Kein Anlass zur Aufregung.

Dreiundzwanzig war ich, oder vielleicht auch erst einundzwanzig. Ganz sicher bin ich mir nicht mehr, denn damals war ich mir über fast nichts sicher, oder anders mich gab es eigentlich nur in Bruchstücken, die mir zwar geähnelt haben mögen, aber die niemals eine ganze, eine eigene Person gewesen sein können.

So war das damals, das war ich.

Wann genau oder wie ich den A. kennengelernt habe, auch das weiss ich nicht mehr. Zu verschwommen sind die Jahre oder Nächte oder auch beides im Nachhinein.

Vielleicht war es auf der Langen Nacht der Volksbühne, aber es kann ebensogut in einem kleinen Cafe irgendwo in Montpellier gewesen sein.

Irgendwann war der A. einfach da.

Das dachte ich jedenfalls.

Da wusste ich noch nicht, dass der A. nicht einfach da war, sondern da war, wo ich war.

Der A. war so unauffällig, dass es schon wieder auffällig war. Das jedenfalls erinnere ich ganz genau, meine Verwunderung darüber wie schwer es mir fiel, selbst wenn ich mit ihm zusammensass mich an sein Gesicht zu erinnern. Einmal waren seine Augen milchig blau, so als habe er die Farbe seiner Augen selbst mit dem Tuschkasten angerührt, aber dann war mir wieder als wären seine Augen doch blank und grau wie ein Kieselstein, den man manchmal findet und wenn man noch überlegt ihn einzustecken, verschwindet er wieder. Selbst seine Haarfarbe war ein weder noch. Weder Braun noch Blond noch Rot. Das Auffälligste an ihm waren noch die Schuppen, die ihm wenn er sich durch die Haare fuhr leise auf die Schultern rieselten. Aber auch das ist ja im eigentlichen Sinne nichts Bemerkenswertes

Das habe ich behalten von der Sache mit A., dass es Unaufälligkeit nicht gibt. Aber das kommt erst später.

Erst sitze ich ja mit dem A. auf einem Kissen mit rotßweissen Kissen oder einem Gartenstuhlk mit harten Streben und wenn ich auch vergesse habe, was der A. trank, so weiss ich doch noch, dass damals in allen Gläsern Eiswürfel klirrten. Es muss ein heisser Sommer gewesen sein.

Es war ein Sommer in dem ich A. kannte, obwohl das nicht stimmt.

Kennengelernt habe ich A. erst, da war schon kein Sommer mehr.

Es stimmt auch nich zu sagen, dass der A. und ich in diesme Sommer allein gewesen wären. Immer waren Freunde oder Bekannte oder Arbeitskollegen in der Nähe. Sie sassen an einem Nebentisch oder im gleichen Theaterstück oder auch sie frühstückten klebrige Croissants mit dicker Erdbeermarmelade.

Allein waren der A. und ich nur drei oder viermal, aber das gehört auch schon zum Später.

Aber wenn ich heute zurückdenke an jene Wochen, dann ist es schon auffällig, dass A. immer wie zufällig neben mir zu sitzen begann oder gerade dann auch eine Limonade trank, wenn ich den Deckel an einer Flasche an einer Tischkante aufschnipste und auffällig ist im Nachheinin auch, dass der A. immer Theaterkarte hatte, die ihm einen Platz genau neben meinem auswies. Aber damals habe ich mir keine Gedanken über derartige Zufälle gemacht, damals war mein Deutsch schwerfälliger noch als heute und ich selbst, aber das sagte ich bereits niemals Ganz, sondern immer nur Etwas, dieses Ich.

Ich war oft müde in diesem Sommer, denn ich arbeitete in der Nacht. Vielleicht habe ich auch deshalb nichts bemerkt, aber damit will ich vor allem mich selbst überzeugen, denn ich erinnere vieles aus den Nächten in denen ich arbeitete viel klarer als ganze Jahre.

Der A. hatte eine fast monotone Art zu sprechen, verfiel niemals in einen Dialekt oder gab seinen Worten eine regionale Note, aber dann wiederum habe ich Zweifel, ob er denn Hochdeutsch sprach oder nicht doch eine Note in seiner Stimme lag, die ich nur nicht zu entziffern vermochte.

Der A. sprach viel damals. Von seiner Einsamkeit in Berlin, von seinem lieblosen Vater, der ihn und seine Schwester über Wochen ignorierte, nur um dann ganz plötzlich aus der Haut zu fahren, von seinem Traum einmal die Anden zu sehen, von der Langweile im Studium und der Angst davor, dass am Ende nur die Leere bliebe.

Ich nickte zu all dem nur. Am Liebsten hörte ich noch die Geschichten aus seiner Geburtsstadt, die er zwar niemals beim Namen nannte, aber der er hübsche Giebel und eigenwillige Charaktere gab, die mir gefielen.

Eine Antwort erwartete er nicht.

Vielleicht hätte ich aufmerksamer zuhören müssen, vielleicht hätte ich aufhorchen müssen, wenn er mit kalter Verachtung von Mitschülern sprach, die sich im Nachhinein immer als Mitschülerinnen herausstellten.

Eine Lisa hatte ihn einmal mit einer Geburtstagseinladung geködert, aber als er mit Pomade im Haar und einem Geschenk unter dem Arm am Nachmittag bei ihr klingelte, da schüttelte Lisas Mutter den Kopf und sagte: Mein Junge du musst dich im Datum vertan haben, Lisas Geburtstagsfeier war doch am letzten Donnerstag.

Eine Lydia hätte ihn auf dem Parkplatz vor der Tanzschule warten lassen und sei statt mit ihm mit einem Tobias zum Abschlussball gegangen. Er hätte geweint damals auf dem Parkplatz hinter der Tanzschule und als ich ihn ansah, glaubte ich für einen Moment er würde wieder anfangen zu weinen.

Vielleicht hätte ich ihm ein Taschentuch anbieten sollen, aber ich hatte wohl kein Taschentuch dabei.

Aber dann sprach er ohnehin wieder von einem Landschaftsmaler oder einem Gymnasiallehrer mit einem Holzbein und ich vergaß die Geschichten seiner Demütigung unter meiner Müdigkeit.

Angstzustände plagten ihn manchmal, sagte er und sah mich, es sei ihm dann unmöglich allein zu sein.

Vielleicht hätte ich ihm Hilfe organisieren müssen oder auch einfach nichts sagen müssen, aber ich sagte: „Ich kann Dir das Gästebett beziehen.“

Er trank Tee in der Küche, während ich das Kopfkissen bezog.

„Danke“ sagte er und „ich glaube du bist meine erste Freundin.

Ich war mir nicht sicher, was er eigentlich meinte.

„Schlaf gut“, sagte ich.

Irgendwann in der Nacht wachte ich auf, denn ich schlafe noch heute sehr leicht.

Er stand neben meinem Bett mit heruntergezogener Hose und rieb seinen Penis in seiner Hand.

Irgendwann war er fertig und ging leise aus dem Zimmer heraus.

Am anderen Morgen aber war er so normal und so unauffällig wie immer, so dass ich mich wunderte ob ich das alles nicht nur geträumt hatte.

Er zog die Wohnungstür ganz leise hinter sich zu.

Für ein paar Wochen war alles unverändert.

Ich war mir fast sicher, dass der A. niemals mit heruntergezogener Hose neben meinem Bett gestanden hatte.

Aber dann eines Abends klingelte er ganz aufgelöst, schluchzend schon im Treppenhaus, eine wilde Geschichte phantasierte er dann zusammen, die ich nicht mehr ganz genau zusammenbekomme. Eine Dozentin an der Universität, die ihn heimtückisch ins Messer habe laufen lassen und schon während der Prüfung hämisch gelacht habe, so etwas in der Tat.

„Setz dich doch erstmal“, sagte ich zu ihm.

Es war heiß und ich war so müde. „Du liebst mich doch“, sagte er.

Aber ich schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte ich und drehte mich um nach zwei Gläsern.

Aber die Gläser habe ich nur mit den Fingerspitzen erreicht.

Da drückte mir der A. schon seine Hände um den Hals und flüsterte: „Nun stell dich nicht so an, du willst es doch auch.“

„Was für ein Klischee“, dachte ich. Das sagt doch niemand und trat mit den Füßen nach seinem Bein, auch um wieder Luft zu bekommen.

Der A. fiel gegen den Küchenschrank.

„Geh jetzt bitte“, sagte ich und wenig später ging auch ich zum Dienst.

Aber am Wochenende als ich die Anderen traf zu denen auch der A. gehörte, da sahen sie mich komisch an.

„Das hat der A. nicht verdient,“ sagte die G.

„Und wie krass bist du denn drauf“, sagte die H.

Ich schwieg.

Ich wusste ja auch nicht worum es ging.

Der A. hatte seinen Arm bandagiert und war von einer Gruppe Frauen umgeben, die ihn trösteten.

Er erzählte allen, ich sei so geil auf ihn gewesen, dass als er sich meiner erwehren wollte, ich ihn in den Arm gebissen hätte.

Ich wollte etwas sagen, aber ich bekam keinen geraden Satz mehr heraus.

Dann bin ich gegangen.

Das war das Ende des Sommers.

Nur einmal noch habe ich den A. getroffen, zufällig fast, auch wenn ich da schon nicht mehr an Zufälle glaubte.

Er stand vor mir ganz plötzlich mitten auf der Straße und hielt einen Schlüssel in der Hand, der so aussah wie mein Wohnungsschlüssel. In seiner monotonen und so ganz und gar unauffälligen Aussprache sagte er weder wütend noch ängstlich, sondern fast wie mit milder Nachsicht:

„Eines Nachts komme ich zu dir und wenn ich mit dir fertig bin, wird niemand dir glauben.“

Dann ging er und weil er doch so unauffällig war, verlor ich ihn schon an der nächsten Straßenecke aus den Augen.

Ich wechselte das Schloss aus und das war alles.

Gesehen oder gehört habe ich vom A. nie wieder etwas.

Sein Name muss in Wirklichkeit ein ganz Anderer gewesen sein.

