Am Ende von Anfang an.

Am Schlimmsten sagen die Leute ist die Beerdigung.
Aber die Beerdigung war nicht das Schlimmste.
Vielleicht weil die Frau des Krämers eine so vortreffliche schwarze Witwe gab, dass der Tierarzt gelacht hätte, lachte er noch.
Vielleicht weil der Priester, der mir so fremd ist, wenn er die Messe liest, trotzdem der Priester ist. Er war am Anfang als ich ins Dorf zog und als meine Zeit im Dorf zu Ende ging, da war er der Letzte.
Später würde die Frau des Krämers sagen, dass nicht einmal Richard Robinson ein verdienter Mann des Dorfes ein so feierliches Begräbnis bekommen habe.
Sieben Taschentücher sagte die Frau des Krämers zu mir und ihre Tochter sogar neun.
Aber ich habe nicht gesehen, wie die Frau des Krämers ganz vorn ihre Taschentücher gebrauchte, nicht wie die Familie, die mir so fremd blieb, wie ich ihr Abschied nahm, kaum einen der vielen Freunde habe ich wiedererkannt, ganz hinten habe ich in der Kirche St Sylvester gesessen, so lange waren wir Nachbarn St Sylvester und ich. Der Wind knallte gegen die Kirchentüren und das war mir angenehm, der Tierarzt bestand doch darauf ein Sturmgeborener zu sein und am Ende da kam der Sturm zurück. Hinten, dort wo ich saß da liegen die Gesangbücher aber durch das Kirchenfenster, das dritte von hinten nämlich kann man zu mir zum Fenster hereinsehen und während der Priester betete und die Frau des Krämers so laut sang, dass die Erde bebte, sah ich ins Fenster hinein, sah noch einmal den Tierarzt dort stehen, halb verdeckt im Schatten, denn das Fenster teilt sich den Himmel mit St Sylvester, noch einmal also sah ich zum Tierarzt herüber, ich komme gleich nach, wollte ich rufen, aber das stimmt ja nicht und dann läuteten die Glocken und alle zogen aus der Kirche heraus. Aber ich blieb sitzen, ich habe keine Erde auf das Grab geworfen, keine Hände geschüttelt, sondern lange noch in das Fenster gesehen, bis ich den Tierarzt wirklich nicht mehr sehen konnte. Da lag die Hand des Priesters, der wieder der Priester war auf meiner Hand.

Das Schlimmste ist, wenn man auszieht, sagen die Leute. Dann merkt man den Tod erst so richtig. Aber der Umzug war nicht das Schlimmste. Vielleicht weil der Tierarzt bis ganz zuletzt, verschenkte und weggab, weil er und ich wussten, dass es bis zur Mondsteinscheibenfabrik viel zu weit sein würde, vielleicht, weil wir gemeinsam einpackten, einlagerten ( die alte Standuhr natürlich, mit dem störrischen Zeiger und den grünen Sessel, den die Katze schmerzlich vermisst.) Vielleicht weil es sich mehr nach Umzug anfühlte als nach dem Ende von allen, vielleicht weil die Frau des Krämers schon wieder weinte, obwohl sie doch die Ausländerin gar nicht im Dorf haben wollte, aber sie waren doch unsere Ausländerin schluchzte die Frau des Krämers und hatte kein Taschentuch mehr. Müde war ich, als ich da stand im Laden vor ihr und die letzten Milchflaschen zurückgab und die Schlüssel dazu. Das Haus kauft eine junge Familie. Alles Gute, habe ich gesagt, damals vor Monaten als ich sie zum ersten Mal traf. Wiedergesehen habe ich sie nicht. Möbel wollten sie keine behalten und die alte Küche wird ganz neu und modern, sagte der Mann und ich nickte. Die letzten Wochen aber hat die Familie des Tierarztes das Haus zu ihrem gemacht und ihr Haus ist niemals das Meine, auch wenn es mein Haus war, aber ich bin zu müde, für neue Probleme und die immer betrunkene Schwester und die klagende Mutter und die gesammelten Forderungen nach einem schöneren Leben. Gefürchtet habe ich mich vor dem Haus in den letzten Wochen und ich fürchte mich nicht gern.
Die Frau des Krämers sagt, die Neuen werden es nicht leicht haben. Sie klang entschlossen, aber ich zweifle, dass moderne Menschen, Milch bei der Frau des Krämers einholen. Aber ganz am Ende meiner Zeit im Dorf habe auch ich gelernt zu schweigen.

Das Schlimmste kommt immer dann, wenn man nicht damit rechnet.Das sagt aber keiner.
Da laufe ich zu Kälbchen hinunter, der Bauer hat angerufen, kommen sie schnell. Kälbchen steht auf der Weide und brüllt. Brüllt nach dem Tierarzt. Jeden Tag wartet Kälbchen auf den Tierarzt, der ihm dich alles war. Es war doch der Tierarzt der Kälbchen in eine Decke gewickelt hat und auf das Sofa legte. Gesungen hat der Tierarzt für Kälbchen und Kälbchen war nicht mehr allein auf der Welt. Der Tierarzt kommt nicht mehr und Kälbchen schreit nach seinem Tierarzt. Niall ist fort, sage ich verzweifelt, immer und immer wieder. Aber Kälbchen hört mich nicht. Kälbchen will keine Möhrenstücke und Apfelscheiben und wieder versuche ich vergeblich Kälbchen wie einmal den Tierarzt zu überreden, es doch wenigstens zu versuchen mit dem Apfel und der geriebenen Möhre. Da stehen wir und Kälbchen schlägt den Kopf gegen den Zaun und der Bauer und ich kommen nicht dazwischen. Das brüllende Kalb und ich auf der Wiese, die grenzenlose Verzweiflung in ihm, Tag für Tag, jeden Tag komme ich zurück und von weitem schon höre ich Kälbchen brüllen. Ob Kälbchen verstanden hat, dass der Tierarzt nie mehr zurückkommt oder viel zu müde ist, weiß ich nicht, aber als Kälbchen nach Tagen aufhörte zu brüllen, da war es nicht länger Kälbchen, kam nicht mehr zum Zaun, tat so als hätte er mich nie gesehen, beachtete den Bauern nicht, hob nicht mehr den Kopf kam ich im roten Volvo angefahren, da hatte Kälbchen aufgegeben. Das war das Schlimmste, die brüllende und schließlich, die ganz stumme Verzweiflung.
Bis ich heiser war, habe ich nach Kälbchen gerufen, aber Kälbchen kommt nicht mehr. Das ist das Schlimmste und irgendwann muss ich hingefallen sein, denn erst stunden später findet mich die liebe C.
„Komm, sagt sie, Komm.“ „Das war mein Satz“, sage ich.
„Komm“, sagte ich zum Tierarzt.
„Komm“, sagte der Tierarzt zu Kälbchen.
„Keiner ist mehr da“, sage ich zur lieben C.

Isidor Eisenstein

Viele Jahre habe ich nicht an Isidor Eisenstein gedacht. Aber vielleicht ist es auch anders, vielleicht versuche ich aber auch nur nicht ständig und ausschließlich an Isidor Eisenmann zu denken. Das ist ja manchmal ein- und dasselbe. Aber gestern Nachmittag in einem Café in Kreuzberg unter alten Bäumen zudem und in guter Gesellschaft,  ich traf die zauberhafte Juna und die nicht minder wunderbare Johanna da fiel Isidor mir doch wieder ein. Deutlicher als sonst und vielleicht sind auch die Zeiten so, dass einem öfter Dinge in den Sinn kommen, die man längst schon beiseite gelegt glaubte, eingemottet wie den schweren Wintermantel oder das Paar Bergestiefel, die immer in einer Kiste im Keller lagern, die man nie, aber wirklich nie auf Anhieb findet.

Vor vielen Jahren fragte ich meine Großmutter einmal: „Was macht einen Juden aus?“ Das war eine Frage, die mich umtrieb und die mich nie wieder losgelassen hat. Meine Großmutter verzog immer ein bisschen spöttisch die Mundwinkel, sah sie mich mit dem Shabbes-Leuchter und der Challah, lächelte und sagte: Wenn du meinst mein Kind, ja ich meinte und sie lächelte und nickte. Aber Schubert ist doch erlaubt am Shabat. Gefragt habe ich sie doch, alles habe ich sie gefragt und nie habe ich mich davon erholt, dass ich sie nicht mehr fragen kann oder anders, dass sie mir nicht antworte. Damals also vor vielen Jahren fragte ich sie: „Was macht einen Juden aus?“

