Andere Zeiten

 

„Bist Du sehr müde?“, fragt der Tierarzt, nach der Nachtschicht auf dem Parkplatz.

Das ist keine Frage. Das ist eine Bitte.

2Keineswegs“ sage ich.

„Danke, sagt der Tierarzt. Danke Mädchen.“

Dann fahren wir nicht nach Norden, sondern nach Süden. Ich schlafe für 40 Minuten. Die Sonne schläft noch ein bisschen länger.

Der Tierarzt parkt den roten Volvo und wir gehen die lange Promenade von Bray hinunter.

In ein paar Stunden kommen Touristen essen Eiscreme, die Kinder fahren auf einem bunten, blinkenden Karussell, Hunde rennen ins Meer und die

Aber der Tierarzt ist lang schon zu schmal, zu sehr Schatten als das Kinder, Mütter, Väter und auch Tante Anny nicht mit dem Finger auf ihn zeigten. Sieh mal, da geht der Schatten.

So gehen wir vor den Touristen, den Strandbesuchern und Hundehaltern durch den frühen Morgen.

Der Morgen ist kühl und klamm über unseren Schultern.

Aber warme Hände holt der Tierarzt aus seinen Taschen.

„Komm, Mädchen, komm.“

Das Bray Head ist geschlossen. Seit Juli 2017 schon.

Das haben wir nicht bemerkt.

Wir haben nicht einmal bemerkt, dass wir seit Juli 2017 nicht mehr in Bray gewesen sind.

Einmal noch früher, wir waren uns unserer Hände noch gar nicht sicher, da haben der Tierarzt und ich einmal im Bray Head übernachtet.

Ein Kellner mit falschem Gebiss und polnischem Englisch spielte Ire für eine Gruppe amerikanischer Gäste.

Den Gästen gefiel es.

Die Suppe war kalt.

Im Zimmer Wasserflecken an den Wänden.

Kaltes Wasser im Hahn, wer weiß schon wie lange die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden konnten.

Die Bettdecken waren bordeauxrot, fadenscheinig schon, die Matratzen ächzten schon als sie uns sahen.

Ich verdrehte die Hände hinter dem Rücken, denn das sind immer so meine Ideen. Wenn es nur nach 1900 riecht, ist mir egal ob im Kronleuchter Stücke fehlen und das Telefon stumm blieb, nahm man den Hörer ab.

Aber der Tierarzt holte meine Hände hinter dem Rücken hervor, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: Mädchen und ich zählte die Lachfältchen um seine Augen.

Es waren viele.

Bates Motel, sagte der Tierarzt und am Ende der Nacht wusste der Tierarzt, dass ich keine Filme oder Serien kenne.

Geschlafen haben wir nicht in den klammen Betten, sondern aus dem Fenster gesehen, die Schiffe gezählt, vor meinem Auge aber wanderten noch einmal die Sommerfrischler vorbei, die hier seit 1880 oder so ähnlich für ein paar Wochen Seeluft tranken.

Aber schon als wir dort eine Nacht lang vor dem Fenster saßen, da war das Hotel schon Geschichte.

Jetzt ist es verschlossen, im frühen Nebel trostlos und leer.

Angeblich gibt es einen Investor.

Aber schon gähnt der Morgen und wir gehen dicht ans Meer gedrückt den Cliff Way entlang.

Schwer und feucht ist die Luft.

Möwen kreisen langsam und morgenschwer über uns und neben uns.

Schwalben nisten in den

Der Fingerhut tastet vorsichtig nach uns, ob wir nicht schöne Opfer wären.

Der Ginster lächelt. Der Ginster hat etwas Onkelhaftes. Der Ginster raucht heimlich Pfeife, da bin ich mir sicher.

Die Hecken tropfen fröhlich auf unsere Köpfe.

Der Himmel ist erst grau, dann wirft die Sonne mit dem Kissen nach dem fahlen Geliebten, dem Mond. Das Kissen ist bestickt mit Hyazinthen und der Himmel hat blaue und dann als der Mond sich in seine Decke wickelt mit morgenkalten Zehen, da schimmert der Himmel auch silbern.

„Wovon träumst du Mond, fragt die Sonne?“

„Immer von Dir!“, sagte die Sonne.

Der Tierarzt lacht.

Langsam tauchen Schiffe aus dem Nebel auf.

Ein Schiffshorn tutet.

Wir winken vergeblich.

Auf der Hälfte der Strecke trinken wir heißen, süßen Tee aus der Thermosflasche.

Eine Fasanendame nickt uns zu und wir nicken angemessen freundlich zurück. Auch für Familie Fasan gilt.

Wenn die Busse kommen, ist alles zu spät.

Schließlich liegt Greystones vor uns, aber wir gehen noch ein Stück weiter.

Ich halte mein Gesicht in die ersten Rosen.

Noch blüht der Flieder.

Der Tierarzt hat die letzten pinken Kastanienblüten im Haar.

Mit dem ersten Zug fahren wir zum roten Volvo zurück.

Ich trinke gegen meine Gewohnheit Kaffee ohne Milch.

Der Tierarzt trinkt gegen seine Gewohnheit Tee mit zu viel Zucker.

Auf der Straße zurück nach Norden kommen uns die ersten Busse entgegen.

Ich bin so müde, aber der Tierarzt lacht mit den Blüten im Haar und singt ein altes Wiegenlied.

Zuhause wickle ich mich eine blaue Decke aus fast demselben hyacinthenblau wie die der Sonne.

Der Tierarzt lehnt noch für einen Moment in der Tür. Dann nimmt er den Hund mit hinaus.

„Wie du leuchtest, Tierarzt denke ich „ noch einmal, hell und frei und sonnengelb.“

Dann schlafe ich ein.

Vielleicht träume ich von einem Hotel aus alten Tagen.

Vielleicht aber auch von einer Welt ohne Schatten, als ich wieder aufwache später am Tag ist die Sonne hell und warm und ich habe alle Träume vergessen.

Vom Schlingern und Rutschen

Anderntags aber auf dem Weg von Berlin zurück nach Irland, im Wartesaal von Terminal C., spätabends, es ist der letzte Flug, kippt die Stimmung plötzlich und unvermittelt. Kippt so wie eine Geburtstagsfeier auf der eben die Gäste noch fröhlich sangen, doch plötzlich und unvermittelt fliegen Fäuste, zerbrechen Stuhlbeine, geht eine Vase und zwei Freundschaften auf immer zu Bruch. Oder eine Hochzeit auf der eben noch Brautvater und die Mutter der Braut Brüderschaft tranken, doch schon nach einem weiteren Lied, fehlen dem Bräutigam drei Zähne, die siebenstöckige Hochzeitstorte liegt zermatscht im Gras und einem Cousin dritten Grades wächst ein Veilchen über dem linken Auge. Die Braut weint leise. Im Wartesaal von Terminal C da ging es ganz ähnlich zu.Auf einmal war dort ein Spalt in der Welt. Einen Würstchenstand gibt es dort neben den langen Reihen mit schwarzen Stühlen. Hungrige Reisende bekommen dort Bockwürstchen mit Löwensenf, Coca-Cola und belegte Wecken.

