Was ich alles nicht gemacht habe

Keine Wohnung gekauft. Dabei würde ich doch so gern oder so dringend oder beides zusammen. Aber die Wohnung war in der Realität noch viel schrecklicher als in der Annonce. Schrecklicher als die heruntergekommene und wahnsinnig überteuerte Wohnung mit Wasserflecken an jeder Wand war nur das Lachen des Immobilienmaklers, der unter wieherndem Gelächter erklärte, was diese Wohnung für ein Schmuckstück sei. Sein Lachen verfolgt mich noch im Treppenhaus. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlsuppe und den Ambitionen des Immobilienmaklers. Ich laufe davon so schnell ich nur kann.

Keine Granatäpfel mehr auf dem Markt bekommen. Ich war zu spät und der Händler schon davon gefahren. Ich verfluche den Immobilienmakler und das Leben an sich.

Die Zeitung nicht zu Ende gelesen. Nicht einmal zur Hälfte, um ehrlich zu sein.

Keine bessere Laune bekommen, trotz einer Zimtschnecke mit Hagelzucker darauf.

Mich nicht darüber beruhigen können, wie viel Platz die Autos haben und wie wenig Rand für Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit rotem Ball und alte Hunde bleibt. Wie kann das sein, frage ich mich immer öfter, dass wir uns so leise, so unbemerkt, ohne jeden Protest so viel Platz haben nehmen lassen? Warum nur gilt unsere Nachsicht den Parkplätzen auf denen niemand mehr Springseil übt und auf denen Blumen nur zufällig doch bestehen bleiben? Wie haben wir das nur zugelassen, ohne bunte Plakate, ohne Sitzstreik, ohne Beschwerdeberiefe an den Bürgermeister, warum sind wir nur so unendlich geduldig, dass auch am Sonntag die Straßen mit Autos verstopft sind und der Hund und ich auf unserem Spaziergang zwar zweimal fast von einem aus einer Ausfahrt herausbretternden Autofahrern erfasst werden, aber keinem einzigen Buben mit einem Roller treffen? Wie kann das sein, dass man als Fußgänger elend lange auf dreißig Sekunden Grün warten muss, nur um bös angehupt zu werden, wenn man mit einem alten Hund doch vierzig Sekunden braucht. Warum nur leuchtet es uns so ein, dass grundsätzlich alle Freiheit beim Auto liegt und alle anderen Verkehrsteilnehmer nur störendes Übel sein können? Warum eigentlich ist alle Welt eigentlich der Überzeugung den richtigen Blick auf die Welt gäbe es nur vom Lenkrad aus? So viel Protest sieht man dieser Tage, aber unsere Wege, Städte und Dörfer haben wir einfach so, schulterzuckend aufgegeben.

Darüber kann ich nicht aufhören mich zu wundern.

Auch beim Wiederlesen von Stolz und Vorurteil keine Sympathie für Charles Bingley gewonnen. Kaum ein Charakter ist mir so unsympathisch wie Jener. Dafür mich wieder ein bisschen mehr in Charlotte Lucas verliebt, die pragmatischer und grundsätzlicher auch als alle anderen Austen Figuren sich eine Freiheit erheiratet, über die alle anderen nur lachen können. Sie ist die Einzige auch, die nicht mitmacht, obwohl es so einfach wäre auch für sie dem Deppen Mr Collins eins mitzugeben und sie macht es nicht. So viel Glück, denke ich mir wieder und wieder werde ich wohl nicht haben, dass mich jemand so sieht wie Charlotte Lucas. Man merkt es ja selbst immer erst, wenn es zu spät ist, dass man längst selbst Mr Collins geworden ist.

Keinen Krokus zertreten und über kein Schneeglöckchen getrampelt.

Keinen Kuchen mit der Katze geteilt.

Keine angenehmen Träume mehr.

Keine Nachrichten gehört.

So lange schon nicht mehr Klavier gespielt.

Trotz erklärtem Vorsatz kein Kleid gekauft.

Keinen Kaffee gemahlen.

Keinen Krümel Tee mehr in der alten Dose gefunden.

Auch daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nicht einmal einen Einkaufszettel geschrieben.

Auch nicht im Kino gewesen. Ob Isabelle Huppert wohl noch Filme macht? Vielleicht sitzt Isabelle Huppert ja auch lieber irgendwo im Süden und sieht hinaus auf das Meer.

Keine Muschel am Strand aufgehoben.

Keine zweite Wohnung besichtigt.

Keinen Knopf gefunden mit dem sich das Gackern des Immobilienmaklers hätte ausstellen lassen.

Keine Pläne gemacht.

Keine Freunde getroffen.

Am späten Nachmittag im Garten eine Taube mit abgerissenem Kopf im Garten gefunden. So schöne bunte Federn.

Ein Loch gegraben, die Taube beerdigt, aber kein Lied gesungen. Mit Vögeln soll sich der Mensch nicht messen. Einen Stein auf das Grab mit der Taube gelegt.

Die schwarze Katze oben im Baum mit grünen und blauen Federn im Maul erst viel zu spät gesehen.

Den Blick nicht abgewandt von der Katze und den bunten Federn über mir.

Anna

Das letzte Mal habe ich Anna vor vielen Jahren gesehen. So viele Jahre liegen zwichen Anna und mir, dass ich nicht mehr weiß wie viele Jahre genau.

Das letzte Mal als ich Anna sah, lebte ich in Berlin.

Das letzte Mal als ich Anna sah, hatte ich ganz kurze Haare.

Aber Anna hatte immer ganz lange Haare.

Anna war die Freundin meines Freundes J.

Der J. und ich hatten Freundschaft in einem Waschsalon geschlossen.

Bevor ich J. kannte, wusste ich schon von Anna.

J. sagte zwischen den sich drehenden Waschmaschinentrommeln: Ich bin Jan und die Frau, die ich liebe, heißt Anna.

Ich nickte und sagte: Hallo, J. der Anna liebt.

Dann sahen wir auf die Buntwäsche.

Wir teilten uns eine Stange Pfefferminzdrops und eine Tüte grüner Haribo-Frösche.

Zwei Tage später traf ich Anna zum ersten Mal.

Anna war hell, so hell, dass ich erst einmal blinzeln musste. Ich war nie hell und damals als ich Anna traf, war ich besonders dunkel.

Anna aber lachte mit offenem Mund, sie schlang die Arme um J., wie es eigentlich nur Kinder tun, sie spielte Gitarre, Anna spielte Gitarre und J. sah Anna zu wie sie liebte und lebte, ganz aus dem Vollen. Man musste einfach lächeln, wenn Anna kam.

Anna hatte immer Ideen. Auf ein Hausboot ziehen. Die Anden erkunden. In Thailand ein Fischerboot zu einer Bar ausbauen. In Sizilien auf einer Steintreppe selbstgezogene Kerzen verkaufen.

Jeden Anderen hätte man belächelt, aber Anna bewunderte man insgeheim und man wollte sofort ein Interrail Ticket lösen, um mit ihr loszuziehen.

Niemand fragte Anna, woher sie sei. Alle wollten immer wissen, wohin Anna wohl als Nächstes ginge.

Ich war gar nicht so wenig neidisch auf diese Frage.

Aber Anna lachte und wenn man sie zwei Wochen später sah, war sie gerade erst mit dem Zug aus Budapest angekommen oder hatte in einem Kloster in Oberbayern Schals gebatikt.

Anna war Ballerina und konnte Traktor fahren.

Aber Anna liebte auch J. und wann immer er dazukam, strahlte sie heller noch und hielt seine Arme fest, so fest es ging.

Eines Tages Anna und ich kannten uns ein halbes Jahr, da machte der J. ihr einen Heiratsantrag.

Anna sagte Ja.

J.sagte immer wieder: Sie hat wirklich ja gesagt.

Nie wieder habe ich J. so glücklich gesehen wie an jenem Tag.

Das war vielleicht zwei Wochen bevor ich Anna das letzte Mal sah.

Das letzte Mal habe ich Anna in einem Brautmodengeschäft in der Schlüterstraße gesehen.

Anna wollte eine spontane Hochzeit und ein Kleid für eine Hochzeit, die man mindestens ein Jahr im voraus plant.

Anna probierte immer neue Kleider an.

So schön war Anna. Draußen vor dem Schaufenster blieben Passanten stehen, um Anna anzusehen.

Anna winkte.

Ich lachte so sehr an diesem Nachmittag mit Anna. Vielleicht habe ich nie wieder so gelacht wie damals mit Anna.

Sie suchte ein Kleid aus, das ihr weich um die Knöchel fiel. Ein Kleid aus Stoff und Tüll, mit Spitzenbesatz, ein Kleid wie aus einem Märchen. Ein Kleid wie es nur Anna einfallen konnte, die schwor sie würde genau zu diesem Kleid schwere Haferlschuhe tragen und die alte Strickjacke ihrer Mutter mit den Rosenknospen.

Die Verkäuferin strahlte, wir strahlten und der J. bezahlte das Kleid.

Der J. ging zurück zur Arbeit.

Anna küsste mich zweimal links und zweimal rechts.

Sie roch nach Jasmin und grünem Tee, glaube ich.

„Ich ruf dich später an“, sagte Anna und dann lief sie los.

