Ein kleiner, schwarzer Vogel und ein Baum.

Ein kleiner schwarzer Vogel sitzt neben mir auf dem Baum.

Kahl ist der Baum jetzt im November.

Der Baum legt sich vielleicht die Arme um die Schulter gegen den Wind und den Frost.

Der Wind ist schon da, der Frost kommt noch, sagt die Frau im Radio.

Die Frau im Radio ist die erste Stimme, die ich höre am Morgen. Kurz nach fünf Uhr ist es dann.

Die Stimme der Frau aus dem Radio ist die Stimme der Silberpappel.

In einem dunklen Studio sitzt die Frau aus dem Radio

und

Dunkel ist es auch in meinem Zimmer.

Ich nehme die Bluse vom Bügel und die Frau im Radio dreht die Seite mit den Nachrichten um.

Vielleicht sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel neben ihr auf einem Ast und hört ihr zu.

Dann verschwindet ihre Stimme. Musik im Radio und ich stelle das Radio aus, suche nach dem Schal

Oder vergesse wonach ich suche.

Ob der kahle Baum wohl seine Blätter vermisst, frage ich mich viele Stunden später, da sehe ich aus

dem Fenster, zum ersten Mal, obwohl das nicht stimmen kann, denn ich sehe oft aus dem Fenster.

Aber nicht immer sehe ich den ausgezogenen Baum.

Ich sehe den Baum und sehe ihn nicht, das ist die Scham über die warme Jacke, das pinke Tuch, die dicken Socken, die festen Stiefel. Timberland steht auf dem Hacken und ich frage mich, ob die Schuhe, die ich trage nicht einmal Holzfällerschuhe waren.

Vor mir steht der entblösste Baum.

Entblössen ist ein furchtbares, deutsches Wort.

Meine Grossmutter und ich, wir hatten eine Liste schrecklicher Wörter.

Meine Grossmuter sagte zu ihren Patienten niemals: „Entblössen sie sich doch bitte.“

Meine Grossmuter sass stundenlang unter alten Bäumen und schwieg.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, weiche ich dem Baum aus.

Ich sehe Strommasten und Felder, grau, braun, metallisch-grau.

Nebelfetzen.

Oder sind es nicht doch Hochspannungsleitungen?

Ich bin zu müde um wirklich nachzusehen.

Die Frau im Radio irrt sich nicht.

Ich sehe die Fabrik.

Schnell wende ich die Augen ab.

Dann ertappe ich mich doch dabei wieder nach dem Baum zu suchen.

Alt ist der Baum, seine Jahre wiegen schwerer als meine Jahre.

Ein kleiner, schwarzer Vogel sitzt auf einem Ast.

Neben mir auf dem Baum sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel.

Ein Augenzwinkern.

Seine Augen,

meine Augen?

Der Baum schweigt.

Der Wind lehnt sich gegen den Baum.

Ein grosser Baum und ein kleiner, schwarzer Vogel.

Der Baum gewinnt.

Noch.

Der kleine, schwarze Vogel liest dem Baum vielelicht den Wetterbericht vor.

Vielleicht weiss der Vogel etwas über die Frau im Radio.

Vielleicht singen sie dieselben Lieder bevor sie ein dunkles Studio faehrt.

Eine Lampe klickt. An und aus.

Dann die Stille.

Ihre Stille, meine Stille, die Stille des kleinen, schwarzen Vogels neben mir im Baum. Der Baum selbst

schweigt ja auch.

Treffen sich zwei oder drei oder vier, so fangen oft Witze an.

Ich kann fast nie darüber lachen.

Treffen sich zwei, drei oder vier schweigen fünf.

Hier vor und hinter dem Fenster schweigen wir lieber.

Recht hat der Baum und Recht hat auch der Vogel, ihre Geheimnisse gehen mich nichts an.

Auch nicht die Lieder der Frau aus dem Radio früh am Morgen.

Der Wind kommt zurück.

Immer kommt der Wind zurück.

Der Baum und der kleine, schwarze Vogel gehören zusammen.

Ich bleibe hinter dme grossen Fenster aus Glas.

Kleiner, schwarzer Vogel, will ich sagen, komm und nimm mich mit.

Aber schon ist der Vogel verschwunden, der Nebel schliesslich kommt dme Baum zu Hilfe,ein perlgrauer Schal um die Schultern des Baumes. Ein Schal mit langer Geschichte. Der Nebel schreibt seine Geschichten auf feines Seidenpapier, eine Handschrift aus Perlenketten, sagten die Lehrer damals in der Schule zum Nebel. Der Nebel nickt unbeirrt. Der Schal aus Nebel ist grösser als der Baum.

Der kleine schwarze Vogel ist auf und davon.

Die Frau im Radio sieht vielleicht aus dem Fenster in einen anderen Baum.

Ich sehe den Nebel und keinen Baum und keinen kleinen, schwarzen  Vogel mehr.

Automatenwirtschaft

Es ist schon spät als ich im Supermarkt stehe. So spät schon wieder, draussen hat die Dunkelheit alles verschluckt.Die Müdigkeit hält uns alle fest bei den Händen. Ein Kind schreit der Bonbons wegen, laut und schrill schreit das Kind, seine Mutter hält sich für einen Moment die Hände über die Ohren, sie wirft Nudeln, eine Gurke und Cracker in den Einkaufskorb, dann fallen ihre Hände herunter, sie beugt sich zu dem schreienden Kind, das Kind schluchzt und beide Mutter und Kind suchen nach einer Atempause, aber das wird nicht verkauft in den Regalen.

Ein Mann sucht nach einer Flasche Wein, ein Etikett nach dem Anderen liest er sorgfältig, so als seien die Weinflaschen ein besondes gehaltvoller Zeitungsartikel,vielleicht sind sie es ja, aber seine Hände zittern beim Lesen, das Zittern der Trinker erkenne ich noch immer als sei es gestern gewesen. Der Supermarkt ist ein upscale Supermarkt, hier gibt es französischen Käse, deswegen bin ich hier. Ich kaufe Brot. Sourdough San Francisco steht auf der Packung, im Radio laufen Weihnachtslieder, ich lege Brie und Comte d‘ Chateau in den Einkaufswagen. „Das bist du nun?“, frage ich mein Spiegelbild, eine von jenen, die teuren Kaese kaufen und Weissbrot mit albernen Namen, weil dir nichts anderes einfällt gegen die Leere. Aber mein Spiegelbild antwortet nicht,es ist ja auch schon so spät.

Die Schlange an der Kasse ist lang. Ganz vorn an der Kasse steht eine Frau deren Haare am Scheitel schon dünn sind, ein verwaschenes rot sehe ich von ganz hinten, aber so genau sehe ich nicht hin, denn meine Finger tippen auf dem iphone herum, Teresa May gibt eine Pressekonferenz, tapp, tapp machen meine Füsse, tapp, tapp, ungeduldig werden meine Füsse, es ist doch schon so spät, Minister treten zurück, die grosse Weltlage hier auf dem kleinen iphone, tapp, tapp, das Spiegelbild lacht mich aus, so wichtig auch du, ja, tapp, tapp, meine Füsse wollen weiter, die Frau vorn an der Kasse kann nicht bezahlen, drei Karten reicht sie dem Kassierer herüber keine der Karten funktioniert, sie verliert sich in Erklärungen, dann rennt sie aus dem Supermarkt heraus, zwei Tüten bleiben zurück, als ich es bemerke, Teresa May verteidigt ihrern Brexit-Plan, ist die Frau schon verschwunden. Da siehst du, so fällt die Welt dir vor die Füsse sagt mein Spiegelbild. Das iphone verschwindet in meiner Manteltasche. Der Kassierer sagt: „Aber ich kann doch nichts tun.“ Keiner antwortet.