„Lass mich dir von Isidor Eisenstein erzählen sagte sie. Isidor war ein Freund deines Urgroßvaters, meines Vaters. Arzt war Eisenstein und er hatte eine Ordination in der Kreisstadt, er war praktischer Arzt, aber er war auch Kardiologe und war einer der frühen Spezialisten für Herzkrankheiten, aber für uns alle war er nur Onkel Isi, ein lustiger Mann mit einem verschmitzten Lächeln und Karamellbonbons in der Jackentasche, wie alle meine Geschwister hat Onkel Isi auch mich auf die Welt geholt und wie mein Vater sagte, holte er nicht, sondern sang die Kinder auf die Welt, denn Onkel Isi war leidenschaftlicher Sänger. So war es kein Wunder, dass Onkel Isi und mein Vater oft zusammen musizierten. So lebte Isidor Eisenstein für viele Jahre, er hatte zwei Töchter und einen Sohn. Mein Urgroßvater hatte viele Mädchen und Isidor hoffte sein Sohn würde sich in eine Tochter seines besten Freundes verlieben.
Aber soweit ist es nicht gekommen. Stattdessen kam das Jahr 1933 und dann kam das Jahr 1935 und Isidor Eisenstein durfte nur mehr Arzt für Juden sein, aber nicht mehr für deutsche Patienten, aber Onkel Isi sagte meine Großmutter war ein Arzt, der nicht aufhören konnte sich um seine Patienten zu sorgen und so machte er weiterhin Hausbesuche nach Einbruch der Dunkelheit.
Ein Kind lag ihm besonders am Herzen- ein Bub mit angeborenem Herzfehler nämlich, auch dieses Kind hatte Onkel Isi auf die Welt geholt. Dann kam das 38er Jahr und eine Gruppe von Schlägern brach johlend auch in die Praxis von Onkel Isi ein, zerschlug die Medikamentenschränke, die Schläger waren Jugendliche, junge Männer 18 oder 19 Jahre alt, ein paar Familienväter, Gaffer. Sie zerschlugen erst die Praxis und dann forderten sie lautstark, dass Onkel Isi überhaupt gar kein Arzt mehr sein sollte, denn man wusste doch, dass jüdische Ärzte, deutschen Frauen die widerwärtigsten Dinge unter dem Vorwand einer Untersuchung antaten.
Als die Ordination kaputt geschlagen war, kam Onkel Isi selbst an die Reihe.
Die Männer schlugen ihm die Brille von der Nase, ließen ihn auf den Knien nach der Brille tasten, bevor sie seine Brille schließlich zertraten. Dann zogen sie Isidor wieder auf die Beine und alle jungen Männer kamen einmal in die Reihe, sie boxten Isi in den Bauch, traten ihm gegen die Knie, zwei Zähne schlug man ihm aus, die anderen durfte er noch behalten, einer aber tat sich besonders hervor unter den Schlägern, es war der Junge zu dem Onkel Isi drei oder viermal die Woche auf Hausbesuch ging seines kranken Herzens wegen. Der Junge brach Onkel Isi die Nase. Irgendwann hatten die goons genug und zogen ab, es gab auch noch andere jüdische Familien im Ort, die auch noch an die Reihe kamen.

Onkel Isi aber ging zurück nach Hause und ließ sich von seiner Frau so gut verarzten wie es ging. An jenem Tag gingen die Juden nicht auf die Straße und Onkel Isi lag auf einem Sofa und kühlte sich die gebrochene Nase. Aber am Abend als seine Frau, ihm eine Suppe brachte, da stand er auf, Onkel Isi mit der Lücke zwischen den Zähnen, dem blauen Auge, der zerschundenden Nase und der bleiernden Müdigkeit im Herzen, stand auf, zog sich an und als seine Frau sagte: „Aber Isi Du kannst doch jetzt nicht aus dem Haus gehen.“ Aber Onkel Isi, sagte meine Großmutter packte seine Tasche, tat die Medikamente hinein und dann ging Onkel Isi wie sie oft zu seinem Patienten, den er so viele Jahre behandelt hatte, den er wie so viele Kinder auf die Welt gesungen hatte und der ihm Vormittag die Nase brach. „Er hat ein krankes Herz“, sagte Onkel Isi und dann ging er und sah nach dem Jungen.

Damit endete meine Großmutter ihre Erzählung. Das war ihre Antwort auf meine Frage. Sie sagte nicht, ob sie das richtig fand oder falsch, oder verrückt oder ob Onkel Isi eine Ausnahme war. Meine Großmutter verweigerte eindeutige Antworten und das war ihre Antwort auf meine Frage: „Was macht einen Juden aus?“ Das war es, was sie mir antwortete.

Wir waren lange still an diesem Abend und als ich sie fragte, ob Onkel Isi, seine Frau, die beiden Töchter und der Sohn wohl und mehr musste ich nicht sagen, denn meine Großmutter schüttelte den Kopf. Nein, sagte sie, Keiner.

3 x 2 plus 1

Ich gehe mit den Kindern in den Park. Wir packen einen Picknickkorb ein und natürlich Kanzler Bär. Einen Ball, ein Buch, Nichte Nummer 3 ihre Gitarre, Nichte Nummer 2 ihren Zeichenblock, der Neffe und der Tierarzt sage unisono: „Aber es ist doch Fuuuuuuußball.“ Der Tierarzt und der Neffe gehen in einen Pub. „Aber nur Apfelsaft“, rufe ich den beiden hinterher. Ich fürchte beide rollen mit den Augen. Den Nichten fallen Freundinnen ein, die auch ganz dringend mit den Park kommen sollen. „Klar“, sage ich und dann gehen wir los. Der Park hat alte Bäume, Schaukeln, und Gänseblümchen.

Ich rolle die Decke aus, sieben Mädchen rollen im Gras. Ich zwinge mich nicht alle zwei Minuten durchzuzählen. Zwei Mädchen spielen Gitarre und singen, schön klingt das wie sie singen. Die Bäume heben die Wurzeln an. Man darf ihnen aber nicht sagen, wie schön sie singen. Dann werden sie rot und singen nicht weiter. Zwei Mädchen malen vertieft und ich wage dann und wann einen Blick. Die Mädchen malen so wie ich niemals malen könnte, aber das darf man ihnen nicht sagen, dann verstecken sie die Bilder sofort. Drei Mädchen üben Rad schlagen, Handstand und Brücken. Hier darf ich noch Beine halten, Schwung geben und die drei grazilen Damen unterstützt von Kanzler Bär angemessen bewundern. So ein Nachmittag ist das, Sonnenschein und Schokokuchen, selbstgemachter Eistee, Sandwiches und Karottenspalten mit Hummous dazu. Ich habe schon wieder durchgezählt, aber ich lese auch ein paar Seiten und blinzle in die Sonne. Es ist heiß in London in diesen Tagen. Vier Mädchen beschließen einen Spaziergang zu machen. Ich schwöre die Zeichenblätter nicht anzurühren und die Gitarre nicht zu verstimmen. Drei Mädchen spielen Uno. Drei Mädchen wissen genau, dass ich nicht zum Karten spielen taugen. Ich spiele die drei Bluesstücke auf der Gitarre, die ich auf der Gitarre spielen kann. „Sie bringt dich um“, sagt die kleine Königin zu mir. „Ich weiß“, sage ich und drei kleine Mademoiselles schwören feierlich mich nicht an die große Schwester zu verraten.

Drei Mädchen spielen Uno.

Ich spiele Gitarre.

Dann sehe ich ihn.

Er ist vielleicht sechszehn Jahre alt. Alles an ihm sagt Außenseiter. Er ist hier mit seinen Geschwistern, seine Eltern sehe ich nicht. Er trägt Außenseiterhosen, er hat einen Außenseiterhaarschnitt, er bohrt die Füße in den Boden, seine Geschwister spielen Fußball, er balanciert einen Stock in seinen Händen, einer seiner Brüder verfehlt mit dem Ball eine Torlinie und der Ball trifft ihn, er stolpert, awkward, er fällt hin, seine Geschwister lachen. Er wirft den Stock weg, er stolpert über seine offenen Schnürsenkel, schon fällt er wieder. Diesmal bleibt er einfach liegen. Die anderen Kinder lachen. Ich starre auf meine Hände auf den Gitarrensaiten. Du bist zurück, will ich zu ihm herüberrufen, du bist endlich wieder da. Denn ich kenne ihn, natürlich kenne ich ihn, wie könnte ich ihn je vergessen, man vergisst niemanden, der aus einem Baum herunterfällt und mit aufgeschrammten Knien neben einem auf den Boden fällt und sagt: Hey, leihst du mir das Buch, was du liest? Ich sagte ja, klar, aber nur wenn du mir dein Buch leihst. Er nickte, aber er sah mich nicht an. Er hatte den Blick aller Außenseiter und Straßenhunde, den Blick all jener, die wissen, dass der nächste Tritt schon kommt, auch wenn das Gegenüber noch lacht mit offenen Händen und Armen. Wir erkannten uns. Wir teilten den gleichen Blick und wir teilten Bücher, die Angst vor Schlangen, die Vorliebe für Nussschokolade. Wir versteckten uns in den Bäumen, einen ganzen Sommer lang. Eines Tages hatte ein blaues Auge, Ich bin dumm, sagte er. Spinnst du, sagte ich. Du bist schlau. Fast so schlau wie meine Großmutter. Er lachte zögernd, aber er sah mich nicht an. Ich wartete lange. Ich kann nicht rechnen. Wenn ich Zahlen sehe, dann hört alles einfach auf.

Ich kann nicht rechnen. Bring dein Mathebuch mit sagte ich und tat so als ob ich nicht sehen würde, wie er weinte. Er brachte das Mathebuch vom letzten Schuljahr mit und das neue Mathebuch auch. Ich schrieb die Lösungen in das Buch. Von der ersten bis zur letzten Seite.  Problem gelöst, sagte ich und lachte. Ich lag mit ihm hinter den Johannisbeerstauden im Garten meiner Großmutter. Seine Augen waren grau.Wenn er lächelte, waren seine Augen aus Silber. Meine Großmutter sagte: „Na ihr beiden, mögt ihr Eis?“

Kurz bevor die Ferien endeten und es waren für viele Jahre die letzten Ferien, die ich bei meiner Großmutter in Deutschland verbrachte, da gingen wir aus. Meine Großmutter und ich spielten feine Damen. Dabei war sie eine feine Dame. Eine feinere Dame habe ich nie gekannt. Das Restaurant zu den Goldenen Löwen hatte Stoffservietten. Die Stoffservietten waren gefaltete Schwäne und es gab eine Suppe, die hieß Hochzeitssuppe. Ich dachte an einen Jungen mit grauen Augen. Ich musste gar nicht lange denken, denn er und seine Familie saßen zwei Tische weiter. Seine Mutter sah aus wie aus dem Quelle-Katalog und seine beiden Schwestern waren adrett und hatten sich niemals selbst den Pony vor dem Badezimmerspiegel selbst geschnitten, so wie ich. Sein Vater sah streng aus. Ich zwinkerte ihm zu. Er wurde rot und ließ die Gabel fallen. Sein Vater sagte: „Du Idiot.“ Er ließ die Kellnerin die Gabel aufheben.