Erzählt habe ich niemanden etwas davon und auch heute wenn ich zurückdenke, dann erinnere ich mich vor allem an das Gefühl wie normal, ja wie zwangsläufig mir dieses Erlebnis schien, so als sei das alles eine ganz normale Konsequenz, die sich nicht vermeiden lässt als Mädchen von 21 oder auch 23 Jahren.

Auf die Idee eine Anzeige aufzugeben oder gar die Polizei zu rufen, war ich nicht gekommen, denn war denn in Wirklichkeit überhaupt etwas geschehen und war das Geschehene nicht dann doch auch fast lächerlich zu nennen? Kein Anlass zur Aufregung, so viel stand fest.

Ich schwieg also lieber und überhaupt arbeitete ich viel in diesem Sommer, der kein Sommer mehr war.

Dieses vollständige Ausbleiben auch nur einer leisen Überraschung über das was da war, das ist mir geblieben von jenem Sommer mit A. auch noch zehn Jahre danach.

Eine Tasse Tee

Vor Irland war Tee etwas Anderes. Schwarze Brocken nämlich in einer grünen Dose auf dem zweiten Regalbrett von links im Küchenregal meiner Grossmutter. Tee dampfte heiss und in kleinen Gläsern, honigbraun, oder auch fast schwarz, zwei Stängel Pfefferminze, eine Unterwasserwelt im Miniaturformat, die Gläser hat einen goldenen Rand. Ich hatte verbrannte Fingerspitzen in all den Jahren als ich mit L. Tee trank hoch oben über den Dächern von A. So viele Jahre liegen jetzt schon zwischen ihren und meinen Händen und den vielen geteilten Gläsern voll Tee. Ich wusste nicht, dass Fingerspitzen genauso zerbrechlich sein können, wie dünne Gläser. Seitdem ich es weiss, benutze ich die zierlichen Gläser nicht mehr.

Tee das war ein alter Milchtopf auf dem zweiten Ring des immer noch englischen Ofens in der Küche von Frau Rajasthani, zwei Esslöffel Assam oder Darjeeling, Garam Masala, ihr Geheimnis aus einer Keksdose, sie verriet es nicht einmal ihrer Schwiegermutter, die ihr das nie vergab, aber Frau Rajasthani kann besser Geheimnisse verwahren als die meisten Menschen. Wasser und Milch, der Tee muss Blasen schlagen, sagte sie und  die erste Tasse des Tages gehörte ihr und mir auf dem Balkon im Süden von Delhi, süss und scharf brannte ihr Tee auf der Zunge. Eine alte verbeulte Thermoskanne gab sie mir mit für den Tag, ich hielt mich an der Schärfe und der Süsse fest, was hätte ich anderes tun können. Tee das war A. A. wie Assam, dabei heisst er ganz anders, seine Mutter und all die anderen Mütter arbeiteten auf einer der vielen Teeplanatagen, als A. ein Kind war massierte er mit seinen Füssen ihren Rücken und die Rücken der anderen Frauen, seine Mutter hatte rissige Hände und einen schiefen Rücken, offene Füsse, und trübe Augen, der Chemikalien wegen, Tee ist kein Naturprodukt. Sie machte Tee als wir sie besuchten, das war das erste was ich von ihr sah, noch vor ihren Händen, ihrem Rücken, der Tee war bitter, 15 Cent bekam seine Mutter in der Stunde, A. bekam ein Stipendium der Uni, das teilte er mit seiner Mutter, A. war hungrig damals immerzu, wir tranken Tee auf dem Dach des Hauses abseits der Teeplantagen auf einem Hügel und ich dachte damals, dass sei für immer, das mit A. und mir.

„Was willst du machen?”, fragte ich ihn da kannten wir uns gerade zwei Tage in Delhi. „Kaffee trinken“, sagte er und ich lachte. Ihm war es ernst und noch bevor ich ihn kannte, wusste ich von seinem Hunger. Assam, sagte er und ich nickte. Teeland. Sein Lippen war scharf und süss wie der Chai von Frau Rajasthani, für immer dachte ich damals auf der unendlich langen Bahnfahrt von Assam nach Delhi zurück, eingerollt in seinen Armen, will ich aufwachen mit der süssen Schärfe neben mir, der Zug roch nach den Teeballen, die alle Reisenden mit sich zurückbrachten. Wenn A. Tee trank, trank er ihn hastig und spuckte den Rest irgendwann aus. Seine Augen waren honigbraun oder pechschwarz wie der Tee damals aus der Dose im Küchenschrank meiner Grossmutter. Es waren die Augen seiner Mutter. „Nie mehr Tee“, sagte A. manchmal mitten in einem ganz anderen Satz. Für immer dachte ich und sollte mich doch irren. Der A. hat noch immer nicht geheiratet, sagt Frau Rajasthani am Telefon, so als ginge mich das noch immer etwas an. Der A. hatte lose Teeblätter in den Hosentaschen damals als ich ihn kannte, aber wie schwiegen darüber, fast will ich sagen für immer. Ich habe noch immer Tee seiner Mutter und manchmal mache ich die Dose auf und rieche an den staubigen Teekrümeln und bin wieder in Assam. Aber ich trinke keinen Tee aus Assam mehr.

In Irland ist Tee nichts davon. In Irland ist Tee ein grüner oder ein roter Pappkarton. Barry‘s oder Lyons, beige Teebeutel, der Tierarzt tunkte zwei Teebeutel in eine Tasse, heisses Wasser und dann langes Warten. „Was ist das?”, fragte ich ihn damals am Anfang, der doch auch schon ein Ende war und er sagte:“Das ist Tee.“ Das schwarze Wasser in seiner Tasse roch nach nichts, aber der Tierarzt hielt sich beständig an einer Tasse nach der Anderen fest. Ich schmuggelte Teelöffel voll Zucker in seine Tassen heinein und aus Verzweiflung auch einmal einen ganzen Esslöffel. Genug ist es trotzdem nicht gewesen. Noch ganz am Ende füllte ich eine Thermoskanne mit dem dunklen, heissen Wasser und goss den Hospiztee aus. „Was für ein Glück“, sagte der Tierarzt „eine richtige Tasse Tee.“ Und ich lachte über das heisse Wasser und die Teebeutel bis ganz zum Schluss. Die J. trank denselben Tee nur, dass sie noch Milch in das heisse, schwarze Wasser gab und wie oft habe ich sie und den Tierarzt im Institut über einer Tasse Tee angetroffen- do you fancy a cuppa?, riefen sie mir hinterher, aber ich lief so schnell davon wie ich konnte und suchte in meiner Rock oder Jackentasche nach Krümeln aus Assam. Man kann auch suchen ohne zu erwarten, dass man etwas findet.

Die Ingenieure der Mondsteinscheibenfabrik auch sie tunken die gleichen Teebeutel in ihre Tassen, Zucker und Milch und immer riecht das was sie Tee nennen nach altem Schuh oder Spülwasser, aber das sage ich ihnen natürlich nicht, sondern lasse mir lieber erzählen, was es für ein Drama gab als eine Lyons Trinkerin in eine Barry‘s Familie einheiratete und dann nicke ich und sehe in das dampfende schwarze Wasser. „Du warst doch in Indien?“, sagen die Ingenieure manchmal, wenn sie die Teebeutel ausdrücken, was also ist besser Lyons oder Barry’s? Doch jedes Mal wieder enttäusche ich die Ingenieure, die Sekretärin, die Auszubildende und auch die liebe R.wenn ich den Kopf schüttle und verneine, denn ich habe noch niemals Barry’s oder Lyons Tee getrunken, Tee aus Assam nämlich auch er.

So wird das nichts mit dem irischen Pass, sagen die Ingenieure, die Sekretärin, die Auszubildende und auch die liebe R. und lachen und pusten in den Tee, der schwarz ist und stumpf, aber das mag ungerecht sein von mir.

„Nein, sage ich wahrscheinlich nicht.“

Eine Packung mit 80 Teebeuteln Lyons Golden Tea Blend kostet 3 Euro im Geschäft.

„Kennnen Sie den? Ein Jude und ein deutscher Kolumnist treffen sich…“

Oft und öfter kann man-oft in Kolumnen- die Frage lesen, die den deutschen Kolumnenschreiber sehr umzutreiben scheint und die da lautet: „Ist nach 73 Jahren nicht auch mal genug mit der Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der Juden?“ „Wann darf man endlich wieder Judenwitze machen?“
Auch außerhalb von Zeitungskolumnen werde ich das öfter gefragt als ich gefragt werden möchte. Noch vor der Frage aber staune ich über die stets zweifelsfrei konstruierte Vorstellung man nähme als Deutscher besondere Rücksicht auf die Befindlichkeiten, der in Deutschland oder auch nicht verbliebenen Juden.

Das suggeriert ja stets ein Leben auf Zehenspitzen, einen hastigen Blick über die Schulter-hört der Jude mit- eine fortwährende Selbstgeisselung um ja nicht rücksichtslos zu erscheinen und diese Selbstwahrnehmung führtseit Jahrzehnten nun schon von morgens bis abends vor dem Juden einen Bückling zu machen, das erstaunt mich schon sehr.

Mein Vater nämlich ein Kind der 1950er Jahre und Jude dazu, das Kind des Judendoktors (anders nannte man meine Großmutter nie- geschah das aus Rücksichtnahme?)- hörte wie selbstverständlich im Kindergarten den lustigen Reim: „In einer Bude sitzt ein Jude, hat den Kopf voll Läuse, holen ihn die Mäuse. Meine Großmutter, die fand dass dies zu weit ginge, bekam von den Kindergärtnerinnen erklärt, dass dies doch nur ein Scherz sei, vorgetragen von harmlosen Kindern und mein Vater, der damals noch nicht mein Vater war, sondern ein kleiner Junge sich halt daran gewöhnen müsse.

