Ein Sommer am Anfang eines neuen Jahrhunderts am Starnberger See

Es gibt Bücher, nach denen man sucht, Bücher, die man nie findet und dann gibt es Bücher, die fallen einem zu, wenn man eilig nur auf einen Sprung in den Buchladen eilt und ohne langes Überlegen und Nachfragen nimmt man das Buch mit. Auf einer Bahnfahrt wohlmöglich durch lichte Wiesen und helle Wälder und einem schimmernden See nimmt man das Buch dann zur Hand. So jedenfalls geht es mir manchmal und so ging es mir mit diesem Buch, dessen Titel Keyserlings Geheimnis bestenfalls etwas andeutet, wie auch der Frühling ja manchmal schon etwas vom Sommer hat.

Das Buch beginnt weiter im Süden als meine Fahrt. Der Starnberger See spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Aber der einzige See ist es nicht, denn das Buch flirrt wie die Libellen über das Schilf zwischen Orten und Lebensabschnitten umher. Eduard von Keyserling nämlich ist Zeit seines Lebens nicht beständig an einem Ort verhaftet geblieben, sondern von den kurländischen Seen seiner Kindheit, über Dorpat und Wien, lebt er schließlich in München, um im Sommer 1901 mit Max Halbe, Lovis Corinth und dessen Freundin Charlotte Berend, einige Wochen in Bernried zu verleben. Eine Sommerfrische ganz am Anfang des neuen Jahrhunderts. Es ist ein Jahrhundert noch in den Kinderschuhen und bis Auf Eduard von Keyserling sind noch alle am Anfang. Klaus Modick gelingt die vielleicht schönste Spitze der Literaturgeschichte gegen Thomas Mann, Frank Wedekind ist noch kein Berliner Skandalautor und Lovis Corinth noch nicht Alma Mahler verfallen, Max Halbe glaubt noch ihm würde das neue Jahrhundert gehören, doch obwohl er 43 Jahre später von Adolf Hitler auf die Liste der g*tt
begnadeten Schriftsteller berufen wurde, vergaß ihn das Jahrhundert schon bald darauf. Aber in diesem Sommer da las Max Halbe lauter vor als alle anderen, Charlotte Berend schwamm im See,Frank Wedekind trank Champagner und man stritt und vertrug sich wieder und Lovis Corinth schließlich begann Eduard von Keyserling zu malen. In jenem Sommer war Keyserling wie so viele Männer seiner Generation schon von der Syphilis gezeichnet und sollte schließlich erblinden. Aber in diesem Sommer sind die Farben noch einmal hell und alles ist Glanz und Gold und die Welt ist rosa und flieder und der Sommer ist so lang als wolle er nie vergehen.

Ein leichtes Buch ist es, ein Buch mit Erinnerungen an die Jugend in Kurland, an eine große Affäre und eine mittlere Intrige, die sich vielleicht wirklich so zugetragen hat zwischen dem Studenten der Jurisprudenz und Ada von Cray, aber wer weiß vielleicht ist alles ganz anders gewesen. Geld verschwindet und taucht doch wieder auf, ein Dose mit Initialen ist nicht ganz ohne Bedeutung, ein Vater stirbt, ein Spazierstock erzählt eine ganz eigene Geschichte und wie alle Geschichten lässt die Vergangenheit den Dichter nicht los. Die Jahre in Wien haben Spuren hinterlassen, die auch der Wermut nicht mehr auslöschen kann und schließlich taucht die Vergangenheit selbst in Starnberg auf, wo am Ufer des Sees nicht nur Forellen geräuchert, sondern auch die Sommerfrischler unterhalten werden wollen und so spielt man erst Karten und trifft dann eine Sängerin wieder, die sich erst in der Garderobe offenbart. Gerächt wird niemand, der Sommer ist zu schön selbst für langgehegten Groll, das Leben ist so oder so weitergegangen und wie der Dichter weiß, für alles gibt es eine Korrektur nur für das Leben nicht und wieder geht man auseinander. Endlich ist auch das Bild des Dichters fertig. „So aussehen möchte man aber nicht“, findet von Keyserling und das Bild  kann man sich noch immer, noch heute in der Neuen Pinakothek in München besehen.