Ich sah auf den Teller Hochzeitssuppe.

„Schmeckt es Dir nicht?“, fragte meine Großmutter.

Ich schüttelte den Kopf.

Die Familie am Nebentisch aß schneller als wir.

Der Vater der Jungen gab dem Jungen die Rechnung. Wieviel sind fünf Prozent Trinkgeld, du hast drei Minuten.

Der Junge mit den grauen Augen starrte auf den Zettel.

Ich stand so schnell auf wie ich konnte, stieß den Stuhl um, sah auf den Zettel und sagte ohne Luftzuholen: 83 DM.

Der Vater schlug dem Jungen mit den grauen Augen mit der Hand ins Gesicht und stopfte die zerknüllte Rechnung in die Tasche.

Schämst du dich nicht dümmer zu sein als das Mädchen, schrie er ihn an. Seine Frau und die Schwestern taten so als säßen sie an einem anderen Tisch.

Aber meine Großmutter war aufgestanden und sagte zu dem Mann: „Hören Sie mal, wie gehen sie mit ihrem Kind um. Sie sind ja gemeingefährlich.

Aber der Mann stand auf und zog seine Frau und die Kinder hinter sich her.

„Wie ich meine Kinder erziehe, geht nur mich etwas an“, schrie er.

Ich griff nach der Hand von dem Jungen mit den grauen Augen. Er schlug sie weg. Ich hasse dich, sagte er und sah mich nicht an.

Meine Großmutter hob den Stuhl wieder auf.

Die Hochzeitssuppe war kalt.

Hey, will ich zu dem Jungen sagen, der auf dem Boden sitzt in einem Park in London, da bist du ja endlich wieder, glaub mir doch, ich wollte dich vor deinem Vater nicht blamieren, mir fiel nichts anderes ein damals, verstehst du. Erzähl mir doch, wie es dir geht. Was machst du jetzt. Lässt du mich deine Augen sehen? Aber ich habe den Jungen mit den grauen Augen nie wieder gesehen und in London klettert der Junge, der aussieht wie er und auch wie ich einmal ausgesehen haben, nicht auf den Baum, sondern zertritt einen Ast.

„Dürfen wir ein Eis?“, fragen mich sieben Mädchen, vier Mädchen sind vom Spaziergang zurück, drei Mädchen spielen noch immer Uno.

„Klar, sage ich und krame nach Eisgeld und ich sage nicht mehr: Kauft dem Jungen dort drüben unter dem Baum doch auch ein Eis.“ Sieben Mädchen rennen zum Eiswagen herüber. Ich zähle zweimal nach.

Auf einer anderen Seite.

Mein Vater spricht fast nie über Politik.

Die liebe C. lächelt immer dann, wenn Patienten mit ihr über Politik sprechen.

Schwesterchen interessiert sich nicht für Politik.

Mein Vater hat zwei Tageszeitungen abonniert.

Die liebe C. und ich beginnen den Tag mit den frühen Nachrichten. Die frühen Nachrichten reichen wir immer an Schwesterchen weiter.

Mein Vater wählt FDP, weil sich die FDP auch nicht für Politik interessiert.

Niemand ist so gut über Politik informiert wie mein Vater.

Desinteresse kann auch Vorsicht sein. Vielleicht.

Mein Vater, schon als meine Schwester und ich noch klein waren, klopfte an die Tür bevor er eintrat.

„Störe ich?“, fragt mein Vater und noch immer klopft mein Vater so an die Tür und ich nehme die Zeitung vom Sessel und mein Vater spricht lange über die Verbannung Ovids nach Tomi, das Ende von Seneca oder einen der vielen römischen Kriege.

„Wie übersetzt Du das?, fragt mich mein Vater, manchmal spät Abends. Er im Sessel und ich auf einem bunten Kissen in der Fensterbank. Mein Vater käme Nachts niemals und fragte mich: „Wen wählst Du oder was hältst du von?“ Mein Vater fragt mich oft nach der Bedeutung des Wortes otium oder einem merkwürdig gebrauchten Ablativ.

Ich wähle nicht in Deutschland. Mein Vater wählt wieder in Deutschland. Mein Vater war lange Staatenloser, mein Vater hat sich des unerlaubten Grenzübertrittes schuldig gemacht, mein Vater geht niemals ohne seinen Pass aus dem Haus. Wir alle, die wir uns Nachts treffen, in einem Zimmer, in der Küche, in der Diele oder im Treppenhaus, wir alle haben mehr als einen Pass. Aber niemals sprechen wir über die Pässe und nur einmal hat meine Schwester ihren Vater gefragt, ob er sich als Flüchtling gefühlt hätte, damals. Mein Vater antwortete erst viel später, er sei davongekommen, sagte er und das war alles, was er sagte, dann sprach er lange und schnell über das Ende Roms oder Augustus, mein Vater spricht selten über die Gegenwart und verwundert, fragt mein Vater seine Frau manchmal, was er antworten sollte, fragten die Leute ihm, was es denn Neues gäbe.
Als Erstes fiele ihm vielleicht eine Ovid Übersetzung ein. Wir ähneln uns nicht, nicht in der Nacht und auch nicht am Tag, wir schließen die Türen, wir teilen von unseren Geschichten, nur Ecken, Spiegelkanten, wir haben immer nur für eine Nacht miteinander gelebt und uns immer von fern gesehen, geschrieben, aber in einem ähneln wir uns, wir alle lächeln. Wir haben keine Knoten im Taschentuch, wir legen uns die Knoten in die Mundwinkel hinein.

Unter den Augen des Kaisers geschah alles, was in Rom geschah. Was hat der Kaiser denn nicht gesehen? Jerusalem war auch einmal Rom und Ovid schrieb wieder und wieder. Er schrieb vergeblich, vielleicht nicht weniger vergeblich als wir.

Kommen Gäste, dann wollen die Gäste über Politik reden und nicht über Ovid. Die Gäste, die kommen, wollen uns erklären, dass wir naiv seien, auch dumm, leichtsinnig, wir sind noch unangenehmer als die Bahnhofsklatscher, die doch schließlich wieder nach Hause gingen. Die Gäste sagen: „Das bringt doch alles nichts.“ Sie sagen es in Richtung meines Vaters, der lieben C. und mir. Mein Vater legt Kuchen auf die Teller, die liebe C. stellt die Blumen in die Vase, ich frage: „Tee oder Kaffee?“. Die Gäste wären überrascht, wüssten Sie, das bei uns niemand jemals das Wort Flüchtling gebraucht und als ich die Aufklärungssprechstunde begann, da nickte mein Vater, und als mein Vater mir erzählte, dass am Montag E. käme zum Deutsch Lernen, da nickte ich, es klang nicht anders als der D., der am Mittwoch kommt zur Latein Nachhilfe.

Den D. lässt mein Vater Coca-Cola deklinieren, das merkt sich leichter hat mein Vater irgendwann einmal herausgefunden als die bemühten Beispielvokabeln und der D. der immer schon auf einen Latein-Sechser abonniert war, hat einen Zweier geschrieben in der Latein-Probe und mein Vater lächelte, denn mein Vater leitet aus einem Sechser nichts weiter ab, als das jemand noch nicht in die Schönheit lateinischer Prosa fiel.

An den Montagen aber mit der E. aber hat mein Vater nicht das Alphabet mit ihr gepaukt oder Buchstabenkarten gemalt, sondern für die E. gesungen, wie er heute für die Enkelkinder singt. Der Mond ist aufgegangen, sang die E. ganz leise und damit war es geschehen, die E. hatte in die deutsche Sprache gesehen, hineingesehen, damit war der Großteil der schon geschafft, sagte mein Vater, dann muss man nur noch üben, so kommt die E. zum Deutsch Üben am Montag und mein Vater begeistert sich Woche für Woche mit der E. an römisch-somalischer Beziehung von vor 2000 Jahren und so sprach mein Vater mit der E. darüber was ein Bürger sei und nicht so sehr darüber, dass Mimi ein Auto hat und Paul ein Fahrrad.

„Was ist ein Bürger?“, fragt mein Vater die E. und auch sich.

„Was wollen die hier?“, fragen die Gäste.

Mein Vater, der noch einmal davonkam, hat mit dem Blumenwürfel Hebräisch gelernt, damals in Jerusalem.

Mein Vater und ich wir sprechen kein Deutsch miteinander.

Die Gäste fragen: „Warum sprecht ihr kein Deutsch miteinander?“

Mein Vater sagt: „Es hat sich noch nicht ergeben.“

Dann lache ich, so ist mein Vater. Mein Vater klopft an, an der Tür in der Nacht. Seine Mutter und ich sprachen Deutsch und mein Vater will noch immer unser Gespräch nicht stören.

