In den Bergen, über dem See

Etwas Unwirkliches hat die Landschaft in Wicklow. Zu schroff sind die Felsen links und rechts der Strasse, hier findet sich kaum das satte Grün, das doch alle in Irland suchen, hier sind Geröllhänge und glatter, schwarzer Schiefer und der J. neben mir im Auto mit halbgeschlossenen Augen sagt: „Du wolltest mir Irland zeigen, dabei ist das die Landschaft meiner Mutter irgendwo in Uttar Pradesh. Ich bin nie dagewesen. Aber jetzt eben doch.“ Ich nicke,zu schmal sind die Strassen für lange Antworten. Überhaupt sind es eigentlich keine Strassen, sondern breitere Kanten auf denen man sich vorsichtig weiter und weiter hinein in die Berge bewegt. Das ist keine Landschaft für Autos, denke ich links und rechts und immer schmaler, dies ist eine Landschaft für einen Reiter und ein Shetlandpony, für einen Esel und zwei Körbe links und rechts an seiner Seite, eine Landschaft für einen Schäfer und seine Herde, dies ist die Landschaft in der sich der Erlkönig auf den Rücken legt und für lange Stunden in den Himmel starrt, sein Pferd ist an einer kahlen Kiefer angebunden, dies ist eine Landschaft, die dem Wind gehört und der Wind liebt uns nicht, der Wind schiebt das Auto von links nach rechts und wieder zurück. So ist das.

Der J. schweigt und vielleicht schwiegt mit uns auch seine Mutter und auch ich schweige und beisse mir auf die Lippe, so eine Landschaft ist das. Dann aber sind wir doch hindurch, man kann auch ein Auto durch ein Nadelör fädeln, weiteratmen. In Glendalough sind wir fast noch allein, man muss vor den Touristenbussen ankommen, das ist die Hauptsach gegen alles andere gibt es feste Kleidung oder Pflaster, aber gegen die Toristenbusse hilft nichts, man muss früh aufstehen, das ist das Einzige was hilft. Wir sind früh genug.

Der J. lacht. „Weisst du noch damals als du mit dem A. in die Berge gingst und alle starrten dich an, dass du mit dem Dalit boy in die Berge gingst, mit dicken Seilen um den Hals und den absurden Gummischuhen? Ich habe auch gelacht über euch, zu fremd war mir die Vorstellung, wer fährt schon mit einem dalit boy nach Himachal Pradesh.“ Ja, sage ich, so gingen wir damals der A. und ich. Der J. schweigt. Denn der A. und ich gehen ja nicht mehr in die Berge. „Weisst du Read On, ist das nicht merkwürdig, dass ich heute hier an diesem Tag, der brown boy bin mit dem du in die Berge gehst und wenn die Touristen kommen, vor denen wir jetzt davonlaufen, werden sie so auf uns schauen, wie wir damals auf A. und dich?“ Ja, sage ich, es ändert sich nichts.

Dann sagen wir für viele Stunden nichts mehr, denn schon damals als der A. und ich in die Berge gingen, taten wir es nicht um zu reden und auch hier und heute schweigen wir, als wir den Wasserfall erreichen, denn in den Bergen war mir die Sprache immer etwas Fremdes, die Worte hallen zu sehr, sind Stolperfallen wie ein durch das Gebüsch gespannter Draht, man muss aufpassen in den Bergen, so oder so. Wir also balancieren über die Dielenbretter, unter uns gibt die Erde nach, bogland, versinkende Berge oder auch nur ein kluges Täuschungsmanöver, ein Stein wie ein Fischbauch glänzend noch vor dem vorgestrigen Regen, der Winter hängt noch schwer an den Ästen der Bäume, ein schwarzer Vogel plötzlich über uns, hüte dich vor dem fremden Vogel, so fangen andere Märchen an, dieser unser schwarze Vogel, er lässt uns lange nicht ziehen, der Ginster aber klammert sich hartnäckig an die steilen Wände und auch an unsere Beine, der erste Klee und der letzte Schnee oben auf dem Kamm. Wir starren lange auf den blanken See unter uns, dabei heisst er der obere See, sein Wasser soll kalt sein, wir glauben es sofort. Einmal kamen die Wikinger nach Glendalough, dann kamen die Mönche, dann später die Minenarbeiter, die Blei abbauten und heute kommen Touristen, dass sie wieder Gehen, dass auch wir wieder gehen ist wohl die Hauptsache. Der Berg und mit ihm die Winde sorgen schon dafür, sie zieren sich nicht.

Wir steigen in langen Zirkeln wieder herunter, der erste Klee neben den Säumen der immer noch kahlen Bäume, Zigarettenkippen in der feuchten Erde, ich hebe sie auf, sie kommen in den Plastikbeutel zu den Bananenschalen.
Das ist mir geblieben vom A. damals in anderen Bergen, der dalit boy, der aufwuchs ohne fliessend Wasser, trank aus offenem Wasser, die Zigarettenkippen achtlos hingeworfen verdarben es, so einfach war das, der A. hob sie auf, ich sehe ihn noch immer we er trank, das Wasser aus den offenen Händen schöpfend, ich habe nichts vergessen, ich denke nur nicht mehr daran. Der J. schweigt über die aufgehobenen Kippen.

Im Tal treffen wir Touristen, sie reden atemlos schon, doch die Worte fallen in den Bergen auf taube Ohren, das ist einfach so. Wir aber haben die Berge schon wieder im Rücken, auf breiteren Weg diesmal zurück in die Stadt.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

In der Dämmerung mit dem treuen alten Hund hinunter zum Fluss.

Ein Vogel, der vielleicht auch nur ein Schatten ist über unseren Köpfen.

Der Hund starrt lange in sein Spiegelbild.

Ob er wohl weiss, dass er es ist oder sieht er jedes Mal wieder einen neuen Fremden?

Am Ufer sitzt eine Wasserratte- braune Augen, sorgenvoll will ich fast sagen, aber ich weiss nichts über die Dinge unter unserem Boden. Vielleicht sind in den Kanälen ja gerade Bürgermeisterwahlen.

Komm, sage ich zum treuen, alten Hund, denn der Tag fängt ja gerade erst an.

BBC 4 beim Zähneputzen. Grüner Schaum vor dem Mund. Das ist ja dieser Tage so etwas wie angemessen.

Ein grosses Glas Wasser, zum Wachwerden, sagte meine Grossmutter, sie trank ihr erstes Glas Wasser lauwarm, aber mein Wasserglas ist kalt, Eiswasser, sie schüttelte den Kopf und ich küsste sie auf die Nasenspitze, so war das mit uns. Sie und ich und kaltes, klares Wasser.

Der Katze und dem Hund Frühstück anreichen.

Für mich ist es noch viel zu früh.

Die Katze rollt sich auf dem Sessel zusammen. Der Hund schläft auf dem Teppich ein.

Tschüss ihr beiden, Schlüssel, Telefon, Fabrikkarte, Portemonnaie?

Auf dem Weg zum Bahnhof drei Kastanien und auf einer Wiese eine Gruppe Birken. Ich warte mit brennender Ungeduld auf die grünen Blätter der Kastanie und auf das flirrende Birkenblätter. Aber heute, heute sind da nur die Knospen, aber noch keine Blätter. Vielleicht aber morgen, vielleicht sind die Blätter ja morgen schon da, nur heute sind sie es noch nicht.