Natürlich gewöhnte er sich und seine Mutter mahnte ihn zur Vorsicht und auch mir viele Jahre später, erklärte sie man schweige zu antisemitischen Bemerkungen wie auch zu Judenwitzen, denn man könne nie wissen, ob eines Tages eine Kränkung, eine Beschwerde, ein Nachsatz nicht auch noch zu ganz anderen Dingen führen könnte. Die anderen Dinge, das lernte ich noch bevor ich lesen und schreiben lernte, waren so schrecklich, dass meine Großmutter sich für Stunden im Schlafzimmer einschloss und mit dem Kleiderbügel auf sich einschlug.

Meine Großmutter mahnte zur Vorsicht. Es gelte und hier würden die Zeitungskolumnisten wohl aufhorchen, läsen sie dieses kleine Blog, es gälte Vorsicht walten zu lassen, Rücksicht zu nehmen, Massnahmen zu ergreifen und lieber zu lachen als nach einer Antwort zu suchen. Von meiner Großmutter also lernte ich:

Sei niemals Klassenbester, höchstens Klassendritte.

Akzentfreies Deutsch ist deine beste Lebensversicherung.

Trag niemals eine Brille, die deine Nase noch größer erscheinen lässt.

Lache über Judenwitze.

Verhalte dich unauffällig. Wenn Du einen neuen Mantel kaufst, trag dazu niemals auch die neuen Schuhe.

Tiefstapeln. Immer.

Frag niemals einen Deutschen nach der Vergangenheit. Nicke anerkennend, versichert man dir, natürlich habe man Juden versteckt.

Sei höflich, zuvorkommend und schmerzresistent. Das Leben in Deutschland hat seinen Preis.

Lerne alle Klischees, alle Vorurteile, alle Zerrbilder über Juden kennen, die es gibt. Umso sicherer bist du.

Meide Gedenktage an die Deutschen sich der Juden erinnern. Sie wollen unter sich sein. Wir stören nur.

Ich stritt mit ihr heftig und erbittert. Sie ließ nicht los, sie sah nach rechts und nach links ging sie über die Strasse. Sie sah noch einmal nach links und noch einmal nach rechts. Die Wirklichkeit hatte sie schon einmal getrogen.

Die jüdischen Freunde in New York und Tel Aviv und Paris lachten, wann immer die Sprache auf die Vorsichtsmaßnahmen meiner Großmutter kam.

Ich verteidigte sie.

Sie ist nicht verrückt, sagte ich.

Sie ist ein deutscher Jude.

Sie schwiegen dann die Freunde.

Eines Tages, damals lebte ich schon nicht mehr in Deutschland, sondern in Los Angeles, da traf mich mit meiner Freundin Miri, die in Wirklichkeit ganz anders heißt. (Vorsicht, sagt die Stimme meiner Großmutter ). Miri und ich saßen in Santa Monica und sahen aufs Meer. „Wusstest du, dass ich in Düsseldorf geboren und aufgewachsen bin, sagte sie?“ Ich schüttelte den Kopf. „Miri“, sagte ich, du bist auch ein Jecke. Sie lächelte, denn sie war längst a Californian Princess als Kolumnenschreiber fürchte ich bemerken sie den Witz gar nicht. Aber damals als Miris Vater in Düsseldorf arbeitete, ging sie auf eine Grundschule. Sie war der Jude und die anderen Kinder waren es nicht. So ist das heute in Deutschland auch wenn in den Kolumnen immer etwas vom lebendigen Judentum steht, die Lehrerin jedenfalls, sagte, dass Miri neu und Jude sei und nach ein paar Wochen sagte Miri achselzuckend, sagten die Kinder, dass ihre Eltern sagten, dass die Juden alle ganz reiche Leute seien, die den Deutschen die Wohnungen nach dem Krieg weggenommen hatten und die Deutschen hätten auf der Straße gelebt und gehungert wegen der Juden. Die Juden würde man an ihren Nasen erkennen und die ganze Welt würde die Juden nicht mögen, weil sie sich schon immer für was Besseres gehalten hätten. Meine Freundin Miri war 1998 acht Jahre alt und am Nachmittag zu Hause nahm meine Freundin eine Küchenschere zur Hand und versuchte sich die Nasenspitze abzuschneiden. Meine Freundin Miri wollte kein Jude mehr sein. Zum Glück fand ihre Mutter sie rechtzeitig und ihr Vater beschloss das Experiment Deutschland zu beenden. Ihr Vater hatte zuvor mit der Lehrerin über die Sache mit den Juden und den langen Nasen gesprochen, aber die Lehrerin fand, dass sei doch nur ein Scherz, so seien Kinder eben.

Der Kolumnist unserer Tage aber zitierte einen Psychologen. Die ständige Rücksichtnahme auf jüdische Befindlichkeiten erzeuge einen Juckreiz, der sich dann eben in hochgerissenen rechten Armen, Höcke-Reden oder Witze über den jüdischen Geschäftssinn ergießen würde.

Ich kenne im Gegensatz dazu aber keine Juden, die zum Beispiel beim Rewe am Morgen sie haben Milch vergessen, vom plötzlichen Verlangen überfallen werden einen Deutschen zu ohrfeigen, aber meinem Freund Aaron ist das in Deutschland mit seiner Kippa auf dem Kopf schon mehr als einmal passiert. Ist das der Juckreiz der empfundenen Rücksichtnahme, ein etwas grober Scherz mit dem sich endlich Luft verschafft?

Vor einem Jahr habe ich am 9. November aufgeschrieben, warum ich das Putzen von Stolpersteinen, die oft so offensiv vorgetragene Gedenkkultur und überhaupt die Vereinnahmung jener Toten, die eben auch meine Familie sind für so schmerzhaft, so problematisch, so erschöpfend halte.

Mich haben dazu viele böse Emails erreicht. Sie alle forderten mehr Rücksichtnahme von mir dem Juden, den Deutschen gegenüber, sie bräuchten diesen Raum, diese Steine, dieses Gedenken für sich. Das müsse ich endlich akzeptieren.

Es ginge nicht nur um die Befindlichkeiten den Juden.

Das Gleiche meinen die Kolumnisten wohl auch, schreiben sie über die Frage, ob es denn nun genug sei mit jener vielzitierten Rücksichtnahme, die es außer in der deutschen Imagination niemals gegeben hat.

Die Realität nämlich ist für Juden eine ziemlich ernste Angelegenheit, auch noch 73 Jahren.

Die besagte Kolumne finden sie so einfach, dass ich sie nicht verlinken muss.

Am Ende von Anfang an.

Am Schlimmsten sagen die Leute ist die Beerdigung.
Aber die Beerdigung war nicht das Schlimmste.
Vielleicht weil die Frau des Krämers eine so vortreffliche schwarze Witwe gab, dass der Tierarzt gelacht hätte, lachte er noch.
Vielleicht weil der Priester, der mir so fremd ist, wenn er die Messe liest, trotzdem der Priester ist. Er war am Anfang als ich ins Dorf zog und als meine Zeit im Dorf zu Ende ging, da war er der Letzte.
Später würde die Frau des Krämers sagen, dass nicht einmal Richard Robinson ein verdienter Mann des Dorfes ein so feierliches Begräbnis bekommen habe.
Sieben Taschentücher sagte die Frau des Krämers zu mir und ihre Tochter sogar neun.
Aber ich habe nicht gesehen, wie die Frau des Krämers ganz vorn ihre Taschentücher gebrauchte, nicht wie die Familie, die mir so fremd blieb, wie ich ihr Abschied nahm, kaum einen der vielen Freunde habe ich wiedererkannt, ganz hinten habe ich in der Kirche St Sylvester gesessen, so lange waren wir Nachbarn St Sylvester und ich. Der Wind knallte gegen die Kirchentüren und das war mir angenehm, der Tierarzt bestand doch darauf ein Sturmgeborener zu sein und am Ende da kam der Sturm zurück. Hinten, dort wo ich saß da liegen die Gesangbücher aber durch das Kirchenfenster, das dritte von hinten nämlich kann man zu mir zum Fenster hereinsehen und während der Priester betete und die Frau des Krämers so laut sang, dass die Erde bebte, sah ich ins Fenster hinein, sah noch einmal den Tierarzt dort stehen, halb verdeckt im Schatten, denn das Fenster teilt sich den Himmel mit St Sylvester, noch einmal also sah ich zum Tierarzt herüber, ich komme gleich nach, wollte ich rufen, aber das stimmt ja nicht und dann läuteten die Glocken und alle zogen aus der Kirche heraus. Aber ich blieb sitzen, ich habe keine Erde auf das Grab geworfen, keine Hände geschüttelt, sondern lange noch in das Fenster gesehen, bis ich den Tierarzt wirklich nicht mehr sehen konnte. Da lag die Hand des Priesters, der wieder der Priester war auf meiner Hand.

Das Schlimmste ist, wenn man auszieht, sagen die Leute. Dann merkt man den Tod erst so richtig. Aber der Umzug war nicht das Schlimmste. Vielleicht weil der Tierarzt bis ganz zuletzt, verschenkte und weggab, weil er und ich wussten, dass es bis zur Mondsteinscheibenfabrik viel zu weit sein würde, vielleicht, weil wir gemeinsam einpackten, einlagerten ( die alte Standuhr natürlich, mit dem störrischen Zeiger und den grünen Sessel, den die Katze schmerzlich vermisst.) Vielleicht weil es sich mehr nach Umzug anfühlte als nach dem Ende von allen, vielleicht weil die Frau des Krämers schon wieder weinte, obwohl sie doch die Ausländerin gar nicht im Dorf haben wollte, aber sie waren doch unsere Ausländerin schluchzte die Frau des Krämers und hatte kein Taschentuch mehr. Müde war ich, als ich da stand im Laden vor ihr und die letzten Milchflaschen zurückgab und die Schlüssel dazu. Das Haus kauft eine junge Familie. Alles Gute, habe ich gesagt, damals vor Monaten als ich sie zum ersten Mal traf. Wiedergesehen habe ich sie nicht. Möbel wollten sie keine behalten und die alte Küche wird ganz neu und modern, sagte der Mann und ich nickte. Die letzten Wochen aber hat die Familie des Tierarztes das Haus zu ihrem gemacht und ihr Haus ist niemals das Meine, auch wenn es mein Haus war, aber ich bin zu müde, für neue Probleme und die immer betrunkene Schwester und die klagende Mutter und die gesammelten Forderungen nach einem schöneren Leben. Gefürchtet habe ich mich vor dem Haus in den letzten Wochen und ich fürchte mich nicht gern.
Die Frau des Krämers sagt, die Neuen werden es nicht leicht haben. Sie klang entschlossen, aber ich zweifle, dass moderne Menschen, Milch bei der Frau des Krämers einholen. Aber ganz am Ende meiner Zeit im Dorf habe auch ich gelernt zu schweigen.