Das Flugzeug aber ist verspätet und die Würstchenstandverkäuferin ruft durch den Wartesaal: „Hier ist jetzt gleich Schluss, wa!“ Vielleicht begann es das. Einer Reinigungsfrau entglitt der schwere Wagen, ein scharf riechendes Reinigungsmittel lief aus, lief den Reisenden über die Schuhe, die Frau sah auf den umgekippten Wagen, starr und unbewegt, als könne sie sich nicht mehr erinnern, wofür der Wagen gedacht sei und warum sie hier stünde mit einem Kehrbesen in der Hand spät in der Nacht. Zwei Frauen und ich heben den Wagen auf, sortieren die Müllbeutel zurück, Zewa für die blaue Lauge auf dem Boden. „Ist alles in Ordnung?“, frage ich die Frau. Sie sieht mich an und sagt: „ich weiß es nicht.“ Eine der anderen Frauen sagt einem Sicherheitsmann Bescheid. „Sie kommen jetzt mal besser mit“, sagt er zu der Frau. Sie läuft ihm hinterher. Der Wagen bleibt zurück. Ihm fehlt ein Rad, das fällt mir auf. Ausgerechnet das. Eine Gruppe von Männern, Iren, hat Bier gekauft, zischend und klackernd öffnen sie die Büchsen. Gulp. Ihre Stimmen werden mit der Menge der Büchsen lauter, aber auch verzerrter, Betrunkenengespräche, aber seltsam undeutlich, sie klingen als sprächen sie in eine kaputte Lautsprecheranlage, ein unangenehmer Hall ihrer zigfachen Wiederholungen von Feckin Joe I told you like its just bullshit, like, ye know, there was this Lady like Sue or Jo who put me on the facebook. Einer der Männer knackt mit den Fingern, seine Finger machen das gleiche Geräusch wie die aufschnappenden Bierdosenlaschen. Eine Gruppe italienischer Männer vergleicht Tinder-Photos von Frauen. Sie lachen über die Frauen. Die Frauen sehen alle gleich aus. Die Männer finden die Frauen seien höchstens Durchschnittsware. Dann lachen sie wieder. Ein langes, ausdauerndes Lachen, seltsam uferlos und ziellos, blechern so als fiele es in die Bierdosen. Die Bierdosen liegen neben den Sitzen. Die trinkenden Männer beginnen zu rülpsen. Dann aber schleißt die Würstchenverkäuferin wirklich ihren stand. Rasselnd zieht sie den Rollladen herunter. Schnapp. Dann klingelt ihr Telefon und nach den ersten Worten beginnt die Frau zu schreien. Ein schreckliches, hohes, grauenvolles Schreien, ein Schreien aus der Unterwelt, ein Schreien wie von Dante erfunden. Hoh und schrill und lang schreit die Frau in das Telefon hinein und wir alle starren die Frau an.
Die Männer mit den Bierbüchsen beginnen zu lachen. Sneering laughter, mir fällt keine deutsche Entsprechung ein. Die Frau schreit und nur manchmal passen einzelne Worte in ihre Schreie hinein. „Wenn du wieder lieb bist, dann bin ich auch wieder lieb.“ Das ist ein ganzer Satz zwischen den schrillen, sich an das Dach des Wartesaals heraufschraubenden Schreien.
Aber dann verlässt die Frau die Kraft und sie beginnt zu weinen, ein Weinen das eigentlich ein Heulen, ein Howl, Howl, Howl ist und die Männer mit den Bierbüchsen lachen immer lauter, als wollen sie das Weinen der Frau übertrönen. Die Frauen mit denen ich den Putzwagen aufhob und ich wir nicken uns zu und dann gehen wir zu der Frau herüber. Aber die Frau am Telefon will nichts von uns wissen, will auch nichts hören, stößt uns weg und rennt davon. Sie kehrt nicht zurück, auch nicht als jemand sie knarrend ausrufen lässt: Frau G. an den Würstchenstand. Die lachenden Männer werfen Bierbüchsen in die Richtung. „What a bitch“ schreien sie. Schließlich kommt das Flugzeug doch noch, an der Tür streiten sich ein Mann in einer gelben Weste, der vage etwas mit Sicherheit zu tun haben scheint und ein Mann, der die Bordkarten kontrolliert. Erst schimpfen sie nur miteinander, dann boxen sie sich, einer fällt hin, Tritte dann stürmt der Mann mit der gelben Weste davon.

Im Flugzeug müssen wir noch einmal eine Dreiviertelstunde warten. Es ist still. Eine beunruhigende Stille, eine Stille doppelt und dreifach so laut, wie die schreiende Frau, nur das Knacken der Fingernägel des einen trinkenden Mannes ist zu vernehmen. Dann hebt das Flugzeug ab.

Fahl und müde sieht der Mond auf uns herunter, ein langer Schatten, kalte Arme, so als rauchte er langsam eine Zigarette, als bräuchte er etwas um seine Hände zu beschäftigen während er uns zu sieht, wie wir kippen und brechen, wie unsere Welt keineswegs so stabil und geordnet ist, wie wir es uns einreden hier und dort, so als hätte der Mond etwas über uns gelernt, was wir im Sonnenschein vor uns und auch vor ihm verbergen. Lange sehe ich ihm zu dem Mond und seinem dünnen, fahlen Schatten, der uns folgt, unwillig, bitter und wohl auch von heftiger Traurigkeit erfasst. Über Manchester schließlich, das Flugzeug senkt sich schon nach Dublin herüber, verliere ich den Mond aus dem Auge und 30 Minuten später, trete ich vor dem Flughafen auf die Straße. Im Auto neben dem Tierarzt aber schließe ich die Augen, zuhause fahre ich vorsichtig mit dem Finger über Stuhl, Tisch und Bett, die Standuhr tickt, der Hund reibt seinen Kopf an meinen Beinen und noch einmal sehe ich zum Mond herüber, der sich die kalten Hände vor die Augen legt. Erst zwei Tage später aber kann ich dem Tierarzt von der Nacht erzählen, in der die Welt plötzlich und unverhofft aus den Fugen geriet und auch ich schwankte und schlingerte wie auf feuchten und glatten Bohlen zwischen dem Lachen der Männer und der schreienden, weinenden Frau.

Das rote Kännchen

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Vor vielen Jahren besuchte ich die Mali-Tant im Waldviertel. Dort hat die Mali ein Haus, aber vor allem hat die Mali einen Garten. Aus Budapest mit dem Oldsmobile fuhr ich also in Richtung Österreich- damals bin ich mit dem Oldsmobile noch viel weitere Strecken gefahren. Damals wie heute aber war mein Ortssinn bedenklich schlecht. Zwar hatte ich einen Straßenatlas Europa mit mir und auch die Richtung war mir ungefähr klar, aber wie so oft im Leben scheitert man am Detail und damals hatte ich kein Navigationsgerät und auch kein iphone.

Nach Dörfern mit immer unbekannteren Namen musste ich einsehen, dass ich mich hoffnungslos verfahren hatte. Aber im Leben soll man die Abenteuer nehmen wie sie kommen, ich setzte mich in einem Dorf in einen Heurigen trank eine große Apfelschorle und aß Marillenknödel.
Es gibt weiß G*tt schlechtere Dinge als sich an einem Sommertag auf dem Land zu verfahren. Die Dorfbevölkerung bewunderte das Oldsmobile und das Oldsmobile ließ sich bewundern. Als die Dorfbewohner aber Preise nannten und sehr lautstark ihre Kaufabsicht äußerten, am lautesten bot der Sohn des Bürgermeisters, zahlte ich lieber rasch, denn was kann ein Fräulein schon ausrichten gegen den Sohn vom Herrn Bürgermeister und dessen Wunsch nach einem alten Auto?

Ich fragte also nicht nach dem Weg, sondern verließ das Dorf schunkelte eine Landstraße hinunter bis ins nächste Dorf. Dort hatte es keine Wirtschaft und überhaupt machte das Dorf einen verlassenen Eindruck. Vielleicht hatte der Sohn des Bürgermeisters des anderen Dorfes hier den Gasthof gekauft, nur um ihn zu schließen. Totenstill lag das Dorf in der gleißenden Sohne, überwachsen der Weiher, ein Storchennest auf dem Kirchturm und sonst: Stille.

Zwei Straßen weiter aber entdeckte ich einen Eisenwarenladen. Ich liebe Eisenwarenläden. Dieser Laden war das Paradies. Emailletöpfe, Zuckerperlen in Plastikflaschen, geflochtene Weidenkörbe wie aus dem Habsburgerreich, Schrauben in allerlei Formen, Sensenblätter, eine kaputte Uhr, auf einem Sessel schlief eine Katze. Aber auch der Laden, obwohl doch ein Glöckchen meine Ankunft anzeigte, war still und ich sah niemanden hinter der alten Kasse. „Hallo, Hallo“, rief ich also, aber nicht einmal die Katze zuckte mit den Ohren und ich sah mich vorsichtig um. Auf einem Regalbrett stand eine Reihe von altmodischen Krügerln aus Emaille mit denen man vortrefflich die morgendliche Milch wärmen kann. „Wie schön, es doch wäre so ein Kännchen zu haben, dachte ich mir, stellte mich auf die Zehenspitzen und hangelte nach dem Kännchen. Das Kännchen war rot. Als ich mich umdrehte, stand hinter mir eine winzige, alte Dame. Sie mag nicht größer als 1,40 Meter gewesen sein, ihre Augen waren von einem verschwommenen Blau und mir war, als sei sie mindestens zweihundert Jahre alt. Vielleicht hatte sie einmal mit dem alten Kaiser getanzt oder den alten Rabbi Löw gekannt, in Österreich ist immer alles auch ganz anders möglich.

