Der letzte Tag im alten Jahr

Das letzte Mal in diesem Jahr gähnen früh am Morgen auf dem Balkon.

Das letzte Mal in diesem Jahr Kaffee aus der grün-gestreiften Tasse, die ich so mag, weil sie so weich und leicht in den Händen liegt.

Das letzte Mal in diesem Jahr meiner alten Freundin Wildtaube einen Teller mit Rosinen hinstellen. Der Teller hat keinen Sprung mehr am Rand. Freunde soll man wie Könige behandeln, habe ich gelernt in diesem Jahr.

Die alte Freundin Wildtaube ist eine treue Freundin auch an diesem letzten Tag im Jahr.

Das letzte Mal in diesem Jahr eine Tüte Saftorangen kaufen. Dunkelrot sind die Orangen unter der Haut. Wie jedes Jahr vor dem Biomarkt Hupkonzerte und erhobene Fäuste. „Blödmann“ heisst es und „Ziege“. Der Mensch, auch der Mensch der Eier von glücklichen Hühnern kauft, ist dem Frieden nicht gewachsen.

Der Verkäufer im Biomarkt trägt schräg auf dem Kopf ein goldenes Papiermaché Hütchen. Ich weiss nicht, ob es etwas Trostloseres gibt als die Luftschlangen aus Papier und die Hütchen, die davon doch nicht ablenken können, dass ein Mann sich beschwert über das mangelnde Vorhandensein eines Weines, den die Schwiegermutter so gerne trinkt. „Ausgerechnet Silvester“, sagt der Mann mit bösem Blick. Der goldene Hut verrutscht. Der Mann an der Kasse ruft nach Frau Meier. Frau Meier weiss über die Bestände des Lagers Bescheid. Aber der Mann hat genug, er packt seine Tasche und geht ohne Wein. „Frohes Neues“, sagt der Verkäufer. „Dank Ihnen ja nicht mehr“, zischt der Mann.

Der goldene Hut wackelt.

Meine Großmutter sagte Altjahresabend zu diesem letzten Tag im Jahr. Dunkel ist es ja ohnehin. Sie lächelte spöttisch, das tat sie ja immer, berichtete ihr Frau B. von ihrem festen Vorsatz in diesem Jahr doch wirklich ein Haushaltsbuch führen zu wollen. Denn Frau B. Gab jedesmal am 10. Jänner diesen Vorsatz wieder auf. Sie nickte mit dem gleichen Spott über die rosigen Schweine aus Marzipan und stellte sie irgendwo ab, wo sie keiner mehr fand. Sie hielt nichts von der großen Bilanzabrechnung am Ende des Jahres. Kindereien waren ihr das. Der Mensch fand sie erinnerte sich nur an das, woran er sich erinnern wollte und vergesse alles was ihn dabei stören könne.

Erst Jahre später, da begriff ich, dass das Ende eines jeden Jahres sie ein Stück weiter forttrug von ihrem Vater, der Mutter, den Geschwistern, auf die sie wartete beharrlich und vergeblich in jedem, neuen Jahr.

Altjahresabend sagte sie und erzählte mir Jahr für Jahr die Geschichte wie bei Familie G. ein Tischfeuerwerk erst den Tisch und dann die Familie ins Wanken brachte.

Zum ersten Mal in diesem Jahr kaufe ich Krapfen für den Besuch am Abend.

Das letzte Mal in diesem Jahr herunter zum See. Dem See sind die Jahre gleich, der See schimmert grau, ein graues Wachstuch, die Bäume am Ufer sind kahl und warten und warten, sie warten wie wir, die wir glauben in dieser letzten Nacht änderte sich doch etwas. Der See schüttelt den Kopf und irgendwo auf dem Grund wartet der Nöck auf den Frost. Der Nöck hat Zeit.

Das letzte Mal in diesem Jahr in der Buchhandlung gewesen. Der Buchhändler trägt einen schönen gelben Pullover. Kanariengelb. Auf dem Einpackpapier des Buches sind rote Vogelbeeren.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Karte in den gelben Postkarten an der Ecke geworfen.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die lange Straße hinuntergelaufen zu mir nach Haus.

Jetzt aber schnell, die D. bringt doch ihren Hund vorbei. Der Hund fürchtet sich vor den lauten Böllern und kreischenden Raketen. Hier draussen im Wald aber ist es auch ganz am Ende des letzten Tages still.

Auch am letzten Jahr des Tages bin ich fast schon wieder zu spät.

Aber die D. lacht nur. Glück gehabt.

Der Hund schläft und ich kürze die Rosen. Das ist der letzte Strauss in diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr drehe ich mich um und rufe über meine Schulter.

„Tierarzt, kannst Du bitte.“ Aber der Tierarzt kann nicht mehr.

Die Verluste dieses Jahres werde ich mitnehmen für viele, neue Jahre.

Selbstverständlich ist nichts mehr nach diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die Hand auf die Rinde des alten Birnbaumes legen drunten im Garten.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Wie alle Jahre endet auch dieses Jahr mit Johann Sebastian Bach.

Ein letztes Mal also eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Concerto für Oboe und Violine BWV 1060 heisst das Stück.

Ein Stück wie ein Strauss roter Gladiolen schrieb der Y. auf die Hülle der Schallplatte.

Ein schöner, letzter Satz für den letzten Tag im alten Jahr.

Danke für Ihr Lesen, für Ihre Kommentare, für Ihre Geduld und Ihr Interesse an diesen meinen Notizen eines weiteren Jahres. Ich freute mich blieben Sie sich und auch mir gewogen im kommenden Jahr.

Es lebe die Besinnlichkeit!

Die Mali- Tant erzählt den Nichten vom Simmeringer Blutsonntag.

Die Nichten kauen Königsberger Marzipan und erschauern wohlig.

Es soll Familien geben in denen das Morbide von Kindern ferngehalten wird, bei uns im Wohnzimmer sitzt mein Vater und erörtert mit meinem Neffen die Selbsttötung Senecas.

Mein Schwager erzählt mir vom Tod seiner ersten Schildkröte. Sie hieß Jenny und starb während einer Weihnachtsansprache der Queen in einem Wohnzimmer in North London. Mein Schwager kann seit jenem Tag die Queen nur mehr mit feuchten Augen reden hören.

Ich verspreche die Vorhaltung genügender Taschentücher.

Die liebe C. diskutiert mit ihrer Freundin der D. perforierte Blinddärme. Die beiden kichern auf das Allerlieblichste und verzehren fröhlich knuspernd den Mohnstollen der Mali-Tant.

Kater Mau da bin ich mir sicher spräche, wenn wir nur Kätzisch könnten von lange Nächten mit fetten Mäusen.

Der Jean liest in der Zeitung die Todesfälle nach.

Ich huste.

Mein Vater und mein Schwager blind verkosten Marzipan.

Die liebe C. erzählt von einem Patienten, der einmal ein Marzipanschwein quer in der Luftröhre stecken hatte.

Die Marzipantester lässt das kalt.

Das Königsberger Marzipan von Sawade führt.

Die Mali-Tant findet, es sollte doch jetzt auch einmal ein bisschen Musik geben, der Besinnlichkeit wegen.