Am Bahnsteig warten drei Männer mit Bohrmaschinen und staubigen, kalkbedeckten Jacken. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen und essen dicke Wurststullen dazu. Einer liest die Nachrichten vor. Irish Sun. Die Anderen nicken beim Kauen. Vielleicht wechseln sie sich ab mit dem Vorlesen, eine Zeitung für drei, ihnen ist Lesen mühsam, das hört man, sie halten inne, misstrauisch sind sie den Wörtern gegenüber und doch ist ihr Vorlesen würdevolll, einprägsam und für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen, verschlinge ich doch Wörter hastig und ingeduldig, das ist schon immer so gewesen. Die Männer aber gehen genau vor. Sie nehmen sich Zeit für jedes einzelne Wort.

All bonkers sagen sie schließlich, die Weltlage ist ja auch danach, dann schrauben sie die Thermosflaschen zu, streichen das Butterbrotpapier wieder glatt, knicken die Zeitung, aber so dass die Frau auf dem Titelblatt, die heiratet oder sich scheiden lässt, keinen Schaden nimmt.

Dann rauchen sie jeder eine Zigarette.

Wie schön doch Menschen sind, die lesen.

Dann kommt der Zug und dann beginnt ein langer Tag in der Mondsteinscheibenfabrik. Aber was in der Mondsteinscheibenfabrik geschieht, das bleibt in der Mondsteinscheibenfabrik.

Am späten Nachmittag hole ich die J. aus dem Institut ab. Sie lacht, ich lache, es ist leichter, wenn sie lacht und dann gehen wir in die National Gallery herüber, so als würden wir uns kaum kennen, so als wüssten wir in Wirklichkeit nicht was unsere Lieblingsbilder sind, so als seien wir ein zweites Date und nicht so viel Geschichte, so viel Zutrauen ineinander, für eine Stunde sind wir noch einmal uns fast fremd und hoffen und bangen wie ganz Frischverliebte, dass der Andere William Orpen nicht für einen stumpfen Portraitmaler hält oder nicht Herzklopfen bekommt bei Lucian Freud. Natürlich geht die Rechnung auf.

Der Museumwärter muss uns hinausklingeln. Wir lachen noch immer auf der Treppe. Der Wächter, der doch so streng klingelt, verzieht seine Mundwinkel. Das ist J. will ich ihm sagen, aber wir blinzeln ins Sonnenlicht und dann gehen wir ins Merrion Hotel, wo die Damen Seidenkleider tragen und die Männer Anzüge aus der Savile Row, denn Dublin will doch so furchtbar gern London sein. Die Seidenkleider rascheln und der Kellner, ist kein Kellner wie im Hotel Central sondern ein Teesommelier und wir beissen uns auf die Lippen, um ihn nicht zu verschrecken.
Der Tee, nein nicht aus Assam, kommt in einer schweren Silberkanne mit Gebäck und cremiger Milch, die Männer trinken Wein und lassen die Zigarrenkiste kommen, die Damen trinken Cocktails und wir trinken Tee und beugen uns vor in den tiefen plüschigen Sesseln. Von außen betrachtet noch immer ein zweites Date, Beeindruckungsversuche, aber das Bild täuscht, denn wir sprechen über den Tierarzt und die offenen Wunden, über S. und das Ende, über Kashmir und Sikkim, über einen Ort in Nainital, über eine gelbe Plastiktüte in einem Slum in Delhi, über so viele Dinge bei denen man in der einen Hand eine Teetasse und in der anderen die Hand des Anderen halten muss. Wir gehen, da haben die Damen in den Seidenkleidern schon rote Wangen und die Männer glasige Augen. Frische Luft auf der Straße, Regenwolken, die Kastanien schweigen.

Hunger?

Hunger.

Wir gehen zu Dunne and Crescenzi. Warm ist es dort, es riecht nach Basilikum und Knoblauch, nach Adria und der Toscana zugleich. Es ist ein kleines Restaurant, nur Dublin ist kleiner. Am Nebentisch sitzen ein Mann und eine Frau, schwere goldene Ringer, sie und er, zwei Tische weiter sitzt seine Geliebte mit ihrem Mann und am Tisch am Fenster, sitzt die Frau mit der, der Mann am Nebentisch ein Sohn hat. Alle grüssen sich freundlich. Das muss man wissen, wenn man in Dublin leben will, dass es so ist.

„Ich habe an den D. gedacht“, sagt die J.

„Weißt Du noch als du so deprimiert warst auf über D.?“

Ja, sage ich.

Der D. schwärmte von etwas, was wir bezahlten, damals als er im Institut war. Der D. aus Deutschland, eine Promotion mit einem komfortablen Stipendium, geförderten Auslandsarchivaufenthalten, Druckkostenzuschuss, keine Lehraufträge, dann natürlich England, denn das deutsche System macht ja irgendwann keinen Spaß mehr, er schwärmte da vor und über Europa. Die Möglichkeiten. Er spottete über den Brexit, aber mir war schon damals als spottete er über uns über. Über T., P., B. und mich.
Ich hatte noch Glück gehabt, mir wurden wegen guter Leistungen oder so, die Studiengebühren erlassen, aber wie T. P. und B. unterrichtete ich Kurse über Kurse, sie die sie kein Stipendium hatten gegen magere Bezahlung, ich ohne Bezahlung das ist der Preis, dafür mit Nachtschichten im Rücken, dann die Stelle für J. Ich bat meine Schwester in die British Library zu gehen, um Geld zu sparen natürlich, wie denn sonst. Da saßen wir und sahen die Möglichkeiten, die für uns ein ferner Planet waren, ein anderes Europa auf jeden Fall.
Die T. arbeitet heute als Admin in einer anderen Universität, der B. hat Lehraufträge an drei Universitäten, der P. arbeitet für seine Eltern in Southampton, ich wusste, dass ich mir keinen Postdoc leisten können würde und ich war so müde nach all den Nachtschichten. Wir gönnten es dem D. doch, nur wir haben dafür bezahlt und wussten schon damals, dass wir nicht in Oxford oder Cambridge oder Warwick landen würden, auch wenn unsere Dissertationen vielleicht nicht besser, aber vielleicht auch nicht schlechter sein würden als seine.

„Ich hatte es vergessen, sagt die J., die Sache mit D. nur dein Kopfschütteln hatte ich behalten und jetzt, wo alles zerbricht, frage ich mich doch, ob wir nicht mit den D.s und ihren Reden hätten anders umgehen müssen, wir haben das weggelächelt, auch wir haben gedacht Brexiteers seien doch bei Nigel Farage zu verorten, aber vielleicht kein frustrierter Doktorand, der sieht, wie seine Seminare nur Zweck sind und niemals Mittel und dass er am Ende außen vor bleiben wird. Wir haben nicht aufgepasst, sagt sie, wir waren alle betrunken an den Möglichkeiten und euch, die man euch die Möglichkeiten einer Mohrrübe gleich vorhielt, wir haben die sich schließenden Türen nicht gesehen Darüber haben wir nie gesprochen.“
Wir fürchteten uns schon damals vor dem Brexit, denn das ist in Irland ja unmittelbar, aber wir fürchteten uns auch vor dem Spott des D., der ja uns galt, uns die wir es nicht vermochten.

