Was man im Frühzug hören kann

Ein Mann singt für seine Tochter am Telefon. Ein rumänisches Wiegenlied. Das kleine Mädchen weint erst, dann singt es mit und schliesslich drückt es Küsse auf den Bildschirm irgendwo in einem Dorf zwischen Bukarest und Timisora. Der Mann aber singt und singt für seine Tochter.

Eine Frau ist tief über einen Lottoschein gebeugt und murmelt: Sieben, nein drei, nein drei, sieben. Der 3.7. das war doch Nellys Geburtstag, doch, aber, ganz sicher ist sie sich nicht über die Zahlen, die ihr vielleicht zum grossen Los verhelfen oder auch nur zum Geburstagsdatum von Nelly.

Eine Frau mit flammend roten Haaren diktiert einen Einkaufszettel in ihr Telefon. Milch, Zucker, Erbsen, Baked Beans, Truthahnwürste, Spaghetti, Thunfisch. Manchmal stolpert das Telefon in seinen Notizen, dann atmet die Frau ganz langsam und sehr bewusst ein und aus und sagt zu dem Telefon: „Nein, nein, hier irrst du, es muss doch anders heissen und dann sagt sie noch einmal Thunfisch oder Erbsen, sie sagt es mit einer bestimmten Härte, sie sagt es wie Mütter die spät in der Nacht zu ihren betrunkenen Kindern sagen: „Nein, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.“ Dann zuckt die Frau doch noch einmal zusammen und diesmal ist nicht das Telefon schuld. „Kay“ ruft sie erschrocken, „Kay hasst Thunfisch.“ Sie starrt auf das Telefon, ungläubig fast, dass sie es sich beinahe mit Kay auf ewig verscherzt hätte. Nur das Telefon bliebt von dieser existentiellen Krise unberührt. Es sagt: „Kay privat anrufen.“ Aber die Frau unterbricht hektisch die Verbindung. „Nein, sagt sie, nein bloss nicht.“ Wer weiss schon ob das Telefon nicht in einer schwachen Minute Kay die fatale Einkaufsliste würde zukommen lassen.

Hinter mir sitzen zwei Männer, einer schläft fast, sein Arm liegt über seinen Augen. Er atmet schwer, aber sein Nachbar ist wie eletrisiert. Was für ein Tor, was für ein Schuss, was für ein Mann. Messi ist ein G’tt. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Bgeisterung und dann beginnt er noch einmal von vorn und kann sich nicht beruhigen über das Tor und einen Mann, der kein gewöhnlicher Sterblicher zu sein scheint, sondern ein G’tt ist an diesem Morgen wenigstens.

An der Schranke aber hupen zwei Lastwagen. Vielleicht zollen auch sie Messi Tribut.

Ernstere Gespräche aber führen zwei Männer, die blaue Arbeitshosen und karierte Hemden tragen. Sie essen Butterbrote und trinken schwarzen Kaffee.

„Schlimm sagen sie schlimm sei die Sache mit der Kirche.“

„Die Handwerker werden alles leugnen, sagen sie. Sie täten dasselbe. Einer muss Schuld sein und die Handwerker seien doch eh immer dran.“

Sie nicken vereint.

„Die Missus habe ihn auch in die Kirche geschleppt“, sagt einer der Handwerker.

Alle seufzen.

Aber schlimm ist es doch.

„Fast so schlimm wie bei seiner Schwiegermutter“ sagt der Mann in der Runde, der das grösste Butterbrot fingerdick belegt mit Butter und Schinken verzehrt.

Die Schwiegermutter sagt er habe sich ja immer schon wichtig genommen. Immer Sonntags zweimal zur Messe und dem Priester hier einen Kuchen und da eine geräucherte Forelle und imme rein süssliches Gedicht. Aber wehe er hätte einmal eine Forelle gefordert! Na jedenfalls habe die Schwiegermutter dann auch angefangen die Kirche mit Blumen zu schmücken. Scheussliche Blumensträusse. Er selbst könne sich sein Hochzeitsfoto gar nicht mehr ansehen, der scheusslichen lila Nelken wegen. Lila Nelken. Die Anderen drehen sich schaudernd weg. Jedenfalls sei sie auf immer verrücktere Ideen gekommen mit der Blumenschmückerei und ihrer Wichtigtuerei und im Herbst eines Jahres habe sie die Kirche mit ausgestopften Strohtieren ausgeschmückt.
Einen Hahn aus Stroh wegen Judas oder so und aus irgendeinem Grund auch ein Schwein aus Stroh auf dem Altar sogar, der Priester was dem Schwein sehr zugetan. Jedenfalls war die ganze Kirche voll mit diesen Tieren, selbst neben der Orgel war so ein Strohschaf und der Priester schrieb deswegen sogar nach Rom, um zu zeigen das seine Kirche jedenfalls die Originellste sei. Es habe alles auch in der Zeitung gestanden und seine Schwiegermutter habe die Artikel auf dem Gästeklo aufgehangen, damit auch keiner daran vorbeikam. Er habe damals gleich zu seiner Frau gesagt, dass das ein böses Ende nehmen würde mit den Strohtieren und Briefen nach Rom und so. Eines Tages sei es dann auch so gekommen, wie er gesagt habe.
Der Priester nämlich habe irgendwoher ein Bethlehemslicht bezogen, das Tag und Nacht brannte. Ob es nun Durchzug war oder was auch immer, das Bethlehemslicht sei umgekippt und natürlich direkt auf das Strohschwein gefallen und alles was danach kam, war Paris.“ Die anderen Männer nicken. Schwiegermutter hat natürlich wochenlang geheult, aber die Kirche war eben trotzdem hin. Der Priester musste bald danach gehen, aber die Schwiegereltern hätten ja dort das Haus und da sei nun nichts mehr zu machen.

Schlimme Sache, sagen die Männer noch einmal, die Sache mit Notre-Dame und deiner Schwigermutter.

„Man wird gute Handwerker brauchen“, sagt der Mann der bis dahin geschwiegen hatte und alle vier nicken.

„Für viele Jahre wird man gute Handwerker brauchen.“

Auf dem Bahnsteig singt eine Amsel.

Eigentlich Nichts

Es ist nicht so, dass nichts passiert, auch wenn nur wenig passiert. Aber über das Wenige, das dann doch passiert, kann ich hier nicht schreiben.

Das klingt nach grossem Geheimnis, dabei gibt es gar keines, nur einen Beruf, den gibt es schon.

Leider ist aus mir ja weder eine Salondame, noch eine Dichterin geworden. Dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen, auch hier.

Ich hätte zum Beispiel einen Mittwochsverehrer, über den ich stets am Donnerstag schriebe. Aber ich habe an keinem Wochentag einen Verehrer und kann daher auch am Donnerstag nichts über gewagte Mittwochabende berichten.

So bleibt nur wenig Verstreutes, Zusammengewürfeltes übrig.

Zwei Kuchen habe ich für die Mondsteinscheibenfabrik gebacken.

Einen mit Blaubeeren und einen mit Ananas.

Schäbig nehmen sie sich aus meine Kuchen neben den Kreationen der Anderen.

Woran man merkt, dass sich Wettbewerb in alle Gedankengänge geschoben hat, dafür muss man nur auf das Kuchenbuffet starren auf dem sich Meisterwerke türmen die die Bäckereifachinnung alt aussehen lässt. Alle loben die Kuchen der Anderen, aber grämen sich doch recht offensichtlich nicht selbst die dreistöckige Zitronentorte fertig bekommen zu haben. Die Zitronentortenbäckerin hat sogar eine goldene Etagere mitgebracht, um ihr Prunkstück auch angemessen zu präsentieren. Der schlimmste Vorwurf,aber ist erst im Lift zu vernehmen: „Die hat die Torte doch gekauft.“ Es ist ein schwerer Vorwurf, schwerer noch wiegt er als die 3000 Kalorien der Erdbeerbiskuitrolle, um die es geht.