Ich huste und setze mich ans Klavier.

Ich stimme: „Oh Du Fröhliche“ an.

Das stößt auf großes Missfallen.

Das Lied sei doch sehr fad.

Die Königin-Nichte schreit: „Spiel Meckie Messer.“

Ich huste und spiele Meckie Messer.

Bébé No. 5 gluckst selig ob dieser fröhlichen Reigen.

Der Jean tritt neben das Klavier und flüstert mir etwas ins Ohr.

Ich huste und spiele: „Tauben vergiften.“

Der Jean und die Mali-Tant singen schöner noch als Kreisler.

Donnernder Applaus.

Kater Mau fragt sich, ob Mäuse wohl nach dem Giftmord wohl noch verzehrlich seien. Vielleicht bei 180 Grad und Preiselbeermus?

Die Mali-Tant braucht ein Glaserl Champagner.

Mein Vater, mein Schwager und mein Neffe stellen die Catlinarische Verschwörung nach.

Die liebe C. schleift die Messer nach.

Die Nichten beschließen im Garten eine Räuberbande zu gründen.

Ich huste.

Die Kinder schreien Zeter und Mordio, die römischen Verschwörer essen Walnusseis, die Mali-Tant liest Bébé No. 5 eine Gespenstergeschichte vor. Bébé No. 5 gluckst vergnügt.

Schwesterchen erzählt Brexit-Geschichten. Wir alle erschauern.

Die Mali-Tant findet auf so viel Besinnlichkeit gehöre jetzt doch ein Stück Lachs, mit scharfem Meerettich und einer Scheibe Pumpernickel.

Ich huste.

Mein Vater sucht die Knallbonbons.

Ich wünsche Ihnen von Herzen wunderbare, besinnlich-wilde, heitere Weihnachtstage. Geben sie auf sich acht und lassen Sie sich bekümmern, ich hoffe wir alle sehen ein bisschen mehr Licht als sonst.

Schön, dass Sie hier sind.

A very, merry Christmas to you all!

Sonntag

Der Wecker zeigt 4.30 Uhr.

Das Fieberthermometer zeigt 38,3 Grad Celsius.

Meine Füße zeigen Widerwillen gegen die Uhrzeit und gegen die kalten Dielen.

Das luggage holdall ist schon gepackt.

In den Rucksack müssen noch Pass, Portemonnaie, zehn Mince Pies, das Schlüsselbund und die Zeitung von gestern.

Habe ich den Schlüssel wirklich eingepackt?

Mir ist kalt und heiß und dann wieder kalt.

Die M. schläft noch.

Leise also.

Die Katze und der Hund sind schon urlaubsverschickt.

Das Haus atmet leise.

Die Straße atmet leise.

„Tierarzt kommst du“, flüstere ich und dann verschlucke ich den Satz wieder.

Der Tierarzt kommt nicht mehr die Treppe hinunter.

Die Tür fällt ins Schloss.

Es regnet.

Ich tappe in eine zu große Pfütze.

Auch das noch.

Im Flugzeug liest der Mann neben mir G*ttes Werk und Teufels Beitrag.

Er unterstreicht immer wieder einzelne Sätze und murmelt sie vor sich hin, als wolle er sie sich nur gut genug einprägen. Vielleicht ist er Schauspieler oder Hörbuchsprecher, aber vielleicht hat auch seine große Schwester immer Recht und dieses Jahr am Heiligen Abend will er endlich einmal nicht stumm all ihrer Vorwürfe hinunterschlucken, sondern mit geschliffen-scharfen Sätzen dagegenhalten. Dann schläft er ein und ich sehe hinaus in die grauen Wolken, die sich ganz langsam in Zeitlupe fast, ein blaues Tuch über die Schultern legen. Ein blasses, ein heimliches Blau ist das und ich lege den Kopf gegen die Fensterscheibe. So ein blaues Tuch, das wäre schön.

Im Flugzeug sprechen alle Polnisch, für fast alle geht die Reise ab Berlin noch viele Stunden weiter. Aber die Frauen sind ausnahmelos schon alle festlich angezogen. Die Männer schweigen. Die Kinder fragen: „Sind wir schon da?“ Die schönste Frau des Flugzeuges trägt eine goldene Paillettenbluse und dunkelblaue, hohe Pumps. An ihren Ohrläppchen baumeln kleine rote Christbaumkugeln. Sie lacht und manchmal sieht sie sich vorsichtig um, ob wir sie wohl lachen sehen. Natürlich sehen wir sie.

Das Blau vor dem Fenster wird blass gegen sie und noch im grauen Berlin funkelt und glitzert und strahlt sie als sei eine Schwester der Sonne selbst. Vielleicht ist sie es ja.

In der Wohnung liegt zwischen Fenster und Tür noch die warme Hand des Sommers.Aber ich mache dann doch die Fenster auf. Dezemberluft. Der Sommer ist doch schon lange vorbei.Eine Handvoll Rosinen und Sonnenblumenkerne für meine alte Freundin die Wildtaube.Meine alte Freundin Wildtaube und ich schweigen.Auf der Badkommode steht noch das Reisenecessaire des Tierarzts.

Auf meinem Schreibtisch liegt eines seiner vielen Notizbücher.

Auf der ersten Seite steht Ankunft.

„Deutsch schöne Sprache, Mädchen?“

„Bist Du angekommen?“, frage ich im leeren Zimmer.

Meine Zeigefinger auf der ersten Seite.

Aber niemand antwortet mir.

Schon so spät denke ich.

Wie lange habe ich auf das Notizbuch gesehen?

Eine Stunde?

Eine Minute?

Es ist schon so spät.

Das Oldsmobile stottert zunächst, wir ähneln uns, das Auto und ich.

Der Zug der Mali-Tant hat Verspätung.

Ich stehe auf dem Bahnsteig.

„Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, warnt eine Lautsprecherstimme.

Alle Reisenden halten ihre Koffer fester.

Ein Mann wühlt in einem großen Rimowa-Koffer.

„Inge, es geht um deine Mutter“, ruft er.

Aber das Geschenk bleibt vergessen.

Inge sagt: „Mensch, mach doch bloß den Koffer zu.“

„Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“,

schallt es wieder.

Neben mir steht ein Mann. Er sagt: „Tach, ick bin der Kalle. Ick hab hier det Magazin für Wohnungslose, ick will se ja nich nerven, ick seh ja wie se all voll im Stress sind….“

Ich kauf eine Zeitung und lege ein bisschen mehr dazu als sonst.

„Mensch, sagt Kalle, dit is aber, Mensch ick, sehn’se ick bin janz jerührt.

Er hält mir die Hand hin.

Frohe Weihnachten.

Frohe Weihnachten.

Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, sagt die Lautsprecherstimme.

Dann kommt der Zug mit der Mali-Tant, Kater Mau und Jean.

„Geh Mädi, Du siehst aus wie die Trina Landauer, das Schaf, die sich hat einmal auf dem Balkon selbst ausgeschlossen fia a Nacht im Dezember und bis in den März gehustet hat sie. So ein Schaf ist die Trina Landauer gewesen.