„Pardon“, sagte ich also, ich würde gern dieses rote Krügerl hier erwerben und zudem tät ich gern wissen, wie ich von hier aus in Richtung Zwettl fahre? Die alte Frau sah mich suchend an. „Den Weg will ich ihnen schon sagen“, sagte sie langsam und mit einer Stimme, die nach Birken, die im Wind singen klang. „Aber vor dem Krügerl würd ich mich in acht nehmen, das ist noch immer zurückgekommen.“
Ich drehte das rote Kännchen in der Hand hin und her. Es schien mir harmlos. Ein Kännchen zum Milch wärmen in der Früh. Die alte Dame wisperte etwas von komplizierten Verhältnissen von einer vornehmen Dame, die erst das Kännchen an die Wand und dann den Ehemann aus dem Haus geworfen habe und von einer Haushälterin, die das Milchkännchen auf dem Herd ließ und dann war es um das Haus geschehen. „Ach“ sagte ich, sehen Sie mich heiratet niemand und vielleicht war ja nicht die Haushälterin schuld, sondern eine durchgebrannte Sicherung.“

Die alte Dame aber keckerte leise und sagte, dass sie schon viele Flüche gesehen habe und dieses Kännchen sei besonders schwer von einem Fluch getroffen.“ Mir aber gefiel das rote Kännchen noch immer und ich kaufte es ihr ab. Ungewöhnlich genau und präzise, schrieb die alte Dame mir auf, wie das Oldsmobile und ich wohl nach Zwettl kämen und wirklich war ich viel näher am Haus und Garten der Mali-Tant als ich gedacht hatte. Dann vergaß ich das Dorf, den Laden und die alte Frau und lag mit der Mali im Gras und aß so viele Brombeeren bis ich eine blaue Zunge hatte.

Das rote Kännchen fiel mir erst später wieder ein und es dauerte noch einen oder zwei Umzüge bis ich das erste Mal Milch wärmte. Das Kännchen wärmt formidabel. Aber zugeben muss ich doch, ganz unrecht hat die alte Dame nicht gehabt. Manchmal und ich schwöre, sind nicht länger als dreißig Sekunden vergangen, da schäumt die Milch wütend über und verzischt in der blauen Flamme. Dann wieder wird die Milch auch nach fünf Minuten nicht wärmer und wieder ein anderes Mal, da zieht die Milch hässliche Blasen und schmeckt bitter oder versalzen. Einfach so. Dann denke ich wieder an die verblichenen Augen der Frau und ihre Geschichte von der Frau und dem heftigen Wurf erst des Krügerls und dann des Mannes und nie ganz vergessen habe ich die Haushälterin und so warte ich immer, dass der Herd wirklich abgestellt ist, wenn ich das Kännchen zu mir herüberziehe. Manchmal steht das Kännchen an einer ganz anderen Stelle im Schrank oder auf einmal fehlt einer Tasse ein Henkel und dann wieder ist über monatelang Ruh, bevor das Kännchen zu schäumen und spucken beginnt.

Noch immer aber habe ich das Kännchen sehr gern. Noch öfter, wenn auch nicht mehr mit dem Oldsmobile bin ich aus Budapest oder Prag kommend ins Waldviertel zur Mali-Tant gefahren, denn ihr Haus und den Garten gibt es ja noch immer. Ich habe es oft versucht, aber das stille Dorf und den Eisenwarenladen habe ich nie wieder gefunden. Vielleicht hat der Sohn des Bürgermeisters eines Tages den Laden oder das ganze Dorf gekauft und die alte Frau liegt auf dem Dorffriedhof vergraben und nur die Störche oben auf dem Schornstein wissen wohl, ob es oder doch ganz anders gekommen ist.

Eine Welt ohne Winter-Emil Nolde in der National Gallery of Ireland, Dublin.

Schon lange dachte ich, dass wir doch die Nolde Ausstellung sehen müssten, wo ich es doch noch niemals nach Seebüll geschafft habe und die National Gallery doch nur einen Steinwurf von der Universität entfernt liegt. Aber irgendetwas war immer und vor allem war keine Zeit für Emil Nolde. Aber heute, endlich dann, stehen wir doch in der Ausstellung über den deutschen Dänen, den Protestanten, den Viel- und Weltreisenden, den Antisemiten und Nationalsozialisten, dem die Nazis schließlich verboten, Farbe zu kaufen, dem Liebhaber, Maler, dem Künstler, der Friese war und in allem wohl vor allem Farbe sah.

Fast allein sind wir in den Räumen, denn draußen scheint die Sonne und die Touristen und Dubliner wollen lieber in der Sonne sitzen und nicht nur die gemalte Sonne sehen. Aber lange fehlt uns die Sonne nicht. Denn die Bilder, die Emil Nolde malt, sind alle hell. Es ist eine Welt ohne Winter. Noch seine finstersten Bilder, die Soldaten mit der dunkelblauen Uniform haben goldene Knöpfe und hinter ihnen ist eine gelbe Wand, ein Kornfeld vielleicht geht auch die Sonne unter. Gestorben wird auch im Sommer. 1911 ist das Bild gemalt und bald schon die fielen die Soldaten kopfüber in den Tod hinein. Aber seine Bilder sind das Licht. Emil Nolde malt das Meer gelb. Das Dampfschiff, das er auch malt sieht man kaum in den Wellen, die grün, blau, grau, aber vor allem gelb sind. Man steht vor dem Bild und man fragt sich, wie man so lange nicht wissen konnte, dass das Meer gelb ist. Emil Nolde zeigt es einem.

An einer blauen Wand hängt eine Serie von Bildern, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden. Sie heißt Winter  Berlin 1910/11.( Ich weiß ausgerechnet in der BZ. Hilft nüscht.) Was man sieht: Frauen mit Seidenkleidern, Sommerhüten, Spitzenschleiern, Frauen ohne Hoffnung, Frauen mit der Hoffnung auf eine Nacht, Männer mit Absichten, Männer in leichten Hemden, Männer mit Jacketts für den Sommer, Männer, die rauchen und Männer, die ihre Hände gleich, wenn wir nur wegsehen, zwischen die Brüste, die Beine, die Haare der Frauen schieben. Auf den Bildern ist Sommer, niemand friert, keine Regenschirme tropfen, keine schweren Stiefel behindern den Tänzer, die Frauen haben keine frostroten Hände. Emil Nolde malt eine Welt ohne Winter. Würde man bei einem Maler aus Friesland nicht graue, braune, schwarze Felcken erwarten? Aber so ist das mit Emil Nolde, man kann sich nicht sicher sein mit ihm. Einem Mann fehlt Haar auf dem Kopf und Nolde malt ihm lila Haar. Man sieht den Mann nur von hinten, aber man weiß sofort, dieser Mann muss lila Haar haben.

Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges fährt Nolde in die Südsee. Die Deutschen nennen Guinea, Kaiser-Wilhelmsland und Nolde malt die typischen Bilder jener Jahre, wie alle sie malten, vor allem Paul Gauguin. Er sucht das Originäre, die Wurzel der Welt und ist überrascht, dass überall auf der Welt Menschen Zahnschmerzen und Liebeskummer haben. Vielleicht ist das die ewige deutsche Überraschung, die Erkenntnis, dass andere auch Durst haben und sich ein Glas Wasser nehmen ohne zu fragen. So kommen einem die Bilder vor, das macht sie so uneindrücklich, denn die Enttäuschung darüber, dass es kein Paradies gibt, die ist doch so alt wie die Welt selbst und keine deutsche Erfindung. Ein einziges Bild unterscheidet sich von den enttäuschten Südesseträumen, da malt Emil Nolde einen Jungen oder ein Mädchen, dass in den Wellen schwimmt, schwerelos und so frei wie man als Mensch wohl selten ist.

Es ist schade, dass die Ausstellung die vieles richtig macht, die so hell ist, die so erhellend ist, um die simple Tatsache herumschleicht, das Nolde eben nicht nur Mitglied der NSDAP, mit dummem Geschwafel über Max Liebermann, Paul Cassirer und den Juden an sich auffiel und den Nazis auch dann noch hinter herrannte als sie seine Bilder in den Giftschrank sperrten und von ihm genug hatten, die beständige Mystifizierung aber in der man immer andeutet, er sei tief in seinem Herzen doch ein anständiger Jung‘ aus dem Norden gewesen, ist nicht nur falsch, sondern hat eher gegenteiligen Effekt. In Wirklichkeit hing Nolde wie viele Männer und Frauen, die in Hitler den Erlöser sahen, Ideen an die sich als mörderisches Programm erwiesen und als der Zug dann einmal losgefahren war, da hielt man sich eben fest, so fest man konnte und auch Emil Nolde fuhr mit und staunte darüber, dass Adolf Hitler kein großer Ästhet war und ärgerte sich darüber, dass ein Porträt eines SA-Mannes dann doch nicht zu Stande kam. Ein Glück möchte man sagen, denn die ungemalten Bilder , kleine Aquarellminiaturen, die von fern an Andersen Märchen erinnern, sind wirklich Kleindode und von so zarter Hand gemalt, die durch alle Zeiten tragen.

