Blüten und Stunden

Der schönste Baum des ganzen Viertels aber steht im Vorgarten eines Bestattungsinstitutes. Die Blüten sind hellrosa und schneeweiss und sie fallen weicher als all die anderen Blüten der anderen Bäume, die auch schöne Blüten haben, aber so weich und so schön sind sie nicht. So ein Baum ist das nämlich. Man kann an diesem Baum nicht vorbeigehen, ohne ihn zu sehen.

Es ist ganz und gar unmöglich.

Dabei sind wir so geübt nichts zu sehen.

Aber dieser Baum weicht nicht aus.

Zwei oder drei und manchmal auch viermal am Tag sehe ich den Baum.

Ich frage die T. nach dem Baum und dem Bestattungsinstitut, in meiner Hand liegen noch drei der weichen Blüten.

„Schon immer“, sagt die T. war jener Baum der Schönste.“

Einen Moment lang denke ich, die T. will noch etwas sagen über den Baum vielleicht oder das immer oder etwas ganz Anderes, aber dann lächelt sie nur ganz leise und beinahe verlegen und ich hole den alten Turnschuh, den der Hund so liebt und wir gehen noch einmal hinaus. Das Licht ist schon das letzte Licht des Tages.

Das Bestattungsinstitut ist ein Haus aus rotem Backstein und doch ist es dunkler als alle anderen Häuser der Strasse.

Auf dem Zaunpfeiler ist ein Schild angebracht. 24 Stunden sagt das Schild, 24 Stunden sind wir für sie da. Das Schild sagt nicht: Der Tod kümmert sich nicht um Öffnungszeiten, er kommt wann es ihm beliebt, nicht vorher, nicht nachher, vielleicht zu früh, jenseits der Stunden, die wir nun einmal für tugendhaft halten, das kümmert ihn nicht.

Einmal vor Jahren in einer Kirche in England, sah ich im Kirchschiff in einer Seitennische, einen Nachbau der Kirche, in der ich stand. Detailgenau, nur ein anderer Massstab, natürlich, blieb man lange genug nur vor der Kirche en miniature stehen, öffnete sich durch einen Mechanismus die Kirchentür und hinter der Tür, stand ein Gerippe,einen Schnappsack und eine Sanduhr in seiner Hand. Für Sekunden, die mir wir Jahre waren, sah man dem Tod genau ins Gesicht. Ich habe mich abwenden müssen, damals auch von dem Küster, der mir den Mechanismus erläutern wollte, begierig fast, aber ich wollte nichts davon hören.

Den Tod kann man nicht mit solchen Taschenspielertricks überlisten.

Er hat für jeden eine eigene Stunde, auch wenn seine Stunde nicht messbar ist in den Sekunden, Minuten und Stunden in die wir unsere Tage gliedern.

Das Institut für Bestattungsangelegenheiten aber muss mithalten mit dem Tod. 24 Stunden sagt das Schild.

Über dem Schild aber klemmt eine in anderen Tagen angefertige Uhr mit römischen Ziffern. Tik Tok, Tik Tok macht die Uhr. Die Uhr aber wird von einer Messinghand gehalten. Lauter rosa Blüten fallen auf die kalte Hand.

Vielleicht hat der Gründer des Bestattungsinstitutes schöne Hände gehabt oder einen Sinn für Kunst oder sein Versprechen 24 Stunden mit der Mahnung verbunden, dass die Uhr abläuft für jedne von uns.

Vielleicht hat die Frau des Bestattungsinstitutsgründers ja den Baum gepflanzt, um die Uhr und die kalte Hand abzumildern.

Vielleicht schwieg das Ehepaar verstimmt über drei Tage. Wie lebt man 24 Stunden mit dem Tod zusammen?

Vielleicht pflanzte auch er den Baum und sie zeichnete die Uhr, oder die Hand aus Messing war einmal ihre Hand und ein Uhrmacher war ein Bruder oder auch nicht.

Vor ein paar Wochen war die Hand aus Messing stumpf vor dem Winter, bis vor ein paar Tagen jemand die Hand poliert haben muss, denn dieser Tage glänzt die Hand und die Uhr, die tickt, unerbittlich.

Manchmal, ich habe es selbst schon gesehen da küssen sich Paare unter dem Baum, denn der Baum steht ja noch immer schräg neben dem Schild mit der Uhr und der Hand aus Messing. Der Baum mit seinen Blüten.

Da stehen sie dann und küssen sich.

Zwei Männer nämlich vorgestern, weite Arme und die Hände vergraben in den Haaren des Anderen, standen unter dem Baum, weisse Blüten im Haar und auf den Wangen, ich ging auf die andere Strassenseite. Liebende soll man nicht stören.
Aus den Augenwinkeln nur, die beiden Gesichter in sich versunken, tiefer noch, weiter noch, unter dem Baum, neben der Uhr küsst man sich nicht einfach so, nicht beiläufig, nicht so als ginge es um nichts, es sind immer auch Bahnhofsküsse, letzte Küsse, dort neben der Uhr und der kalten Hand, die uns erinnert, dass die G’tter und auch G’tt nichts wissen will von uns und der Tod kommt, wenn er kommt. So stehen die beiden unter dem schönsten Baum, mit dem zartesten Rosa und den weichsten Blüten.
Näher noch, sagen ihre Münder da bin ich schon lange weiter, sitze mit dem treuen, alten Hund am Fluss. Da suchen und finden sie oder ein anderes Paar sich noch unter den Bäumen, gleich neben der Hand. Vielleicht ist es ja wahr und der Tod kann sie nicht sehen unter den vollen Blüten, vielleicht sind die Blüten ja doch einmal lauter als das unermüdliche Ticken der Uhr.

Als ich zurückgehe, aber da küsst sich niemand mehr unter dem Baum und wer im Dunkeln am Bestattungsinstitut vorbeigeht, der ahnt nichts von der Uhr und der Hand aus Messing, der findet nur später im Hausflur vielleicht oder im Bad vor dem Spiegel fünf weisse, zartrosa Blüten unter dem Schuh.

Der hinkende Mann

Jeden Tag sehe ich den Mann.

Immer am Abend, wenn der alte, treue Hund und ich noch einmal um die Häuser ziehen, treffen wir den Mann.

Der Mann ist alt.

Älter als der Hund und ich zusammen.

Vielleicht auch älter als Hund, Katze und ich zusammen.

Der Mann trägt immer eine schwere Lederjacke.

Dabei ist der Mann selbst eher schmal.

Der Mann ist schmaler als die Katze, aber das ist auch nicht schwer.

Manchmal glaube ich die Katze ist eigentlich ein Tiger im Wachstum.

Aber das kann ich nur sagen, weil die Katze gerade nicht mithört, denn die Katze zieht niemals mit dem Hund und mir um die Häuser.

Dennoch nehme ich an, dass auch die Katze den Mann kennt. Die Katze weiß vieles und erzählt fast nichts.

Jedenfalls erzählt sie es nicht mir oder dem alten, treuen Hund.

Der Mann zieht um die gleichen Häuser wie der Hund und ich.

Es gibt nicht so viele Häuser, aber vielleicht sind auch die Häuser nur besonders groß und so sind die Wege schmal wie der Mann und schmal sind auch die Chancen sich nicht zu begegnen.