Vor mir bezahlt der Mann seine Weinflaschen, drei Weinflaschen und ein Tetrapack Milch, er zahlt in Münzen. Seine Hände zittern jetzt stärker als vorhin am Regal. Die Münzen reichen, Glück gehabt, die Weinflaschen verschwinden in seinem schweren Mantel, die Milch nimmt er in die Hand.

Dann bin ich dran, Käse und Brot. Tapp, tapp machen meine Füsse, ich gebe dem Mann an der Kasse 50 Euro. Der Mann an der Kasse ist alt, nicht nur älter, der Mann an der Kasse sollte nicht mehr im Supermarkt arbeiten, denke ich, 39, 58 Euro bekomme ich zurück. Die Armut lehrt rechnen, ich kann nicht, nicht mit rechnen, die Jahre mit dem Marmeladenglas für das Monatsende vergisst man nie, der Kassierer gibt mir 25 Euro. Ich starre auf die zerknitterten Geldscheine in seiner Hand. Ich rechne hektisch nach, aber ich lande noch immer bei 39, 58 Euro, ich sage: „Entschuldigung, ich habe Ihnen 50 Euro gegeben.“ Der Kassierer sagt: „Oh mein G’tt, oh mein G’tt, ich habe mich geirrt, ich habe nicht gesehen, ich habe, ich es tut mir so leid, das ist mir so peinlich, was für ein Fehler, wenn sie sich beschweren wollen, ich.“ Ich sage: „Das kommt doch mal vor, es ist doch schon spät, bitte wirklich, nein ich möchte mich nicht beschweren. Der Mann hat rote Flecken auf den Wangen und hinter uns da ist die Schlange mit den Menschen, tapp, tapp. Der Kassierer hat rote Flecken auf den Wangen. „Wie ich mich so irren konnte, wie, dann bricht er ab.“ „Hatten Sie schon eine Pause?“, frage ich ihn. Er starrt mich an. „Ich glaube Sie brauchen eine Pause“, sage ich. „Ich brauche den Job wissen Sie sagt er, aber wenn Sie sich beschweren wollen.“ „Nein, sage ich, ich will mich nicht beschweren.“ Der Mann zählt mein Rückgeld zweimal nach. „Es muss gehen“, sagt er und fragt: „Brauchen Sie einen Beutel. Es tut mir so leid.“ „Nein, sage ich, nein.“

Dann kommt der nächste Kunde, tapp, tappen meine Füsse und ich sind auf und davon. Langsam laufe ich nach Hause, im Sommer, ich hatte es fest vergessen, da war ich in Berlin, die Milch war aus oder etwas anderes, ich weiss es nicht mehr, da war ich in einem jener Supermärkte in die ich sonst doch nicht gehe,ich weiss schon warum, der Marktleiter schrie: „Lange mache ich das nicht mehr mit, ihr seid alles Idioten, dann kommen hier die Automaten rein und ihr seid erledigt.“ Die Frau, die da stand weinte und sagte:“ Bitte, ich brauche diesen Job.“ Der Marktleiter verschwand irgendwohin und die Frau musste ja auch wieder an ihren Platz, Kasse drei oder sieben. Ich hatte die Geschichte fast vergessen, am Abend in einem anderen Supermarkt holte sie mich wieder ein.

Tapp, tapp, ich schliesse die Tür auf, Katze und Hund und die Leere, alles wie immer und die Geschichten tief vergraben im Beutel unter dem San Francisco Sourdough und dem teuren Käse. Ich esse nichts mehr, ich sehe aus dem Fenster, still ist es, ich ziehe die Knie hoch. „Ist es zu spät?“, frage ich mich, „Ist es nicht längst zu spät?“

Ein zugiger Winkel und eine Straße.

Anderntags war ich im Kino.

Das Kino war fast leer. Das habe ich sehr bedauert, denn der Film ist einer jener Filme, die eine Geschichte erzählen, die lange, viel zu lange vergessen wurde.

Auf der Straße sind die Menschen, die nicht im Kino waren.

Sie stehen vor den Pubs und trinken Bier. Die Frauen trinken aus hohen Gläsern, aber kein Bier.

Ich gehe die Straße entlang.

Ich trinke kein Bier und auch sonst nichts.

Ich laufe in Schlangenlinien um die Menschen herum.

In meinem Kopf läuft noch immer der Film.

Die Straße teilt sich. Sie führt nach links und nach rechts.

Ich muss nach rechts.

Zwischen links und rechts, aber eine Häuserreihe und inmitten der Häuser ein schmaler Spalt, ein Hund kann dort quer liegen, aber ein Mensch muss sich seitlich drehen, um hindurchzupassen.

Würde ich meine Großmutter fragen, wie ein solcher Spalt heißt, sie würde wohl sagen. „Kind, das ist eine Schluppe, ein Schlupfwinkel.“

Eine Schlappe würde sie sagen ist ein zugiger Winkel mit minimalem Schutz.

Eine Schluppe also zwischen zwei Häusern und die Straße nach rechts.

Dort wo ein Hund liegen kann und ein Mensch sich drehen muss, dort lebte eine Frau, die hier Frau D. heißt.

Sie lebt zwischen zwei Pappkartons, ihre Habe ist ein kleiner, schwarzer Koffer und ein Trolley. Sie hat zwei Katzen. Die Katzen sind dünn und schmal. Sie ist es auch.

Jeden Abend auch wenn ich nicht aus dem Kino komme, gehe ich bei ihr vorbei.

Sie hat einen Plastebecher vor sich stehen. Auf den Plastebecher sind Papierrosen geklebt. Please steht da. Ich warf Münzen hinein. Guten Abend sagte ich. Ich bin hier neu.

„Ich nicht“, sagte sie und dann zeigte sie mir die Katzen.

Die Katzen versteckten sich hinter ihrem Rücken.

Mein Verhältnis zu Katzen ist nicht das Beste, sagte ich.

„Reden Sie immer so viel?“, sagte sie und ich nickte.

So also lernten wir uns kennen, die Frau in der Schluppe und ich.

Sie erzählte mir von den Dingen, die sich auf der Straße zutrugen, denn die Strasse das war ja sie.

Ich fragte lieber nicht nach, denn meine Geschwätzigkeit lag ihr nicht.

Einen blauen Pullover hatte sie gesehen in einem Oxfam-Laden, erzählte sie mir. Sie sprach lange über den Pullover, sie verstand mehr von Pullovern als ich.

Der Pullover kostete vier Euro.

Ich kaufte ihn und sie war beschämt.

Sie sah weg, wann immer ich kam.

Ich wusste nicht, wie ich es wieder gutmachen konnte.

Wie bringt man die Scham zum Schweigen?

Ich kam und sie schwieg.

Ich legte Münzen in den Becher. Da stand immer noch please.

Die Rosen waren verwaschen.