Ein außergewöhnlicher Mensch ist Emil Nolde nicht gewesen, nur seine Bilder sind von außergewöhnlicher Lichtheit, von strahlender Transzendenz und aufgehobener Möglichkeit. Kein Wunder, dass uns als wir wieder auf die Straße treten die Sonne viel blasser und müder scheint, als noch vor zwei Stunden.

Emil Nolde, Colour is Life, National Gallery of Ireland, Dublin. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 10. Juni 2018. Eintritt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.

 

Unter den Ärmeln

Am Dienstag Abend spät ist es da schon, im Flugzeug zurück auf dem Weg nach Irland da erinnere ich mich wieder an jenen Satz den ich vor Jahren einmal auf einer Konferenz hörte: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Unsinnig kam mir der Satz damals vor, noch dazu auf jener Konferenz auf der es um nichts anders ging als die Offensichtlichkeit, dass Menschen vielerorts hungern und zwar so hungern, dass man nicht erst ihre Handgelenke besehen muss, um sich dessen gewahr zu werden. Menschen hungern. Punkt. Das dachte ich damals und ich verwarf den Satz als eine Überflüssigkeit. Ich war jung damals und hochnäsig wohl auch, denn mir schien der Satz pure Verschwendung.

Aber so viele Jahre später holt der Satz mich dann doch ein. Im Flugzeug nämlich sehe ich aus dem Fenster, unter mir verschwindet die Stadt Berlin und wir fliegen hoch und höher in die Dunkelheit hinein. Der Tierarzt neben mir schläft, tief fällt ihm das Haar and die Stirn und sein Kinn liegt dort wo mein Ohr beginnt. Der Tierarzt atmet ganz leise und ich zähle mit. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen und wieder von vorn. Dann sehe ich auf seine Handgelenke. Seine Handgelenke sind dünn, aber das ist nicht neu, das weiß ich doch, aber dann fällt mir etwas auf, was ich nicht gesehen habe oder nicht sehen wollte, dass ist ja oft ein und dasselbe. Seine Handgelenke sind so dünn, dass die Haut die Knochen nicht mehr hält und die Haut über den Handgelenken ist so dünn, so dünnes Pergamentpapier, dass sein Hemd sich durch die Haut scheuert und die Knochen sich durch die Haut drücken. Blutige Ringe hat der Tierarzt, wo andere Menschen und vielleicht auch Sie und ich Handgelenke haben. So kommt der Satz zu mir zurück in dem dunklen Flugzeug in dem zwei Frauen Gin trinken, ein Mann ein Buch von Idriss Aberkane liest und eine andere Frau den Verlust ihres linken Fingernagels beklagt. Sie sagt zu ihrer Freundin: „Ich habe ihn mir so lange heran gezüchtet und jetzt ist er einfach abgebrochen.“ Sie spricht über ihren Fingernagel wie über einen lange verlorenen Freund. Ihre Freundin will sie trösten, aber sie und ihr Verlust wollen nicht getröstet sein. Der Tierarzt schläft und ich starre auf seine Handgelenke und dann fällt er mir wieder ein jener Satz: „Den Hunger sieht man an den Handgelenken.“ Man entkommt einem Satz nicht einfach so.

Kurz vor der Landung wacht der Tierarzt auf. „Alles gut?“, sagt er und ich nicke und packe mein Buch ein, suche mein Tuch, dann den Mantel, sehe nach ob der Hausschlüssel wirklich in der Tasche ist. „Komm“, sagt der Tierarzt und hält mir die Hand hin und wir gehen aus dem Flughafen heraus und suchen auf dem Parkplatz nach dem Volvo. „Fahr Du, sagt der Tierarzt, ich bin so müde.“ Das ist der Hunger, der Hunger lacht und der Hunger schläft nie. Ich fahre durch die dunklen Straßen, Wald, Kurven, dann das Meer, schließlich die Dörfer, endlich dann unser Dorf. Erst Unterland, dann vorbei am Kirchturm St Sylvester. Motor aus.

Das luggage holdall, ein Rucksack, meine Tasche. Die Katze liegt auf dem Fensterbrett, der Tierarzt umarmt den Hund, ich trinke ein Glas Wasser. „Es ist schon spät“, sagt der Tierarzt. „Ich habe Deine Handgelenke gesehen“, sage ich. Ich fange nicht an zu schreien. Ich schreie nie. Aber der Hunger hörte ohnehin nicht zu. Ich sage nicht mehr: „Warum muss das so sein?“ Denn es ist ja schon vier Jahrzehnte so. Der Tierarzt sagt: „Es tut mir leid.“ „Du solltest das nicht sehen.“ Ich hole den Verbandskasten und der Tierarzt nickt. Dann trägt der Hunger Mullbinden um die Handgelenke und ich gehe ins Bad. Es ist ja schon spät. Vor dem Fenster da rauscht das Meer und manchmal dachte ich, das Meer wäre lauter als der Hunger, aber ich hätte besser zuhören müssen auf jener Konferenz damals als mir der Hunger zu offensichtlich schien, als das ich auf Handgelenke geachtet hätte. Der Hunger zieht einen hinein, der Hunger macht einen, macht auch mich zum Komplizen, der Hunger schläft nie, er ist wach, er frisst sich durch die Knochen, die Haut, durch die Vorhänge, die dunkle Nacht im Zimmer.

Der Tierarzt wickelt eine Hand in mein Haar. Aber der Hunger tobt auch unter meinen Haaren und seinen Händen weiter. Ich denke an die all Jahre, in denen ich in Indien mit dem Hunger rang, nur um neben dem Hunger im Bett zu liegen, die Ironie des Hungers ist grenzenlos. „Du kannst gehen Mädchen“, sagt der Tierarzt mit den Händen in meinem Haar.“ „Nein Tierarzt“, sage ich und drehe mich zu ihm um, „der Hunger allein ist nicht genug.“ Ganz still liegt der Tierarzt und wer weiß vielleicht gibt für eine Nacht, der Hunger noch einmal nach. „Lassen Sie sich vom Hunger nicht täuschen“, sagte der Dozent damals auf jener Konferenz, den Kopf habe ich geschüttelt damals und dann hat der Hunger mich doch getäuscht, gut versteckt unter den Hemdsärmeln, Manschettenknöpfen an den Handgelenken, Wollpullovern und Leinenhemden.

Den Hunger sieht man an den Handgelenken.

Zwei Schwestern

In der S-Bahn sitzt ein Mädchen neben mir. Das Mädchen ist vielleicht acht Jahre alt. Das Mädchen wippt mit den Knien, es trägt lila Ballerinas und einen pinken Rock mit großen Blumen. Um den Rock beneide ich das Mädchen. Das Mädchen hat einen Schulranzen neben sich stehen, aus dem Schulranzen lugt ein abgewetzter Bär heraus. Dem Bären fehlt ein Ohr, aber er lächelt dem kleinen Mädchen zu.

Das Mädchen wippt mit den Knien und sieht aus dem Fenster der Bahn, das Mädchen hat fünf Gummibären in der Hand, die lutscht das Mädchen sehr langsam und sehr genießerisch. Die S-Bahn fährt an einem See vorbei und als die S-Bahn hält und die Türen sich öffnen, steigt eine Gruppe von Jugendlichen ein. Sie sind vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
Drei Mädchen und drei Jungen, die Jungs tragen kurze Hosen und viel zu viel Deodorant. Die Mädchen tragen kurze Tops und viel zu süßes Parfüm. Ein Mädchen hat einen glitzernden Stein im Bauchnabel. Die Jungs machen Fotos mit den Mädchen, die Mädchen strecken die Zunge heraus und die Jungen lachen. Die Mädchen kichern, ein Telefon klingelt, der Junge mit weißen Hosen und schwarzen Sneakern öffnet eine Cola-Flasche zu schnell, in der S-Bahn ist jetzt auch ein See.
Die Jungs lachen, die Mädchen kreischen, ein Mädchen schüttelt sich die Haare, Cola- Schaum tropft aus ihren Haaren, sie hat wilde, schwarze Locken, der Junge mit den schwarzen Schuhen starrt sie an. Er starrt mit weit offenem Mund.

