasche dabei.

„Wagen 257″ sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt ist so viel größer als ich, dass er den Wagen erspähen muss.

Der Zug kommt und der Tierarzt sagt: „Bist Du Dir sicher, dass es Wagen 257 ist? Mir war als hätte ich eben Wagen 275 gesehen.“

Ich krame nach den Fahrkarten, aber da steht noch immer: Wagen 257.

Derweil stürmen alle Leute in den Zug.

„Auch gut“, sage ich zum Tierarzt,„dann tritt uns keiner auf die Zehen.’“

Dann schleppen wir Gepäck zum Waggon, ich hieve und wuchte das Gepäck in die Ablage und wir fallen auf die Sitze. In der tschechischen Bahn hat es lauter Abteile. Jedes Abteil hat sechs Sitze, wir haben einen Fensterplatz und einen Gangplatz.

Der Tierarzt lehnt den Kopf ans Fenster.

Ich lehne meinen Kopf an die Tierarztschulter.

Dann quietscht die Abteiltür und eine Frau mit karottenrot gefärbten Haaren und zwei Enkelkindern, die eigentliche schon junge Enkeldamen sind, kommen herein.

Uns würdigt sie keines Blickes.

„Hier setzen wir uns hin, sagt sie und wenn hier irgendein Spießer mit Platzkarten kommt, dann soll er uns erstmal kennenlernen.“

Die beiden Enkeldamen pfeffern die Rucksäcke auf den Fußboden und zanken sich während wir aus Prag herausrollen, um ein Paar Kopfhörer. Nach fünf Minuten wird der Streit handfest, der Tierarzt flüstert: „Menschen sind schon wegen geringer Dinge erschlagen worden.“

Dann reißt der Kopfhörer entzwei.

„Problem gelöst“, flüstere ich dem Tierarzt zu.

Der Tierarzt erschauert.

Die karottenrote Großmama erfrischt sich mit einem Deoroller unter den Achseln. Dabei verrutscht ihr das Top. Wir schlagen die Augen nieder und zählen bis 120.
Die Großmama juchzt: „Berlin“ ruft sie „Berlin wir kommen.“ Sieben Tage, der Laurentius freut sich schon. Na ja, ich muss erst mal baden.“

Die Enkeldamen reißen sich an den Haaren.

Plötzlich sagt eine von Ihnen: „Oma haben wir denn ein Gastgeschenk?“

Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“

Die Enkeldamen nicken zufrieden.

„Ihr werdet sehen“, sagt sie „Berlin ist eine ganz andere Nummer als Tulln.“

Für eine halbe Stunde verstummt das Gespräch und die Großmama nebst Enkeldamen verzehren Brote. Die Brotpapiere pfeffern die Damen auch auf die Erde.

„Hier ist ein Mülleimer“, sage ich zu den Damen.

Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“

Ich hebe die Butterbrotpapiere also auf.

Die Damen werden müde. Die Enkeldamen streiten sich um ein Buch. Die Großmama gähnt. Sie spreizt die Beine und schon hat sie ihr linkes und dann ihr rechtes Bein auf die Sitzlehnen des Polster geschwungen auf dem nun eben ich sitze.
Dreißig Sekunden später schnarcht sie.

Ihre Socken hat sie ins Abteil wo auch schon der übrige Kramuri liegt, gepfeffert.

Ihre Füßen riechen nicht gut. Ihre Füße haben Schrunden, Hühneraugen und eingewachsene Nägel.

Mir dreht sich der Magen um.

Der Tierarzt erschauert.

„Mädchen“, was willst du tun? Die Frau ist zum Äußersten entschlossen.“

„Entschuldigen Sie“, sage ich zu der Großmama mit dem karottenroten Haar. „Ich sehe Sie sind ermüdet und haben wehe Füße, aber dies ist eben auch ein enges Abteil und ich möchte ungern die nächsten Stunden zwischen ihren Füßen verbringen.“

„Was sind sie denn für Eine?“, blafft die Großmama herüber. „Wie kann man sich nur so affig haben?“ „Ich kann nicht schlafen ohne die Füße hochzulegen.“ „Noch nie ein Paar Füße gesehen oder was. War ja klar, dass wir neben so einer Vollspießerin landen.“ Dann greift sie nach ihren Füßen und beschnüffelt sie ausgiebig. „Riecht einwandfrei“, sagt sie und streckt mir die Füße hin. Ich sehe die schrundigen Füße und finde ich habe wirklich genug gesehen. Der Tierarzt versucht hektisch ein Fenster zu öffnen.

„Ich bin mir sicher, sage ich zu der weiter keifenden Großmama, dass ihre Enkeltöchter gern bereit sind ihre Füße aufzunehmen.“

Die Dame starrt mich wütend an.

Die Enkeltöchter sehen zu ihrer Großmutter herüber.

Unisono kreischen sie los: „iiiiiiiiehhhhh, niemals legst du deine Stinkefüße auf unsere Lehne.“

„Das ist ja voll krass“,iiiiiihhhhhhh.“

Der Tierarzt flüstert: „Jetzt bringt sie dich um.“

Ich flüstere: Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan.“

Aber dann kommt der Schaffner und will die Fahrkarten sehen.

Die Großmama durchwühlt ihren Rucksack. Viele Dinge fallen aus dem Rucksack auf den Abteilboden. Der Tierarzt starrt gebannt auf den sich leerenden Rucksack. Er erwartet eine Streitaxt und sicherlich auch Pfeil und Bogen um Spießer zu erlegen.

Der Schaffner sagt: „Immer mit der Ruhe, die Dame bitteschöndankeschön.“

Die Dame ruft: „Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eigentlich fahr ich immer schwarz, aber is eh klar, wenn ich schon einmal eine Fahrkarte hab, dann finde ich die nicht.“

Dann findet sie doch drei eingedellte Fetzen Papier.

„Einen Identifikationsnachweis bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner.

Die Dame ruft: „No borders, no nations.“

Der Schaffner sagt: No English, bitteschöndankeschön.“

Und dann sagt er noch einmal: „Einen Identifikationsnachweis bitte wegen des Rabatts bitteschöndankeschön.“

Der ganze Abteilboden ist jetzt vom Rucksackinhalt bedeckt.

