Der Fuji, zwei Seile und ein Schatten

Eines Tages sagte der Tierarzt: „Mädchen, ich will noch einmal die Berge sehen. Unser Fenster geht zum Meer hinaus. So nah ist das Meer, dass ich vergessen konnte wie viele Jahre der Tierarzt auf den Fuji sah. Aber bis auf den Fujischaffen wir es nicht mehr. Das wusste der Tierarzt und ich wusste es auch. „Kafka war in der Hohen Tatra“, sagte ich. „Glaubst du die Tatra kann auch der Fuji sein.“ Der Tierarzt nickte. „Mädchen, der Fuji kann überall sein.“ „Dann fahren wir in die Hohe Tatra sagte ich. Zu Kafka und zum Fuji.“

„Das ist Wahnsinn“ sagte die Frau des Krämers dunkel. Dann erzählte die Frau des Krämers ihre Lieblingsgeschichte vom alten Herrn G., der obwohl schwer krank einen Bus bestieg um nach Barcelona zu fahren, wo er auf einer Parkbank sitzend erst noch Sangria trank und lustig wurde, nur um darüber zu versterben. „Der Tierarzt trinkt keinen Sangria- wissen Sie wie viele Kalorien das hat?“, sagte ich. Die Frau des Krämers aber war noch nicht fertig mit der Geschichte von Herrn G. „In einem Zinksarg ist er zurück gekommen. Verplombt war der Sarg. So findet ein jeder das Ende, das er verdient.“ Ich tat so als hörte ich nicht. Aber etwas vom Zinksarg blieb doch an mir kleben.

„Ist das nicht Wahnsinn, fragte ich meine liebe C. mit einem Schatten in die Berge zu ziehen?“ Was mache ich, wenn der Tierarzt und sein Schatten immer länger werden mitten auf dem Berg? „Dann trägst du ihn“, sagte die liebe C. Sagte es so, dass ich es glaubte. „Der Tod lässt sich nicht von dir in die Karten sehen“, das war es was sie sagte. „Der Tod“, sagte ich zu ihr und ich wir sind zu enge Bekannte.“ Sie nickte und schenkte mir eine Wanderkarte.

Vor der Abfahrt ging ich in einen dieser Läden, die voller Menschen sind die auf den Nanga Parbat kraxeln oder in einen Vulkan sehen oder über Eisgletscher rutschen. Ein Mann, der aussah als würde er auf dem Everest frühstücken, fragte mich was ich suchte. „Ein Seil für einen Schatten und ein Seil vor dem der Tod sich fürchtet, brauche ich. Mit Karabinerhaken. Der Mann sah mich fragend an, aber ich nickte. Zwei Seile brachte er mir. „Wo wollen Sie denn hin?“ Auf den Fuji sagte ich. Ich kaufte zwei Seile und Karabinerhaken, aber den zögerlichen Blick des Verkäufers, den ließ ich liegen. Lange hielt ich die beiden Seile in der Hand. Wog sie auf gegeneinander. Welches hält den Schatten? Vor welchem fürchtet sich der Tod?

Ich beschloss das längere Seil für den Tod zu behalten. Wer weiß vielleicht ist der Tod auch nur ein ganz gewöhnlicher Rodeoreiter und lässt sich einwickeln und bevor er sich befreit sind wir schon in einer Tannenschonung verschwunden. Die Seile und die Haken legte ich in den Rucksack.

Der Tierarzt sah die Seile und sah mich an: „So hoch hinaus?“

„Der Fuji sage ich ist 3776 Meter hoch. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Wer weiß schon, ob nicht plötzlich Nebel kommt oder ein Rodeoreiter oder ein junger Bär. Ein Seil hält viel aus.“

„Zwei Seile Mädchen“, flüstert der Tierarzt. „Zwei Seile liegen da in deinem Rucksack.“

„Ja“, sage ich.

Vor dem Fenster sehe ich die Berge und nicht mehr das Meer.

Stumm sind die Berge, schiefergrau, ein Berg sieht aus wie ein schlafender Riese. Vielleicht schlief er ein der Riese, müde geworden vom Stapeln der Steine. So viele Berge und schon fiel er hin und seine Müdigkeit war grenzenlos. So lange man geht und Steine stapelt, merkt man nichts von der Müdigkeit, nur wer sich hinlegt, der kann liegen bleiben.

Tannen wachsen auf den Bergen. Dann hören sie auf. Moos vielleicht noch, Gräser und Gestrüpp. Da hinauf wollen der Tierarzt und ich.

Was hat ein Jud im Gebirg zu suchen?, frage ich mich. Aber das gilt nicht.

Der Tierarzt trägt den Schatten. Ich trage den Rucksack. Vorsichtig prüfe ich noch einmal die beiden Seile. Schwer liegen die Seile in meiner Hand. Was hält ein Seil.