Etwas abrupt endet der Sommer, man hätte gern noch mehr über jenen Sommer am See gewusst und wundert sich auf der letzten Seite doch, ob nicht Frank Wedekind doch noch für ein paar Wochen in die Mansarde zog, von Keyserling Charlotte küsste und Max Halbe sein neues Drama wohl zu Ende brachte, aber das erfahren wir nicht und vielleicht ist das Wundern allein schon genug und alles andere wäre ohnehin zu indiskret für ein Sommerbuch wie dieses.

In München hat Eduard von Keyserling, der ab 1908 das Haus nicht mehr verließ bis zu seinem Tod in der Ainmillerstraße 19 in Schwabing gewohnt und wenn Sie vielleicht einmal auf einem Spaziergang dort vorbeikommen, so bleiben Sie doch einen Moment stehen oder noch besser besorgen sich in der nächsten Buchhandlung die wunderbar zarten Erzählungen in denen in großen Schlössern geliebt, verloren und viel geschwiegen wird.

Klaus Modick, Keyserlings Geheimnis, Kiepenheuer und Witsch, 2018, 20 Euro.

An den Mauern entlang

Das Jahr geht mit einem Streifen blauen Himmels zu Ende. Altjahresabend sagte meine Großmutter, das Jahr geht mit einem schmalen Band zu Ende. In einer Buchhandlung eher im Vorübergehen aufgegriffen, der Zeichnungen wegen vor allem. Moabit heißt das Buch von Volker Kutscher und Kat Menschik hat es illustriert. Ich kannte Volker Kutscher, der das Buch geschrieben hat nicht, denn ich lese keine Kriminalromane und habe noch niemals ein Interesse daran gefunden einem Mörder auf die Spur zu kommen oder in einen dunklen Keller zu steigen, auch damals als mein Schwesterchen in einen Comissario Brunetti Rausch verfiel, habe ich zwar genickt, aber gelesen habe ich keinen einzigen Band. Vielleicht ist an allem Arthur Schnitzler, denn als ich siebzehn Jahre alt war, da verfiel ich in einen Schnitzler Rausch und nie wieder habe ich mich so gefürchtet vor der nächsten Seite wie in seinen Büchern. Aber schon und das, sie werden es ahnen, wird auch im nächsten Jahr kaum besser sein, schweife ich ab.

Das Buch aber mit den Zeichnungen, die wie das Berliner Haus in dem ich wohne so tun, als sei das Jahr 1920 noch immer eine Möglichkeit, ist keine Kriminalgeschichte im eigentlichen Sinne, es ist überhaupt eine Geschichte, die man schnell liest, vielleicht ist das der Gedanke dabei, denn am Ende des Jahres blickt man zurück, dann kommt man wohl nicht drumherum sich einzugestehen, dass man an allzu vielen Dingen wohl flüchtig und schnell vorbeilief, wo man doch hätte stehen bleiben sollen und bevor man noch überlegte, war man schon weiter und so ist diese Geschichte ein bisschen zu simpel, zu glatt und zu gleitend als das man sich auf der letzten Seite nicht doch selbst misstrauisch befragte, was man wohl alles nicht gelesen hat. Zwei Verbrecher geraten in ein beinahe tödliches Gemenge, einem Gefängniswärter ist wirklich sehr übel, ein Polizeikommissar rettet ein Leben und stirbt doch selbst, eine junge Frau lernt Maschine schreiben und noch heute fährt man vom Berliner Flughafen in die Stadt hinein, am Gefängnis von Moabit vorbei.