Mein Vater malt die Gesichter der Gäste auf die Servietten. Die Gäste streiten über Politik und wir lächeln und hören zu. Wir selbst wissen nichts beizutragen, wir sehen die Welt von unterschiedlichen Rändern aus. Man ist vorsichtig an den Rändern.

Spätabends klopft mein Vater an die Tür. Die Gäste sind gegangen.

„Störe ich Dich?“ „Nein“, sage ich, komm doch herein und mein Vater sitzt im Sessel und ich auf der Fensterbank.

„Es war nicht genug, nur zu sagen, civis romanus sum“ sagt mein Vater und dann legt er den Kopf zur Seite und lächelt mir zu. „Merkwürdig nicht wahr, sagt er, dass alle über etwas reden und bestimmen wollen, obwohl wir noch nicht einmal für die Vergangenheit wissen, was das bedeutet, ein Bürger zu sein und eine Kultur zu haben, so als sei nicht alles auch immer umgekehrt möglich und dann schüttelt mein Vater den Kopf.
„Nachtgeschwätz“, sagt er, aber ich erinnere mich noch an eine andere Nacht, da spielte ich die Mondscheinsonate, diesen Fingeraufwärmer und mein Vater, der wie wir alle, niemals über Politik sprach, neigte den Kopf zur Seite und sagte ist es nicht merkwürdig, dass die Deutschen damals den Angriff auf Coventry Operation Mondscheinsonate nannten? Damals wie heute nickte ich, denn alles, wirklich alles lässt sich auch in sein Gegenteil verkehren. Alles kann immer auch schon anders sein.

Aber dann gähnt mein Vater, die Kirchturmuhr schlägt zwei Uhr und mein Vater entschuldigt sich: „Dich so lange wachzuhalten“ und schon ist er aus der Tür verschwunden, so still und leise, wie er kam, denn eigentlich sprechen wir nicht über Politik und wenn dann doch nur ganz ausversehen, zufällig und unfallhaft.

Wie mein Vater einmal am Internationalen Frauentag die Zukunft des Sozialismus malte, aber das auch wieder nicht recht war.

Mein Vater konnte gut zeichnen, als er ein Kind war.

Meine Großmutter suchte einen Zeichenlehrer für ihn. Herr K. war ein Trinker und malte Kulissen für das Stadttheater. Er sah sich gern bereit meinen Vater in die Geheimnisse des Zeichnens einzuweihen.

Herr K. hatte eine Sammlung mit Heften von vor dem letzten Krieg. Die Hefte zeigten Frauen bei eindeutigen Handlungen. Mein Vater besah sich die Hefte, aber keine der Frauen so befand er, konnte mit der schönen Chemielehrerin mithalten, die neu an die Schule gekommen war.

Herr K. trank blaue Schnäpse, mein Vater fragte seine Mutter nach Josephine Baker. Meine Großmutter lobte den Musikgeschmack meines Vaters.

Der Zeichenlehrer des Gymnasiums ließ die Schüler Blumensträuße malen. Mein Vater malte den schönsten Blumenstrauß. Der Kunstlehrer war beeindruckt. Weniger beeindruckt war der Kunstlehrer davon, dass mein Vater nicht bei der FDJ war.

„Am nächsten Frauentag könne er sich als aufrechter Bürger der Deutschen Demokratischen Republik beweisen“, sagte der Kunstlehrer. Mein Vater nickte. Er wollte sich vor allem gern vor der Chemielehrerin beweisen. Die Chemielehrerin war Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.

Der Kunstlehrer sprach von einem Plakat auf dem die starken Frauen des Sozialismus zu sehen wären. Traktoristinnen, Melkerinnen, Fabrikarbeiterinnen. Die Frauen seien die Zukunft des Sozialismus sagte der Kunstlehrer. Seine Frau arbeitete nicht. Sie blieb mit den Kindern zu Hause. Darüber wollte der Kunstlehrer nicht reden. Der Kunstlehrer sprach lange über die Rolle der Frau und die Entwicklung des Marxismus-Leninismus.

Mein Vater nickte.

Zuhause fragte er seine Mutter: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“, fragte er sie. Meine Großmutter sagte: Am Internationalen Frauentag trinken die Männer Schnäpse und die Frauen bekommen warme Worte bevor sie wieder an die Arbeit gehen.“

Mein Vater nickte.

Dann fragte er seinen Vater: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“ Mein Großvater sagte jeder Tag sei Frauentag und es sei eine Schande einer Frau Nelken zu schenken.

Mein Vater nickte.

Dann malte mein Vater ein Bild.

Der Traktor war am schwierigsten, auch deshalb weil mein Vater sich damals wie heute nicht für technische Dinge interessierte und die Bilder, die der Kunstlehrer ihm zur Verfügung gestellt hatte, waren zudem schwarz-weiß und nicht besonders deutlich. Traktoristin bei der Ernte am Donbass, Dreherin an der Werkbank in der VEB Chemnitz, derlei Bilder waren in den Broschüren zu sehen. Mein Vater probierte lange am Traktor herum, bis es endlich klappte.

Mein Vater malte eine Frau, die Frau saß rittlings auf dem Traktor. Sie hatte die Beine von Josephine Baker, sie machte einen Mund wie Hedy Lamarr. In den Händen hielt sie eine riesige Sahnetorte. Auf der Sahnetorte war eine Kirsche. Die Frau trug einen Rock. Der Rock war sehr kurz. Der Rock ähnelte auffällig jenem Rock, den die Chemielehrerin im Sommer trug. Auf dem Rock waren Kirschen. Die Frau trug einen Zylinder auf dem Kopf wie Marlene Dietrich einstmals einen trug. Die Frau hatte einen blonden Bubikopf, nicht unähnlich jener Traktoristin vom Donbass in der Broschüre des Kunstlehrers. Die Frau auf dem Traktor hatte ein berauschendes Lächeln.

Im Hintergrund des Bildes standen Männer mit erhobenen Flaschen. Sie waren sichtlich angetrunken. Die Flaschen wie auch der Traktor waren grün. Zukunft hatte mein Vater auf den Traktor geschrieben. Die Frau lächelte genau so wie die Chemielehrerin, wenn sie sagte: Wasserstoffperoxid.

Mein Vater konnte gut zeichnen. Mein Vater war sehr gut in Chemie.

Vor dem Traktor kniete ein Mann im Anzug. Er hielt einen Strauß roter Rosen in der Hand und lächelte zerknirscht. Auf dem Boden lagen lauter rote Nelken.

„Süßer wird der Sozialismus nie“, schrieb mein Vater unter das Plakat. Internationaler Frauentag 19XX.

Mein Vater hatte jede Nacht gemalt, um das Plakat rechtzeitig fertigzustellen.

Am Internationalen Frauentag hielt der Direktor des Gymnasiums eine Rede.

Frauen und Zukunft kam darin vor und öfter noch Frauen und die siegreiche Arbeiterklasse und Frauen und Sozialismus und heroische Zukunft, aber mein Vater sah aufgeregt zur Chemielehrerin herüber.

Dann war der Direktor endlich fertig mit seiner Rede. Der Direktor redete fast so lange wie der Direktor der Poliklinik. Eine Frau redete nicht.

Aktivisten der sozialistischen Arbeit des weiblichen Lehrerkollekivs wurden ausgezeichnet. Sie bekamen Nelken, eine Medaille, und ein Präsent.

Der Schulchor sang ein Lied und dann noch ein zweites Lied.

Der Direktor räusperte sich schließlich. Der Kunstlehrer blickte stolz nach vorn.

Der Direktor sagte: Der Schüler R. aus der Klasse 11c. präsentiert sein Plakat zum Internationalen Frauentag.

Mein Vater kam auf die Bühne.

Mein Vater sah zur Chemielehrerin, ob sie auch wirklich guckte.

Mein Vater entrollte sein Plakat.

Die Schüler kicherten.Manche Schüler machten eindeutige Handbewegungen.

Das Lehrekollektiv schwieg. Das Lehrerkollektiv schwieg geschlossen.

Der Direktor trat vor das Plakat.

Der Direktor schnappte nacht Luft.

Der Direktor schrie: Es ist eine Schande. Was für ein Schmutz!

Was bist du nur für ein Schmierfink?

Der Schüler R. befleckt die sozialistische Ordnung.

Der Schüler R. verhöhnt die Anstrengungen aller Werktätigen.

Der Schüler R. beschmutzt die Ehre der sozialistischen Frau und Mutter.

Der Schüler R. ist eine Schande für den Sozialismus.

Der Direktor bestellte meine Großmutter ein.

Meine Großmutter hatte an dem Plakat nichts auszusetzen.

„Traktoristin sei kein schlechter Beruf“, sagte meine Großmutter.

Der Direktor schrie: „Er lasse sich doch nicht für dumm verkaufen.“

Mein Vater wurde der sozialistischen Erziehung nicht für würdig empfunden. Er musste das Gymnasium verlassen. Meine Großmutter besorgte ihm eine Stelle bei der Post und meinem Vater, der gut zeichnen konnte, eröffneten sich ganz neue Vertriebswege für den von ihm gezeichneten Comic. Die Heldin hieß Johanna Kirsche. Johanna Kirsche war eigentlich Chemikerin, hatte einen zahmen Tiger und betrieb mit ihrer Mutter einen Nachtclub: Cherry on Top. Ihr Gegenspieler war Professor Apfel, er sah dem Direktor des Gymnasiums nicht ganz unähnlich.