Das Schlimmste kommt immer dann, wenn man nicht damit rechnet.Das sagt aber keiner.
Da laufe ich zu Kälbchen hinunter, der Bauer hat angerufen, kommen sie schnell. Kälbchen steht auf der Weide und brüllt. Brüllt nach dem Tierarzt. Jeden Tag wartet Kälbchen auf den Tierarzt, der ihm dich alles war. Es war doch der Tierarzt der Kälbchen in eine Decke gewickelt hat und auf das Sofa legte. Gesungen hat der Tierarzt für Kälbchen und Kälbchen war nicht mehr allein auf der Welt. Der Tierarzt kommt nicht mehr und Kälbchen schreit nach seinem Tierarzt. Niall ist fort, sage ich verzweifelt, immer und immer wieder. Aber Kälbchen hört mich nicht. Kälbchen will keine Möhrenstücke und Apfelscheiben und wieder versuche ich vergeblich Kälbchen wie einmal den Tierarzt zu überreden, es doch wenigstens zu versuchen mit dem Apfel und der geriebenen Möhre. Da stehen wir und Kälbchen schlägt den Kopf gegen den Zaun und der Bauer und ich kommen nicht dazwischen. Das brüllende Kalb und ich auf der Wiese, die grenzenlose Verzweiflung in ihm, Tag für Tag, jeden Tag komme ich zurück und von weitem schon höre ich Kälbchen brüllen. Ob Kälbchen verstanden hat, dass der Tierarzt nie mehr zurückkommt oder viel zu müde ist, weiß ich nicht, aber als Kälbchen nach Tagen aufhörte zu brüllen, da war es nicht länger Kälbchen, kam nicht mehr zum Zaun, tat so als hätte er mich nie gesehen, beachtete den Bauern nicht, hob nicht mehr den Kopf kam ich im roten Volvo angefahren, da hatte Kälbchen aufgegeben. Das war das Schlimmste, die brüllende und schließlich, die ganz stumme Verzweiflung.
Bis ich heiser war, habe ich nach Kälbchen gerufen, aber Kälbchen kommt nicht mehr. Das ist das Schlimmste und irgendwann muss ich hingefallen sein, denn erst stunden später findet mich die liebe C.
„Komm, sagt sie, Komm.“ „Das war mein Satz“, sage ich.
„Komm“, sagte ich zum Tierarzt.
„Komm“, sagte der Tierarzt zu Kälbchen.
„Keiner ist mehr da“, sage ich zur lieben C.

Isidor Eisenstein

Viele Jahre habe ich nicht an Isidor Eisenstein gedacht. Aber vielleicht ist es auch anders, vielleicht versuche ich aber auch nur nicht ständig und ausschließlich an Isidor Eisenmann zu denken. Das ist ja manchmal ein- und dasselbe. Aber gestern Nachmittag in einem Café in Kreuzberg unter alten Bäumen zudem und in guter Gesellschaft,  ich traf die zauberhafte Juna und die nicht minder wunderbare Johanna da fiel Isidor mir doch wieder ein. Deutlicher als sonst und vielleicht sind auch die Zeiten so, dass einem öfter Dinge in den Sinn kommen, die man längst schon beiseite gelegt glaubte, eingemottet wie den schweren Wintermantel oder das Paar Bergestiefel, die immer in einer Kiste im Keller lagern, die man nie, aber wirklich nie auf Anhieb findet.

Vor vielen Jahren fragte ich meine Großmutter einmal: „Was macht einen Juden aus?“ Das war eine Frage, die mich umtrieb und die mich nie wieder losgelassen hat. Meine Großmutter verzog immer ein bisschen spöttisch die Mundwinkel, sah sie mich mit dem Shabbes-Leuchter und der Challah, lächelte und sagte: Wenn du meinst mein Kind, ja ich meinte und sie lächelte und nickte. Aber Schubert ist doch erlaubt am Shabat. Gefragt habe ich sie doch, alles habe ich sie gefragt und nie habe ich mich davon erholt, dass ich sie nicht mehr fragen kann oder anders, dass sie mir nicht antworte. Damals also vor vielen Jahren fragte ich sie: „Was macht einen Juden aus?“

„Lass mich dir von Isidor Eisenstein erzählen sagte sie. Isidor war ein Freund deines Urgroßvaters, meines Vaters. Arzt war Eisenstein und er hatte eine Ordination in der Kreisstadt, er war praktischer Arzt, aber er war auch Kardiologe und war einer der frühen Spezialisten für Herzkrankheiten, aber für uns alle war er nur Onkel Isi, ein lustiger Mann mit einem verschmitzten Lächeln und Karamellbonbons in der Jackentasche, wie alle meine Geschwister hat Onkel Isi auch mich auf die Welt geholt und wie mein Vater sagte, holte er nicht, sondern sang die Kinder auf die Welt, denn Onkel Isi war leidenschaftlicher Sänger. So war es kein Wunder, dass Onkel Isi und mein Vater oft zusammen musizierten. So lebte Isidor Eisenstein für viele Jahre, er hatte zwei Töchter und einen Sohn. Mein Urgroßvater hatte viele Mädchen und Isidor hoffte sein Sohn würde sich in eine Tochter seines besten Freundes verlieben.
Aber soweit ist es nicht gekommen. Stattdessen kam das Jahr 1933 und dann kam das Jahr 1935 und Isidor Eisenstein durfte nur mehr Arzt für Juden sein, aber nicht mehr für deutsche Patienten, aber Onkel Isi sagte meine Großmutter war ein Arzt, der nicht aufhören konnte sich um seine Patienten zu sorgen und so machte er weiterhin Hausbesuche nach Einbruch der Dunkelheit.
Ein Kind lag ihm besonders am Herzen- ein Bub mit angeborenem Herzfehler nämlich, auch dieses Kind hatte Onkel Isi auf die Welt geholt. Dann kam das 38er Jahr und eine Gruppe von Schlägern brach johlend auch in die Praxis von Onkel Isi ein, zerschlug die Medikamentenschränke, die Schläger waren Jugendliche, junge Männer 18 oder 19 Jahre alt, ein paar Familienväter, Gaffer. Sie zerschlugen erst die Praxis und dann forderten sie lautstark, dass Onkel Isi überhaupt gar kein Arzt mehr sein sollte, denn man wusste doch, dass jüdische Ärzte, deutschen Frauen die widerwärtigsten Dinge unter dem Vorwand einer Untersuchung antaten.
Als die Ordination kaputt geschlagen war, kam Onkel Isi selbst an die Reihe.
Die Männer schlugen ihm die Brille von der Nase, ließen ihn auf den Knien nach der Brille tasten, bevor sie seine Brille schließlich zertraten. Dann zogen sie Isidor wieder auf die Beine und alle jungen Männer kamen einmal in die Reihe, sie boxten Isi in den Bauch, traten ihm gegen die Knie, zwei Zähne schlug man ihm aus, die anderen durfte er noch behalten, einer aber tat sich besonders hervor unter den Schlägern, es war der Junge zu dem Onkel Isi drei oder viermal die Woche auf Hausbesuch ging seines kranken Herzens wegen. Der Junge brach Onkel Isi die Nase. Irgendwann hatten die goons genug und zogen ab, es gab auch noch andere jüdische Familien im Ort, die auch noch an die Reihe kamen.

Onkel Isi aber ging zurück nach Hause und ließ sich von seiner Frau so gut verarzten wie es ging. An jenem Tag gingen die Juden nicht auf die Straße und Onkel Isi lag auf einem Sofa und kühlte sich die gebrochene Nase. Aber am Abend als seine Frau, ihm eine Suppe brachte, da stand er auf, Onkel Isi mit der Lücke zwischen den Zähnen, dem blauen Auge, der zerschundenden Nase und der bleiernden Müdigkeit im Herzen, stand auf, zog sich an und als seine Frau sagte: „Aber Isi Du kannst doch jetzt nicht aus dem Haus gehen.“ Aber Onkel Isi, sagte meine Großmutter packte seine Tasche, tat die Medikamente hinein und dann ging Onkel Isi wie sie oft zu seinem Patienten, den er so viele Jahre behandelt hatte, den er wie so viele Kinder auf die Welt gesungen hatte und der ihm Vormittag die Nase brach. „Er hat ein krankes Herz“, sagte Onkel Isi und dann ging er und sah nach dem Jungen.

Damit endete meine Großmutter ihre Erzählung. Das war ihre Antwort auf meine Frage. Sie sagte nicht, ob sie das richtig fand oder falsch, oder verrückt oder ob Onkel Isi eine Ausnahme war. Meine Großmutter verweigerte eindeutige Antworten und das war ihre Antwort auf meine Frage: „Was macht einen Juden aus?“ Das war es, was sie mir antwortete.

Wir waren lange still an diesem Abend und als ich sie fragte, ob Onkel Isi, seine Frau, die beiden Töchter und der Sohn wohl und mehr musste ich nicht sagen, denn meine Großmutter schüttelte den Kopf. Nein, sagte sie, Keiner.

3 x 2 plus 1

Ich gehe mit den Kindern in den Park. Wir packen einen Picknickkorb ein und natürlich Kanzler Bär. Einen Ball, ein Buch, Nichte Nummer 3 ihre Gitarre, Nichte Nummer 2 ihren Zeichenblock, der Neffe und der Tierarzt sage unisono: „Aber es ist doch Fuuuuuuußball.“ Der Tierarzt und der Neffe gehen in einen Pub. „Aber nur Apfelsaft“, rufe ich den beiden hinterher. Ich fürchte beide rollen mit den Augen. Den Nichten fallen Freundinnen ein, die auch ganz dringend mit den Park kommen sollen. „Klar“, sage ich und dann gehen wir los. Der Park hat alte Bäume, Schaukeln, und Gänseblümchen.