Schön Dich zu sehen Mali sage ich und die Mali-Tant umarmt mich, obwohl ich genauso husten muss wie einmal die Trina Landauer.

Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, sagt die Stimme noch einmal.

Wir fahren mit dem Oldsmobile langsam über leere Straßen. Die Mali schläft, der Jean schläft und Kater Mau schläft auch.

Als wir ankommen, sagt die Mali-Tant: Geh Mädi, ich hab nicht geschlafen.

Nein, sage ich Mali nein.

Die liebe C. hat Dienst.

Mein Vater sucht die Bienenwachskerzen.

Die Kinder umzingeln Kater Mau.

Schwesterchen kocht Kinderpunsch.

Jean küsst die Mali, schöner als im Hollywoodfilm.

Ich rolle mich auf dem alten, roten Sofa zusammen.

Alles ist ganz genau wie immer, denke ich.

Alles ist ganz anders, weiß ich.

 

 

12 Bilder, ein Tag. Irland Ausgabe

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

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Zugausblick. #1v12 #12von12 #morningcommute

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Meine Tage beginnen alle mit einer Zugfahrt. Seitdem ich in Irland lebe, pendle ich und ich tue es nicht gern. Die Züge sind unpünktlich, alt und abgeranzt. In all den Jahren habe ich noch nicht einen neuen Zug gesehen. Verspätungen sind die Norm, Fahrplanwechsel passieren einfach und die Idee, dass man bei Verspätungen eine Entschädigung bekäme ist der irischen Bahn vollständig fremd. Wer so dumm ist zu pendeln, der ist selber schuld, so ihr Motto und nein, ich pendle wirklich nicht gern.

Die Mondsteinscheibenfabrik am Morgen. Wie wohl jede Fabrik ist auch diese Fabrik eigentlich ein Roman. Ich wäre nicht verwundert, käme eines Morgens auch Thomas Buddenbrook mit mir zur Tür herein.

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Eisiger Blick. #3v12 #12von12 #polarbears #theymadeitsofar

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In der Kantine sind die Eisbären los. Sie machen ziemlich ernste Gesichter, das mag an der weiten Reise liegen, aber man erzählt sich, dass sie Nachts, heimlich Wasserball spielen und an gefrorenen Lachswürfeln lutschen. Die Eisbären also sind voller Ernst und Würde und auch wir gehen alle ein bisschen aufrechter. Niemand will der Erste sein, den ein mächtiger Prankenschlag trifft.

Den lieben langen Tag also tue ich lauter Dinge, von denen hier nicht berichtet werden kann. Aber berichtet werden kann von meiner grossen Liebe zu Snickers Riegeln, die mich regelmässig davor bewahren den Geduldsfaden mit der Auszubildenden zu verlieren. Snickers und der Weltfrieden it’s a thing!

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Letztes Licht. #5v12 #12von12 #blauestunde

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Die Fabrik liegt in einer Landschaft, die eigentlich ein Märchenwald sein müsste. Vielelicht schleicht ja doch ein Zauberer in einem himmelblauen Mantel durch die Wiesen und Felder, lehnt sich an einen Baum und liest Benn-Gedichte, die doch viel zu viele Rosen haben.

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Die Welt mit Kinderblick. #6v12 #12von12 #augenblick

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Auf dem Heimweg er erhöhe ich auf Bus und Bahn. Im Bus sitzt ein kleines Mädchen vor mir. sie dreht sich um und sagt: „Willst du meine Freundin sein?“ Ich will natürlich unbedingt ihre Freundin sein. Sie malt mit der Fingerspitze lauter Figuren an die beschlagene Fensterscheibe und ich male mit. Immer wieder sehe ich unendlich gern dabei zu wie Kinder unsere Welt besehen. Wir winken uns zum Abschied lange zu. So macht man das unter Freunden.

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Blick ins Glück. #7v12 #12von12 #swimming

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Mittwochabende sind Schwimmbadabende. Ein Schwimmbad ist ja auch ein kleines Meer, wenn auch eher eins aus Menschen, denn aus Schaum und Salz und kaltem Wind. Das Menschenmeer riecht nach den Parfümgeschenken vieler Schwiegermütter aus dem vergangenen Jahr, die jetzt doch wenigstens einmal probiert werden müssen, denn bald gibt es eine Flasche in teurem Papier. Ich schwimme jeden Tag. An den ungeraden Tagen drei Kilometer und an den geraden Tagen fünf. Manchmal tue ich so als ein gerader, eigentlich ein ungerader Tag und manchmal so als ein ungerader ein gerader Tag. So ist das mit mir.

Es gibt Menschen, die sehen nach dem Sport aus als seien sie geradewegs eine Schwester der schaumgeborenen Aphrodite. Ich leider nicht. Ich sehe aus als sei ich gerade noch einmal dem Nöck entkommen, wenn ich mich aus dem Wasser hieve. Mein Haar ist struppig und ich schniefe wie ein Walross. Ich wünschte das wäre anders, aber es ist eben genau so.

Draussen braust der Sturm. Die beste Aussicht haben die Heiligen. Aber ihnen weht auch Wind ins Gesicht und ich bin mir sicher alle Heiligen haben einen fiesen Schnupfen. Hatschi!

Irgendwann muss der Mensch ja auch etwas anderes essen als Snickers-Riegel.

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Blick ins Buch. #11v12 #12von12 #nowreading

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Was schon so spät? Ian McEwan hat eine Oper geschrieben und ich summe ein bisschen vor mich hin.
Nicht im Bild, der schnarchende Hund, die schnurchelnde Katze und der hustende Wind vor dem Fenster.

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Gute Nacht. Das Licht ist aus. #12von12 #12v12

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Jetzt aber Licht aus. Die Glühbirne mag auch schon nicht mehr.
Augen zu und Miau!

 

Endnote

Thank you Jane, for letting me grow, for making me laugh so hard, for setting me free and keeping me close.