Ich schob die Beutel mit den Handtüchern, Zahnbürsten, Tampons nach hinten, hinter ihren Rücken.

„Aus ihnen wird kein Zauberer“ mehr sagte sie.

„Nein, sagte ich, unter meinen Händen keine Magie.“

In ihren Händen zwei Katzen. Schmal ihre Hände und schmal auch die Katzen.

Dann war sie verschwunden.

Ohne ein Wort.

Ein paar Tage lang.

Sie kam mit einem blauen Auge zurück.

„Das sieht schmerzhaft aus“, sagte ich.

„Das wusste ich, dass Sie das sagen“, antwortete sie.

Sie trug den blauen Pullover.

„Ein schöner Pullover“,sagte ich.

Für einen Moment lang dachte ich sie lächelt.

In ihren Armen lagen die schmalen Katzen.

Sie sass da mit ihrem Koffer und dem Trolley, den Pappkartons.

Taytos Chips stand auf den Kartons. Cheese and Onion.

Ich kickte meinen Beutel mit dem Waschzeug in die Ecke.

Ihr blaues Auge wurde gelb.

Es wurde dunkler mit den Tagen, manchmal sah ich sie kaum auf dem Boden dort in der Schluppe.

Es schien mir als wäre es lieber, würde ich ein Schatten bleiben.

Sie ließ mich gewähren.

„Sie machen zu viele Worte“, sagte sie.

Aber da war auch ihr Lächeln.

Das halbe Lachen.

Ich suchte nach Worten.

Der Winter wollte ich sagen, der Winter und die Schluppe.

Ich legte mir die Worte sorgfältig zurück.

Anderntags aber ich mit den Worten auf der Zunge als ich vom Kino zurückkam, da war sie weg.

Ich ging in den Pub neben der Schluppe.

Ich sagte: „Haben Sie die Frau gesehen?“, die hier neben ihnen wohnte.

Der Mann hinter der Theke trocknete Gläser ab, auf seinem Arm schlängelte sich ein Drache.

Grüne, glänzende Schuppen auf seiner Haut.

„Ich habe nie eine Frau gesehen“, sagte er und er klang fast wie sie. Ablehnend, stolz fast. Er drehte das Glas in der Hand.

Ich sah ihn an.

Er sah weg.

Ich ging.

Ich lag wach.

Acht Tage ist Frau D. jetzt schon verschwunden.

Einen Zettel hatte ich unter einen Stein gelegt.

Der Wind hat ihn hervorgezogen.

An einer anderen Stelle der Straße habe ich sie nicht gesehen.

In der Schluppe stehen jetzt ein zerbrochenes Bierglas. Ein braune Papiertüte liegt dort, im Bierglas schwimmen Zigarettenstummel, aus der Papiertüte quellen nasse Pommes Frites. Zwei Möwen streiten sich um die fette Beute.

Ein betrunkenes Paar knutscht in dem Spalt, der Schluppe in der ein Hund ausgestreckt liegen kann, ein Mensch sich seitwärts drehen muss, dort lebte Frau D. mit ihrem Koffer, dem Becher, dem Trolley und den zwei dünnen Katzen.

Manchmal da bin ich schon wieder zu Hause, da ziehe ich mir noch einmal die Schuhe, den Mantel, das Tuch um, laufe zurück bis zur Schluppe, zum Spalt zwischen Häusern und Straßenkreuzung, vielleicht ist sie ja doch, sage ich mir, stelle mir vor sie sitzt dort wieder, vor ihr der Becher, der blaue Pullover und in ihrem Schoß die Katzen.

Aber wenn ich um die Ecke biege, ist Frau D. nicht mehr dort.

Nur auf der Straße da stehen die Menschen, sie lachen und reden, sie trinken Bier, sie flüstern jemanden etwas ins Ohr, sie lehnen mit der Schulter an der Hauswand, eine Frau trägt ein Paar Schuh. Die Schuhe sind blau.

Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

Die Santa Maria

Früh am Morgen, die Nacht liegt noch über der Straße sitzt ein Mann neben mir an der Bushaltestelle. Alt ist der Mann, gebückt schon von den Jahren, denn irgendwann da holen sich die Jahre ihr Leben zurück. Der Mann trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine billige Armbanduhr,einen Trenchcoat und neben ihm steht ein Koffer. Der Koffer ist mindestens so alt wie er selbst.
Unauffälliger kann ein Mann nicht sein. Dann kommt der Bus. Ein Hund und Herrchen steigen aus, und viel zu viele Leute steigen ein. Sie alle müssen wie ich zum Bahnhof. Für einen Moment verliere ich den Mann aus den Augen, aber dann steht er fast direkt neben mir, hält sich mit einer Hand an der gelben Stange fest, der alte, abgestossene Koffer steht zwischen seinen Beinen.
Der Bus fährt los. Wir schwanken nach rechts und dann nach links, der Mann neben mir sucht nach Halt, mit beiden Händen umklammert er die gelbe Stange und das Hemd rutscht ihm über den Arm nach oben. Da sehe ich es. Auf seinem Arm hat er ein Segelschiff eintätowiert, aber keines jener professionellen Schiffe, wie man es in einem Studio mit sterilen Liegen erhält, rau und ungeschliffen ist das Schiff. Das Bug ein bisschen zu grob geraten, die Segel zwar gebläht, aber auch ein wenig eingerissen an den Enden, zu lang ist das Schiff, und die Tinte auf dem Arm ist unregelmäßig, so als habe der Tätowierer immer mal eine Pause gemacht, um eine Zigarette zu rauchen oder einen Tee zu trinken. Ich weiß nichts über das Wesen der Tätowierer. Das Auffälligste am Schiff aber ist die Galionsfigur am Bug. Eine barbusige Meerfrau ziert den Bug, aber im Gesicht hat sie einen- und hier hat der Tätowierer Augenmerk bewiesen- einen Schnurrbart wie ihn sich alle Hipster nur wünschen.
Er steht ihr gut, ja der Bart unterstreicht ihre Haltung. Hier am Bug das wird gleich klar, hier trotzt die Meerfrau Stürmen und auch den eisigen Wellen der See. Santa Maria steht in groben Buchstaben unter dem Schiff. Darunter zwei Jahreszahlen, die ich nicht entziffern kann.

