Wie mir Weihnachten einmal bedenklich nahe kam.

Es ist sehr früh. Also sehr früh. Alles ist dunkel. Also sehr dunkel.Selbst die weihanchstvernarrten Nachbarn haben ihren kreischbunten, blinkenden Weihnachtbaum ausgeschaltet. So dunkel ist es also. Wüsste ich es nicht besser, es glaubte mir keiner, dass hinter der Gardine eine Katze sitzt, die hämisch grinst, weil ich zur Arbeit muss und sie der Welt nichts schuldig ist. Ich seufze und die Finsternis raucht eine Pfeife. Feinster Nebeltabak, Hausverschnitt. Ich seufze noch einmal und lehne mich an die Bushaltestelle. Die Buhaltestelle liegt an einer vielbefahrenen Strasse. Aber so früh am Morgen klappert nur das Müllauto die Strasse hinunter.

Einmal hatte die Buhaltestelle vier Wände aus Glas. Aber die Wände gibt es schon lange nicht mehr. Bushaltestellenwände sind feinstes Mutprobenmaterial und so sind die Wände alle zerschlagen. Um Ersatz kümmert sich niemand. Die Mutproben sind ja erfolgeich verlaufen und wer so früh auf einen Bus wartet, dem ist doch sowieso nicht zu helfen und so stehe ich also im Wind und warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht. Mein Fuss macht tapp, tapp, tapp gegen den feuchten Rinnstein. Im Rinnstein liegen Bierdosen, aufgequollene French Fries, ein abgebrochener Hacken eines Damenschuhs, eine alte Zeitung, ein verfaulter Salatkopf und ein Berg Mandarinenschalen- ja es wird wirklich Weihnachten.

Ich starre in den Müll und mein Fuss macht tapp, tapp, tapp, denn der Bus kommt nicht. Dann aber  höre ich ein Knattern. Was ist das nur für ein Knattern. Es ist kein Müllauto,es ist nicht der Bus, kein Flugzeug, sondern auf dem Fussweg da braust ein Motorscooter heran. Der Motorscooter knattert lauter, der Motorscooter ist alt, etwas rostig vielleicht und auf dem Motorscooter, der den Gehweg hinabbraust sitzt niemand anders als der Weihnachtsmann selbst. Vielleicht ist es auch ein Weihnachtsmann in Ausbildung denke ich mir, denn der Weihnachtsmann macht gar kein freidlich-feierliches Gesicht wie man es erwarten würde, sondern der Weihnachtsmann macht schon von weitem einen Recht verbiesterten Eindruck. Der Eindruck verstärkt sich noch je näher der Weihnachtsmann an mich heranknattert.

Seine Schuhe sind keine feinen Stiefel aus Rentierleder, sondenr durchgelaufene Turnschuhe besserer Jahre. Sein Mantel ist nicht aus prächtiger Seide mit Pelzbesatz, sondern ein dünner roter Flaus mit abgewetzten Stellen und sein Bart, ach wir wollen schweigen, denn es gibt Dinge, die sind so traurig, dass sie am besten sofort wieder vergessen werden. Wir leben bekanntlich in sparsamen Zeiten und während ich so den Weihnachtsmann auf seinem Motorrad beschaue, seufze ich und frage mich zum ersten Mal ob es wohl eine Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen gibt? Wer vertritt die Einhörner bei Beschwerden über mangelndes Heu? Gibt es Saisonnachteilsausgleiche für Osterhasen? Wer übersieht die Schichtpläne der Elfen und Trolle? Ist Schneewittchen privat versichert? Gibt es Vertragsbarbiere für Weihnachtsmännner? Wenig nur wissen wir über das himmlische Personal.

Dann aber kommt der Weihnachtsmann bedenklich näher und ich nehme Haltung an. Schon meine Grossmutter sagte, als Jude könne man gar nicht genug aufpassen und wer kann schon wissen, ob der Weihnachtsmann nicht an G*tt selbst berichtet, wie es sich mit den Erdenkindern so verhält.

Aber der Weihnachtmann auf seinem Motorroller würdigt meine Mühe um ein feierlich-festlich-besinnliches Gesicht nicht. Er schreit: F*ck off ya old owl. Brakes aren’t working und er meint wirklich mich. Ich mache einen Satz zur Seite, denn wie solle ich das der A. erklären, dass ich nicht nur am Shabbat den Lichtschalter bediene, sondern mich nun auch noch der Weihnachtsmann selbst ins Grab zu bringen sucht? Ich springe also so schnell und gut ich kann in den Rinnstein, denn der Bus kommt nicht. Der Weihnachtsmann erhebt eine Faust und schreit neue Gemeinheiten in meine Richtung, ich glitsche auf den Mandarinenschalen aus. Pardauz. Hohohoho macht der Weihnachtsmann und braust mit seinem Scooter weiter den Gehweg herunter. Er fährt Schlangenlinien. Ich rapple mich hoch. Die Strassenverkehrsordnung jedenfalls scheint für Fabelwesen nicht zu gelten.

Vom Weihnachtsmann bleibt nur eine Wolke aus Benzin zurück und sein schepperndes Hohohoho. In Sprechtraining jedenfalls inverstiert die Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen. Als ich die Fabrik erreiche, kreischt die Auszubildende: Fräulein Read On, an ihrem Mantel pappt Mandarine iiiiehhhh. Es weihnachtet eben sehr, sage ich zur Auszubildenden. Aber die Auszubildende schüttelt den Kopf. „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht.“ Während sie wild gestikuliert schreibt sie weiter an ihrem kilometerlangen Wunschzettel. Ganz oben steht auf ihrer Liste steht „Glitzereinhorn.“

Wurst. Ein Stück in vier Akten.

Die Szene:

Ein Büroflur früh am Morgen.

Gedimmtes Licht.

Schreibtische.

An einem Schreibtisch sitzt ein Fräulein und tippt.

Man hört das Klackern der Tastatur

Neben ihr steht eine Teetasse. Auf der Teetasse singt ein Mumin.

Mitwirkende:

Die Auszubildende (A)

Ein Student der Elektrotechnik (E)

Der verehrte Herr Direktor (VHD)

Der Betriebsarzt (B)

Fräulein Read On (R)

Sekretärin (S)

  1. Akt

R. tippt emsig, dann und wann nippt sie am Tee, sie seufzt aber eher behaglich als angestrengt, dann und wann konsultiert sie das Oxford Dictionary aus Prinzip übrigens. So vergeht Zeit. Plötzlich fährt R. wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl hoch. Sie sieht die S. mit einer Tasse dampfenden Kaffees herbeieilen.

R: S. haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (überlegen): Freilich!

R: S., wo haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (sehr überleben): Na in der Kantine. Sie frühstückt dort mit einem Studenten der Elektrotechnik-lange Pause- während unsereins kaum Zeit für einen heißen Kaffee hat. Früher als ich Auszubildende war, da haben wir gar nicht hochgeschaut, sondern getippt bis uns die Daumen brannten. Da haben wir Strichlisten geführt über Toilettenbesuche. Ach, es war herrlich. Diese Kämpfe.

(Die S. erschauert wohlig). Dann wendet sie sich ab.

R: Leises Fluchen. Warum zum Eulenbrausen frühstückt die Auszubildende so lang? Ich hatte doch gesagt: Punkt 9 Uhr gilt es zurück zu sein. Beim heiligen Geierjungen, jetzt muss ich ihr nachrennen. Fünf Minuten hat sie noch, Scheibenkleister natürlich lärmt jetzt das Telefon.

(Regiehinweis: Hier können zeittypische Flüche verwendet werden. )

R: „Aber sicher verehrter Herr Direktor, die Auszubildende freut sich doch schon sehr, wie sagen Sie, eine Viertelstunde früher? Kein Problem gern! Auf später. Merci bien. Thank you very much. Indeed, the weather.

Auf einmal Tumult. Schluchzen. Weinkrampf.

Die Tür öffnet sich.

Die Auszubildende tritt ein, sie geht gekrümmt, wie unter starken Leibesschmerzen.

R: „Was ist ihnen geschehen A.?

A.: Jammervolles Geschrei.

R. beugt sich zur A. herunter. Die Nase der A. kommt ihr merkwürdig geschwollen vor.

R: Was ist mit ihrer Nase? Die ist so geschwollen. Sind Sie gegen eine Tür gelaufen?

A: Schluchzen.

R: Lassen Sie mich doch mal sehen.

A: Neeeeeeeein

R: Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie mich sehen lassen. A. bitte atmen sie ruhig ein und aus.