Sie trug ein gelbes Kleid mit weißen Streifen.

Es war ein Sommertag in Berlin als ich Anna zum letzten Mal sah.

Angerufen hat Anna mich nicht.

Nicht am Abend.

Auch nicht einen, oder zwei Tage später.

Sie meldete sich auch nicht bei J.

Der J. hängte das Kleid zum Lüften an den Schrank.

J. fuhr durch die Berliner Krankenhäuser und fragte nach Anna.

Aber da war Anna nicht.

Nach einer Woche ging er zur Polizei.

Es gibt immer wieder Menschen, die verschwinden und nicht gefunden werden wollen, sagte der Polizist.

Anna und ich wollen heiraten, sagte der J.

Aber Anna meldete sich nicht.

Der J. hängte das Hochzeitskleid in den Schrank.

„Sie kommt bestimmt wieder“, sagte J.

„Ja“, sagte ich.

Aber Anna kam nicht zurück.

Manchmal sagten Freunde sie hätten von Anna in Sydney gehört.

Oder sie hätten Anna mit einem Freund in Hongkong gesehen.

Irgendwann hatte der J. kein Geld mehr um spontan nach Sydney zu fliegen.

Anna blieb verschwunden.

Aber wenn jemand den J. fragte auch noch zehn Jahre oder fünfzehn Jahre später, ob er mit jemanden zusammen sei, dann sagte er, er würde auf Anna warten.

Manchmal in all den Jahren, die vergingen und in denen der J. sich oft verlor, rief er mich an und sagte: „Du hast doch Anna gekannt.“

„Ich weiß nicht“, sagte ich und oft fuhr ich dann los und suchte nach J.

So vergingen die Jahre.

Das Brautkleid frassen die Motten.

Den J. frisst die Arbeit auf.

Aber nach Anna sucht er nicht mehr.

Keiner seiner Freunde fragt mehr nach Anna.

Den Freundeskreis jener Jahre gibt es nicht mehr.

Der J. nimmt manchmal eine Frau mit nach Haus, aber über Nacht bleibt sie nie.

Seine Telefonnummer ist noch immer dieselbe.

Wenn wir uns in Berlin sehen, sprechen wir über alles, aber nicht über Anna.

Einige Jahre lang schrieb ich ihrer Mutter.

Aber irgendwann kamen die Briefe ungeöffnet zurück.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich in den letzten zwei oder drei Jahren kaum noch Anna gedacht.

Längst kenne ich andere Annas und ihr Name ist nur noch ein fernes Echo.

Ein Brautkleid habe ich selbst nie gekauft.

Aber immer mal wieder habe ich mit einer Freundin in einem Brautmodenladen gesessen und ihr zugesehen, wie sie ein Kleid aus Tüll anprobierte. Nur gelacht habe ich nie mehr so wie an jenem Nachmittag mit Anna.

Aber das habe ich den Freundinnen nie gesagt.

Eine getrocknete gelbe Rose erinnerte mich immer mal wieder an Anna.

Aber eigentlich erinnerte mich nur der J. noch an Anna.

Denn der J. liebt Anna noch immer.

Irgendwann hat der J. eine Therapie gemacht. Der Therapeut sagte er müsse eben loslassen und sich auf neue Erfahrungen einlassen. Aber der Therapeut wusste nichts von Anna und ihrem Lachen.

Gesprochen aber haben der J. und ich auch nicht mehr über Anna.

Nur geschwiegen haben wir über Anna.

Heute Nachmittag aber ich hatte gerade ein anderes Telefonat beendet und dem D. versprochen mich einer Angelegenheit anzunehmen, da klingelte das Telefon. Ich dachte die vorherige Anruferin hätte etwas vergessen.

Aber die Stimme am Apparat war eine Andere.

„Hallo, hier ist Anna“, sagte die Stimme am Telefon, so viele Jahre später, heute um 16.34 Uhr.

Schnell genug

Noch einmal oder schon wieder umziehen.

Das liegt ja immer im Auge des Betrachters.

Ich weiss, sage ich zur Katze. Ich weiss doch, schön ist das nicht.

Aber selbst die Katze, die es doch zu einem Grundsatz gemacht hat, mit mir niemals einer Meinung zu sein, schweigt und nickt mir zu, so als wolle sie mir sagen. „Schon Recht, ich seh es ein, aber gib mir ein oder zwei Tage, ich will den schönen Kater noch einmal wiedersehen.

Soll sein Katze, soll sein, sage ich.

Ich weiss, sage ich zum treuen alten Hund, ich weiss, leicht ist das nicht.

Aber der treue, alte Hund, der doch Veränderung nicht leiden mag, schleppt seinen Schuh heran und legt ihn auf den Koffer. Dann bleibt der Hund einfach sitzen.

Ich denke an die Frau des Krämers. Die Frau des Krämers wusste natürlich gleich, dass mein Weggang aus dem Dorf in der Katastrophe, meiner wohlgemerkt nicht der des Dorfes enden würde. Das kleine Dorf wird es immer geben und

Meinen Einwand, dass das Dorf diametral entgegengesetzt zur Mondsteinscheibenfabrik liegt und das Haus zu einem Preis verakuft wurde, den ich auch in zwei Arbeitsleben nicht werde aufbringen könne, liess die die Frau des Krämers nicht gelten. „Sie werden schon sehen“,  sagte sie finster und ich packe meine Schuhe ein und werfe so viele Dinge weg, damit ich wenn ich wieder umziehen muss, noch schneller sein kann. Immer noch schneller, sage ich mir und halte mich mit den Händen an meinen Armen und mit meinen Armen an der Wand fest. Sonst ist ja auch niemand da.

Auf Schnelligkeit kommt es an, wenn man Schlägen ausweichen will, das weiss ich schon so lange. Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Lieber weitergehen, denke ich und hoffe eines Tages wird auch die Frau des Krämers aufhören Recht zu haben. Aber manchmal befürchte ich die Frau des Krämers wird immer Recht behalten und noch mehr fürchte ich, dass ich eines Tages nicht mehr schnell genug sein werde und dann hat das Schicksal oder wer auch immer sich gerade als Schicksal verkleidet mich bei den Haaren packt und nicht mehr gehen lässt.

Wer nicht schnell genug ist, der bleibt liegen. Das weiss ich ganz genau.

Also dann, sage ich und packe das was ich habe in zwei Koffer und einen Rucksack, die vielen Kartons mit Traurigkeit hab eich gar nicht erst aufgemacht, sondern sie stapeln sich links und rechts und in der Mitte. Alle Kartons sind sorgfältig nummeriert. Man soll sich vorsehen, dass die Traurigkeit nicht durcheinander gerät. Wenn die Traurigkeit erst einmal ausbricht aus den Schachteln und Kartons, dann gibt es kein Halten mehr. Nicht für die Traurigekit und auch nicht für mich.

Die Bücher trage ich ins Büro.

Es sind immer die Bücher, die mich dann doch noch aufhalten. Immer schon. Man muss nur wissen, was einen aufhalten wird.

Das ist alles, was man wissne muss.

Die Katze kommt in den Korb.

Der Hund kommt an die Leine.

Der Taxifahrer sagt:

„Hund und Katze geht das denn?“

„Sie haben mein Kälbchen noch nicht gesehen“, sage ich.

Der Taxifahrer starrt mich an.

„Ist das alles?“

Ich nicke.

Mehr ist es ja nicht.

Die Katze schwenkt missmutig ihren Schwanz.

Die Katze findet ein Korb, auch ein besonders feiner Weidenkorb sei kein angemessenes Transportmittel für eine Majestät.

„Verkehrssicherheit“ zische ich der Katze zu.

Der Hund rollt sich auf dem Boden zusammen.

Der Taxifahrer erzählt mir lang und breit, was er so alles mit Politikern zu tun gedächte.

Der Taxifahrer ist dabei nicht unbegabt.

Der Taxifahrer hupt.

Er sagt ich solle mir seine Nummer notieren.

„Er sei schnell da.“

„Das ist gut zu wissen“, sage ich.

Dann sind wir da.

„Aufgepasst“, sage ich zu Hund und Katze.

„Der erste Eindruck ist entscheidend.“

Der Hund verzieht sich hinter meine Beine.

Die Katze knurrt misslaunig.

Wäre ich nur in der Lage Kätzisch zu verstehen, so sagte sie gewiss: „Hast Du schon einmal jemanden bella figura in einem vergitterten Weidenkorb machen sehen?“

Bevor ich: „Contenance“ zischen kann, geht die Tür auf.

In der Tür steht die T.

„Ihr Lieben!“ sagt sie. Ich freue mich so.

„Es tut mir so leid, sage ich.“ Die Katze hat gar keine Manieren und der Hund hat auch keine Manieren, aber der Hund bemüht sich.

Die T. Sagt: Wie hat denn die Katze ihre Milch am Liebsten? Im Flur hat die T. Bilder ihrer drei leider verschiedenen Perser-Katzen hängen.

Die Katze verlässt erhobenen Hauptes den Korb und himmelt die T. an. Zwei Minuten später schnurrt sie auf dem Arm der T. Fünf Minuten später schleckt die Katze Milch. Zehn Minuten später hat die Katze einen Sessel zugewiesen bekommen. Der Sessel hat Kissen. Die Katze sieht mich an: „Das ist eben dein Problem Read On, nur weil dich niemand liebt, nimmst du an, das müsste allen so gehen. Sieh wie Du dich irrst!“ So viel Kätzisch kann ich dann doch.