Ich nicke und auch ich weiß, wir haben uns nicht gekümmert, nicht um all die, mit nein gestimmt haben, weil sie keine Möglichkeiten mehr sahen, sondern den Spott, denn auch wir, auch ich und P. und T. und B. wir wollten glauben, dass es doch alles ganz anders sei.

Dann sprechen wir über andere Dinge und spielen nicht mehr zweites Date, sondern halten uns an dieser Vertrautheit fest, die wir uns doch erarbeitet haben, endlich schaffe ich es vor ihr zu bezahlen, und dann gehen wir noch ein Stück gemeinsam, ich renne zum Bus, Handküsse, wir sagen nie Auf Wiedersehen, sondern immer nur auf bald.

Die Katze hebt die Schwanzspitze.

Der Hund schüttelt sich.

„Na ihr beiden“, sage ich.

Der treue alte Hund und ich gehen noch einmal zu den Kastanien.

Aber die Blätter sind noch nicht da.

Vielleicht morgen.

Vielleicht ist schon morgen alles ganz anders.

Sonntag

Am Morgen mit dem treuen, alten Hund zum Fluss hinunter gelaufen. Der Fluss ist ein kleines Meer, sage ich. Aber der Hund schweigt, er weiss ja längst schon, dass ich kein Handtuch mehr über dem Arm trage, um im Meer zu schwimmen. Das Meer ist so fern. Der Hund muss sich ausruhen. Der Hund legt den Kopf auf die Pfoten und ich meine Hand auf den Hundekopf.

So sehen wir auf den Fluss.

Der Hund schliesst die Augen.

Dann sehe ich die Federn.

Schöne weiße Federn.

Federn wie Flaum.

Zart noch und ich stehe auf, um vielleicht eine Feder aufzuheben in der Tasche der dicken grünen Strickjacke kann man gute eine Feder haben. Eine leichte Feder vielleicht für schwere Tage.

Aber als ich näher auf die Federn zutrete, da sehe ich den abgerissenen Kopf im Gras. Ein verdrehte Grimasse, ein halbes Nein noch in diesem letzten Moment in dem schon alles vorbei war, liegt da in dem toten Vogelkopf. Obszön komme ich mir vor, in diesen letzten Augenblick hineingetreten zu sein. Ich hole Laub um den Kopf zu bedecken, die Erde ist zu hart für ein Grab aus Fingern.

Der Hund schläft noch immer.

Am Freitag Abend ganz spät, der Tag war fast schon zu Ende, da schickte mir Freund H. ein verwackeltes Video Auf dem Video eine johlende Menge. Zwei oder drei Männer ziehen zwei Gummipuppen die als Theresa May und Sadiq Khan aufgemacht sind am Strick hinter sich her, in London im März 2019, mitten in Europa. Ich starrte auf die verdrehten Köpfe der Gummipuppen mit ihren schlechten Perücken und übermalten Mündern und dem Dreck der Straße, der schon an ihnen klebt. Wie ich den Vogelkopf mit Laub bedecke, da sehe ich sie wieder vor mir und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht und dieselben sind der Vogelkopf und die grotesken Grimassen der Puppen.

Dass da nicht einer dabei war, der sagt: Mate, will ye stop it please. Aber da kommt keiner.

2019 kommt keiner mehr.

Dann gehen der Hund und ich zurück.

Am Nachmittag gehen der tierärztliche Neffe und ich in die Stadt. Der Neffe will den Frühling mit einem Eis eröffnen und Basketball üben. Aber da wo er Körbe werfen will spielen nur große Kinder und der Neffe sieht zu mir herüber: „Aber du bist doch auch groß.“ Ich nicke: „Heute bin ich groß“, sage ich. Der Neffe strahlt. Dann hören wir die Feuerwehren. Es brennt in einem Café, Rauchwolken, der Koch spuckt auf die Straße, eine Menschentraube steht schon um das Café herum. Ganz vorn am Bordstein steht eine Nonne. Ältlich schon, wie fast alle Nonnen, die man in Dublin noch treffen kann. Ein weißer Schleier, ein graues Kleid aus Kattun vielleicht, derbe Schuhe, eine Handtasche derb wie die Schuhe, ein Bund dünne Osterglocken auf der Tasche, ganz vorn steht die Nonne. Eine runde Brille, ein dünnes Gestell, zierlich ist sie nicht, wohl aber die Brille. Ihre Augenfarbe kann ich nicht sehen, denn wir stehen ja auf der anderen Straßenseite. Aber dass sie direkt in das Feuer sieht, dass sehe ich sofort. Eindringlich ist ihr Blick nämlich, so als wollte sie schon einmal vorausschauen. Wie oft kommt man als Nonne schon in direkten Kontakt mit dem was einen am Ende wohl erwartet oder erwartet die Hölle immer nur die Anderen? Ihr Augen sind weit offen, so als wolle sie sich alles ganz genau merken. Sie wippt ganz leicht mit den Zehen.

Vielleicht ist sie ja die Einzige unter den Gaffern, die wenn man so will aus beruflichem Interesse in die Flammen starrt.

Ich möchte den Priester anrufen, dem das Fegefeuer so fremd war, fremder noch als mir und dabei war er doch im Priesterseminar und ich nur einfacher Jude.

Aber das Verhältnis vom Priester und mir taugt nicht zu derartigen Vertraulichkeiten und dann zieht ja auch der tierärztliche Neffe an meiner Hand. Er will auch in das Feuer sehen.

Aber ich schüttle den Kopf und sage das Gleiche, nur milder, denn ich habe hier nur einen Begleit- und keinen Erziehungsauftrag.

Ich sage also etwas Ähnliches was meine Großmutter damals als sie mich fragte an einer Bordsteinkante- was macht man bei Feuer? „Wasser“, sagte ich und meine Großmutter sah mich an: „Und hast du Wasser, oder Sand oder einen Schlauch? Ich schüttelte den Kopf. „Kannst du die Sirenen der Feuerwehren hören?“ Ich nickte und dann sagte meine Großmutter: „Sieh mein Kind, wenn man nichts tun kann, soll man nicht im Weg stehen und niemals auch wenn man nichts tun kann, soll man bei den Gaffern stehen, die nichts tun wollen.“

Ich merkte es mir und sage etwas sehr Ähnliches zum tierärztlichen Neffen.

Der nickt dann doch und wir gehen an der Menschentraube vorbei.

Auf dem Basketballplatz spielen schon Jugendliche. Der Neffe versteckt sich hinter meinem Rücken. „Du fragst, okay?“, flüstert er. Ich nicke und nehme seine Hand, „wir beide fragen, okay?“ Der Neffe nickt in meinem Rücken. Es ist gar nicht so einfach schon groß zu sein, denke ich und dann frage ich die Jugendlichen, ob der kleine Monsieur und ich wohl auch mitmachen dürften. Die Jugendlichen finden es fehlten ohnehin noch Mitspieler und ein kleiner Neffe wächst auf einmal vor meinen Augen und jagt den Ball. Die Jugendlichen hören Rap aus einer Box und fluchen wie verrückt. Sie sind laut und sie sind ganz zart mit einem kleinen Jungen, den sie vor Remplern beschützen und den sie anfeuern steht er vor dem Korb. Zwei heben ihn hoch und zeigen ihm wie man mit einer Hand am Korb hängt und zwei stehen unter dem Korb,falls er fallen sollte.