R (plötzlich laut und heftig): A. Sie haben ein Würstchen im Nasenloch stecken!

(Hierbei gilt es zu beachten, dass es sich nicht um ein Wiener Würstchen, sondern um ein irisches Frühstückswürstchen- genannt rasher-handelt, daumenlang und daumenbreit.

A. verbirgt den Kopf in den Armen.

R: Wir müssen sofort zum Betriebsarzt, A. das Würstchen ist so tief in ihrer Nase, das bekomme ich so einfach nicht heraus.

A: Schluchzen

2.Akt

R: Guten Morgen, das ist ein Notfall. Die A. hat sich ein Würstchen in die Nase geschoben.

B: Ich habe ja schon viel gehört von Leuten wie ihnen, die sich mit den abstrusesten Ausreden vordrängeln, aber das geht wirklich zu weit. Das ist eine Schande!

R: HÖREN SIE, DIE A. HAT EIN WÜRSTCHEN IM NASENLOCH, DAS ZWEIMAL SO BREIT IST WIE SELBIGES, DAS MUSS ENTFERNT WERDEN, DAS WÜRSTCHEN AUS DER NASE, JETZT SOFORT.

A.:schluchzt.

B.sieht zur Auszubildenden herüber und sieht die angeschwollene Nase. Er macht einen Schritt nach vorn. Ich glaube das nicht, die Frau hat ja ein Würstchen in der Nase. Das ist ein Notfall, nun kommen sie schon, was stehen sie da noch wie angewurzelt herum, wollen sie warten bis aus dem Würstchen ein Schinken wird. Hahahahahaha. Wie sagt meine Frau immer: Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen.

R.: Auszubildende soll ich ihre Hand halten?

A.: Zustimmendes Nicken

B.: Ein Würstchen in der Nase. Da wird doch der Schinken in der Pfanne verrückt.

In der Tasche der R. klingelt ein Telefon. R. nimmt nicht ab.

Der B. extrahiert das Würstchen. Davon werde ich noch meinen Enkelkindern erzählen.

Die Auszubildende bleibt zur Beobachtung hier.

3.Akt

R: sieht auf ihr Mobiltelefon. 15 Anrufe des verehrten Herrn Direktors. Sie tippt auf das Telefonsymbol.

VHD.: (rasend): FRÄULEIN READ ON, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL!FÜNFZEHN MAL WIE EIN HORNOCHSE HABE ICH GESTANDEN, WIE EIN HORNOCHSE VOR DEM TOR, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL, WO SIND DIE AUSZUBILDENDE UND SIE UND JETZT SAGEN SIE NICHT AUSSERIRIDISCHE HÄTTEN SIE ENTFÜHRT. SAGEN SIE NICHTS.

R: Ja, verehrter Herr Direktor

VHD.: Außerirdische haben Sie entführt?

R: Nein, Herr Direktor, keine Außeriridschen, ja zu sagen Sie jetzt nichts.

VHD: Sie werden doch schon wieder philosophisch.

R: Nein, Herr Direktor.

VHD.: (seufzt): Wo sind sie?

R.: Im Krankenflügel. Die Auszubildende ähm eh ähhhh ist von einer kleinen Unpässlichkeit befallen.

VHD.: Eine Unpässlichkeit? Spezifizieren Sie!

R.: Nun ja, verehrter Herr Direktor, also wie soll ich sagen, also, eine Unpässlichkeit dergestalt,dass….

VHD: Fräulein Read On Sie eiern herum!

R.(energisch): Eine Lebensmittelunverträglichkeit, Herr Direktor, die Auszubildende hat aehm ein Frühstückswürstchen nicht vertragen.

VHD.: Mir ist der Verzehr von Frühstückswürstchen ja von der Frau Gemahlin verboten worden. Ich sage nur Cholesterin.

R: Es ist ein Kreuz verehrter Herr Direktor!

VHD.: Lebensmittelunverträglichkeit sagten Sie?

R.: Besonders schwere Form, Schleimhäute, die Ärmste.

VHD.: Hm. Fräulein Read On, ich will es einmal dabei belassen. Der Termin ist verschoben, Freitag, 10 Uhr. Die Auszubildende soll Haferbrei essen!

R: Jawohl, verehrter Herr Direktor!

VHD.: FÜNFZEHN MAL, FRÄULEIN READ ON. FÜNFZEHN MAL.

4.Akt

Spätnachmittag. Krankenflügel.

R.mit einem Becher Tee in der Hand, setzt sich zur A. neben der A. sitzt der E.

R.: A. wie geht es ihnen?

A..: War ja alles nur halb so wild, Fräulein Read On!

R.: hustet

R.: Na dann erzählen sie mal wie ein Würstchen in ihr Nasenloch kam?

A.: Das war so voll wissenschaftlich, ein Experiment nämlich. Und überhaupt ist das alles Ihre Schuld Fräulein Read On!

R.: Wie kann ich daran Schuld haben, dass Sie sich ein Würstchen in die Nase schieben Auszubildende?

A.: Na Sie haben gesagt Neugierde sei die beste Lehrmeisterin.

E: nickt bekräftigend.

E: Die Sache mit der Erbse im Nasenloch ist ja zu einfach. Wir wollten einfach sehen, wie weit sich so ein Nasenloch dehnt.

R.: zählt still und in Gedanken bis dreißig.

E.: Die Auzubildende ist wirklich genial.

R.: achtundzwanzig, neunundzwanzig.

A. strahlt.

A.: Wir haben gewettet, der Student der Elektrotechnik hat gesagt, dass Würstchen würde nur bis in die Mitte der Nase passen. Aber ich habe an Sie gedacht., Fräulein Read On wie sie immer sagen, nicht so viel über Engagement rden, sondern einfach machen.

E.: Die Auszubildende ist mega! Einfach total fatal, was die so draufhat.

R.: schüttelt den Kopf. Wenn Sie gewettet haben, wie kommt es dann, das nur die Auszubildende ein Würstchen in der Nase hatte und nicht auch Sie, Student der Elektrotechnik?

E: Na, ich bin ja nicht doof. Was da alles passieren kann, wenn man sich ein Würstchen in die Nase stopft! Nee, nee, so was mache ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich habe nur so getan als würde ich das wirklich machen. Bin ja nicht doof.

A.: Jedenfalls habe ich die Wette gewonnen!

R: Was war denn der Wetteinsatz. 50 Euro und eine Woche Fahrdienst zur Mondsteinscheibenfabrik. Geilo!!

E: Wie ich soll jetzt wirklich 50 Euro bezahlen, nur weil die sich ein Würstchen in die Nase geschoben hat? Das ist ja voll der Betrug. 50 EURO!

R: Tja, verehrter Herr Student de Elektrotechnik, Wettschulden sind Ehrenschulden, wussten Sie das nicht?

A.: Ach, Fräulein Read On, wenn Sie nicht gesagt hätten, dass Neugierde einem verborgene Türen oeffnet, wäre ich ja niemals auf die Idee gekommen, mich einmal an der Wissenschaft zu versuchen!

R: Na dann will ich einmal froh sein, dass Sie nicht die Chemie als erste Wissenschaft für sich entdeckt haben.

A.Nein, Chemie lag mir schon in der Schule gar nicht.

Die A. Niest heftig.

Wurstbrocken explodieren im Raum. R.‘s Bluse ist nun mit Wurst gesprenkelt.

Die Tür geht auf. Der Arzt tritt herein.

Er sieht die Wurstexplosionsnachwirkungen.

B. Ach wie gut, es löst sich. Auszubildende, Sie werden in den kommenden Tagen ihre Nase regelmässig spülen müssen. Es ist ein Wunder, dass Sie noch mal so glimpflich davon gekommen sind.

A.: strahlt: Erst die Wissenschaft und dann ein Wunder.

R. und B. Schweigen. Der Student der Elektrotechnik raucht eine Zigarette vor dem Fenster. Ein Telefon klingelt.

Der Vorhang fällt.