Mein Vater verliert seinen Pass. Wir suchen alle. Die liebe C. verzweifelt. Dann findet sich der Pass doch noch an. Mein Vater schwört er werde den Pass hüten wie seinen Augapfel. Zwei Minuten später suchen wir seinen Pass erneut. Die liebe C. versucht sich an Klebeflüchen. Eine kleine Königinnichte heult. Sie darf ihr blinkendes Zauberschwert, das gern bei Gelegenheit laut los scheppert nicht mit zur Urkundenverleihung nehmen. Meine Schwester bleibt unerbittlich. Die kleine Königin verflucht uns alle. Die Mali-Tant ruft an: „Geh Mädi, wenn du eh kos Kleid von Chanel host, denn kennst eh gleich nackert gehen.“ Ich weigere mich nackt meine Dissertationsurkunde in Empfang zu nehmen. Die Mali-Tant schnaubt empört. Mein Vater verliert die Einladungskarten für den Saalzutritt. Die liebe C. steht kurz vor der Verwandlung in eine Würgeschlange. Schwesterchen schüttelt den Kopf: „Ich habe sie ihm doch nur für zwei Minuten gegeben.“ Bébé No. 5 gluckst fröhlich vor sich hin. Im Kinderwagen finden sich gut angekaute Karten. Ich rase zur Universitätsverwaltung. Der Drucker gluckst nicht ganz herzig wie das fünfte Nichtenkind, aber dann sind doch alle Karten wieder da. Die liebe C. verweigert meinem Vater das Besehen der Karte. Ich wickle mich in eine Robe ein. Mein Neffe lacht: „Haus Slytherin“, sagt er und kringelt sich. Ich stecke ihm die Zunge heraus. Meine Schwester macht: „tsk, tsk, tsk“. Die liebe C. legt mir die Kette meiner Großmutter um den Hals. Ich muss schlucken. Die kleine Königin zieht die Kette eng um meinen Hals zusammen: „Zauberschwert murmelt“ sie finster. Ich schüttle den Kopf. Wutgeheul. Nichte No.3 ist verschwunden. Sie findet sich auf meinem Baum wieder an. Mein Vater ist sich nicht sicher, was er noch alles verloren hat. Mein Schwager konfisziert ein magisches Schwert.  Mein Neffe johlt: „Slytherin.“ Die liebe C. sucht meinen Vater. Mein Vater will nicht gefunden werden. Er hat eine alt Inschrift entdeckt und macht Notizen. Meine Telefon zeigt 15 verpasste Anrufe an. Es ist die Nummer der Mali-Tant. Das Telefon trifft das gleiche Schicksal wie das röhrende Zauberschwert aus Plastik. Dann scheucht mich eine Universitätsangestellte in einen langen Flur. Namenslisten. Ölbilder. Ui. Strenge Gesichter und ein Kugelschreiber mit Schluckauf. Alphabetischer Ordnungssinn. Wäre ich doch noch mal ins Bad gelaufen, denke ich mir. Zu spät. Die Robe ist schwer und schief. Läuft da nicht gerade Draco Malfoy vorbei? Habe ich die Robe richtig herum an? Na ja. „Können Sie mir mit der Fliege helfen?“, fragt mich ein Mann. Ich nicke. Kehlkopfgewürge. „Atmen Sie“, sage ich. Er lacht. Schon wieder wird durchgezählt. Wir stehen in einem weißgekalkten Flur. ALPHABETISCH GEORDNET. „Keiner tanzt aus der Reihe.“ Wir warten. Worauf? Eine Katze schleicht über den Flur. Sie sieht aus wie die vergrätzte Mali-Tant und die verärgerte Könginnennichte in Einem. Einatmen. Ausatmen. 2 Sekunden lang fällt mir der Titel meiner Doktorarbeit nicht mehr ein. Weiche Knie. Immer noch warten. Vielleicht kommt doch gleich einen strenge Headmistress? Der Mann mit der Fliege macht Kniebeugen. Egal, Hauptsache alphabetisch. Plötzlich liegt eine Hand auf meiner Schulter. Ganz unalphabetisch. Die Hand gehört der besten Chefin der Welt. Die Schulter gehört zu mir: „You’ve got notions!“, sagt sie, sagt diesen so irischen Satz, sagt ihn mir der Fremden und dann sehen wir uns an und das Lachen, mit dem Alles begann, vor ein paar Jahren, legt sich uns in die Arme. Damals stand ich auf von meinem Schreibtisch, um nachzusehen, wem dieses Lachen gehörte und dann stand sie da, ich tat so als hätte ich weder ihr Lachen gehört noch nach ihrem Lachen gesucht, aber schon hatte sie mich angesteckt und auch jetzt in der ernsten Stille des Flures da stehen wir und alles wird leicht, das Lachen hüpft zwischen uns hin und her, fährt ihr und mir durch die Haare und durch alle Jahreszeiten, dieses Lachen kommt mit Aplomb und einem Liederbuch, dreht eins, zwei, drei Pirouetten läuft die Treppe hinunter in den Saal hinein und ich die ich so fremd bin, auch zwischen Robe und Würde halte mich an diesem, ihrem, unserem Lachen fest, wie an einem Geländer, einer Überlandbrücke und dann, ganz am Ende lasse ich los.

Alles kann ein Lachen ändern.

Die Strasse nach Westen.

Das Auto ist silber und schwer. „Wirklich?“, frage ich. Der verehrte Herr Direktor nickt.„Es ist nur ein Auto“, sagt er achselzuckend. Ich zucke zusammen und fahre dann doch. Leise ist das Auto, anders als der alte Volvo holpert er nicht, knirscht nicht, das Direktorenauto gleitet still durch den Morgen.

Ich denke an die Barke, die schwarze Gondel in der Gustav von Aschenbach durch die Kanäle von Venedig gleitet. „Habe ich sie nicht gut gefahren?“, fragt der Gondelier, der vielleicht jemand ganz anders ist den Fremden mit seinen Koffern. Aber ich frage nicht, der Direktor telefoniert und ich fahre auf der langen Strasse nach Westen, schon liegt Dublin hinter uns, eine Autobahn wie sie es viele gibt. Thomas Mann geht mir im Rueckspiegel verloren. Sie machen ihr Literaturgesicht, sagt der Direktor. Ich nicke. „Der Tod in Venedig sage ich, eine Wasserstrasse 19xx, vor dem ersten grossen Krieg.“ Er nickt und schweigt. Seine Zitate sind aus Veep einer Serie, die ich googlen musste und meine Sätze sind aus dem vorherigen Jahrhundert. Das ist die Entfernung aus der wir sprechen, vielleicht liegt gerade in der grundsätzlichen Fremde, die praktikable Nähe an der wir uns versuchen, auch hier auf der Strasse nach Westen.

Obama Plaza heisst die Raststätte an der wir halten. Obama hat natürlich einen irischen Verwandten und jetzt auch eine Raststätte. Fotos kann man dort sehen, die Statue aber von ihm und Michelle ist nicht zu sehen. Vielleicht wird sie grundgereinigt oder winterfest lasiert, wer das weiss schon genau. Wir trinken Kaffee und bewundern die Raststättendamen, die fuer die LKW-Fahrer, Familienersatz sind und natuerlich finden sie auch fuer ein schluchzendes Kind ein roten Luftballon. Es riecht nach Kaffee, Fluessigseife, nach Bratfett und langen Touren. Ein Trikot an der Wand. Rot-weiss und Obama. Ein riesiges Bild an einer Stele: Obama steigt aus dem Helikopter, irisches Wetter. Der Präsident strahlt, der nächste LKW-Fahrer kommt und die Raststättendamen rufen: John, nearly there, nearly there. Was fuer ein Satz. Wir fahren weiter, die Berge zu unserer linken sind eine Regenwolke, graue Schatten vor uns und neben uns. Wir streiten uns ueber die Frage, aus welcher Entfernung man wohl das Meer riechen kann. Dann der erste Ort unserer Reise. Ein Strassendorf mehr, ein Postamt ( geschlossen), ein Pub ( offen), die Polizei (offen). „Ein Polizist“, sage ich, quietschende Reifen. Vielleicht lacht der Herr Direktor. Der Polizist hat Zeit. Seine Wegbeschreibung ist die Chronik des Ortes, wir finden die Veranstaltung dennoch. Ein Direktorenvortrag und viele Gespräche später wieder die Strasse, weiter nach Westen.