Zwei Jahre später aber floh mein Vater aus der DDR, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Das Plakat aber gelangte auf welchem Weg auch immer in die Hände des Buchhändlers der kleinen Stadt und man erzählt sich, dass jener gegen die Zahlung eines Handgeldes in unbestimmter Höhe Stammkunden einen Blick auf den süßen Sozialismus werfen ließ. Aber man erzählt sich viel in kleinen Städten und wo das Plakat heue ist, weiß niemand so ganz genau.

Was ich über den Uhrmacher weiß.

Ein Jahr lang, lebte ich schon in Irland, da blieb der alte Reisewecker meines Großvaters einfach so stehen. Genau um 2.30 Uhr mitten in der Nacht. Bei Weir&Sons schüttelte man den Kopf: „Der Wecker sei schrott, aber sie könnten mir einen neuen Wecker verkaufen.“
Ich schüttelte den Kopf.
Der Wecker blieb stehen und ich suchte einen Uhrmacher.

Ich suchte vier Wochen bis ich den Uhrmacher fand.

Der Laden des Uhrmachers ist am Ende einer kleinen, dunklen Straße. Die Straße ist eng und fast hätte ich den Laden gar nicht gesehen.

Im Schaufenster des Uhrmachers liegen keine Uhren. Im Schaufenster des Uhrmachers steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Plastikrosen im Sommer, Plastiksonnenblumen im Herbst, im Winter ein Tannenbaum aus Plastik natürlich, im Frühling eine Primel. Die Primel ist dunkelblau und nicht aus Plastik. Sonst ist die Auslage leer. Uhrmacher steht auf dem Schild. Das Schild ist schwarz. Eine kleine Papptafel klemmt an der Tür: Watch Batteries.

Die Tür des Uhrmachers ist verschlossen. Man muss an die Tür klopfen, dann kommt die Frau des Uhrmachers und betätigt einen Schnapper, erst dann öffnet sich die Tür.

Der Laden ist klein. Nicht viel größer als eine Küche in einer Berliner Altbauwohnung. Eine Vitrine steht im Uhrmacherladen, die Vitrine ist fast leer, ein paar Ringe, ein paar Halsketten, Armbänder, Uhren sind nicht in der Vitrine. Hinter der Vitrine hängt ein Kalender. Der Kalender ist von 2002 und neben dem Kalender hängt eine billige Küchenuhr.

Mehr Uhren gibt es im Geschäft des Uhrmachers nicht.

Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.

Der Uhrmacher selbst sagt: My wife does the talkin.’

Aber auch die Frau des Uhrmachers spricht nicht viel.

Damals als ich mit dem alten Reisewecker meines Großvaters zum Uhrmacher kam, schwieg der Uhrmacher und ich redete auf den Uhrmacher ein. Ich wollte den Uhrmacher unbedingt davon überzeugen, den Wecker zu reparieren. Der Uhrmacher schwieg und klemmte sich eine Uhrmacherlupe in das rechte Auge.

„Das ist eine gute Uhr“ sagte er.

Damit war es besiegelt.

Die Frau des Uhrmachers schreibt die Reparaturaufträge in ein grünes Buch aus festem Karton. Der Uhrmacher diktiert ihr. Er beschreibt die Uhren genau. Er sagt nicht: Ein alter Wecker, metall, grüner Zeiger. Er sagt: Reisewecker, metall, beleuchtetes Ziffernblatt, vermutlich 1962, Deutschland, Federspannung. Der Uhrmacher diktiert mit geschlossenen Augen. Seine Frau fragt nie nach, sie schreibt mit langen geschwungenen Buchstaben.

„Mittwoch können Sie kommen und den Wecker wieder abholen“, sagte die Frau des Uhrmachers. Der Uhrmacher nickte.

Auf der Vitrine klebt ein Schild. „Wie möchten die Kundschaft darauf hinweisen, dass wir uns das Recht vorbehalten, eine Uhr, die auch drei Monate nach der Reparatur nicht abgeholt wurde, zu veräußern, um unsere Unkosten zu decken.

„Gibt es denn wirklich Menschen, die ihre Uhren nicht abholen?“, fragte ich den Uhrmacher oder seine Frau, man weiß ohnehin niemals wer einem antwortet.

Der Uhrmacher zog eine Schublade auf. Die Schublade war voller Uhren. Herren,-Damen und Kinderuhren, sogar ein kleiner Wecker in Form eines Hahnes aus Porzellan war darunter.

„Was machen Sie denn mit den Uhren, wenn Sie sie doch nicht verkaufen?“, fragte ich den Uhrmacher. „Ich ziehe sie auf, was denn sonst?“, sagte der Uhrmacher. Ich nickte.

Manchmal kommen Kunden mit Uhren, die dem Uhrmacher nichts taugen. Uhren aus Plastik für drei Euro. „Das ist keine Uhr, sondern eine Schande“ sagt der Uhrmacher dann. Die Frau des Uhrmachers sagt: „Sie können die Uhr wieder mitnehmen“ Dann knallen die Kunden mit den Türen.

Der Uhrmacher repariert Uhren, aber Uhren verkauft er nicht.

Der Uhrmacher sagt: „Jede Uhr hat einen Charakter, die meisten Menschen haben keinen.“

Manchmal verkauft der Uhrmacher eine Kette, einen Ring oder ein Armband. Aber auch das macht der Uhrmacher nicht gern.
Der Uhrmacher sagt: Er hat schon viele Bräute auf Hochzeiten weinen sehen. Dann seufzt der Uhrmacher und seine Frau streicht ihm über die Hand.

„Die Uhr ist an ihrem Ende angekommen“, sagte der Uhrmacher einmal zu einer alten Frau, die zum dritten Mal ihre Uhr zur Reparatur zu ihm brachte. Die alte Frau seufzte, die alte Frau sah nicht so aus, als ob sie Geld für eine neue Uhr gehabt hätte, der Uhrmacher öffnete die Schublade mit den tickenden Uhren und legte der Frau eine Uhr in die Hand. So ist der Uhrmacher.

Heute brauchte meine Armbanduhr nur eine neue Batterie.

Der Uhrmacher sagt: „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“
Ich muss lachen.

Vier Euro will der Uhrmacher für die Batterie haben.

Fünf Euro werfe ich in die Trinkgeldkasse des Uhrmachers. Die Trinkgeldose ist eine rostige Keksdose. Big Ben.

„Der Tierarzt, Uhrmacher sage ich, kommt nächste Woche, er braucht ein neues Armband für seine Uhr.“

Der Uhrmacher mag die Uhr des Tierarztes besonders gern. Die Uhr ist aus Frankreich. Der Uhrmacher war einmal mit seiner Frau in Lourdes. Der Uhrmacher ist ein frommer Mann. In der Vitrine des Uhrmachers neben den niemals abgeholten Uhren liegt ein Fotoalbum. Die Bilder im Album sind alle schwarz-weiß. Auf den Bildern ist der Uhrmacher zu sehen, neben einem alten Mann mit langem Bart. „Oben in Belfast bin ich Uhrmacher geworden“ sagte er, der alte Uhrmacherjude ist dann nach Israel. Der Uhrmacherjude war ein frommer Mann. Der Uhrmacherjude verstand sein Handwerk.

Ja, sagte ich.

Einmal fragte ich den Uhrmacher, wie lange es sein Geschäft noch gäbe und ob er denn Kinder hätte. „Kinder hätte er keine“, sagte der Uhrmacher, das Geschäft aber würde es geben, bis und dann zeigte der Uhrmacher auf seine Brust, bis die Uhr hier drin aufhört zu schlagen.“

„Ziehen Sie die Tür fest hinter sich zu“, sagt die Frau des Uhrmachers.

Manchmal macht sie dann noch eine Bemerkung über das Wetter, der Uhrmacher nickt. Der Uhrmacher macht niemals eine Bemerkung über das Wetter.

Das ist alles,was ich über den Uhrmacher weiß.

Unabänderlich, zu spät

DUadHZjXkAAFx-9

Du sitzt dort am Schreibtisch und es ist spät.

Du bist allein dort am Tisch. Mitten in der Nacht.

Allein mit der Nacht und der Uhr und dem Tisch und den Büchern.

Die Vorbereitung einer Aufklärungssprechstunde dauert zwischen 8 und 10 Stunden. Du hast keine Zeit. Du hast zwei Berufe und Dir bleibt nur die Nacht-

Du sitzt am Schreibtisch und bereitest dich vor.

Das ist was Du tust und Du löschst die Emails schon lange, derjenigen die Dich googlen und Dir dein Bild schicken und schreiben: Deine Araberfotze will eh keiner ficken.

Du löschst die Emails in denen alles steht und auch: wenn ich so scheiße aussehen würde wie du, dann würde ich mich aufhängen.

Du musst dich vorbereiten.

Du lebst mit den Bildern.

Das muss man doch wissen, sagt man dir und du sollst dir nichts aus den Verleumdungen machen. Mach Dir halt nichts draus.

Du sortierst Unterlagen, Zettel, Du packst Bücher ein.

Du zerkaust eine Aspirintablette, dann legst Du dich hin.