„Ihr seid so großartig“, sage ich eine Stunde später, die Jungs klatschen ab und werden fast ein bisschen rot. Ich kaufe Eis für alle und der kleine Neffe hat plötzlich große Freunde und neue Schimpfwörter auch.

Dann bringe ich den Neffen nach Haus.

Auf meinem Heimweg sehe ich noch einmal zwei Nonnen, aber sie tragen dunkle Kleider und helle Schuhe und keine trägt eine Brille, schnell laufen sie hastig, aber ihre Wege verlaufen ganz grundsätzlich anders als meine sind sie doch Flammen des Glaubens und ich noch immer nur ein einfacher Jude, den seine Großmutter vor dem Feuer warnte.

Dann gehe ich nach Haus und lese die Zeitungen nach, schreibe eine Email an L. in Sri Lanka, esse ein Brot, falte die Wäsche, mahle Kaffee, trinke ein grosses Glas Wasser und warte auf den Regen, der kommt früher oder später, die Frau die den Wetterbericht verliest, klingt zuversichtlich, der Regen lässt einen hier nicht lange warten.

Gern sähe ich länger aus dem Fenster.

Gern hätte ich wieder ein eigenes Fenster.

Die Sonne am Abend über den Giebeln glimmt rötlich wie das Feuer am Morgen nur ohne Rauch.

Das große Los

Es ist ja schon aufregend so eine Verlosung.

Erst einmal muss man vor Aufregung einen Rosinenkeks essen.

Dann muss man Loszettel malen.

Die Loszettel sind natürlich Brote.

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Dann schreibt man viele Namen auf die Loszettel.

Dann verzweifelt man daran, dass man nur drei Bücher verlosen kann und keinen riesigen Sack Gold im Keller hat, um allen Kommentatoren sofort ein Buch zukommen lassen zu können.

Ihre Kommentare haben mich alle sehr bewegt, ich habe so viele Kunstwerke angesehen und alle ihre Geschichten bewahre ich mir auf. Von ganzem Herzen Dank dafür. Eigentlich wollte ich sie beschenken, aber in Wirklichkeit beschenken Sie alle mich immer wieder.

Dann seufzt man schwer.

Dann borgt man von der T. eine Salatschüssel.

Dann mischt der tierärztliche Neffe den Brotsalat.

Dann ermahnt man die Katze.

Der Hund darf zuerst ziehen.

Der Hund zieht Jule, die Brancusi umarmt. Das heißt seine Pfote tappt energisch auf den Loszettel. Der Hund strahlt.

Dann darf die Katze ziehen.

Die Katze zieht Taren, die eines Bildes wegen einmal nach G’ttdorf fuhr und schnurrt befriedigt.

Dann darf der tierärztliche Neffe ziehen.

Er zieht Sabine, der Barlach einmal in der Not geholfen hat.

Ihnen allen wünsche ich viel Freude mit den bunten Broten.

Dann streiche die Loszettel glatt und klage der T. mein Leid über den mangelnden Sack Gold.

Die T. seufzt auch.

Die Katze bekommt eine Schale Milch.

Der Hund einen Hundekuchen.

Der tierärztliche Neffe bekommt ein Stück Kuchen.

Ich aber danke ihnen von Herzen für ihre Beteiligung.

Immer Ihr Fräulein Read On.

Alle Gewinner wurden per Mail informiert, indes Sabine, Sie müssten sich bitte noch einmal melden, die Mail an Sie konnte nicht zugestellt werden.

Gezählt

Gezählt

Die Knospen am Baum vor meinem Fenster. Schon 48 gestern waren es weniger und vorgestern waren die Knospen nur eine Ahnung. 48 Knospen schon, hinter dem Meer da kann man den Frühling schon fast erahnen und während er noch durch schattige Täler wandert, zähle ich noch einmal. 48 Knospen wirklich. Jedes Jahr zweifele ich daran, dass der Frühling wirklich wieder kommt. 48 mal kann ich mir nun doch Hoffnungen machen.

Drei Esslöffel Porridge in die schwarze Stilkasserole, misstrauisch beäugt von der Katze natürlich.

Einen Esslöffel und anderthalb Teelöffel Kaffee in die French Press, Wasser dazu und dann bis zehn zählen.

Bei acht balgen sich Hund und Katze schon wieder.

Es ist eine Schande, zische ich.

Der Hund wenigstens hat den Anstand betreten zu gucken, die Katze schert das nicht.

Ich zähle langsam bis zehn um nicht schon vor sechs Uhr zu fluchen.

Die Wildtaubenfamilie auf dem Dach gegenüber gezählt. Es scheint Besuch gekommen zu sein, denn statt der üblichen vier Wildtauben gurrren nun sieben vom First herunter.

Ich ermahne die Katze streng, denn mir liegt aus bekannten Berliner Gründen an guten Beziehungen zur Wildtaubengemeinschaft.

Bis drei gezählt: Schlüssel, Portemonnaie und Mondsteinscheibenausweis.

Dreimal ja.

Auf drei gehts los.

Auf dem Weg zur Bahnstation gezählt wie oft nur ein einiziger Mensch in einem der Autos sitzt, die sich jeden Morgen an der Ampel stauen. In 25 Autos sitzt nur ein einziger Mann oder Frau. In zwei Autos sitzt noch ein Kind auf dem Rücksitz und in einem Auto schläft ein Hund.

Ein Auto hupt. Immer ist einer nicht schnell genug.

Einen weissen Schal mit blauen Lokomotiven finde ich auf dem Weg.

Den Schal hänge ich an einen Yaun mit 33 Zinken.

Hoffentlich findet eine kleinen Lokomotivführerin oder ein kleiner Schaffner seinen Schal wieder.

Oy vey.

In zwei Minuten kommt doch schon der Zug.

Ich renne achtzehn Stufen ziemlich schnell herunter.

Uff. Glück gehabt. Der Zug fährt gerade ein.

Sechs Wagen hat der Frühzug und ich sitze immer in Wagen 6.

Platz 22.

22 ist eine milde Zahl finde ich.

Ein Mann dreht während der Fahrt sieben Zigaretten. Seine Fingerkuppen sind gelb.

Eine Frau sieht auf ihrem Telefon ein Video in dme ein Kind herzzereissend schreit.

Elf Passagiere suchen nach einem untröstlichen Kind, aber findne nur eine Frau mit einem Telefon in der Hand.

Ich zähle im Weiteren eine Gruppe Schafe, bin aber nicht schnell genug, dann aber auch eine Ziege und vier Kühe.

Dann muss ich aussteigen.

Wieder schreit das Telefonkind.

Ich zähle die Aufgaben des Tages.

Uff.

Ich zähle die noch in der Schreibtischschublade vorhandenen Snickers-Riegel: 4.

Hier muss dringend gehandelt werden.

Im Laufe des Vormittags zähle ich dreimal bis dreissig.

Einmal der geschnappigen Sekretärin wegen, die findet ich solle der Frechheit eines Lieferanten wegen Massnahmen ergreifen. Die Sekretärin klingt dabei nach Mordlust und Rache.