Der Mann der T. krault den Hund hinter den Ohren und sagt: „So ein treuer, alter Hund.“ Die T. wollte ja immer Katzen, aber ich wollte immer einen Hund.“ Der Hund schnorchelt leise und sehr zufrieden. Der Hund hat nichts gegen Freundschaftsbekundungen, der Hund will nur mit Menschen nichts zu tun haben, die einen Ball in die Luft werfen und finden ein Hund sollte den Ball fangen und das auch noch gut finden. Aber der J. will den Hund nicht zu Albernheiten zwingen. Der J. will Fernsehen schauen und den Hund streicheln. Der Hund sieht gern fern und J. hat warme Hände.

Die T. zeigt mir mein Zimmer.

Das Zimmer geht in den Garten hinaus.

Ich müsste mir die Schuhe ausziehen.

Ich müsste die Koffer auspacken,

Ich müsste die Kisten mit Traurigkeit ordentlich stapeln.

Ich müsste Schwesterchen und die liebe C. anrufen.

Ich müsste herausfinden, wie ich zur Bahnstation komme, die zur Mondsteinscheibenfabrik führt.

Ich müsste der T. und dem J. noch einmal danken.

Aber ich kann nur auf dem Stuhl sitzen und in den Garten sehen und wieder und wieder denken: Du warst noch einmal schnell genug.

So lange sitze ich auf dem Stuhl und sehe in den Garten bis die Stimme in meinem Kopf leiser wird und ich kaum mehr hören kann, wie sie sagt: Was ist wenn du zu langsam gewesen wärst?

Noch einmal schnell genug davongekommen.

 

Im Bus mit Theresa May

Immer am Mittwoch und Freitag fahre ich mit Theresa May Bus.

Ha, höre ich Sie sagen, nun ist das Fräulein Read On ja wirklich ausser Rand und Band geraten und will uns ein X für ein U vormachen. Theresa May das weiss doch jeder, lebt  in London und nicht auf der kleinen, reichlich verregneten Insel auf der besagtes Fräulein ihre Tage fristet. Ausserdem fährt doch eine britische Premierministerin nicht mit dem Bus durch die Gegend, sondern wird selbstredend gefahren.

Aber stur sein kann ich auch und ja, schütteln sie ruhig den Kopf, denn Theresa May sitzt ja doch in dem Bus in dem auch ich zum Bahnhof brause.
Ein Arbeiterbus ist die Nummer 15, dort sitzen keine geschniegelten Salesmen oder Professorenehepaare oder gar Richter mit ihrer Perücke in einer braunen Schachtel.

Der Bus Nummer 15 ist ein Bus der kleinen Leute und des grossen Gähnen. Die Geschichten im Bus Nummer 15 beginnen nicht in Irland, sondern in Nigeria, Vietnam, oder in einem Plattenbau.

Im Bus Nummer 15 wird mehr geschwiegen als gesprochen, keiner hat eine Handtasche dafür haben die Reisenden grosse Beutel mit Wechselsachen. Der Bus Nummer 15 teilt sich in Frauen, die sauber machen, vom sauber machen kommen und in Männer, die auf dem Bau arbeiten gehen.

Im Bus Nummer 15 bekreuzigen sich die Frauen, passiert der Bus eine Kirche und die Männer hauchen K Küsse in ihre Telefone, denn irgendwo in Polen oder Rumänien warten ihre Kinder darauf, dass Papa anruft.

Aber am Mittwoch und Freitag sitzt eben auch Theresa May zwischen uns allen, auf dem dritten Sitz links von vorn. Sie sitzt immer am Fenster und – sicher ein Zugeständnis an ihre Security Männer- sie hat einen enormen Regenschirm mit einer silbernen Spitze bei sich.
Im Bus Nummer 15 tragen alle Polyester oder Sicherheitsschuhe, aber Theresa May dort am Fenster sieht exakt so aus wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Am Feitag trägt sie einen Kamelhaarmantel, der so weich ist wie eine Mohairdecke und ihre Fingernägel sind dazu sehr dezent, aber eben auch sehr sichtbar teuer in einer Art dunklem Nilgraubraungrün lackiert.
So etwas bekommen sie nicht in Dublin, wohl aber in London wo man ja bekanntlich alles bekommt.

Exakt die gleiche Kette wie Theresa May sie trägt liegt auch um ihren Hals und mit einer ganz und gar grazilen Handbewegung richtet sie dann und wann, wenn der Bus Nummer 15 sich bedenklich schwer in einer Kurve neigt ihre Kette.
Natürlich ist das Haar der Premierministerin Englands, Schottlands, Wales und Nordirlands auch im Frühbus absolut und ohne Zweifel auf Kante geföhnt. Es gibt wohl nur wenige Friseure die ihr Handwerk so verstehen wie der Friseurmeister einer Premierministerin und ihre Kopfbewegung ist so bestimt, so zielstrebig, so ausserordentlich bekräftigend wie man es wohl sein muss, hat man eine halbe Regierung, fast ein ganzes Parlament und einen guten Teil der öffentlichen Meinung gegen sich. Diese Frau, das sieht jeder Laie liest noch mitten in einem Tornardo Akten mit demselben kurzen und doch so Nicken wie es eben der Premierministerin zu eigen ist.

Ach, werden Sie sagen, das Fräulein Read On macht so einen Bohei, nur weil ihr müder Verstand ihr etwas vorgaukelt, wo es nichts vorzugaukeln gibt. Dabei habe ich das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: am Mittwoch nämlich liest Theresa May den Guardian und das ist doch nun wirklich ein Indiz, welches sich nicht leichthin abweisen lässt.
In Irland nämlich greift man zu Irish Times, zum Irish Examiner, nimmt den Irish Independent zur Hand und den Guardian liest man wenn schon denn schon am Samstag und wenn man das tut, dann wird man natürlich nicht müde zu betonen, dass man den Guardian ja ohnehin nur der Rezeptbeilage wegen läse.

Aber bei Theresa May macht das nur Sinn. Wer, wenn nicht die britische Permierministerin muss informiert sein über die Lage der Dinge im Allgemeinen und im Besonderen?
Und ich selbst habe gesehen, wie Theresa May und wer will es ihr verdenken, wenn immer Boris Johnson gescholten wird mit gespitztem Mund beginnt zu lächeln. Ein hämisches Lächeln ist das, ja das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Gibt sich der Guardian aber mit Verlautbarungen zu Jacob Rees-Mogg ab, ballt die Premierministerin die Hände zur Faust und aus der Zeitung wird in Sekundenschnelle Küllpapier.

Im Bus Nummer 15 verdenkt es ihr keiner, im Bus Nummer 15 haben alle schon einmal in mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten gesteckt. Am Freitag Morgen aber liest die Premierminsterin nicht in der Tageszeitung, sondern immer in einem Krimi. Jetzt aber halten sie sich fest. Theresa May nämlich macht mit dem Bleistift Randnotizen in die Kriminalromane hinein.

Der Bus Nummer 15 nimmt es gelassen zu Kenntnis. Wir alle kennen fiese Chefs ( nicht der verehrte Herr Direktor), biestige Kollegen oder anderes Ungemach gegen das nur die Vorstellung hilft, dass die Nemesis einmal auf einen Inspektor träfe, der mit allen Wassern gewaschen noch den hartgesottensten Kriminellen ( keine Namen!) ins Schwitzen brächte.
Und ich muss zugeben, so entspannt, so milde und heiter habe ich Theresa May im Fernsehen noch nie gesehen. Verstehen kann man es gut, wer wenn nicht sie die Vielgeplagte dieser Tage kann wohl hin und wieder, am Mittwoch und Freitag wenigstens einmal anderthalb Stunden für eine Atempause brauchen?

Wir verdenken es ihr nicht. Der Bus Nummer 15 und die ihm eigene Reisegemeinschaft lässt jeden sein. Hier wird niemand schief angesehen, nur weil er es wirklich einmal für eine gute Idee hielt von einem Plan nicht zu lassen, der voller Tücken ist. Hier im Bus Nummer 15 kennt man sich aus mit gescheiterten Hoffnungen und hier im Bus Nummer 15 in dem mindestens siebnundzwanzig Nationen zur Arbeit fahren, weiss man etwas von den Chancen und Grenzen Europas, die auch Theresa May zu schaffen machen.

Am Bahnhof aber steige ich aus und so kann ich Ihnen nicht sagen, bis zur welchen Haltestelle die Premierministerin fährt. Irgendwo aber wird eine dunkle Limousine schon auf sie warten,ein Fahrer öffnet die Tür und anderthalb Stunden später ist die Premierministerin wieder in London, ihr Privatsekretär reicht ihr eine schwere Aktenmappe, natürlich hat Michael Gove schon wieder vierzehnmal angerufen und die Premierminsterin zählt die Tage bis sie wieder im Bus Nummer 15, der doch eigentlich eine Atempause ist, sitzt.

Ich aber drehe mich nur noch einmal kurz um, bevor ich den Zug zur Fabrik besteige und murmele: Gdspeed Mrs May, Gdspeed und Farewell.