Ich rolle die Decke aus, sieben Mädchen rollen im Gras. Ich zwinge mich nicht alle zwei Minuten durchzuzählen. Zwei Mädchen spielen Gitarre und singen, schön klingt das wie sie singen. Die Bäume heben die Wurzeln an. Man darf ihnen aber nicht sagen, wie schön sie singen. Dann werden sie rot und singen nicht weiter. Zwei Mädchen malen vertieft und ich wage dann und wann einen Blick. Die Mädchen malen so wie ich niemals malen könnte, aber das darf man ihnen nicht sagen, dann verstecken sie die Bilder sofort. Drei Mädchen üben Rad schlagen, Handstand und Brücken. Hier darf ich noch Beine halten, Schwung geben und die drei grazilen Damen unterstützt von Kanzler Bär angemessen bewundern. So ein Nachmittag ist das, Sonnenschein und Schokokuchen, selbstgemachter Eistee, Sandwiches und Karottenspalten mit Hummous dazu. Ich habe schon wieder durchgezählt, aber ich lese auch ein paar Seiten und blinzle in die Sonne. Es ist heiß in London in diesen Tagen. Vier Mädchen beschließen einen Spaziergang zu machen. Ich schwöre die Zeichenblätter nicht anzurühren und die Gitarre nicht zu verstimmen. Drei Mädchen spielen Uno. Drei Mädchen wissen genau, dass ich nicht zum Karten spielen taugen. Ich spiele die drei Bluesstücke auf der Gitarre, die ich auf der Gitarre spielen kann. „Sie bringt dich um“, sagt die kleine Königin zu mir. „Ich weiß“, sage ich und drei kleine Mademoiselles schwören feierlich mich nicht an die große Schwester zu verraten.

Drei Mädchen spielen Uno.

Ich spiele Gitarre.

Dann sehe ich ihn.

Er ist vielleicht sechszehn Jahre alt. Alles an ihm sagt Außenseiter. Er ist hier mit seinen Geschwistern, seine Eltern sehe ich nicht. Er trägt Außenseiterhosen, er hat einen Außenseiterhaarschnitt, er bohrt die Füße in den Boden, seine Geschwister spielen Fußball, er balanciert einen Stock in seinen Händen, einer seiner Brüder verfehlt mit dem Ball eine Torlinie und der Ball trifft ihn, er stolpert, awkward, er fällt hin, seine Geschwister lachen. Er wirft den Stock weg, er stolpert über seine offenen Schnürsenkel, schon fällt er wieder. Diesmal bleibt er einfach liegen. Die anderen Kinder lachen. Ich starre auf meine Hände auf den Gitarrensaiten. Du bist zurück, will ich zu ihm herüberrufen, du bist endlich wieder da. Denn ich kenne ihn, natürlich kenne ich ihn, wie könnte ich ihn je vergessen, man vergisst niemanden, der aus einem Baum herunterfällt und mit aufgeschrammten Knien neben einem auf den Boden fällt und sagt: Hey, leihst du mir das Buch, was du liest? Ich sagte ja, klar, aber nur wenn du mir dein Buch leihst. Er nickte, aber er sah mich nicht an. Er hatte den Blick aller Außenseiter und Straßenhunde, den Blick all jener, die wissen, dass der nächste Tritt schon kommt, auch wenn das Gegenüber noch lacht mit offenen Händen und Armen. Wir erkannten uns. Wir teilten den gleichen Blick und wir teilten Bücher, die Angst vor Schlangen, die Vorliebe für Nussschokolade. Wir versteckten uns in den Bäumen, einen ganzen Sommer lang. Eines Tages hatte ein blaues Auge, Ich bin dumm, sagte er. Spinnst du, sagte ich. Du bist schlau. Fast so schlau wie meine Großmutter. Er lachte zögernd, aber er sah mich nicht an. Ich wartete lange. Ich kann nicht rechnen. Wenn ich Zahlen sehe, dann hört alles einfach auf.

Ich kann nicht rechnen. Bring dein Mathebuch mit sagte ich und tat so als ob ich nicht sehen würde, wie er weinte. Er brachte das Mathebuch vom letzten Schuljahr mit und das neue Mathebuch auch. Ich schrieb die Lösungen in das Buch. Von der ersten bis zur letzten Seite.  Problem gelöst, sagte ich und lachte. Ich lag mit ihm hinter den Johannisbeerstauden im Garten meiner Großmutter. Seine Augen waren grau.Wenn er lächelte, waren seine Augen aus Silber. Meine Großmutter sagte: „Na ihr beiden, mögt ihr Eis?“

Kurz bevor die Ferien endeten und es waren für viele Jahre die letzten Ferien, die ich bei meiner Großmutter in Deutschland verbrachte, da gingen wir aus. Meine Großmutter und ich spielten feine Damen. Dabei war sie eine feine Dame. Eine feinere Dame habe ich nie gekannt. Das Restaurant zu den Goldenen Löwen hatte Stoffservietten. Die Stoffservietten waren gefaltete Schwäne und es gab eine Suppe, die hieß Hochzeitssuppe. Ich dachte an einen Jungen mit grauen Augen. Ich musste gar nicht lange denken, denn er und seine Familie saßen zwei Tische weiter. Seine Mutter sah aus wie aus dem Quelle-Katalog und seine beiden Schwestern waren adrett und hatten sich niemals selbst den Pony vor dem Badezimmerspiegel selbst geschnitten, so wie ich. Sein Vater sah streng aus. Ich zwinkerte ihm zu. Er wurde rot und ließ die Gabel fallen. Sein Vater sagte: „Du Idiot.“ Er ließ die Kellnerin die Gabel aufheben.

Ich sah auf den Teller Hochzeitssuppe.

„Schmeckt es Dir nicht?“, fragte meine Großmutter.

Ich schüttelte den Kopf.

Die Familie am Nebentisch aß schneller als wir.

Der Vater der Jungen gab dem Jungen die Rechnung. Wieviel sind fünf Prozent Trinkgeld, du hast drei Minuten.

Der Junge mit den grauen Augen starrte auf den Zettel.

Ich stand so schnell auf wie ich konnte, stieß den Stuhl um, sah auf den Zettel und sagte ohne Luftzuholen: 83 DM.

Der Vater schlug dem Jungen mit den grauen Augen mit der Hand ins Gesicht und stopfte die zerknüllte Rechnung in die Tasche.

Schämst du dich nicht dümmer zu sein als das Mädchen, schrie er ihn an. Seine Frau und die Schwestern taten so als säßen sie an einem anderen Tisch.

Aber meine Großmutter war aufgestanden und sagte zu dem Mann: „Hören Sie mal, wie gehen sie mit ihrem Kind um. Sie sind ja gemeingefährlich.

Aber der Mann stand auf und zog seine Frau und die Kinder hinter sich her.

„Wie ich meine Kinder erziehe, geht nur mich etwas an“, schrie er.

Ich griff nach der Hand von dem Jungen mit den grauen Augen. Er schlug sie weg. Ich hasse dich, sagte er und sah mich nicht an.

Meine Großmutter hob den Stuhl wieder auf.

Die Hochzeitssuppe war kalt.

Hey, will ich zu dem Jungen sagen, der auf dem Boden sitzt in einem Park in London, da bist du ja endlich wieder, glaub mir doch, ich wollte dich vor deinem Vater nicht blamieren, mir fiel nichts anderes ein damals, verstehst du. Erzähl mir doch, wie es dir geht. Was machst du jetzt. Lässt du mich deine Augen sehen? Aber ich habe den Jungen mit den grauen Augen nie wieder gesehen und in London klettert der Junge, der aussieht wie er und auch wie ich einmal ausgesehen haben, nicht auf den Baum, sondern zertritt einen Ast.

„Dürfen wir ein Eis?“, fragen mich sieben Mädchen, vier Mädchen sind vom Spaziergang zurück, drei Mädchen spielen noch immer Uno.

„Klar, sage ich und krame nach Eisgeld und ich sage nicht mehr: Kauft dem Jungen dort drüben unter dem Baum doch auch ein Eis.“ Sieben Mädchen rennen zum Eiswagen herüber. Ich zähle zweimal nach.

Auf einer anderen Seite.

Mein Vater spricht fast nie über Politik.

Die liebe C. lächelt immer dann, wenn Patienten mit ihr über Politik sprechen.

Schwesterchen interessiert sich nicht für Politik.

Mein Vater hat zwei Tageszeitungen abonniert.

Die liebe C. und ich beginnen den Tag mit den frühen Nachrichten. Die frühen Nachrichten reichen wir immer an Schwesterchen weiter.

Mein Vater wählt FDP, weil sich die FDP auch nicht für Politik interessiert.

Niemand ist so gut über Politik informiert wie mein Vater.

Desinteresse kann auch Vorsicht sein. Vielleicht.

Mein Vater, schon als meine Schwester und ich noch klein waren, klopfte an die Tür bevor er eintrat.

„Störe ich?“, fragt mein Vater und noch immer klopft mein Vater so an die Tür und ich nehme die Zeitung vom Sessel und mein Vater spricht lange über die Verbannung Ovids nach Tomi, das Ende von Seneca oder einen der vielen römischen Kriege.

„Wie übersetzt Du das?, fragt mich mein Vater, manchmal spät Abends. Er im Sessel und ich auf einem bunten Kissen in der Fensterbank. Mein Vater käme Nachts niemals und fragte mich: „Wen wählst Du oder was hältst du von?“ Mein Vater fragt mich oft nach der Bedeutung des Wortes otium oder einem merkwürdig gebrauchten Ablativ.