Immerhin kommt bei meinen Kuchen niemand auf die Idee sie seien in einer Patisserie heimlich über den Tresen gewandert. Es sind die kleinen Dinge.

Für den Kuchen bekomme ich einen Schneebesen geschenkt.

Ich fühle mich wie Hans im Glück.

Ein Kälbchen habe ich ja ohnehin schon.

Die Auszubildende macht eine Steinzeitdiät, aber vom Kuchen will sie trotzdem probieren.

„Habe ich von ihnen gelernt Fräulein Read On?”

„Kuchen essen?”

„Nein, Sie sagen doch immer man solle solidarisch sein.“

Die Auszubildende führt nach Punkten.

Aber so sehr interessant ist das natürlich alles nicht.

Vielleicht noch die Sonne, früh am Morgen auf dem Weg zum Weg.

Woanders trifft man mich eigentlich nie.

Es gibt mich nur in zwei Variationen.

Auf dem Weg zum Bahnhof.

Oder auf dem Weg vom Bahnhof.

Genug davon.

Jedenfalls die Sonne. Die Sonne zu betrachten, lohnt mehr als meinen immergleichen Schritten zu folgen.

Die Sonne ist ein rotglühender Ball früh am Morgen. Das ist ein ganz und gar falscher Satz. Die Sonne ist niemals nur ein rotglühender Ball, auch nicht am Morgen. Die Sonne ist immer so viel mehr. Die Sonne ist immer einen Überwältigung.

Die Sonne ist doch in Wirklichkeit eine Opernsängerin aus dem Fenice.

Die Sonne hat doch schon mit Verdi Grappa getrunken, damals in anderen Tagen in einem anderen Venedig, doch vielleicht auch damals schon der gleiche verhangene, milchfarbene Himmel, den sich Venedig und das ländliche Irland teilen.

Die Sonne als Opernsängerin braucht diesen Himmel für die letzten Takte einer grossen Arie. Dann verbeugt sie sich auf dem Balkon, eine rote Robe, flammendes Haar, das Publikum wirft ihr Handküsse zu, sie wirft rote Rosen zurück. So einen Auftritt hat die Sonne an diesem Morgen. So kann man auch in die Oper kommen, auch wenn man gar nicht bezahlt hat für Logenplätze im ersten Rang.

Irgendwo im Hintergrund aber spielt der Mond noch leise Klavier, denn sie ist doch seine, eine grosse Liebe, die Sonne da auf dem Balkon mit der roten Robe und dem flammenden Haar. Wer will es ihm denn auch verdenken?

Hat sich noch etwas zugetragen?

Kaum.

Was soll man schon sagen über einen Mann, der während der Zugfahrt hustet als sei die Kameliendame in Wirklichkeit seine Schwester. Aber Brustkamellen und auch ein Wasser schlägt er aus.

Es wird am Ende doch nicht wirklich stimmen, dass manchen Menschen wirklich nicht mehr zu helfen ist?

Dann steige ich aus unter anhaltendem Husten.

Die Katze hat sich anderntags auf dem Terrassensims mit einer anderen ungleich grösseren Katze mit weissen Pfoten misstrauisch beäugt.

Aber ich kenne die Katze lange genug, um zu wissen, dass Fragen auch die subtilsten  über solche Dinge nur zu schmerzhafter Verlegenheit führen und so lasse ich es bleiben.

Es lohnt sich, sie sehen ja wohin ich will, auch immer einmal wieder zu schweigen.

Mein Vater sucht wieder einmal seinen Pass. Aber das ist in jedem Jahr kurz vor Pessach und der Abreise nach Jerusalem der Fall.

Die liebe C. hat ein Veilchen entdeckt an der Hauswand.

Es wäre schön so ein Veilchen zu sein, denke ich mit der Hauswand im Rücken.

Manchmal gab meine Grossmutter mir kandierte Veilchen zu essen.

Aber das ist schon lange her.

Heute gibt es ja auch Kuchen in der Mondsteinscheibenfabrik.

Das ist alles und ich sagte es ja schon ganz am Anfang, es gibt kaum etwas zu berichten jenseits der Wege vom und zum Bahnhof.

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Ein Mann schreit schon im Flugzeug. „Diese Busfahrer!“ Die sollten nur abwarten bis er käme, er würde sich die Busfahrer schon vorknöpfen. Andere Seiten müsse man da aufziehen. Aber ganz andere. Diese Busfahrer sollten sich frisch machen. Erst streikten die Kinder und nun auch die Busfahrer.
Der Mann schreit immer lauter in sein Telefon und wischt sich mit der Hand über die zitternde Oberlippe. „Frau Annika“, schreit er weiter, denn er ist noch nicht fertig mit den Kindern, den Busfahrern und all den anderen, die nicht so wollen, wie er will, „Frau Annika, das sage ich Ihnen, mein Vater hat früher, das war natürlich alles noch vor der Pleite den Lehrjungen eine Backpfeife verpasst und sie die Werkstatt fegen lassen und das sind alles anständige Menschen geworden.“ Vatern hat ohnehin keine Unterschiede gemacht, wenn ich eine Abreibung verdiente, habe ich sie bekommen. Vor den Augen der Lehrjungen, Frau Annika und ich sage ihnen Vatern hat Recht gehabt und es ist eine Sauerei gewesen mit der Pleite und dann diese Busfahrer.“
Der Mann holt gerade noch einmal Luft, aber dann kommt die Stewardess und der Mann muss das Telefon weglegen. Zwei Minuten später schließt er die Augen. Wut ist anstrengend und die Erinnerungen an den Vater, die Werkstatt und die Schläge sind es wohl auch. In Tegel verliere ich den Mann aus den Augen. Erst in der Taxischlange sehe ich ihn wieder, da streitet er mit einem Taxifahrer über den anvisierten Fahrpreis: „35 Euro, das sind ja siebzig Mark!“ Aber für mehr Empörung fehlt mir die Zeit.

Es ist fast komisch, ausgerechnet wenn die Busfahrer streiken gibt es eine zuverlässigen Pendelshuttle zur nächsten U-Bahn Station, die U-Bahn kommt sofort, die S-Bahn folgt auf den Fuß. Eine Frau aber fragt mich, ob ich wüsste wann der Bus kommt. „Heute ist Streik, sage ich, noch bis 22 Uhr.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt sie und sieht verlegen weg. Die S-Bahn und die U-Bahn fährt aber trotzdem. Sie nickt. „S-Bahn und U-Bahn traut sie sich nicht“, erwidert sie. Sie fühle sich nicht gut dabei, wenn man gar nicht mehr sehen könne, ob so eine S-Bahn denn überhaupt noch von einem Menschen gefahren würde.“ Dann geht sie schnell weg und ich steige in die S-Bahn ein. Die Frau dreht sich noch zweimal um, und bleibt wieder an der Bushaltestelle stehen. Eine Erklärung ist eine Erklärung, aber die Angst der Anderen erreicht sie nie. Aus dem S-Bahnfenster heraus zählt ein kleines Mädchen die Autos. Für sie ist der Streik eine Mathematikaufgabe. „Wie viele Autos passen auf die Straße bis sie platzt?“, fragt sie ihre Mutter. Ihre Mutter schüttelt den Kopf. Das ist nur wegen des Streiks sagt sie und das Mädchen zählt weiter grüne, blaue, rote und silberne Autos. Sie hat viel zu tun. Viele Taxis stehen im Stau und in einem Taxi da schreit ein Mann bestimmt gerade den Taxifahrer oder Frau Annika an.