Dann finden die Enkeldamen einen Schülerausweis.

„Bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner und schließt die Tür.
In Usti nad Labem steigt eine Familie mit Platzreservierung zu.

„Jetzt geht es um alles“, flüstert der Tierarzt panisch.

Die karottenrote Dame schreit den Vater an: „ Scheiße, such dir doch einen anderen Platz. Reservierung ist nur was für so ne Pinkel wie euch.“

Der Mann sagt immer wieder: „Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt.“

Das zermürbt die Dame und ihre Enkelinnen.

Zeternd verlassen sie das Abteil.

Dreimal kehren sie zurück, weil immer noch einige ihrer Habseligkeiten auf dem Abteilboden liegen.

Der Tierarzt atmet auf: „Und Du sagst immer Kälbchen hätte kein Benehmen.“

Als wir in Dresden aussteigen, gleite ich fast über das Paar Socken aus, das noch immer auf dem Boden liegt. Aber nur fast und darauf kommt es ja manchmal auch an.

Ein Satz mit X…

Vor ein paar Wochen lag eine Einladung im Briefkasten. Schweres Papier, goldener Rand. Adressiert an den Tierarzt und so legte ich die Einladung auf den tierärztlichen Stapel und vergaß den Brief sofort. Am Abend aber, ich versuchte die Katze davon abzuhalten, die Keksdose durch Herumkullern auf den Dielen zu öffnen, fragte der Tierarzt: „Mädchen willst Du an einem Sonntag im Juni zu einer Taufe nach Westcork fahren?“

„Tierarzt“, sagte ich, „ wenn es Dir ein Herzenswunsch ist, fahre ich mit Dir zu einer Taufe nach Westcork.“

Der Tierarzt aber schüttelte, vergnügt den Kopf, denn der Tierarzt teilt nicht nur Freud und Leid mit einem seltsamen Fräulein,sondern weiß inzwischen auch, wie ein Nein klingt.

Mein Verhältnis zu Taufen ist nämlich ein angespanntes, wenn auch nicht nicht aus religiösen Bedenken, allein der komischen Note wegen, die mir bei der letzten besuchten Taufe so sonderbar auffiel, denn da rief der Vater des Täuflings schon vor der Kirche: „Die Geschenke können jetzt abgegeben werden.“ Ich hatte mir die Vertreibung der Händler aus dem Tempel zwar immer ganz anders vorgestellt, aber was weiß schon einfacher Jude von solchen Dingen?

„Wunderbar“, sagt der Tierarzt ob meiner Antwort. „Er habe die Mutter des Täuflings nie sonderlich gemocht, sie habe in der Anatomieklausur schamlos bei im abgeschrieben und als es die Klausur zurückgab ,ihn noch ob eines Fehlers beschimpft.

„Nebelkrähe“, sage ich.

Damit ist das Thema erst einmal beschlossen und der Umschlag wandert auf einen dritten Stapel von Dingen, die es zu erledigen gilt, wenn es regnet oder alle Fenster geputzt sind.

Dies war gestern Abend der Fall.

„Heavens“, sagte der Tierarzt,wir haben noch gar nicht die Taufe abgesagt.“

Gesagt, getan“, sage ich und hole eine Karte mit goldenen Luftballons- durchaus ein himmlisches Segnungsmotiv- aus der Kartenkiste.

Der Tierarzt faltet einen Schwan aus einem Geldschein.

Ich nehme den guten Füller zur Hand und schreibe.

Liebe Eltern, liebe und dann stocke ich und sehe zum Tierarzt auf.

„Wie ist der Name des Kindes?“

Der Tierarzt dreht die Karte in den Händen umher.

„Mädchen“, sagt er, der Name kommt mir ganz komisch vor, hier steht Irene Xanthippe.“

„Tierarzt, sage ich, Du bist müde und wer müde ist, sieht schlecht und wer schlecht sieht, der liest absurde Namen vor. Niemand nennt sein Kind Irene Xanthippe.“

Außerdem ist der Name schon ein Widerspruch an sich. Irene ist der Name einer Friedensgöttin, während Xanthippen noch den besten Frieden zu zernörgeln wüssten. Keine auch noch seltsamen Eltern würden aus ihrem Kind doch einen lebenden Widerspruch machen, sage ich und mache Licht an.

Der Tierarzt murrt: „Hier steht Irene Xanthippe“.

„Gib her“, schnaufe ich und sehe auf die Karte aus schwerem Papier. „Habe ich mich nicht über Jahre mit Handschriften aus dem 17. Jahrhundert herumgequält, um jetzt an einer Taufkarte zu scheitern?“

Die Einladung ist gedruckt, aber den Namen des Kindes haben die Eltern handschriftlich hinzugefügt.

„Von wegen Irene“, sage ich triumphierend. „Da steht India.“

„India?“ murmelt der Tierarzt.

„Bist Du Dir sicher?“

Ich sehe wieder auf die Karte, je länger ich auf die Karte sehe, desto unsicherer werde ich. Vielleicht auch Indigo, murmele ich.

Schwieriger aber noch ist der zweite Name auf der Karte.

„Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Xenophilia“, buchstabiere ich.

„Ausgeschlossen“, sagt der Tierarzt und ich nicke.

Das scheint noch absurder zu sein als Xanthippe.

„Xiphantia“ wagt der Tierarzt einen neuen Versuch.

„Tierarzt“, schüttle ich den Kopf, da ist doch ein Mädchen und kein Saurier.

Ich hole die Lupe.

Der Tierarzt sagt: „Ich habe mal ein Rennpferd namens Xaphania behandelt.

„Weiß G*tt Tierarzt, aber hat deine Bekannte etwas das gleiche Rennpferd behandelt und ihm geschworen, wenn es seinen Huf hebt, dann benenne ich das Erstgeborene nach ihm?“

Der Tierarzt denkt nach und sagt: „Wohl eher nicht.“

Ich klamüsere indes noch immer mit der Lupe herum.

„India Xenobia“, sage ich.

Aber dann schwanke ich doch, denn schreibt man Xenobia nicht Zenobia, wenn man sein Kind schon nach der einstigen Königin Palmyras benennt?