Der treue, alte Hund und ich beginnen unseren Weg an einer Wiese. Eine alte Zeder steht auf der Wiese und am Rand der Wiese blühen Osterglocken.

Dieser Tage aber köpft der Wind die Osterglocken.

Die Osterglocken träumen vielleicht von einem Leben als Zeder.

Vielleicht träumt die Zeder aber auch von der Endlichkeit, der sie zwar näherkommt, ohne sie jemals ganz zu erreichen.

Wir wissen was nichts über die Natur der Dinge.

Wovon der Mann träumt, der vor uns auf die Zeder trifft, weiß ich nicht.

Ich weiß nichts über die Träume von Hund oder Katze und meine Alpträume sind seit Jahren schon immer dieselben.

Der Mann vor uns auf dem immer gleichen Weg ist gänzlich unauffällig möchte man meinen.

Viele Männer sind schmal und noch mehr Männer tragen Lederjacken.

Viele Männer gehen jeden Tag spazieren oder auch nicht.

Ob mehr Männer Hunde halten als Katzen weiß ich nicht.

Es geht mich auch nichts an.

Der Mann aber ist so unauffällig, wie er auffällig ist.

Der Mann hinkt.

Der Mann zieht nicht einfach ein Bein nach.

Oder tritt unregelmäßig auf.

Er knickt auch nicht mit der Hüfte seitwärts ein.

Der Mann hinkt unübersehbar und ansichtbar.

Der Mann hinkt schon ein ganzes Leben.

Sein Hinken füllt den ganzen Gehweg aus.

Es ist kein zurückhaltendes, kein sich einschränkendes, sich verbergendes Hinken.

Es ist ein Hinken, das mit ganzer Kraft auf sich aufmerksam macht.

Es ist kein Hinken im Verborgenen.

Der Mann hinkt ganz offensichtlich und er verweigert sich unserem Anspruch, den wir an unsere Beine und unser Leben haben, uns doch möglichst unauffällig mit seiner Behinderung aus dem Weg zu gehen.

Der Mann hinkt gegen unsere Erwartungshaltung an.

Der Mann hinkt auf der Mitte des Gehwegs und er macht keinen Platz.

Niemals weicht der hinkende Mann auch nur einen Zentimeter zur Seite.

Ganz gleich ob ein Geschäftsmann mit Aktentasche und teuren Lederslippern ins feuchte Gras ausweichen muss, um an dem Mann vorbeizukommen, oder zwei Frauen in hohen Schuhen ausgebremst werden, ob ein Radfahrer auf dem Gehweg auch noch so hektisch klingeln mag oder ein schwer atmender Jogger mit Musik auf den Ohren an ihm vorbeidrängt.

Der Mann und sein Hinken beanspruchen den ganzen Gehweg für sich.

Der Geschäftsmann mag sich da umdrehen und rufen: „Andere Leute haben es eilig!“

Die Frauen mögen die Augenbrauen nach oben ziehen und sagen: „Man kann auch zur Seite gehen, wissen Sie.“

Der Radfahrer mag fluchen: „Überall Scheiß-Fußgänger und dann auch noch der Hinke-Opa im Weg. Wozu hab ich denn eine Klingel, wenn es keinen interessiert?“

Der Jogger mit dem Nike-Logo auf derBrust mag husten: „Ich muss Tempo machen, mann ey.“

Den hinkenden Mann kümmert es nicht.

Er zuckt nicht einmal mit den Achseln.

Er verzieht keine Miene.

Er antwortet nicht.

Er murmelt keine verlegenen Entschuldigungen, die doch alle von ihm erwarten.

Er macht für keinen Platz, er weicht nicht zurück und erst recht weicht er nicht aus.

Auch nicht den Blicken der Mütter, die zu den Kindern, die fragen: „Mama, warum hinkt der Mann denn da?

Die Mütter ziehen die Kinder schnell weiter und sagen: „Ja, guck da nicht so hin.“

Aber die Kinder gucken trotzdem.

Manchmal machen die Kinder den hinkenden Mann nach.

Sie ziehen ihr linkes oder rechtes Bein nach, so wie er und dann nach ein paar Metern, rennen sie plötzlich los, drehen sich um und kichern.

Aber der Mann sieht die Kinder an.

Er blickt nicht zu Boden.

Er versucht nicht sein Hinken zu verbergen.

Er behilft sich nicht mit einem Stock.

Er hat sie schon alle gesehen. Die mitleidigen Blicke, die höhnischen Blicke, die äffenden Blicke, die verstohlenen Blicke, die „Lass das bloß nicht mir passieren“, die „warum muss der seine Behinderung denn so zur Schau stellen-Blicke. Er hat sie alle gesehen, denn der Mann ist ja immer noch älter als es Katze, Hund und ich gemeinsam sind.

Auch mich und den Hund kümmert der Mann sich nicht.

Mein Kopfnicken oder mein gemurmeltes: Hiya hat er geflissentlich ignoriert.

Ihm sind immer schief daherkommenden Annäherungsversuche gleich.

Es sind ja immer die gleichen Blicke.

Es sind ja immer die gleichen Blicke der Nicht-Hinkenden auf ihn, der hinkt.

Er hat es sich ja nicht ausgesucht.

Er trägt ja eine gewöhnliche Lederjacke.

Er ließe sich doch vortrefflich übersehen, wäre da nicht das Bein.

So verweigert er sich den Blicken, was soll er mit ihnen denn auch anfangen können.

Der Hund und ich also gehen am Mann vorbei, links im Gras oder rechts an der Straße.

Ich sage nichts mehr und lerne einmal am Tag wenigstens nicht hinzusehen.

Manchmal überholt er uns wieder, denn der Hund ist ja alt und muss manchmal ausruhen unter der Zeder.

Der Mann geht grußlos und blicklos an uns vorbei.

An der Zeder trennen sich unsere Wege ohnehin.

Der Mann geht nach rechts und ich nach links.

Er weicht nicht aus.

Ganz auf der Mitte des Bürgersteigs hinkt er und nimmt sich den Platz, den er braucht, allen Blicken zum Trotz.

Wenn es eine Mutstärke gäbe, wie es eine Windstärke gibt, der Mann, der jeden Tag dort geht, wo auch der treue, alte Hund und ich spazieren gehen, er hätte die Zeder längst gefällt.

Wer der Februar ist.