Im kleinen, verschlafenen südwestlichen Vorort der großen Stadt Berlin aber steht ein Bus und vor dem Bus steht ein Busfahrer und trinkt Kaffee aus einer gewaltigen grünen Thermoskanne. Die Passagiere bestaunen ihn sehr. „Ist doch Streik“, sagt ein Rentner mit Regenmantel und kariertem Schal. Aber der Busfahrer schüttelt den Kopf. „Wir sind doch längst outgesourct und gar nicht drin in die ihre feine Gewerkschaft. Ich wär ja och schon lange in Rente, aber der Sohn hat Schulden und Kinder, da mach ich eben noch Touren hier.“ Wollense denn mit?“ Aber der ältere Herr will nicht mit. „Söhne“, sagt er stattdessen, na das kenn ich auch. Erst hat mir der feine Herr Sohn die Autoschlüssel abgenommen und jetzt stöhnt er, wenn er mich fahren soll. Aber heute ist er dran. Da kommt mir nichts davor. Soll ja keiner sagen können, dass der Streik nicht auch einen Nutzen hat. Der Busfahrer und der ältere Herr nicken sich zu. Der Busfahrer schraubt die Thermoskanne zu, steigt in den Bus, dann hupt er dreimal und fährt davon. Aber da laufe ich schon die lange Straße herunter und winke dem Nachbarn zur Linken zu, der ruft über den Gartenzaun: „Fräulein Read On, sie machen ja immer Sachen, entweder Sturm oder Streik, wenn Sie kommen.“ Ich habe zur Ilse heute früh schon gesagt: „Na wenn das Fräulein nicht bald mal wieder hier auftaucht

„Man tut was man kann, werter Herr Nachbar“, rufe ich und krame nach dem Schlüsselbund.

Vielleicht, oder auch nicht

„Vielleicht“ sagt der Mann im Zug neben mir in sein Telefon, vielleicht ist ja die Antwort sich einfach zu verlieben.“ Der Mann trägt eine blauen Regenmantel und einen gelben Seidenschal. Den Seidenschal dreht er nachlässig mit einer Hand hin und her. Er sieht sich um im Zug, ob da vielleicht die Liebe einsteigt in Coolmine oder Clonsilla, aber die Liebe ist ganz offensichtlich andersweitig verabredet und der Mann seufzt in sein Telefon.
„Was meinst du denn?” Für einen Moment lang ist es ganz still, so als sei der Mann sich nicht sicher, ob er die Antwort denn wirklich hören will. Dann spricht sein Gegenüber sehr lange und der Mann nickt. „Er sei sich der Gefahren in jeder Hinsicht bewusst“, sagt er schliesslich und bevor er das Gespräch beendet, fügt er hinzu: “ Vielleicht ist das mit dem sich verlieben, wirklich kein guter Plan.“ Dann verschwindet das Telefon in der seiner Manteltasche und er sagt zu sich ganz leise noch einmal: „Vielleicht.“

„Vielleicht“, sagt ein Mann neben mir zu einem Kollegen, der heisses Wasser auf einen Teebeutel giesst und Zucker und Milch in die Tasse füllt, vielleicht müsste man es doch noch einmal ganz anders machen.“ „Ich mache den Tee schon immer so“, sagt der Mann und rührt dreimal nach links und dreimal nach rechts. „Nicht den Tee“, sagt der Mann und starrt in seine Tasse, in der der gleiche braune Teebeutel schwimmt.“Ich meine das alles. Job, Haus, Kinder, Auto, Frau, Scheidung. Vielleicht hätte ich doch bei meinem Bruder in Australien einsteigen sollen oder, oder“ und dann fährt der Mann sich durch das Haar. „Ach, ich weiss nicht, nur manchmal denke ich vielleicht…“ Dann starrt er in seine Tasse. Der Tee ist ganz schwarz.“Damn it“, flucht er und giesst den Tee aus. „Vielleicht solltest du es mal mit Kaffee probieren morgens“, sagt sein Kollege. Aber der Mann neben ihm zuckt nur mit den Achseln und wenige Minuten später schon sind sie verschwunden.

„Vielleicht sagt die Auszubildende später, vielleicht ist die Ausbildung zur Bürokauffrau gar nichts für mich.“ Die Auszubildende sieht anklagend in meine Richtung. Ich nicke. Die Auszubildende findet immer dann., wenn ich etwas von ihr will, es sei vielleicht besser, sie begönne es gar nicht erst, denn vielleicht sei es ja ohnehin ganz und gar vergebens. Vielleicht ist alles vergeblich, sagte ich einmal, aber da erschreckte die Auszubildende sich und seitdem schweige ich lieber. Vor einem vielleicht mag man sich mehr fürchten als vor einem Ja oder Nein,das weiss die Auszubildende und ich weiss es auch.

„Vielleicht“, sagt die Sekretärin und will gebeten werden. Also bitte ich. Erst bleibt ihr vielleicht ein vielleicht, ich lobe ihren scharfen Verstand, dann fast unverhofft wird aus ihrem vielleicht ein möglicherweise, dann hat sie genug von meinen Bitten und will es sich vielleicht oder auch möglicherweise noch einmal überlegen. Ich lasse sie ziehen, nur um zwei Stunden später wieder und weiter zu bitten und viel zu oft google ich, was vielleicht alles meinen kann. Die Sekretärin schweigt und ich bitte weiter.
Nach einer weiteren Stunde sind wir bei einem vielleicht mit einer Tendenz angekommen. Wohin die Tendenz aber geht scheint ungewiss. Derweil klingeln zwei Telefone und fragen nach dem Stand der Verhandlungen. „Ist ein halbes vielleicht doch schon ein Ja?” Aber mein Gegenüber will Sicherheiten.
Die Sekretärin starrt mich lange an. Die Sekretärin hat viele Jahre das Vorzimmer eines berüchtigten Finanzdienstleisters verteidigt. Für die Sekretärin bin ich ein kleiner Fisch. Die Sekretärin kann auf viele hundert Arten ein nein formulieren. Ihr Nein ist undurchdringlicher als ein Maschendrahtzaun. Ihr Ja ist immer ein Geschenk und sie ist vorsichtig und sehr verschwiegen, wer es wann und warum aus welchen Gründen erhält. Aber mit ihrem Ja oder nein, kann man leben. Es ihr vielleicht, dass einen zittrig und unruhig werden lässt, es ist ein vielleicht, das viel Platz lässt für mehr als ein ja oder nein, es ist ein vielleicht der tausend Möglichkeiten von denen nicht eine einzige zutreffen muss. Es ist wiegt schwerer und lockt einen doch immer wieder auf seinen Weg, dieses, ihr vielleicht, geübt und geprobt in Jahrzehnten vor schweren Türen, auch wenn es noch so den Anschein hat, es sei noch so beiläufig fallen gelassen und eigentlich schon in einem ohnehin zu tiefen Teppich versunken. Ihr vielleicht ist aus Stahl und wäre ihr vielleicht eine Rose, so zöge man sich noch Wochen später , die Dornen aus dem Finger ohne das man auch nur einen Zentimeter weitergekommen wäre.
Ihr Vielleicht ist ein Wartesaal in dem Samuel Beckett die Zeitung liest ohne aufzusehen.
Ich versuche es trotzdem noch einmal und frage nach, was aus dem Vielleicht denn nun geworden sei. Ja, sagt sie und ich will schon erleichtert austamen, da sagt sie ohne weiter von ihrem Computer aufzusehen. Vielleicht überlege ich es mir aber auch noch einmal.
Wird es denn klappen, fragt man mich später. Vielleicht, sage ich und zucke mit den Achseln, vielleicht auch nicht. Vielleicht weiß man es immer erst ganz bestimmt, wenn es zu spät ist.