Mir liegen Massnahmen fern.

Einmal da ging ich mit einem Mann aus, der erzählte wie er einen Hund zur Sauberkeit erzöge in dem er dessen Nase in den Urin drückte. Er sprach lange von Grundsätzen und Massnahmen, aber ich legte Geld auf den Tisch und ging so schnell ich nur konnte.

Ich habe nie einen Glauben an Massnahmen bessessen. Sie dienen ja doch nur ummäntelt der Demütigung.

Besserungsmassnahmen, vor der Tür.

Ich nicke der Sekretärin zu und lasse sie stehen.

Dann zähle ich noch einmal bis 30, denn die Auszubildende lässt doch nie , nicht auch nur ein einziges Mal eine Katastrophe aus.

Ich zähle lieber noch ein weiteres Mals bis dreißig, denn bei näherem Hinsehen hat sich die Katastrophe dann doch noch einmal als grösser erwiesen als ich bis dahin dachte.

In der Kantine gibt es Spinatsuppe.

Ich mag Spinat. Eigentlich.

Misstrauisch schnuppere ich am Suppentopf.

Aber man soll im Leben doch offen sein für Neues und Ungewohntes.

Ich schöpfe zwei Kellen in eine Schüssel.

Dann setze ich mich zur R.

Die R. ißt Chicken Shawarma.

“Ihhh, sagt sie, was ist das denn?”

“Spinatsuppe” sage ich.

Sie erwidert nichts Positives.

Ich löffle die Suppe.

Die Suppe schmeckt nach nicht viel. Der Spinat ist schleimig.

Dann treffen meine Zähne auf etwas Wachsig-Weiches.

Ich würge.

Natürlich ist es mein Erzfeind Sellerie.

Acht Brocken schöpfe ich aus der Suppe.

Mit der Spinatsuppe und mir wird das nichts mehr.

Die R. sieht mich sehr mitleidig an.

Ich schreibe eine sehr unangenehme Email. Der Adressat ißt bestimmt Sellerie pur.

Ich kehre an den Schreibtisch zurück.

Irgendwann mache ich mir einen Tee.

Ganz fest nehme ich mir vor diesmal bis 42 zu zählen, um mir nicht wie an jedem vermaleideten Nachmittag die Zunge zu verbrühen.

Bei 36 habe ich den guten Vorsatz vergessen, der verehrte Herr Direktor ruft ja auch an, ich nehme einen Schluck Tee, meine Zunge jammert.

Ach, Read On.

Dann gehe ich wieder zur Bahnstation.

Drei Minuten dann kommt der Zug.

So voll ist der Zug, dass ich nicht durchzählen mag.

Sardinen soll man nicht weiter plagen.

Sechsmal stoße ich mir in den neuen Schuhen den Fuss.

Sechsmal fluche ich unziemlich vor mich hin.

Sieben Mal ruft die T. einen Telekommunikationsmann an, der ein Problem beheben soll. Siebenmal bekommt sie eine andere Antwort. Das Problem bleibt bestehen.

Dreimal rufe ich nach dem treuen, alten Hund.

Achtmal ignoriert die Katze meine Bitte nach Verlassen des Sofas, auf das auch ich einmal in die Tageszeitung sehen kann.

Einmal zum Fluss hinunter wandern der treue, alte Hund.

“Ihr zwei”, sagt der J. “ihr seid ja pünktlicher als die Uhr.

Ich verrate ihm nicht, dass der treue alte Hund zwar nicht bis zehn wohl aber bis zum Abendbrot zählen kann.

 

Nachgetragene Notizen, Berlin

Berlin ist eine Zeitkapsel. In Berlin ist noch Januar. Jedenfalls auf dem Kalender.in meiner Wohnung. Merkwürdig ist das,so in der Zeit noch einmal zurückzureisen und an den Anfang des Jahres wieder anzukommen.

Ich findeÖ Zeitungen, der dicke Wollpullover, eine vertrocknete Zitrone, Notizen, die sich schon längst überlebt haben, Blognotizen, die ich doch verworfen oder besser noch wieder vergessen habe, ein Schokoladenengel in buntem Staniolpapier, die letzten Walnüsse aus dem Ostseegarten in der Holzschale auf dme Tisch, Staub auf dem Bücherregal und auch überall sonst.

Die Zeitungen in den Müll tragen, die Zitrone verwerfen, die Notizen weiter verfallen lassen, den Schokoladenengel dann doch betrauern, die Walnüsse kommen am nächsten Morgen in den Porridge beschliesse ich, den Staub aus dem Fenster hinauswerfen, die Holzschale mit Orangen füllen.

Mich kaum noch daran erinnern, wer ich im Januar gewesen sein soll. Eine Andere jedenfalls als ich es im März bin, die Notizen, die verworfenen Blogbeiträge sagen mir nichts. Eine fremde Frau mag das geschrieben haben, aber ich ganz sicher nicht.

Einen Teller mit Rosinen für meine alte Freundin die Wildtaube gefüllt. Lange gewartet, ob sie wohl kommt. Lange lässt sie mich warten, aber dann kommt sie doch. Ganz unruhig werde ich beim Warten. Ich hänge sehr an der alten Freundin, die mir seit so vielen Jahren auf der Fensterbank die Treue hält.

So eine Freundin will man nicht ziehen lassen.

Dann kommt sie doch.

Ich atme aus.

Die alte Freundin Wildtaube gurrt.

Dann kommt der Regen.

Der Regen läuft einem umgefallenen Tintenfass gleich die Strasse hinunter.

Der Regen lässt mich nicht mehr gehen, fürchte ich.

Am Abend treffe ich eine Freundin.

Viel haben wir zu erzählen, aber schön ist das nicht was wir uns zu erzählen haben,man sucht es nicht immer aus.

Es regnet noch immer.

Immer mal wieder öffnet sich die Tür. Herein kommen ein Mann oder eine Frau, aber sie suchen keinem Tisch, sondern sie haben dicke Kästen auf dem Rücken. I n die Kästen laden sie bestelltes Essen und fahren es durch die Stadt. Alle Fahrer sind nass. Drei Minuten halten sie sich vielleicht in dem Restaurant auf und dann verschwinden sie wieder in den Regen. Ganz unbeachtet bleiben sie von uns dne zahlenden Gästen. Manchmal liest man in einer Buchbesprechung von dystopischen Gesellschaftsordnungen in denen es immer auch um das Gefälle zwischen Herrn und Dienern geht. Aber das sind keine Bücher, die in eine Zukunft weisen, sondern das ist schon die Realität, denn die nassen Essensfahrer klingeln ja schon an einer Wohnungstür und reichen das Essen durch einen Türspalt. Wir akzeptieren dies schweigend, die nassen Lieferanten, die unhandlichen Kisten, den Hungerlohn, den Zeitdruck, die klapprigen Fahrräder, die mangelnde Ausrüstung, die stummen Gesichter derjenigen, die das Essen in die Kisten laden, wir alle sind immer auch die Augenzeugen der Welt, die wir für richtig halten.

In der S-Bahn auf dme Weg zurück zu mir in den Wald schlafen mehr Menschen als das sie wach sind. Diejenigen, die schlafen, schlafen so als hätten sie anderswo keinen Platz um sich hinzulegen.