Die apokalyptischen Reiter fahren BMW

Am Mittwoch aber regnet es. Hunde und Katzen, Mäuse und Wanzen, Schnürsenkel und Bindfäden, was immer sie wollen. Ich werde nass. Das Wasser tropft mir trotz des doch so treuen Wetterflecks erst in den Nacken, dann in die Ohren, meine Schuhe weichen auf als seien sie aus Papier. Missmutig stapfe ich zum Zug. Im Zug sehe ich ein nasses Gespenst im Fenster. Ein Gespenst stelle ich fest, kann auch sehr grosse Ähnlichkeit mit einem Abtropfbrett haben. Ich tropfe also ungefähr so ausdauernd wie man es von 16 Pfannen, sieben Töpfen, sehr vielen Gläsern und dem ganzen, guten Tafelsilber erwarten würde.
Mit dem Wasser tropft auch meine Laune auf den Boden. Natürlich muss sich ein riesiger Hund mit struppig grauem Fell genau dann schütteln als ich meine Tasche schnappe um auszusteigen. Der Hund grinst da bin ich mir sicher auf das Allerhämischste, ein Grinsen wie es der Cheshire Cat steht, diese Bestie und ihr hohnvolles Lachen. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob es dem Hund nicht recht geschähe, schüttelte auch mich und tauchte ihn in ein kaltes Wasserbad. Aber schon pfeift die Tür und ich muss mich eilen. Aber schon halb auf dem Bahnsteig drehe ich mich noch einmal um und sage: „ Warte nur Du Untam von einem Hund eines Tages wirst Du eine Dalamatinerdame treffen und Dein Herz wird nie wieder dasselbe sein. Für Rudi, den Boxerrüden wird sie dich verlassen und deinen Kummer wird man an den Polarkappen sehen.“

Dann stehe ich wieder im Regen, denn der hat die Zugfahrt ja nur damit zugebracht noch einmal richtig Luft zu holen und nun mit voller Kraft und kalten Händen Wasser über mir auszugiessen. Ein guter Kilometer liegt zwischen mir und der Fabrik. Der Regenschirm jault, der Wetterfleck wimmert und ich recke die nasse Faust gen Himmel. Der Regen grölt lauter und mir rinnt das Wasser aus allen erdenklichen Winkeln. All mein Sinnen und Trachten ist auf die Mondsteinscheibenfabrik gerichtet, die doch mit jedem Schritt naeher kommen muss. Aber die Strasse wird länger mit jedem Schritt. Ich huste böse und dumpfe Wut überkommt mich. Auf die Autofahrer, die wohl geborgen durch den Regen schaukeln, auf die unsinnige Idee auf eine Insel zu ziehen, die sturmgebeutelt ist wie diese, auf Kälbchen, das seine Kräfte an alles verschwendet nur nicht an das Ziehen einer Kutsche in der ich trocken die Zeitung läse und so fluche und knurre ich so vor mich hin. Dann geschieht das Unfassliche: mich trifft eine Flutwelle und war ich eben noch nass, so bin ich nun zwanzig Sekunden später durchgeweicht dem besten Wortsinne nach. Erst glaube ich dies sei die Apokalypse selbst, die sich ausgerechnet mich als Testobjekt erwählte, aber dann sehe ich den schweren, silbernen BMW, der durch die Pfütze preschte als sei dies nicht die Strasse zur Fabrik, sondern eine Rennstrecke in Monte Carlo. Der BMW braust davon und ich bleibe zurück. Nass ist trocken verglichen zu meinem Zustand, meine Zähne klappern vor Wut und Entsetzen und als ich endlich die Fabrik erreiche, fährt die Auszubildende vor. Die Auszubildende wird von ihrem Gefährten gebracht. Der Gefährte hat einen tiefergelegten VW Polo und ist Alleinunterhalter. Gerade unterhält er sich aber mit der Auszubildenden. „Babe, just give me twenty!“ Der Alleinunterhalter ist chronisch pleite. Die Auszubildende erblickt mich und ruft: „Sind Sie das Fräulein Read on? Meine Cousine hatte einmal eine Ratte…..“ „Auszubildende, zische ich, es gibt Sätze die wollen Sie besser nicht beenden,liegt ihnen auch weiterhin an einem Platz in einem warmen und trockenen Büro.“ Die Auszubildende verstummt.

„Fräulein Read On, sagt der verehrte Herr Direktor, der gefasst und trocken auf mich zukommt, was ist denn Ihnen geschehen?“
„Verehrter Herr Direktor, sage ich, eine Schlingpflanze von einer Person, eine faule Apfelsine, nein, der Teufel selbst fährt inzwischen BMW und mit diabolischer Lust ist eben jener durch eine Pfütze gebrettert, um mich mit einer Flutwelle zu begiessen, die seit der Arche Noah ihresgleichen sucht. Ja, Herr Direktor so ist der Mensch, rücksichtslos, tückisch, zu jeder Gemeinheit in der Lage, mitleidlos mit einem ohnehin schon nassen Fräulein, und wahrscheinlich hat diese Brennessel von einer Person noch laut gelacht. Ich wische mir Wasser aus dem Gesicht.
Der verehrte Herr Direktor starrt mich an. „Fräulein Read On, ein BMW-Fahrer sagten sie?“ „Oh ja, Herr Direktor, oh ja, aber kein Fahrer, nein das war er nicht, ein Fahrer im Wortsinne nach, ertränkt keine Fussgänger hat schon einmal vom Wort Bremse gelesen, nein das war ein Bleifuss, eine Anaconda ist eine liebliche Freundin verglichen zu jenem Regen-Rowdy.
„Ein silberner BMW, Fräulein Read On?“ Der verehrte Herr Direktor sieht auf einmal bedenklich blass um die Nasenspitze aus. Ich nicke. „Silbern, sage ich, silber von aussen,ich dachte ja erst die apokalyptischen Reiter seien herabgefahren, aber dann war es doch nur eine dieser Autos die kleinen Geistern grosse Geschwindigkeit erlauben.“ Der verehrte Herr Direktor sieht mich schweigend an. Ich tropfe wie ein Sieb. Die Reinigungsfrauen holen den Wischwagen. „Wenn ich den erwische, sage ich, finster, wenn ich den erwische oh ein Bad in Motorenoel wird ihm als Labsal erscheinen.“ Der verehrte Herr Direktor sinkt in sich zusammen.

„Fräulein Read On, der Regen-Rowdy, das war ich, die verehrte Frau Gemahlin war am Telefon, die Freisprechanlage aber hat so merkwürdig geknistert, ich hatte die Pfütze nicht kommen sehen und noch gedacht: „Himmel, war das ein sehr grosser Hund oder ein kleiner Mensch da auf der Strasse.“

„Fräulein Read On, Sie sagen ja gar nichts mehr!“

 

Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

Wandermuschel

Viele Menschen heben eine Muschel am Strand auf und stecken sie ein. Aber ich tat es nie. Die erste Muschel bekam ich anstelle von 2 Dollar und 50 Cent in einem Laden in New York. Der Laden war einer dieser Läden, die man in New York fast überall findet und doch nie sieht. Der Mann hinter der Theke zuckte mit den Achseln. Er sagte: Kleingeld ist aus und dann hielt er mir eine Muschel hin. Meine Hand zögerte. War das nicht ein schlechter Tausch? Außerdem gefiel mir die Muschel nicht. Sie war nicht rund mit feinen vom Meer geschliffenen Ende und sie glitzerte nicht, an ihr war kein Hauch von Perlmutt zu sehen, kein rosafarbener Schimmer und erst recht nichts vom blütenweiß echter Perlen ließ sich erahnen in jener Muschel, die der Mann hinter der Theke mir entgegenstreckte. Die Muschel in seiner Hand war verformt, so als hätte sie sich lange an ein Riff gekrallt, bevor gierige Hände sie dann doch abbrachen und sorglos in eine Kiste warfen. Schmutzig, schwarz und grau, wie ein verschorftes Knie war die Muschel in seiner Hand. „Geld verliert sich“, sagte der Mann, „aber eine Muschel, die wird ihnen bleiben.“ Energischer noch sagte er: „Nehmen Sie schon, ich will ihnen nichts schuldig bleiben.“
Ich nahm die Muschel, aber nur mit den Fingerspitzen und zögerlich blieb meine Hand. Kühl war die Muschel und dann verlor sie sich in meiner Manteltasche. Der Mann schaute auf mich und auf die verschwundene Muschel, die er noch eben so nachdrücklich in meine Hand gelegt hatte. Für einen Moment lag, dachte ich, er würde sich von der Muschel verabschieden wollen, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, denn wer verabschiedet sich denn von einer Muschel?