er Mann sieht blinzelnd zu mir herüber und fast will ich ihn fragen, ob er wohl einmal Pirat gewesen ist, dass er Seefahrer ist, das glaube ich sofort. Aber die Santa Maria, das Schiff auf seinem Arm, das ähnelt eher der wilden Dreizehn als einem harmlosen Boot, das einmal Bananen und ein anderes Mal Zedernholz geladen hat. Nein, die Santa Maria erzählt andere Geschichten. Geschichten, die immer nur Andeutung bleiben, Geschichten von Nächten mit weißem Rum, von einem hässlichen Zwischenfall im Golf von Aden als der Kapitän bei einer Wette sein Bein verlor oder dem Transport eines Tigers nach Mumbai und einer Braut, die am Quai von Southampton lange noch weinte, denn ihr Verlobter hatte eine Wette verloren und sich für zehn Jahre auf die Santa Maria verpflichtet.
Nein, die Santa Maria wie sie da wogt auf dem Arm des alten Mannes, das ist kein Schiff für Lizenzen und gültige Frachtpapiere, sondern für jene Dinge über, die man besser nicht spricht.
Sicher weiß man es nie, aber Ringelnatz selbst mag vielleicht ein paar Takte aufgeschnappt haben, wenn die Mannschaft mal wieder in Hamburg lag. Der Mann, aber auf dessen Arm die Santa Maria prangt, der eben noch schwankte, der wiegt sich längst schon im Takt des so wild schlingernden Busses so früh am Morgen, da sieht man den Seemann noch immer, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mann vielleicht einmal kurz vor fünf Uhr eine Strickleiter erklomm, auf der Schulter einen blauen Papagei, der einmal einem Mafiosi in Neapel gehörte, um in einen Korb zu steigen und weit hinaus über das Meer zu schauen, bis er schließlich ein behäbiges weisses Kreuzfahrtschiff erspähte. Leinen los, mag er gerufen haben und bestimmt hat die Dame mit Schnurrbart am Bug anerkennend genickt. Die Santa Maria, das Boot mit den Ecken und Kanten und den Geheimnissen backbord und steuerbord, mag Kurs genommen haben auf die MS Bremen und später am Tage fehlten vier Perlenketten, drei Brillantbroschen und sieben Kisten Zigarren, aber da war die Santa Maria schon wieder verschwunden, nahm Kurs auf Haiti und ward erst im darauffolgenden Winter wieder gesehen.
Ein Segel war immer geflickt, oft schien es zweifelhaft ob die Santa Maria wohl noch einmal auslaufen würde, aber immer wenn man sie schon abgeschrieben hatte, setzte der Kapitän die Segel und brachten die anderen Seeleute einen Schnupfen, so erhielten die Frauen prächtige Südseeperlen und Schnaps so blau wie die See an ihrer tiefsten Stelle.
Der Bus nimmt quietschend eine Kurve und der alte Mann, ist kein alter Mann mehr, sondern steht mit leichten Füßen noch einmal auf dem Boden eines Schiffes, die Straße ist schon nicht mehr Asphalt, sondern das wogende Meer, noch einmal ist der Mann Matrose der Santa Maria, volle Kraft voraus, verwegen ist sein Blick, ihm ist der Morgen nicht früh genug, noch einmal singt der Kapitän Shanties, noch einmal gehört die letzte goldene Münze der Meerfrau mit ihrem prächtigen Schnurrbart. Dann aber stoppt der Bus, der Bahnhof liegt vor uns im Dunkeln. Der Mann zieht sich den Ärmel herunter, steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zwinkert mir zu, unmerklich fast, schon ist er wieder der unauffällige alte Mann mit der gestärkten Hose und dem Koffer aus abgestoßenem Leder. Noch einmal sehe ich ihn nicht, aber ich hoffe er fährt ans Meer, vielleicht liegt irgendwo in einem alten Schuppen noch immer die Santa Maria und die Meerfrau kämmt sich die langen Haare und zwirbelt sorgfältig den Schnurrbart nach oben, dessen Geschichte niemand kennt.
Aye Capitain rufe ich ihm nach. Gute Reise und dann muss ich laufen, denn mein Zug fährt von Gleis 3.

Märkisches Blau

In Brandenburg ist alles Blau. Der Himmel ist blau, aber das ist nur der Anfang. Warm ist der See. Sind das Blaualgen an meinem Zeh, frage ich den F.? Steht dir sagt der F. und lacht. Blau ist das dicke Polsterkissen auf dem ein riesiger Hund hechelt liegt. Das Polsterkissen liegt auf einem Motorboot. Das Motorboot knattert rasend schnell vorbei, die Lefzen des Hundes flattern auch. Ein Wauziwägelchen der Extraklasse denke ich. Eine blaue Wolke Benzin bleibt zurück. Blau ist der Einband von Andersens Märchen. Ich lese dem F. noch einmal die entsetzliche Geschichte von der kleinen Meerjungfrau vor. Blau sind die Heidelbeeren, die kaufe ich am Straßenrand. Da steht ein Mütterchen mit einem Klapptisch. Sie kommt aus Polen und am Abend holt der Sohn sie ab. Der arbeitet auf einer Baustelle in Fürstenwalde. So viel Staub sagt sie und legt zu den Blaubeeren noch zwei Handvoll Kirschen dazu. Die Kirschen sind nicht blau.
Aber die Augen des Mütterchens sind kornblumenblau. Fast will ich sie fragen, ob sie vielleicht doch einmal während der langen Stunden Hans Christian Andersen einen Mann mit weichen Zügen getroffen haben mag. Aber ich frage sie nicht.
Blau ist ein Schild an einem Zaun. Es kündigt einen Circus an. Weiße Pferde und ein trauriger Clown. Eigentlich lacht der Clown, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich einen fröhlichen Circusclown gibt. Es war mir immer die traurigste Profession, die ich mir vorstellen konnte, ich sehe weg. ALDI ist die einzige Kaufhalle, die es gibt, ALDI, ein blaues Schild, nur noch 200 Meter sagt ein zweites Schild. Das ist auch blau.
Wir essen Fisch am Abend. Vorn am Eingang ist ein Aquarium, die Schuppen der Fische schimmern grün, braun und blau. „Nein, sagt der Kellner, den ich frage, die Fische im Aquarium sind das Hobby von Cheffe, die rührt keiner an.“ Wir sitzen am Wasser und auch hier ist das Wasser dunkelblau, so als hätte ein Maler eine Palette aus tiefem Blau einfach in den See gekippt. So blau ist der See. Der Zander auf meinem Teller sieht müde aus. Ich decke seinen Kopf mit der Serviette ab. Der F. versucht nicht zu lachen und scheitert.
Zum Fisch gibt es Blumenkohl. Der Blumenkohl, aber auch die Karotten sind blau gefärbt, ein Blau das fast schon lila ist. „Hat sich auch Cheffe ausgedacht, ist aber janz natürlich die Farbe, können se unbesorgt sein. Cheffe weiß, was er tut. Der Blumenkohl schmeckt fad, so als sei auch der Geschmack unter dem Blau verschwunden. Auf der Terrasse sitzt außer uns niemand.
Drinnen im Gastraum sitzt eine Hochzeitsgesellschaft. Die Braut trägt ein schweres Kleid aus Tüll und überall Rüschen. Der Bräutigam heißt Ronnie und trägt Nadelstreifen. Auf seinem Hals trägt er einen Panther mit offenem Maul und Reißzähnen aus blauer Tinte. Ronnie und sein blauer Panther fühlen sich nicht wohl im Anzug. Ronnie zieht immer wieder an seiner Krawatte. Die Braut soll etwas sagen. Aber die Braut schwankt und das interessiert mich gleich sehr, denn wer weiß ob sie nicht doch Andersens Meerjungfrau ist und ein Schwanz aus blauen und grünen, glänzenden Schuppen sie nicht doch am gehen hindern. Ich habe noch nie geheiratet und so weiß ich nicht, ob eine Braut naturgebenermaßen wankt, aber Andersen habe ich wieder und wieder gelesen und geweint habe ich oft vor Wut über den blinden Prinzen und das traurige Ende der Meerjungfrau und so fürchte ich mich ein bisschen für die Braut, die nicht zum Mikrofon gelangt und Ronnie, Ronnie der braucht gerade ganz dringend eines Wernesgrüner und zieht sich schon wieder an der Krawatte. Aber die Braut ruft ihre Jungfern herbei, sie alle tragen blaue Kleider und auch ihre Kleider sind voller Rüschen, die Hauptbrautjungfer aber ist gerade eine Rauchen, die steht neben uns auf der Terrasse und schnipst Asche ins Gras. Blauer Rauch und dann schiebt sie die Braut ans Mikrofon, die Braut schimpft: Mensch jetzt musst du eine rauchen, wo ich hier mit die Scheiß-Schuhe kämpfe und der Ronnie ist och schon wieder beim sechsten Bier. Das Mikrofon quietscht. Aber Ronnie braucht dieses Bier, das sieht man ihm an.
Aber die Hauptbrautjungfrau ist eine Frau mit praktischem Verstand. Sie sagt zur Braut: Jetzt reiß dich zusammen, das Bier ist alles bezahlt, nachher kannste deinem Ronnie Bescheid stoßen, aber jetzt musste mal zu deine Gäste sprechen.
Die Braut gehalten von drei Jungfern ganz in Blau beugt sich ans Mikrofon. Sie sagt: Liebe Leute, dit Buffet ist jetzt eröffnet.
Dann gibt es eine Rückkopplung und was die Braut hätte noch sagen können, geht einem ohrenbetäubenden Quietschen unter.
Dann wird die Braut wieder auf ihren Platz geführt und bekommt einen quietschblauen Cocktail. Zwei Kurze für mich bitte, ruft die Hauptbrautjungfer und als die die zwei Schnäpse gekippt hat, sagt sie: Nicole, der Ronnie in dem Anzug, ganz wie der Bachelor!
Dann kann ich nichts mehr hören, denn DJ Jörg kommt in den Gastraum und verspricht Stimmung. Er kriegt auch einen blauen Cocktail. Die Braut sagt zur Kellnerin. „Keine Kurzen mehr für Ronnie.“
DJ Jörg sagt zur Braut: Wir lassen es so richtig krachen.
Die Braut nickt.
Ronnie kommt mit einem Herz aus brennenden Wunderkerzen wieder.
Die Braut weint.
„Schatz, ich liebe dich so sehr“, sagt Ronnie.
Wir gehen.
Auf dem Parkplatz wickeln die Freunde von Ronnie und Nicole den tiefergelegten, metallic-blauen Polo in Klopapier ein und binden Konservendosen an die Türen. Neben dem Polo stehen zwei Männer im Blaumann. Sie schimpfen auf die Politik und den Elfmeter für Frankreich.
Wir fahren zurück an den See. Der See ist blau und ich tauche tief, so tief es geht vom Steg hinunter in das Wasser, der See ist ein Tintenfass und am Himmel immer weiter märkisches Blau.