Sieben Wochen Ohne

“Es ist Fastenzeit, Fräulein Read On“, ruft die Auszubildende schon vor acht Uhr.
„Oh“, sage ich Auszubildende, darf ich annehmen, dass Sie vielleicht das zu spät kommen fasten in diesem Jahr?
Am Mittwoch nämlich beginnt die Arbeitszeit der Auzubildenden um 7. 30 Uhr. Aber um 7. 30 Uhr bin zwar ich im Büro, aber nicht die Auszubildende.
Aber die Auszubildende wäre ja nicht die Auszubildende liesse sie sich von meiner Nachfrage auch nur ein kleines bisschen erschüttern.
„Nein, Fräulein Read On, zirpt sie, pünktlich kommen wäre ja zu einfach, da müsste ich ja einfach nur früher aufstehen.“
„Sie wissen wirklich nichts Fräulein Read On! Fasten muss doch weh tun. Ich faste dieses Jahr Nägel.
Nun hatte ich bis dato nicht angenommen, dass die Auszubildende nach getaner Arbeit, eine Tätigkeit als Heimwerkerin zu beginnen dächte, aber bekanntlich weiss man nichts über andere Menschen und so krächze ich mit mühsam verborgenem Erstaunen.
„Sie fasten Nägel?“
Die Auszubildende seufzt und findet selbst, dass sie sich eine nicht unerhebliche Herausforderung auferlegt habe.
„Ich werde aussehen wie ein Biest“, sagt sie und für einen Moment glaube ich wirklich, dass die Auzubildende rotige Nägel aus alten Dielenbrettern extrahiert.
Aber dann bleibt die Auzubildende doch die Auszubildende die ich kenne und zeigt mir ihre Fingernägel.
„Ich faste das Nagelstudio, Fräulein Read On.“
Die Auszubildende, das muss man nämlich wissen, betreibt wenige Dinge mit solch religiöser Hingabe wie den Besuch eines Nagelstudios, wo sie Woche für Woche ihre Fingernägel feilen, lackieren und mit Glitzerintarsien verzieren lässt.
Der Auszubildenden sind ihre Nägel heilig.So sehe ich dann doch erstaunt auf und sage: „Alldieweil Auszubildende, da haben sie sich ja wirklich etwas vorgenommen.“
Die Auzubildende ächzt und seufzt zustimmend.
„Es ist wirklich eine Katastrophe und es ist ja auch nur weil die Manuela bei ihrer Schwester in Australien zu Besuch ist und die Manuela macht mir doch den Sonderpreis und wenn ich dann jetzt zu jemand anderem gehe, dann kriegt die das doch mit und dann muss ich voll zahlen und das will ich nicht, denn ich hab ja die Abmachung mit der Manuela und den super Sonderpreis und na ja ich bin ja auch nicht blöd.“
„Jedenfalls, fährt die Auzubildende fort, werde ich jetzt aussehen wie ein Biest.“
Ich nicke besänftigend und sage, dass es so schlimm ja gar nicht kommen wird und man ja ohnehin wisse, dass unter so manchem Biest eine Prinzessin verborgen sei. Prinzen sind natürlich mitgemeint.
Die Auzubildende fotografiert noch einmal ihre unbiestigen Glitzernägel und ich erinnere die Auzubildende noch einmal an den Beginn der Arbeitszeit, die Auzubildende findet mich spiessig und so geht der erste der Fastenmorgen dahin.

Um halb elf Uhr treffe ich den verehrten Herrn Direktor. Der verehrte Herr Direktor sieht hungrig drein.
Ich sage lieber nichts. Auf das Offensichtliche soll man ja überhaupt nur im Notfall hinweisen.
Ich faste sagt der Herr Direktor dann auch gleich.
Oh, sage ich.
„Das Leben, Herr Direktor, verlangt einem gläubigen Katholiken einiges ab“, merke ich an.
Der Herr Direktor schüttelt den Kopf.
„Ach, Fräulein Read On mit dem Papst lebe ich ja nicht zusammen, wohl aber mit Frau und Kindern, die einen strengen Fastenplan zusammengestellt haben.“
„Was ist denn noch erlaubt Herr Direktor?
„Tofu, Fräulein Read On.
„Oh, Herr Direktor.“
Dann schweigen wir beide und der Herr Direktor greift zu einer Flasche Wasser. Wasser scheint auch noch erlaubt zu sein.
Dann gehen wir unserer Wege.

Am frühen Nachmittag treffe ich die Sekretärin auf dem Flur.
„Also, Fräulein Read On, ich faste ja Schokolade und Zucker und Sie? In der Hand hält sie eine Banane.
„Oh, sage ich, sie fasten also gleich doppelt?
Die Sekretärin schaut mich ein bisschen mitleidig an. Die Sekretärin schaut mich sehr oft mitleidig an, denn die Sekretärin hat herausgefunden, dass ich viele Jahre meines Lebens über einem Haufen alten Papiers verbracht habe.
„Nein“, sagt sie nur Schokolade und Zucker.“
Man soll niemanden den Glauben nehmen und so fange ich gar nicht erst an eine Bemerkung zu Fruchtzucker hintendrei zu schieben.
Fasten ist doch ohnehin schon hart genug.
Aber die Sekretärin lässt nicht locker. „Nun sagen sie schon, Fräulein Read On, was fasten sie denn?“
„Nichts“, sage ich, ich faste überhaupt nicht.“
Die Sekretärin hustet böse.
„So etwas habe sie sich schon gedacht.“
Ich lächle freundlich und die Sekretärin schüttet noch mehr Süssstoff in ihren Kaffee.
7 Wochen ohne, sagt sie triumphierend.

Wirklich, wer fastet der muss Opfer bringen noch mit der Kaffeetasse in der Hand.
So gehe ich dann meiner Wege.

Die Auzubildende ist am Telefon und winkt mir zu.
„Fräulein Read On, vielleicht muss ich doch nicht als Biest gehen. Die Lisa, die kennt eine Maria und die Maria kennt eine Nadine und die macht Nägel zu Hause und die sind viel günstiger als bei der Manuela und sieben Wochen ohne Nägel das ist doch nicht menschlich.“

„Bei G“tt denke ich, es ist nicht immer leicht kosher durch den Tag zu kommen, auf so viel Fastenleid muss ich natürlich gleich einmal einen Riegel Nusschokolade verzehren aus Mitleid natürlich, das versteht sich ja ganz von selbst.

Sonntag

Unsichere Träume. Von einer Katze geträumt, die mich auf eine Straße hinauslockt. Die Straße ist verschwommen, so als läge dichter Nebel über den Häusern. Eine Mülltonne fällt um. Erste glaube ich eine Ratte läuft hinter der Mülltonne hervor, aber dann sehe ich einen Mann mit einem silbernen Hut hinter der Mülltonne kauern. Sie sind gleich zurück, sagt er zu mir und ich nicke, als wüsste ich genau wovon er denn spräche. Mein Name ist Ernst Lubitsch, sagt er förmlich. Aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wer ich denn sein könnte. Dann wache ich auf. Aber alle außer mir schlafen. Die Katze, der Hund und neben mir mit einem Plüschfußball im Arm, der tierärztliche Neffe. Ich stehe ganz vorsichtig auf und sehe nach ob alle Fenster verschlossen sind. Ganz vorsichtig ziehe ich die Decke des kleinen Jungen neben mir wieder hoch.

Am Morgen toben das Kind und der Hund. Die Katze sitzt indigniert auf der Anrichte und schweigt. Vor der ersten Milch verliert sie ohnehin nie ein Wort. Ich richte Müsli für den kleinen Monsieur an. Das übe ich schon seit ein paar Jahren und immer ist es falsch. Die Flocken sind zu gatschig, das Obst ist bäh oder die drübergestreuten Kerne sind pfui, aber heute das löffelt der tierärztliche Neffe das Müsli so schnell aus, das nicht einmal Hund oder Katze einen bettelnden Blick zwischen Schüssel und Löffel legen können. Ich freue mich doch sehr, bin ich doch beim Tierarzt auch immer nur wieder krachend gescheitert.

Das erste Lächeln nicht aus Pflichtgefühl dieser Woche.

„Du kommst doch mit?“, hat der kleine Monsieur mich immer wieder gefragt.

„Na klar“, habe ich immer wieder gesagt, aber auch noch als wir im Bus zum Sportplatz sitzen, hält er meine Hand ganz fest.