Was man vielleicht mit bloßem Auge sehen kann.

Meine Schwester hat grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und schon seit vielen Jahren einen britischen Pass. Den Pass sieht man nicht gleich, aber ihre Augen sieht man sofort. Meine Schwester hat fünf Kinder, alle Kinder haben eine andere Augenfarbe, aber alle Kinder haben ein britischen Pass. Mein Schwager hat die Augen seiner jüngsten Tochter und seine Mutter sagt, die Familie sei in England schon seit dem großen Feuer von London. Meine Schwester spricht nicht nur Englisch mit ihren Kindern. Aber Deutsch spricht sie nicht mit ihnen. Für Himmelblau, Zuckerwatte und Wiesengrund bin ich zuständig. Die Kinder meiner Schwester haben eine englische Kindheit mit kratzigen Kniestrümpfen, Tea Biscuits und Hockey am Nachmittag.

Am Abend am Telefon sagt meine Schwester, die doch bei Nachrichten den Raum verlässt und unangenehme Dinge überhaupt nur im Vorübergehen bespricht: Alle sagen der Brexit kommt noch, aber ich frage mich, ob er nicht schon lange da ist und wir nur alle so tun als bemerkten wir ihn nicht.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. Meine Schwester sagt solche Sätze nicht. Aber ich sage: „Meinst Du?“ Meine Schwester und ich sprechen weder Deutsch noch Englisch am Telefon. Meine Schwester spricht ganz leise, so als wäre das Leise vielleicht doch nicht wahr.

Viele Jahre lang hat meine Schwester ein Frühstück an einer Schule vorbereitet für Kinder für die es selten Frühstück gab, aber das sollte dann nicht mehr sein. Eine andere Schule wollte gern, dass sie dort ein ähnliches Frühstück anbieten. Die Schulleiterin sagte: Bei ihr würde es meiner Schwester besser ergehen, denn an ihrer Schule sei man gegen den Brexit. Aber meine Schwester wollte kein Frühstück für oder wider den Brexit anbieten, sondern ein Frühstück für Kinder, die sonst eben eher selten eines bekommen. Aber die Zeiten waren nicht mehr so und meine Schwester, die Kinder liebt, macht kein Frühstück mehr. Aber seit zwei Jahren vermisst meine Schwester die vielen Kinder, die sich so auf sie freuten, wie sie sich auch auf sie.

Meine Schwester zuckt mit den Schultern befragte man sie nach ihrem Verhältnis zuEuropa oder zu England oder dem UK oder einer Stadt in der die liebe C. ihre Mutter wohnt. Meiner Schwester sind diese Fragen fremd, sie legt den Kopf in den Nacken und lacht. Sie sagt: „Hauptsache, wir beiden finden uns immer.“Dann muss auch ich lachen. Sie hat Recht. Meine Schwester und ich würden uns überall finden.

Aber auch das ist anders geworden. Eine ihrer Töchter kam nach Hause gelaufen, vor den Weihnachtsferien. „Warum weinst du?“, fragte meine Schwester ihre Tochter. „ Wenn wir zur lieben C. fahren wollen, müssen wir bald eine Strafe zahlen, und weil wir so viele sind, ist die Strafe ganz hoch, weil die Leute auf dem Kontinent alle Engländer hassen. Darum.“ Meine Nichte hörte nicht auf zu schluchzen und meine Schwester sagte, dass die anderen Kinder etwas missverstanden haben müssten. Aber sagt meine Schwester am Telefon so ganz sicher sei sich eben auch nicht.

Meine Schwester hat ein offenes Haus. Wie bei ihre Mutter, der lieben C., ist immer noch ein Platz Tisch frei, auch zwei oder drei. Manche Gäste bleiben zum Essen und andere bleiben ein halbes Jahr. So wachsen ihre fünf Kinder mit Märchen aus Nigeria, mit Geschichten aus Indien, mit Gewürzen aus Peru und Flüchen auf Farsi auf. Aber in den letzten zwei Jahren sagt meine Schwester, die keine Strichliste führt, sind die Gäste weniger geworden und die Gäste, die kommen sind leiser geworden und stehen lieber auf, wenn nicht nur meine Schwester am Tisch sitzt, sondern auch andere, die sie nicht kennen und ihr Telefon klingelt und eine Mutter aus Pakistan oder ein Bruder aus El Salvador ruft an. „Ihr müsst nicht“, sagt meine Schwester, aber die Gäste, die oft mehr Familie sind, stehen schon auf und nehmen erst auf dem Flur den Hörer ab.

Nur durch Zufall, sagt meine Schwester hat sie herausgefunden, dass ihre Kinder sind sie in der U-Bahn oder im Bus nur mehr Englisch sprechen, aber nicht mehr in der Sprache in den meine Schwester ihnen Mut macht für einen Test oder ein Lied singt einfach so. Weder meine Schwester noch mein Schwager hat den Kindern abgeraten auch eine andere Sprache für selbstverständlich zu Halten, aber ganz stillschweigend, tun sie es eben seit einigen Monaten und meine Schwester winkt lieber auf Englisch hinterher.

„Die Anni-Tant“ sagt meine Schwester „ist nicht mehr da.“Was meinst du mit die Anni-Tant ist nicht mehr da?“

Die Anni-Tant ist eines der mit dem Kindertransport aus Deutschland entkommenen jüdischen Mädchen und wie die Mali-Tant war auch die Anni eine Freundin meiner Großmutter. Ein ganzes Leben lang hat die Anni in Croydon gelebt in einem kleinen Reihenhaus. Sie war Lehrerin, die Anni-Tant und wann immer wir sie besuchten, zeigte sie ein kleines, braunes Lederalbum mit den Bildern ihrer Eltern. Die Eltern haben die Shoah nicht überlebt, sie lebten nur noch im kleinen braunen Lederalbum. Die Anni hat wie meine Schwester einen britischen Pass. „Damit es nie wieder Krieg gibt“, dafür hab ich abgestimmt hat die Anni gesagt in ihrem Wohnzimmer in dem es wie meine Nichten und meine Neffe sagten immer ein bisschen nach Deutschland riecht. Nach Alpenveilchen, Bohnerwachs und Werther’s Echten nämlich. Aber die Anni-Tant wohnt nicht mehr lange in Croydon, sondern zieht zu ihrem Sohn nach Israel. „Ich bin doch zu alt für noch einen Krieg und eine Flucht“ hat die Anni zu meiner Schwester gesagt. Meine Schwester sagte, dass es bestimmt keinen Krieg gebe und die Anni bestimmt nicht flüchten müsste. Aber die Anni hat den Kopf geschüttelt und zu meiner Schwester gesagt. „Du klingst wie mein Vater.“

Vielleicht wäre das Frühstück an der Schule ohnehin einmal eingestellt worden, vielleicht wäre die Anni der schmerzenden Knie wegen zu ihrem Sohn gezogen, vielleicht wachsen Kinder aus der Zweisprachigkeit einfach heraus und vielleicht kommen auch die Gäste wieder und spielen Tabla. Vielleicht ruft meine Schwester auch bald wieder an, um den bedauernswerten Zustand meines Unverheiratseins zu besprechen und fragt mich nach dem Stand der Welt. Vielleicht wird alles nicht so schlimm und vielleicht erinnern die Kinder sich in ein paar Jahren an nichts Anderes als eine englische Kindheit und die ungeliebten Kniestrümpfe. Vielleicht und vielleicht nie wieder.

Wechselnde Winde

In der ersten Nacht des neuen Jahres stehe ich auf dem Balkon. Es geht ein starker Wind, aber kein Januarwind ist das, sondern ein warmer und weicher Wind tobt vor den Fenster, fährt den Kiefern durch das Haar, ein Wind wie für einen grossen Ball ist das und wer weiss vielleicht tanzen der Mond und die Sonne, dieses sich ewig suchende Liebespaar ja wirklich eine Polka in dieser ersten Nacht des neuen Jahres und der Wind, der nach dem Süden riecht und gelben Lampions und klirrenden Gläsern bläst die Backen auf wie ein gewaltiger Barition im La Fenice. Der Wind ändert alles, denke ich mir und sehe zum Himmel heraus. Immer ändert der Wind alles und dann gehe ich schlafen, denn am zweiten Morgen des neuen Jahres fliege ich nach Irland zurück. Der Wind lacht und die Kiefern tanzen Polka. Ich träume von einer Frau in einem blassrosa Kleid und auch sie tanzt lange auf einer Tenne und wiegt sich sacht im pfeifenden Wind.

Auf dem Flughafen ist es voll. Am zweiten Tag des neuen Jahres fährt alle Welt hin und her, Kinder schluchzen, eine Butterbrezel fällt auf den Boden und ein Geschäftsreisender hat weisse butterschlieren an den Schuhen. Das fängt ja gut an, knurrt er in alle Richtungen und einen Moment lang, ähnelt er ganz und gar nicht einem Geschäftsreisenden sondern einer missmutigen  französischen Bulldogge. Wuff aber macht nicht der Herr mit den Butterschlieren, sondern ein kleiner Chihuaha, der einer Frau entkommt. Der Chihuaha wittert die grosse Freiheit aber schon verhakt sich seine Leine in einem Rollkoffer. Aus, vorbei. „Böser Charlie“ schimpft Frauchen. Charlie seufzt. Der Wind vor dem Fenster aber lacht. Eine Handvoll Schneeregen wirft er gegen die Scheibe. Der Tanzboden ist leer und verlassen.
Alles ändert der Wind.