Du stehst auf und du gehst ins Büro und du lächelst und beantwortest Fragen und nickst und die J. ist in New York und Du würdest Dir so gern, das Lächeln der J. in die Jackentasche schieben. Aber Du bist allein und dann fährst du zum Flughafen und neben Dir im Transitraum sitzt eine Frau, die Frau hat ein Telefon und Du hörst ihr zu, weil sie so laut schreit und Du bist zu müde. Die Frau schreit sie würde der Gerechtigkeit zur Genüge verhelfen und dann ruft sie eine Versicherung an und es geht um ein feiges A*schloch und Kosten und Körperverletzung und Geld. Um genau 600 Euro und dann beschimpft die Frau, den Mann von der Krankenkasse, weil er nicht sagen will, was das A*schloch gesagt hat, wo es wohnt und dann ruft die Frau ihre Mutter an und erzählt ihr wie sie das A*schloch um 600 Euro erleichtert hat und dann zieht sie ihre Lippen nach. Im Flugzeug sitze ich neben der Frau und rücke so weit weg von ihr, wie ich nur kann und sie starrt mich an, aber immerhin kann sie mich so nicht wegen Körperverletzung anzeigen. Man muss aufpassen, heutzutage muss man aufpassen.

Du willst die Augen schließen, denn du bist so müde, aber du fürchtest Dich davor, gegen die Schulter der Frau zu sacken und Du sitzt gerade und Du starrst in das Buch und Du denkst an den Mann, der vor einem halben Jahr einmal in die Aufklärungssprechstunde kam und sagte :nur zum Zuhören. Und Du erinnerst dich, wie er dir seinen Daumen zeigte und eine Narbe, die fast verblasst war. Und Du sagtest: Ein Unfall?“ Und der Mann, der Dir den Daumen zeigte, sprach ganz viel und ganz schnell auf Pashto und Dein Pashto ist schlecht und es dauerte sehr lang bist Du verstandest, dass der Mann sich mit dem Messer in den Finger schnitt, wegen des Blutes und den Finger auf das Bettlaken drückte, um die Familie zu überzeugen, dass das geht mit der Frau und ihm und Du sagst: Genial. Und der Mann vor Dir lacht und sagt: No man needs to hurt a woman.
Und Du nicktest und Du dachtest, das ist Aufklärung und fragtest nach der Frau und dann wird es still und Du weißt schon warum und Du bedanktest Dich, denn da ist was tust und Du saßt noch für eine Weile auf dem Flur und der Mann sagte zu Dir: A place like this in Afghanistan and in everywhere and no man hurt no woman und Du nicktest und Du denkst, dass Du schon lange keine großen Träume mehr hast, aber du nicktest, denn das ist ein Traum.

Der Mann und Du, ihr geht eurer Wege und dann ruft die C. dich an und sagt: Weißt Du noch Herr G.? Und du nickst und die C. sagt etwas von Blutwerten und das Blut rauscht in deinen Ohren und du das Mädchen, das keine guten Titten hat, du setzt die Maschine in Gang, die es braucht und du rufst die Ärzte an, die du kennst und du überlegst dir wer dir einen Gefallen schuldet, denn das bist du, denn es muss weitergehen, da hast du gelernt, das ist dir geblieben, und dann geht Herr G. zu Spezialisten und du triffst ihn und er sagt zu Dir: „In Kabul haben Sie mir gesagt, ich bräuchte nur andere Tabletten, und du wirst wütend über die Quacksalber in Kabul, die Herrn G. wertlose Vitamintabletten verkauft haben, aus US-Beständen und du hoffst auf die Koryphäen und die Medizin und du hast umsonst gehofft und die C. ruft dich an und die C. sagt, der Krebs war zu schnell und zu aggressiv und du sitzt im Flugzeug und du bist müde und du denkst: damals als Du ihn gesehen hast, zum ersten Mal, war er da nicht auch schon müde, und blass und warum hast du nichts gesehen und die Frau neben dir im Flugzeug liest die Bunte und Gerhard Schröder heiratet zum fünften Mal und Du stehst auf und Du gehst los und die Frau telefoniert wieder und auf dem Bahnsteig da sitzt ein Mann in Daunendecken gehüllt und die Decken sind schmutzig und durchgeweicht und du wirfst Münzen in den Pappbecher und er schreit alles Schlampen außer Mutti.

Du gehst weiter und Herr G. ist einfach tot und Du schließt die Tür auf zur Praxis und beantwortest die Fragen und Du machst das was du machst und dir ist kalt und du bist müde und du sagst: Die Wünsche des Partners respektieren und dann sagst du : Geschlechtsteile sind keine Schimpfwörter und „Komm her Du Fotze ist niemals ein Beginn für irgendwas und du denkst an Herrn G. and no man hurt no woman und Herr G. ist tot und du „stehst auf und gehst herüber ins Haus deiner Großmutter und Du hast Durst und Du trinkst das Wasser aus der Flasche und Dir läuft das Wasser aus den Mundwinkeln und Du schämst dich für deinen Durst, dabei ist Herr G. doch tot und der Durst erdrückt dich fast und dir läuft das Wasser noch immer aus den Mundwinkeln und du schämst dich vor Herrn G. und der C. und Du bist so müde und die C. legt die Hand auf deinen Rücken und Du legst Dich hin und du weißt am nächsten Morgen gibt es neue Nachrichten und jemand malt lauter Penisse um dein Gesicht und Du sollst lächeln und die Verleumderin sucht neues Material und du sollst lächeln und weitermachen, weil so what und du bist müde und die C. steht im Zimmer und sagt: „Brauchst du was?“ und sie legt dir die Hand auf die Stirn und dann kramt sie deinen alten ipod aus dem Rucksack und Du hörst wie sie sagt: Mach Die Augen zu, ja und du nickst und du hörst zu: HarHar dam Sajna te jindri waar de, singst du leise für Herrn G. „Immer sind sie bereit ihr ganzes Leben für den Geliebten hinzugeben“ und du siehst den Daumen und die Narbe und du singst noch immer: „Latthe di chaadar utte saleti rang maahiya“ Liebling, dein Schleier aus zartgrauem Muslin, das älteste der Hochzeitslieder zwischen Delhi, dem Punjab, Lahore und Du bist dir sicher auch in Afghanistan kennt man es, singt man es und Du denkst an die Träume, die Du einmal hattest und du singst noch einmal Aawo saamne und du weißt, dass Du im Deutschen keinen Satz kennst, der wie aawo saamne sagt: „Komm und setz dich hin zu mir“, in dem schon im Stillen alles liegt, was im „Zieh Dich aus für mich“, immer schon ausgesprochen ist und du erinnerst dich als ein Anderer das Lied für dich sang und Du warst schön damals und die Träume waren es auch und Du weißt, dass die Zeiten vorbei sind und Herr G. ist tot.

Lathe di chadar

utte saleti rang mahiya

aawo sahmne, aawo sahmne

kolon di russ ke na lang mahiya

mende sir tey phoolan di khari.

mende sir tey phoolan di khari

tendan rah tak tak main hari

Du bist zu spät.

Die Kurve hinter der das ‚christlich-jüdische‘ Abendland liegt.

IMG-4810

 

Das Kloster Seeon ist 660 Kilometer von Berlin entfernt und doch mag es gut sein, dass wenn ich aufstehe, auch im Kloster Seeon, wo die CSU dieser Tage beisammen ist, schon Kaffee getrunken wird und die Schlipse gebunden werden . Aber ich fahre wie so oft an diesem Samstag früh auf den Markt, denn Herr Yilmaz bei dem Gemüse einhole, kann auch nicht schlafen. Ich kaufe also Mohrrüben, Blumenkohl und bei Herrn Yilmaz schöner Frau kaufe ich Maultaschen, denn der Mensch soll eine Brühe haben.

Herr Yilmaz fragt: Na Fräulein Read On, immer noch Karten für Deniz Yücel. „Ja, sage ich Herr Yilmaz, heute wird es Karte 295.“ Herr Yilmaz schüttelt den Kopf und stößt Flüche aus, die hier nur auf Grund des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt sein sollen. Aber länger kann ich mit Herrn Yilmaz nicht ratschen, obwohl ich das gern tue. Denn mir sind ja noch, vielleicht gehen Sie, die Mitglieder des CSU-Parteitages gerade zum Frühstück herunter, ihre Worte im Ohr, die sich so vernimmt man auch im fernen Berlin in einem Positionspapier finden und dort heißt so schrecklich schön, denn Deutsch ist eine schrecklich schöne Sprache: „neben unserer Liebe zur deutschen Heimat gilt es die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes zu bewahren.“ Während ich also meine Einkäufe im Fahrradkorb verstaue, da erinnere ich mich an etwas- das werte CSU-Mitglieder ist die jüdische Krankheit, wenn die deutsche Krankheit, niedriger Blutdruck ist, so ist die jüdische Krankheit immer das Gedächtnis gewesen. Herr Yilmaz aber lässt mich nicht gehen ohne mir noch eine Ananas zuzustecken und fragt: Sie sind aber eilig Fräulein Read-On?“ Ich nicke durchaus betrübt, „ich will sage ich zu ihm, noch auf einem Sprung dort vorbeisehen, wo das jüdisch-christliche Abendland begraben liegt.“ Herr Yilmaz nickt. „Ach Fräulein Read On.“

IMG-4813

Kreuzung Ederer Straße / Königsallee, Berlin- Grunewald

Ist man nämlich schon auf dem Markt im Berliner Südwesten, ist es nicht mehr weit bis zum Grunewald und ob Sie im Kloster Seeon auf Tannen blicken, weiß ich nicht, aber hier auf der stillen Straße, da ist der Wald so dicht, wie im schönen Bayern. Damals ich lebte fern von Europa und besuchte nur in den Ferien meine Großmutter in Deutschland, da fuhr sie mit mir in den Grunewald. Denn Sie müssen wissen, werte Damen und Herren der CSU, meine Großmutter war die Tochter des patriotischsten der deutschen Juden, den sie sich vorstellen können und meine Großmutter wurde im gleichen Jahr geboren, da war Walther Rathenau Außenminister des Deutschen Reiches. Meinem Urgroßvater erschien dies als besonders glückliche Fügung. „Wenn ein Jude, Außenminister ist, sagte er dann können auch die Töchter der deutschen Juden alles werden“ und so schwor mein Urgroßvater seine fünf Töchter auf ein Studium ein. Nur meine Großmutter kam aus Auschwitz zurück, das nämlich war das Resultat des christlich-jüdischen Abendlandes unter deutscher Ägide, dessen Enkeltochter ich nun einmal bin.