„Fräulein Read On“ sagt der Direktor, denken sie es wäre moeglich an einem Pub zu halten. Ich nicke. Zwei Countryhotels, einen Gastropub und drei Doerfer weiter halte ich an. Jim O’Hara, ein rotes, verwittertes Schild, verschmierte Fensterscheiben, der Wirt steht in der Tuer und schreit zum Fleischer herueber. „Ich wusste, dass Sie hier anhalten, ich wusste es.“ „Bier oder kein Bier, Herr Direktor, das ist hier die Frage.“ Der Wirt starrt uns an. Zwei lachende Fremde. Ein Pint für den Herrn, ein Wasser mit Sprudel für mich. Der Wirt starrt noch strenger auf usn herab. Er schüttelt den Kopf. Fremde, was soll man da anders erwarten. Das Mobiliar ist alt und verwittert. Stühle aus altem, verwitterten Holz, Tische mit Wachsflecken und eingeritzten Strichen lang schon vergangener Kartenpartien. Im Pub neben uns der Doktor nach den Hausbesuchen, die Trinker des Ortes und in ihrer Mitte eine Frau mit wasserstoffblonden, herausgewachsenen Haaren und langen Fingernägeln. Sie erzählt von ihrem Sohn, der anderswo Geld macht und sich nicht mehr um seine Mutter schert und die Trinker trinken. Sie heben ihre Gläser und so beginnt ein Abend, dem viele andere Folgen. Der Direktor wird seine Krawatte los und die Frau mit den Haaren, die so verdächtig einem Waschbären ähnelt, wirft mir verächtliche Blicke zu. Aber hier bei Jim O’Hara sind alle Fremde. Der Wirt trinkt einen klaren Schnaps. Wir sehen aus dem Fenster. Noch 50 Kilometer. Die Dorfjugend kommentiert das silberne, schwere Auto auf der Strasse. „ So wollte ich nie werden“, sagt er. „So sind Sie nicht“, sage ich. Die Dame fährt, sagt er zu den Jugendlichen auf der Strasse. Das Auto schweigt, silbern und schwer.

Sonntag

Die Stimmung am Morgen ist gedrückt.

Am Samstag war ein Maler im Haus.

Er stieg mit seinem Eimer auf die Leiter.

Das sah die Katze und wer wäre die Katze, würde sie nicht die Gelegenheit nutzen, um mit einem Satz auf die Leiter zu springen, der Maler erschreckte sich, denn es ist nicht alltäglich im Malerwesen, dass eine Katze den Farbeimer attackiert.

Die Leiter schwankte, der Maler schwankte, ich eilte helfend herbei, schaulustig an meiner Seite der Hund: Platsch. Hund und ich grüngraugesprenkelt. Leichenblass der Maler. Hämisch grinsend die Katze.

„Eine Schande“, sagte ich zur Katze, „es ist eine Schande.“

Dann zog ich den Hund ins Bad und nein der Hund ist kein Freund von Badewannenkuren.

Am Morgen also ein schwergekränkter Hund vor dem Ofen.

Die Katze hochmütig, aber immerhin verunsichert.

Ich mürrisch und missgestimmt.

„Schämen, muss man sich für euch“, zische ich.

Es beginnt zu regnen. Der Hund jault. Die Katze tut so, als sei nichts vorgefallen.

Im Mülleimer die neue, nun grün-grauspenkelt verdorbene Jeans.

„Das wird vom Lachs abgezogen“, zische ich und schliesse die Tür.

In das kleine, irische Dorf gefahren.

Das Haus in dem ich so viele Jahre wohnte, ist abgerissen.

Schutt und Mauerstücke, ein Rest der Tapete mit den Seerosen, die ich so mochte, der Garten ist nicht mehr, ausgerissene Baumwurzeln, die Gartenbank ist zerhackt, ich gehe schnell weiter, in manche Spiegel sieht man nicht gern.

Beim Bauern Winterheu für Kälbchen bezahlt.

Kälbchen selbst unstet und unzufrieden, ich bleibe schlechter Ersatz.

Kälbchen seufzt.

Ich schlucke.

Ich laufe zum Meer.

Das Meer immerhin ist dasselbe geblieben.

Graue Wolken und dann das salzige Wasser. Zum ersten Mal seit Wochen nicht diese entsetzliche Fremde, die mich verschluckt.

Kalt ist das Wasser, Ende November.

Das Meer ist ein kaltes Segeltuch und immer dann doch das Versprechen eines anderes Ufers.

Eine ganze Weile liege ich im nassen Sand.

So tief sind die Wolken, aber meine Hände reichen nicht bis zu ihnen heran.

„Wo bist du?“, frage ich die Wolkendecke.

„Why didn’t you hold on to me?“

Aber die Wolken antworten nicht.

Der Tierarzt antwortet nicht.

Der Sand ist kalt an meinem Rücken.

Die Frau des Krämers zeigt mit dem Finger in Richtung Oberland.

„Das ist alles ihre Schuld.“

„Was?“

„Wenn sie nicht weggezogen wären, dann wäre das alle nicht passiert.“

„Abgerissen, von einem Tag auf den Anderen.“ „Barbaren.“

Die Frau des Krämers schäumt vor Wut.

„Unser Tierarzt hätte das nicht zugelassen.“

Dann fängt sie an zu weinen.

„Alles Ihre Schuld“ sagt sie.

Ich fahre zurück in die Stadt.

Ich bin nur 1, 71m groß.

Wie kann man nur an so viel Schuld sein, wenn man eigentlich ziemlich klein ist?

An einer Ampel wartet eine Familie. Sie alle sind festlich gekleidet. Pinke Luftballons in den Armen. Eine Frau hält eine Torte in der Hand. Ein Mann tastet hastig nach seiner Fliege. Kurz schwankt die Torte, hohe Schuhe und ein Bordstein, die Möwen sind enttäuscht, eine Geburtstagstorte, das wäre etwas gewesen. Diesmal nicht.

Dann wird die Ampel grün.

Warum fällt mir so etwas auf?, frage ich mich, es ist Stau.

Der Nachrichtensprecher verliest sich.

Wie steigt man um in ein anderes Leben?

So etwas wie Sonnenschein.

Ich hänge Handtücher auf und hole die Bettlaken ein.

M. hat Rücken und eine neue Matratze.

Sie schläft noch ergebnisoffen.

Der Hund bemüht sich weniger Schaden zu machen als sonst.

Von der Katze ist nur die Schwanzspitze zu sehen.

Sie wartet bis ich die Küche verlasse, bevor sie die Milch aufschleckt.

Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke.

Nichts im Internet gelesen.

Kein Radio angemacht.

Das Buch wieder zur Seite gelegt.

Regentropfen gezählt.

Irgendwann verzähle ich mich.

Eine Tasse Kakao gekocht.

Der Kakao klumpt.

Auch egal.

Der G. ruft an.

Der G. ist sichtbarer Jude als ich es bin.

Der G. wohnt in meiner Berliner Wohnung.