Ich ging meiner Wege und erst später am Abend nahm ich die Muschel noch einmal hervor. In ein Papiertaschentusch wickelte ich die Muschel ein, denn mir grauste vor der schorfigen Kruste und der Kälte, die in der Muschel lag. Damals war ich mit anderen Dingen befasst als das ich mich großartig weiter um eine Muschel gekümmert hätte. Mir wären die 2, 50 Dollar lieber gewesen und die Muschel stopfte ich in eine Ecke, vielleicht in einen Strumpf mit Loch an der Ferse oder in eine Jacke, die ich nur aus Sentimentalität behielt. So genau weiß ich es nicht mehr. Aber Recht behalten hat der Mann doch, vieles habe ich verloren. Mehr als eine Liebe, eine Geldbörse, Schlüssel, einen wichtigen Brief, ein Quartettspiel, Notenblätter, die Geduld und so viele andere Dinge, dass das Papier nicht ausreicht, sie alle aufzuzählen, aber wohin immer ich ging, die Muschel um die ich mich niemals bekümmert habe, sie blieb.

Unsichtbar blieb die Muschel, aber einmal, ich war gerade im Begriff die Tür hinter mir zuzuziehen, da trat ich auf eine scharfe Kante und schnitt mir tief in den Fuß. Noch heute habe ich am linken Fuß eine lange silberne Narbe und manchmal ist mir als sei in de Narbe etwas vom Glanz jener Muscheln enthalten, die ganz aussehen als die Muschel, die ich noch immer habe. Ich fluchte damals heftig als ich blutete und nach einer Mullbinde suchte, hüpfend auf einem Bein. Erst später merkte ich, dass ich gar keinen Schlüssel in der Tasche hatte und ich lehnte mich zur Muschel hinunter und strich ihr über die schorfige, narbige Kruste. Viele solcher Male hat mich die Muschel bewahrt, einmal ließ sie ein Fenster zuknallen, welches ich sonst hätte offenstehen lassen für viele Woche und obwohl das Fenster heftig an den Rahmen geschlagen war, hatte die Muschel keinen Kratzer mehr. Viele solcher Gelegenheiten ließen sich berichten, wie sich meine Geldbörse in der Muschel verhakte, wie die Muschel einmal klappernd zu Boden fiel, dabei lag sie nicht weniger fest auf dem Regal als sonst und ich mich erinnerte einen Anruf doch lieber nicht aufzuschieben. Viele Jahre lang lebte die Muschel bei mir, oder ich bei ihr, wer weiß das schon zu sagen? „Geld verliert sich“, sagte der Mann damals in New York, in einem kleinen und dunklen Laden, die Muschel wird ihnen bleiben. Wer weiß, wer ihm einmal die Muschel in die Hand gelegt hatte. Die Muschel selbst schweigt sich aus über diese Fragen, die nur von uns von Bedeutung sind. Aber eines Tages, da habe ich die Muschel vom Regal genommen, nicht als Wechselgeld, aber nicht minder zögernd war die Hand in die ich sie legte, aber ich versicherte ihr, der ich die Muschel in die Hand legte, dass es eine Bewandtnis habe mit jener Muschel, die anders aussieht als andere Muscheln und kühl in der Hand liegt so als sei das Meer noch immer eine Möglichkeit. Manchmal wenn ich sie sehe, die Frau der ich die Muschel gab, dann bin ich versucht zu fragen, wie es der Muschel denn eigentlich geht.

Dieser Text entstand im Rahmen des von des von e13 Kiki initiierten Projekts #Septemeer2018 Immer im September wird zum Thema Meer gemalt, gezeichnet, radiert und manchmal auch geschrieben. Das heutige Tagesmotto lautete: Muscheln.

Lautes Gelächter

Vor vielen Jahren, ich lebte noch nicht lange in Europa, da saß ich auf einem Sofa. Das Sofa war blau.

Ich weiß nicht mehr was aus dem Sofa geworden ist und zu A. und G. mit denen ich auf dem Sofa saß, habe ich kaum noch Kontakt.
A. und G. waren damals ein Paar, aber ich weiß nicht, ob sie es immer noch sind. Nach jenem Nachmittag auf dem blauen Sofa habe ich mich einfach nicht mehr gemeldet und war erleichtert als auch A. und G. schließlich nicht mehr anriefen.

Vor dem blauen Sofa stand ein Fernseher.

Als ich nach Europa kam, war Fernsehen für mich etwas von ungeheurem Luxus.

Niemand den ich kannte, dort im Land A. besaß einen eigenen Fernseher.

Meine Großmutter hatte auch keinen Fernseher.

So habe auch ich nie einen Fernseher besessen.

Aber A. und G. hatten einen riesigen Fernseher und sagten: „Komm doch vorbei, es kommt etwas total Lustiges.“

Ich nickte und brachte Kuchen mit.

Wir saßen zu dritt auf dem Sofa und ich fühlte mich plötzlich sehr europäisch. Was für ein Gefühl an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag einfach fernzusehen.

Aber einen Film haben wir nicht gesehen.

Sondern A. und G. hatten einen Sender gefunden in dem lauter Videoclips liefen.

Die Videos waren nicht in besonders guter Qualität, grobkörnig und verwackelt, mit verzerrten Stimmen im Hintergrund. Kein Clip war länger als zwei Minuten.

„Pass auf“, sagten A. und G. „Du wirst so lachen.“

Die Videoclips zeigten eine Frau, die im Garten stolpert, hinschlägt und einen Hang hinunterpurzelt. Ein Kind, das in eine Torte fiel. Einen dicken Mann, der in einer Flugzugtoilette stecken blieb. Eine Frau, der eine Spinne auf den Kopf fiel und anfing zu kreischen als sei sie eine Banshee. Einen Mann, der sich mit dem elastischen Hosenträger verheddert und gegen eine Wand prallte, nur um einen Tisch zu Fall zu bringen. Eine Oma, die ihr Gebiss verlegte und mit brabbelnden Gesten Hilfe erbittet, während die Enkel die Zähne versteckten, ein Kind, das in eine Plastikbanane biss und vergeblich schluckte.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. lachten. Lachten so herzlich als gäbe es nichts Komischeres als diesen fremden Leuten, bei ihren Missgeschicken zuzusehen. Es waren die Kinder, Ehremänner, Onkels und Cousins, die diese Clips aufnahmen. Das Hochzeitspaar, das unter einer Stange hindurch kriechen sollte und er knallte sich den Holzstiel vor den Kopf. Pardauz. Gelächter. Onkel Hans ruft im Hintergrund: So ist die Ehe!

Oft endeten die Clips mit einer Momentaufnahme, in der diejenigen die fielen oder stolperten, der Tatsache gewahr wurden, dass sie gefilmt worden sein und auch sie begannen scheppernd zu lachen, damit bloß niemand auch noch das Weinen. Nur die Kinder heulten inmitten der johlenden Geburtstagsgäste, weil sie noch nicht gelernt hatten, dass man entweder mitlacht oder ausgelacht wird. Sie wurden irgendwann aus dem Bild getragen. A. und G. johlten über die Menschen, die alle schon so aussahen, wie man sich dumme, hässliche, ungeschickte Leute eben vorstellt.

Die Frauen, die sich auf ein Furzkissen setzten, waren keine eleganten Elfen, die anmutig erröteten, sondern trugen Lockenwickler, Kittelschürze und hatten geschwollene Beine.

Die Männer waren dick, hatten Nasenhaare, eine schlechte Frisur, sicher auch schlechten Atem. Ihre Kleidung war schlecht sitzend, passte ihnen so wenig, wie wohl ihr Leben selbst. Auch die Hochzeitspaare selbst, sahen nicht aus wie auf Fotografien auf denen Forever Yours steht, sondern die Kleider waren billig, die Anzüge geliehen und die große Liebe traute man den Lamabda Tänzern auf keinen Fall zu.

Alle Menschen, die in diesen Videoclips vorkamen, waren einfache Opfer, weil allein ihre äußere Erscheinung kein Mitleid, sondern Abscheu erregte.

Ein deutliches, das geschieht dem dicken Fresssack Recht.

Sieh mal wie die Alte brabbelt.

So dick wie doof.

Das die mit dem Arsch überhaupt einen abgekriegt hat.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. auf dem Sofa rot vor Lachen.

Ich konnte nicht lachen.

Nicht einmal über den Hund, der auf einer Bratpfanne, die Kellertreppe hinunterfuhr.

Denn alles was ich sah, war ich.

Ich war kein schönes, kein elegantes, kein kluges Kind.

Ich war ein hässliches, verstocktes Kind,

Ich habe meine Schulzeit damit verbracht über ausgestellte Beine zu fallen, ich war daran gewöhnt, dass Leute, die Nase rümpften, wenn ich vorbei kam. „Die stinkt“, wir waren arm und mir sah man es an, nicht auf schöne, zarte Weise, sondern ich war hart und kantig, unangenehm und keineswegs anrührend.