Im Regen zurück in den Wald gelaufen.

Der Regen verschluckt meine Schritte.

Anderntags lange in die Kiefern gesehen.

Endlich wieder Zeit am Klavier verbracht.

Das Klavier ist verstimmt. Wer will es ihm schon verdenken?

Ein Kleid gekauft. Blau mit schimmernden Knöpfen.

Später treffe ich in dem gleichen Kaufhaus nur einige Stockwerke übe rmir, die liebe C.

Wir sind müde und trinken Kafffee. Der Kaffee kostet 3, 60 Euro.

Das kümmert hier keinen. Das ist ein Ort des behaglichen Reichseins.

Die liebe C. und ich rühren in dem Kaffee und erzählen uns lauter Dinge, die am Telefon immer ungesagt bleiben.

Dann kommt eine junge Frau an unseren Tisch.

„Nen bisschen Geld für was zu essen“, sagt sie. Sie trägt eine Strickmütze und zwei verschiedende Schuh an den Füssen.

In beiden Schuhen klafft ein grosses Loch.

Man findet überall Ähnlichkeiten, auch wenn man gar nicht nach ihnen sucht.

Wir geben sechs Euro. Das ist weniger als unsere zwei Kaffee zusammen kosten.

Die Frau starrt uns an.

Wir wissen nicht wohin mit unseren Augen.

„So viel Geld“, sagt sie und „Das reicht für zwei Tage und warm duschen.“

Sie greift schnell nach dem Geld, aks fürchtete sie wir könnten es uns auch noch einmal anders überlegen.

Wir schweigen beschämt.

Dann geht sie weiter.

An einem Tisch beschwert sich ein Mann über die Frau. „Das ist Belästigung.“

Dann kommt eine Mitarbeiterin des Kaufhauses und ruft: „Aber kusch dich.“

Sonst kommt die Security.

Der Mann nickt befriedigt. Er bezahlt ja auch für ein Einkaufserlebnis und fine dining.

Wir schweigen noch immer.

Die liebe C. nickt mir zu.

Dann stehen wir auf und gehen.

Vor den Lebensmittelbergen stehen Touristen und filmen sich mit diesen silbernen Gestellen, an die sie ihre Telefone schrauben.

Das alles folgt einer komplexen Choreographie, die wir doch ohnehin nicht begreifen.

Überall dickes Parfüm.

Noch einmal sitzen wir beieinander im Wald.

Dann trennen sich unsere Wege.

Ich fliege nach Irland zurück.

Der Flug ist ganz ereignislos.

Ich lese lange in Andrew Millers „Now we shall be entirely free.

Es ist ein Buch über den Krieg.

Der Krieg sagen manche sei auch nur eine Dystopie.

„Man muss aufpassen“, denke ich, dann fahre ich vom Flughafen direkt in die Mondsteinscheibenfabrik.

#KunstgeschichtealsBrotbelag aber als Buch.

Ich weiß es noch ganz genau, denn ich stand im Ostseegarten an der Himbeerhecke, der Tierarzt schlief in der alten Hängematte aus Segeltuch, die Nichten lauerten auf den Eismann, der Neffe las in einem dicken Schmöker unter dem Apfelbaum und ich pflückte eben Himbeeren. Dann klingelte das Telefon und jemand am anderen Ende der Leitung sagte etwas was nach Dumont-Verlag klang und ich sagte sehr sicher: „Sie müssen sich verwählt haben.“ Aber am anderen Ende des Telefon war man sich sicher. „Sie sind doch die mit der Kunst auf Brot. Wir wollen daraus gern ein Buch machen.“ Ich dachte ich sei nun wirklich bei Versteckter Kamera angekommen, denn ein reichlich seltsames Fräulein bekommt keine solchen Anrufe. Dann klingelte der Eismann, der Tierarzt wachte auf, der Neffe hatte Bärenhunger und ich legte ziemlich schnell auf. Dann fuhren der Tierarzt und ich in die Slowakei. Die Brote hatte ich schon vergessen, weil wir schon wussten, dass dies die letzte Reise wäre. Aber als ich zurück war, da rief der Dumont-Verlag wieder an und diesmal hörte ich besser zu oder vielleicht hörte ich auch deshalb zu, weil der Tierarzt mir zunickte und ich sagte Ja. „Ja, sagte ich, es wäre schön das mit den Broten, der Kunst und dem Buch.“

Das Internet ist kein Archiv dachte ich damals und wie schön es doch wäre, wenn der wunderbare Gemeinschaftsgedanke der Idee, dass nämlich Twitter auch ein Galerie sein kann, in die jeder sein Bild mitbringen und aufhängen kann, bewahrt blieben könnte. Auf das Ja folgten viele intensive Monate. Denn das Buch ist nicht so sehr mein Buch, sondern es ist ein Buch von uns allen, ein Buch das nicht nur Kunst auf Brot zeigt, sondern das vor allem zeigt, dass das Internet nicht nur Ort ausfälliger Bösartigkeit, aufgeregter Selbstüberschätzung und unangenehmer Kommentarsofakrieger ist, sondern auch ganz selbstverständlich ein Raum für Kunst und Künstler sein kann. Ohne jedoch dabei in einen Wettbewerb auszuarten für das beste, schönste oder was weiß ich wie Brot, sondern das Nebeneinander verschiedener kreativer Ansätze und Versuche. #KunstGeschichteAlsBrotbelag war eine eine Ausstellung in der alle willkommen waren Kunst zu machen und Kunst zu sehen. Ich hoffe das Buch trägt diesen Gedanken des Eingeladenseins weiter und macht uns immer wieder Lust das Alte und Neue noch einmal ganz anders zu sehen.

Ich hoffe das Buch führt zu Frühstück im Bett, zu heftigem Streit, zu polterndem Lachen und immer wieder zu der Erkenntnis, dass Kunst uns alle zusammenbringen kann und wir diejenigen sind, die das Internet zu einem lebenswerten Ort machen können oder nicht.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass es dieses Buch geben darf und ich bin reich beschenkt mit dem Vertrauen und der Begeisterung der Brotkünstlerinnen und Brotkünstler als auch der vielen wunderbaren Verlagsmitarbeiter. Da Sie, die Leserinnen und Leser dieses Blogs einen so großen Anteil haben an meinen Versuchen in Schrift und Bild, das Traurige tragen, wie das Alberne unterstützen möchte ich gern drei Exemplare des gestern erschienen Buches hier verlosen.

Read On, nun sag schon wie soll das gehen?

Wenn Sie ein Buch gewinnen möchten, dann kommentieren Sie bitte bis zum 29. 03. 2019 um Mitternacht hier im Blog folgende Frage: „Welches Bild oder welcher Künstler hat Sie maßgeblich berührt, bewegt, verändert, radikalisiert oder neu zum sehen gebracht?“

Spielregeln:

Teilnehmen können alle Leserinnen und Leser, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. Es ist ganz gleich wo Sie wohnen ich verschicke das Buch nach Hintertupfingen und New York City, sprich wo auch immer sie leben. Indes, wenn Sie an der Verlosung teilnehmen wollen, müssen Sie willens hier mit einer gültigen Email-Addresse zu kommentieren als auch im Fall eines Gewinns mir eine postalische Anschrift mitzuteilen.