Ich lege Jacke, Schal und Notebook in die Plastikwannen, die Uhr noch dazu und dann werde ich durchgewunken. Nichts pfeift, denn die Uhr liegt auch in der grauen Wanne. Am anderen Ende des Laufbandes steht ein Mann. Grossgewachsen, so dass ich den Kopf schief legen muss, um in seine Augen zu sehen. Nicht unähnlich der Kiefer vor meinem Fenster. Seine Augenfarbe kann ich nicht entziffern. Was gehen mich auch fremde Augen an?

Pardon sage ich, mehr aus Verlegenheit denn aus einem richtigen Grund, denn der Mann beugt sich zu mir herunter, um etwas zu sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören will. Aber es ist schon zu spät. Hämisch poltert der Wind vor dem Fenster.

„Meine Schuhe sind weg“, sagt der Mann.

Ich schaue auf den Boden. Der Mann trägt ein Paar Tennisschuh mit blauen Streifen.

„Aber Sie haben doch Schuh an den Füßen“, antworte ich.

„Ja, sagt der Mann, aber meine Schuhe sind das nicht.“

„Wie meinen Sie das?“

Der Mann verdreht die Augen. Silbergrau vielleicht denke ich.

„Meine Schuhe sind verschwunden, also habe ich die genommen und angezogen. Sie sind ein bisschen zu klein.“

„Sie sind zu gross“, sage ich und lege den Kopf noch ein bisschen weiter in den Nacken und sie tragen Schuhe, die nicht ihre sind.“ Wie sind sie denn auf die Idee gekommen?“

Der Mann mit den fremden Schuhen starrt mich an, als hätte ich etwas besondrs Dummes gesagt.

„Ich kann doch nicht ohne Schuhe gehen“, sagt er.

„Sie können nicht in den Schuhe anderer Leute gehen“ sage ich.

„Warum nicht?“ kontert er, „wenn meine Schuhe doch verschwunden sind.

Nein denke ich mir, wir sind hier auf einem Flughafen und nicht in einem Philosophieseminar und sage ich nichts über die aristotelische Wende, sondern schnaube: „Fusspilz.“

Der Mann sieht auf seine Füsse in den zerlatschten Tennisschuhen und sagt: „Sie machen Witze!“

„Nie“, sage ich. Das ist einer der Gründe weswegen meine Schwester findet meine Heiratschancen seien minimal, mir ist es immer ernst. „Fusspilz“, sage ich also noch einmal und der Mann kratzt sich am Kopf.
„Sturmgrau“ befinde ich, sind seine Augen und dann gehe ich hinüber zu einem der Sicherheitsleute und sage:“Es hat eine Verwechslung gegeben. Der Herr dort vermisst seine Schuhe.“

Der Sicherheitsmann sagt: „Mann, Mann, Mann“. Vermutlich Schuhgrösse 45“, sage ich und nicke dem Mann noch einmal zu.

Der hat sich unterdessen die Tennisschuhe von den Füssen gekickt und untersucht seine Fusssohlen auf Champignons vermute ich. Draussen am Fenster keckert der Wind.

Im Flugzeug sitzt eine Frau mit pinken Jogginghosen und einem pinken Hoodie neben mir. Sie hat Adiletten mit Glitzerpuscheln an den Füssen, aber das bewegt mich nicht weiter, aber links auf de randeren Seite da sitzt ein Mann mit einer grossen ausgebeulten Reisetasche auf dem Schoss und einem Baseballcap auf dme Kopf.
Die Reisetasche umklammert der Mann auch dann noch als die Stewardess ihn auffordert das Monstrum entweder unter seinen Sitz zu schieben oder in das Fach über dem Sitz zu wuchten. Die Ausbeulung könnte eine Luftpumpe sein, denke ich oder ein Paar Schuh in Grösse 45.

Aber den grossen Mann mit den unklaren Augen sehe ich nicht mehr. Der Mann mit der Reisetasche sieht sich misstrauisch um, erst dann stopft er die Reisetasche unter den Sitz. Der Kapitän warnt vor heftigen Winden. Als wir landen und der Mann seien Reisetasche unter dem Sitz hervorzerrt platzt ein Reissverschluss auf. Oben auf der Reisetasche liegt ein Paar grosser, brauner Herrenschuhe, die man zum Beispiel auf einem Tanztee tragen könnte. Der Mann selbst hat ein Paar grauer Stoffschuh an. Höchstens Grösse 40 nehme ich an.

Zuhause warten die M., der Hund hechelnd, die Katze gelangweilt und als ich mich setze sagt die M.: Mild war es die letzten Tage, aber heute Nacht hat der Wind gedreht.

Ich nicke und streiche dem Hund über den Kopf. „Alles ändert der Wind“, sage ich.

Geschichten erzählen als Maßeinheit

Seit ziemlich genau fünf Jahren gibt es dieses Blog. Mehr oder weniger regelmässig sitze ich mit einem alten Notebook auf den Knien auf einem Sofa, einem alten Sessel oder der Bettkante und schreibe etwas auf. Notizen, Eindrücke, Erinnerungen, schlechte Träume, gute Begegnungen, verfehlte Liebschaften, bockige Kälber, traurige Menschen, glückliche Seebäder und Franz Kafka. Es sind Momentaufnahmen, Rückblicke, Wahrnehmungen, Blickpunkte oder Fragezeichen. Es sind immer Geschichten. Geschichten schaffen, so ist es meine Überzeugung eine Distanz zur Welt, sie sind Maßband meiner Erfahrungen, sie sind Gartenzaun zu meiner Person, Geschichten sind Maßeinheiten für Verständnis und für die Fähigkeit sich eine Sache auch einmal von einer ganz anderen Seite aus anzusehen.

Noch in keinem Jahr ist es mir so schwer gefallen hier zu schreiben, wie in diesem. Das Ganze hat mit einer Nachricht, die als süsses Bonbon verpackte Drohung war, einer wohl angeblichen schwedischen Dame zu tun, die mir mitteilte, ich löge, dass sich die Balken biegen und sie in ihrer ganzen Größe würde mir nun das Handwerk legen, hätte mich und mein Tun entlarvt und sähe sich nun gezwungen mich anzuzeigen-bei den Goldenen Bloggern nämlich. Gemeldet hat die Dame aus dem schönen Land Schweden sich danach nicht mehr, schwedische Damen sind vorsichtig nehmen sich an und geben wohl auch deshalb an in Schweden zu wohnen, damit Verleumdungsklagen sie nicht erreichen. Die Infragestellung der eigenen Identität macht etwas mit einem und seitdem schreibe ich immer auch mit diesem Schatten über der Schulter. Beschreibe ich etwas, traue ich mir selbst kaum über den Weg, stelle ich etwas fest, denke ich darüber nach, wer es auch so gesehen habe könnte, lasse ich etwas, rechtfertige ich mich lange vor mir selbst. Beschämt haben mich die dunklen Briefe der schwedischen Madame, schmutzig fühlte ich mich und ich weiß bis heute nicht, wie man die Geschichten, die ich hier teile, von ihren schmutzigen Fingern wieder befreien kann. Geschichten sind angreifbar und sie machen angreifbar, sind sie es nicht, dann sind es Erzählfiguren aber keine Geschichten.

Misstrauischer bin ich in diesem Jahr geworden. Vor ein paar Wochen schrieb mir ein Mann der angeblich ein Buch über Stralsunder Juden schreibt und Dokumente meiner Familie verwenden will. Vor einem Jahr hätte ich ihm sicher freundlich geantwortet, in diesem Jahr erscheint er mir zweifelhaft. Wer ist dieser Mann? Schreibt er wirklich ein Buch? Wie kommt er auf mich? Ist der Mann der ein Buch schreiben will, nicht vielleicht eine Dame aus Schweden? Wie würde ich jemanden schreiben, von dem ich etwas erfahren will? Sind nicht vermehrt Blogzugriffe aus Schweden zu verzeichnen? Schulde ich dem Mann, der ein Buch schreiben will eigentlich etwas? Ich habe ihm noch nicht geantwortet, so kommen mit den Lügnern immer auch die Zweifel gleich mit zur Tür herein und immer schwieriger scheint die Frage, ob sich den wirklich an Geschichten festhalten lässt.

Wie erzählt man wahrhafte Geschichten?, frage ich mich mit der schwedischen Dame im Nacken, wieder und wieder. Habe ich nicht falsch gelegen in meiner grundsätzlichen Annahmen, dass im Wie immer schon das Was liegt? Man kann bekanntlich fast alles fälschen, vielleicht ist es ja auch die Dame in Schweden in Wirklichkeit, ein Mann aus Bottrop-Kirchhellen? Alles lässt sich ausdenken, umünzen und verbiegen, es gibt Menschen, die erzählen Geschichten aus Berechnung, andere wollen abrechnen und wieder andere träumen von Elefantenjagden und fürchten sich doch schon vor der Spinne im Badezimmer, darum erschien mir das wie stets wichtiger. Wie man die Welt sieht, ob man Menschen in ihr sieht und nicht nur Figuren, ob man Stimmungen wahrnimmt, oder nicht zulässt, ob man Geschichten als Wertekunde versteht oder als wertfreien Rahmen, das scheint mir eigentlich kaum komplett verstellbar und es ist dieses wie von dem ich hoffe, dass sie es hier sehen können, dass darin die Wahrhaftigkeit dieser, meiner Geschichte liegt.