„Vielleicht fahre ich fort, hat sie den Namen irgendwo falsch abgeschrieben, wie damals bei dir in der Anatomieklausur?“

„Wie bitte schreibt man einen Namen für das eigene Kind irgendwo falsch ab?“

„Tierarzt, sage ich, nichts einfacher als das. Das war in etwas so:

In die Praxis deiner Bekannten kam eines Nachmittags eine Frau mit einer Boa Constrictor namens Queen Z und nach abgeschlossener Behandlung, fragte sie die Besitzerin wofür das Z im Namen der guten Schlange denn stünde. Queen Zenobia verehrte Schlangen wie keine Zweite, erzählte stolz die Schlangenbesitzerin, die aber auch sehr heiser war, dann klingelte dreimal das Telefon, deine Bekannte hatte aber nur den ersten Strich vom Z gemacht, als sie sich erinnerte, doch den Schlangenamen aufzuschreiben, stand am Ende Xenobia auf dem Waschzettel.

„Mädchen“, lacht der Tierarzt. Niemand spaziert mit einer Würgeschlange umher.“

„Tierarzt“, sage ich, wir sprechen uns noch einmal, wenn du einige Jahre in Berlin gelebt hast.

Dann kehre ich seufzend zur Karte zurück.

„Da steht Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Tierarzt, sage ich, selbst wenn die ihr Kind Xanthippe genannt haben, können wir das niemals und zwar unter gar keinen Umständen auf die Karte schreiben.“

„Was schreiben wir dann?“

Ich hole Buntstifte und male neben: „Liebe Eltern“ einen gelben Kreis, tupfe Kulleraugen hinein, male, grüne, rote und lila Locken an den Babykopf und ein I und ein X zwischen das Gemalte.

Der Tierarzt, die Katze und der Hund starren auf das bunte Chaos.

Es gelingt mir nur sehr selten alle drei Hausgenossen zu beeindrucken, aber dann schreibe ich weiter: „bedauern wir sehr, nicht an der Taufe eures herzigen Kindes teilnehmen zu können.“

Später der Brief liegt auf dem Stapel: „Fertige Post“ und ich liege im Bett, „Weißt Du,sagt der Tierarzt und zieht sich ein Schlaf-T-Shirt über, ich bin wirklich froh, dass wir beide so einfache Namen haben.“

„Du Mädchen, ich Tierarzt, da kann wirklich nichts schief gehen.“

Hmmm, sage ich und der Tierarzt geht sich die Zähne putzen. Bevor er im Bad verschwindet, dreht er sich noch einmal um. „Mädchen, ich glaube wirklich, sie haben das Kind Irene Xanthippe genannt.“

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.

In der Tiefe der Nacht

Meine Schwester ruft an. Spät in der Nacht ruft sie mich an. Schwesterchen sorgt sich, manchmal in der Nacht. In der Nacht sind die Sorgen größer als am Tag. 2 Monate noch bis Bébé No.5 auf die Welt kommt. So viele Nächte. So viele Schatten. „Leg nicht auf“, sagt meine Schwester. Ich lege nicht auf, sondern gehe aus dem Schlafzimmer herunter, um den Tierarzt nicht zu wecken, wickle mich in ein dickes Tuch und lege mich auf das grüne Sofa. Im Sessel schläft die Katze. Der Sturm lacht ein tiefes, ein dunkles Lachen. Aber Schwesterchen fürchtet sich in dieser Nacht vor allem: vor dem Klabautermann, vor der Nacht, vor dem hustenden Sturm, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit, es gibt Nächte, die sind dunkler als andere Nächte und meine Schwester sagt: „Leg nicht auf.“ Ich lege nicht auf, sage ich und singe ihr ein Lied ins Ohr. Aber meine Schwester fürchtet sich vor dem Lied mitten in der Nacht. Das Lied ist so allein, wie ich sagt sie heute Nacht. Ich höre auf zu singen und dann fällt mir ein, wie es war als ich klein war und ich immer, wenn ich den langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland war, zu ihr ins Bett kroch, wenn ich mich fürchtete, ich fürchtete mich oft als ich ein Kind war.

Meine Großmutter wachte auf, wenn ich zu ihr kam. Meine Großmutter hatte einen leichten Schlaf und ich hatte immer kalte Füße, aber vielleicht wachte sie auch aus anderen Gründen auf. Ich habe sie nie gefragt, denn ich wusste ja, wenn ich kam, dann wachte sie auf.

„Ich fürchte mich so vor dem hässlich grinsenden Mond, sagte ich zu ihr und zeigte aus dem Fenster. Siehst Du er lacht über mich.“

Meine Großmutter erzählte mir von der unglücklichen Liebe des Mondes zur Sonne, aber ich fürchtete mich noch immer vor dem versetzten Liebhaber und seinem kalten Lachen.

„Komm, flüsterte meine Großmutter mir in ihr Ohr“, wir spielen ein Spiel. Wir finden etwas was noch viel, gefährlicher, ungemütlicher und schrecklicher ist, als der hämische Mond oder Donar auf seinem Wagen oder den knallenden Blitzen draußen auf der Straße.“ Ich fange an:

Meine Großmutter sagte: Mit einer Kutsche durch die engen Straßen der Stadt fahren, nur um vor dem Stadttor in eine Falle von Straßenräubern zu geraten und beim Ziehen der Pistole feststellen: Das Pulver ist nass

Ich musste ein bisschen kichern unter der Bettdecke, trotz der Räuber.

Ich sagte: Eine Leiter an den Apfelbaum schieben, bis in die Krone klettern, dann fällt die Leiter um.

„Uhuhuh“ machte meine Großmutter, die durchaus etwas von einem Uhu hatte, wenn sie kicherte.

„Mit einem Segelboot auf das offene Meer heraus fahren, nur um festzustellen, dass das Boot ein Leck hat und man selbst nicht schwimmen kann.

„Zu dumm“, kicherte ich.

„In ein Labyrinth hineinlaufen und erst mitten in den dichten Hecken feststellen, dass die Hose ein Loch hat und in der Hosentasche ein Kompass war, panisch umherirren, nur um dann den Minotaurus zu wecken.