Der Februar ist ein junger Mann. Der Februar ist vielleicht fünfzehn Jahre alt, aber vielleicht auch schon siebzehneinhalb. Der Februar will seine Mutter umarmen, aber dann schreit er doch wieder : WARUM LÄSST MICH DENN KEINER VON EUCH IN RUHE. Der Februar sitzt an der Bushaltestelle und hustet heftig. Der Februar will nicht zugeben, dass ihm schlecht wird vom Zigarettenrauch. Aber auf die ersten Schneeglöckchen und die ersten zaghaften Krokusse und die allerallerersten Osterglocken tritt der Februar nie.
Dafür kann der Februar Schneebälle formen und nach Torben aus der 11b damit werfen. Torben heißt mit Nachnamen April und Torben trägt aus Prinzip kurze Hosen. Darüber lachte der Februar hart, aber neidisch ist er doch auch ein bisschen. Nicht so sehr auf Torben, aber auf die kurzen Hosen, die der Februar niemals trägt.
Der Februar hat Haare auf den Beinen und fürchtet sich davor, dass die Mädchen lachen. Der Februar stolpert oft über seine offenen Schnürsenkelbänder. Der Februar kann gut fluchen. Wenn der Februar flucht, guckt seien Mutter ganz traurig. „Muss das wirklich sein?“, fragt sie und will ihm durch die Haare streichen. „Ach Mama“, sagt der Februar und kommt schon wieder viel zu spät nach Haus. „Es wird doch schon heller“, sagt er und lacht. Der Februar will beides: im Kino in der letzten Reihe knutschen und den Sonnenaufgang auf keinen Fall verpassen. Der Gitarre mag keinen Blues, sondern Indie Rock und der Februar hat noch eine richtige Stereo-Anlage, die dreht er auf bis die Fensterscheiben klirren und seine Mama sagt: „Ach Februar, muss das wirklich so laut?“ „Es wird doch schon viel heller“, sagt er Februar dann.
Der Februar will am Liebsten bis nach Capri trampen, aber früher war es auch schön. Immer am Samstag ist der Februar mit seinem Vater am Samstag auf den Flughafen gefahren und hat auf der Aussichtsterrasse die startenden und landenden Flugzeuge gezählt. So viele Möglichkeiten dachte der Februar damals gibt es. Aber der Vater ist schon lange weg, und früher war früher und heute ist heute. Der Februar geht immer noch gern in den Wald. Der Februar weiß, der Wald ist immer der Wald auch ohne Blätter. Der Februar kann alle Vogelstimmen nachmachen. Das hat er von seinem Opa und sein Opa hat es von der Amama, aber wer die Amama war, hat der Opa nie verraten. Aber es hatte es mit dem Juni zu tun. Damit war alles gesagt. In Februars Klasse ist auch ein Mädchen, das Juni heißt und wirklich Juni hat erdbeerfarbenes Haar. Die Juni aus seiner Klasse kann alle Wörter sagen ohne rot zu werden, aber der Februar fürchtet sich davor die Juni zu fragen. Manchmal abends an seinem Schreibtisch schreibt der Februar einen Liebesbrief an Juni, aber er zerknüllt die Briefe alle wieder. Manchmal steht auf den Briefen oben nicht liebe Juni, sondern lieber Torben. Der Februar sucht und sucht.
Der Februar hat meistens kalte Füße. Aber Socken mag er nicht, lieber ein Eis am Büdchen. Himbeer-Vanille. Das mag Torben auch. Juni sagt: „Eis ist was für den Sommer.“ Aber wenn der Februar sein Gesicht in die Sonne hält, ist es viel besser als im Sommer. Der Februar schwitzt nicht gern. Der Februar liebt dicke Schals und Gummistiefel, der Februar kann schnell rennen, aber groß ist er nicht. Die Kurzen nach hinten, schreit der fiese Sportlehrer. „Idiot“, flüstert Torben. Der Februar muss lachen. Der Februar kann dafür schneller rennen als alle anderen. Das muss doch auch zählen. „Du bist etwas Besonderes“, sagt seine Mutter. Seine Mutter riecht nach Zimt und Pfefferminzpastillen.
Der Februar will manchmal einfach für ein paar Tage allein sein, aber dafür reicht die Zeit nicht. Es ist immer etwas los. Manchmal steht der Februar allein vor dem Spiegel. Er malt sich das Gesicht weiß, kringelt sich die Augen bunt ein, zeichnet sich rote Kreise auf die Wange, tuscht sich die Wimpern und schneidet lauter Grimassen. „Der Februar darf das“, sagt er zu sich selbst im Spiegel und weiß nicht, dass seine Mutter ganz leise lächelnd draußen im Fotoalbum blättert. Februars erster Fasching. Torben ging als Osterhase und Juni als Erdbeerkönigin.

Der Februar singt und lacht und tanzt, aber dann ist der Februar so traurig, dass er nicht mehr aufstehen kann. Die Februar ist ehrgeizig und enttäuscht, wenn wieder so viel liegen bleibt. Manchmal liegt der Februar mit seiner Mutter auf dem Soda und erzählt ihr ein Geheimnis. Aber er erzählt keinem, dass er von Juni und Torben träumt. Der Februar behält fast alles für sich. Manchmal schreibt der Februar Liebeslieder und erzählt seinen Freunden kein Wort davon. Nur Torben ahnt etwas. Das hofft der Februar und in seiner Jackentasche stecken die Erzählungen von J. D. Salinger.
Der Februar hat immer zu kurze Hosen und schon wieder seine Handschuhe verloren. „Ach Februar“, sagt seine Mama. Nächstes Jahr bin ich 16 sagt er und sie lächelt. „Ach Februar, wie schnell doch so ein Jahr vergeht.“

Rot am Horizont

Der Himmel am Morgen ist erst dunkelblau und wird dann langsam rot. Ich habe niemals heraus finden können, ob es nun die Sonne selbst ist, die einen roten Morgenmantel trägt oder doch mein alter Freund der Mond, der sich gähnend nun die roten Pyjamahosen von den Beinen streift und sich in eine dicke weiße Wolke fallen lässt. Vielleicht sagt der Mond dann auch zu seiner Geliebten der Sonne-„Komm Sonne gib noch zehn Minuten dazu.“ Vielleicht gibt die Sonne doch einmal nach, denn als ich aus dem Zug aussteige ist vom roten Schimmer fast nichts mehr zu sehen und der Himmel bedeckt uns alle noch einmal tief und dunkelblau.

Die Frau des Krämers aber fürchtete das Morgenrot und schwor, dass mit dem errötenden Himmel das Unglück nicht weit sei. Die Frau des Krämers hatte viele Beispiele bei der Hand, die belegten wie sehr das Unheil sich schon am frühen Morgen Gedanken macht. Die Frau des Krämers nämlich hat nicht nur Milchflaschen sauer werden sehen beim aufgang der Morgenröte, sondenr ihre geliebte Tochter fiel genau dann von der Schaukel und schlug sich zwei Zähne aus, als auch die Sonne erwachte. Ihr Mann verlor am Abend eine Schafskopf Partie als der Morgen die Sonne genau über dem Haus grinsend und mit rot gebleckten Zähnen besonders lange ins Fenster sah und nach jener Schafskopfrunde in der die Sonne ihre Hände mit im Spiel hatte, leerte die Frau des Krämers vor jeder Kneipenrunde die Taschen ihres Gemahls und gab in die Spielbörse Knöpfe statt Münzen, denn schon ihre Mutter und ihre Grossmutter hatten die Frau des Krämers eindringlich gewarnt, dass wenn die Männer das Geld erst einmal in die Wirtschaft trügen bald auch Haus und Hof verspielten und so scherte sich die Frau des Krämers nicht darum, dass ihr Mann zwar das Gespött des Dorfes wurde mit seinen Knöpfen im Portemonnaie, aber Haus und Krämersladen blieben in ihrer festen Hand und darauf kam es eben von Anfang an, an

„Wenn man eine Familie hat Fräulein Read On, dann hat man auch Mittel und Wege.“ Aber daran hatte ich nun Morgenrot hin oder her ohnehin keinen Zweifel, denn wer die Frau des Krämers kannte, der war vertraut mit ihren Mitteln und Wegen.