Ich wähle nicht in Deutschland. Mein Vater wählt wieder in Deutschland. Mein Vater war lange Staatenloser, mein Vater hat sich des unerlaubten Grenzübertrittes schuldig gemacht, mein Vater geht niemals ohne seinen Pass aus dem Haus. Wir alle, die wir uns Nachts treffen, in einem Zimmer, in der Küche, in der Diele oder im Treppenhaus, wir alle haben mehr als einen Pass. Aber niemals sprechen wir über die Pässe und nur einmal hat meine Schwester ihren Vater gefragt, ob er sich als Flüchtling gefühlt hätte, damals. Mein Vater antwortete erst viel später, er sei davongekommen, sagte er und das war alles, was er sagte, dann sprach er lange und schnell über das Ende Roms oder Augustus, mein Vater spricht selten über die Gegenwart und verwundert, fragt mein Vater seine Frau manchmal, was er antworten sollte, fragten die Leute ihm, was es denn Neues gäbe.
Als Erstes fiele ihm vielleicht eine Ovid Übersetzung ein. Wir ähneln uns nicht, nicht in der Nacht und auch nicht am Tag, wir schließen die Türen, wir teilen von unseren Geschichten, nur Ecken, Spiegelkanten, wir haben immer nur für eine Nacht miteinander gelebt und uns immer von fern gesehen, geschrieben, aber in einem ähneln wir uns, wir alle lächeln. Wir haben keine Knoten im Taschentuch, wir legen uns die Knoten in die Mundwinkel hinein.

Unter den Augen des Kaisers geschah alles, was in Rom geschah. Was hat der Kaiser denn nicht gesehen? Jerusalem war auch einmal Rom und Ovid schrieb wieder und wieder. Er schrieb vergeblich, vielleicht nicht weniger vergeblich als wir.

Kommen Gäste, dann wollen die Gäste über Politik reden und nicht über Ovid. Die Gäste, die kommen, wollen uns erklären, dass wir naiv seien, auch dumm, leichtsinnig, wir sind noch unangenehmer als die Bahnhofsklatscher, die doch schließlich wieder nach Hause gingen. Die Gäste sagen: „Das bringt doch alles nichts.“ Sie sagen es in Richtung meines Vaters, der lieben C. und mir. Mein Vater legt Kuchen auf die Teller, die liebe C. stellt die Blumen in die Vase, ich frage: „Tee oder Kaffee?“. Die Gäste wären überrascht, wüssten Sie, das bei uns niemand jemals das Wort Flüchtling gebraucht und als ich die Aufklärungssprechstunde begann, da nickte mein Vater, und als mein Vater mir erzählte, dass am Montag E. käme zum Deutsch Lernen, da nickte ich, es klang nicht anders als der D., der am Mittwoch kommt zur Latein Nachhilfe.

Den D. lässt mein Vater Coca-Cola deklinieren, das merkt sich leichter hat mein Vater irgendwann einmal herausgefunden als die bemühten Beispielvokabeln und der D. der immer schon auf einen Latein-Sechser abonniert war, hat einen Zweier geschrieben in der Latein-Probe und mein Vater lächelte, denn mein Vater leitet aus einem Sechser nichts weiter ab, als das jemand noch nicht in die Schönheit lateinischer Prosa fiel.

An den Montagen aber mit der E. aber hat mein Vater nicht das Alphabet mit ihr gepaukt oder Buchstabenkarten gemalt, sondern für die E. gesungen, wie er heute für die Enkelkinder singt. Der Mond ist aufgegangen, sang die E. ganz leise und damit war es geschehen, die E. hatte in die deutsche Sprache gesehen, hineingesehen, damit war der Großteil der schon geschafft, sagte mein Vater, dann muss man nur noch üben, so kommt die E. zum Deutsch Üben am Montag und mein Vater begeistert sich Woche für Woche mit der E. an römisch-somalischer Beziehung von vor 2000 Jahren und so sprach mein Vater mit der E. darüber was ein Bürger sei und nicht so sehr darüber, dass Mimi ein Auto hat und Paul ein Fahrrad.

„Was ist ein Bürger?“, fragt mein Vater die E. und auch sich.

„Was wollen die hier?“, fragen die Gäste.

Mein Vater, der noch einmal davonkam, hat mit dem Blumenwürfel Hebräisch gelernt, damals in Jerusalem.

Mein Vater und ich wir sprechen kein Deutsch miteinander.

Die Gäste fragen: „Warum sprecht ihr kein Deutsch miteinander?“

Mein Vater sagt: „Es hat sich noch nicht ergeben.“

Dann lache ich, so ist mein Vater. Mein Vater klopft an, an der Tür in der Nacht. Seine Mutter und ich sprachen Deutsch und mein Vater will noch immer unser Gespräch nicht stören.

Mein Vater malt die Gesichter der Gäste auf die Servietten. Die Gäste streiten über Politik und wir lächeln und hören zu. Wir selbst wissen nichts beizutragen, wir sehen die Welt von unterschiedlichen Rändern aus. Man ist vorsichtig an den Rändern.

Spätabends klopft mein Vater an die Tür. Die Gäste sind gegangen.

„Störe ich Dich?“ „Nein“, sage ich, komm doch herein und mein Vater sitzt im Sessel und ich auf der Fensterbank.

„Es war nicht genug, nur zu sagen, civis romanus sum“ sagt mein Vater und dann legt er den Kopf zur Seite und lächelt mir zu. „Merkwürdig nicht wahr, sagt er, dass alle über etwas reden und bestimmen wollen, obwohl wir noch nicht einmal für die Vergangenheit wissen, was das bedeutet, ein Bürger zu sein und eine Kultur zu haben, so als sei nicht alles auch immer umgekehrt möglich und dann schüttelt mein Vater den Kopf.
„Nachtgeschwätz“, sagt er, aber ich erinnere mich noch an eine andere Nacht, da spielte ich die Mondscheinsonate, diesen Fingeraufwärmer und mein Vater, der wie wir alle, niemals über Politik sprach, neigte den Kopf zur Seite und sagte ist es nicht merkwürdig, dass die Deutschen damals den Angriff auf Coventry Operation Mondscheinsonate nannten? Damals wie heute nickte ich, denn alles, wirklich alles lässt sich auch in sein Gegenteil verkehren. Alles kann immer auch schon anders sein.

Aber dann gähnt mein Vater, die Kirchturmuhr schlägt zwei Uhr und mein Vater entschuldigt sich: „Dich so lange wachzuhalten“ und schon ist er aus der Tür verschwunden, so still und leise, wie er kam, denn eigentlich sprechen wir nicht über Politik und wenn dann doch nur ganz ausversehen, zufällig und unfallhaft.

Wie mein Vater einmal am Internationalen Frauentag die Zukunft des Sozialismus malte, aber das auch wieder nicht recht war.

Mein Vater konnte gut zeichnen, als er ein Kind war.

Meine Großmutter suchte einen Zeichenlehrer für ihn. Herr K. war ein Trinker und malte Kulissen für das Stadttheater. Er sah sich gern bereit meinen Vater in die Geheimnisse des Zeichnens einzuweihen.

Herr K. hatte eine Sammlung mit Heften von vor dem letzten Krieg. Die Hefte zeigten Frauen bei eindeutigen Handlungen. Mein Vater besah sich die Hefte, aber keine der Frauen so befand er, konnte mit der schönen Chemielehrerin mithalten, die neu an die Schule gekommen war.

Herr K. trank blaue Schnäpse, mein Vater fragte seine Mutter nach Josephine Baker. Meine Großmutter lobte den Musikgeschmack meines Vaters.

Der Zeichenlehrer des Gymnasiums ließ die Schüler Blumensträuße malen. Mein Vater malte den schönsten Blumenstrauß. Der Kunstlehrer war beeindruckt. Weniger beeindruckt war der Kunstlehrer davon, dass mein Vater nicht bei der FDJ war.

„Am nächsten Frauentag könne er sich als aufrechter Bürger der Deutschen Demokratischen Republik beweisen“, sagte der Kunstlehrer. Mein Vater nickte. Er wollte sich vor allem gern vor der Chemielehrerin beweisen. Die Chemielehrerin war Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.

Der Kunstlehrer sprach von einem Plakat auf dem die starken Frauen des Sozialismus zu sehen wären. Traktoristinnen, Melkerinnen, Fabrikarbeiterinnen. Die Frauen seien die Zukunft des Sozialismus sagte der Kunstlehrer. Seine Frau arbeitete nicht. Sie blieb mit den Kindern zu Hause. Darüber wollte der Kunstlehrer nicht reden. Der Kunstlehrer sprach lange über die Rolle der Frau und die Entwicklung des Marxismus-Leninismus.

Mein Vater nickte.

Zuhause fragte er seine Mutter: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“, fragte er sie. Meine Großmutter sagte: Am Internationalen Frauentag trinken die Männer Schnäpse und die Frauen bekommen warme Worte bevor sie wieder an die Arbeit gehen.“

Mein Vater nickte.

Dann fragte er seinen Vater: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“ Mein Großvater sagte jeder Tag sei Frauentag und es sei eine Schande einer Frau Nelken zu schenken.

Mein Vater nickte.

Dann malte mein Vater ein Bild.

Der Traktor war am schwierigsten, auch deshalb weil mein Vater sich damals wie heute nicht für technische Dinge interessierte und die Bilder, die der Kunstlehrer ihm zur Verfügung gestellt hatte, waren zudem schwarz-weiß und nicht besonders deutlich. Traktoristin bei der Ernte am Donbass, Dreherin an der Werkbank in der VEB Chemnitz, derlei Bilder waren in den Broschüren zu sehen. Mein Vater probierte lange am Traktor herum, bis es endlich klappte.

Mein Vater malte eine Frau, die Frau saß rittlings auf dem Traktor. Sie hatte die Beine von Josephine Baker, sie machte einen Mund wie Hedy Lamarr. In den Händen hielt sie eine riesige Sahnetorte. Auf der Sahnetorte war eine Kirsche. Die Frau trug einen Rock. Der Rock war sehr kurz. Der Rock ähnelte auffällig jenem Rock, den die Chemielehrerin im Sommer trug. Auf dem Rock waren Kirschen. Die Frau trug einen Zylinder auf dem Kopf wie Marlene Dietrich einstmals einen trug. Die Frau hatte einen blonden Bubikopf, nicht unähnlich jener Traktoristin vom Donbass in der Broschüre des Kunstlehrers. Die Frau auf dem Traktor hatte ein berauschendes Lächeln.