Man kann besonders angesichts des Fall eines Journalisten der Interviews zusammen fabulierte, wie auch Reportagen in Syrien erfand, immer wieder hören, das Internet erlaubte einfache Recherchen, ermöglichte erst das Aufbauen solcher Geisterschlösser und weiter sei die Geschichte als Form ohnehin keine wahrhafte Angelegenheit. Ich teile beide Maßgaben nicht.
Von meiner Existenz und mein Name steht ja im Impressum lassen sich etwa 35 Prozent ergoogeln, der Rest steht nicht im Internet und das trifft doch wohl auf Viele von uns zu. Aus Teilstücken, aus losen Fäden und Ecken wird niemals ein Ganzes, sondern immer nur eine Interpretation, ein Zusammenschnitt, ein Vexierspiegel möglich, den man sich selbst zusammenbaut. Claas Relotius erfand sich Kinderhelden im Krieg und Ehepaare mit schwerem Schicksal, die schwedische Dame erfand sich selbst als Sherlock Holmes und mich erfand sie sich als Moriarty. Beide eint ihr Desinteresse an Menschen, ihr hartnäckiges Beharren darauf, dass ihre Version eines halben Puzzleteils das Ganze sei, sie verabscheuen beide das was der Realität immer zu eigen ist, das Komplexe, das Private, das Biographisch Zusammenhängende. Beide haben ein Bild im Kopf, dass erfüllt werden muss, ihre Motivationen mögen unterschiedlich sein, im Ergebnis gleichen sie sich stark.

Ihre Bilder, Geschichten und Menschen sind Strohpuppen. Lügnern wie ihnen unterstellt man oft lebhafte Phantasie dabei besitzen sie keine, sie wissen es ja schon aus sich heraus, sie erfinden niemals etwas neues, sondern immer nur Schablonen ihrer selbst. Ihnen fehlt ja das Interesse an den Anderen, an ihren Geschichten, an ihrer Geschichte, sie sind Maler nach Zahlen ihrer eigenen Hirngespinste und zusammengereimten Figuren, die immer blutleer oder eben böse bleiben. Egon Erwin Kisch hat seine Geschichten so kunstvoll wie ornamentreich ausgeschmückt, Joseph Roth hat für uns alle ein Österreich-Ungarn erfunden und vergoldet, dass es niemals gab , dennoch verdanken wir diesen beiden großen Journalisten nicht nur Wissen darüber was Geschichten sein können, sondern auch die grenzenlose Neugier auf Menschen und andere Erfahrungen, die jeden Journalisten Ansporn sein sollten. Ihre Geschichten haben unser Bild der Welt verändert, weitergeschrieben und uns auf Menschen gestossen, die wir ohne ihren geduldigen, scharfen, beobachtenden, einnehmenden, aber niemals vereinnahmenden Blick niemals getroffen hätten. Das ist etwas was keine der preisgekrönten Reportagen Class Relotius tat. Man trifft in ihnen nur die Annahmen des Autors selbst.

Sie sind Geschwisterkinder die Lügnerin aus Schweden und der Erzähler, der eigentlich nichts erzählen wollte. Erzählen das heisst ja auf Schlüsse zu verzichten, das Eindeutige misstrauisch zu besehen, plausible Schlüsse gibt es nicht in Aleppo auf der Straße und auch nicht in meinem Leben. Erzählen das heißt die Schatten der Wirklichkeit auszuhalten. Erzählen fordert nicht voyeuristische Neugier, sondern etwas verstehen zu wollen, was sich wohl niemals ganz verstehen lässt.

Erzählen heißt lange auf eine stille Strasse zu sehen, ganz in dem Wissen, das immer alles dann passiert, wenn man nicht hinsieht, nur um von Neuem die gleiche Straße noch einmal hinunterzugehen und wieder und wieder etwas Anderes zu sehen. Erzählen, das heißt sich nicht sicher zu sein, wen man im Spiegelbild sieht und genau deswegen immer wieder neu anfängt von Neuem nach Fragen zu suchen auf die es immer mehr als eine Antwort gibt.

Wie mir Weihnachten einmal bedenklich nahe kam.

Es ist sehr früh. Also sehr früh. Alles ist dunkel. Also sehr dunkel.Selbst die weihanchstvernarrten Nachbarn haben ihren kreischbunten, blinkenden Weihnachtbaum ausgeschaltet. So dunkel ist es also. Wüsste ich es nicht besser, es glaubte mir keiner, dass hinter der Gardine eine Katze sitzt, die hämisch grinst, weil ich zur Arbeit muss und sie der Welt nichts schuldig ist. Ich seufze und die Finsternis raucht eine Pfeife. Feinster Nebeltabak, Hausverschnitt. Ich seufze noch einmal und lehne mich an die Bushaltestelle. Die Buhaltestelle liegt an einer vielbefahrenen Strasse. Aber so früh am Morgen klappert nur das Müllauto die Strasse hinunter.

Einmal hatte die Buhaltestelle vier Wände aus Glas. Aber die Wände gibt es schon lange nicht mehr. Bushaltestellenwände sind feinstes Mutprobenmaterial und so sind die Wände alle zerschlagen. Um Ersatz kümmert sich niemand. Die Mutproben sind ja erfolgeich verlaufen und wer so früh auf einen Bus wartet, dem ist doch sowieso nicht zu helfen und so stehe ich also im Wind und warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht. Mein Fuss macht tapp, tapp, tapp gegen den feuchten Rinnstein. Im Rinnstein liegen Bierdosen, aufgequollene French Fries, ein abgebrochener Hacken eines Damenschuhs, eine alte Zeitung, ein verfaulter Salatkopf und ein Berg Mandarinenschalen- ja es wird wirklich Weihnachten.

Ich starre in den Müll und mein Fuss macht tapp, tapp, tapp, denn der Bus kommt nicht. Dann aber  höre ich ein Knattern. Was ist das nur für ein Knattern. Es ist kein Müllauto,es ist nicht der Bus, kein Flugzeug, sondern auf dem Fussweg da braust ein Motorscooter heran. Der Motorscooter knattert lauter, der Motorscooter ist alt, etwas rostig vielleicht und auf dem Motorscooter, der den Gehweg hinabbraust sitzt niemand anders als der Weihnachtsmann selbst. Vielleicht ist es auch ein Weihnachtsmann in Ausbildung denke ich mir, denn der Weihnachtsmann macht gar kein freidlich-feierliches Gesicht wie man es erwarten würde, sondern der Weihnachtsmann macht schon von weitem einen Recht verbiesterten Eindruck. Der Eindruck verstärkt sich noch je näher der Weihnachtsmann an mich heranknattert.

Seine Schuhe sind keine feinen Stiefel aus Rentierleder, sondenr durchgelaufene Turnschuhe besserer Jahre. Sein Mantel ist nicht aus prächtiger Seide mit Pelzbesatz, sondern ein dünner roter Flaus mit abgewetzten Stellen und sein Bart, ach wir wollen schweigen, denn es gibt Dinge, die sind so traurig, dass sie am besten sofort wieder vergessen werden. Wir leben bekanntlich in sparsamen Zeiten und während ich so den Weihnachtsmann auf seinem Motorrad beschaue, seufze ich und frage mich zum ersten Mal ob es wohl eine Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen gibt? Wer vertritt die Einhörner bei Beschwerden über mangelndes Heu? Gibt es Saisonnachteilsausgleiche für Osterhasen? Wer übersieht die Schichtpläne der Elfen und Trolle? Ist Schneewittchen privat versichert? Gibt es Vertragsbarbiere für Weihnachtsmännner? Wenig nur wissen wir über das himmlische Personal.

Dann aber kommt der Weihnachtsmann bedenklich näher und ich nehme Haltung an. Schon meine Grossmutter sagte, als Jude könne man gar nicht genug aufpassen und wer kann schon wissen, ob der Weihnachtsmann nicht an G*tt selbst berichtet, wie es sich mit den Erdenkindern so verhält.

Aber der Weihnachtmann auf seinem Motorroller würdigt meine Mühe um ein feierlich-festlich-besinnliches Gesicht nicht. Er schreit: F*ck off ya old owl. Brakes aren’t working und er meint wirklich mich. Ich mache einen Satz zur Seite, denn wie solle ich das der A. erklären, dass ich nicht nur am Shabbat den Lichtschalter bediene, sondern mich nun auch noch der Weihnachtsmann selbst ins Grab zu bringen sucht? Ich springe also so schnell und gut ich kann in den Rinnstein, denn der Bus kommt nicht. Der Weihnachtsmann erhebt eine Faust und schreit neue Gemeinheiten in meine Richtung, ich glitsche auf den Mandarinenschalen aus. Pardauz. Hohohoho macht der Weihnachtsmann und braust mit seinem Scooter weiter den Gehweg herunter. Er fährt Schlangenlinien. Ich rapple mich hoch. Die Strassenverkehrsordnung jedenfalls scheint für Fabelwesen nicht zu gelten.