Die Frau des Krämers aber schläft noch laufe ich zur Fabrik herunter und eigentlich beneide ich den Mond um seine roten Pyjamahosen und die Sonne um ihre feine rote Seidenrobe, aber sie ist eben doch in meinem Hinterkopf, die warnende Stimme der Frau des Krämers, vielleicht leicht nur der Morgenröte wegen, sondern vor allem deshalb weil die Frau des Krämers mit mir ausschließlich mit mahnender oder klagender Stimme zu sprechen pflegte.

Obacht, sage ich mir also und laufe dem verehrten Herrn Direktor in die Arme.

„Morgen Herr Direktor“, sage ich. „Alles gut bei Ihnen und den Damen des Hauses.“

„Von wegen gut“, sagt der verehrte Herr Direktor, die Frau Gemahlin ist mit dem Auto liegengeblieben und soll doch die Handwerker ins Sommerhaus lassen und nun muss ich hinüber sausen, wo ich doch niemals mehr aus dem Berufsverkehr herausfinden werde. Fangen Sie mit dem B. doch an und ich komme dann nach. Da weiss der Herr Direktor noch nicht, dass der B. schon mit Blaulicht ins Spital gefahren wird, eine lose Treppenstufe wurd eihm Verhängnis, sagt seine Frau am Telefon zu mir. Aber noch winkt mir der verehrte Herr Direktor zu und sagt: „Na wenigstens passt das Wetter.“

Ich nicke und hoffe der verehrte Herr Direktor und die Frau des Krämers werden sich niemals treffen.

Ein paar Stunden geschieht nichts. Die Sonne ist inzwischen auch golden-gelb.

Aber dann suche ich die Auszubildende. Die Auszubildende ist für eine Terminsache zuständig. Der Termin ist verstrichen.

„Auszubildende, wie erklärt sich das?“, frage ich.

„Die Sonne blendet mich“, sagt die Auszubildende.

„Der Termin war gestern?“

„Warum fragen Sie mich dann heute?“

„Damit sie mir sagen, wann sie mir sagen wollten, dass das nichts wird mit der Sache und dem Termin.

Sehen Sie Fräulein Read On, wenn Sie so studiert reden, dann weiß ich nicht was ich sagen soll.

„Sagen Sie nichts Auszubildende.“

„Aber Sie hatten doch gefragt.“

Eine halbe Stunde später meldet sich die Auszubildende krank.

Die Sonne lacht recht schadenfroh.

Der Sekretärin fällt eine Schüssel mit Reissuppe herunter.

Die Sekretärin flucht. Beim Fluchen

Ich habe aufgegeben mit der Sekretärin darüber nachzudenken, warum es möglichweise sinnvoller sein könnte Suppen in der Kantine zu verspeisen, denn Suppenstunde am Schreibtisch zu halten.

So rufe ich nach dem Hausmeister.

Der Hausmeister knurrt am Telefon.

Sie sind die Sechste heute mit so einer Lappalie.

Ich sage lieber nicht, dass ich die Sonne verdächtige.

Und immer geht es munter weiter.

Der Lieblingsingenieur hat sich mit dem Brotmesser beim Schnitten schmieren für die Kinder verletzt.

Die Sekretärin gerät mit einer anderen Sekretärin in einen Zwist über die olfaktorische Zumutung der verschütteten Reissuppe.

Der verehrte Herr Direktor seufzt am Telefon. Nicht nur das Auto, sondern noch viel mehr liegt im Argen- UND DAS IM SCHÖNSTEN SONNENSCHEIN FRÄULEIN READ ON.

„Das ist es ja gerade, Herr Direktor!“

Aber der Herr Direktor gibt mir eine Telefonliste durch und ich telefoniere.

Irgendwann sinkt die Sonne wieder.

Noch einmal färbt sich der Himmel feuerrot.

Ganz vorsichtig gehe ich die Treppe herunter und warte auf die Bahn.

Der Sonne zwinkere ich zu, sonst bin ja auch ich abergläubisch und geneigt der Frau des Krämers in solchen Fragen Recht zu geben, diesmal aber bin ich unbesorgt, auch wenn mich besonders das Schicksal des werten B. und der vermaledeite Tag des Herrn Direktors misslich stimmen, denn der Krämer selbst hat mich einmal in stiller Stunde wissen lassen, dass er bei Freund G. ein zweites Portemonnaie mit Münzgeld deponierte, um wirklich echtem Kartenspiel zu frönen. Gezwinkert hat der Krämer, der doch immer ein ernster Mann gewesen ist.

Wenn die Frau des Krämers also in vielen Jahrzehnten nichts gemerkt hat, dann glaube ich muss das Unheil mancher Morgen doch andere Ursachen haben als die Sonne, die eine roten Seidenrobe von den Schultern fallen lässt, oder den Mond, der nach getaner Nacht, die roten Pyjamahosen sorgfältig faltet und in einer Wolkenbank verwahrt. Denn der nächste rote Morgen kommt bestimmt.

 

 

Die nasse Grenze

So viel Regen ist in diesem Land, denke ich.

Das ist was mich trennt von diesem Land weiß ich.

In eine Sprache kann man hineinwachsen. Vielleicht.

Gewohnheiten das sagt ihr Name ja schon, kann man annehmen oder auch nicht.

Selbst in einem Paar zu großer Schuh kann man gut und gern ein Paar Kilometer weit zurücklegen.

Aber der strömende Regen, der trennt dieses Land und mich.

Vielleicht wäre das anders würde ich mit dem Auto fahren.

Aber ich fahre ja nicht mit dem Auto. Ich laufe früh am Morgen zum Bahnhof und abends, wenn auch der Tag genug von mir hat, laufe ich wieder zurück.

Meistens regnet es morgens oder Abends. Aber an vielen Tagen regnet es Morgens und Abends.

Der Regen ist hier eine Wand gegen die man läuft. Ein Wand, die noch im Gehen wächst, einen umschließt dichter noch als die größte Hecke. Der Regen hier ist ein Labyrinth glaubt man, es wäre möglich sich einfach eine Kapuze in die Stirn zu ziehen, um das Schlimmste zu überstehen so irrt man natürlich. Der Regen atmet nur einmal durch, sucht sich Lücken in den Haaren oder auch nur in den Augenwinkeln, schlägt gegen die Wimper, schlägt Regenschirme grundsätzlich entzwei, zögert nicht lang und schon sind auch Füße, Knöchel, Schienbeine und die Knie durchweicht. So eine Wand ist der Regen, so glatt ist die Wand, das noch die Fingernägel abrutschen, auch unter den Fingernägeln läuft das Wasser herunter als sei eine Wand eigentlich auch nur ein Fluss.