Ich möchte dem Jungen neben mir mit den Stollenschuhen, dem Messi-Trikot und dem Baseball-Cap sagen, dass ich immer mitkommen will, solange er mich dabeihaben will, aber das kann ich nicht versprechen. Ich weiß nicht wie lange die Schwester des Tierarztes mir den Umgang erlaubt. Aber heute da fahren wir zusammen zum Spiel. Der kleine Monsieur spielt Fussball und heute ist ein schweres Spiel gegen einen Verein, in dem die Buben alle fürchterlich groß ausschauen im Gegensatz zu der Mannschaft, in der auch der kleine Monsieur spielt.

„Toi, toi toi“ rufe ich ihm hinterher.

Ich stehe bei den anderen Müttern am Spielfeldrand.

Hallo, sage ich.

Die Mütter nicken.

„Ihr Sohn?“, sagt eine Mutter zu mir als ich ganz besonders fest die Daumen halte für den kleinen Buben, der so schnell rennt wie er kann, um den Ball zu haschen.

„Nein“, sage ich. Ich bin nur die Begleitung.

Eine dritte Mutter dreht sich um und sagt: „Können oder wollen sie nicht?“ „Kinder liegen ja nicht jedem.“

Ich sehe sie an und sage nichts.

Was soll ich ihr sagen?

Dass ich meine Vorstellung auch Kinder zu haben, auf dem Friedhof begraben liegt. Da gehe ich hin, einmal die Woche.

Aber das ist ja nicht sozialverträglich und so sage ich nichts.

Die Mutter erklärt mir wie sie satt sie es habe, selbst hier und sie zeigt auf das Spielfeld von Leuten wie mir umzingelt zu sein, für die das ganze Leben nur ein einziger Spaß sei.

Ich stelle mich weg. Überall werden dieser Tage Grenzen gezogen.

Die Mannschaft des kleinen Monsieurs verliert. Wir gehen ein Eis essen. Ein großes Eis zum Durchatmen. Eins für den Neffen und eins für mich. Dann atmet es sich leichter. Auf dem Rückweg schläft der kleine Monsieur fest ein. Das ist für dich Tierarzt denke ich mir. Das hier sind deine Erinnerungen und ich bin doch eigentlich nur ein übriggebliebener Gast, der die richtige Uhrzeit zum Gehen verpasste.

Später am Nachmittag bringe ich den kleinen Monsieur zurück zu ihm nach Haus. Seine Mutter sagt kein Wort zu mir. Ich winke noch einmal vor dem Fenster. Ein stummer Zaungast in einem zu weitem Wetterfleck.

Nach Hause gelaufen, Tee getrunken, Wäsche aufgehangen, aus dem Fenster gesehen, mit meiner Schwester telefoniert, ein Buch begonnen das in Dublin spielt und ich kenne alle Plätze, Straßen, merkwürdige Vertrautheit ganz plötzlich. Lange war Dublin mir so fremd und ich brachte immer wieder auch altbekannte Straßen durcheinander.

In diesem Jahr noch fast kein Deutsch gesprochen. Das letzte Deutsch was ich noch habe liegt hier in diesem Blog. Manchmal anderthalb Sätze auf Twitter das ist alles. Am Samstag ein Telefonat mit der Mali-Tant, deren alten Wiener Dialekt ich oft kaum verstehe. Er hat nichts von den Wiener Wörtern, die meine Großmutter mir mitgab, es ist eine andere Sprache. Ich habe das nie annehmen wollen, dass ich einmal aufhören würde Deutsch zu sprechen, aber es ist wahr geworden. Deutsch ist nur noch Papiersprache. Es löst sich schon auf an den Rändern das Papier und meine Großmutter hat schon seit Jahr und Tag aufgehört mir zu antworten. So geht einem das was einem sicher schien, doch verloren.

Einen Zimtkringel gegessen. Mir am Tee den Mund verbrannt.

Überragende Müdigkeit.

Mehr gibt es nicht zu berichten.

Was ich alles nicht gemacht habe

Keine Wohnung gekauft. Dabei würde ich doch so gern oder so dringend oder beides zusammen. Aber die Wohnung war in der Realität noch viel schrecklicher als in der Annonce. Schrecklicher als die heruntergekommene und wahnsinnig überteuerte Wohnung mit Wasserflecken an jeder Wand war nur das Lachen des Immobilienmaklers, der unter wieherndem Gelächter erklärte, was diese Wohnung für ein Schmuckstück sei. Sein Lachen verfolgt mich noch im Treppenhaus. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlsuppe und den Ambitionen des Immobilienmaklers. Ich laufe davon so schnell ich nur kann.

Keine Granatäpfel mehr auf dem Markt bekommen. Ich war zu spät und der Händler schon davon gefahren. Ich verfluche den Immobilienmakler und das Leben an sich.

Die Zeitung nicht zu Ende gelesen. Nicht einmal zur Hälfte, um ehrlich zu sein.

Keine bessere Laune bekommen, trotz einer Zimtschnecke mit Hagelzucker darauf.

Mich nicht darüber beruhigen können, wie viel Platz die Autos haben und wie wenig Rand für Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit rotem Ball und alte Hunde bleibt. Wie kann das sein, frage ich mich immer öfter, dass wir uns so leise, so unbemerkt, ohne jeden Protest so viel Platz haben nehmen lassen? Warum nur gilt unsere Nachsicht den Parkplätzen auf denen niemand mehr Springseil übt und auf denen Blumen nur zufällig doch bestehen bleiben? Wie haben wir das nur zugelassen, ohne bunte Plakate, ohne Sitzstreik, ohne Beschwerdeberiefe an den Bürgermeister, warum sind wir nur so unendlich geduldig, dass auch am Sonntag die Straßen mit Autos verstopft sind und der Hund und ich auf unserem Spaziergang zwar zweimal fast von einem aus einer Ausfahrt herausbretternden Autofahrern erfasst werden, aber keinem einzigen Buben mit einem Roller treffen? Wie kann das sein, dass man als Fußgänger elend lange auf dreißig Sekunden Grün warten muss, nur um bös angehupt zu werden, wenn man mit einem alten Hund doch vierzig Sekunden braucht. Warum nur leuchtet es uns so ein, dass grundsätzlich alle Freiheit beim Auto liegt und alle anderen Verkehrsteilnehmer nur störendes Übel sein können? Warum eigentlich ist alle Welt eigentlich der Überzeugung den richtigen Blick auf die Welt gäbe es nur vom Lenkrad aus? So viel Protest sieht man dieser Tage, aber unsere Wege, Städte und Dörfer haben wir einfach so, schulterzuckend aufgegeben.

Darüber kann ich nicht aufhören mich zu wundern.

Auch beim Wiederlesen von Stolz und Vorurteil keine Sympathie für Charles Bingley gewonnen. Kaum ein Charakter ist mir so unsympathisch wie Jener. Dafür mich wieder ein bisschen mehr in Charlotte Lucas verliebt, die pragmatischer und grundsätzlicher auch als alle anderen Austen Figuren sich eine Freiheit erheiratet, über die alle anderen nur lachen können. Sie ist die Einzige auch, die nicht mitmacht, obwohl es so einfach wäre auch für sie dem Deppen Mr Collins eins mitzugeben und sie macht es nicht. So viel Glück, denke ich mir wieder und wieder werde ich wohl nicht haben, dass mich jemand so sieht wie Charlotte Lucas. Man merkt es ja selbst immer erst, wenn es zu spät ist, dass man längst selbst Mr Collins geworden ist.

Keinen Krokus zertreten und über kein Schneeglöckchen getrampelt.

Keinen Kuchen mit der Katze geteilt.

Keine angenehmen Träume mehr.

Keine Nachrichten gehört.

So lange schon nicht mehr Klavier gespielt.

Trotz erklärtem Vorsatz kein Kleid gekauft.

Keinen Kaffee gemahlen.

Keinen Krümel Tee mehr in der alten Dose gefunden.

Auch daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nicht einmal einen Einkaufszettel geschrieben.