Aber als ich ein Kind war, das ist jetzt auch schon lange her, da war Walther Rathenau noch immer der Säulenheilige unserer Familie. Meine Großeltern machten niemals das Licht an ohne mit Bewunderung auszurufen: „Dank der AEG.“, denn wie Sie sicher wissen, hat der deutsche Jude Emil Rathenau und dann sein Sohn, Deutschland elektrifiziert und niemand, wirklich niemand in meiner Familie mochte sich darüber beruhigen, dass es ein deutscher Jude war, der den Deutschen ein Licht aufgehen ließ. Walther Rathenau war im Bücherregal meiner Großeltern ein eigenes Fach reserviert, und natürlich hing auch ein Rathenau Bild in der Wohnung und so habe auch ich Bitterfeld niemals allein mit der DDR-Industrie und ihren Umweltkatastrophen in Verbindung gebracht, sondern mit dem Seufzen meiner Großmutter: hier war Walther im Exil. Aber damals als wir in den Grunewald fuhren, da schwieg meine Großmutter und wir liefen ziemlich lang, die Straße hinunter, die auch ich mit dem Fahrrad heute Morgen entlangfuhr und wenn die Königsallee und die Erdener Straße sich kreuzen, eine weite Kurve ist an dieser Stelle, dann steht man dort wo das christliche-jüdische Abendland begraben liegt. Das christlich-jüdische Abendland kennt schöne Lieder und heute am Dreikönigstag, da kann man gut noch einmal singen: „Lasst uns froh und munter sein.“ Gesungen wurde auch ein anderes Lied zu dieser Melodie und die letzte Strophe, die ging so:

Auch Rathenau, der Walter,

Erreicht kein hohes Alter,

Knallt ab den Walther Rathenau

Die gottverfluchte Judensau!

Aber das erzählte mir meine Großmutter nicht, damals als ich ein Kind war, das kam erst später, aber als wir an der Ecke standen, der Straßenkreuzung, da erzählte sie mir wie der deutsche Patriot Walther Rathenau, ja, die Juden waren deutsche Patrioten auch wenn Ihre Partei die CSU nämlich, den Juden gern Frieden für ihre Heimat wünscht und damit niemals den Grunewald meint. Anders als der feige deutsche Hurra-Patriot nach verhandelte der Außenminister Rathenau nämlich den Versailler-Vertrag, wollte, dass Deutschland zurückkehrte an den Tisch der europäischen Politik. Altes Abendland Sie wissen schon, die feigen deutschen Generäle sangen lieber das Lied vom Soldatentod im grünen Gras und putzten ihre Orden, so unterschiedlich kann man Patriotismus leben. Walther Rathenau fuhr nach Rapallo und ließ sich demütigen für Deutschland. Er verhandelte mit den Briten, er fuhr nach London und Genua und in Deutschland, da sang man Weihnachtslieder und hasste den Juden Rathenau. Irgendwann fragte Walther Rathenau, wie wir alle an einem Punkt unseres Lebens uns fragen: „Warum hasst man mich eigentlich so furchtbar?“ Und man antwortete ihm: „Weil Sie Jude sind und ausschließlich deshalb. Sie sind die lebendige Widerlegung der antisemitischen Theorie von der Schädlichkeit des Judentums für Deutschland.“ Vielleicht lächelte Walther Rathenau, und am Morgen des 24 Junis 1922 wurde Walther Rathenau an der Straßenkreuzung an der ich stehe, von drei Mitgliedern der Operation Consul ermordet. Man schoss ihm in den Kopf, in den Rücken und in den Kiefer, gar nicht patriotisch, sondenr ziemlich abgeklärt mit einer Maschinenpistole und ein zweiter Attentäter, der warf eine Handgranate hinterher. Da steht man einem kühlen Januarmorgen und der Gedenkstein ist schmutzig und grau und dort in der Kurve, dort liegt das christlich-jüdische Abendland begraben, das so gern zitiert wird, aber dort hat man dem Juden in den Kopf geschossen, gut versteckt im dichten Gebüsch und das ist das christlich-jüdische Abendland gewesen und aller Sentimentalität, die die Juden meiner Familie hegten, so schluckten sie doch und wussten nicht weiter und meine Großmutter und ich brachten einmal im Jahr weiße Rosen. Dort liegt der Unterschied begraben zwischen jenen, die vom christlich-jüdischen Abendland schwärmen können und jenen, die auf der Straße verbluteten.

Die Operation Consul, eine Terrorgruppe lässt sich übrigens gut und gern jener von Armin Mohler geprägten Begrifflichkeit der „Konservativen Revolution“ zuordnen, die gerade bei ihnen Karriere macht, aber das christliche Abendland, das den Juden so gern in den Kopf schoss und schließlich ganz Europa judenrein machte, das muss nicht im Kloster Seeon verteidigt werden, denn das gibt es schon seit so vielen Jahrzehnten nicht mehr, es wird nie wieder kommen, es ist nur noch ein Stein an einer befahrenen Kreuzung davon übrig und seit 1922 hat es in Deutschland nie wieder einen jüdischen Außenminister gegeben.

Wenn Sie aber Zeit haben, dann gehen Sie doch die Königsallee noch einen Kilometer hinauf, da steht sie die Villa von Walther Rathenau, vor der ich mit meiner Großmutter stand und sie erzählte mir von jenem Mann, der einfach so beim Kaiser durch die Tür marschierte und niemals darüber hinweg kam, dass ein deutscher Jude nicht auch Offizier werden konnte. Ob Walther Rathenau vielleicht im Sommer einmal nach Kloster Seeon wanderte weiß ich nicht, aber in München kurz vor der Jahrhundertwende, da hörte er Vorlesungen in Maschinenbau, aber er träumte davon Maler zu werden. Sie werden verstehen, werte CSU-Klausurtagungsteilnehmer, jeder Patriot hat eine Schwäche und mein Urgroßvater, der preußischste unter ihnen, pfiff gern Liebeslieder, auch solche aus Frankreich.

Es lohnt sich manchmal an einer Kreuzung in Berlin-Grunewald zu verharren, in Gedanken oder auch ganz selbst, 660 Kilometer sind nicht wenig, aber man erzählt sich, es gäbe einen wirklich schnellen Zug von München nach Berlin.

Andere Zeiten

Damals vor vielen Jahren als ich ein Kind war, da suchte meine Mutter in Jerusalem einen fernen Geliebten. Damals riss auch die Frau von Onkel A. ein neues Kalenderblatt ab. Der Kalender war immer ein Bauernkalender auch in Jerusalem. Man hatte nicht vergessen, wo man her kam. Ich lieh mir ein Nachthemd mit weißen Spitzen, es reichte viel weiter bis zu meinen Zehen. Die Frau von Onkel malte mir die Lippen nach. Koralle oder so stand auf dem Lippenstift. Onkel A. legte eine Platte auf den Plattenspieler. Wiener Philharmoniker stand auf der Platte. Männer in schwarzen Fräcken und golden glänzenden Instrumenten. Die Wohnung von Onkel A. in der Ha’arazim Straße war klein. Onkel A. war sehr groß. Ich war auch klein damals vor vielen Jahren am nicht-jüdischen Neujahrstag, wie es wohl heißen muss, aber Onkel A., meine Großmutter und auch ich lachten wohl herzlich darüber, aber damals schob Onkel A. die Möbel zur Seite, den Protesten seiner Frau zum Trotz. Dann legte er die Platte auf den Plattenspieler. Wiener Walzer, er machte einen Diener vor mir und hielt mir die Hand hin. Ich nahm sie an. Das Nachthemd mit den Rüschen hatte sich um meine Füße gewickelt. Onkel A. sagte, beim Tanzen käme es nicht darauf an. Ich nickte und er stellte meine Kinderfüße auf seine Füße und dann tanzten wir eins, zwei, drei und durch die Wohnung in Jerusalem floss auf einmal und ganz plötzlich die blaue, schöne Donau, ritt der Zigeunerbaron, rechts und links, ein Stück aus dem Maskenball sprang durch die Tür und Onkel A. schloss die Augen, verwandelte sich wieder in den Mann, der er einmal gewesen war, damals in München vor dem Kriege, da tanzte Onkel A. zu anderen Liedern, im Schwabinger Fasching und mit einer Frau, wohl auch einmal weit nach Mitternacht in das neue Jahr hinein. Isabelle hieß die Frau, aber vielleicht schrieb man sie Isabell oder sie hieß ganz anders, ich habe Onkel A. nie ganz danach gefragt, aber damals als wir durch das leergeräumte Wohnzimmer tanzten, da schloss er die Augen, seine Hände waren weich und warm in meinen Kinderhänden.