Der G. sagt: „Ich muss Dir etwas erzaehlen.“

„Ein Mann saß mir gegenüber. Ganz unauffällig sah er aus der Mann.

Er las er in der Zeitung und ich sah aus dem Fenster.“

„Ganz unverhofft“, sagt der G. beugt der Mann sich nach vorn, zu mir herüber, erst dachte ich der Mann wolle etwas aufheben oder sich die Schuhe zuschnüren.

Aber dann sagte er: „Mensch, was machen Sie denn, wenn jetzt die Nazis wiederkommen?“

Da habe ich ihn gefragt: „Was machen Sie denn?“

Da sagte der fremde Mann zu mir: „Was geht mich es denn an, ich bin doch kein Jude.“

„Bist du noch da?“, sagt der G.

„Ja“, sage ich.

„Was antwortet man da Read On?“

Aber mir fällt nichts ein.

Wir schweigen lange am Telefon, der G. und ich.

„Bitte, sag etwas“, sagt der G.

„Sag doch irgendwas.“

„Ja“, sage ich.

Die Rosenblätter aufgelesen.

Das Bett neu bezogen.

Das Fenster geschlossen,

Einen warmen Schlafanzug aus der Schublade geholt.

Kein Gedicht gelesen.

Einen Brief noch immer nicht zu Ende geschrieben.

Über eine Geschichte gestolpert, von der ich nicht weiß, ob sie eine wird.

Ein Glas Wasser getrunken.

Dann die kalten Füße angezogen.

Das Meer liegt noch immer dicht unter der Haut.

Sonntag

Um zwei Uhr wache ich auf. Vor meinem Fenster gähnt der Halbmond, reibt sich die Hände. Er friert und ich habe kalte Füße. Das bringt der November so mit sich. Einen Mond mit blauen Lippen und kalte Füße dazu.

Vor dem Fenster steht eine Laterne. Um die Laterne tanzen drei Männer. Erst denke ich, ein Rest eines merkwürdig verschobenen Traumes verlagert sich dort unten auf die Straße, aber dann finde ich meine Brille und die drei Männer tanzen noch immer um die Laterne. Ringelreihen oder der Plumpsack geht um, eines jener Kinderreime, aber dann singen sie mit taumelnden Lauten ein Sport-Jubellied, denn ein paar Stunden zuvor  hat Irland im Rugby gegen Neuseeland gewonnen. Irgendwann wird ihnen schwindlig und dann sitzen die drei Männer auf dem Bürgersteig und trinken Bier.

Der Mond schweigt über all dies und auch ich vergrabe mich tiefer in die Kissen. Am Morgen hebe ich die Bierbüchsen auf.

Der Mond lehnt seine Wange an die der Sonne, dann geht auch er.

Ich koche Kaffee, die Katze schlürft Milch, der Hund tapst in den Wassernapf, eine große Pfütze. Die Katze grinst, der Hund tapst in die Milchschale, die Katze grinst nicht mehr. „Ach Kinder“, sage ich. Der Hund will doch zeigen, dass er nicht nur Tollpatsch ist, schon stößt er meinen Kaffeebecher um. Wenigstens die Katze ist mit meinem Unglück versöhnt. Der Hund schleicht mit gesenktem Kopf zur Tür. Dann gehen wir langsam durch das Viertel, zwei Kinder kommen angerannt und ziehen am Hund, oh wie niedlich sagen die Eltern, „bitte fassen sie meinen Hund nicht einfach an“ sage ich, der Hund versucht sich unter einer Hecke zu verstecken. „Aber wenn er doch so süß ist“, sagen die Eltern. „Nein“, sage ich. Die Eltern starren mich an. Die Kinder jagen eine Katze.

Der Hund legt sich seufzend auf das Kissen. Die Katze liest die Zeitung und macht ungeduldige Schwanzbewegungen, manchmal glaube ich die Katze ist Spitzenpolitikerin und verhandelt für die Republik der Katzen die Milchpreise neu. Chancen auf die Zeitung rechne ich mir keine aus.

Am Abend zuvor habe ich Frau Crocodylus und ihren Mann kennen lernen dürfen und als ich Honig auf ein Brot träufle, denke ich mit großer Dankbarkeit daran, wie viele wunderbare, einzigartige Menschen ich über dieses Blog schon habe kennen lernen dürfen. Frau Croco liest dieses Blog schon, so lange wie es besteht und diese Form des begleitenden Lesens ist für mich ein besonders großer, unschätzbarer Wert. So viele Gedanken und Kommentare, so viele verschiedene Stimmen tragen dieses Blog Tag für Tag. Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.

Dann Sonntagsschwimmen. Die schmale Sonne im Fenster und für viele Bahnen ist es ganz still in meinem Kopf. Dann rennt ein Mädchen begeistert noch mit Socken in den Pool. Platsch. Kurz darauf verliert ein Schwimmlehrer beim Vorführen der richtigen Kraultechnik die Balance. Platsch. Prustend taucht er neben mir auf. Tschuldigung, sagt er. Kein Problem sagte ich, ich kenne einen Hund, dem geht es so wie ihnen. „Hauptsache Humor“ sagt er. Dabei ist es mir doch immer ernst.

Lange in Jonathan Coes Middle England  gelesen.

Möhren geschält, Kartoffeln geschält, über Zwiebeln geweint. Rind geviertelt. Knoblauch zerdrückt, mit Töpfen, Pfannen und der Casserole hantiert, Beef Stew in den Ofen geschoben, Kartoffelstampf fertig gestellt. Auf einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze erhalten. Der Katze Kartoffelstampf verweigert. Die Katze verärgert davon eilen sehen. Man wird in der UN von ihr hören.

Eingeschlafen.

Aufgewacht. Zum Glück schmurgelt der Stew weiter unauffällig vor sich hin.

Die G. hat sich angesagt, die G. ist eine Freundin der M. Der M. gehört das Haus in dem ich lebe. Die G. ist für ein paar Tage in der Stadt. Leeds, sagt die M.

„Aha“, sage ich.

Die M. sagt nach Freundlichkeiten, zwei Gläsern Wein und einer Karaffe Wasser für mich: „G. wie hast du denn damals abgestimmt G. als es um den EU-Verbleib ging?“

„Gar nicht“, sagt die G. „wer konnte denn das schon ahnen?“ „Das hat doch niemand ahnen können.“

Dann schweigen wir alle und essen Stew.

„Ich will nur noch, dass es endlich vorbei ist, sagt die G., egal was kommt, Hauptsache, dass alles geht irgendwie vorbei. Man hört ja nichts anderes mehr als Brexit, Brexit, Brexit, Brexit. Es wird schon irgendwie weitergehen, keep calm and carry on, es soll nur endlich vorüber sein.

Wir schweigen lange.

Ich schlucke und sage dann doch: „ Wieso aufhören?“ „Es fängt doch gerade erst an.“ Die G. starrt mich an. „Es fängt doch gerade erst an“, sage ich noch einmal.