Verlost wird wie folgt. Alle Kommentare wandern in einen Lostopf. In diesen Lostopf fasse ich dreimal und ermittle drei Gewinner. Die Verlosung wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, wohl aber in Anwesenheit des treuen alten Hundes und der verwöhnten Katze.

Warum sollen Sie denn dann eine Frage beantworten? Da ist ganz einfach, ich bin sehr, sehr neugierig, lerne gern dazu und entdecke gerne Künstler. Ausserdem ist es eine hübsche Abwechslung einmal etwas von Ihnen zu erfahren!

Bitte nehmen Sie nur einmal teil und nicht unter elf verschiedenen Decknamen. Ich bin ein seltsames Fräulein, aber kein Kriminalkommissar. Wenn Sie das Buch nur gewinnen möchten, um es im Garten zu verbrennen, weil sie sich über mich oder meine Kommasetzung ärgern, bitte verzichten sie und erwerben das Buch lieber regulär. Wut muss wehtun, sonst gilt es nicht. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich und wenn Sie nicht gewinnen, bitte schreiben sie mir keine bösen Briefe. Danke! Viel Glück und Brot, Brot Hurra!

Wer das Glücksspiel aus moralischen oder religiösen Gründen verachtet, kann das Buch überall dort erwerben, wo es Bücher gibt. Es hat 112 Seiten, viel, viel Kunst im Original und auf Brot und kostet 15 Euro.

Sonntag

Alle singen.

Mein Vater singt schief, feierlich und mit Blumen in der Hand.

Die Mali-Tant, Jean und Kater Mau singen ein Wiener Ganovenlied.

Schwesterchen schickt mich ans Klavier und Kinder wie Ehemann auf Position.

5 Kinder, Schwesterchen und Schwager singen sieben verschiedene Lieder und und ich am Klavier versuche dem Lied zu folgen, welches am Lautesten gesungen wird. Das wechselt manchmal von Strophe zu Strophe.

Schwesterchen findet das Kanon singen klappe jedes Jahr besser. „Wenn du doch nicht immer so schnell Klavier spielen würdest.“

Ich nicke. Großen Schwestern widerspricht man nicht.

Die liebe C. strahlt.

„So viele Lieder“, sagt sie und die kleine Nichte und ihr treuer Kanzler Bär geben noch ein extra Ständchen.

Die liebe C. hört zu und strahlt. Das ist die liebe C. Sie nimmt jedes Lied, wie es kommt und gerade die schiefen Lieder und die Lieder, bei denen die zweite Strophe doch eigentlich ganz anders geht, die nimmt sie besonders an.

Das ändert sich nicht, auch nicht in ihrem neuen Lebensjahr.

An Geburtstagen wird gesungen.

Die Mali-Tant macht Champagner auf.

Die liebe C. pustet Geburtstagskerzen aus.

Dieses Jahr keine Heidelbeertorte. Dabei hatte ich doch alle Zutaten besorgt, aber dann stand ich in der Küche und wollte Butter schmelzen und Heidelbeeren und Sahne vermengen und wusste doch nicht weiter und starrte in Töpfe und Schüssel bis mir die liebe C. den Löffel aus der Hand nahm. „Liebes“, sagte sie, Liebes dieses Jahr wünsche ich mir einen anderen Kuchen, ja?“ Sie räumte Heidelbeeren, Joghurt, Sahne und Butter weg und ich nickte.

Der Tierarzt fehlt ja auch heute.

„Was für einen Kuchen magst du dann?“ „Den Goethe-Kuchen“, sagt die liebe C.

Anderswo heißt der Goethe-Kuchen, Frankfurter Kranz, aber bei uns heißt er niemals Frankfurter Kranz.

Der Goethe-Kuchen ist ein Kuchen aus der Kindheit meiner Großmutter.

Es ist ein Rezept aus einer Zeit, die heißt: Es war einmal oder alldieweil, oder einstmals da.

Einstmals nämlich gab es ein Deutschland in dem preußische Juden lebten und mein Urgroßvater, der doch ein Wiener war, verliebte sich in ein preußisches Mädchen und wurde so preußisch, wie man es werden konnte damals in Deutschland. Man feierte Kaisers Geburtstag, aber man liebte Goethe mehr als den Kaiser und so feierte man Goethes Geburtstag mit Gedichten, Singspielen, Pilgerfahrten nach Weimar, aber immer mit dem Goethe-Kuchen, einem Kranzkuchen mit Himbeer-Vanille Füllung und geraspelten Mandeln.

Heute natürlich ist davon nichts mehr übrig. Es gibt keine preußischen Juden mehr, die Goethes Geburtstag als den Geburtstag eines der ihren begehen. Es gibt nur noch die lose Rezeptsammlung meiner Großmutter, die sie mir vermachte. „Vielleicht findest du etwas Nützliches darunter“, sagte sie damals kurz vor dem Ende und riet für den Goethe-Kuchen zur Verwendung von besonders frischen Eiern.

„Das ist kein Restekuchen“, schrieb sie über das Rezept und kleiner darunter. Rezept von Mami, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, erstes Goethefest wohl 1911.

Also nehme ich die frischen Eier und backe drei Böden, lasse den Kuchen auskühlen. „Ungeduld wird hier zum Verhängnis“ schrieb meine Großmutter. Bestreiche die Böden mit Himbeerkonfitüre, rühre eine Mandel-Vanille Creme an, hacke Mandeln und setze den Kuchen vorsichtig wieder zusammen. Der Kuchen kommt in einen Karton, der Kuchen kühlt dann.

Goethe-Kuchen für die liebe C.

Dann kommen die Gäste.

Die liebe C. lacht und strahlt und versinkt in Blumen.

Mein Vater schleppt Vasen.

Zwei Nichten klettern in einen Baum und kichern wie die Waldgeister.

Ein Neffe spielt Geige.

Eine Nichte berät sich mit Kanzler Bär.

Ein kleines Täubchen gurrt mit den Tauben auf dem Kirchturm um die Wette.

Mein Vater serviert Getränke.

Ich wasche ab und höre den Gästen zu.

Bei den Geburtstagen der lieben C. kommen immer Menschen zusammen, die sich sonst niemals träfen.

Die liebe C. schwört dies sei keine Absicht.

Aber dann zwinkert sie doch und das ganze Haus vom Keller bis zum Speicher gleicht einem Bienenstock in dem mindestens sieben Sprachen, drei Generationen und so viele Ansichten zusammenkommen, dass es unbedingt Kuchen geben muss. Es ist immer die Frage Krieg oder Kuchen und dann lacht die liebe C. und lässt mich mehr Sahne bringen.

Schwesterchen holt neue Gläser.

„Ein Gedicht“, sagt mein Vater und nickt mir zu.

Goethe natürlich, gelernt ist gelernt. Meine Großmutter gab ja nicht nach.

Es war einmal.

Wunderkerzen auf dem Kuchen und Goethes: „Mit einem gemalten Band“, also.

Die liebe C. strahlt.

Am späten Nachmittag rücken wir alle Möbel zur Seite.

Ich spiele Klavier und alle, alle tanzen.

Am schönsten tanzt die Mali-Tant.

Am verliebtesten tanzt mein Vater mit der lieben C.