Ein roter Backsteinbau ganz wie im Buch und nur der Stacheldraht ist höher, nehme ich an. So wandert man in dem dünnen Buch umher, denkt an die vier Ausbrecher aus einem anderen Gefängnis, die vielleicht Berlin schon längst hinter sich gelassen haben, streift noch einmal an den eigenen Wänden des Jahres vorbei, manche Mauern sind zugewachsen, Efeu rankt hier und dort, andere Wände sind blank und aus rauhem Beton und die eine Schürfwunde ist leichter verheilt als die Andere und auf einer Mauer, da sitzt noch immer höhnisch pfeifend die Lügnerin, die ich mir anlachte über das Jahr. Ich habe kein gutes Händchen in diesen Dingen, sondern merke es erst, da läuft mir das Blut schon aus der Nase. Manche Wände sind härter als Andere und schwankend und kreiselnd und nicht wenig verschnörkelt ziehen die Jahre mit mir durch die Lande. Das Buch aber verschweigt vieles, erzählt manches, bebildert eine Welt aus der die Erinnerungen sind und erst als ich das Buch aus der Land lege, da erinnere ich wieder, dass ich seit 289 Tagen Karten in das Gefängnis von Silivri schreibe, man kann Silivri googeln von außen sieht es aus wie eine Tankstelle, aber irgendwo werden die Mauern schon sein. Einen Briefkasten habe ich noch nicht gesehen. So geht das Jahr wohl folgerichtig zu Ende und am Altjahresabend, da wünsche ich ihnen so viel Freiheit im neuen Jahr wie Sie brauchen und mögen, frischen Wind und Mauern aus Backstein mit Efeuranken, über die man klettern kann spätestens beim dritten Mal.Behalten sie sich wohl und wenn Sie noch ein Motto suchen, Sie wissen ja read on my dear, read on, das sage ich mir noch immer, mindestens einmal am Tag und immer stehe ich dann vor einer Mauer. Ein gutes und glückliches, ein heiteres, neues Jahr, das wünsche ich Ihnen allen. Am Ende des Jahres und von Anfang an.

Das Buch von Volker Kutscher indes sei auch über die Jahre hinweg empfohlen.

Volker Kutscher und Kat Menschik, Moabit, Berlin 2017, 84 Seiten, 18 Euro.

 

 

Woanders ist es auch schön.

Nahezu unbeachtet von den großen Nachrichtenhäusern, Fernsehanstalten und Betroffenheitsgesten starben über 300 Menschen bei einem Anschlag in Somalia. Aber auch Somalia ist ja kein Land für das man sich zu interessieren braucht. Dort gibt es ja ohnehin nur Piraten ( nur ohne Jonny Depp ) und damit ist doch alles gesagt. Aber in Somalia sterben die Menschen und ein Zahnarzt hielt es nicht mehr aus.

Miz Kitty hat ein altes Gemäuer gekauft und erzählt nicht über die Tücken ländlicher Gemeinden, sondern auch über die verschlungenen Wege der Restaurierung.

Es gilt das geschriebene Wort. Via Kiki

Es gibt sie diese Texte, die einem immer wieder neu den Atem nehmen.

Warum es sich sehr empfiehlt immer Zimtschnecken nah bei sich zu haben.

Warum Kreuzfahrten für viele homosexuelle Chinesen die die letzte Hoffnung sind.

In Indien beginnt Diwali und dieses Lied versetzt sie garantiert in festliche Schwingungen und ehe sie sich versehen, kaufen auch Sie Wunderkerzen und feuern das Büro zu einer Polonaise an.

Woanders ist es auch schön.

Ein ganzes Dorf nimmt Abschied. Frau Croco erzählt davon wie es ist, wenn jemand geht.

Don Ferrando ist kein Berg zu hoch und keine Schotterpiste zu steil. Man möchte selbst beim Lesen ständig kühle Getränke reichen und Luft zu fächeln.

Eine Geschichte in vielen Geschichten zum Anstoßen und zum Verlaufen und Sätze zu denen man zurückkehrt und noch einmal besieht. Wir haben Raketen geangelt.

Ich pendle jeden Tag 1,5 Stunden und ich pendle nicht gern.Die Züge der irischen Bahn sind alt, überfüllt und chronisch unpünktlich. An guten Tagen summe ich gelassen vor mich hin, stehe ich wartend auf dem Bahnsteig. An schlechten Tagen knurre ich böse über die ewigen Verspätungen. Hier auf dem irischen Land ist man ohne Auto, selbst wenn es nur der alte, treue Volvo ist, aufgeschmissen. Die einzigen Busse nämlich, die zu uns ins Dorf kommen, befördern Touristen für einen Ausflug ins urige Irland hin- und zurück. Frau Nessy hat die Sache mit den Autos und den Alternativen angesehen.

Indien ist das Land in dem der Hunger anders als in den Ländern Afrikas schleichend und fast unsichtbar daherkommt, aber jedes Jahr verhungern in Indien Menschen über Menschen und dabei ist der Punkt der Mangelernährung noch nicht einmal berührt. Das Knirschen im Gebälk wird lauter und die indischen Bauern protestieren.

Ein Blog, den ich neu entdeckt habe und ich finde Sie sollten das auch tun.