Onkel A. roch nach Tabak und Eau de Cologne, aber Onkel A. roch auch nach dem Wald, denn in einem kleinen Dorf in Oberbayern war er einmal geboren, seine Mutter aber hatte den Wald aus Rumänien mitgebracht und Onkel A. hatte den Wald eben behalten, so wie man eine Handbewegung oder die Neigung den Kopf zu schütteln, hat man sie sich eben einmal angewöhnt, eben behält. Onkel A. schloss die Augen, denn unter dem Fenster da war kein Wald mehr, da war nur die Straße, die sich langsam nach Westen hin schlängelte bis zum Herzl Boulevard wurde und auch dort keine Spur von Oberbayern und niemals stand Isabell oder Isabelle oder eine Frau mit einem ganz anderen Namen im Zimmer. Aber wie wir da tanzten und niemand tanzte eleganter und leichtfüßiger als Onkel A. da hob er mich hoch, wir wirbelten über das knarrende Parkett und Onkel A. flüsterte: „Isabelle, mein Täubchen, Isabelle mon amour, Isabelle, mein Herz oder nur ihren Namen in mein Ohr. Ich verriet ihn niemals. Onkel A. nicht und auch nicht den Namen der Frau, denn ich bin doch die Urenkelin eines Wiener Juden und der Wiener ist ein diskreter Mensch. Irgendwann aber wenn mir schwindelig war, ich rote Wangen hatte und ungeheuren Durst, dann stellte die Frau Onkels A. die nicht Isabelle hieß den Plattenspieler ab, wir rückten die Möbel gerade und die Platte der Wiener Philharmoniker verschwand auf ein weiteres Jahr im Plattenschrank.

„So eine Alberei“ sagte die Frau von Onkel A. und wer weiß was sie wusste, auch sie war einmal aus Wien gewesen. Ich wurde größer und kaufte eigene Kleider und oft bin ich nicht am Neujahrstag in Jerusalem gewesen. Aber im Jahr in dem Onkel A. starb, da schneite es in Jerusalem, dicke Flocken, ein Schneesturm auf der Ha’arazim Street, so als wollte selbst München und Oberbayern noch einmal Abschied nehmen, bevor Onkel A. es dann tat und noch einmal tanzten wir links und rechts und eins, zwei, drei, noch einmal im Kreis herum, rote Wangen und Onkel A.’s sicherer Schritt, dam-di-di-dam, der Wiener Walzer und die Münchener Nächte und als wir schließlich erschöpft auf das Sofa fielen, da fragte ich ihn nach Isabelle oder Isabel oder einer ganz anderen Frau und Onkel A. sah mich an und legte seine große Hand noch einmal auf meine Wange. „Es war nicht unsere Zeit“, sagte er und das ist alles was ich über Isabelle weiß. Dann sahen wir lange in den Schnee vor dem Fenster hinaus und zwei Tage später da starb Onkel A. und der Schnee knirschte unter unseren Füßen.

Auch heute höre ich manchmal ein paar Minuten lang zu, wenn im Radio das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker übertragen wird, aber kommt jemand und legt mir die Hand auf den Rücken, will mich vom Stuhl ziehen und mit mir einen Walzer tanzen, so lehne ich ab, oder ich drehe das Radio doch wieder ab, aber für einen Moment denke ich noch einmal an eine Frau die Isabelle oder Isabell oder ganz anders hieß und die vielleicht noch immer in München vor dem Radio sitzt, und sich erinnert an eine Neujahrsnacht vor vielen Jahren und die blaue, blaue Donau und die Hände von Onkel A.

Blanke Steine

Ich habe meine Großmutter begraben. Es war ein warmer Tag.
Das Grab meiner Großmutter ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin.
Meiner Großmutter war es gleich.
„Wenn Du meinst Kind“, sagte sie und immer sagte sie es spöttisch und zog die Mundwinkel nach oben.
Ich habe meine Großmutter begraben. Auf dem Stein steht ihr Name und ein hebräischer Satz.
Meine Großmutter hätte ihn nicht lesen können.
„Hebräisch ist keine Sprache, sondern eine Zumutung“ sagte sie.
Der Steinmetz brachte die Buchstaben spiegelverkehrt an.
Ich lachte und wusste, sie hätte lauter gelacht. „Das kommt davon, mein Kind.“ Der Steinmetz änderte die Buchstaben.
Ich fahre auf den Friedhof und wenn ich auf den Friedhof fahre, dann ziehe ich mit meinem Finger die Buchstaben ihres Namens nach.
Mein Großvater liegt nicht auf dem Jüdischen Friedhof von Berlin begraben. Sondern auf dem Friedhof der kleinen deutschen Stadt. Meine Großmutter pflanzte einen Rosenbusch.
Sie kaufte zwei Grabstellen. In der einen ist mein Großvater begraben, die andere Grabstelle aber ist leer. Ein Grabstein steht vor dem leeren Grab. Dort stehen die Namen der Eltern meiner Großmutter, meines Großvaters und ihrer Geschwister. Die Namen sind klein und fast unlesbar. Meine Großmutter und mein Großvater hatten viele Geschwister. Die Asche der Eltern wie die der Geschwister sind in Auschwitz, sind Maly-Trostenez, sind in Maidanek geblieben.
Als ich ein Kind war, da hieß mich meine Großmutter die Namen der Toten auswendig lernen. Ich stand vor ihrem Schreibtisch und sagte die Namen der Toten auf.
Am 9. November kniete mein Urgroßvater auf einer Straße und in seiner Hand hielt er eine Zahnbürste und er putzte die Straße mit der Zahnbürste und hinter den Gardinen standen die Leute und ich stelle mir vor wie sie sagten:
Da kniet der Jude und endlich kniet der Jude, möge er immer knien der Jude. Vielleicht sagten sie auch etwas ganz anderes, vielleicht sahen sie nicht auf die Straße, vielleicht suchten sie nach Beuteln, denn während mein Urgroßvater auf der Straße kniete, da kamen die Nachbarn, die an allen anderen Tagen zum Tee kamen, und nahmen sich, was ohnehin ihnen gehörte, sie holten das Silber und die Tischdecken und den Schmuck, den mein Urgroßvater meiner Urgroßmutter schenkte. Für jedes Kind schenkte er ihr eine Kette, einen Ring, ein Armband und meine Großmutter hatte fünf Schwestern. Vielleicht trägt heute eine Frau ja den Ring mit dem blauen Stein, den mein Urgroßvater seiner Frau schenkte und seine Frau legte ihm das Kind in den Arm und ich bin mir sicher, dass meine Großmutter schon damals spöttisch lächelte über den Ring. „Wenn Du meinst Vater, das es sein muss“, mag ihr Blick gesagt haben, denn so war ihr Verhältnis zur Welt und vielleicht tanzte er mit ihr auf dem Arm durch die Wohnung und lachte mit ihr und sang und tanzte.
Meine Großmutter sagte ihr Vater hatte einen aufrechten Gang.
Meine Großmutter sagte ihre Mutter hatte einen offenen Blick.
Dann schwieg meine Großmutter.
Meine Großmutter hatte ihre Eltern in Auschwitz aus den Augen verloren.
In der Straße in einem südlichen Vorort von Berlin liegen Stolpersteine auf dem Boden. Man muss aufpassen nicht auf die Steine zu treten. Im November liegt Laub auf den Steinen. Ich bin darüber sehr froh.
Am Morgen des 9. Novembers lese ich überall Primo Levi Zitate und ich lese, dass der 9. November ein guter Tage wäre die Stolpersteine zu putzen und dann lese ich, dass sich das Reinigungsmittel Domol ( Für strahlenden Glanz, ohne nachzupolieren) besonders gut eigne um die Steine zu reinigen und dann höre ich auf zu lesen.
Das einzige Bild, was ich von meinem Urgroßvater habe zeigt einen Mann auf den Knien, er trägt einen Anzug und sein Hut liegt neben ihm auf dem Boden und ihm herum da sieht man nur Schuhe. Lederschuhe, Halbschuhe, Kinderschuhe, Damenschuhe, Soldatenstiefel, sie alle stehen vor meinem Urgroßvater mit der Zahnbürste in der Hand und er putzt die Straße.
Ich weiß nicht ob man den Juden da auf der Straße auch ein Reinigungsmittel in die Hand gab zur Bürste.
Mein Urgroßvater hatte blutige Knie am Ende des Tages.
Ich weiß nicht ob die Straße sauberer war als zuvor.
Der Ort hatte keine Synagoge, die man anzünden konnte.
Jedes Jahr am 9. November sehe ich den Mann auf dem Bild.
Ich will ihm sagen: „Steh doch auf.“ Bitte steh doch auf.“
Warum steht er nicht auf?
Ist Dir kalt?, will ich sagen, ich will seine Hand nehmen, ich habe immer kalte Hände, ich will ihn hochziehen, aus diesem Bild herausziehen, komm doch näher, und ich will ihn fragen: erkennst du mich?“ Er kennt meinen Namen nicht.
Die Menschen auf dem Bild haben saubere, glänzende Schuhe.

Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.
An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.
Ich wünschte es wäre einmal still und wenn es nur still genug wäre, so still, dass die Trauer einmal Platz hätte, meine Trauer nicht Ihre, vielleicht blickte er dann einmal auf, sähe mich an der Mann auf dem Bild, der mein Urgroßvater war, sähe mich an und ich sähe ihn. Ich möchte einmal nur seine Augen sehen, dann verschwänden die Schuhe, die Beine, die Zahnbürste, dann gäbe es nur ihn und mich und endlich wären wir allein.

Der Rosenbusch auf dem Friedhof der kleinen Stadt blüht noch immer. Der Mann auf dem Bild sieht mich nicht, er sieht die Steine und die Schuhe und die Zahnbürste in seiner rechten Hand.