Auch nicht im Kino gewesen. Ob Isabelle Huppert wohl noch Filme macht? Vielleicht sitzt Isabelle Huppert ja auch lieber irgendwo im Süden und sieht hinaus auf das Meer.

Keine Muschel am Strand aufgehoben.

Keine zweite Wohnung besichtigt.

Keinen Knopf gefunden mit dem sich das Gackern des Immobilienmaklers hätte ausstellen lassen.

Keine Pläne gemacht.

Keine Freunde getroffen.

Am späten Nachmittag im Garten eine Taube mit abgerissenem Kopf im Garten gefunden. So schöne bunte Federn.

Ein Loch gegraben, die Taube beerdigt, aber kein Lied gesungen. Mit Vögeln soll sich der Mensch nicht messen. Einen Stein auf das Grab mit der Taube gelegt.

Die schwarze Katze oben im Baum mit grünen und blauen Federn im Maul erst viel zu spät gesehen.

Den Blick nicht abgewandt von der Katze und den bunten Federn über mir.

Anna

Das letzte Mal habe ich Anna vor vielen Jahren gesehen. So viele Jahre liegen zwichen Anna und mir, dass ich nicht mehr weiß wie viele Jahre genau.

Das letzte Mal als ich Anna sah, lebte ich in Berlin.

Das letzte Mal als ich Anna sah, hatte ich ganz kurze Haare.

Aber Anna hatte immer ganz lange Haare.

Anna war die Freundin meines Freundes J.

Der J. und ich hatten Freundschaft in einem Waschsalon geschlossen.

Bevor ich J. kannte, wusste ich schon von Anna.

J. sagte zwischen den sich drehenden Waschmaschinentrommeln: Ich bin Jan und die Frau, die ich liebe, heißt Anna.

Ich nickte und sagte: Hallo, J. der Anna liebt.

Dann sahen wir auf die Buntwäsche.

Wir teilten uns eine Stange Pfefferminzdrops und eine Tüte grüner Haribo-Frösche.

Zwei Tage später traf ich Anna zum ersten Mal.

Anna war hell, so hell, dass ich erst einmal blinzeln musste. Ich war nie hell und damals als ich Anna traf, war ich besonders dunkel.

Anna aber lachte mit offenem Mund, sie schlang die Arme um J., wie es eigentlich nur Kinder tun, sie spielte Gitarre, Anna spielte Gitarre und J. sah Anna zu wie sie liebte und lebte, ganz aus dem Vollen. Man musste einfach lächeln, wenn Anna kam.

Anna hatte immer Ideen. Auf ein Hausboot ziehen. Die Anden erkunden. In Thailand ein Fischerboot zu einer Bar ausbauen. In Sizilien auf einer Steintreppe selbstgezogene Kerzen verkaufen.

Jeden Anderen hätte man belächelt, aber Anna bewunderte man insgeheim und man wollte sofort ein Interrail Ticket lösen, um mit ihr loszuziehen.

Niemand fragte Anna, woher sie sei. Alle wollten immer wissen, wohin Anna wohl als Nächstes ginge.

Ich war gar nicht so wenig neidisch auf diese Frage.

Aber Anna lachte und wenn man sie zwei Wochen später sah, war sie gerade erst mit dem Zug aus Budapest angekommen oder hatte in einem Kloster in Oberbayern Schals gebatikt.

Anna war Ballerina und konnte Traktor fahren.

Aber Anna liebte auch J. und wann immer er dazukam, strahlte sie heller noch und hielt seine Arme fest, so fest es ging.

Eines Tages Anna und ich kannten uns ein halbes Jahr, da machte der J. ihr einen Heiratsantrag.

Anna sagte Ja.

J.sagte immer wieder: Sie hat wirklich ja gesagt.

Nie wieder habe ich J. so glücklich gesehen wie an jenem Tag.

Das war vielleicht zwei Wochen bevor ich Anna das letzte Mal sah.

Das letzte Mal habe ich Anna in einem Brautmodengeschäft in der Schlüterstraße gesehen.

Anna wollte eine spontane Hochzeit und ein Kleid für eine Hochzeit, die man mindestens ein Jahr im voraus plant.

Anna probierte immer neue Kleider an.

So schön war Anna. Draußen vor dem Schaufenster blieben Passanten stehen, um Anna anzusehen.

Anna winkte.

Ich lachte so sehr an diesem Nachmittag mit Anna. Vielleicht habe ich nie wieder so gelacht wie damals mit Anna.

Sie suchte ein Kleid aus, das ihr weich um die Knöchel fiel. Ein Kleid aus Stoff und Tüll, mit Spitzenbesatz, ein Kleid wie aus einem Märchen. Ein Kleid wie es nur Anna einfallen konnte, die schwor sie würde genau zu diesem Kleid schwere Haferlschuhe tragen und die alte Strickjacke ihrer Mutter mit den Rosenknospen.

Die Verkäuferin strahlte, wir strahlten und der J. bezahlte das Kleid.

Der J. ging zurück zur Arbeit.

Anna küsste mich zweimal links und zweimal rechts.

Sie roch nach Jasmin und grünem Tee, glaube ich.

„Ich ruf dich später an“, sagte Anna und dann lief sie los.

Sie trug ein gelbes Kleid mit weißen Streifen.

Es war ein Sommertag in Berlin als ich Anna zum letzten Mal sah.

Angerufen hat Anna mich nicht.

Nicht am Abend.

Auch nicht einen, oder zwei Tage später.

Sie meldete sich auch nicht bei J.

Der J. hängte das Kleid zum Lüften an den Schrank.

J. fuhr durch die Berliner Krankenhäuser und fragte nach Anna.

Aber da war Anna nicht.

Nach einer Woche ging er zur Polizei.

Es gibt immer wieder Menschen, die verschwinden und nicht gefunden werden wollen, sagte der Polizist.

Anna und ich wollen heiraten, sagte der J.

Aber Anna meldete sich nicht.

Der J. hängte das Hochzeitskleid in den Schrank.

„Sie kommt bestimmt wieder“, sagte J.

„Ja“, sagte ich.

Aber Anna kam nicht zurück.

Manchmal sagten Freunde sie hätten von Anna in Sydney gehört.

Oder sie hätten Anna mit einem Freund in Hongkong gesehen.

Irgendwann hatte der J. kein Geld mehr um spontan nach Sydney zu fliegen.

Anna blieb verschwunden.

Aber wenn jemand den J. fragte auch noch zehn Jahre oder fünfzehn Jahre später, ob er mit jemanden zusammen sei, dann sagte er, er würde auf Anna warten.

Manchmal in all den Jahren, die vergingen und in denen der J. sich oft verlor, rief er mich an und sagte: „Du hast doch Anna gekannt.“

„Ich weiß nicht“, sagte ich und oft fuhr ich dann los und suchte nach J.

So vergingen die Jahre.

Das Brautkleid frassen die Motten.

Den J. frisst die Arbeit auf.

Aber nach Anna sucht er nicht mehr.

Keiner seiner Freunde fragt mehr nach Anna.

Den Freundeskreis jener Jahre gibt es nicht mehr.

Der J. nimmt manchmal eine Frau mit nach Haus, aber über Nacht bleibt sie nie.

Seine Telefonnummer ist noch immer dieselbe.

Wenn wir uns in Berlin sehen, sprechen wir über alles, aber nicht über Anna.

Einige Jahre lang schrieb ich ihrer Mutter.

Aber irgendwann kamen die Briefe ungeöffnet zurück.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich in den letzten zwei oder drei Jahren kaum noch Anna gedacht.

Längst kenne ich andere Annas und ihr Name ist nur noch ein fernes Echo.

Ein Brautkleid habe ich selbst nie gekauft.

Aber immer mal wieder habe ich mit einer Freundin in einem Brautmodenladen gesessen und ihr zugesehen, wie sie ein Kleid aus Tüll anprobierte. Nur gelacht habe ich nie mehr so wie an jenem Nachmittag mit Anna.