Vielleicht wird er sich in vielen Jahren nicht mehr an das Mädchen erinnern, eine andere Frau heiraten, in der Arktis mit Eisbären leben, aber dieser Moment, der wird ihm bleiben, ein warmer Tag im April und das lachende Mädchen, die Locken, die tropfende Cola.

Aber dann ist der Moment vorbei. Das kleine Mädchen neben mir nämlich ruft: „Mia!“ Sie ruft es so wie kleine Schwestern nach ihrer großen Schwester rufen. Es liegt etwas von jener ehrfürchtigen Bewunderung in ihrer Stimme, die jüngere Schwestern ihren großen Schwestern entgegenbringen und das weiß ich genau, denn ich bin auch eine kleine Schwester. Das Mädchen neben mir ruft noch einmal: „Mia“ und sie ruft es mit so viel Vorfreude, so viel Spannung, so viel Glück und Leichtigkeit, denn da ist ihre große Schwester und ganz bestimmt klettert das Mädchen nachts zu Mia ins Bett und lässt sich etwas erzählen von der großen Welt in die Schwester sich über eine fiese Physiklehrerin beklagt, ihr etwas ins Ohr flüstert von Hamdis grünen Augen und Andrés Sommersprossen, vielleicht schluchzt sie vor Gemeinheit darüber, dass Tina ein Piercing darf und sie nicht und ihre kleine Schwester wird ganz sicher den abgewetzten Bären in die Hand ihrer großen Schwester schieben, obwohl sie selbst sich manchmal fürchtet wenn die Dielen knacken nachts halb zwei. So und nicht anders ruft das kleine Mädchen, das neben mir sitzt nach Mia.

Der Junge mit den schwarzen Schuhen sieht zu dem kleinen Mädchen herüber, dreht sich zu Mia herüber und sagt: Kennst Du das Baby etwa?

Für einen Moment sieht Mia zu ihrer kleinen Schwester herüber und noch immer strahlt das kleine Mädchen ihre große Schwester an, will fast schon aufspringen und auf sie zu rennen, sich in ihre Arme fallen lassen und sagen: „Ich bin kein Baby und wenn Du das noch mal sagst, dann bekommst Du Ärger mit Mia, meiner großen Schwester. Aber Mia sieht auf den Fußboden, holt ein Bubblegum aus ihrer Hosentasche, kaut zwei oder dreimal und macht eine große, pinke Blase und dann sagt: „Nee, kenne ich nicht, wie kommst du denn darauf?“ Der Junge zuckt mit den Schultern: „Nur so“, sagt er, weil die halt deinen Namen kannte. Aber jetzt zuckt Mia mit den Schultern: „Die verwechselt mich halt mit jemanden den sie kennt.“ Dann dreht Mia sich weg und der Junge stolpert ihr hinterher, er will ihr etwas auf dem mobile phone zeigen und sie lacht. Das Mädchen mit dem Piercing im Bauchnabel verdreht die Augen, aber tanzen der Junge und Mia zu der Musik aus dem Telefon: If you are under him / you ain’t getting over him.
Sie singt schöner als er und er tanzt sicherer als sie und das Mädchen das Mia heißt schließt die Augen als könnte sie nicht glauben, dass der Junge mit dne schwarzen Schuhen wirklich mit ihr tanzt.

Aber was sie nicht sieht, hinter dem Rücken des Jungen und den Fahrgästen, die einsteigen an der nächsten und übernächsten Station ist wie ihre kleine Schwester den Bären aus dem Ranzen zieht und ihren Kopf im abgewetzten Bärenfell vergräbt, damit niemand sieht, dass sie weint. Das sitzen das kleine Mädchen und der alte Bär und obwohl Mia ihre große Schwester nur sieben Meter entfernt steht, ist das kleine Mädchen ganz allein und hat zum ersten Mal keine große Schwester mehr. Zwei Stationen später steigen die Jugendlichen aus, denn sie wollen zusammen zu Vanessa, deren Eltern sind nicht da und das Haus ist groß. Mia fällt ein bisschen zurück als die anderen nach ihren Rucksäcken, Taschen und der Cola-Flasche suchen und sieht zu ihrer kleinen Schwester herüber. „Hey“ ruft sie, obwohl es kein Rufen ist, sondern ein zartes Flüstern, es ist ein Große Schwestern Flüstern, aber das kleine Mädchen sieht nicht auf, sondern presst die Hände fest in den Bären und starrt aus dem Fenster. „Mia, was machst du denn rufen?“ rufen ihre Freund und Mia dreht sich und geht. „Du kennst das Baby doch!“ ruft der Junge mit den schwarzen Schuhen, aber Mia schüttelt den Kopf und läuft ihm hinterher.

 

Eisläufer viele Jahre nach Pieter Breughel

Ein sonniger Nachmittag ist es, trotz der klirrenden Kälte und der Mantel ist wattiert und dunkelblau und der Schal ist lila und ich kann ihn mir zweimal um den Hals wickeln und dann stehe ich am See, in dem ich das ganze Jahr schwimme. Aber jetzt ziehe ich die dicken gefütterten Stiefel nicht aus, sondern stehe am Rand des Wassers und da ist das Eis. Ein sonniger Freitagnachmittag ist es und dann ist mir als kippt die Welt ein bisschen und es ist nicht mehr 2018, sondern ich stehe an einem anderen Ufer, in einem anderen Land und neben mir sitzt der Maler Pieter Breughel und er sieht auf das Eis des Weilers Sint-Anna-Pede bei Bruxelles. Das Bild, dieses Jahres 1565 aber ist das Spiegelbild zum sonnigen Nachmittag am Rand von Berlin so viele Jahrhunderte später.

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Wirklich aber sind sie alle noch da, die Menschen seiner Bilder, sie gleiten über das Eis, sie tragenähnliche Mützen, sie lachen und jauchzen, sie rufen: „Vorsicht“, Obacht oder auch „Autsch“, ganz wie die Menschen die 1565 mit einer falschen Drehung auf dem Eis landeten und sich den Steiß rieben. Schon aber kommt ein anderer und zieht den Freund wieder hoch. Damals wie heute haben die Kinder rote Wangen-

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Ein Vater hat sich ein Seil um den Bauch gebunden und am Seil entlang zieht er das Kind über das Eis. Eine Mutter richtet ein schluchzendes Kind wieder auf, vielleicht kam ein Zweig zwischen die Kufen und schon schlug es hin. Zum Glück gibt es auch 2018 noch immer offene Arme. Ein Liebespaar hält sich bei den Händen und vielleicht sind sie  gerade erst vierzehn Tage zusammen und teilen sich später andächtig Kakao. Jetzt aber hält sie seine Hände, denn es ist klar, er holpert auf den Kufen während sie ganz andächtig, federleicht und schwungvoll über das Eis fährt, aber ihre Hände sind warm, denke ich mir und er lächelt mit roter Nasenspitze, der Frau zu, über die er jetzt schon mehr weiß, als er dachte und schon gleiten sie vorüber. Ihr roter Schal leuchtet noch lange und dann fahren zwei Mädchen vorüber mit schwarzen Ohrenschützern aus Plüsch und Glitzerjacken und eines der Mädchen hat eine Tasche mit Katzenohren. Selbst die Eishockeyjungs sind sehr beeindruckt. Einer von ihnen, fährt plötzlich ruckwärts, einen eleganten Bogen schlägt er, das sollen natürlich die Mädchen bemerken, aber schon stolpert er, schlittert auf dem Eis entlang, die Mädchen kichern, die Freunde grölen, er ist hochrot und ruft: „Na nun macht doch mal Tempo“ und schon ist der Puck wieder auf dem Eis und die Mädchen drehen sich doch noch einmal um.

Eine Mutter hat einen grünen Kinderwagen, ein Sportwagen und den Kinderwagen und sie trägt einen eleganten blauen Mantel. Vielleicht Jil Sander oder so und ihre Schlittschuhe erinnern eher an Anna Karenina, mit langen ausgreifenden Bewegungen aber schiebt sie das Kind über das Eis, schneller ist sie, selbst als die großen Männer, die doch mit Kraft über das Eis fahren, alle hängt sie ab, schon ist sie hinter einer Kurve gefunden, aus meinen Augenwinkeln fährt sie genau so schnell wie die Dame auf Pieter Breughels Bild. Neidisch sehen ihr diejenigen hinterher, die Kinder und Proviant auf Schlitten über das Eis ziehen, mühsam ist da, im Eis sind schon tiefe Rillen und die Kinder wollen natürlich kein Käsebrot sondern Kuchen. Ein anderer Mann älter schon ruft: „Hannelore!, Dir ist doch ganz kalt, sie stehen unter zwei Bäumen und haben keine Schlittschuhe dafür aber Schneeeisen unter die Füße geschnallt, aber jetzt gibt es Tee mit Schuss, der Mann holt nämlich einen kleinen silbernen Flachmann hervor und ruft: „Hannelore Du wirst gleich sehen!“ Hannelore pustet über den Tee und wärmt sich die Hände. Ihr Mann genehmigt sich noch einen Schluck. Diesmal ohne Tee.