Der Tierarzt indes ist in Toronto nicht ausgelacht worden, hat leider noch keinen Bären gesehen, jammert über die Ferne zum Kälbchen und ungeachtet dessen kommt er natürlich seiner Mädchenhofmusikliferantenpflicht nach und empfiehlt dieses sommerhaft leichte Lied. Selbst Kälbchen wirft die Hufe, also tanzen auch Sie gut durch die Woche.

Woanders ist es auch schön.

Diesen einen Sommer hat Madame Modeste festgehalten.

Wie es ist, wenn die Träume kühler werden und die Nächte doch recht atemlos hat Kitty Koma aufgeschrieben.

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich zöge sofort nach Vrochtovy Janovice und säße im Garten so als sei das jüdische Europa niemals zerbrochen wurden, aber während das nicht geht, ziehen andere auf eine Burg, haben Aussichten und fragen sich, ob sie nicht doch als bloggende Weinkönigin enden. Danke an Frau Frau Croco für den Hinweis.

Treffen sich Baldwin, Shakespeare und Franz Franz Kafka . Ich habe sehr gelacht.

Diejenigen von Ihnen, die hier schon länger aushalten, wissen das mindestens ein Viertel meines Herzens in Indien lebt. Hier ein wunderbarer Artikel über die unendlich reiche Parsi Kultur.

Zum Glück wollte noch nie jemand meinen Kaugummi weiterbenutzten. Die Katastrophenchronistin jedenfalls probiert es mit Ironie Das kann an besonders an einem Montag nur gut sein.

„Und Tierarzt was hört man so zum Wochenbeginn?“ „Unbedingt dieses Lied Mädchen.“ „So sei es Tierarzt, so sei es“

Woanders ist es auch schön.

Die kluge und wunderbare Kiki macht sich Gedanken über das Essen, das Leben und weiß etwas über das große Glück des Butterbrotes.

Madame Modeste besucht Brecht und findet alte Träume.

Bei der Travelling Lady wackeln wackeln die Wände.

Der Mai kommt hier nicht mit weißem Flieder, sondern mit einem Feuer daher.

Doron Rabinovici erinnert an Daliah Lavi. Das Lied zum Text gibt es hier.

Irland ist nicht nur Joyce, Beckett und Seamus Heany, sondern es gibt so viele und so viele unterschiedliche Stimmen. Eine gehört Sally Rooney.

Der Tierarzt putzt sich die Zähne, gießt die Blumen und streichelt die Katze zu diesem Lied. Das freut die Zähne, die Blumen und die Katze sowieso.

Und sonst so Read On? Ach, viel Neues gibt es nicht zu berichten, nur die Schafe, die im Dorf bekanntlich verbriefte Rechte besitzen, wandern gemessenen Schrittes die Straße entlang. Dieses Wochenende nämlich trifft man sich und singt gemeinsam Frühlingslieder.

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Die Ordnung der Dinge im Chaos der Zeit ( II )

Es hat wirklich sehr lange  gedauert bis ich den zweiten Einkaufszettel gefunden habe, denn ich finde sehr selten Dinge. Es gibt Menschen, die finden alle Tage etwas: Münzen und Taschenuhren, Biedermeierstühle am Straßenrand, Kaviardosen aus Odessa oder auch nur einen glänzenden Knopf auf der Straße. Ich hingegen suche zwar immer irgendetwas, aber noch während ich nach der Brille suche, habe ich die Zeitung verloren oder das Zopfgummi unauffindbar verlegt. Gestern aber, ich war gerade im Begriff eine Karte in den Postkasten zu werfen, da sah ich auf der Straße zwischen zwei alten Kienäpfeln einen blauen Zettel liegen und siehe da es war ein ganz und gar formidabler Einkaufszettel.