Meine Großmutter schauerte und überlegte:

„Mit einem Stein auf den saftigen, roten Apfel zielen, den Apfel herunterholen, aber auch den Bienenstock treffen, die Bienenkönigin beim Mittagsschlaf treffen und beim Davonrennen alle Olympiarekorde brechen.

„Die erste Geige im Orchester spielen und bei einer großen Premiere herausfinden, dass alle anderen ein ganz anderes Stück spielen als man selbst, dann spielt gar keiner mehr und der Dirigent jagt einen vor Augen der gesamten Stadt davon.

„Aiaiaiai“, sagte meine Großmutter und irgendwann waren die Wolken vor den Mond gezogen und verbargen sein Lachen, Donar, der rächende Donnerg*tt hatte die Lust verloren und die Blitze hatten beim Nachbarn eingeschlagen und ich schlief in den Armen meiner Großmutter ein, die glaubte man könnte die Angst vor etwas, mit etwas anderem herausgruseln, aber mehr noch glaubte meine Großmutter noch an den Halt der kleinsten Geschichte.

„Okay“, sage ich zu meiner Schwester am Telefon, erinnerst du dich wie Ami und ich uns in der Nacht bis zum Vergnügen gruselten? Bist du bereit?“

Meine Schwester muss fast schon ein kleines bisschen lachen: „Ihr Beiden“, sagt sie und ich muss schlucken, denn so lange bin ich schon Großmutterlos.

„Los geht es“, sage ich: „Eine alte Ruine erforschen, erst bricht der Professor sich ein Bein, aber noch bevor der Sanitätsdienst kommt, streicht eine Banshee durch die alten Räume und singt von Mecki Messer und seinem abenteuerlichen Leben.

Meine Schwester lacht. „Eine Banshee kann singen?“

Ich sage: „Eine Banshee singt gar nicht schlecht.“

Meine Schwester sagt: „Mitten im Wald einen Wolf mit Bauchweh treffen ihn ins Krankenhaus bringen, seine Frau verständigen und noch von ihr auf dem Parkplatz gefressen werden.“

Abscheulich, sage ich.

Aber dann fällt mir wirklich das allergruseligste ein: „Im Kühlschrank nach selbstgemachten Vanillepudding greifen, den größten Löffel nehmen, den man kriegen kann, einen gewaltigen Happen verschlingen, nur um festzustellen, dass die Auszubildende Selleriesuppe im Kühlschrank vergessen hat.

Schwesterchen am Telefon lacht so sehr, dass Bébé No. 5 erwacht und ihr gegen die Rippen stößt.

„Ihr Beiden“, sagt Schwesterchen und gähnt sie und sagt: „Süße, die Sorgen sind leichter und leiser geworden.“

„Gute Nacht, Schwesterchen“, sage ich, aber ich liege noch lange wach und denke an meine Großmutter und denke an all die Jahre, in denen ich glaubte meine kalten Füße weckten sie auf und nicht wusste, dass die Erinnerungen sie wachhielten Nacht für Nacht.

Verschwommene Sicht

Am Freitag Abend ganz gegen alle Gewohnheiten und zum Verdruss der tierärztlichen Kinofreundin: im Kino gewesen, weil Isabelle Huppert durch Cannes läuft und ich mich doch jedes Mal noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verliebe. Wenn Sie sich auch noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verlieben wollen, dann gehen Sie doch auch ins Kino und sehen sich Claires Cameraan. Das ist ein erstaunlicher Film nicht nur wegen Isabelle Huppert.

Spät war es schon als der Film zu Ende war. Denn einen Film, den sich nur die Mitarbeiter der französischen Botschaft ansehen und ein Tierarzt und ich,der läuft nur im Spätprogramm und so gähne ich siebenundzwanzig Mal als der Film zu Ende ist. Die Stadt aber ist noch wach. Die Stadt ist betrunken. Vor dem Kino stehen Männer mit Heineken-Dosen und grölen, vor einem Pizza-Laden stehen Männer und Frauen mit Heineken –Dosen, ein Mädchen kotzt auf die Straße, ein Mann ißt Pizza, alle trinken Bier und während wir die Straße hinuntergehen wiederholen sich diese Bilder. An einer Ampel stehen zwei Mädchen. Die Mädchen weinen und ich frage: „Seid ihr in Ordnung?“ Das ist immer eine so dumme Frage, denn sie sind es ja nicht. Es folgt eine komplizierte Geschichte aus zu viel Alkohol, einer gerissenen Rocknaht und einer Gruppe Jungs auf der Straße gegenüber, die wir dann auch sehen, die Jungs trinken Bier und rufen: „Look a these sluts“, einer der Jungen ist der Boyfriend des Mädchens und er ruft mit und die Jungs lachen und grölen und trinken und die Mädchen an der Ampel sind auf einmal nicht mehr fünfzehn oder sechszehn und das Mädchen sagt: „Ich will nach Hause.“ Der Tierarzt winkt ein Taxi, die Mädchen zählen Geld, wir legen Geld dazu, damit es wirklich reicht und die Mädchen steigen ein. Die Jungs rennen dem Taxi hinterher, klopfen an die Scheibe, und filmen die Mädchen. Dann wird das Taxi schneller und die Jungs öffnen neue Bierbüchsen. Wir gehen die Straße hinunter, wir müssen uns ein bisschen beeilen, denn wir sind nicht mit dem alten, roten Volvo in die Stadt gefahren, sondern müssen zusehen, dass wir den letzten Bus in das Dorf vor unserem Dorf noch erwischen, den Rest können wir laufen. Aber wie wir im Bus sitzen und durch die Dunkelheit fahren, langsam wird aus der Stadt Wohngebiet und dann werden die Häuser weniger und die Stadt hört auf. Vielleicht liegt das Problem in meiner Nüchternheit, ich trinke nicht und tränke ich, vielleicht fände ich die Nacht ganz normal und würde auch an einer Straßenecke stehen und Bier trinken. Aber so wundere ich mich doch, denn tagsüber sind die Jungen sicherlich gute Söhne, Rugby Spieler, Studenten, Lehrlinge, die ihren Freundinnen versichern, sie würden sie lieben. In der Nacht aber mit dem Bier in der Hand ist davon nichts mehr übrig. A night out with the lads, some fun, just joking, didn’t mean it like this und wie sehr wir uns alle gewöhnt haben, dass man am Freitagabend in Dublin eben betrunken ist und auch ich wundere mich lange schon nicht mehr über Männer, die an Bushaltestellen pinkeln, auf die Straße speien, immer schon das nächste Bier in der Hand. Es ist doch nichts passiert, heißt es dann und just some fun, you know, that’s what lads do. Es müsste auch andere Nächte geben denke ich, Nächte die milder sind, mildere Menschen müssten in diesen Nächten zugegen sein. In Dublin sind sie es nicht. Dann hält der Bus, vier Kilometer durch die Nacht. Der Wind, das Meer, die Hecken so vertraut am Tag, sind fleckige, undeutliche Schatten mitten in der Nacht. Lange nicht schlafen können. Undeutliche Träume.