Ich stolperte, lief mit Löchern in den T-Shirts herum, hatte schwarzen Dreck unter den Nägeln, war nicht sozialkompatibel, misstrauisch, verschlagen und in allen Clips, sah ich mich fallen, hinschlagen, ausrutschen, einbrechen und liegen bleiben.

Das war ich.

Auch ich habe viele Jahre am lautesten gelacht über mich.

Das ist vielleicht das Ekligste an den Demütigungen, dass man gezwungen ist noch lauter zu lachen als alle Anderen.

Ertappt habe ich mich gefühlt, damals am Nachmittag. Ertappt bei meiner eigenen Hässlichkeit. Ein nimmer endender Spiegel meiner Geschichte.

Aufgestanden bin ich dann und weggegangen.

Das ist Europa dachte ich später. Fernsehen mitten am Tag und das Gelächter über die hässlichen Menschen und ihre Idiotie.

Über das Land K. und das A. schüttelt man in Europa oft den Kopf.

Unzivilisiert heißt es gern, denn noch immer setzt Europa Maßstäbe, auch die der Lächerlichkeit.

Ich denke nicht mehr oft an den Nachmittag, das blaue Sofa und A. und G.

Nur manchmal erinnere mich, so wie in dieser Woche.

Da ging der Mann mit dem Deutschlandhut, dem karierten Hemd, dem breiten Gesicht, dem Akzent durch das Internet und schon lange ist er schon längst nicht mehr ein LKA Mitarbeiter, der sich von der Pressefreiheit nicht die Lust am Pöbeln lassen will, sondern eine jener Figuren vom Clipkanal, der nur noch der Lächerlichkeit dient.

Das Beispiel des hässlichen, gemeinen Deutschen, wie man ihn sich vorstellt.

Ein Mann, dessen Pöbelei nicht überrascht,

Genau so einer ist das nämlich.

Das ist ein Bild, bei dem man sich sicher sein kann. Hier trifft es nicht den Falschen, sondern hier treffen Spott, Häme und lustige Memes endlich einmal den Richtigen, hier kann man ohne schlechtes Gewissen ein Zeichen gegen Rechts setzen, wer austeilt muss einstecken können und dann auch noch der Dialekt.

Echt Ossi-Nazi-Pegidist.

Wie der schon aussieht,

Das ist was übrig bleibt von der Szene in der jener Mann unangenehm, überheblich und gegen die Presse pöbelt.

Das herumgereichte Bild des Mannes ist das einfache Gegenteil, die Versicherung: So bin ich nicht. Das sind die Anderen.

Diejenigen, die auf der Seite des Mannes mit seinem Deutschlandhut stehen, haben in ihm längst eine Symbolfigur gefunden, denn sie erkennen sich ja wieder und seine Demütigung kann morgen schon ihre sein. Ihre Ansichten werden ja nicht dadurch angenehmer, dass einer von ihnen ein Hanswurst ist.

Fragen aber beantwortet es keine.

Keine darüber, wie das Klima in sächsischen Behörden ist.

Wieso die Demokratisierung nach 1989 zwar Eigenheime und Autos ermöglicht hat, aber in vielen Hinsichten kein Bewusstsein für einen demokratischen Staat und seine Institutionen,

Wie Mitarbeiter in einer öffentlichen Behörde ein Klima finden können, dass solche Ansichten wenn nicht fördert, so doch ignoriert.

Warum ein Mitarbeiter des LKA keinen Begriff von Pressefreiheit hat und wer überhaupt weiß was Pressefreiheit ist.

Wieso eigentlich keiner auf dem Bild sagt: „Geht’s noch!“

Warum das Bild der Polizei eigentlich so oft einen so unsouveränen Eindruck macht.

Ein Bild und so viele Fragen.

Aber keine davon ist übrig geblieben.

Und das Bild macht es uns so einfach, auch in der Annahme, dass dies das größte Problem ist, der hässliche Mann und sein Hut.

Den kennen wir ohnehin nicht, der kommt nicht zum Abendbrot vorbei und auch in der Philharmonie hat er keine Karten, da kann man sich sicher sein.

Eine Witzfigur, ein Michel, ein Hanswurst, einer der sich nicht entblödet, und die Polizei macht auch noch mit.

Aber unangenehmer ist es doch, wenn die gute Freundin auf einmal findet, dass es mehr Müll gibt, seitdem die Flüchtlinge da sind. Dass der gute Freund sein Kind lieber auf die Privatschule gibt, weil in der Klasse eben doch sehr viele Kinder sind, die Deutsch nicht als Muttersprache können, wenn bei Butter Lindner in der Schlange diskutiert wird, dass Integration eben eine Bringschuld derjenigen ist, die hierherkommen und der Mann hinter der Theke, der eben nicht Müller, sondern Özgöz heißt, wird Rot. Wenn beim zweiten Glas Wein, dann eben doch befunden wird, dass nicht jeder kommen kann und wir ja auch genug eigene Arme hätten und nicht noch die aus der übrigen Welt gebrauchen könnten. Oder die Bekannte vom Wochenmarkt erzählt, dass man so froh sei über die eigene Perle aus Polen, die rein machen kommt, während man ja höre, wie viele von den Putzhilfen aus Rumänien betrogen würden. Das lässt sich fortsetzen, viele, viele Zeilen lang und es ist die Frage, ob wir ihnen denn mit der gleichen Härte und dem gleichen Einsatz wie dem Hütchenträger begegnen oder ob wir nicht lieber nicken, hmm, naja sagen, uns lieber schnell verabschieden oder ausweichen, denn es sind doch die hässlichen Menschen, die nach rechtsaußen schwenken und deren Anderssein uns doch versichert, dass wir auf der richtigen Seite stehen und lachen dürfen, laut und heiter und ohne Gewissensbisse.

Ich habe keine eindeutige oder einleuchtende Antwort auf die Frage wie man mit Menschen, die mit größten Selbstbewusstsein Verächtliches äußern umgeht, ich bin schon immer Jude und habe schon lange gelernt, dass keine noch so wohlmeinenden Worte, Überzeugungen ändern. Aber gelacht, gelacht, habe ich nicht, damals nicht auf dem blauen Sofa und auch nicht über den Mann mit seinem Hut und der schiefen Sonnenbrille. Dazu ist es zu ernst, dazu schien mir schon damals geht es um zu viel.

Feindliche Linien

Sie sagen so schlimm wie dieses Jahr, war es noch nie.

So viele. Überall. Ganz plötzlich.

Eine Epidemie.

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

Sogar in den Pflaumen.

Aber die Pflaumen habe sie ohnehin nie gegessen wegen der Würmer.

Man müsse handeln.

In Zuckersirup ertränken, sei noch zu milde.

Sie erschlagen mit einer Zeitung von vorgestern sei noch nicht Strafe genug.

Ausräuchern müsse man sie.

Mit Gift müsse man ihnen beikommen.

Früher habe es so viel Gift beim Drogisten gegeben. Auch gegen anderes Ungeziefer habe man einfach ein Mittel gefunden.

Humanität sei etwas Schönes, aber habe auch ihre Grenzen.

Ihnen die Flügel ausreißen sei ein guter Anfang. Aber auch schwierig.

Auf jeden Fall müssten sie spüren, dass es so nicht ginge.

Andere Seiten müssten aufgezogen werden, um zu zeigen wer der Herr im Haus ist.

Der Herr im Haus kann auch eine Dame sein.

Die Herren überlegen, ob man ihnen nicht auch mit Hilfe eines Hammers zu Leibe rücken kann. Das wäre eine Maßnahme, die Farbe bekennt.

Die Frauen sagen es ist eine Schande, dass es noch immer kein wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung gibt. Das beträfe doch auch Kinder. Das empöre sie am Meisten. Das noch immer nichts unternommen wurde.

Die Kinder sagen sie. Die Kinder. Es geht doch um die Kinder.

Dann beginnen sie wieder von vorn.

Aurotten. Erschlagen. Vergiften. Den Gar rausmachen. Sich nichts bieten lassen. Keine Rücksicht mehr nehmen. Zu allen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen.

Die Tierschützer sagen sie machen sich ja lächerlich. Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann wäre doch allen geholfen.

Das ist alles die Schuld von diesem Greenpeace sagen sie.

Das müsste man verbieten. Oder noch besser, man müsste sie diesen Biestern ausliefern. Dann würden sie schon sehen, was sie davon hätten.