Aber das habe ich den Freundinnen nie gesagt.

Eine getrocknete gelbe Rose erinnerte mich immer mal wieder an Anna.

Aber eigentlich erinnerte mich nur der J. noch an Anna.

Denn der J. liebt Anna noch immer.

Irgendwann hat der J. eine Therapie gemacht. Der Therapeut sagte er müsse eben loslassen und sich auf neue Erfahrungen einlassen. Aber der Therapeut wusste nichts von Anna und ihrem Lachen.

Gesprochen aber haben der J. und ich auch nicht mehr über Anna.

Nur geschwiegen haben wir über Anna.

Heute Nachmittag aber ich hatte gerade ein anderes Telefonat beendet und dem D. versprochen mich einer Angelegenheit anzunehmen, da klingelte das Telefon. Ich dachte die vorherige Anruferin hätte etwas vergessen.

Aber die Stimme am Apparat war eine Andere.

„Hallo, hier ist Anna“, sagte die Stimme am Telefon, so viele Jahre später, heute um 16.34 Uhr.

Schnell genug

Noch einmal oder schon wieder umziehen.

Das liegt ja immer im Auge des Betrachters.

Ich weiss, sage ich zur Katze. Ich weiss doch, schön ist das nicht.

Aber selbst die Katze, die es doch zu einem Grundsatz gemacht hat, mit mir niemals einer Meinung zu sein, schweigt und nickt mir zu, so als wolle sie mir sagen. „Schon Recht, ich seh es ein, aber gib mir ein oder zwei Tage, ich will den schönen Kater noch einmal wiedersehen.

Soll sein Katze, soll sein, sage ich.

Ich weiss, sage ich zum treuen alten Hund, ich weiss, leicht ist das nicht.

Aber der treue, alte Hund, der doch Veränderung nicht leiden mag, schleppt seinen Schuh heran und legt ihn auf den Koffer. Dann bleibt der Hund einfach sitzen.

Ich denke an die Frau des Krämers. Die Frau des Krämers wusste natürlich gleich, dass mein Weggang aus dem Dorf in der Katastrophe, meiner wohlgemerkt nicht der des Dorfes enden würde. Das kleine Dorf wird es immer geben und

Meinen Einwand, dass das Dorf diametral entgegengesetzt zur Mondsteinscheibenfabrik liegt und das Haus zu einem Preis verakuft wurde, den ich auch in zwei Arbeitsleben nicht werde aufbringen könne, liess die die Frau des Krämers nicht gelten. „Sie werden schon sehen“,  sagte sie finster und ich packe meine Schuhe ein und werfe so viele Dinge weg, damit ich wenn ich wieder umziehen muss, noch schneller sein kann. Immer noch schneller, sage ich mir und halte mich mit den Händen an meinen Armen und mit meinen Armen an der Wand fest. Sonst ist ja auch niemand da.

Auf Schnelligkeit kommt es an, wenn man Schlägen ausweichen will, das weiss ich schon so lange. Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Lieber weitergehen, denke ich und hoffe eines Tages wird auch die Frau des Krämers aufhören Recht zu haben. Aber manchmal befürchte ich die Frau des Krämers wird immer Recht behalten und noch mehr fürchte ich, dass ich eines Tages nicht mehr schnell genug sein werde und dann hat das Schicksal oder wer auch immer sich gerade als Schicksal verkleidet mich bei den Haaren packt und nicht mehr gehen lässt.

Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Das weiss ich ganz genau.

Also dann, sage ich und packe das was ich habe in zwei Koffer und einen Rucksack, die vielen Kartons mit Traurigkeit hab eich gar nicht erst aufgemacht, sondern sie stapeln sich links und rechts und in der Mitte. Alle Kartons sind sorgfältig nummeriert. Man soll sich vorsehen, dass die Traurigkeit nicht durcheinander gerät. Wenn die Traurigkeit erst einmal ausbricht aus den Schachteln und Kartons, dann gibt es kein Halten mehr. Nicht für die Traurigekit und auch nicht für mich.

Die Bücher trage ich ins Büro.

Es sind immer die Bücher, die mich dann doch noch aufhalten. Immer schon. Man muss nur wissen, was einen aufhalten wird.

Das ist alles, was man wissne muss.

Die Katze kommt in den Korb.

Der Hund kommt an die Leine.

Der Taxifahrer sagt:

„Hund und Katze geht das denn?“

„Sie haben mein Kälbchen noch nicht gesehen“, sage ich.

Der Taxifahrer starrt mich an.

„Ist das alles?“

Ich nicke.

Mehr ist es ja nicht.

Die Katze schwenkt missmutig ihren Schwanz.

Die Katze findet ein Korb, auch ein besonders feiner Weidenkorb sei kein angemessenes Transportmittel für eine Majestät.

„Verkehrssicherheit“ zische ich der Katze zu.

Der Hund rollt sich auf dem Boden zusammen.

Der Taxifahrer erzählt mir lang und breit, was er so alles mit Politikern zu tun gedächte.

Der Taxifahrer ist dabei nicht unbegabt.

Der Taxifahrer hupt.

Er sagt ich solle mir seine Nummer notieren.

„Er sei schnell da.“

„Das ist gut zu wissen“, sage ich.

Dann sind wir da.

„Aufgepasst“, sage ich zu Hund und Katze.

„Der erste Eindruck ist entscheidend.“

Der Hund verzieht sich hinter meine Beine.

Die Katze knurrt misslaunig.

Wäre ich nur in der Lage Kätzisch zu verstehen, so sagte sie gewiss: „Hast Du schon einmal jemanden bella figura in einem vergitterten Weidenkorb machen sehen?“

Bevor ich: „Contenance“ zischen kann, geht die Tür auf.

In der Tür steht die T.

„Ihr Lieben!“ sagt sie. Ich freue mich so.

„Es tut mir so leid, sage ich.“ Die Katze hat gar keine Manieren und der Hund hat auch keine Manieren, aber der Hund bemüht sich.

Die T. Sagt: Wie hat denn die Katze ihre Milch am Liebsten? Im Flur hat die T. Bilder ihrer drei leider verschiedenen Perser-Katzen hängen.

Die Katze verlässt erhobenen Hauptes den Korb und himmelt die T. an. Zwei Minuten später schnurrt sie auf dem Arm der T. Fünf Minuten später schleckt die Katze Milch. Zehn Minuten später hat die Katze einen Sessel zugewiesen bekommen. Der Sessel hat Kissen. Die Katze sieht mich an: „Das ist eben dein Problem Read On, nur weil dich niemand liebt, nimmst du an, das müsste allen so gehen. Sieh wie Du dich irrst!“ So viel Kätzisch kann ich dann doch.

Der Mann der T. krault den Hund hinter den Ohren und sagt: „So ein treuer, alter Hund.“ Die T. wollte ja immer Katzen, aber ich wollte immer einen Hund.“ Der Hund schnorchelt leise und sehr zufrieden. Der Hund hat nichts gegen Freundschaftsbekundungen, der Hund will nur mit Menschen nichts zu tun haben, die einen Ball in die Luft werfen und finden ein Hund sollte den Ball fangen und das auch noch gut finden. Aber der J. will den Hund nicht zu Albernheiten zwingen. Der J. will Fernsehen schauen und den Hund streicheln. Der Hund sieht gern fern und J. hat warme Hände.

Die T. zeigt mir mein Zimmer.

Das Zimmer geht in den Garten hinaus.

Ich müsste mir die Schuhe ausziehen.

Ich müsste die Koffer auspacken,

Ich müsste die Kisten mit Traurigkeit ordentlich stapeln.

Ich müsste Schwesterchen und die liebe C. anrufen.

Ich müsste herausfinden, wie ich zur Bahnstation komme, die zur Mondsteinscheibenfabrik führt.

Ich müsste der T. und dem J. noch einmal danken.