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Ein Hund läuft auf das Eis, kläglich versagen seine Pfoten und verdattert schlittert er einem Kind hinterher, welches doch auch so gerne mit den Großen Eishockey spielen möchte, aber die Großen wollen nicht und so kickt es den Puck zum Hund, aber dem Hund ist das Eis unheimlich, er jault, bemauzt über die kalten Pfoten, aber zurück kommt er auch nicht und schließlich schleppt sein Herrchen ihn vom Eis. Mit finsterer Miene sitzt der Hund schließlich am Ufer. Auf einer Bank sitzen  zwei Jungs mit Musik, sie sind zu cool für das Eis und vielleicht können sie auch nicht Schlittschuh laufen und so sitzen sie ähnlich bedropst wie der Hund am Ufer, immerhin im Sonnenschein. Eine andere Gruppe hat keine Hockeyschläger, aber schon gibt es Holzstöcker und wieder nickt Pieter Breughel mir zu. Ich aber wandere weiter, am anderen Ufer ist es still, denn hier planschen die Enten und das Eis ist dünn und brüchig, der See ist nicht ganz zugefroren und immer wieder gleiten die Menschen auf dem Eis gefährlich nah an die Bruchkanten heran.

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Immer habe ich mir den Styx, der in die Unterwelt führt und auf dem Charon rudert so vorgestellt, als teilte jener Fluss, in die Welt mit festem Grund und jenen Teil ohne Boden und so gluckert das Wasser und in der Luft liegt das Geräusch der Kufen, die in weiten Bögen über das Eis gleiten. Vielleicht aber ist es auch der Nöck, der hämisch lachend mit den Fingerknöcheln gegen das Eis klappert, denn der Nöck sieht es nicht gern steigt man ihm zu sehr auf die Zehen und nicht zum ersten Mal hat der Nöck mit kalten Händen einen Hund, ein Kind oder einen Mann tief unter das -Eis gezogen. Aber dann erreiche ich nach einer dreiviertel Stunde wieder das Ufer an dem Pieter Breughel sitzen könnte, um die lachenden, verschwitzten, kreischenden Kinder, Eltern, Tanten und auch die ältere Damen einzufangen, die wagemutig wie vielleicht keiner mit zwei Krücken und Schlittschuhen auf das Eis geht und erst trippelnd, dann aber sicherer werdend davongleitet, ein Schwan unter vielen, zwei Männer haben Drachen aufgespannt, die sie über das Eis ziehen, dicht heran an das dunkel-dräuende Wasser. Noch einmal Glück gehabt und am Ufer sehe ich noch einmal Anna Karenina im blauen Mantel, die Sonne lacht golden und ein Mann vor mir da bin ich mir sicher, packt gerade sein Skizzenbuch ein, zwinkert mir zu. „Au Revoir Mademoiselle“ und in vielen Jahren wird in einem großen Museum ein Bild enthüllt. Ein später Pieter Breughel wird es dann heißen und die Szene ist diesmal der Schlachtensee am Rande der großen Stadt Berlin.

Wie der Februar riecht.

Der Februar riecht nach Eiszapfen an der Regenrinne und geforenen Tannennadeln auf dem Boden. Der Februar riecht noch einmal nach Schnee und Eis und klirrender Kälte. Der Winter zieht sich noch einmal die genagelten Stiefel an, lacht schallend, knackt mit den Knöcheln, dann bricht das Eis. Der Februar lacht. Der Februar riecht nach dem hellgelben Topf meiner Großmutter, im Februar wenn Purim kam, buk sie Schmalzgebäck, heiße Krapfen holte sie mit der Schaumkelle aus dem siedenden Öl. Ich durfte die Krapfen im Zucker wälzen, der Februar riecht nach Pflaumenmus und leicht karamellisierten Zucker. Der Februar riecht nach fahler Sonne, nach blassen Wangen, der Februar riecht immer ein bisschen nach Sanatorium, nach Linoleum und den roten Wangen der Schwestern, im Februar ist selbst im Flachland, Zauberbergwetter. Thomas Mann seufzte am 7. Februar 1936 über ein „Stößchen Ergebenheitsbriefe“. Der Februar riecht nach trockenem Papier, nach einem abgebrannten Streichholz, im Februar findet man die letzten Kastanien vom Vorjahr in den Taschen. Der Februar riecht nach dicken Mänteln, die zu lange im Schrank unten im Keller oder auf dem Boden lagen, nach Mottenpulver, Lavendelseife und dem Parfum von ältlichen Tanten, die Lieselotte oder Margarethe heißen und niemals bei Rot über die Straße liefen. Der Februar riecht nach Erkältungsbädern, nassen Socken, nach der siebenten Grippe, nach Eukalyptusbonbons und im Februar kann man die Armut so deutlich riechen, wie nirgendwann sonst.

Der Februar riecht nach Kräutertee, kratzigen Handschuhen und Sorgen, der Februar riecht nicht nach großen Romanzen und auch nicht dem Grand-Hotel. Der Februar riecht nach einer Pension am Stadtrand, einem feuchten Mantel am Haken, nach Katzenfell auf den Hosenbeinen, nach dem Ende, nach Auf Wiedersehen, ohne Telefonnummer und ohne Geigen. Der Februar riecht nach Waschmittel und dann nach gefrorener Wäsche auf der Leine im Garten. Die Nachbarin ruft : „Alles umsonst“. Der Februar riecht nach Tweed, nach Kernseife, nach Dreck an den Schuhen, nach Altmetall und in Irland riecht der Februar immer nach dem Torf im Ofen, der Februar riecht nach Birkenholz. Der Februar riecht nach der Dämmerung und nach dem Kinderlachen, das da war, bevor der Ball wegrollte, unauffindbar blieb einen ganzen Winter lang. Der Ball ist grün. Die Wiese ist es noch nicht. Der Februar riecht nach Brustbonbons, nach angebrannter Milch und dem letzten Rest Vanillezucker im grünen Glas. Der Februar riecht immer nach dem Mann, der in der S-Bahn in sein Telefon schreit, er riecht nach Angst vor dem Chef, nach scharfem Mundwasser, nach der gescheiterten Ehe, nach dem Anruf seiner Mutter von vor fünf Minuten: „Junge hast Du dich denn auch warm genug angezogen. Der Mann trägt Hosenträger, Schnürschuhe, einen Mantel mit Krümel an den Ärmeln, einen roten Schal, aber keine Mütze und Handschuhe hat er auch nicht. Dafür rote Knöchel, es sind Knöchel des Februars. Seine Mutter schimpft, der Februar riecht nach kaltem Rauch, nach altem Atem, nach abgelaufenen Konservendosen, nach Bewährungsproben, die man nie besteht, nach Blumenwasser, nach Senfeiern und langweiligen Leitartikeln. Der Februar riecht nach der Müdigkeit, nach billigem Schnaps, nach Spülwasser und einem Honigbrot.

Der Februar riecht nach nassem Hund.

Pink Lady oder Auf einen Apfel mit Paul Cézanne.