Andere Zeiten

 

„Bist Du sehr müde?“, fragt der Tierarzt, nach der Nachtschicht auf dem Parkplatz.

Das ist keine Frage. Das ist eine Bitte.

2Keineswegs“ sage ich.

„Danke, sagt der Tierarzt. Danke Mädchen.“

Dann fahren wir nicht nach Norden, sondern nach Süden. Ich schlafe für 40 Minuten. Die Sonne schläft noch ein bisschen länger.

Der Tierarzt parkt den roten Volvo und wir gehen die lange Promenade von Bray hinunter.

In ein paar Stunden kommen Touristen essen Eiscreme, die Kinder fahren auf einem bunten, blinkenden Karussell, Hunde rennen ins Meer und die

Aber der Tierarzt ist lang schon zu schmal, zu sehr Schatten als das Kinder, Mütter, Väter und auch Tante Anny nicht mit dem Finger auf ihn zeigten. Sieh mal, da geht der Schatten.

So gehen wir vor den Touristen, den Strandbesuchern und Hundehaltern durch den frühen Morgen.

Der Morgen ist kühl und klamm über unseren Schultern.

Aber warme Hände holt der Tierarzt aus seinen Taschen.

„Komm, Mädchen, komm.“

Das Bray Head ist geschlossen. Seit Juli 2017 schon.

Das haben wir nicht bemerkt.

Wir haben nicht einmal bemerkt, dass wir seit Juli 2017 nicht mehr in Bray gewesen sind.

Einmal noch früher, wir waren uns unserer Hände noch gar nicht sicher, da haben der Tierarzt und ich einmal im Bray Head übernachtet.

Ein Kellner mit falschem Gebiss und polnischem Englisch spielte Ire für eine Gruppe amerikanischer Gäste.

Den Gästen gefiel es.

Die Suppe war kalt.

Im Zimmer Wasserflecken an den Wänden.

Kaltes Wasser im Hahn, wer weiß schon wie lange die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden konnten.

Die Bettdecken waren bordeauxrot, fadenscheinig schon, die Matratzen ächzten schon als sie uns sahen.

Ich verdrehte die Hände hinter dem Rücken, denn das sind immer so meine Ideen. Wenn es nur nach 1900 riecht, ist mir egal ob im Kronleuchter Stücke fehlen und das Telefon stumm blieb, nahm man den Hörer ab.

Aber der Tierarzt holte meine Hände hinter dem Rücken hervor, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: Mädchen und ich zählte die Lachfältchen um seine Augen.

Es waren viele.

Bates Motel, sagte der Tierarzt und am Ende der Nacht wusste der Tierarzt, dass ich keine Filme oder Serien kenne.

Geschlafen haben wir nicht in den klammen Betten, sondern aus dem Fenster gesehen, die Schiffe gezählt, vor meinem Auge aber wanderten noch einmal die Sommerfrischler vorbei, die hier seit 1880 oder so ähnlich für ein paar Wochen Seeluft tranken.

Aber schon als wir dort eine Nacht lang vor dem Fenster saßen, da war das Hotel schon Geschichte.

Jetzt ist es verschlossen, im frühen Nebel trostlos und leer.

Angeblich gibt es einen Investor.

Aber schon gähnt der Morgen und wir gehen dicht ans Meer gedrückt den Cliff Way entlang.

Schwer und feucht ist die Luft.

Möwen kreisen langsam und morgenschwer über uns und neben uns.

Schwalben nisten in den

Der Fingerhut tastet vorsichtig nach uns, ob wir nicht schöne Opfer wären.

Der Ginster lächelt. Der Ginster hat etwas Onkelhaftes. Der Ginster raucht heimlich Pfeife, da bin ich mir sicher.

Die Hecken tropfen fröhlich auf unsere Köpfe.

Der Himmel ist erst grau, dann wirft die Sonne mit dem Kissen nach dem fahlen Geliebten, dem Mond. Das Kissen ist bestickt mit Hyazinthen und der Himmel hat blaue und dann als der Mond sich in seine Decke wickelt mit morgenkalten Zehen, da schimmert der Himmel auch silbern.

„Wovon träumst du Mond, fragt die Sonne?“

„Immer von Dir!“, sagte die Sonne.

Der Tierarzt lacht.

Langsam tauchen Schiffe aus dem Nebel auf.

Ein Schiffshorn tutet.

Wir winken vergeblich.

Auf der Hälfte der Strecke trinken wir heißen, süßen Tee aus der Thermosflasche.

Eine Fasanendame nickt uns zu und wir nicken angemessen freundlich zurück. Auch für Familie Fasan gilt.