Einmal habe ich im Regen vor dem Dom in Milano gestanden und in den blanken Steinen Grimassen geschnitten. Selbst die ernsten Löwen aus Stein mit ihrer Schwanzquaste so sehr um Haltung bemüht, mussten nicht wenig kichern. Vielleicht haben sogar die Heiligen im Schatten des Baptisterium leise angefangen zu kichern. Warm war der Regen an jenem Nachmittag an dem ich eigentlich in eine andere Stadt fahren wollte, nur um dann doch in einem Hotel am Bahnhof der Stadt zu landen. Drei Tage hat es in Milano geregnet. Aber der Regen dort, damals war voller Demut. Ließ Fassaden rosa glänzen und ein alter Palazzo strahlte senf-gelb so als lägen nicht viele Jahrhunderte zwischen dem letzten anstrich und dem Regen. So ein Regen war das. Die Löwen immer schon auf dem Sprung und der Regen war sanft mit der Stadt und seinen Bewohnern. Eine Frau hielt einen Regenschirm in der Hand, meine ich zu erinnern. Der Schirm, so meine ich war weiß mit schwarzen Punkten oder schwarz mit weißen Dreiecken, aber ganz sicher weiß ich noch, dass der Schirm Rüschen hatte. Das schien mir das Feinste zu sein, was es geben könne. Ein Schirm mit Rüschen. Die Frau war sehr schön und ein Mann zog seinen Mantel aus mitten im Regen. Aber ich habe den Mann nicht gefragt nach seinen Gründen und auch die Frau habe ich nur aus den Augenwinkeln angesehen. Das aber lange, denn sie wich in Schlangenlinien den Pfützen aus.

Aber der Regen hier hat nichts von der Weichheit, nichts von dem Rosa, nichts von dem warmen Gelb Milanos.

Hier ist der Regen ein Denkzettel. Eine beständige Erinnerung daran, dass ich nicht dazugehöre. Kalt hängen Kleid, Schal, Mantel und auch meine Haare an mir herunter. Der Regen hier ist hart und kalt und legt einem ganz plötzlich eine eisige Hand zwischen meine Rippen.

Du nicht, grinst der Regen.

Sein Lachen hat etwas vom heiseren Husten eines alternden Nachtportiers.

Vielleicht stehen hier die Mütter von klein auf mit den Kindern im Regen und der Regen ist dann irgendwann auch nur noch Gewöhnungssache.

Aber ich habe als Kind niemals im irischen Regen gestanden und der Regen und ich haben uns niemals aneinander gewöhnen können.

Vielleicht singen die Väter hier ihren Kindern Regenlieder ins Ohr und irgendwann bekommen die Kinder die Melodie nicht mehr aus dem Ohr.

Aber ich habe als Kind niemals Regenlieder gehört und so haben der Regen und ich uns nichts zu sagen.

Fremd sind der Regen und ich einander.

Nass bin ich und der Regen denkt sich nichts dabei.

Noch später da tropft das Kleid, die Schuhe sind mit Zeitungspapier ausgestopft, die Strumpfhosen sind ein nasser Ball und die Jacke ist noch immer schwer vor Nässe, da liege ich im Bett. Klamm sind die Beine noch immer, obwohl das doch gar nicht sein kann. Aber draußen an die Scheibe da klopft der Regen an. Seine Fingerknöchel sind weiß, unermüdlich scheppern sie gegen das Glas. Sie sind Warnung. Du die Fremde, verstehst mich ja doch nicht. Lauf nur, zieh dir nur die Decke bis zu deiner Nasenspitze, versteck dich nur, mach dich nur unsichtbar, ich finde dich noch. In deinen Träumen noch soll dir mein Wasser bis an den Hals reichen, du bist von zu weit her gekommen, um das ich mir mit dir einig werde. Der Regen läuft an den Fensterscheiben herunter. Durch den Regen lässt sich nicht hindurchsehen, die ganze Welt hält der Regen von mir fern.

Wirklich, mitten in der Nacht wache ich auf und glaube das Bett sei ein schwarzer Tümpel.

Aber das Bett ist immer noch ein Bett.

Auf dem Läufer neben dem Bett schläft doch selig, der treue alte Hund.

Nur ich kann nicht schlafen, denn der Regen schläft nie.

So viel Regen und so viel Fremde, denke ich und der Regen hört nicht auf.

An den Regen kann man sich niemals ganz gewöhnen.

Dunkelgrau fast schwarz ist das Wasser vor meinem Fenster.

Der Regen ist ein Maßband für Entfernungen.

Ein kleiner, schwarzer Vogel und ein Baum.

Ein kleiner schwarzer Vogel sitzt neben mir auf dem Baum.

Kahl ist der Baum jetzt im November.

Der Baum legt sich vielleicht die Arme um die Schulter gegen den Wind und den Frost.

Der Wind ist schon da, der Frost kommt noch, sagt die Frau im Radio.

Die Frau im Radio ist die erste Stimme, die ich höre am Morgen. Kurz nach fünf Uhr ist es dann.

Die Stimme der Frau aus dem Radio ist die Stimme der Silberpappel.

In einem dunklen Studio sitzt die Frau aus dem Radio

und

Dunkel ist es auch in meinem Zimmer.

Ich nehme die Bluse vom Bügel und die Frau im Radio dreht die Seite mit den Nachrichten um.

Vielleicht sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel neben ihr auf einem Ast und hört ihr zu.

Dann verschwindet ihre Stimme. Musik im Radio und ich stelle das Radio aus, suche nach dem Schal

Oder vergesse wonach ich suche.

Ob der kahle Baum wohl seine Blätter vermisst, frage ich mich viele Stunden später, da sehe ich aus

dem Fenster, zum ersten Mal, obwohl das nicht stimmen kann, denn ich sehe oft aus dem Fenster.

Aber nicht immer sehe ich den ausgezogenen Baum.

Ich sehe den Baum und sehe ihn nicht, das ist die Scham über die warme Jacke, das pinke Tuch, die dicken Socken, die festen Stiefel. Timberland steht auf dem Hacken und ich frage mich, ob die Schuhe, die ich trage nicht einmal Holzfällerschuhe waren.

Vor mir steht der entblösste Baum.

Entblössen ist ein furchtbares, deutsches Wort.

Meine Grossmutter und ich, wir hatten eine Liste schrecklicher Wörter.

Meine Grossmuter sagte zu ihren Patienten niemals: „Entblössen sie sich doch bitte.“

Meine Grossmuter sass stundenlang unter alten Bäumen und schwieg.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, weiche ich dem Baum aus.

Ich sehe Strommasten und Felder, grau, braun, metallisch-grau.

Nebelfetzen.

Oder sind es nicht doch Hochspannungsleitungen?

Ich bin zu müde um wirklich nachzusehen.

Die Frau im Radio irrt sich nicht.

Ich sehe die Fabrik.

Schnell wende ich die Augen ab.

Dann ertappe ich mich doch dabei wieder nach dem Baum zu suchen.

Alt ist der Baum, seine Jahre wiegen schwerer als meine Jahre.

Ein kleiner, schwarzer Vogel sitzt auf einem Ast.

Neben mir auf dem Baum sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel.

Ein Augenzwinkern.

Seine Augen,

meine Augen?

Der Baum schweigt.

Der Wind lehnt sich gegen den Baum.

Ein grosser Baum und ein kleiner, schwarzer Vogel.

Der Baum gewinnt.

Noch.

Der kleine, schwarze Vogel liest dem Baum vielelicht den Wetterbericht vor.

Vielleicht weiss der Vogel etwas über die Frau im Radio.

Vielleicht singen sie dieselben Lieder bevor sie ein dunkles Studio faehrt.

Eine Lampe klickt. An und aus.