Es ist natürlich ziemlich verrückt an einem ganz gewöhnlichen Dienstag Vormittag nicht ins Büro zu fahren, sondern zum Flughafen. Pfeifend zudem, so dass die Business-Reisenden ungläubig schauen, denn auch sie stehen aktentaschenbeschwert für den Flug nach London-Gatwick an, ich aber habe keine Aktentasche und pfeife noch immer. Im Flugzeug wippe ich ungeduldig mit den Beinen und ich zähle die Sekunden mit den Zehenspitzen, denn ich fliege ja geradewegs in Schwesterchens Arme hinein. Aber noch schaukelt das Flugzeug zwischen Irland und England, dann endlich landet es, schon renne ich los, pfeife noch immer, sitze im Zug, ab Clapham Junction sehe ich, wie Schwesterchen die Wohnungstür hinter sich zu zieht, zwei Stufen auf einmal nimmt, einmal links, einmal rechts, ich tausche die Bahn gegen die Tube und aus entgegengesetzter Richtung fährt auch Schwesterchen auf Westminster zu. Ich sehe sie schon weitem, das Kleid mit den Punkten, die Hand in den Locken und einen Moment bleibe ich stehen, fast ist es so als träfe ich einen Geliebten und wollte wirklich sicher gehen, dass er sich wirklich in mich verliebte, dabei hat Schwesterchen mich doch in Zuständen gesehen, die keiner meiner Geliebten kennt. Schon laufe ich los und dann sieht sie mich, läuft mir entgegen, da sind ihre Arme, und ihr Mund an meinen Ohren, der Herr mit Bowler-Hut sieht verwundert zu, wie wir beide über den Boden wirbeln, zwei Derwische kreiseln lachend und kichernd über den Trafalgar Square, selbst zwei kläffende Hunde verstummen und für den Rest des Tages halte ich Schwesterchens Hand in meiner.

Dann gehen wir zur National Portrait Gallery hinunter, Sonnenschein und Wolkenschafe. Cézanne. Die Portraits. heißt die Ausstellung und ich lächle Schwesterchen zu und Schwesterchen nickt. „Komm“, sagt sie und wir gehen in die Ausstellung hinein und schon stehen wir vor den Bildern, die die Farbe der Provence haben allesamt und schon Schwesterchen nickt mir zu: „Erzähl noch einmal“ sagt sie in meine Haare, legt mir den Arm auf die Schulter und zieht mich in eine Ecke wo kaum Besucher stehen.
Vor anderthalb Jahren, verlor meine Schwester ein Kind und schlief nicht mehr, sie blieb einfach wach und weinte, sie rief mich an in der Nacht, saß dort in London auf dem Sofa, sagte: „Erzähl mir eine Geschichte.“ „Was für eine Geschichte willst Du hören?“, fragte ich sie, meine Schwester zog einen Bildband von Paul Cézanne aus dem Regal, ich nahm den selben Band aus dem Regal und sie suchte ein Bild aus und ich erfand ihr eine Geschichte. Ich dachte mir einen Geschichte aus zu den Kartenspielern , einer der beiden versetzte seinen Ehering und konnte sich nicht mehr nach Hase trauen, ich erfand eine Geschichte über die roten Äpfel  im Korb und den hellen Landwein daneben, eine Frühstückspartie, bei der erst ein Korkenzieher, dann ein Tuch und schließlich eine Frau verschwindet, ich dachte mir aus wie die Badenden  eine Kommune auf dem Meeresgrund gründen, eine Revolution bricht aus, die Meermänner greifen an und jeden Abend suchte meine Schwester sich ein Bild aus und ich dachte mir eine Geschichte für sie aus. Nein, es sind nicht 1000 Nächte gewesen, aber auch nicht nur 10, vielleicht 100 wir haben sie nie gezählt, die Nächte nicht, und auch nicht die Geschichten, aber eines Nachts da rief sie nicht mehr an und wir sprachen nicht mehr über Cézanne, bis meine Schwester mich anrief vor ein paar Tagen und sagte: „Ich weiß es ist sehr spontan, aber ich würde gerne mit Dir die Cézanne-Portraits sehen, und Du erzählst mir eine letzte Geschichte. „Ich komme“, sagte ich und dann stehen wir wirklich in der Ausstellung und ich erzähle noch einmal, aber diesmal sind es andere Geschichten. Ich erzähle meiner Schwester von Émile Zola , dem frühen und engen Freund, der im Schneidersitz auf dem Porträt sitzt, so als sei er eigentlich ein Flaschengeist, während Paul Alexis ihm vorliest, dabei ist der Stuhl viel zu klein und viel zu fragil für den Mann, der auf ihm sitzt.

Aber vor allem erzähle ich meiner Schwester von den Kritikern, die Cézanne schmähten: „Cézanne hieß es, malt seine Frauen, seine Familie und seine Freunde wie Äpfel.“ Aber das sagt nur, dass Kunstkritiker nichts von Frauen und auch nichts von Äpfeln verstehen. Jedenfalls nichts vom Geheimnis der Äpfel, in denen schon immer die ganze Welt liegt, alle Farben haben die Äpfel, alle Formen, immer verbergen sie ihren Kern vor der äußeren Welt und so sind auch die Menschen, die Cézanne malte immer eindeutig, farbiger und niemals plakativ, immer sind sie im Bild. Vielleicht ist Cézanne derjenige Maler, der nicht daran glaubte eine Frau müsste gefallen, denn gefällig ist keines seiner Bilder. Weder die Männer noch die Frauen entsprechen dem landläufigen Ideal der Schönheit. Nirgendwo wird dies vielleicht so deutlich wie in den Bildern, die er von seiner langjährigen Lebensgefährtin und Frau Hortense Fiquet malte. Hortense ist diejenige, die Cézanne am häufigsten porträtiert hat und Hortense ist eine Frau, die nicht lächelt, Hortense ist der Apfel in jedem Bild, jemand der da ist, der da sein muss, aber eben als er selbst, nicht als jemand mit einer bestimmten Rolle oder einer Funktion. In einem einzigen Porträt nur näht Hortense, sonst hält sie die Hände geschlossen, halb geöffnet, sieht uns von schräg unten oder links oben an, aber vor allem ist sie da, ist da als Hortense Fiquet, nicht als Madame Cézanne, sie kocht nicht, strickt nicht, flickt nicht, erzieht nicht, sie ist nicht die ferne Phantasie, oder die ferne Geliebte, sie ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt seiner Bilder und seines Lebens und Cézanne hat Hortense auf eine Art geliebt, die nicht mehr auf die Gefälligkeit der Geliebten angewiesen ist. Hortense lächelt nicht, Hortense ist wirklich da.
Schwesterchen und ich sehen ihr Gesicht, ihre Hände, beneiden ihre Kleider, wundern uns über ihre Einsamkeit, ihre Zuversicht und ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich von ihr weiß.

Zu den zärtlichsten Porträts der Ausstellung aber gehören zwei Bilder von Paul fils , Paul dem Sohn von Hortense und Paul Cézanne. Wieder hat sich die Kunstgeschichte verächtlich über das stillebenartige, Starre und Unbewegte der Bilder mokiert, aber ich glaube und dabei habe ich keine Kinder, dass man vielleicht versucht, obwohl es doch niemals gelingt einen Moment festzuhalten, einen Augenblick nur, das Kind vor der Welt zu bewahren, einzufrieren wie es singt und lacht, mit dem Teddybären Pläne macht und auf einem Pappkarton die Weltmeere unsicher macht und das Kind ruft doch schon wieder: „Wann bin ich endlich groß?“ Lange stehen Schwesterchen und ich vor den Kinderbildern und ich ziehe meine große Schwester noch ein Stück enger an mich heran. Dann wandern wir weiter, wandern zu den Selbstporträts in denen Cézanne sich als selbstbewussten Pariser malt, um dann doch in die Provence zurückzukehren. Da sind sie noch einmal die Gärtner, die Landarbeiter, eine alte Frau mit weißer Haube und natürlich auch die Frau mit cafetière, aufrecht sitzt sie in dem Stuhl mit hoher Lehne, auch sie aber schält keine Kartoffeln, stopft keine Socken, auch sie ist genug. Es ist das Erstaunliche an den Bildern von Paul Cézanne und ich habe mich darüber niemals beruhigen können, dass seine Bilder immer hierarchiefrei sind, der Kaffeelöffel in der Tasse ist genau so zentral für das Porträt wie die Frau, der Stuhl, die Tapeten, die Schleife, die das Kleid hält. Auf Cézannes Bildern kann nichts weggelassen werden, radierte man den Löffel aus, das Bild wäre im gleichen Augenblick verschwunden. Vielleicht gilt es doch nach jenen Menschen, Männern wie Frauen Ausschau zu halten, die nehmen sie einen Apfel in die Hand, immer schon den Atem der Geliebten spüren und küssen sie Augenbraue des Geliebten etwas von der Süßigkeit des Apfels ahnen. Dann höre ich endlich auf zu reden. Schwesterchen lacht: Dass Dir als Shetlandpony an den Äpfeln liegt, ist nicht verwunderlich.“