Wenn die Busse kommen, ist alles zu spät.

Schließlich liegt Greystones vor uns, aber wir gehen noch ein Stück weiter.

Ich halte mein Gesicht in die ersten Rosen.

Noch blüht der Flieder.

Der Tierarzt hat die letzten pinken Kastanienblüten im Haar.

Mit dem ersten Zug fahren wir zum roten Volvo zurück.

Ich trinke gegen meine Gewohnheit Kaffee ohne Milch.

Der Tierarzt trinkt gegen seine Gewohnheit Tee mit zu viel Zucker.

Auf der Straße zurück nach Norden kommen uns die ersten Busse entgegen.

Ich bin so müde, aber der Tierarzt lacht mit den Blüten im Haar und singt ein altes Wiegenlied.

Zuhause wickle ich mich eine blaue Decke aus fast demselben hyacinthenblau wie die der Sonne.

Der Tierarzt lehnt noch für einen Moment in der Tür. Dann nimmt er den Hund mit hinaus.

„Wie du leuchtest, Tierarzt denke ich „ noch einmal, hell und frei und sonnengelb.“

Dann schlafe ich ein.

Vielleicht träume ich von einem Hotel aus alten Tagen.

Vielleicht aber auch von einer Welt ohne Schatten, als ich wieder aufwache später am Tag ist die Sonne hell und warm und ich habe alle Träume vergessen.

Vom Schlingern und Rutschen

Anderntags aber auf dem Weg von Berlin zurück nach Irland, im Wartesaal von Terminal C., spätabends, es ist der letzte Flug, kippt die Stimmung plötzlich und unvermittelt. Kippt so wie eine Geburtstagsfeier auf der eben die Gäste noch fröhlich sangen, doch plötzlich und unvermittelt fliegen Fäuste, zerbrechen Stuhlbeine, geht eine Vase und zwei Freundschaften auf immer zu Bruch. Oder eine Hochzeit auf der eben noch Brautvater und die Mutter der Braut Brüderschaft tranken, doch schon nach einem weiteren Lied, fehlen dem Bräutigam drei Zähne, die siebenstöckige Hochzeitstorte liegt zermatscht im Gras und einem Cousin dritten Grades wächst ein Veilchen über dem linken Auge. Die Braut weint leise. Im Wartesaal von Terminal C da ging es ganz ähnlich zu.Auf einmal war dort ein Spalt in der Welt. Einen Würstchenstand gibt es dort neben den langen Reihen mit schwarzen Stühlen. Hungrige Reisende bekommen dort Bockwürstchen mit Löwensenf, Coca-Cola und belegte Wecken.

Das Flugzeug aber ist verspätet und die Würstchenstandverkäuferin ruft durch den Wartesaal: „Hier ist jetzt gleich Schluss, wa!“ Vielleicht begann es das. Einer Reinigungsfrau entglitt der schwere Wagen, ein scharf riechendes Reinigungsmittel lief aus, lief den Reisenden über die Schuhe, die Frau sah auf den umgekippten Wagen, starr und unbewegt, als könne sie sich nicht mehr erinnern, wofür der Wagen gedacht sei und warum sie hier stünde mit einem Kehrbesen in der Hand spät in der Nacht. Zwei Frauen und ich heben den Wagen auf, sortieren die Müllbeutel zurück, Zewa für die blaue Lauge auf dem Boden. „Ist alles in Ordnung?“, frage ich die Frau. Sie sieht mich an und sagt: „ich weiß es nicht.“ Eine der anderen Frauen sagt einem Sicherheitsmann Bescheid. „Sie kommen jetzt mal besser mit“, sagt er zu der Frau. Sie läuft ihm hinterher. Der Wagen bleibt zurück. Ihm fehlt ein Rad, das fällt mir auf. Ausgerechnet das. Eine Gruppe von Männern, Iren, hat Bier gekauft, zischend und klackernd öffnen sie die Büchsen. Gulp. Ihre Stimmen werden mit der Menge der Büchsen lauter, aber auch verzerrter, Betrunkenengespräche, aber seltsam undeutlich, sie klingen als sprächen sie in eine kaputte Lautsprecheranlage, ein unangenehmer Hall ihrer zigfachen Wiederholungen von Feckin Joe I told you like its just bullshit, like, ye know, there was this Lady like Sue or Jo who put me on the facebook. Einer der Männer knackt mit den Fingern, seine Finger machen das gleiche Geräusch wie die aufschnappenden Bierdosenlaschen. Eine Gruppe italienischer Männer vergleicht Tinder-Photos von Frauen. Sie lachen über die Frauen. Die Frauen sehen alle gleich aus. Die Männer finden die Frauen seien höchstens Durchschnittsware. Dann lachen sie wieder. Ein langes, ausdauerndes Lachen, seltsam uferlos und ziellos, blechern so als fiele es in die Bierdosen. Die Bierdosen liegen neben den Sitzen. Die trinkenden Männer beginnen zu rülpsen. Dann aber schleißt die Würstchenverkäuferin wirklich ihren stand. Rasselnd zieht sie den Rollladen herunter. Schnapp. Dann klingelt ihr Telefon und nach den ersten Worten beginnt die Frau zu schreien. Ein schreckliches, hohes, grauenvolles Schreien, ein Schreien aus der Unterwelt, ein Schreien wie von Dante erfunden. Hoh und schrill und lang schreit die Frau in das Telefon hinein und wir alle starren die Frau an.
Die Männer mit den Bierbüchsen beginnen zu lachen. Sneering laughter, mir fällt keine deutsche Entsprechung ein. Die Frau schreit und nur manchmal passen einzelne Worte in ihre Schreie hinein. „Wenn du wieder lieb bist, dann bin ich auch wieder lieb.“ Das ist ein ganzer Satz zwischen den schrillen, sich an das Dach des Wartesaals heraufschraubenden Schreien.
Aber dann verlässt die Frau die Kraft und sie beginnt zu weinen, ein Weinen das eigentlich ein Heulen, ein Howl, Howl, Howl ist und die Männer mit den Bierbüchsen lachen immer lauter, als wollen sie das Weinen der Frau übertrönen. Die Frauen mit denen ich den Putzwagen aufhob und ich wir nicken uns zu und dann gehen wir zu der Frau herüber. Aber die Frau am Telefon will nichts von uns wissen, will auch nichts hören, stößt uns weg und rennt davon. Sie kehrt nicht zurück, auch nicht als jemand sie knarrend ausrufen lässt: Frau G. an den Würstchenstand. Die lachenden Männer werfen Bierbüchsen in die Richtung. „What a bitch“ schreien sie. Schließlich kommt das Flugzeug doch noch, an der Tür streiten sich ein Mann in einer gelben Weste, der vage etwas mit Sicherheit zu tun haben scheint und ein Mann, der die Bordkarten kontrolliert. Erst schimpfen sie nur miteinander, dann boxen sie sich, einer fällt hin, Tritte dann stürmt der Mann mit der gelben Weste davon.

Im Flugzeug müssen wir noch einmal eine Dreiviertelstunde warten. Es ist still. Eine beunruhigende Stille, eine Stille doppelt und dreifach so laut, wie die schreiende Frau, nur das Knacken der Fingernägel des einen trinkenden Mannes ist zu vernehmen. Dann hebt das Flugzeug ab.