Am nächsten Morgen legt mir der Tierarzt eine Hand auf die Stirn. „Hmm“, sage ich, Hmmm, hmmm, hmmm.

„Mädchen, flüstert der Tierarzt, es ist etwas Schreckliches passiert.“

Ich wühle mich aus Decken, Schlaftuch und Kissen hervor. Aber das Dach ist noch da sage ich

„Das Dach ist noch da“, sage ich, „also kann es nur noch halbschrecklich sein.“

Aber der Tierarzt flüstert noch immer: „Mädchen, ich habe deine Brille zerbrochen.“

„Was?“, sage ich und dann sage ich nichts mehr, sondern kneife die Augen zusammen, um den Tierarzt anzusehen, denn ich sehe wirklich sehr, sehr schlecht.

„Deine Brille, ich habe deine Brille zerbrochen.“ Unwiderruflich, ich habe sie gleich weggetan, damit Du Dich nicht noch mehr ärgerst, wo Du schon nichts mehr siehst.“

Mich überfällt Verzweiflung und ich tappe zum Müllkübel. Nach Inspektion der total zerstörten Brille, stolpere ich über den Hund, und falle auf das Sofa. Dann schweige ich sehr lange und zähle langsam bis 225.

„Mädchen, Du sagst ja gar nichts“, murmelt der Tierarzt.

Ich blinzle wieder und schlucke, denn ich sehe nichts und die Ersatzbrille liegt -wie passend- auf dem Schreibtisch in Berlin.

„Ich brauche einen Flug nach Berlin“ krächze ich.

Der Tierarzt nickt.

Die nächste halbe Stunde vergeht mit hektischen Flugüberlegungen, organisatorischem Geschiebe und einem an der Tür gestoßenen Zeh.

Dann ist es erledigt und mehr kann ich nicht machen, denn ich sehe quasi fast nichts. Die Welt bleibt also verschwommen und nachdem ich ein weiteres Mal bis 225 gezählt habe, komme ich zu dem Schluss, dass Ärger über nicht zu ändernde Dinge nicht weiterhilft.
Ich seufze, wasche mir Haare, Haut, Füße und ziehe mich an. Dann suche ich den Tierarzt: Ich rufe: Tierarzt, Hund geh aus dem Weg, Katze schleich dich. Aber den Tierarzt finde ich nicht. Ich rufe: Hund, wo ist der Tierarzt? Der Hund bringt mir einen zerkauten Pantoffel. „Nein Hund, das ist nicht der Tierarzt.“ Dann finde ich den Tierarzt doch. Der Tierarzt schluchzt. Shhhhh, sage ich, das ist kein Grund zum Weinen.“

Es ist ärgerlich, dass die Brille zerbrach.

Es ist aufwändig nach Berlin zu fliegen.

Es ist mühsam wie ein Maulwurf durch die Gegend zu schwanken.

Aber schlimm, so richtig schlimm ist nur die Angst des Tierarztes davor, dass auf ein Unglück, ein Missgeschick wie dieses, selbstredend Wutausbrüche und Schläge folgen und es dauert sehr lange, bis ich den Tierarzt überreden kann doch wieder aus seinem Versteck hervorzukommen.

Es hat doch nicht geschadet“, sagen viele über die Schläge, Drohungen und die ungezügelte Wut der Eltern, aber die Furcht vor dem Vater mit dem Ledergürtel, die hört nicht auf, auch nicht so viele Jahre später in denen das Kind schon lange kein Kind mehr ist. Das ist das Schreckliche.

Der tropfende Hahn.

Wir werden alle sterben“, ruft die Frau des Krämers mir zu.

„Das ist der Lauf der Dinge, Frau des Krämers“, rufe ich zurück.

„Das ist nicht witzig“, sagt die Frau des Krämers und stemmt beide Arme in ihre Hüften.

„Aber wahr“, sage ich. In meinen Händen halte ich Vanillezucker, Mehl und eine Dose eingelegter Pfirsiche. ( Ich liebe eingelegte Pfirsiche. ) Außerdem schafft der Tierarzt manchmal ein eingelegtes Pfirsichdrittel.

„Ihnen kann es ja egal sein“, schnarrt die Frau des Krämers.

„Gegen den Tod kommt man nicht an,Frau des Krämers“ erwidere ich und stelle den ersten Teil meiner Einkäufe auf den Tresen bevor ich mich auf die Suche nach Blockschokolade mache, denn es gilt für den sich angesagten Besuch einen Kuchen zu richten.

„Aber doch nicht so!“, blökt die Frau des Krämers ganz genau wie Kälbchen, wenn er findet das könne doch nicht alles an Möhren gewesen sein.

„Wie wird er Sie denn ereilen?“, frage ich ein bisschen listig, denn ich ahne schon was gleich kommt.

Das ist alles nur die Schuld dieses Konzerns, ranzt die Frau des Krämers und hebt die Hände zum Himmel. Sie meint Irish Water.