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Hier kommt Besuch. Der Besuch hat Ansprüche. Vielleicht der Sohn aus Stuttgart mit der schwierigen Freundin, die Weihnachten noch vegan lebte, jetzt aber auch wieder Käse isst. Mit Italienisch kann dich nicht viel schief gehen? Hoffentlich ist es das gute Olivenöl noch nicht aus. Schließlich haben die Nachbarn einen eigenen Olivenhain irgendwo im Süden und haben sich auf ein Glas Sekt eingeladen. Balsamico. natürlich, die Nachbarn sagen ohne Balsamico ist man kein Mensch. Na, die werden sich wundern und so viel Italienisch wie die können wir schon lang. Wein, ich habe ja gleich gesagt wir haben nicht mehr genug Wein im Keller und der Sohn ist ja taub bittet man ihn um drei Kisten aus Baden. Ach,Wasser hat der Mann ja gestern schon eingeholt. Wenigstens etwas.
Auf jeden fall Limetten. Wozu wird man noch sehen. Schließlich muss man ja auch etwas anbieten. Den Nachbarn und auch nicht dem Sohn kann mit mit einfachem Mozzarella kommen. Piekfein soll es sein. Oder wenigstens mit edler Note. Man muss sehen wo man bleibt.
Aber am Sonntag da machen wir Spargel. Spargel kauft man resch auf dem Markt und nicht im Supermarkt am Eck. Petersilie bloß nicht die Petersilie vergessen. Tante Hannelore ( es bleibt einem nichts erspart ) besteht auf Petersilienkartoffeln und wenn Tante Hannelore auf etwas besteht, wackeln die Wände. Schon als Kind hat die Tante ein ganzes Ausflugslokal zusammengeschrien als die Kartoffeln blank in der Schüssel lagen und scheut sich nicht dies auch daheim zu tun. Was soll denn da nur die empfindliche Freundin denken? Kochschinken natürlich, schon immer hat Kochschinken zum ersten Spargel des Jahres gehört. Soll die Freundin doch das Gesicht verziehen. Tradition ist Tradition. Spargel ohne Kochschinken ist kein Spargel. Da kann man auch Luft essen und am Spargel ist ja auch nichts dran außer Wasser. Butter auf jeden Fall. So etwas vergisst man ja immer.
Kartoffeln, hoffentlich hat es schon Frühkartoffeln. In Stuttgart gibt es auf dem Markt bestimmt schon Kartoffeln aus dem Languedoc. Aber der Sohn arbeitet ja soviel, immer schon war er ein so fleißiger Bub, da wird er sich nicht um die rechten Kartoffeln kümmern können und die empfindliche Freundin meidet Kartoffeln ja ohnehin wie Weizen. Dafür will sie natürlich zum Frühstück Cranberrysaft haben. Was ich damit für eine Rennerei habe, das ist natürlich egal und das wir alle, selbst Tante Hannelore schon seit dem 1960er Jahr jeden Morgen ein Glas Grapefruitsaft zur Semmel trinken, dass zählt natürlich nicht. Nein für die Dame muss es natürlich Cranberrysaft, am liebsten noch handgepresst aus Kalifornien sein. Aber das kommt mir nicht in die Tüte. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Aber man will sich ja auch nicht vorwerfen lassen, das man die Wünsche der erwählten Herzdame nicht respektierte und immer noch der Susanne nachtrauere. Die Susanne war aber auch wirklich eine ganz Liebe. Die brauchte keine Extrawurst und hat auch ihr Messer nicht abgeleckt. Selbst Tante Hannelore war ganz begeistert von der Susanne und das will was heißen. Die Tante Hannelore hat ihrerzeit einem Verehrer in die Hand gebissen, als der der ihr erst ewige Liebe schwor, nur um dann sogleich sein Glück an ihren Blusenknöpfen zu versuchen. MAn kann viel sagen gegen Tante Hannelore aber Prinzipien, ob nun bei Petersilienkartoffeln oder beim Küssen, die hat sie. Das habe ich ja auch immer dem Sohn gesagt: Junge, Prinzipien muss man haben im Leben.“ Aber die Kinder machen ja ohnehin was sie wollen. Auf jeden Fall Eier. Eine ganze Kiste am besten. Neben dem Burrata mit Tomaten und Olivenöl. müsste man noch gefüllte Eier anbieten. Es wird ja geredet! Dann braucht es Eier mit Speck am Montagmorgen. Der Wein und Sekt will ja verdaut werden. Der Sohn will Pfannkuchen statt Semmeln und für einen raschen Kuchen gehen schnell einmal vier Eier drauf. Außerdem soll der Sohn ruhig ein paar hartgekochte Eier mit auf die Reise nehmen. Ach, der Herr Gemahl hat nun doch schon Eier mitgebracht. Ich hoffe der Rasen ist gemäht. Die Nachbarn haben ja längst schon einen Rasentrecker.Auf jeden Fall Schokolade- Bloß die Schokolade nicht vergessen. Man muss auch an die eigenen Nerven denken. Das muss man wirklich. Die Nachbarn, der Sohn, die empfindliche Freundin und Tante Hannelore, am besten gleich zwei Kilogramm und halbstündlich einen Ausflug in die Speisekammer.