Es sei nicht zu begreifen, warum man nicht in aller Härte gegen sie vorginge.

Der Tierschutz hätte ohnehin zu viel Macht.

Wie die schon aussehen.

Früher hätte man im Garten sitzen können, ganz ungestört.

Was hätte man früher nicht für schöne Sommer im Garten verbracht.

Das waren lustige Zeiten als Onkel Kurti beim Sherezade Spiel Cleoptra zog und einen Bauchtanz vorführte, dort drüben unter der Kastanie. Die war damals viel kleiner. Bauch hatte er ja Onkel Kurti, so wie Heinz Erhard, man konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Einmal hat Onkel Kurti Dreirad gezogen und ist wirklich dreibeinig über die Terrasse gerobbt. Es muss davon noch Dias geben, irgendwo unten im Keller. Onkel Kurti ist schon lange tot. Der Dia-Projektor ist kaputt. Es gab süßen Moselwein damals, in den kleinen Gläsern, in die man immer nur ein winziges Schlückchen goss und dabei so herrlich heiter wurde, obwohl man doch nur hin und wieder ein bisschen nippte, wenn es Kurti gar zu arg trieb. Was haben wir gelacht. Ganze Abende lang unter dem Sonnensegel. Ohne auch nur ein einziges Mal belästigt zu werden.

Aber das sei alles Vergangenheit.

Kaum hätte man sich hingesetzt, seien sie schon da.

Setzten sich auf den Käse, die Butter, den guten Schinken. 4,69 pro 100 Gramm bei Butter Lindner. Selbst wenn man alles in Dosen und Butterbrotpapier verpackte geben sie keine Ruhe und machen alles zunichte. Unerträglich seien sie und unerschütterlich.

Räucherkerzen hätten nichts bewirkt.

Bei Tchibo gab es Tennisschläger mit eingebautem elektrischem Schlag, genau wie der elektrische Stuhl in den USA, Zapp und dann ist alles gelaufen. Probiert haben wir es natürlich, aber zweimal hat er sich selbst versengt mit dem Tennisschläger, er war nie besonders praktisch veranlagt und der Brandgeruch macht Übelkeit, jetzt liegt der Schläger im Keller bei dem kaputten Dia-Projektor.

Nichts würde helfen.

Ganz hysterisch sei sie schon, sagt sie.

Sie würde auf ein Brötchen sehen und da hockten sie schon. Grinsende Gesichter. Sie schliefe schlecht und immer wieder würde sie Nachts aufwachen und davon träumen sie verschlucke einen von ihnen und dann wache sie schweißgebadet auf. Es müsse endlich etwas passieren.

So ginge das nicht weiter.

Ausnahmen dürfe es nicht geben.

Es müssten endlich Fakten geschaffen werden.

Das sagen die Nachbarn rechts und links des Gartenzaunes zu mir.

Ich lese die Äpfel und Birnen und auch die Pflaumen auf die im Gras liegen.

Ich mache Apfelmus und Apfelkuchen, Birnenkompott und Pflaumenmus.

Aber niemand sonst, hat etwas übrig für das Fallobst außer den Wespen.

Eine Handvoll lasse ich übrig für die Wespen, die im Garten wohnen.

Wir stören uns nicht.

Einmal hat sich eine Wespe in meinem Haar verfangen. Aber in meinem Haar haben sich schon ganz andere Dinge verfangen und bald flog die Wespe davon.

Es ist schade denke ich um die alten Apfelsorten, die Augustbirnen, die dicken, weichen Pflaumen, die im Gras verfaulen.

Alle Wespen sagen sie und schütteln die Faust.

Was aber die Wespen denken über die Menschen weiß ich nicht.

Podologische Notizen im Zugabteil

In Prag stehen so viele Menschen auf dem Bahnsteig, dass ich mir sicher bin, diese Menschen gehen niemals alle in diesen Zug und wir haben auch noch Koffer, Rucksack, luggage holdall und eine Tasche dabei.

„Wagen 257″ sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt ist so viel größer als ich, dass er den Wagen erspähen muss.

Der Zug kommt und der Tierarzt sagt: „Bist Du Dir sicher, dass es Wagen 257 ist? Mir war als hätte ich eben Wagen 275 gesehen.“

Ich krame nach den Fahrkarten, aber da steht noch immer: Wagen 257.

Derweil stürmen alle Leute in den Zug.

„Auch gut“, sage ich zum Tierarzt,„dann tritt uns keiner auf die Zehen.’“

Dann schleppen wir Gepäck zum Waggon, ich hieve und wuchte das Gepäck in die Ablage und wir fallen auf die Sitze. In der tschechischen Bahn hat es lauter Abteile. Jedes Abteil hat sechs Sitze, wir haben einen Fensterplatz und einen Gangplatz.

Der Tierarzt lehnt den Kopf ans Fenster.

Ich lehne meinen Kopf an die Tierarztschulter.

Dann quietscht die Abteiltür und eine Frau mit karottenrot gefärbten Haaren und zwei Enkelkindern, die eigentliche schon junge Enkeldamen sind, kommen herein.

Uns würdigt sie keines Blickes.

„Hier setzen wir uns hin, sagt sie und wenn hier irgendein Spießer mit Platzkarten kommt, dann soll er uns erstmal kennenlernen.“

Die beiden Enkeldamen pfeffern die Rucksäcke auf den Fußboden und zanken sich während wir aus Prag herausrollen, um ein Paar Kopfhörer. Nach fünf Minuten wird der Streit handfest, der Tierarzt flüstert: „Menschen sind schon wegen geringer Dinge erschlagen worden.“

Dann reißt der Kopfhörer entzwei.

„Problem gelöst“, flüstere ich dem Tierarzt zu.

Der Tierarzt erschauert.

Die karottenrote Großmama erfrischt sich mit einem Deoroller unter den Achseln. Dabei verrutscht ihr das Top. Wir schlagen die Augen nieder und zählen bis 120.
Die Großmama juchzt: „Berlin“ ruft sie „Berlin wir kommen.“ Sieben Tage, der Laurentius freut sich schon. Na ja, ich muss erst mal baden.“

Die Enkeldamen reißen sich an den Haaren.

Plötzlich sagt eine von Ihnen: „Oma haben wir denn ein Gastgeschenk?“

Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“

Die Enkeldamen nicken zufrieden.

„Ihr werdet sehen“, sagt sie „Berlin ist eine ganz andere Nummer als Tulln.“

Für eine halbe Stunde verstummt das Gespräch und die Großmama nebst Enkeldamen verzehren Brote. Die Brotpapiere pfeffern die Damen auch auf die Erde.

„Hier ist ein Mülleimer“, sage ich zu den Damen.

Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“

Ich hebe die Butterbrotpapiere also auf.

Die Damen werden müde. Die Enkeldamen streiten sich um ein Buch. Die Großmama gähnt. Sie spreizt die Beine und schon hat sie ihr linkes und dann ihr rechtes Bein auf die Sitzlehnen des Polster geschwungen auf dem nun eben ich sitze.
Dreißig Sekunden später schnarcht sie.

Ihre Socken hat sie ins Abteil wo auch schon der übrige Kramuri liegt, gepfeffert.

Ihre Füßen riechen nicht gut. Ihre Füße haben Schrunden, Hühneraugen und eingewachsene Nägel.

Mir dreht sich der Magen um.

Der Tierarzt erschauert.

„Mädchen“, was willst du tun? Die Frau ist zum Äußersten entschlossen.“

„Entschuldigen Sie“, sage ich zu der Großmama mit dem karottenroten Haar. „Ich sehe Sie sind ermüdet und haben wehe Füße, aber dies ist eben auch ein enges Abteil und ich möchte ungern die nächsten Stunden zwischen ihren Füßen verbringen.“

„Was sind sie denn für Eine?“, blafft die Großmama herüber. „Wie kann man sich nur so affig haben?“ „Ich kann nicht schlafen ohne die Füße hochzulegen.“ „Noch nie ein Paar Füße gesehen oder was. War ja klar, dass wir neben so einer Vollspießerin landen.“ Dann greift sie nach ihren Füßen und beschnüffelt sie ausgiebig. „Riecht einwandfrei“, sagt sie und streckt mir die Füße hin. Ich sehe die schrundigen Füße und finde ich habe wirklich genug gesehen. Der Tierarzt versucht hektisch ein Fenster zu öffnen.

„Ich bin mir sicher, sage ich zu der weiter keifenden Großmama, dass ihre Enkeltöchter gern bereit sind ihre Füße aufzunehmen.“

Die Dame starrt mich wütend an.