Fahl und müde sieht der Mond auf uns herunter, ein langer Schatten, kalte Arme, so als rauchte er langsam eine Zigarette, als bräuchte er etwas um seine Hände zu beschäftigen während er uns zu sieht, wie wir kippen und brechen, wie unsere Welt keineswegs so stabil und geordnet ist, wie wir es uns einreden hier und dort, so als hätte der Mond etwas über uns gelernt, was wir im Sonnenschein vor uns und auch vor ihm verbergen. Lange sehe ich ihm zu dem Mond und seinem dünnen, fahlen Schatten, der uns folgt, unwillig, bitter und wohl auch von heftiger Traurigkeit erfasst. Über Manchester schließlich, das Flugzeug senkt sich schon nach Dublin herüber, verliere ich den Mond aus dem Auge und 30 Minuten später, trete ich vor dem Flughafen auf die Straße. Im Auto neben dem Tierarzt aber schließe ich die Augen, zuhause fahre ich vorsichtig mit dem Finger über Stuhl, Tisch und Bett, die Standuhr tickt, der Hund reibt seinen Kopf an meinen Beinen und noch einmal sehe ich zum Mond herüber, der sich die kalten Hände vor die Augen legt. Erst zwei Tage später aber kann ich dem Tierarzt von der Nacht erzählen, in der die Welt plötzlich und unverhofft aus den Fugen geriet und auch ich schwankte und schlingerte wie auf feuchten und glatten Bohlen zwischen dem Lachen der Männer und der schreienden, weinenden Frau.

Das rote Kännchen

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Vor vielen Jahren besuchte ich die Mali-Tant im Waldviertel. Dort hat die Mali ein Haus, aber vor allem hat die Mali einen Garten. Aus Budapest mit dem Oldsmobile fuhr ich also in Richtung Österreich- damals bin ich mit dem Oldsmobile noch viel weitere Strecken gefahren. Damals wie heute aber war mein Ortssinn bedenklich schlecht. Zwar hatte ich einen Straßenatlas Europa mit mir und auch die Richtung war mir ungefähr klar, aber wie so oft im Leben scheitert man am Detail und damals hatte ich kein Navigationsgerät und auch kein iphone.

Nach Dörfern mit immer unbekannteren Namen musste ich einsehen, dass ich mich hoffnungslos verfahren hatte. Aber im Leben soll man die Abenteuer nehmen wie sie kommen, ich setzte mich in einem Dorf in einen Heurigen trank eine große Apfelschorle und aß Marillenknödel.
Es gibt weiß G*tt schlechtere Dinge als sich an einem Sommertag auf dem Land zu verfahren. Die Dorfbevölkerung bewunderte das Oldsmobile und das Oldsmobile ließ sich bewundern. Als die Dorfbewohner aber Preise nannten und sehr lautstark ihre Kaufabsicht äußerten, am lautesten bot der Sohn des Bürgermeisters, zahlte ich lieber rasch, denn was kann ein Fräulein schon ausrichten gegen den Sohn vom Herrn Bürgermeister und dessen Wunsch nach einem alten Auto?

Ich fragte also nicht nach dem Weg, sondern verließ das Dorf schunkelte eine Landstraße hinunter bis ins nächste Dorf. Dort hatte es keine Wirtschaft und überhaupt machte das Dorf einen verlassenen Eindruck. Vielleicht hatte der Sohn des Bürgermeisters des anderen Dorfes hier den Gasthof gekauft, nur um ihn zu schließen. Totenstill lag das Dorf in der gleißenden Sohne, überwachsen der Weiher, ein Storchennest auf dem Kirchturm und sonst: Stille.

Zwei Straßen weiter aber entdeckte ich einen Eisenwarenladen. Ich liebe Eisenwarenläden. Dieser Laden war das Paradies. Emailletöpfe, Zuckerperlen in Plastikflaschen, geflochtene Weidenkörbe wie aus dem Habsburgerreich, Schrauben in allerlei Formen, Sensenblätter, eine kaputte Uhr, auf einem Sessel schlief eine Katze. Aber auch der Laden, obwohl doch ein Glöckchen meine Ankunft anzeigte, war still und ich sah niemanden hinter der alten Kasse. „Hallo, Hallo“, rief ich also, aber nicht einmal die Katze zuckte mit den Ohren und ich sah mich vorsichtig um. Auf einem Regalbrett stand eine Reihe von altmodischen Krügerln aus Emaille mit denen man vortrefflich die morgendliche Milch wärmen kann. „Wie schön, es doch wäre so ein Kännchen zu haben, dachte ich mir, stellte mich auf die Zehenspitzen und hangelte nach dem Kännchen. Das Kännchen war rot. Als ich mich umdrehte, stand hinter mir eine winzige, alte Dame. Sie mag nicht größer als 1,40 Meter gewesen sein, ihre Augen waren von einem verschwommenen Blau und mir war, als sei sie mindestens zweihundert Jahre alt. Vielleicht hatte sie einmal mit dem alten Kaiser getanzt oder den alten Rabbi Löw gekannt, in Österreich ist immer alles auch ganz anders möglich.

„Pardon“, sagte ich also, ich würde gern dieses rote Krügerl hier erwerben und zudem tät ich gern wissen, wie ich von hier aus in Richtung Zwettl fahre? Die alte Frau sah mich suchend an. „Den Weg will ich ihnen schon sagen“, sagte sie langsam und mit einer Stimme, die nach Birken, die im Wind singen klang. „Aber vor dem Krügerl würd ich mich in acht nehmen, das ist noch immer zurückgekommen.“
Ich drehte das rote Kännchen in der Hand hin und her. Es schien mir harmlos. Ein Kännchen zum Milch wärmen in der Früh. Die alte Dame wisperte etwas von komplizierten Verhältnissen von einer vornehmen Dame, die erst das Kännchen an die Wand und dann den Ehemann aus dem Haus geworfen habe und von einer Haushälterin, die das Milchkännchen auf dem Herd ließ und dann war es um das Haus geschehen. „Ach“ sagte ich, sehen Sie mich heiratet niemand und vielleicht war ja nicht die Haushälterin schuld, sondern eine durchgebrannte Sicherung.“

Die alte Dame aber keckerte leise und sagte, dass sie schon viele Flüche gesehen habe und dieses Kännchen sei besonders schwer von einem Fluch getroffen.“ Mir aber gefiel das rote Kännchen noch immer und ich kaufte es ihr ab. Ungewöhnlich genau und präzise, schrieb die alte Dame mir auf, wie das Oldsmobile und ich wohl nach Zwettl kämen und wirklich war ich viel näher am Haus und Garten der Mali-Tant als ich gedacht hatte. Dann vergaß ich das Dorf, den Laden und die alte Frau und lag mit der Mali im Gras und aß so viele Brombeeren bis ich eine blaue Zunge hatte.