„Das ist keine Firma sondern ein Saufhaufen, richtige Schranzen sind das die in Dublin in den Büros sitzen, während wir verdursten, früher hätte es das nicht gegeben, alle entlassen, alle entlassen, this company is a disgrace for our country, putting us all to shame“, ich suche derweil noch nach Palmin, Öl und Erdnüssen. Denn wenn die Frau des Krämers erst einmal anfängt mir erhobenen Händen auf die „da oben“ zu schimpfen hat es keinen Sinn sie zu unterbrechen, die Frau des Krämers hat das Talent aller Klageweiber ( die Männer sind hier mitgemeint ) in unendlichen Wiederholungen Schmähungen gegen G*tt, die Welt und irgendwie immer auch mich vorzubringen.

Der Anlass ihrer großen Schmähung ist eine Ankündigung  von Irish Water. Der irische Wasserversorger hat nämlich angekündigt, dass in den nächsten Tagen im Großraum Dublin der Wasserdruck verringert wird, Wasser zeitweise abgestellt wird und überhaupt und sowieso sind die Haushalte zum Wassersparen angehalten. Die Ursache liegt am strengen Frost der letzten Tage, viele Wasserrohre sind beschädigt oder geplatzt und müssen repariert werden. Die Wasserreservoirs sind erschöpft und so kommt aus dem Hahn, den die Frau des Krämers empört vor mir aufdreht nur ein dünnes Rinnsal statt eines satten Strahls. Die Frau des Krämers ruft: E-S I-S-T Empörend.

Aber ich denke nicht so sehr an den tropfenden Wasserhahn, sondern an den Sommer von vor zwei Jahren. Da war die Frau des Krämers schon einmal oder einmal mehr E-M-P-Ö-R-T. Damals versuchte die Regierung „water charges“ einzuführen. Jeder Haushalt sollte eine monatliche Gebühr an Irish Water entrichten,  Wasseruhren sollten eingebaut werden, nicht nur um den Verbrauch zu messen, sondern auch um Lecks schneller zu finden, vor allem aber sollte in die Erneuerung des Wassersystems investiert werden.

Die Frau des Krämers schrie Zeter und Mordio: „Kommunismus!“, „Bananenrepublik“,

Aber am lautesten schrie sie: „Ich zahle keinen Cent. Sie druckte Waschzettel, die sie ins Fenster des Ladens hängte und auf denen stand: I AM NOT PAYING und diese Zettel verteilte sie im Dorf, stritt mit dem Priester, der sich weigerte solch einen Zettel an die Kirchentür zu hängen. I AM NOT PAYING an eine katholischen Kirche hätte ja auch schon fats eine protestantische Note und als ich eines Sommermorgens in den Laden kam, um Milch einzuholen, da hielt mir die Frau des Krämers auch solch einen Zettel hin. „Oh sagte ich, da verschwenden Sie Zeit und Mühe, ich zahle schon Wassergebühren.“ Die Frau des Krämers sah mich an, als hätte ich ihr mitgeteilt, dass der Tierarzt und ich in Vegas geheiratet hätten und erst nach zwei Minuten angestrengten Atem Holens hatte sie wieder genug Luft um mich als Verräter zu beschimpfen. „Aber“ schrie sie damals „ sie habe es gleich gewusst mit den Ausländern gibt es immer nur Ärger.“ Damals sagte ich, wie teuer Wasser in Israel ist und wie viel Wassergebühren man in Deutschland zahlt, aber die Frau des Krämers war ja schon bei „Die Ausländer sind schuld“ angekommen.

Eines Samstag Morgens fuhr die Frau des Krämers mit anderen Empörten in einem Bus nach Dublin, um dort gegen die Wassergebühren zu demonstrieren. I am not paying for rain schrieb sie auf das Schild und als ich sie fragte, ob sie sich mit Wasser aus der Regentonne die Zähne putzte, hielt nur die Anwesenheit des Tierarzts die Frau des Krämers davon ab, mich zu würgen. Der Tierarzt, der damals noch zwei Dörfer weiter entfernt lebte zahlte, der Priester zahlte und ich zahlte auch. Aber die meisten Menschen protestierten und zahlten nicht.

Die Frau des Krämers lachte hämisch und sagte: „Sie werden schon sehen“, nur die Dummen zahlen.

„Dumm, vielleicht schon, Frau des Krämers sagte ich, aber noch dümmer ist es wenn das Wassernetz nicht erneuert und repariert wird, noch dümmer ist es, wenn in die Wasserversorgung nicht investiert wird, am dümmsten ist, es am Grundlegendsten zu sparen.

Die Frau des Krämers wollte nichts davon hören. „Wasser ist ein g*ttgegebenes Recht“ fluchte sie und ich sagte: „G*tt steht aber nicht in ihrem Garten und leert die Kloake.“ Die Frau des Krämers empörte sich und ich ging müde ins Oberland zurück.

Und wirklich die Frau des Krämers hat Recht behalten, die Water charges wurden zurückgenommen und irgendwann flatterte ein Scheck ins Haus, der die gezahlten Gebühren zurückerstattete. Ich dachte erst das sei ein Scherz. Dann überwies ich das Geld nach Indien. Dort ist Wasser noch viel teurer als in Israel oder Deutschland.

Die Frau des Krämers triumphierte. Oh, wie die Frau des Krämers triumphierte. Sie und ihre Mitstreiter seien die Retter der Insel, das Volk habe gesprochen und das gute Irland verteidigt, während Menschen wie ich, denen das Duckmäusertum auf die Stirn geschrieben stehe, einmal richtig abgewatscht worden sein. Die Frau des Krämers ist zufrieden mit der Welt, und dem Wasser, das aus reinen Protestgründen aus dem Hahn läuft. Kostet ja nichts.

Die Frau des Krämers beließ den Zettel: „I am not paying“ im Fenster. Sie stand auf der richtigen Seite der Geschichte und Irish Water investierte nichts in die Sanierung und Verbesserung der Leitungen, sondern verwaltete einen Mangel, wie so viele Mängel in Irland einfach verwaltet werden und die Frau des Krämers ließ den Hahn laufen, so wie sie es eben wollte, denn sie verwaltet ja nur ein g*ttgegebenes Recht.

Aber gestern da beschwerte die Frau des Krämers sich über das marode System, die fehlenden Investitionen, die ein disgrace sein für the whole country und währenddessen tropfte der Wasserhahn traurig vor sich hin.