Vielleicht ist auch alles ganz anders und Tante Hannelore verabscheut Petersilie von ganzem Herzen, die Tochter kommt aus Uruguay und der Kochschinken fehlte noch zum Toast Hawaii.
Leider und zu meinem großen Bedauern bloggt  Frau Wiesenraute , die doch das Genre der Einkaufslyrik etablierte nicht mehr.

Woanders ist es auch schön.

Frau Coco war auf Malta und nimmt uns mit aufs Boot und zieht uns durch die Straßen. Neben einem Becher warmen Tee hilft das ganz wunderbar gegen den Winter, der hämisch lacht und dem April eine Nase dreht. In Irland dazu noch Regen und Wind von allen Seiten.

Die verehrte Kiki stellt ihre Lieblingsblogs vor und Frau Kelef ist eine grandiose Entdeckung und überhaupt Wien, ach Wien!

Rassisten sind immer nur die Anderen, das ist doch klar.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Andernorts.

Der Tierarzt bringt Lämmer auf die Welt und singt im Moment für Schafe, Hühner, Kälbchen und Mädchen dieses Lied.

Zu viele Rosen.

Meine Großmutter glaubte nicht an Bücher für Kinder und Literatur für Erwachsene. Meine Großmutter befand es gäbe gute und schlechte Literatur. Sie werden es ahnen. Karl May, Bücher über Ponies oder die Mickey Mouse waren ihr abstraktes Dunkel und überhaupt fand sie man könnte Kinder gar nicht genug fordern. Überhaupt taugte meine Großmutter nicht zum Vorbild moderner Pädagogik. Sie bestritt hartnäckig die Existenz von Kalorien, fand ganzjähriges Draußen Baden für Kinder völlig in Ordnung, verabscheute schlechte Tischmanieren und glaubte das Lernen langer Balladen sei genau so gut für die Charakterbildung wie das Wissen, um die Herstellung einer guten Sachertorte und so las ich mich durch ihre Bibliothek und später dann schickte ich ihr lange Bücherwunschlisten und ohne je auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, schickte sie mir Bücherstapel um Bücherstapel und doch auch in der Wohnung meiner Großmutter gab es ein Regal in der sich hinter Aktenordnern verborgen, Bücher befanden, die nicht in meine Hände gelangen sollten und die meine Großmutter wohl auch vor sich selbst verbarg. Georg Trakl stand dort, denn meine Großmutter, die doch selbst der Liebe zu Deutschland verfallen war, fürchtete sich vor dem Sog, merkwürdigerweise auch Isaak Babel, aber den meisten Platz hinter den Ordnern nahm Gottfried Benn ein. Natürlich fiel mir nichts Besseres ein, als die Bände aus dem Regal zu ziehen, in den Sessel zu sinken und schon ertrank ich, sank tiefer und tiefer und merkte nicht wie die Schatten länger wurden, und auch nicht, dass meine Großmutter längst zurück war. „Zu viele Rosen“, sagte sie und sah mich nicht an. Die Bände stellte sie ins Regal zurück. Über Gottfried Benn kein Wort. Ich aber im Auswendig Lernen deutscher Balladen geübt, memorierte nun Benn. Allen Rosen zum Trotz. Aber im Bücherregal, gut verborgen, stand auch der andere Benn, stand der mit den Dornen, der Benn der Jahre 1933 und 1935, der Benn der von der Züchtung des Geistes schwärmte und auch sein Loblied auf den neuen Staat, der nach neuen Intellektuellen riefe. Meine Großmutter schrieb an den Rand: Auch Benn. Zwei Ausrufezeichen. Über Benn wurde geschwiegen, meine Großmutter schnitt nur selten Rosen im Garten ab und schenkte ihr jemand Rosen so drehte sie den Kopf zur Seite. Dass aber auch meine Großmutter zu den Bänden wieder und wieder zurückfand, verschwieg sie nicht nur mir, sondern auch sich. „Zu viele Rosen, mein Kind.“