Dann die Stille.

Ihre Stille, meine Stille, die Stille des kleinen, schwarzen Vogels neben mir im Baum. Der Baum selbst

schweigt ja auch.

Treffen sich zwei oder drei oder vier, so fangen oft Witze an.

Ich kann fast nie darüber lachen.

Treffen sich zwei, drei oder vier schweigen fünf.

Hier vor und hinter dem Fenster schweigen wir lieber.

Recht hat der Baum und Recht hat auch der Vogel, ihre Geheimnisse gehen mich nichts an.

Auch nicht die Lieder der Frau aus dem Radio früh am Morgen.

Der Wind kommt zurück.

Immer kommt der Wind zurück.

Der Baum und der kleine, schwarze Vogel gehören zusammen.

Ich bleibe hinter dme grossen Fenster aus Glas.

Kleiner, schwarzer Vogel, will ich sagen, komm und nimm mich mit.

Aber schon ist der Vogel verschwunden, der Nebel schliesslich kommt dme Baum zu Hilfe,ein perlgrauer Schal um die Schultern des Baumes. Ein Schal mit langer Geschichte. Der Nebel schreibt seine Geschichten auf feines Seidenpapier, eine Handschrift aus Perlenketten, sagten die Lehrer damals in der Schule zum Nebel. Der Nebel nickt unbeirrt. Der Schal aus Nebel ist grösser als der Baum.

Der kleine schwarze Vogel ist auf und davon.

Die Frau im Radio sieht vielleicht aus dem Fenster in einen anderen Baum.

Ich sehe den Nebel und keinen Baum und keinen kleinen, schwarzen  Vogel mehr.

Automatenwirtschaft

Es ist schon spät als ich im Supermarkt stehe. So spät schon wieder, draussen hat die Dunkelheit alles verschluckt.Die Müdigkeit hält uns alle fest bei den Händen. Ein Kind schreit der Bonbons wegen, laut und schrill schreit das Kind, seine Mutter hält sich für einen Moment die Hände über die Ohren, sie wirft Nudeln, eine Gurke und Cracker in den Einkaufskorb, dann fallen ihre Hände herunter, sie beugt sich zu dem schreienden Kind, das Kind schluchzt und beide Mutter und Kind suchen nach einer Atempause, aber das wird nicht verkauft in den Regalen.

Ein Mann sucht nach einer Flasche Wein, ein Etikett nach dem Anderen liest er sorgfältig, so als seien die Weinflaschen ein besondes gehaltvoller Zeitungsartikel,vielleicht sind sie es ja, aber seine Hände zittern beim Lesen, das Zittern der Trinker erkenne ich noch immer als sei es gestern gewesen. Der Supermarkt ist ein upscale Supermarkt, hier gibt es französischen Käse, deswegen bin ich hier. Ich kaufe Brot. Sourdough San Francisco steht auf der Packung, im Radio laufen Weihnachtslieder, ich lege Brie und Comte d‘ Chateau in den Einkaufswagen. „Das bist du nun?“, frage ich mein Spiegelbild, eine von jenen, die teuren Kaese kaufen und Weissbrot mit albernen Namen, weil dir nichts anderes einfällt gegen die Leere. Aber mein Spiegelbild antwortet nicht,es ist ja auch schon so spät.

Die Schlange an der Kasse ist lang. Ganz vorn an der Kasse steht eine Frau deren Haare am Scheitel schon dünn sind, ein verwaschenes rot sehe ich von ganz hinten, aber so genau sehe ich nicht hin, denn meine Finger tippen auf dem iphone herum, Teresa May gibt eine Pressekonferenz, tapp, tapp machen meine Füsse, tapp, tapp, ungeduldig werden meine Füsse, es ist doch schon so spät, Minister treten zurück, die grosse Weltlage hier auf dem kleinen iphone, tapp, tapp, das Spiegelbild lacht mich aus, so wichtig auch du, ja, tapp, tapp, meine Füsse wollen weiter, die Frau vorn an der Kasse kann nicht bezahlen, drei Karten reicht sie dem Kassierer herüber keine der Karten funktioniert, sie verliert sich in Erklärungen, dann rennt sie aus dem Supermarkt heraus, zwei Tüten bleiben zurück, als ich es bemerke, Teresa May verteidigt ihrern Brexit-Plan, ist die Frau schon verschwunden. Da siehst du, so fällt die Welt dir vor die Füsse sagt mein Spiegelbild. Das iphone verschwindet in meiner Manteltasche. Der Kassierer sagt: „Aber ich kann doch nichts tun.“ Keiner antwortet.

Vor mir bezahlt der Mann seine Weinflaschen, drei Weinflaschen und ein Tetrapack Milch, er zahlt in Münzen. Seine Hände zittern jetzt stärker als vorhin am Regal. Die Münzen reichen, Glück gehabt, die Weinflaschen verschwinden in seinem schweren Mantel, die Milch nimmt er in die Hand.

Dann bin ich dran, Käse und Brot. Tapp, tapp machen meine Füsse, ich gebe dem Mann an der Kasse 50 Euro. Der Mann an der Kasse ist alt, nicht nur älter, der Mann an der Kasse sollte nicht mehr im Supermarkt arbeiten, denke ich, 39, 58 Euro bekomme ich zurück. Die Armut lehrt rechnen, ich kann nicht, nicht mit rechnen, die Jahre mit dem Marmeladenglas für das Monatsende vergisst man nie, der Kassierer gibt mir 25 Euro. Ich starre auf die zerknitterten Geldscheine in seiner Hand. Ich rechne hektisch nach, aber ich lande noch immer bei 39, 58 Euro, ich sage: „Entschuldigung, ich habe Ihnen 50 Euro gegeben.“ Der Kassierer sagt: „Oh mein G’tt, oh mein G’tt, ich habe mich geirrt, ich habe nicht gesehen, ich habe, ich es tut mir so leid, das ist mir so peinlich, was für ein Fehler, wenn sie sich beschweren wollen, ich.“ Ich sage: „Das kommt doch mal vor, es ist doch schon spät, bitte wirklich, nein ich möchte mich nicht beschweren. Der Mann hat rote Flecken auf den Wangen und hinter uns da ist die Schlange mit den Menschen, tapp, tapp. Der Kassierer hat rote Flecken auf den Wangen. „Wie ich mich so irren konnte, wie, dann bricht er ab.“ „Hatten Sie schon eine Pause?“, frage ich ihn. Er starrt mich an. „Ich glaube Sie brauchen eine Pause“, sage ich. „Ich brauche den Job wissen Sie sagt er, aber wenn Sie sich beschweren wollen.“ „Nein, sage ich, ich will mich nicht beschweren.“ Der Mann zählt mein Rückgeld zweimal nach. „Es muss gehen“, sagt er und fragt: „Brauchen Sie einen Beutel. Es tut mir so leid.“ „Nein, sage ich, nein.“

Dann kommt der nächste Kunde, tapp, tappen meine Füsse und ich sind auf und davon. Langsam laufe ich nach Hause, im Sommer, ich hatte es fest vergessen, da war ich in Berlin, die Milch war aus oder etwas anderes, ich weiss es nicht mehr, da war ich in einem jener Supermärkte in die ich sonst doch nicht gehe,ich weiss schon warum, der Marktleiter schrie: „Lange mache ich das nicht mehr mit, ihr seid alles Idioten, dann kommen hier die Automaten rein und ihr seid erledigt.“ Die Frau, die da stand weinte und sagte:“ Bitte, ich brauche diesen Job.“ Der Marktleiter verschwand irgendwohin und die Frau musste ja auch wieder an ihren Platz, Kasse drei oder sieben. Ich hatte die Geschichte fast vergessen, am Abend in einem anderen Supermarkt holte sie mich wieder ein.