Dann zieht sie doch ernster als sonst meinen Kopf zu sich heran, noch einmal stehen wir vor Hortense Fiquet. „Es ist gut“, sagt sie und wir gehen hinaus zurück in die Welt, wir trinken Kakao im Sonnenschein machen alberne Bilder, überlegen ob uns Cézanne wohl eines Apfels würdig hielte, ich erinnere mich an den Nachmittag den ich, es kamen keine anderen Besucher, im Wohnhaus des Künstlers in Aix-en-Provence verbrachte, Schwesterchen sagt: „ich halte mich noch immer an deinen Geschichten fest,“ und kurz bevor die Kühle des Februars in den Nachmittag zurückkehrt, legt meine Schwester meine Hand auf ihren Bauch. „Wir brauchen neue Geschichten“, sagt sie schließlich und ich nicke: Bon, bébe numéro 5, sage ich, lass mich dir erzählen, wie deine Mama, sie war dreizehn Jahre alt einmal auf den Kirschbaum stieg“, Schwesterchen quietscht, was soll bébé nur von mir denken?“ „Auf jeden Fall, dass Du mehr Apfel als Kirsche bist“, Schwesterchen kichert und dann brechen wir auf, denn wie die heimlichen Geliebten haben wir uns diesen Nachmittag gestohlen und zu Hause warten die Kinder und ich muss zurück nach Irland reisen. In der Bahn schließe ich die Augen, gehe mit ihr die Treppen zur U-Bahn herunter, sehe sie einsteigen, aussteigen, links und dann rechts gehen, den Schlüssel suchen, die Tür quietscht, 16 Kinderhände: Mama, wo bist du gewesen?“. Ein Geheimnis wird sie sagen, dann klingelt mein Telefon: „Bin da.“ Ich lächle, so wie man sonst nur lächelt, weiß man den Geliebten geborgen und vom Unheil bewahrt.
Im Flugzeug nehme ich den Apfel aus der Tasche.
Pink Lady, steht auf dem Aufkleber.
Danke, Paul Cézanne, flüstere ich und schließe die Augen.

Die Ausstellung Cézanne Portraits ist noch bis zum 11 Februar 2018 in der National Portrait Gallery in London zu sehen, bevor die Ausstellung dann nach Washington geht.
Der Katalog kostet 20 Pfund und ist ein Wunderwerk an Cézanne-Forschung und Geschichten.

Wie immer gilt: Selbstbezahlt, selbstgesehen, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

Eine Papiertüte

Vom Konzert mit dem Auto zurückfahren.

Ausnahmsweise.

Der Tierarzt schläft. Der Tierarzt ist oft müde in diesen Tagen.

Ich höre Schubert im Konzert und dann noch einmal im Auto.

Irgendwo läuft immer Schubert.

Ein ganzes Jahrhundert hat sich da selbst in Musik gesetzt, denke ich. Die Ampel ist auf rot.

Auf einem Bierbike fahren Frauen auf der Straße umher. Sie singen: „Don’t look back in anger.“ Sie tragen Plastikkronen und dicke Jacken.

Das Bierbike schlingert.

Ich klopfe den Takt auf das Lenkrad.

1835 wurde Felix Mendelssohn-Bartholdy Kapellmeister in Leipzig.

Er ließ Bach spielen. Die Deutschen hatten Bach vergessen, 1835.

Man erzählt sich es hat einmal ein Konzert gegeben da spielten Clara Schumann und Franz Liszt, Bach am Klavier und Mendelssohn dirigierte.

Die drei wurden mit Blumen überschüttet.

Ich träume manchmal von diesem Deutschland in dem ein Jude fast an Blumen stirbt. Man hätte vielleicht 1945 ein Ministerium für Träume, Blumen und Bonbonnieren schaffen sollen, denke ich immer noch klopfen meine Finger im Takt.

Mir fallen wenig deutsche Träume ein in letzter Zeit, die nicht hart klingen und bitter, in denen die anderen etwas haben, was man selbst besser gebrauchen könnte, Turnschuhe zum Beispiel, die Träume der Deutschen sind hart und voller Eisen. Ich weiß nicht, ob die Welt nicht endlich doch genug gesehen hat vom deutschen Eisen und immer noch zu wenig Blumen.

Die Straße aber führt nicht nach Deutschland, sondern in ein kleines, irisches Dorf.

Ich sehe aus dem Autofenster.

Mülltüten, traurige Tauben. North Inner City Centre Dublin ist ein trüber Ort.

Dauert die Vernachlässigung nur lange genug, dann ist es egal, dass Bäume aus den Fenstern wachsen, aber keine Menschen mehr hinter den Fentern leben. Ein Fastfood Restaurant. Fish&Chips, Kepab, Fries und Chicken Wings. Die Leuchtreklame geht nicht mehr, ging vielleicht nie, wer weiß das schon. Dann wird es grün, hinter mir hupt es, der Volvo schnauft, ich fahre an, ich fahre an einem Mann vorbei. Der Mann sitzt auf dem Boden. Ein schmutziger Schlafsack liegt neben ihm. Das ist was ich sehe, zweiter Gang, Volvo, eine Straße in Irland, ich denke als ich weiterfahre: Der Mann hatte doch eine Papiertüte auf dem Kopf.

Ich denke: Der Mann hatte wirklich eine Papiertüte auf dem Kopf.

Manchmal sagen Frauen über viel schönere Frauen: „Die würde auch noch mit einer Papiertüte bekleidet so aussehen wie man selbst niemand im Abendkleid.“

Da sitzt ein Mann auf dem Boden mit einer Papiertüte auf dem Weg.

Das ist rein reiches Land.

Das ist Europa.

Warum kann man hier denn nirgendwo abbiegen. Dann geht es doch, ich stelle den Volvo ziemlich verkehrswidrig ab.

Meine Großmutter sagte: Das erste Mal nachzugeben, ist am Schwierigsten, Kind, es gilt das erste Mal in dem man sich nachgibt, so lange heraus zu zögern, wie nur irgend möglich. Ich gebe häufiger nach als sie.

Dann steige ich aus und gehe zu dem Mann herüber. Hiya, sage ich, I was just wondering if you are alright?“

Was ist das für eine Frage?

Was fragt man jemanden, der eine Papiertüte über dem Kopf trägt.

Das ist was ich frage.

Der Mann kann kein Englisch.

Vielleicht hat er einmal English gesprochen, aber jetzt kann er nicht mehr sprechen, er sieht unter der Papiertüte hervor und sein Gesicht ist von Geschwüren bedeckt.

Ich rufe einen Krankenwagen.

Der Mann zieht sich seine Tüte über den Kopf zurück.

Neben dem Mann und mir steht eine Gruppe von Jungen und Mädchen. Die Mädchen haben übermalte Gesichter und makellose Augenbrauen, die Jungs riechen nach Deodorant und Bier. Sie hören Musik, sie halten die gleichen braunen Papiertüten in der Hand, die der Mann auf dem Kopf trägt, sie essen Fries und Burger aus den Tüten, sie schnipsen Chipsbröckchen in Richtung des Mannes, sie erwarten noch etwas vom Leben und der Welt, sie wissen, dass der Mann da auf dem Boden nichts mehr zu erwarten hat, sie lachen und die Jungs versuchen die Mädchen zu beeindrucken, die Mädchen lachen nur. Die Mädchen wollen keine Jungs aus der North Inner City.

Der Krankenwagen kommt und der Mann zieht sich die Papiertüte fester um den Kopf und dann helfen wir dem Mann auf. Zwei Plastiktüten, der Schlafsack, die Tüte.

Die Mädchen und Jungen lachen.

Alles Gute, sage ich zu dem Mann.

Ich starre dem Krankenwagen hinterher.

Du wirst dich noch daran gewöhnen, sagte die Freunde damals in Berlin, als ein Mann mit einer Federdecke und Sandalen aus Biederdosen über die Straße lief.

Ich gebe öfter nach als die Frau, die meine Großmutter war.

Ein Mann sitzt mit einer Papiertüte auf der Straße, denke ich und sehe dem Krankenwagen hinterher. Die Mädchen und Jungen spielen ein anderes Lied.

Ich gehe zurück, der Volvo steht noch immer im Halteverbot.

Im Radio wird noch immer Schubert gespielt.

Die Ampel ist grün, ich fahre nach links, schon liegt die Stadt hinter mir, die Sonne geht unter. Lila-Grau, dann dunkel der Himmel, die Straße führt auf das Meer zu, Weideland zur Rechten, ein Friedhof, eine verfallene Kirche, die enge Kurve, zwischen Waldesrand und Meer, schließlich das Dorf.

Es ist nicht mehr Schubert im Radio.

Der Tierarzt schläft noch immer.

Mittwoch: Papiertonne steht auf dem Zettel am Kühlschrank.

Der Zettel ist gelb.