Die Enkeltöchter sehen zu ihrer Großmutter herüber.

Unisono kreischen sie los: „iiiiiiiiehhhhh, niemals legst du deine Stinkefüße auf unsere Lehne.“

„Das ist ja voll krass“,iiiiiihhhhhhh.“

Der Tierarzt flüstert: „Jetzt bringt sie dich um.“

Ich flüstere: Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan.“

Aber dann kommt der Schaffner und will die Fahrkarten sehen.

Die Großmama durchwühlt ihren Rucksack. Viele Dinge fallen aus dem Rucksack auf den Abteilboden. Der Tierarzt starrt gebannt auf den sich leerenden Rucksack. Er erwartet eine Streitaxt und sicherlich auch Pfeil und Bogen um Spießer zu erlegen.

Der Schaffner sagt: „Immer mit der Ruhe, die Dame bitteschöndankeschön.“

Die Dame ruft: „Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eigentlich fahr ich immer schwarz, aber is eh klar, wenn ich schon einmal eine Fahrkarte hab, dann finde ich die nicht.“

Dann findet sie doch drei eingedellte Fetzen Papier.

„Einen Identifikationsnachweis bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner.

Die Dame ruft: „No borders, no nations.“

Der Schaffner sagt: No English, bitteschöndankeschön.“

Und dann sagt er noch einmal: „Einen Identifikationsnachweis bitte wegen des Rabatts bitteschöndankeschön.“

Der ganze Abteilboden ist jetzt vom Rucksackinhalt bedeckt.

Dann finden die Enkeldamen einen Schülerausweis.

„Bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner und schließt die Tür.
In Usti nad Labem steigt eine Familie mit Platzreservierung zu.

„Jetzt geht es um alles“, flüstert der Tierarzt panisch.

Die karottenrote Dame schreit den Vater an: „ Scheiße, such dir doch einen anderen Platz. Reservierung ist nur was für so ne Pinkel wie euch.“

Der Mann sagt immer wieder: „Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt.“

Das zermürbt die Dame und ihre Enkelinnen.

Zeternd verlassen sie das Abteil.

Dreimal kehren sie zurück, weil immer noch einige ihrer Habseligkeiten auf dem Abteilboden liegen.

Der Tierarzt atmet auf: „Und Du sagst immer Kälbchen hätte kein Benehmen.“

Als wir in Dresden aussteigen, gleite ich fast über das Paar Socken aus, das noch immer auf dem Boden liegt. Aber nur fast und darauf kommt es ja manchmal auch an.

Ein Satz mit X…

Vor ein paar Wochen lag eine Einladung im Briefkasten. Schweres Papier, goldener Rand. Adressiert an den Tierarzt und so legte ich die Einladung auf den tierärztlichen Stapel und vergaß den Brief sofort. Am Abend aber, ich versuchte die Katze davon abzuhalten, die Keksdose durch Herumkullern auf den Dielen zu öffnen, fragte der Tierarzt: „Mädchen willst Du an einem Sonntag im Juni zu einer Taufe nach Westcork fahren?“

„Tierarzt“, sagte ich, „ wenn es Dir ein Herzenswunsch ist, fahre ich mit Dir zu einer Taufe nach Westcork.“

Der Tierarzt aber schüttelte, vergnügt den Kopf, denn der Tierarzt teilt nicht nur Freud und Leid mit einem seltsamen Fräulein,sondern weiß inzwischen auch, wie ein Nein klingt.

Mein Verhältnis zu Taufen ist nämlich ein angespanntes, wenn auch nicht nicht aus religiösen Bedenken, allein der komischen Note wegen, die mir bei der letzten besuchten Taufe so sonderbar auffiel, denn da rief der Vater des Täuflings schon vor der Kirche: „Die Geschenke können jetzt abgegeben werden.“ Ich hatte mir die Vertreibung der Händler aus dem Tempel zwar immer ganz anders vorgestellt, aber was weiß schon einfacher Jude von solchen Dingen?

„Wunderbar“, sagt der Tierarzt ob meiner Antwort. „Er habe die Mutter des Täuflings nie sonderlich gemocht, sie habe in der Anatomieklausur schamlos bei im abgeschrieben und als es die Klausur zurückgab ,ihn noch ob eines Fehlers beschimpft.

„Nebelkrähe“, sage ich.

Damit ist das Thema erst einmal beschlossen und der Umschlag wandert auf einen dritten Stapel von Dingen, die es zu erledigen gilt, wenn es regnet oder alle Fenster geputzt sind.

Dies war gestern Abend der Fall.

„Heavens“, sagte der Tierarzt,wir haben noch gar nicht die Taufe abgesagt.“

Gesagt, getan“, sage ich und hole eine Karte mit goldenen Luftballons- durchaus ein himmlisches Segnungsmotiv- aus der Kartenkiste.

Der Tierarzt faltet einen Schwan aus einem Geldschein.

Ich nehme den guten Füller zur Hand und schreibe.

Liebe Eltern, liebe und dann stocke ich und sehe zum Tierarzt auf.

„Wie ist der Name des Kindes?“

Der Tierarzt dreht die Karte in den Händen umher.

„Mädchen“, sagt er, der Name kommt mir ganz komisch vor, hier steht Irene Xanthippe.“

„Tierarzt, sage ich, Du bist müde und wer müde ist, sieht schlecht und wer schlecht sieht, der liest absurde Namen vor. Niemand nennt sein Kind Irene Xanthippe.“

Außerdem ist der Name schon ein Widerspruch an sich. Irene ist der Name einer Friedensgöttin, während Xanthippen noch den besten Frieden zu zernörgeln wüssten. Keine auch noch seltsamen Eltern würden aus ihrem Kind doch einen lebenden Widerspruch machen, sage ich und mache Licht an.

Der Tierarzt murrt: „Hier steht Irene Xanthippe“.

„Gib her“, schnaufe ich und sehe auf die Karte aus schwerem Papier. „Habe ich mich nicht über Jahre mit Handschriften aus dem 17. Jahrhundert herumgequält, um jetzt an einer Taufkarte zu scheitern?“

Die Einladung ist gedruckt, aber den Namen des Kindes haben die Eltern handschriftlich hinzugefügt.

„Von wegen Irene“, sage ich triumphierend. „Da steht India.“

„India?“ murmelt der Tierarzt.

„Bist Du Dir sicher?“

Ich sehe wieder auf die Karte, je länger ich auf die Karte sehe, desto unsicherer werde ich. Vielleicht auch Indigo, murmele ich.

Schwieriger aber noch ist der zweite Name auf der Karte.

„Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Xenophilia“, buchstabiere ich.

„Ausgeschlossen“, sagt der Tierarzt und ich nicke.

Das scheint noch absurder zu sein als Xanthippe.

„Xiphantia“ wagt der Tierarzt einen neuen Versuch.

„Tierarzt“, schüttle ich den Kopf, da ist doch ein Mädchen und kein Saurier.

Ich hole die Lupe.

Der Tierarzt sagt: „Ich habe mal ein Rennpferd namens Xaphania behandelt.

„Weiß G*tt Tierarzt, aber hat deine Bekannte etwas das gleiche Rennpferd behandelt und ihm geschworen, wenn es seinen Huf hebt, dann benenne ich das Erstgeborene nach ihm?“

Der Tierarzt denkt nach und sagt: „Wohl eher nicht.“

Ich klamüsere indes noch immer mit der Lupe herum.

„India Xenobia“, sage ich.

Aber dann schwanke ich doch, denn schreibt man Xenobia nicht Zenobia, wenn man sein Kind schon nach der einstigen Königin Palmyras benennt?

„Vielleicht fahre ich fort, hat sie den Namen irgendwo falsch abgeschrieben, wie damals bei dir in der Anatomieklausur?“

„Wie bitte schreibt man einen Namen für das eigene Kind irgendwo falsch ab?“

„Tierarzt, sage ich, nichts einfacher als das. Das war in etwas so:

In die Praxis deiner Bekannten kam eines Nachmittags eine Frau mit einer Boa Constrictor namens Queen Z und nach abgeschlossener Behandlung, fragte sie die Besitzerin wofür das Z im Namen der guten Schlange denn stünde. Queen Zenobia verehrte Schlangen wie keine Zweite, erzählte stolz die Schlangenbesitzerin, die aber auch sehr heiser war, dann klingelte dreimal das Telefon, deine Bekannte hatte aber nur den ersten Strich vom Z gemacht, als sie sich erinnerte, doch den Schlangenamen aufzuschreiben, stand am Ende Xenobia auf dem Waschzettel.