Im Hintergrund des Bildes standen Männer mit erhobenen Flaschen. Sie waren sichtlich angetrunken. Die Flaschen wie auch der Traktor waren grün. Zukunft hatte mein Vater auf den Traktor geschrieben. Die Frau lächelte genau so wie die Chemielehrerin, wenn sie sagte: Wasserstoffperoxid.

Mein Vater konnte gut zeichnen. Mein Vater war sehr gut in Chemie.

Vor dem Traktor kniete ein Mann im Anzug. Er hielt einen Strauß roter Rosen in der Hand und lächelte zerknirscht. Auf dem Boden lagen lauter rote Nelken.

„Süßer wird der Sozialismus nie“, schrieb mein Vater unter das Plakat. Internationaler Frauentag 19XX.

Mein Vater hatte jede Nacht gemalt, um das Plakat rechtzeitig fertigzustellen.

Am Internationalen Frauentag hielt der Direktor des Gymnasiums eine Rede.

Frauen und Zukunft kam darin vor und öfter noch Frauen und die siegreiche Arbeiterklasse und Frauen und Sozialismus und heroische Zukunft, aber mein Vater sah aufgeregt zur Chemielehrerin herüber.

Dann war der Direktor endlich fertig mit seiner Rede. Der Direktor redete fast so lange wie der Direktor der Poliklinik. Eine Frau redete nicht.

Aktivisten der sozialistischen Arbeit des weiblichen Lehrerkollekivs wurden ausgezeichnet. Sie bekamen Nelken, eine Medaille, und ein Präsent.

Der Schulchor sang ein Lied und dann noch ein zweites Lied.

Der Direktor räusperte sich schließlich. Der Kunstlehrer blickte stolz nach vorn.

Der Direktor sagte: Der Schüler R. aus der Klasse 11c. präsentiert sein Plakat zum Internationalen Frauentag.

Mein Vater kam auf die Bühne.

Mein Vater sah zur Chemielehrerin, ob sie auch wirklich guckte.

Mein Vater entrollte sein Plakat.

Die Schüler kicherten.Manche Schüler machten eindeutige Handbewegungen.

Das Lehrekollektiv schwieg. Das Lehrerkollektiv schwieg geschlossen.

Der Direktor trat vor das Plakat.

Der Direktor schnappte nacht Luft.

Der Direktor schrie: Es ist eine Schande. Was für ein Schmutz!

Was bist du nur für ein Schmierfink?

Der Schüler R. befleckt die sozialistische Ordnung.

Der Schüler R. verhöhnt die Anstrengungen aller Werktätigen.

Der Schüler R. beschmutzt die Ehre der sozialistischen Frau und Mutter.

Der Schüler R. ist eine Schande für den Sozialismus.

Der Direktor bestellte meine Großmutter ein.

Meine Großmutter hatte an dem Plakat nichts auszusetzen.

„Traktoristin sei kein schlechter Beruf“, sagte meine Großmutter.

Der Direktor schrie: „Er lasse sich doch nicht für dumm verkaufen.“

Mein Vater wurde der sozialistischen Erziehung nicht für würdig empfunden. Er musste das Gymnasium verlassen. Meine Großmutter besorgte ihm eine Stelle bei der Post und meinem Vater, der gut zeichnen konnte, eröffneten sich ganz neue Vertriebswege für den von ihm gezeichneten Comic. Die Heldin hieß Johanna Kirsche. Johanna Kirsche war eigentlich Chemikerin, hatte einen zahmen Tiger und betrieb mit ihrer Mutter einen Nachtclub: Cherry on Top. Ihr Gegenspieler war Professor Apfel, er sah dem Direktor des Gymnasiums nicht ganz unähnlich.

Zwei Jahre später aber floh mein Vater aus der DDR, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Das Plakat aber gelangte auf welchem Weg auch immer in die Hände des Buchhändlers der kleinen Stadt und man erzählt sich, dass jener gegen die Zahlung eines Handgeldes in unbestimmter Höhe Stammkunden einen Blick auf den süßen Sozialismus werfen ließ. Aber man erzählt sich viel in kleinen Städten und wo das Plakat heue ist, weiß niemand so ganz genau.

Was ich über den Uhrmacher weiß.

Ein Jahr lang, lebte ich schon in Irland, da blieb der alte Reisewecker meines Großvaters einfach so stehen. Genau um 2.30 Uhr mitten in der Nacht. Bei Weir&Sons schüttelte man den Kopf: „Der Wecker sei schrott, aber sie könnten mir einen neuen Wecker verkaufen.“
Ich schüttelte den Kopf.
Der Wecker blieb stehen und ich suchte einen Uhrmacher.

Ich suchte vier Wochen bis ich den Uhrmacher fand.

Der Laden des Uhrmachers ist am Ende einer kleinen, dunklen Straße. Die Straße ist eng und fast hätte ich den Laden gar nicht gesehen.

Im Schaufenster des Uhrmachers liegen keine Uhren. Im Schaufenster des Uhrmachers steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Plastikrosen im Sommer, Plastiksonnenblumen im Herbst, im Winter ein Tannenbaum aus Plastik natürlich, im Frühling eine Primel. Die Primel ist dunkelblau und nicht aus Plastik. Sonst ist die Auslage leer. Uhrmacher steht auf dem Schild. Das Schild ist schwarz. Eine kleine Papptafel klemmt an der Tür: Watch Batteries.

Die Tür des Uhrmachers ist verschlossen. Man muss an die Tür klopfen, dann kommt die Frau des Uhrmachers und betätigt einen Schnapper, erst dann öffnet sich die Tür.

Der Laden ist klein. Nicht viel größer als eine Küche in einer Berliner Altbauwohnung. Eine Vitrine steht im Uhrmacherladen, die Vitrine ist fast leer, ein paar Ringe, ein paar Halsketten, Armbänder, Uhren sind nicht in der Vitrine. Hinter der Vitrine hängt ein Kalender. Der Kalender ist von 2002 und neben dem Kalender hängt eine billige Küchenuhr.

Mehr Uhren gibt es im Geschäft des Uhrmachers nicht.

Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.

Der Uhrmacher selbst sagt: My wife does the talkin.’

Aber auch die Frau des Uhrmachers spricht nicht viel.

Damals als ich mit dem alten Reisewecker meines Großvaters zum Uhrmacher kam, schwieg der Uhrmacher und ich redete auf den Uhrmacher ein. Ich wollte den Uhrmacher unbedingt davon überzeugen, den Wecker zu reparieren. Der Uhrmacher schwieg und klemmte sich eine Uhrmacherlupe in das rechte Auge.

„Das ist eine gute Uhr“ sagte er.

Damit war es besiegelt.

Die Frau des Uhrmachers schreibt die Reparaturaufträge in ein grünes Buch aus festem Karton. Der Uhrmacher diktiert ihr. Er beschreibt die Uhren genau. Er sagt nicht: Ein alter Wecker, metall, grüner Zeiger. Er sagt: Reisewecker, metall, beleuchtetes Ziffernblatt, vermutlich 1962, Deutschland, Federspannung. Der Uhrmacher diktiert mit geschlossenen Augen. Seine Frau fragt nie nach, sie schreibt mit langen geschwungenen Buchstaben.

„Mittwoch können Sie kommen und den Wecker wieder abholen“, sagte die Frau des Uhrmachers. Der Uhrmacher nickte.

Auf der Vitrine klebt ein Schild. „Wie möchten die Kundschaft darauf hinweisen, dass wir uns das Recht vorbehalten, eine Uhr, die auch drei Monate nach der Reparatur nicht abgeholt wurde, zu veräußern, um unsere Unkosten zu decken.

„Gibt es denn wirklich Menschen, die ihre Uhren nicht abholen?“, fragte ich den Uhrmacher oder seine Frau, man weiß ohnehin niemals wer einem antwortet.

Der Uhrmacher zog eine Schublade auf. Die Schublade war voller Uhren. Herren,-Damen und Kinderuhren, sogar ein kleiner Wecker in Form eines Hahnes aus Porzellan war darunter.

„Was machen Sie denn mit den Uhren, wenn Sie sie doch nicht verkaufen?“, fragte ich den Uhrmacher. „Ich ziehe sie auf, was denn sonst?“, sagte der Uhrmacher. Ich nickte.

Manchmal kommen Kunden mit Uhren, die dem Uhrmacher nichts taugen. Uhren aus Plastik für drei Euro. „Das ist keine Uhr, sondern eine Schande“ sagt der Uhrmacher dann. Die Frau des Uhrmachers sagt: „Sie können die Uhr wieder mitnehmen“ Dann knallen die Kunden mit den Türen.

Der Uhrmacher repariert Uhren, aber Uhren verkauft er nicht.

Der Uhrmacher sagt: „Jede Uhr hat einen Charakter, die meisten Menschen haben keinen.“

Manchmal verkauft der Uhrmacher eine Kette, einen Ring oder ein Armband. Aber auch das macht der Uhrmacher nicht gern.
Der Uhrmacher sagt: Er hat schon viele Bräute auf Hochzeiten weinen sehen. Dann seufzt der Uhrmacher und seine Frau streicht ihm über die Hand.

„Die Uhr ist an ihrem Ende angekommen“, sagte der Uhrmacher einmal zu einer alten Frau, die zum dritten Mal ihre Uhr zur Reparatur zu ihm brachte. Die alte Frau seufzte, die alte Frau sah nicht so aus, als ob sie Geld für eine neue Uhr gehabt hätte, der Uhrmacher öffnete die Schublade mit den tickenden Uhren und legte der Frau eine Uhr in die Hand. So ist der Uhrmacher.

Heute brauchte meine Armbanduhr nur eine neue Batterie.