Ja, sage ich, Frau des Krämers ist es nicht merkwürdig, dass immer wenn man glaubt man habe schon gewonnen, am Ende alle verlieren?

Die Frau des Krämers starrt mich trotzig an. „Was wissen Sie schon, Sie Ausländer?“

„Dass am Ende alle zahlen, Frau des Krämers, so oder so“ sage ich, „wenn das Gemeinwohl nicht auch zu den Dingen zählt, die bewahrt werden sollen“ und dann sage ich, „das ist alles für heute“ und lege ein Stück Parmesan zu den anderen Dingen dazu.

Die Frau des Krämers aber schweigt und der Wasserhahn tropft.

Die Datenautobahn für das Gesundheitswesen und die kleine Praxis der lieben C.

Ich kenne niemanden der so gelassen und heiter mit dem Unbill umgeht, die ein Leben so mit sich bringt wie meine liebe C. Das Ungeschick meines Vater, der Weihnachten sein Schlüsselbund verlegte und es genau zwei Tage wiederfand nachdem sie alle Schlösser hat auswechseln lassen, kommentierte sie mit einem kurzen Nicken und der Feststellung sie sei froh, dass er sich kein Bein gebrochen habe. Die liebe C. ist von unendlicher Geduld mit den drei Grazien ihrer Praxis, und dem ewig schussligen Apotheker und auch für den absoluten Alptraumpatienten den es in jeder Praxis gibt, hat die liebe C. ein gutes Wort. Ganz zu schweigen von ihrer unablässigen Geduld mit den Kapriolen, die Schwesterchen und ich jahrein und jahraus veranstalten. Als meine Schwester einen Mann heiratete, den sie dreizehn Tage kannte, schloss die kleine Stadt Wetten ab, wie die Frau Doktor diesen Hasardeur wohl vertreiben würde. Die liebe C. aber schmückte den Garten, suchte mit Schwesterchen ein Kleid und gerührter als sie war niemand als Schwesterchen auf den Marktplatz trat und rief: Ich habe Ja gesagt. Schwesterchen ist mit jenem Mann noch immer verheiratet und strahlt noch immer so wie am Tag als sie ihn ihrer Mutter vorgestellt hat. Die Wetteinsätze, dass die liebe C. ihren Schwager mit dem Besenstiel vertreiben würde, sind sehr hoch gewesen.
Aber auch meine ständigen Dramen nimmt die liebe C. mit ihrer ganz eigenen Gelassenheit hin und noch niemals hat sie den Kopf geschüttelt und gesagt: „Nun lass mich doch endlich in Frieden mit Indien, Aufklärung, Liebeskatastrophen und deinem ewigen: Was soll nur werden.“ Verdenken könnte ich es nicht und dennoch, meine liebe C. erträgt sogar meine endlosen Ausführungen über Mies van der Rohe in Brünn und Harry Graf Kesslers irische Mutter. Mein Vater ist über diese Abhandlungen schon eingeschlafen, aber die liebe C. nickt und läuft noch lächelnd in ihr Verderben, denn sie sagt: „Lass uns doch bald einmal nach Weimar fahren.“ Dabei ist es kreuzgefährlich mit mir zu verreisen, denn ich stehe für Stunden in Museen und noch viel länger vor allen Häusern in denen Harry Graf Kessler einmal dinierte.
Und so erschrecke ich mich doch sehr, um nicht zu sagen über alle Maßen als ich die liebe C. anrufe und sage: Süße, alles gut bei Dir?“ und am anderen Ende knurrt die verehrte Frau meines Vaters. Die liebe C. knurrt nie. Doch einmal, habe ich sie knurren hören, da war die Hebamme vom Dienst betrunken, aber das ist eine andere Geschichte. Die liebe C. knurrt und ich frage noch einmal sehr vorsichtig nach, ob sie in Ordnung sei. Die liebe C. seufzte so tief, dass mir das Herz ganz schwer wird.

 
„Es war ein schrecklicher Tag“ sagt sie und das sagt die liebe C. nie einfach so. Das Monster ist da. „Oy“, sage ich und dann seufzt meine liebe C. noch einmal. Das Monster heißt Telematik-Infrastruktur und wenn sie eine Arztpraxis haben, so ist nun Gesetz, dann müssen sie ein solches Gerät in die Praxis einbauen lassen. Das Monster hat 4000 Euro gekostet und es ist ganz egal, dass die liebe C. in einem Jahr die Praxis zusperrt. Denn die liebe C. hat seitdem sie 16 ist, gearbeitet, gearbeitet und gearbeitet. Aber Gesetz ist Gesetz und so hat die liebe C. natürlich 4000 investiert und 500 Euro in einen Heilkundeausweis, denn wie alle Welt weiß, die Ärzte haben es ja und am Freitag kam ein zertifizierter Techniker, der der lieben C. lange Vorträge hielt, über ihre Verantwortung, aber vor allem über die Strafgebühren die fällig werden wenn man statt x doch y macht. Aber die liebe C. hat ja eine laufende Praxis und die Praxis ist immer voll und für Vorträge über x und y hat die liebe C. nicht so Recht Zeit.
Es hat schon genug Zeit gekostet, die Praxis umzuräumen, denn die telematic Infrastruktur kann nicht einfach irgendwo stehen, sondern die liebe C. musste einen Schrank ( abschliessbar) einbauen lassen, der Schrank konnte nicht frei stehen, sondern musste anbgebohrt werden. Die liebe C. mein Vater und der Handwerker des Vertrauens verbrachten ein Wochenende damit die Praxis um das Telematik Infrastrukturgerät herum neu zu organisieren, denn die Praxis ist nun einmal eine Praxis und wird auch von Vorträgen weder höher, noch kleiner, oder gar breiter. Der Techniker am Freitag kam zwei Stunden zu spät und nach zwei Stunden in dem der Techniker am Telematik Infrastrukturgerät, Kabeln und dem Schranktresor fummelte, ging das Gerät noch immer nicht. Der Techniker fluchte, die liebe C. verbat sich Flüche und zeigte auf die Uhr: „In einer Stunde begönne ich mit den Hausbesuchen“ sagte sie. Der Techniker fluchte noch einmal und die liebe C. knallte die linke Augenbraue hoch, wer einmal die liebe C, gesehen hat, wie sie ihre Augenbraue nach oben zieht, der wird dies niemals vergessen. Nach einer Stunde erkannte das Telematik Monster jede dritte Karte, dann fiel es aus. „Was sie jetzt machen solle?“, fragte die liebe C. den Techniker, der zuckte mit den Schultern. „Das hätten sie ihm auf dem Telematic Lehrgang nicht erklärt.“ Die liebe C. zeigte auf seinen Schild, welches ihn als zertifizierten Techniker auswies und zog noch einmal ihre Augenbraue nach oben. Da schrie der Techniker schon, dass er doch auch nichts dafür könne, dass das Scheißding die Karten nicht einlesen könne und das sie sich schon mal auf saftige Rechnung freuen könne.“ „Das seien Überstunden.“
Die liebe C. informierte den Techniker darüber, dass sie immer noch selbst entscheiden würde, worüber sie sich freute. Der Techniker verschwand unter dem Schreibtisch, die liebe C. begann ihre Hausbesuche. Das Ergebnis blieb dasselbe. Das Telematik Infrastrukturgerät für 4000 Euro funktioniert nur bei jeder dritten Karte. Aber sagt die liebe C. es ist gar nicht das Geld oder die Technik, nicht einmal die Tatsache, dass es keine Mitsprachemöglichkeit gibt oder der vermaleidete Schrank.