„Mädchen“, lacht der Tierarzt. Niemand spaziert mit einer Würgeschlange umher.“

„Tierarzt“, sage ich, wir sprechen uns noch einmal, wenn du einige Jahre in Berlin gelebt hast.

Dann kehre ich seufzend zur Karte zurück.

„Da steht Xanthippe“, beharrt der Tierarzt.

„Tierarzt, sage ich, selbst wenn die ihr Kind Xanthippe genannt haben, können wir das niemals und zwar unter gar keinen Umständen auf die Karte schreiben.“

„Was schreiben wir dann?“

Ich hole Buntstifte und male neben: „Liebe Eltern“ einen gelben Kreis, tupfe Kulleraugen hinein, male, grüne, rote und lila Locken an den Babykopf und ein I und ein X zwischen das Gemalte.

Der Tierarzt, die Katze und der Hund starren auf das bunte Chaos.

Es gelingt mir nur sehr selten alle drei Hausgenossen zu beeindrucken, aber dann schreibe ich weiter: „bedauern wir sehr, nicht an der Taufe eures herzigen Kindes teilnehmen zu können.“

Später der Brief liegt auf dem Stapel: „Fertige Post“ und ich liege im Bett, „Weißt Du,sagt der Tierarzt und zieht sich ein Schlaf-T-Shirt über, ich bin wirklich froh, dass wir beide so einfache Namen haben.“

„Du Mädchen, ich Tierarzt, da kann wirklich nichts schief gehen.“

Hmmm, sage ich und der Tierarzt geht sich die Zähne putzen. Bevor er im Bad verschwindet, dreht er sich noch einmal um. „Mädchen, ich glaube wirklich, sie haben das Kind Irene Xanthippe genannt.“

Graue Ränder

Am Morgen ist alles grau. Das Meer ist nur ein grauer Fleck, Nebel über den Wiesen, die Spitze des Kirchturms St Sylvester fast verschwunden, die Kastanien auch sie grau und verlegen am Straßenrand. Der Hund ist ein grauer Fleck im Garten. Der Tierarzt sucht seine Uhr, ich nehme die Tasche vom Stuhl. Wir fahen ins Krankenhaus. Grau liegt die Straße vor mir, das Unterland ist nur noch ein grauer Fleck im Augenwinkel, schon sind wir vorbei gefahren, die Straße führt am Meer vorbei. Das Meer ist ein grauer Spiegel, blind geworden in den Jahren in denen sich niemand mehr die Haare machte vor dem teuren venezianischem Glas. „Bitte nimm mich wieder mit“, sagt der Tierarzt, verdreht seine Hände. „Ja“, sage ich, das Milchauto hupt. „Versprich es mir“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich und das Milchauto biegt nach links ab und ich fahre immer weiter geradeaus. Im Radio graue Nachrichten, das Radio an, das Radio aus.

Im Krankenhaus warten wir. Grüne Stühle, graues Linoleum, der Tierarzt grau im Gesicht, aber vielleicht ist das auch nur eine Metapher, auf dem Flur sitzen sonst nur Mädchen, die Mädchen sind jung und so dünn und sofort beginne auch ich abzuwägen, ob ein Mädchen wohl dünner ist als der Tierarzt, aber der Tierarzt ist ein Schatten, längst außerhalb der Hungerkämpfe der Mädchen auf dem Flur. Sie alle halten Wasserflaschen in den Händen. Sie erkennen den Tierarzt als einen von ihnen.Sie nicken ihm zu. Der Tierarzt hält meine Hand. „Lass mich nicht hier“, sagt der Tierarzt. „Ja“, sage ich. Der Tierarzt ist dünner als sie. Sie sind noch keine Schatten. „Lauft möchte ich Ihnen sagen, lauft vor dem Hunger davon.“Die Mädchen haben müde Augen. Ich sage nichts. Die Ärztin kommt. „Tierarzt“, sagt sie und der Tierarzt lächelt. Es ist ein graues Lächeln, hilflos, neblig, es verbirgt ja nichts mehr. „Kommen Sie“, sagt sie und nickt mir zu. „Wollen Sie hier warten?“, sagt sie zu mir. „Ja“, sage ich.

Mir fällt an diesem Ort nichts anderes ein. Die Mädchen trinken aus den Wasserflaschen. Heute wird gewogen. Ich habe noch nie eine Waage besessen. Als ich so alt war, wie die Mädchen wollte ich wissen, wie man ein schönes Mädchen wird, wie man richtige Brüste bekommt, wie man. Ich habe es nicht herausgefunden, ich weiß nicht was die Mädchen herausfinden wollen. Sie tragen Trainingsanzüge aus rosa Plüsch. Die Trainingsanzüge sind alle zu groß, sie reden über Bauchfett. Der Tierarzt hatte drei Waagen. „Warum Drei?“, fragte ich ihn damals. „Die vierte Waage ist kaputt“, sagte er. Dann sagte ich nichts mehr.

Das Linoleum wellt sich unter meinen Füßen. Grau ist das Meer. Ich lese die Zeitung und lese die Zeitung nicht, ich trinke Tee, den Tee bringt die Krankenschwester. „Here hun“, sagt sie und sie lächelt als ich sage: „Ja.“ „Mit Zucker?“ „Ja“, sage ich. Sie strahlt. Ich trinke den Tee und zerdrücke den Plastikbecher. Ein Telefon klingelt. Niemand antwortet. Nach jeder Minute macht der schwarze Zeiger der Uhr: Tock. Viele Tock später kommt der Tierarzt zurück. „Kann ich Sie einen Moment sprechen?“, sagt die Ärztin zu mir. „Ja“, sage ich und sehe den Tierarzt an. Der Tierarzt nickt und versteckt seine Hände. „Ich will nur wissen, ob es Ihnen gut geht“, sagt die Ärztin. „Ja“, sage ich. Was soll ich sagen? „Die Verantwortung“, sagt sie. „Sie haben meine Mutter nicht gekannt“, sage ich. Sie sieht mich an. Graue Augen, vielleicht auch grün wenn die Sonne scheint. „Oh“, sagt sie. „Ja“, sage ich und sie nickt und wir schweigen. „Hier ist meine Nummer“, sagt sie. „Rufen Sie mich an, wenn.“ „Ja“, sage ich und sie lächelt und ich lächle und dann gehe ich zurück.

„Komm“, sage ich und wir gehen hinaus auf den Parkplatz und dann sitzen wir im Auto. Der Tierarzt zittert. Kalte Hände. Die Heizung an. Die Scheiben beschlagen. Der Tierarzt atmet aus, ich atme ein. „Du hast mich nicht zurückgelassen“, sagt er. „Nein“, sage ich. „Nein.“ Neben uns hält ein Auto, eine Mutter bringt ein Mädchen in die Klinik. Dann fahren wir nach Haus. Der Tierarzt nimmt den Wetterfleck vom Haken. „Weiteratmen“, sagt er. „Ja“, sage ich.

Ich mache Tee, telefoniere, lese die Zeitung doch, schreibe etwas auf, streiche etwas durch, hänge Wäsche ab, hänge Wäsche auf, mahle Kaffee, setze Reis auf, sehe in den Nebel hinaus und suche nach den Kronen der Kastanien, der Hund sucht einen Ball. Der Tierarzt kommt zurück. Im Radio verliest ein Nachrichtensprecher den Tod von Thomas Wolfe. „Irgendwann, sagt der Tierarzt habe ich einmal „Schau Heimwärts Engel“ gelesen. Ich erinnere fast nichts mehr. Nur das Eine noch, die Beschreibung einer Speisekammer. Eine prächtige, gefüllte Speisekammer mit allen möglichen Dingen war das. Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Käsesorten und Obst, Weinbrand, alle möglichen Dinge, die niemand in Tipperary jemals gesehen hat. Dinge, die es bei uns nicht gab. Zu einem richtigen, vollständigen Leben, stellte ich mir ein Haus, vor mit genau so einer Speisekammer, ein Leben in dem man eine Speisekammer hat, wo niemand schreit, wo keine Stühle fliegen, wo und dann bricht der Tierarzt ab. Er lacht, er lacht so laut und hohl, wie er niemals lacht, er lacht so lange bis er weint.

Immer schon habe ich geglaubt, das Lachen und Weinen eigentlich dasselbe sind.

„Ja“, sage ich schließlich, denn mehr fällt mir nicht ein.