Dann knallt es in der Küche. Die Katze hat mit einem beherzten Sprung versucht den Deckel vom Stampfkartoffeltopf herunterzureißen, der Hund sieht verdutzt auf den Deckel zwischen seinen Pfoten. Ich verbanne die Katze in den Garten.

Die Katze faucht verächtlich.

Der Hund kaut entsagungsvoll auf meinem Pantoffel.

Die G. schweigt noch immer.

„Will jemand Kaffee?“ fragt die M.

Der Mond sieht mir über die Schulter, später, da liege ich im Bett noch immer mit Jonathan Coe in der Hand. Der Hund schnarcht. Die Katze lässt die offerierte Versöhnungsmilch stehen und rollt sich in meiner Strickjacke ( streng verboten ) auf dem Sessel ein.

Von Menschen oder dem Mond, der mit den Knöcheln leise ans Fenster klopft, will sie nichts wissen. Ich mache das Fenster trotzdem auf. Der Mond wärmt sich die kalten Hände.

Auf der Suche nach Ernst Barlach-Hamburg(2)

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Leer ist das Museum. Aber auch das stimmt nicht ganz. Die Sonne ist ja da, lehnt sich gegen die Fenster als wolle sie an diesem Morgen auch endlich einmal in Ruhe ins Museum gehen. Aber nicht nur die Sonne ist da, an der Kasse sitzen zwei Damen, sie freuen sich über Besuch sagen sie und das hört man in einem Museum ja gar nicht so oft, wie man denken mag. Hier hört man es. „Sie sind zwischen den Zeiten da“, sagen sie. Eine Ausstellung ist gerade abgebaut, die Andere wird gerade aufgebaut. „Zwischen den Zeiten“, sage ich, ja da haben sie Recht.“ Den halben Preis teile ich mir mit der Sonne. „Lassen Sie sich Zeit“, sagen die Damen, sie sagen es wie man es sagt, kommt Besuch, den man schätzt. Ich nicke, Jacke, Tasche, Rucksack bleiben im Schrank. Große Fenster zeigen in den Park hinaus. An der Außenwand lehnen zwei Barlach-Skulpturen. Es hat den Anschein als nickten sie mir zu, als brächen auch sie auf zu einem Spaziergang, hinaus in den Sonnenschein, als nickten sie mir beiläufig zu, ich nicke zurück, sie wenden sich dem Garten zu und ich bleibe im Haus.

Die Sonne legt mir die Hand auf den Rücken. „Komm“, sagt die Sonne, komm.“ Wer würde da stehen bleiben? Die Figuren von Ernst Barlach sind anders als andere Skulpturen, in ihnen liegt nichts von der stolzen Kälte römischer Bürger und nichts wissen sie von der monumentalen Strenge, die Richard Serra seinen Plastiken gibt. Hier bei Barlach findet man kein rostigen Stahl, keinen blanken, weiß polierten Marmor, wie das 19. Jahrhundert es sich erfand. Seine Skulpturen atmen, leise zwar, aber atmen tun sie doch. Sie wenden sich manchmal nach rechts oder links, zeigen einem ein ernstes oder ein heiteres Gesicht, werfen einem manchmal einen Blick zu fragend, zögernd, halten die Hand hin, unmerklich fast, tippen einen mit der Schulter an, sagen: bleib doch noch oder auch das ist mir schon passiert, wenden sich ab, finden man möge ein anderes Mal wiederkommen, seine Figuren lassen sich etwas anmerken, ziehen einen zurück oder halten einen fest. Alles kann man ihnen suchen, alle Haltungen sind ihnen möglich, nur die kühle Distanz liegt ihnen nicht.

Ernst Barlachs Figuren sie alle wissen etwas.

Einmal vor vielen Jahren bin ich in Güstrow gewesen, dort hängt ein Abguss des Engels. Jener Engel, der schwer ist, schwerer wiegt als andere Engel, der nichts hat von der flirrenden Leichtigkeit die man Engeln gemeinhin zuschreibt. Jener Engel mit dem Gesicht von Käthe Kollwitz trägt schwer an sich selbst. Das Original jenes Engels gibt es nicht mehr. Eingeschmolzen haben die Nationalsozialisten den Engel von Güstrow.

Später in den Jahren danach hat man Abgüsse anfertigen können einen zweiten und dritten Engel. Zum letzten Mal habe ich ihn nicht in Güstrow gesehen, sondern in der Tate in London, der Engel an der Wand und ein größerer Schatten hinter ihm. Ein älteres Ehepaar kam zur Tür herein, sie sah den Engel dort an der Wand, hielt sich am Türrahmen fest, sah auf den Engel, sie sagte: „Oh Kate, oh Kate what can we do to take your pain way?“ Käthe Kollwitz, die ihren Sohn Peter im ersten großen Kriege verlor und nicht mehr zurückkam.

Barlach gab seinem Engel ihr Gesicht. Nicht absichtlich, das Gesicht kam und blieb.

Damals im Dom von Güstrow fragte ich wieder und wieder, warum die Bürger von Güstrow sich nicht vor den Engel gestellt haben, warum der Pfarrer den Kirchenschlüssel aus der Hand gab, warum in Deutschland immer alles preisgegeben werden kann, aber darauf bekommt man nie eine Antwort. So viele Fragen bleiben immer im Dunkeln.

Lange hat die Frau vor dem Engel in der Tate Gallery gestanden, auf Zehenspitzen stand sie, so als wollte sie Käthes Gesicht in ihre Hände nehmen und endlich, endlich würde der Schmerz weniger werden.

So ist das mit Ernst Barlachs Figuren. Sie zeigen, was man fühlen kann.

What can we do to take your pain away?

DqhQjaMX0AMZNT3Aber hier in Hamburg fliegt der Engel nicht. Hier sind noch immer die Sonne und ich allein im Museum. Die Lauschenden heißt die Figurengruppe an der äußeren Wand. 1934 hat Barlach sie begonnen, 1935 stellt er sie für Hermann Reemtsma fertig, der sich entschließt Barlach und seine Figuren nicht für sich selbst zu behalten, sondern dieses Museum in Hamburg initiiert und realisiert, so dass ich so viele Jahre nach 1935 vor den Figuren stehe, die an der Wand lehnen zufällig fast, als hätten wenig bekannte Umstände sie an diesen Ort geführt, als sie nicht weniger Fremde hier als ich es bin. Die Lauschenden nennt Barlach die Figurengruppe und ich stelle mich lange zu ihnen dazu. Lauschen dieses Wort hat im Deutschen einen doppelten Boden. Lauschen kann man einem Bach-Choral, ein Kind lauscht auf dem Schoß seiner Mutter, im Garten kann man den Vögeln lauschen und lauschen kann man in der Nacht und man hört vielleicht eine Eule oder auch nur den eigenen Herzschlag. Aber so eindeutig ist das nicht bei diesen Lauschenden hier. Ob die Frau mit dem Hut wohl dem Regen lauscht oder doch den Nachbarn hinter der Tür? Allen Figuren ist eine Haltung inne, die ganz anders sein mag als es den Anschein hat

Keine der Figuren hört etwas Eindeutiges, denn im Lauschen liegt immer auch schon die Möglichkeit des Belauschens, des Belauscht-Werdens, das Lauschen ist der Beginn jeder Preisgabe. Das ist auch eine Erkenntnis des Jahres 1935.