Vom Weihnachtsmann bleibt nur eine Wolke aus Benzin zurück und sein schepperndes Hohohoho. In Sprechtraining jedenfalls inverstiert die Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen. Als ich die Fabrik erreiche, kreischt die Auszubildende: Fräulein Read On, an ihrem Mantel pappt Mandarine iiiiehhhh. Es weihnachtet eben sehr, sage ich zur Auszubildenden. Aber die Auszubildende schüttelt den Kopf. „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht.“ Während sie wild gestikuliert schreibt sie weiter an ihrem kilometerlangen Wunschzettel. Ganz oben steht auf ihrer Liste steht „Glitzereinhorn.“

Wurst. Ein Stück in vier Akten.

Die Szene:

Ein Büroflur früh am Morgen.

Gedimmtes Licht.

Schreibtische.

An einem Schreibtisch sitzt ein Fräulein und tippt.

Man hört das Klackern der Tastatur

Neben ihr steht eine Teetasse. Auf der Teetasse singt ein Mumin.

Mitwirkende:

Die Auszubildende (A)

Ein Student der Elektrotechnik (E)

Der verehrte Herr Direktor (VHD)

Der Betriebsarzt (B)

Fräulein Read On (R)

Sekretärin (S)

  1. Akt

R. tippt emsig, dann und wann nippt sie am Tee, sie seufzt aber eher behaglich als angestrengt, dann und wann konsultiert sie das Oxford Dictionary aus Prinzip übrigens. So vergeht Zeit. Plötzlich fährt R. wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl hoch. Sie sieht die S. mit einer Tasse dampfenden Kaffees herbeieilen.

R: S. haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (überlegen): Freilich!

R: S., wo haben Sie die Auszubildende gesehen?

S (sehr überleben): Na in der Kantine. Sie frühstückt dort mit einem Studenten der Elektrotechnik-lange Pause- während unsereins kaum Zeit für einen heißen Kaffee hat. Früher als ich Auszubildende war, da haben wir gar nicht hochgeschaut, sondern getippt bis uns die Daumen brannten. Da haben wir Strichlisten geführt über Toilettenbesuche. Ach, es war herrlich. Diese Kämpfe.

(Die S. erschauert wohlig). Dann wendet sie sich ab.

R: Leises Fluchen. Warum zum Eulenbrausen frühstückt die Auszubildende so lang? Ich hatte doch gesagt: Punkt 9 Uhr gilt es zurück zu sein. Beim heiligen Geierjungen, jetzt muss ich ihr nachrennen. Fünf Minuten hat sie noch, Scheibenkleister natürlich lärmt jetzt das Telefon.

(Regiehinweis: Hier können zeittypische Flüche verwendet werden. )

R: „Aber sicher verehrter Herr Direktor, die Auszubildende freut sich doch schon sehr, wie sagen Sie, eine Viertelstunde früher? Kein Problem gern! Auf später. Merci bien. Thank you very much. Indeed, the weather.

Auf einmal Tumult. Schluchzen. Weinkrampf.

Die Tür öffnet sich.

Die Auszubildende tritt ein, sie geht gekrümmt, wie unter starken Leibesschmerzen.

R: „Was ist ihnen geschehen A.?

A.: Jammervolles Geschrei.

R. beugt sich zur A. herunter. Die Nase der A. kommt ihr merkwürdig geschwollen vor.

R: Was ist mit ihrer Nase? Die ist so geschwollen. Sind Sie gegen eine Tür gelaufen?

A: Schluchzen.

R: Lassen Sie mich doch mal sehen.

A: Neeeeeeeein

R: Ich kann Ihnen nur helfen, wenn Sie mich sehen lassen. A. bitte atmen sie ruhig ein und aus.

R (plötzlich laut und heftig): A. Sie haben ein Würstchen im Nasenloch stecken!

(Hierbei gilt es zu beachten, dass es sich nicht um ein Wiener Würstchen, sondern um ein irisches Frühstückswürstchen- genannt rasher-handelt, daumenlang und daumenbreit.

A. verbirgt den Kopf in den Armen.

R: Wir müssen sofort zum Betriebsarzt, A. das Würstchen ist so tief in ihrer Nase, das bekomme ich so einfach nicht heraus.

A: Schluchzen

2.Akt

R: Guten Morgen, das ist ein Notfall. Die A. hat sich ein Würstchen in die Nase geschoben.

B: Ich habe ja schon viel gehört von Leuten wie ihnen, die sich mit den abstrusesten Ausreden vordrängeln, aber das geht wirklich zu weit. Das ist eine Schande!

R: HÖREN SIE, DIE A. HAT EIN WÜRSTCHEN IM NASENLOCH, DAS ZWEIMAL SO BREIT IST WIE SELBIGES, DAS MUSS ENTFERNT WERDEN, DAS WÜRSTCHEN AUS DER NASE, JETZT SOFORT.

A.:schluchzt.

B.sieht zur Auszubildenden herüber und sieht die angeschwollene Nase. Er macht einen Schritt nach vorn. Ich glaube das nicht, die Frau hat ja ein Würstchen in der Nase. Das ist ein Notfall, nun kommen sie schon, was stehen sie da noch wie angewurzelt herum, wollen sie warten bis aus dem Würstchen ein Schinken wird. Hahahahahaha. Wie sagt meine Frau immer: Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen.

R.: Auszubildende soll ich ihre Hand halten?

A.: Zustimmendes Nicken

B.: Ein Würstchen in der Nase. Da wird doch der Schinken in der Pfanne verrückt.

In der Tasche der R. klingelt ein Telefon. R. nimmt nicht ab.

Der B. extrahiert das Würstchen. Davon werde ich noch meinen Enkelkindern erzählen.

Die Auszubildende bleibt zur Beobachtung hier.

3.Akt

R: sieht auf ihr Mobiltelefon. 15 Anrufe des verehrten Herrn Direktors. Sie tippt auf das Telefonsymbol.

VHD.: (rasend): FRÄULEIN READ ON, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL!FÜNFZEHN MAL WIE EIN HORNOCHSE HABE ICH GESTANDEN, WIE EIN HORNOCHSE VOR DEM TOR, SAGEN SIE JETZT NICHTS, FÜNFZEHN MAL, WO SIND DIE AUSZUBILDENDE UND SIE UND JETZT SAGEN SIE NICHT AUSSERIRIDISCHE HÄTTEN SIE ENTFÜHRT. SAGEN SIE NICHTS.

R: Ja, verehrter Herr Direktor

VHD.: Außerirdische haben Sie entführt?

R: Nein, Herr Direktor, keine Außeriridschen, ja zu sagen Sie jetzt nichts.

VHD: Sie werden doch schon wieder philosophisch.

R: Nein, Herr Direktor.

VHD.: (seufzt): Wo sind sie?

R.: Im Krankenflügel. Die Auszubildende ähm eh ähhhh ist von einer kleinen Unpässlichkeit befallen.

VHD.: Eine Unpässlichkeit? Spezifizieren Sie!

R.: Nun ja, verehrter Herr Direktor, also wie soll ich sagen, also, eine Unpässlichkeit dergestalt,dass….

VHD: Fräulein Read On Sie eiern herum!

R.(energisch): Eine Lebensmittelunverträglichkeit, Herr Direktor, die Auszubildende hat aehm ein Frühstückswürstchen nicht vertragen.

VHD.: Mir ist der Verzehr von Frühstückswürstchen ja von der Frau Gemahlin verboten worden. Ich sage nur Cholesterin.

R: Es ist ein Kreuz verehrter Herr Direktor!

VHD.: Lebensmittelunverträglichkeit sagten Sie?

R.: Besonders schwere Form, Schleimhäute, die Ärmste.

VHD.: Hm. Fräulein Read On, ich will es einmal dabei belassen. Der Termin ist verschoben, Freitag, 10 Uhr. Die Auszubildende soll Haferbrei essen!

R: Jawohl, verehrter Herr Direktor!

VHD.: FÜNFZEHN MAL, FRÄULEIN READ ON. FÜNFZEHN MAL.

4.Akt

Spätnachmittag. Krankenflügel.

R.mit einem Becher Tee in der Hand, setzt sich zur A. neben der A. sitzt der E.

R.: A. wie geht es ihnen?

A..: War ja alles nur halb so wild, Fräulein Read On!

R.: hustet

R.: Na dann erzählen sie mal wie ein Würstchen in ihr Nasenloch kam?

A.: Das war so voll wissenschaftlich, ein Experiment nämlich. Und überhaupt ist das alles Ihre Schuld Fräulein Read On!

R.: Wie kann ich daran Schuld haben, dass Sie sich ein Würstchen in die Nase schieben Auszubildende?

A.: Na Sie haben gesagt Neugierde sei die beste Lehrmeisterin.

E: nickt bekräftigend.

E: Die Sache mit der Erbse im Nasenloch ist ja zu einfach. Wir wollten einfach sehen, wie weit sich so ein Nasenloch dehnt.

R.: zählt still und in Gedanken bis dreißig.

E.: Die Auzubildende ist wirklich genial.

R.: achtundzwanzig, neunundzwanzig.