Geschwiegen wurde auch in der Familie von Mopsa Sternheim, nicht nur über Gottfried Benn, der auf einmal mitten im Weltkrieg auftaucht, die Gerüchte über Edith Cavell kamen mit und auch die Fingerkuppen, weiß und fett blieben dem nicht mehr Kind nicht verborgen. Es beginnt eine Geschichte, die man mit Liebe nicht beschreiben kann, und ob es mit Obsession getan werden kann, weiß ich noch immer nicht. Das Spannungsfeld jedenfalls, zwischen den beiden Sternheim-Frauen und Gottfried Benn ist noch einmal und immer wieder die schmerzliche Geschichte Deutschlands und seiner Dichter. Benn träumt von Apfelkuchen und Schlagobers, Mopsa Sternheim von den Händen des Dichters auf ihrem Rücken, ihre Mutter Thea schreibt Briefe an Doktor Benn, kauft Bilder von Picasso und Doktor Benn behandelt Geschlechtskrankheiten und wohnt möbliert: Deutsche Eiche, dunkel. Er der Dichter, sucht keine Muse, sondern Frauen für eine Nacht und Rosen schenkt er nur Frauen mit knielangen Röcken, aber nicht der kosmopolitischen, zerbrechlichen, zähen und ringenden Mopsa Sternheim. Benn trinkt Pils und Mopsa seine Worte. Eine Heirat, eine Familie mit Abgründen, immer auf der Suche, immer unterwegs, Benn bleibt in Berlin-Schöneberg. 1933 aber trennen sich die Wege. Mopsa und Thea sind in Paris und Gottfried Benn hat endlich Ruhe und Schlagsahne gleich mit dazu. Benn schwadroniert von kernigen Kerlen und deutschen Mädels. Mopsa geht in den Widerstand und überlebt bis 1945 im KZ Ravensbrück. Benn bedauert sich und nein, keine Rosen, nicht einmal Astern. Ein spätes Wiedersehen, noch einmal Mutter und Tochter, noch einmal Benn und Bürgerglück. Die Frau heißt Ilse, man hat sich eingerichtet. Mopsa schließlich stirbt an Krebs, ein letzter Brief an Benn. Mag sein, dass sie auch an Krebs gestorben ist, aber vor allem wohl an einem vielfach gebrochenen Herzen. Lea Singer hat die Scherben und die Schnitte von Mopsa von Sternheim zusammengetragen. Es sind viele schmerzhafte Splitter, ein Kaleidoskop von Bildern, Briefen, Gesprächen, von dem Versuch die Worte in einen Menschen zu verwandeln, vom Scheitern und von der Zebrechlichkeit dessen was wir Liebe nennen. Es ist auch die Geschichte einer erbitterten Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter und Freundschaften, die schleißlich immer wieder an Morphin zerbrechen. Erika Mann und Pamela Wedekind laufen hin und wieder durch das Bild. René Crevel stirbt und Rudolph Carl von Ripper entkommt gerade noch einmal so. Aber wer kann schon Deutschland im 20. Jahrhundert entkommen, auch wenn es manchmal in Gestalt eines Dichters mit schlaffen Augenlidern und schweren Lidern daherkam. Mopsa Sternheim kommt nicht davon. Lea Singer aber hat Mopsa Sternheim noch einmal zurückgeholt, endlich einmal ihre Geschichte aufgeschrieben, die nicht nur eine Geschichte mit Gottfried Benn war, sondern ein deutsches Leben, was es nicht mehr gibt.

„Niemand“ sagte meine Großmutter, „ ist jemals ganz aus Auschwitz zurückgekommen.“ Sie rieb sich über den Arm. Das 20. Jahrhundert hatte seine Spuren hinterlassen, auch wir lebten zwischen den Scherben. Meine Großmutter aber stellte die Gedichte Gottfried Benns ins Regal zurück, es war wohl eine Vorsichtsmaßnahme, aber es war schon zu spät, ich kehrte wieder und wieder zurück. Meine Großmutter aber das würde ich erst viel später lernen, als wir zusammenzogen und ich meine Benn-Bände neben Ihre stellte, konnte alle seine Gedichte auswendig und versuchte doch beständig sie zu vergessen. Damals aber schüttelte sie noch einmal den Kopf. „Zu viele Rosen mein Kind.“ Heute in meinem Bücherregal stehen die Bücher Gottfried Benns, auch die Reden von 1933 und 1935 hinter den Bildbänden, gut verborgen vor allen Augen und vor allem wohl auch vor mir selbst.

Lea Singer, Die Poesie der Hörigkeit, Hoffman und Campe 2017, 20 Euro.