Lange lausche ich vor dem Fries.

Die Sonne und ich wandern langsam durch das Haus.

Vor einer Frau, auch sie eine Skulptur, bleibe ich stehen. Ich stehe hinter ihr, vor mir ihr Rücken, lange sehe ich ihr zu, wie sie ein Bild an der Wand ansieht. Nach einer ganzen Weile wird mir schwindelig, belausche ich nicht sie und ihre Zwiesprache mit einem Bild. Lieber gehe ich weiter.

Wer ist Ernst Barlach? fragte ich meine Großmutter und saß auf ihrem Schoß. In meiner Hand lag ein Katalog seiner Werke. So viele Jahre ist das schon her. Ernst Barlach hat einmal geschrieben: „Ich habe keinen Gtt, aber Gtt hat mich, sagte sie. Ernst Barlach war auf der Suche nach dem Unvorstellbaren sagte sie. Ich merkte es mir und suche noch immer danach worauf es ankommt.

Vielleicht ist auch Sehen, Suchen und Lauschen zugleich.

Auf der Suche nach Ernst Barlach- Hamburg (1)

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Jenisch-Park in Hamburg-Klein Flotttbek

Auf dem Flughafen ist es noch dunkel. Neben mir sitzen zwei Frauen. Sie sind aus Amerika und in Europa sind sie der Geschäfte wegen. Ihre Firma sei nach einer Insel aus Mikronesien benannt, sagt die andere Frau, stolz klingt sie, so als sei die Firma eine Art fernes Paradies. Die andere Frau schweigt über Mikronesien. Dann hebt sie ihren Armen. Sie hat eine Apple-Uhr am Handgelenk und ihrer Kollegin führt sie vor, was die Uhr alles kann. Es gibt im Grund nichts, was diese Uhr nicht kann. „Aber das Beste ist“, sagt sie und holt tief Luft, „das Beste ist das diese Uhr einen immer findet, auch wenn der Kontakt zum Mobile phone abgerissen ist, die Uhr findet einen immer.“ Man merkt der Frau an, dass es ihr ums Gefunden Werden geht, wer weiß schon wie lange es das letzte Mal her ist, das jemand nach ihr gesucht hat, der kein Stück Metall an ihrem Handgelenk ist. Ihre Kollegin aber starrt auf die Uhr und auf ihre eigenes abgeschabtes Samsung Telefon.

In Hamburg ist es auch noch früh. Ich kaufe Fahrkarten für die S-Bahn. Eine Frau versucht verzweifelt einen zwanzig Euro Schein zu wechseln, niemand hat so viel Kleingeld. „Sie zwingen mich zum Schwarz fahren“ ruft die Frau einem S-Bahn Mitarbeiter zu. „Jo“, sagt der und da bin ich mir sofort sicher, wirklich in Hamburg zu sein. Bis nach Klein-Flottbek fährt man eine ganze Weile S-Bahn: Hamburg wacht auf, die Möwen gähnen, die Menschen gähnen, Leon soll still sitzen, aber Leon will lieber mit dem Mülleimer spielen, wenn Leon jetzt nicht lieb ist, findet Leons Mutter, dann wird die Fahrt zu Oma abgebrochen. Leon schluchzt. Am Hauptbahnhof steigen drei Hunde aus und viele Menschen zu, eine Frau setzt sich neben mich. Sie riecht so nach Zigarettenrauch wie ich mir vorstelle wie Helmut Schmidt gerochen haben muss. Sie hustet erst ausführlich und wie so oft bedauere ich, dass es keine Spucknäpfe mehr gibt, dann bellt sie in ein Telefon und weckt ihren Gefährten mit einer Abreibung über sein Trinkverhalten. Noch auf dem Bahnsteig steckt sie sich, kaum ausgestiegen eine Zigarette an. Vier Freundinnen suchen eine Straße auf der Reeperbahn. Aber wie das wissen sie nicht. Eine ältere Dame mit Perlenkette und Cashmere Kombination räuspert sich und sagt: Nehmen se mal die Schanze und dann immer schön links halten, nech. Die vier Freundinnen staunen. „Na ich bin ja nu mal von hier nech“, sagt die Dame und ihre Augen funkeln. Wer sie sieht, der ahnt etwas von den Nächten über die man lieber nur andeutungsweise spricht.

Dann gibt die Stadt nach, roter Backstein und Garten mit Schaukeln, Kirchtürme und Rosenhecken, grüne Flecken im Stadtgrau, eine Station nach Othmarschen steht auf meinem Reisezettel, ich steige aus. Klein Flottbek hat Sonnenschein, gelbes Laub raschelt unter meinen Füßen. Die Häuser haben weiße Gartenzäune und die Autos sind höher als die Gartenzäune. Drei Kinder spielen Fußball auf einem Stück Rasen. „Vati“, rufen sie. „Vati komm, spiel mit uns.“ Vati kommt, nimmt Anlauf, zielt, ach weh, den Ball verfehlt, den Schwung nicht abgefangen, Vati fällt ins Gras. „Ach Mensch Vati“, rufen die Kinder. Vati rappelt sich hoch. „Mein Rücken“ ächzt er hervor und humpelt davon. An ein Auto gelehnt streckt er seinen Rücken durch. Die Mutter der Kinder ruft vom Haus herüber: „Wo ist denn Vati?“ Die Kinder rufen: „Rücken.“ Mutti weiß genug, ich kicke den Ball zurück und schon biegt die Straße nach links. Eine alte Scheune ist jetzt eine Bar. Pferdeställe, die Boxentüren gibt es noch versprechen ein erstklassiges Wohnerlebnis, im Park ist das rot und golden, ein Teppich wie für Könige. Ein Hund rast in einen Laubhaufen, eine Laufgruppe rennt vorbei, eine Krähe verschluckt sich fast an einer Nuss, die Sonne malt uns allen Kringel auf die Nase, das Jenisch-Haus glänzt weiß, ich gehe die Treppen hinauf.

Es ist noch immer früh, Milchkaffee trinke ich und ein Franzbrötchen dazu, der Teller hat einen grünen Rand, ich sehe aus dem Fenster, gegenüber steht ein fast unauffälliges weißes Gebäude. Ernst-Barlach-Haus steht an der Wand. Meine Hände sind warm an der Tasse. Deswegen bin ich hier.
So schlecht kann ich atmen im Moment, immer ist das zu wenig Luft, zu schwer knackt mein Brustkorb, so bleiern ist die Luft.

Vielleicht, denke ich, ist die Luft leichter in der Nähe von Ernst Barlach, der mir immer nah war, seine Figuren tragen so viel, vielleicht können sie auch mich ein Stück mittragen.
Ein Mann kommt an den Tisch und will etwas wissen.
Es tut mir leid, sage ich, aber ich bin nicht zum Sprechen hier, nur zum Atmen.
Er dreht sich um. Ich bezahle und dann ganz langsam gehe ich zu Ernst Barlach herüber.

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Ernst-Barlach Haus im Jenischpark, Hamburg