Aber die schlichte Tatsache, dass man als Arzt jetzt freier Mitarbeiter der Krankenkassen sei, denn deren Interessen bedient das Telematik Monster. Die liebe C. am Hörer schüttelt den Kopf. „Weißt Du, es ist die völlige Verweigerung darüber nachzudenken, wie eine Praxis wie diese funktioneirt.“ Und ich denke wie die liebe C. an alle Patienten, die im Telematik-Digitalisierungswunder gar nicht vorkommen, denn das neue Gerät, akzeptiert nur neue Karten. Aber die kleine Praxis hat nicht nur Patienten, wie in der Krankenkassenwerbung jung, dynamisch, progressiv sind, sondern sehr viele Patienten, die durch viele Raster fallen, die unsere Gesellschaft so hat.

Die liebe C. behandelt nämlich auch die, die gar keine Karte haben, den gescheiterten Unternehmer, dem die Beiträge für die private Versicherung über den Kopf wuchs, wie auch den Obdachlosen Mann von der Straße und das sind bei ihr niemals Einzelfälle, sondern sehr, sehr Viele und dann all diejenigen, die eine alte Karte haben oder die gar nicht wissen, welche Karte denn nun die richtige ist und die in die Praxis kommen, nicht nur wegen einer Impfung oder eines EKGs sondern weil Frau Doktor auch einen Blick auf komplizierte Schreiben der Krankenkasse, des Arbeitsamts und oder des Gerichtsvollziehers wirft und dann auch anruft und Hilfe organisiert. Ich erinnere mich noch wie die liebe C. und ich damals als die Flüchtlinge in die Stadt kamen, zwei Wochen am Stück nicht nur untersucht und übersetzt haben, sondern darum gekämpft haben, dass es für die Menschen irgendwann einmal auch eine Krankenkasse gäbe, die sie aufnimmt.
Aber das hat lange gedauert und war unendlich mühsam und wie so oft hat die liebe C. eben ganz selbstverständlich behandelt, sich gekümmert, wie sie sich seit Jahr und Tag darum müht, dass die Praxis ein Ort ist, an dem sich gekümmert wird: um die Studentin aus Kolumbien, deren Karte das Telematik Lesegerät niemals erkennen wird und deren Sohn auf dem Praxissofa geboren wurde, um den Mann aus Polen, der für die Leute der Stadt die Gärten richtet, und den ein Baum traf, um die Rumänen, die in der Fabrik schaffen und die Frauen aus Osteuropa, die auf den Feldern ernten und von denen eine böse Blutvergiftung und noch mehr Angst vor dem Krankenhaus hatte, die alte Rentnerin mit den offenen Beinen, die jeden Tag zur lieben C. in die Praxis kommt für einen neuen Verband, vor allem aber für all die, die in die Praxis kommen und sagen: „Nächstes Mal denke ich an die Karte.“

Alles Menschen, alles keine Telematik Kunden. Aber natürlich klingt das langweilig, banal und keineswegs nach der Praxis des 21. Jahrhunderts von dem Gesundheitspolitiker und Krankenkassen träumen, die niemals Patienten treffen, die mit einem zerknitterten Brief in der Hosentasche vor der lieben C. stehen und sagen: „Frau Doktor würden Sie wohl?“, weil sie nicht lesen können oder weil die Welt so kompliziert geworden ist und die Ungeduld so groß auch auf jene zu warten, für die eine Sprechstunde via ipad nach dem Grauen klingt und nicht nach einem Versprechen. Dort wo jetzt der Telematik Tresor steht, stand immer ein Schränkchen mit Tee, Wasser und einer Obstschale für die Patienten. „Atmen Sie erst mal durch“, ist der Satz den die liebe C. am häufigsten sagt, die Patienten wunderten sich: „Frau Doktor, Sie räumen ja um.“ Frau Doktor nickte und zeigte auf die neue Tee-Ecke.“ Machen Sie sich keine Sorgen, sagte die liebe C. „wir bekommen das schon hin.“

„Ein Jahr mit dem Monster werde ich auch noch überstehen“, sagt sie und schüttelt den Kopf, aber auch wenn sie lächelt am Telefon, denn die liebe C. der gelassenste Mensch der Welt, die niemals lange den Kopf unter Wasser hält, weiß ich doch, das es wieder ein Jahr wird, in dem fast alles schwieriger und komplizierter wird und am Ende und das wissen wir beide, bezahlt nicht sie den Preis für das Telematik Infrastrukturgerät, sondern all jene, die auf der „Datenautobahn für das Gesundheitswesen“ lange schon abgehängt sind.

Am Montag kommt der Techniker wieder.