Das rote Kännchen fiel mir erst später wieder ein und es dauerte noch einen oder zwei Umzüge bis ich das erste Mal Milch wärmte. Das Kännchen wärmt formidabel. Aber zugeben muss ich doch, ganz unrecht hat die alte Dame nicht gehabt. Manchmal und ich schwöre, sind nicht länger als dreißig Sekunden vergangen, da schäumt die Milch wütend über und verzischt in der blauen Flamme. Dann wieder wird die Milch auch nach fünf Minuten nicht wärmer und wieder ein anderes Mal, da zieht die Milch hässliche Blasen und schmeckt bitter oder versalzen. Einfach so. Dann denke ich wieder an die verblichenen Augen der Frau und ihre Geschichte von der Frau und dem heftigen Wurf erst des Krügerls und dann des Mannes und nie ganz vergessen habe ich die Haushälterin und so warte ich immer, dass der Herd wirklich abgestellt ist, wenn ich das Kännchen zu mir herüberziehe. Manchmal steht das Kännchen an einer ganz anderen Stelle im Schrank oder auf einmal fehlt einer Tasse ein Henkel und dann wieder ist über monatelang Ruh, bevor das Kännchen zu schäumen und spucken beginnt.

Noch immer aber habe ich das Kännchen sehr gern. Noch öfter, wenn auch nicht mehr mit dem Oldsmobile bin ich aus Budapest oder Prag kommend ins Waldviertel zur Mali-Tant gefahren, denn ihr Haus und den Garten gibt es ja noch immer. Ich habe es oft versucht, aber das stille Dorf und den Eisenwarenladen habe ich nie wieder gefunden. Vielleicht hat der Sohn des Bürgermeisters eines Tages den Laden oder das ganze Dorf gekauft und die alte Frau liegt auf dem Dorffriedhof vergraben und nur die Störche oben auf dem Schornstein wissen wohl, ob es oder doch ganz anders gekommen ist.

Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

Schon lange dachte ich, dass wir doch die Nolde Ausstellung sehen müssten, wo ich es doch noch niemals nach Seebüll geschafft habe und die National Gallery doch nur einen Steinwurf von der Universität entfernt liegt. Aber irgendetwas war immer und vor allem war keine Zeit für Emil Nolde. Aber heute, endlich dann, stehen wir doch in der Ausstellung über den deutschen Dänen, den Protestanten, den Viel- und Weltreisenden, den Antisemiten und Nationalsozialisten, dem die Nazis schließlich verboten, Farbe zu kaufen, dem Liebhaber, Maler, dem Künstler, der Friese war und in allem wohl vor allem Farbe sah.

Fast allein sind wir in den Räumen, denn draußen scheint die Sonne und die Touristen und Dubliner wollen lieber in der Sonne sitzen und nicht nur die gemalte Sonne sehen. Aber lange fehlt uns die Sonne nicht. Denn die Bilder, die Emil Nolde malt, sind alle hell. Es ist eine Welt ohne Winter. Noch seine finstersten Bilder, die Soldaten mit der dunkelblauen Uniform haben goldene Knöpfe und hinter ihnen ist eine gelbe Wand, ein Kornfeld vielleicht geht auch die Sonne unter. Gestorben wird auch im Sommer. 1911 ist das Bild gemalt und bald schon die fielen die Soldaten kopfüber in den Tod hinein. Aber seine Bilder sind das Licht. Emil Nolde malt das Meer gelb. Das Dampfschiff, das er auch malt sieht man kaum in den Wellen, die grün, blau, grau, aber vor allem gelb sind. Man steht vor dem Bild und man fragt sich, wie man so lange nicht wissen konnte, dass das Meer gelb ist. Emil Nolde zeigt es einem.

An einer blauen Wand hängt eine Serie von Bildern, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden. Sie heißt Winter  Berlin 1910/11.( Ich weiß ausgerechnet in der BZ. Hilft nüscht.) Was man sieht: Frauen mit Seidenkleidern, Sommerhüten, Spitzenschleiern, Frauen ohne Hoffnung, Frauen mit der Hoffnung auf eine Nacht, Männer mit Absichten, Männer in leichten Hemden, Männer mit Jacketts für den Sommer, Männer, die rauchen und Männer, die ihre Hände gleich, wenn wir nur wegsehen, zwischen die Brüste, die Beine, die Haare der Frauen schieben. Auf den Bildern ist Sommer, niemand friert, keine Regenschirme tropfen, keine schweren Stiefel behindern den Tänzer, die Frauen haben keine frostroten Hände. Emil Nolde malt eine Welt ohne Winter. Würde man bei einem Maler aus Friesland nicht graue, braune, schwarze Felcken erwarten? Aber so ist das mit Emil Nolde, man kann sich nicht sicher sein mit ihm. Einem Mann fehlt Haar auf dem Kopf und Nolde malt ihm lila Haar. Man sieht den Mann nur von hinten, aber man weiß sofort, dieser Mann muss lila Haar haben.

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fährt Nolde in die Südsee. Die Deutschen nennen Guinea, Kaiser-Wilhelmsland und Nolde malt die typischen Bilder jener Jahre, wie alle sie malten, vor allem Paul Gauguin. Er sucht das Originäre, die Wurzel der Welt und ist überrascht, dass überall auf der Welt Menschen Zahnschmerzen und Liebeskummer haben. Vielleicht ist das die ewige deutsche Überraschung, die Erkenntnis, dass andere auch Durst haben und sich ein Glas Wasser nehmen ohne zu fragen. So kommen einem die Bilder vor, das macht sie so uneindrücklich, denn die Enttäuschung darüber, dass es kein Paradies gibt, die ist doch so alt wie die Welt selbst und keine deutsche Erfindung. Ein einziges Bild unterscheidet sich von den enttäuschten Südesseträumen, da malt Emil Nolde einen Jungen oder ein Mädchen, dass in den Wellen schwimmt, schwerelos und so frei wie man als Mensch wohl selten ist.

Es ist schade, dass die Ausstellung die vieles richtig macht, die so hell ist, die so erhellend ist, um die simple Tatsache herumschleicht, das Nolde eben nicht nur Mitglied der NSDAP, mit dummem Geschwafel über Max Liebermann, Paul Cassirer und den Juden an sich auffiel und den Nazis auch dann noch hinter herrannte als sie seine Bilder in den Giftschrank sperrten und von ihm genug hatten, die beständige Mystifizierung aber in der man immer andeutet, er sei tief in seinem Herzen doch ein anständiger Jung‘ aus dem Norden gewesen, ist nicht nur falsch, sondern hat eher gegenteiligen Effekt. In Wirklichkeit hing Nolde wie viele Männer und Frauen, die in Hitler den Erlöser sahen, Ideen an die sich als mörderisches Programm erwiesen und als der Zug dann einmal losgefahren war, da hielt man sich eben fest, so fest man konnte und auch Emil Nolde fuhr mit und staunte darüber, dass Adolf Hitler kein großer Ästhet war und ärgerte sich darüber, dass ein Porträt eines SA-Mannes dann doch nicht zu Stande kam. Ein Glück möchte man sagen, denn die ungemalten Bilder , kleine Aquarellminiaturen, die von fern an Andersen Märchen erinnern, sind wirklich Kleindode und von so zarter Hand gemalt, die durch alle Zeiten tragen.

Ein außergewöhnlicher Mensch ist Emil Nolde nicht gewesen, nur seine Bilder sind von außergewöhnlicher Lichtheit, von strahlender Transzendenz und aufgehobener Möglichkeit. Kein Wunder, dass uns als wir wieder auf die Straße treten die Sonne viel blasser und müder scheint, als noch vor zwei Stunden.

Emil Nolde, Colour is Life, National Gallery of Ireland, Dublin. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2018. Eintritt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.