Tapp, tapp, ich schliesse die Tür auf, Katze und Hund und die Leere, alles wie immer und die Geschichten tief vergraben im Beutel unter dem San Francisco Sourdough und dem teuren Käse. Ich esse nichts mehr, ich sehe aus dem Fenster, still ist es, ich ziehe die Knie hoch. „Ist es zu spät?“, frage ich mich, „Ist es nicht längst zu spät?“

Ein zugiger Winkel und eine Straße.

Anderntags war ich im Kino.

Das Kino war fast leer. Das habe ich sehr bedauert, denn der Film ist einer jener Filme, die eine Geschichte erzählen, die lange, viel zu lange vergessen wurde.

Auf der Straße sind die Menschen, die nicht im Kino waren.

Sie stehen vor den Pubs und trinken Bier. Die Frauen trinken aus hohen Gläsern, aber kein Bier.

Ich gehe die Straße entlang.

Ich trinke kein Bier und auch sonst nichts.

Ich laufe in Schlangenlinien um die Menschen herum.

In meinem Kopf läuft noch immer der Film.

Die Straße teilt sich. Sie führt nach links und nach rechts.

Ich muss nach rechts.

Zwischen links und rechts, aber eine Häuserreihe und inmitten der Häuser ein schmaler Spalt, ein Hund kann dort quer liegen, aber ein Mensch muss sich seitlich drehen, um hindurchzupassen.

Würde ich meine Großmutter fragen, wie ein solcher Spalt heißt, sie würde wohl sagen. „Kind, das ist eine Schluppe, ein Schlupfwinkel.“

Eine Schlappe würde sie sagen ist ein zugiger Winkel mit minimalem Schutz.

Eine Schluppe also zwischen zwei Häusern und die Straße nach rechts.

Dort wo ein Hund liegen kann und ein Mensch sich drehen muss, dort lebte eine Frau, die hier Frau D. heißt.

Sie lebt zwischen zwei Pappkartons, ihre Habe ist ein kleiner, schwarzer Koffer und ein Trolley. Sie hat zwei Katzen. Die Katzen sind dünn und schmal. Sie ist es auch.

Jeden Abend auch wenn ich nicht aus dem Kino komme, gehe ich bei ihr vorbei.

Sie hat einen Plastebecher vor sich stehen. Auf den Plastebecher sind Papierrosen geklebt. Please steht da. Ich warf Münzen hinein. Guten Abend sagte ich. Ich bin hier neu.

„Ich nicht“, sagte sie und dann zeigte sie mir die Katzen.

Die Katzen versteckten sich hinter ihrem Rücken.

Mein Verhältnis zu Katzen ist nicht das Beste, sagte ich.

„Reden Sie immer so viel?“, sagte sie und ich nickte.

So also lernten wir uns kennen, die Frau in der Schluppe und ich.

Sie erzählte mir von den Dingen, die sich auf der Straße zutrugen, denn die Strasse das war ja sie.

Ich fragte lieber nicht nach, denn meine Geschwätzigkeit lag ihr nicht.

Einen blauen Pullover hatte sie gesehen in einem Oxfam-Laden, erzählte sie mir. Sie sprach lange über den Pullover, sie verstand mehr von Pullovern als ich.

Der Pullover kostete vier Euro.

Ich kaufte ihn und sie war beschämt.

Sie sah weg, wann immer ich kam.

Ich wusste nicht, wie ich es wieder gutmachen konnte.

Wie bringt man die Scham zum Schweigen?

Ich kam und sie schwieg.

Ich legte Münzen in den Becher. Da stand immer noch please.

Die Rosen waren verwaschen.

Ich schob die Beutel mit den Handtüchern, Zahnbürsten, Tampons nach hinten, hinter ihren Rücken.

„Aus ihnen wird kein Zauberer“ mehr sagte sie.

„Nein, sagte ich, unter meinen Händen keine Magie.“

In ihren Händen zwei Katzen. Schmal ihre Hände und schmal auch die Katzen.

Dann war sie verschwunden.

Ohne ein Wort.

Ein paar Tage lang.

Sie kam mit einem blauen Auge zurück.

„Das sieht schmerzhaft aus“, sagte ich.

„Das wusste ich, dass Sie das sagen“, antwortete sie.

Sie trug den blauen Pullover.

„Ein schöner Pullover“,sagte ich.

Für einen Moment lang dachte ich sie lächelt.

In ihren Armen lagen die schmalen Katzen.

Sie sass da mit ihrem Koffer und dem Trolley, den Pappkartons.

Taytos Chips stand auf den Kartons. Cheese and Onion.

Ich kickte meinen Beutel mit dem Waschzeug in die Ecke.

Ihr blaues Auge wurde gelb.

Es wurde dunkler mit den Tagen, manchmal sah ich sie kaum auf dem Boden dort in der Schluppe.

Es schien mir als wäre es lieber, würde ich ein Schatten bleiben.

Sie ließ mich gewähren.

„Sie machen zu viele Worte“, sagte sie.

Aber da war auch ihr Lächeln.

Das halbe Lachen.

Ich suchte nach Worten.

Der Winter wollte ich sagen, der Winter und die Schluppe.

Ich legte mir die Worte sorgfältig zurück.

Anderntags aber ich mit den Worten auf der Zunge als ich vom Kino zurückkam, da war sie weg.

Ich ging in den Pub neben der Schluppe.

Ich sagte: „Haben Sie die Frau gesehen?“, die hier neben ihnen wohnte.

Der Mann hinter der Theke trocknete Gläser ab, auf seinem Arm schlängelte sich ein Drache.

Grüne, glänzende Schuppen auf seiner Haut.

„Ich habe nie eine Frau gesehen“, sagte er und er klang fast wie sie. Ablehnend, stolz fast. Er drehte das Glas in der Hand.

Ich sah ihn an.

Er sah weg.

Ich ging.

Ich lag wach.

Acht Tage ist Frau D. jetzt schon verschwunden.

Einen Zettel hatte ich unter einen Stein gelegt.

Der Wind hat ihn hervorgezogen.

An einer anderen Stelle der Straße habe ich sie nicht gesehen.

In der Schluppe stehen jetzt ein zerbrochenes Bierglas. Ein braune Papiertüte liegt dort, im Bierglas schwimmen Zigarettenstummel, aus der Papiertüte quellen nasse Pommes Frites. Zwei Möwen streiten sich um die fette Beute.

Ein betrunkenes Paar knutscht in dem Spalt, der Schluppe in der ein Hund ausgestreckt liegen kann, ein Mensch sich seitwärts drehen muss, dort lebte Frau D. mit ihrem Koffer, dem Becher, dem Trolley und den zwei dünnen Katzen.