Die wildeste Polka tanzen die Kinder.

Den vollendeten Handkuss beherrscht nur der Jean.

Die liebe C. strahlt.

„Es sind doch alles in allem schöne Jahre gewesen“, sagt sie.

Im Sommer verlassen mein Vater und die liebe C. Deutschland wieder.

Ich klappe den Klavierdeckel herunter.

„Es war einmal ein Land, fing meine Großmutter an oder auch „einstmals als es noch Juden gab in den Städten und Dörfern, da“, aber schon damals wusste ich, dass das worüber meine Großmutter sprach so unendlich weit in der Vergangenheit lag, dass es sich niemals mehr erreichen ließ.

„Nicht an der Butter sparen!“, schrieb sie unter das Rezept für den Goethe-Kuchen, der bei uns niemals Frankfurter Kranz heißt.

„Alles Liebe zum Geburtstag“, sage ich der lieben C. noch einmal und Schwesterchen und ich ziehen sie zu ihrem Geschenk herüber.

Es ist ein Bild der kleinen deutschen Stadt in der Johann Wolfgang von Goeth niemals übernachtet hat und wohl nur einmal mit der Kutsche durchgefahren ist.

Die liebe C. strahlt.

„So eine schöne Erinnerung“, sagt sie.

Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

Samstag

Am Samstag ist es kalt.

Es ist so kalt, dass man es merkt und nicht nur feuchtkalt, wie man es in Irland eben gewöhnt ist.

Der treue alte Hund und ich treffen ein Reh auf der Wiese.

„Viellleicht könntet ihr Freunde werden“, schlage ich vor.

Der Hund starrt mich entsetzt an. Das Reh dreht die Ohren zweimal nach links und wieder nach vorn und schon stürmt es davon.

Damit ist dann wohl alles gesagt.

Der Hund seufzt, aber zu den kalten Pfoten, Füßen, Händen kommt die Sonne dazu.

Die Sonne versöhnt für Vieles.

Für ein paar Stunden gehe ich ins Büro.

Dann hole ich den Neffen des Tierarztes ab.

Der Neffe trägt das Rugby-Shirt des Tierarztes.

„Ich dachte Du kommst nicht“, sagt der Neffe, den das Trikot genauso verschluckt wie einmal den Tierarzt.

„Doch“, sage ich. „Ich bin doch da.“

Eine kleine Hand in meiner.

Der Neffe mag ein Eis von McDonalds vor dem Spiel.

„Gut“, sage ich und der Neffe schleckt ein Eis mit dicken Keksbrocken darin und erzählt mir ganz aufgeregt etwas über jeden Rugbyspieler.

So viel Aufregung macht rote Wangen.

Neben uns am Tisch sitzt ein Mann mit grauen Haaren.

Er trägt eine Lederjacke, blaue Hosen und feste Schuh. Er hat einen roten Schal und eine Dunnes-Store Einkaufstüte. Er hat Handschuhe und ein kleines, graues Notizbuch. Er ißt kein Eis und auch keinen Burger und keine Fries.

Aus der Plastiktüte holte er eingepacktes Brot hervor, er sieht sich um, ich sehe weg, er holt zwei Scheiben Käse aus der Tüte und eine Scheibe Wurst, die legt er hastig auf das Brot. Er reißt ein Tütchen McDonalds Ketchup auf und streicht es mit einem Plastikmesser auf die Brothälften, dann klappt er das Brot zusammen und ißt es so schnell er kann.

Ein McDonalds Mitarbeiter sammelt Abfälle ein, der Mann deckt hektisch die noch verbliebene Brothälfte mit der Hand zu. Aber der McDonalds –Mitarbeiter sieht einfach gar nicht zu dem Mann herüber, es gibt eine Menschlichkeit in Schnellrestaurants, die selten geworden ist. Hier weiß man etwas von der Formenbreite menschlicher Müdigkeit. Obdachlosigkeit hat gerade in Dublin viele Gesichter, so viele, dass eigentlich niemand mehr hinsehen mag.

Ich versuche mich als Taschenspieler, richtige Taschenspieler legen ja lieber etwas in eine Jackentasche hinein als etwas herauszunehmen.

„Das Spiel fängt gleich an“, sage ich zum Neffen.

Der Neffe nimmt meine Hand zurück.

Draußen vor der Tür sagt der Neffe: „Du Read On, warum hat der Mann neben uns sich ein Brot geschmiert?“

Wie erklärt man die scharfen Kanten der Welt?

Im Pub zwinkere ich dem Barmann zu.

„Für den jungen Herrn einen frischgezapften Apfelsaft, bitte!“

Der Barmann zwinkert zurück und der junge Herr darf hinter die Theke, zwei Zapfhähne bedienen, der Barmann ist auch ein Taschenspieler, denn flugs hat der junge Herr einen schäumenden Apfelsaft im Glas und strahlt.

Das ist eine alte Tradition des Tierarztes gewesen. Das Zwinkern, der Tresen, der Apfelsaft. Ein Platz im Eck des Tresens, wo man gut sehen kann, auch wenn man noch ziemlich klein ist.

Ich weiß nichts über Rugby.

Ich finde die Iren robben sehr engagiert über den Rasen und versuchen ihr Möglichstes mit dem Ball, aber im Pub jubeln nur die Engländer.

Die Engländer gewinnen.

Aber ich habe ja Schokolade in der Handtasche und nächste Woche ist ein neues Spiel, sagt der Neffe.

„Genau“, sage ich. Auf dem Heimweg schläft der Neffe ein.

Ich hole den Hund und dann fahren der Hund und ich zur J.

Der P. ist zu Besuch.

Wir kochen Risotto und richten Salat an.

Der P. kannte meine Mutter.

Ich kann vor Aufregung nicht schlucken.

Dann wird es doch schön.

Der P. ist aus Capetown.

Ein Jahr war er im Gefängnis, da war er 17 und hatte einen Streik an seiner Schule organisiert. Anti-Apartheid. Ein Jahr später war die Welt eine Andere.

Der P. erzählt hastig und wer kann es ihm schon verdenken?

Viele Stunden sitzen wir in der warmen Küche.

Die letzte Geschichte ist die Geschichte von K. Die K. hat in Capetown ein Projekt geleitet, dass Wohnen in den Townships sicherer machte. Vor zwei Jahren war die K. in Delhi, um sich anzusehen wie wir versuchen Leben im Slum sicherer zu machen. Vor einem Jahr war die K. in Dublin, um über ihre Erfahrungen als Architektin im Township zu berichten. „Wie geht es denn der K.?“ fragen J. und ich.

K. ist tot, sagt P. Von einem Wassertank erschlagen in einem Haus, das sie in eine Wohngemeinschaft umwandeln wollte. Der Arzt war im Verkehr stecken geblieben und alles war zu spät.

In Europa denke ich später, erzählen sich Menschen andere Geschichten.

Vielleicht bin ich doch schon zu lange in Europa. Länger gebelieben als ich je wollte, bin ich ohnehin.

Als der treue, alte Hund und ich nach Hause finden, ist es schon Sonntag.

Der Himmel ist kalt und klar.

Ich hätte die K. öfter anrufen sollen.

Viel zu schön ist der Himmel, viel zu klar ist die Nacht ohne K.