Aber ich kann nur auf dem Stuhl sitzen und in den Garten sehen und wieder und wieder denken: Du warst noch einmal schnell genug.

So lange sitze ich auf dem Stuhl und sehe in den Garten bis die Stimme in meinem Kopf leiser wird und ich kaum mehr hören kann, wie sie sagt: Was ist wenn du zu langsam gewesen wärst?

Noch einmal schnell genug davongekommen.

 

Im Bus mit Theresa May

Immer am Mittwoch und Freitag fahre ich mit Theresa May Bus.

Ha, höre ich Sie sagen, nun ist das Fräulein Read On ja wirklich ausser Rand und Band geraten und will uns ein X für ein U vormachen. Theresa May das weiss doch jeder, lebt  in London und nicht auf der kleinen, reichlich verregneten Insel auf der besagtes Fräulein ihre Tage fristet. Ausserdem fährt doch eine britische Premierministerin nicht mit dem Bus durch die Gegend, sondern wird selbstredend gefahren.

Aber stur sein kann ich auch und ja, schütteln sie ruhig den Kopf, denn Theresa May sitzt ja doch in dem Bus in dem auch ich zum Bahnhof brause.
Ein Arbeiterbus ist die Nummer 15, dort sitzen keine geschniegelten Salesmen oder Professorenehepaare oder gar Richter mit ihrer Perücke in einer braunen Schachtel.

Der Bus Nummer 15 ist ein Bus der kleinen Leute und des grossen Gähnen. Die Geschichten im Bus Nummer 15 beginnen nicht in Irland, sondern in Nigeria, Vietnam, oder in einem Plattenbau.

Im Bus Nummer 15 wird mehr geschwiegen als gesprochen, keiner hat eine Handtasche dafür haben die Reisenden grosse Beutel mit Wechselsachen. Der Bus Nummer 15 teilt sich in Frauen, die sauber machen, vom sauber machen kommen und in Männer, die auf dem Bau arbeiten gehen.

Im Bus Nummer 15 bekreuzigen sich die Frauen, passiert der Bus eine Kirche und die Männer hauchen K Küsse in ihre Telefone, denn irgendwo in Polen oder Rumänien warten ihre Kinder darauf, dass Papa anruft.

Aber am Mittwoch und Freitag sitzt eben auch Theresa May zwischen uns allen, auf dem dritten Sitz links von vorn. Sie sitzt immer am Fenster und – sicher ein Zugeständnis an ihre Security Männer- sie hat einen enormen Regenschirm mit einer silbernen Spitze bei sich.
Im Bus Nummer 15 tragen alle Polyester oder Sicherheitsschuhe, aber Theresa May dort am Fenster sieht exakt so aus wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Am Feitag trägt sie einen Kamelhaarmantel, der so weich ist wie eine Mohairdecke und ihre Fingernägel sind dazu sehr dezent, aber eben auch sehr sichtbar teuer in einer Art dunklem Nilgraubraungrün lackiert.
So etwas bekommen sie nicht in Dublin, wohl aber in London wo man ja bekanntlich alles bekommt.

Exakt die gleiche Kette wie Theresa May sie trägt liegt auch um ihren Hals und mit einer ganz und gar grazilen Handbewegung richtet sie dann und wann, wenn der Bus Nummer 15 sich bedenklich schwer in einer Kurve neigt ihre Kette.
Natürlich ist das Haar der Premierministerin Englands, Schottlands, Wales und Nordirlands auch im Frühbus absolut und ohne Zweifel auf Kante geföhnt. Es gibt wohl nur wenige Friseure die ihr Handwerk so verstehen wie der Friseurmeister einer Premierministerin und ihre Kopfbewegung ist so bestimt, so zielstrebig, so ausserordentlich bekräftigend wie man es wohl sein muss, hat man eine halbe Regierung, fast ein ganzes Parlament und einen guten Teil der öffentlichen Meinung gegen sich. Diese Frau, das sieht jeder Laie liest noch mitten in einem Tornardo Akten mit demselben kurzen und doch so Nicken wie es eben der Premierministerin zu eigen ist.

Ach, werden Sie sagen, das Fräulein Read On macht so einen Bohei, nur weil ihr müder Verstand ihr etwas vorgaukelt, wo es nichts vorzugaukeln gibt. Dabei habe ich das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: am Mittwoch nämlich liest Theresa May den Guardian und das ist doch nun wirklich ein Indiz, welches sich nicht leichthin abweisen lässt.
In Irland nämlich greift man zu Irish Times, zum Irish Examiner, nimmt den Irish Independent zur Hand und den Guardian liest man wenn schon denn schon am Samstag und wenn man das tut, dann wird man natürlich nicht müde zu betonen, dass man den Guardian ja ohnehin nur der Rezeptbeilage wegen läse.

Aber bei Theresa May macht das nur Sinn. Wer, wenn nicht die britische Permierministerin muss informiert sein über die Lage der Dinge im Allgemeinen und im Besonderen?
Und ich selbst habe gesehen, wie Theresa May und wer will es ihr verdenken, wenn immer Boris Johnson gescholten wird mit gespitztem Mund beginnt zu lächeln. Ein hämisches Lächeln ist das, ja das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Gibt sich der Guardian aber mit Verlautbarungen zu Jacob Rees-Mogg ab, ballt die Premierministerin die Hände zur Faust und aus der Zeitung wird in Sekundenschnelle Küllpapier.

Im Bus Nummer 15 verdenkt es ihr keiner, im Bus Nummer 15 haben alle schon einmal in mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten gesteckt. Am Freitag Morgen aber liest die Premierminsterin nicht in der Tageszeitung, sondern immer in einem Krimi. Jetzt aber halten sie sich fest. Theresa May nämlich macht mit dem Bleistift Randnotizen in die Kriminalromane hinein.

Der Bus Nummer 15 nimmt es gelassen zu Kenntnis. Wir alle kennen fiese Chefs ( nicht der verehrte Herr Direktor), biestige Kollegen oder anderes Ungemach gegen das nur die Vorstellung hilft, dass die Nemesis einmal auf einen Inspektor träfe, der mit allen Wassern gewaschen noch den hartgesottensten Kriminellen ( keine Namen!) ins Schwitzen brächte.
Und ich muss zugeben, so entspannt, so milde und heiter habe ich Theresa May im Fernsehen noch nie gesehen. Verstehen kann man es gut, wer wenn nicht sie die Vielgeplagte dieser Tage kann wohl hin und wieder, am Mittwoch und Freitag wenigstens einmal anderthalb Stunden für eine Atempause brauchen?

Wir verdenken es ihr nicht. Der Bus Nummer 15 und die ihm eigene Reisegemeinschaft lässt jeden sein. Hier wird niemand schief angesehen, nur weil er es wirklich einmal für eine gute Idee hielt von einem Plan nicht zu lassen, der voller Tücken ist. Hier im Bus Nummer 15 kennt man sich aus mit gescheiterten Hoffnungen und hier im Bus Nummer 15 in dem mindestens siebnundzwanzig Nationen zur Arbeit fahren, weiss man etwas von den Chancen und Grenzen Europas, die auch Theresa May zu schaffen machen.

Am Bahnhof aber steige ich aus und so kann ich Ihnen nicht sagen, bis zur welchen Haltestelle die Premierministerin fährt. Irgendwo aber wird eine dunkle Limousine schon auf sie warten,ein Fahrer öffnet die Tür und anderthalb Stunden später ist die Premierministerin wieder in London, ihr Privatsekretär reicht ihr eine schwere Aktenmappe, natürlich hat Michael Gove schon wieder vierzehnmal angerufen und die Premierminsterin zählt die Tage bis sie wieder im Bus Nummer 15, der doch eigentlich eine Atempause ist, sitzt.

Ich aber drehe mich nur noch einmal kurz um, bevor ich den Zug zur Fabrik besteige und murmele: Gdspeed Mrs May, Gdspeed und Farewell.