Manchmal da bin ich schon wieder zu Hause, da ziehe ich mir noch einmal die Schuhe, den Mantel, das Tuch um, laufe zurück bis zur Schluppe, zum Spalt zwischen Häusern und Straßenkreuzung, vielleicht ist sie ja doch, sage ich mir, stelle mir vor sie sitzt dort wieder, vor ihr der Becher, der blaue Pullover und in ihrem Schoß die Katzen.

Aber wenn ich um die Ecke biege, ist Frau D. nicht mehr dort.

Nur auf der Straße da stehen die Menschen, sie lachen und reden, sie trinken Bier, sie flüstern jemanden etwas ins Ohr, sie lehnen mit der Schulter an der Hauswand, eine Frau trägt ein Paar Schuh. Die Schuhe sind blau.

Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

Die Santa Maria

Früh am Morgen, die Nacht liegt noch über der Straße sitzt ein Mann neben mir an der Bushaltestelle. Alt ist der Mann, gebückt schon von den Jahren, denn irgendwann da holen sich die Jahre ihr Leben zurück. Der Mann trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine billige Armbanduhr,einen Trenchcoat und neben ihm steht ein Koffer. Der Koffer ist mindestens so alt wie er selbst.
Unauffälliger kann ein Mann nicht sein. Dann kommt der Bus. Ein Hund und Herrchen steigen aus, und viel zu viele Leute steigen ein. Sie alle müssen wie ich zum Bahnhof. Für einen Moment verliere ich den Mann aus den Augen, aber dann steht er fast direkt neben mir, hält sich mit einer Hand an der gelben Stange fest, der alte, abgestossene Koffer steht zwischen seinen Beinen.
Der Bus fährt los. Wir schwanken nach rechts und dann nach links, der Mann neben mir sucht nach Halt, mit beiden Händen umklammert er die gelbe Stange und das Hemd rutscht ihm über den Arm nach oben. Da sehe ich es. Auf seinem Arm hat er ein Segelschiff eintätowiert, aber keines jener professionellen Schiffe, wie man es in einem Studio mit sterilen Liegen erhält, rau und ungeschliffen ist das Schiff. Das Bug ein bisschen zu grob geraten, die Segel zwar gebläht, aber auch ein wenig eingerissen an den Enden, zu lang ist das Schiff, und die Tinte auf dem Arm ist unregelmäßig, so als habe der Tätowierer immer mal eine Pause gemacht, um eine Zigarette zu rauchen oder einen Tee zu trinken. Ich weiß nichts über das Wesen der Tätowierer. Das Auffälligste am Schiff aber ist die Galionsfigur am Bug. Eine barbusige Meerfrau ziert den Bug, aber im Gesicht hat sie einen- und hier hat der Tätowierer Augenmerk bewiesen- einen Schnurrbart wie ihn sich alle Hipster nur wünschen.
Er steht ihr gut, ja der Bart unterstreicht ihre Haltung. Hier am Bug das wird gleich klar, hier trotzt die Meerfrau Stürmen und auch den eisigen Wellen der See. Santa Maria steht in groben Buchstaben unter dem Schiff. Darunter zwei Jahreszahlen, die ich nicht entziffern kann.

er Mann sieht blinzelnd zu mir herüber und fast will ich ihn fragen, ob er wohl einmal Pirat gewesen ist, dass er Seefahrer ist, das glaube ich sofort. Aber die Santa Maria, das Schiff auf seinem Arm, das ähnelt eher der wilden Dreizehn als einem harmlosen Boot, das einmal Bananen und ein anderes Mal Zedernholz geladen hat. Nein, die Santa Maria erzählt andere Geschichten. Geschichten, die immer nur Andeutung bleiben, Geschichten von Nächten mit weißem Rum, von einem hässlichen Zwischenfall im Golf von Aden als der Kapitän bei einer Wette sein Bein verlor oder dem Transport eines Tigers nach Mumbai und einer Braut, die am Quai von Southampton lange noch weinte, denn ihr Verlobter hatte eine Wette verloren und sich für zehn Jahre auf die Santa Maria verpflichtet.
Nein, die Santa Maria wie sie da wogt auf dem Arm des alten Mannes, das ist kein Schiff für Lizenzen und gültige Frachtpapiere, sondern für jene Dinge über, die man besser nicht spricht.
Sicher weiß man es nie, aber Ringelnatz selbst mag vielleicht ein paar Takte aufgeschnappt haben, wenn die Mannschaft mal wieder in Hamburg lag. Der Mann, aber auf dessen Arm die Santa Maria prangt, der eben noch schwankte, der wiegt sich längst schon im Takt des so wild schlingernden Busses so früh am Morgen, da sieht man den Seemann noch immer, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mann vielleicht einmal kurz vor fünf Uhr eine Strickleiter erklomm, auf der Schulter einen blauen Papagei, der einmal einem Mafiosi in Neapel gehörte, um in einen Korb zu steigen und weit hinaus über das Meer zu schauen, bis er schließlich ein behäbiges weisses Kreuzfahrtschiff erspähte. Leinen los, mag er gerufen haben und bestimmt hat die Dame mit Schnurrbart am Bug anerkennend genickt. Die Santa Maria, das Boot mit den Ecken und Kanten und den Geheimnissen backbord und steuerbord, mag Kurs genommen haben auf die MS Bremen und später am Tage fehlten vier Perlenketten, drei Brillantbroschen und sieben Kisten Zigarren, aber da war die Santa Maria schon wieder verschwunden, nahm Kurs auf Haiti und ward erst im darauffolgenden Winter wieder gesehen.
Ein Segel war immer geflickt, oft schien es zweifelhaft ob die Santa Maria wohl noch einmal auslaufen würde, aber immer wenn man sie schon abgeschrieben hatte, setzte der Kapitän die Segel und brachten die anderen Seeleute einen Schnupfen, so erhielten die Frauen prächtige Südseeperlen und Schnaps so blau wie die See an ihrer tiefsten Stelle.
Der Bus nimmt quietschend eine Kurve und der alte Mann, ist kein alter Mann mehr, sondern steht mit leichten Füßen noch einmal auf dem Boden eines Schiffes, die Straße ist schon nicht mehr Asphalt, sondern das wogende Meer, noch einmal ist der Mann Matrose der Santa Maria, volle Kraft voraus, verwegen ist sein Blick, ihm ist der Morgen nicht früh genug, noch einmal singt der Kapitän Shanties, noch einmal gehört die letzte goldene Münze der Meerfrau mit ihrem prächtigen Schnurrbart. Dann aber stoppt der Bus, der Bahnhof liegt vor uns im Dunkeln. Der Mann zieht sich den Ärmel herunter, steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zwinkert mir zu, unmerklich fast, schon ist er wieder der unauffällige alte Mann mit der gestärkten Hose und dem Koffer aus abgestoßenem Leder. Noch einmal sehe ich ihn nicht, aber ich hoffe er fährt ans Meer, vielleicht liegt irgendwo in einem alten Schuppen noch immer die Santa Maria und die Meerfrau kämmt sich die langen Haare und zwirbelt sorgfältig den Schnurrbart nach oben, dessen Geschichte niemand kennt.
Aye Capitain rufe ich ihm nach. Gute Reise und dann muss ich laufen, denn mein Zug fährt von Gleis 3.