A. strahlt.

A.: Wir haben gewettet, der Student der Elektrotechnik hat gesagt, dass Würstchen würde nur bis in die Mitte der Nase passen. Aber ich habe an Sie gedacht., Fräulein Read On wie sie immer sagen, nicht so viel über Engagement rden, sondern einfach machen.

E.: Die Auszubildende ist mega! Einfach total fatal, was die so draufhat.

R.: schüttelt den Kopf. Wenn Sie gewettet haben, wie kommt es dann, das nur die Auszubildende ein Würstchen in der Nase hatte und nicht auch Sie, Student der Elektrotechnik?

E: Na, ich bin ja nicht doof. Was da alles passieren kann, wenn man sich ein Würstchen in die Nase stopft! Nee, nee, so was mache ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich habe nur so getan als würde ich das wirklich machen. Bin ja nicht doof.

A.: Jedenfalls habe ich die Wette gewonnen!

R: Was war denn der Wetteinsatz. 50 Euro und eine Woche Fahrdienst zur Mondsteinscheibenfabrik. Geilo!!

E: Wie ich soll jetzt wirklich 50 Euro bezahlen, nur weil die sich ein Würstchen in die Nase geschoben hat? Das ist ja voll der Betrug. 50 EURO!

R: Tja, verehrter Herr Student de Elektrotechnik, Wettschulden sind Ehrenschulden, wussten Sie das nicht?

A.: Ach, Fräulein Read On, wenn Sie nicht gesagt hätten, dass Neugierde einem verborgene Türen oeffnet, wäre ich ja niemals auf die Idee gekommen, mich einmal an der Wissenschaft zu versuchen!

R: Na dann will ich einmal froh sein, dass Sie nicht die Chemie als erste Wissenschaft für sich entdeckt haben.

A.Nein, Chemie lag mir schon in der Schule gar nicht.

Die A. Niest heftig.

Wurstbrocken explodieren im Raum. R.‘s Bluse ist nun mit Wurst gesprenkelt.

Die Tür geht auf. Der Arzt tritt herein.

Er sieht die Wurstexplosionsnachwirkungen.

B. Ach wie gut, es löst sich. Auszubildende, Sie werden in den kommenden Tagen ihre Nase regelmässig spülen müssen. Es ist ein Wunder, dass Sie noch mal so glimpflich davon gekommen sind.

A.: strahlt: Erst die Wissenschaft und dann ein Wunder.

R. und B. Schweigen. Der Student der Elektrotechnik raucht eine Zigarette vor dem Fenster. Ein Telefon klingelt.

Der Vorhang fällt.

Die apokalyptischen Reiter fahren BMW

Am Mittwoch aber regnet es. Hunde und Katzen, Mäuse und Wanzen, Schnürsenkel und Bindfäden, was immer sie wollen. Ich werde nass. Das Wasser tropft mir trotz des doch so treuen Wetterflecks erst in den Nacken, dann in die Ohren, meine Schuhe weichen auf als seien sie aus Papier. Missmutig stapfe ich zum Zug. Im Zug sehe ich ein nasses Gespenst im Fenster. Ein Gespenst stelle ich fest, kann auch sehr grosse Ähnlichkeit mit einem Abtropfbrett haben. Ich tropfe also ungefähr so ausdauernd wie man es von 16 Pfannen, sieben Töpfen, sehr vielen Gläsern und dem ganzen, guten Tafelsilber erwarten würde.
Mit dem Wasser tropft auch meine Laune auf den Boden. Natürlich muss sich ein riesiger Hund mit struppig grauem Fell genau dann schütteln als ich meine Tasche schnappe um auszusteigen. Der Hund grinst da bin ich mir sicher auf das Allerhämischste, ein Grinsen wie es der Cheshire Cat steht, diese Bestie und ihr hohnvolles Lachen. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob es dem Hund nicht recht geschähe, schüttelte auch mich und tauchte ihn in ein kaltes Wasserbad. Aber schon pfeift die Tür und ich muss mich eilen. Aber schon halb auf dem Bahnsteig drehe ich mich noch einmal um und sage: „ Warte nur Du Untam von einem Hund eines Tages wirst Du eine Dalamatinerdame treffen und Dein Herz wird nie wieder dasselbe sein. Für Rudi, den Boxerrüden wird sie dich verlassen und deinen Kummer wird man an den Polarkappen sehen.“

Dann stehe ich wieder im Regen, denn der hat die Zugfahrt ja nur damit zugebracht noch einmal richtig Luft zu holen und nun mit voller Kraft und kalten Händen Wasser über mir auszugiessen. Ein guter Kilometer liegt zwischen mir und der Fabrik. Der Regenschirm jault, der Wetterfleck wimmert und ich recke die nasse Faust gen Himmel. Der Regen grölt lauter und mir rinnt das Wasser aus allen erdenklichen Winkeln. All mein Sinnen und Trachten ist auf die Mondsteinscheibenfabrik gerichtet, die doch mit jedem Schritt naeher kommen muss. Aber die Strasse wird länger mit jedem Schritt. Ich huste böse und dumpfe Wut überkommt mich. Auf die Autofahrer, die wohl geborgen durch den Regen schaukeln, auf die unsinnige Idee auf eine Insel zu ziehen, die sturmgebeutelt ist wie diese, auf Kälbchen, das seine Kräfte an alles verschwendet nur nicht an das Ziehen einer Kutsche in der ich trocken die Zeitung läse und so fluche und knurre ich so vor mich hin. Dann geschieht das Unfassliche: mich trifft eine Flutwelle und war ich eben noch nass, so bin ich nun zwanzig Sekunden später durchgeweicht dem besten Wortsinne nach. Erst glaube ich dies sei die Apokalypse selbst, die sich ausgerechnet mich als Testobjekt erwählte, aber dann sehe ich den schweren, silbernen BMW, der durch die Pfütze preschte als sei dies nicht die Strasse zur Fabrik, sondern eine Rennstrecke in Monte Carlo. Der BMW braust davon und ich bleibe zurück. Nass ist trocken verglichen zu meinem Zustand, meine Zähne klappern vor Wut und Entsetzen und als ich endlich die Fabrik erreiche, fährt die Auszubildende vor. Die Auszubildende wird von ihrem Gefährten gebracht. Der Gefährte hat einen tiefergelegten VW Polo und ist Alleinunterhalter. Gerade unterhält er sich aber mit der Auszubildenden. „Babe, just give me twenty!“ Der Alleinunterhalter ist chronisch pleite. Die Auszubildende erblickt mich und ruft: „Sind Sie das Fräulein Read on? Meine Cousine hatte einmal eine Ratte…..“ „Auszubildende, zische ich, es gibt Sätze die wollen Sie besser nicht beenden,liegt ihnen auch weiterhin an einem Platz in einem warmen und trockenen Büro.“ Die Auszubildende verstummt.

„Fräulein Read On, sagt der verehrte Herr Direktor, der gefasst und trocken auf mich zukommt, was ist denn Ihnen geschehen?“
„Verehrter Herr Direktor, sage ich, eine Schlingpflanze von einer Person, eine faule Apfelsine, nein, der Teufel selbst fährt inzwischen BMW und mit diabolischer Lust ist eben jener durch eine Pfütze gebrettert, um mich mit einer Flutwelle zu begiessen, die seit der Arche Noah ihresgleichen sucht. Ja, Herr Direktor so ist der Mensch, rücksichtslos, tückisch, zu jeder Gemeinheit in der Lage, mitleidlos mit einem ohnehin schon nassen Fräulein, und wahrscheinlich hat diese Brennessel von einer Person noch laut gelacht. Ich wische mir Wasser aus dem Gesicht.
Der verehrte Herr Direktor starrt mich an. „Fräulein Read On, ein BMW-Fahrer sagten sie?“ „Oh ja, Herr Direktor, oh ja, aber kein Fahrer, nein das war er nicht, ein Fahrer im Wortsinne nach, ertränkt keine Fussgänger hat schon einmal vom Wort Bremse gelesen, nein das war ein Bleifuss, eine Anaconda ist eine liebliche Freundin verglichen zu jenem Regen-Rowdy.
„Ein silberner BMW, Fräulein Read On?“ Der verehrte Herr Direktor sieht auf einmal bedenklich blass um die Nasenspitze aus. Ich nicke. „Silbern, sage ich, silber von aussen,ich dachte ja erst die apokalyptischen Reiter seien herabgefahren, aber dann war es doch nur eine dieser Autos die kleinen Geistern grosse Geschwindigkeit erlauben.“ Der verehrte Herr Direktor sieht mich schweigend an. Ich tropfe wie ein Sieb. Die Reinigungsfrauen holen den Wischwagen. „Wenn ich den erwische, sage ich, finster, wenn ich den erwische oh ein Bad in Motorenoel wird ihm als Labsal erscheinen.“ Der verehrte Herr Direktor sinkt in sich zusammen.

„Fräulein Read On, der Regen-Rowdy, das war ich, die verehrte Frau Gemahlin war am Telefon, die Freisprechanlage aber hat so merkwürdig geknistert, ich hatte die Pfütze nicht kommen sehen und noch gedacht: „Himmel, war das ein sehr grosser Hund oder ein kleiner Mensch da auf der Strasse.“

„Fräulein Read On, Sie sagen ja gar nichts mehr!“