Der Uhrmacher sagt: „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“
Ich muss lachen.

Vier Euro will der Uhrmacher für die Batterie haben.

Fünf Euro werfe ich in die Trinkgeldkasse des Uhrmachers. Die Trinkgeldose ist eine rostige Keksdose. Big Ben.

„Der Tierarzt, Uhrmacher sage ich, kommt nächste Woche, er braucht ein neues Armband für seine Uhr.“

Der Uhrmacher mag die Uhr des Tierarztes besonders gern. Die Uhr ist aus Frankreich. Der Uhrmacher war einmal mit seiner Frau in Lourdes. Der Uhrmacher ist ein frommer Mann. In der Vitrine des Uhrmachers neben den niemals abgeholten Uhren liegt ein Fotoalbum. Die Bilder im Album sind alle schwarz-weiß. Auf den Bildern ist der Uhrmacher zu sehen, neben einem alten Mann mit langem Bart. „Oben in Belfast bin ich Uhrmacher geworden“ sagte er, der alte Uhrmacherjude ist dann nach Israel. Der Uhrmacherjude war ein frommer Mann. Der Uhrmacherjude verstand sein Handwerk.

Ja, sagte ich.

Einmal fragte ich den Uhrmacher, wie lange es sein Geschäft noch gäbe und ob er denn Kinder hätte. „Kinder hätte er keine“, sagte der Uhrmacher, das Geschäft aber würde es geben, bis und dann zeigte der Uhrmacher auf seine Brust, bis die Uhr hier drin aufhört zu schlagen.“

„Ziehen Sie die Tür fest hinter sich zu“, sagt die Frau des Uhrmachers.

Manchmal macht sie dann noch eine Bemerkung über das Wetter, der Uhrmacher nickt. Der Uhrmacher macht niemals eine Bemerkung über das Wetter.

Das ist alles,was ich über den Uhrmacher weiß.

Unabänderlich, zu spät

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Du sitzt dort am Schreibtisch und es ist spät.

Du bist allein dort am Tisch. Mitten in der Nacht.

Allein mit der Nacht und der Uhr und dem Tisch und den Büchern.

Die Vorbereitung einer Aufklärungssprechstunde dauert zwischen 8 und 10 Stunden. Du hast keine Zeit. Du hast zwei Berufe und Dir bleibt nur die Nacht-

Du sitzt am Schreibtisch und bereitest dich vor.

Das ist was Du tust und Du löschst die Emails schon lange, derjenigen die Dich googlen und Dir dein Bild schicken und schreiben: Deine Araberfotze will eh keiner ficken.

Du löschst die Emails in denen alles steht und auch: wenn ich so scheiße aussehen würde wie du, dann würde ich mich aufhängen.

Du musst dich vorbereiten.

Du lebst mit den Bildern.

Das muss man doch wissen, sagt man dir und du sollst dir nichts aus den Verleumdungen machen. Mach Dir halt nichts draus.

Du sortierst Unterlagen, Zettel, Du packst Bücher ein.

Du zerkaust eine Aspirintablette, dann legst Du dich hin.

Du stehst auf und du gehst ins Büro und du lächelst und beantwortest Fragen und nickst und die J. ist in New York und Du würdest Dir so gern, das Lächeln der J. in die Jackentasche schieben. Aber Du bist allein und dann fährst du zum Flughafen und neben Dir im Transitraum sitzt eine Frau, die Frau hat ein Telefon und Du hörst ihr zu, weil sie so laut schreit und Du bist zu müde. Die Frau schreit sie würde der Gerechtigkeit zur Genüge verhelfen und dann ruft sie eine Versicherung an und es geht um ein feiges A*schloch und Kosten und Körperverletzung und Geld. Um genau 600 Euro und dann beschimpft die Frau, den Mann von der Krankenkasse, weil er nicht sagen will, was das A*schloch gesagt hat, wo es wohnt und dann ruft die Frau ihre Mutter an und erzählt ihr wie sie das A*schloch um 600 Euro erleichtert hat und dann zieht sie ihre Lippen nach. Im Flugzeug sitze ich neben der Frau und rücke so weit weg von ihr, wie ich nur kann und sie starrt mich an, aber immerhin kann sie mich so nicht wegen Körperverletzung anzeigen. Man muss aufpassen, heutzutage muss man aufpassen.

Du willst die Augen schließen, denn du bist so müde, aber du fürchtest Dich davor, gegen die Schulter der Frau zu sacken und Du sitzt gerade und Du starrst in das Buch und Du denkst an den Mann, der vor einem halben Jahr einmal in die Aufklärungssprechstunde kam und sagte :nur zum Zuhören. Und Du erinnerst dich, wie er dir seinen Daumen zeigte und eine Narbe, die fast verblasst war. Und Du sagtest: Ein Unfall?“ Und der Mann, der Dir den Daumen zeigte, sprach ganz viel und ganz schnell auf Pashto und Dein Pashto ist schlecht und es dauerte sehr lang bist Du verstandest, dass der Mann sich mit dem Messer in den Finger schnitt, wegen des Blutes und den Finger auf das Bettlaken drückte, um die Familie zu überzeugen, dass das geht mit der Frau und ihm und Du sagst: Genial. Und der Mann vor Dir lacht und sagt: No man needs to hurt a woman.
Und Du nicktest und Du dachtest, das ist Aufklärung und fragtest nach der Frau und dann wird es still und Du weißt schon warum und Du bedanktest Dich, denn da ist was tust und Du saßt noch für eine Weile auf dem Flur und der Mann sagte zu Dir: A place like this in Afghanistan and in everywhere and no man hurt no woman und Du nicktest und Du denkst, dass Du schon lange keine großen Träume mehr hast, aber du nicktest, denn das ist ein Traum.

Der Mann und Du, ihr geht eurer Wege und dann ruft die C. dich an und sagt: Weißt Du noch Herr G.? Und du nickst und die C. sagt etwas von Blutwerten und das Blut rauscht in deinen Ohren und du das Mädchen, das keine guten Titten hat, du setzt die Maschine in Gang, die es braucht und du rufst die Ärzte an, die du kennst und du überlegst dir wer dir einen Gefallen schuldet, denn das bist du, denn es muss weitergehen, da hast du gelernt, das ist dir geblieben, und dann geht Herr G. zu Spezialisten und du triffst ihn und er sagt zu Dir: „In Kabul haben Sie mir gesagt, ich bräuchte nur andere Tabletten, und du wirst wütend über die Quacksalber in Kabul, die Herrn G. wertlose Vitamintabletten verkauft haben, aus US-Beständen und du hoffst auf die Koryphäen und die Medizin und du hast umsonst gehofft und die C. ruft dich an und die C. sagt, der Krebs war zu schnell und zu aggressiv und du sitzt im Flugzeug und du bist müde und du denkst: damals als Du ihn gesehen hast, zum ersten Mal, war er da nicht auch schon müde, und blass und warum hast du nichts gesehen und die Frau neben dir im Flugzeug liest die Bunte und Gerhard Schröder heiratet zum fünften Mal und Du stehst auf und Du gehst los und die Frau telefoniert wieder und auf dem Bahnsteig da sitzt ein Mann in Daunendecken gehüllt und die Decken sind schmutzig und durchgeweicht und du wirfst Münzen in den Pappbecher und er schreit alles Schlampen außer Mutti.

Du gehst weiter und Herr G. ist einfach tot und Du schließt die Tür auf zur Praxis und beantwortest die Fragen und Du machst das was du machst und dir ist kalt und du bist müde und du sagst: Die Wünsche des Partners respektieren und dann sagst du : Geschlechtsteile sind keine Schimpfwörter und „Komm her Du Fotze ist niemals ein Beginn für irgendwas und du denkst an Herrn G. and no man hurt no woman und Herr G. ist tot und du „stehst auf und gehst herüber ins Haus deiner Großmutter und Du hast Durst und Du trinkst das Wasser aus der Flasche und Dir läuft das Wasser aus den Mundwinkeln und Du schämst dich für deinen Durst, dabei ist Herr G. doch tot und der Durst erdrückt dich fast und dir läuft das Wasser noch immer aus den Mundwinkeln und du schämst dich vor Herrn G. und der C. und Du bist so müde und die C. legt die Hand auf deinen Rücken und Du legst Dich hin und du weißt am nächsten Morgen gibt es neue Nachrichten und jemand malt lauter Penisse um dein Gesicht und Du sollst lächeln und die Verleumderin sucht neues Material und du sollst lächeln und weitermachen, weil so what und du bist müde und die C. steht im Zimmer und sagt: „Brauchst du was?“ und sie legt dir die Hand auf die Stirn und dann kramt sie deinen alten ipod aus dem Rucksack und Du hörst wie sie sagt: Mach Die Augen zu, ja und du nickst und du hörst zu: HarHar dam Sajna te jindri waar de, singst du leise für Herrn G. „Immer sind sie bereit ihr ganzes Leben für den Geliebten hinzugeben“ und du siehst den Daumen und die Narbe und du singst noch immer: „Latthe di chaadar utte saleti rang maahiya“ Liebling, dein Schleier aus zartgrauem Muslin, das älteste der Hochzeitslieder zwischen Delhi, dem Punjab, Lahore und Du bist dir sicher auch in Afghanistan kennt man es, singt man es und Du denkst an die Träume, die Du einmal hattest und du singst noch einmal Aawo saamne und du weißt, dass Du im Deutschen keinen Satz kennst, der wie aawo saamne sagt: „Komm und setz dich hin zu mir“, in dem schon im Stillen alles liegt, was im „Zieh Dich aus für mich“, immer schon ausgesprochen ist und du erinnerst dich als ein Anderer das Lied für dich sang und Du warst schön damals und die Träume waren es auch und Du weißt, dass die Zeiten vorbei sind und Herr G. ist tot.

Lathe di chadar

utte saleti rang mahiya

aawo sahmne, aawo sahmne

kolon di russ ke na lang mahiya

mende sir tey phoolan di khari.

mende sir tey phoolan di khari

tendan rah tak tak main hari

Du bist zu spät.