Skalnaté pleso heißt der Fuji auf den wir steigen.

Er schweigt der Berg, auch er schweigt. Verrät nichts. Wir gehen los. Lassen die Seilbahn liegen. Zu dünn kommt auch mir das Seil vor, das die schaukelnden Kabinen hält.

Schon sind wir verschwunden in den Tannen. Ich mit klopfendem Herzen und zugedrücktem Magen. Sitzt nicht oben auf dem Gipfel der Tod auf einem Stein, lacht schon, klopft die Sense auf einem Stein aus, wartet auf mich. Aber in meinem Rucksack, da ist auch das Seil.

Langsam gehen wir der Tierarzt, der Schatten, die Seile und ich.

Geröll unter den Schuhen, Wurzeln, so hoch wie vier Treppenstiegen. Manchmal fällt der Tierarzt einfach ins Gras. Bleibt liegen. Atmet schwer. „Einen Moment noch Mädchen ja?“

„Ja“, sage ich.

Der Tierarzt steht immer wieder auf.

Viele Stunden brauchen wir bis zum See. 1751 Meter steht auf dem Schild.

Ich sehe mich um. Ein Mann ißt einen Apfel auf einem Stein. Der Tod hat keinen Appetit denke ich. Kein Rodeoreiter. Der Berg nebenan, der schlafende Riese schläft.

Dann setzen wir uns ins Gras. Einen Zettel ziehe ich aus der Tasche. Yamabe no Akahito sage ich war ein anderer Wanderer und ein Dichter und vielleicht

Seit Himmel und Erde
sich voneinander schieden,
steht, ein Gottesmal,
in erhabener Größe
über Suruga
hoch der Gipfel des Fuji.
Zu Himmelsfluren
den Blick erhoben, siehst du
der wandernden Sonne
Licht sich hinter ihm bergen,
des hellen Mondes
Schein hinter ihm verschwinden.
Die weißen Wolken
scheuen sich, ihm zu nahen,
und unversehens
senkt sich die Wolke nieder.
Weiter erzählen,
weiter berühmen will ich
Fuji, den hohen Gipfel.

Zitiert nach:Yamabe no Akahito übersetzt von Wilhelm Gundert. In: Lyrik des Ostens. Hrsg. von Wilhelm Gundert et al. Hanser Verlag. München 1978, S. 397 f.

Dann sehen wir hinauf in den Himmel und der Schatten verschwindet. Viellicht ist der Tierarzt wirklich auf dem Fuji und nur ich sitze noch in der Slowakei. Vielleicht hält er Kirschblüten in der Hand oder Schnee oder die Hand einer Frau, die ich nur von Bildern kenne, vielleicht ißt er Tonkabohnenpaste oder salzige Edamame. Lange geht der Tierarzt auf dem Fuji umher und ich warte in der Slowakei.

In einem anderen Leben, auf einem anderen Berg umher geht der Tierarzt und neben mir auf dem Stein sitzt ein Feuersalamander. So sitzen wir im kühlen Gras. Irgendwann kommt der Tierarzt zurück aus Japan, ein großer Schritt vielleicht vom Fuji hinunter zum Skalatné Pleso. Blau ist der See. Kalt und weich ist das Wasser. Kaum ein Schatten über dem Wasser.

So erschöpft ist der Tierarzt vom Fuji.

So zittern mir die Knie.

Wir gehen in die Bergütte hinüber.

Der Tierarzt trinkt Tee. Ich trinke Kofola.

In der Hütte sind Bergesteiger.

Ich ziehe die zwei Seile aus dem Rucksack.

„Zwei Seile sage ich“, eins ist stärker als Tod und das andere hält den Schatten fest. Haben Sie Verwendung dafür?“

Der Mann hinter der Theke hat schon ganz andere Geschichten gehört. Das sehe ich gleich.

Er nimmt die Seile.

Er hängt sie an einen Haken.

„Seile wie diese werden gebraucht“, sagt er.

Ich nicke.

In der Seilbahn fahren wir herunter ins Tal.

Die Gondeln schaukeln.

Es weht immer ein leichter Wind auf dem Fuji.

Die Straßenecke von Egon Erwin Kisch

 

Am Abend aber laufen wir von Vinohrady herunter in die Altstadt. Es ist wirklich ein Weg hinunter, denn Vinohrady liegt über der Stadt. Warm ist es auch noch so spät am Abend, ein Bettengeschäft neben dem anderen. Exklusive Träume werden einem versprochen und wer weiß vielleicht machen die Matratzen die Träume wahr. Aber wir, wir brauchen keine Betten und unsere Träume sind ohnehin bescheidener Natur. Die Straße über den Wenzelsplatz hinunter ist voller Menschen. Da sind bayerische Junggesellen. Sie tragen Lederhosen und T-Shirts auf denen steht: „Letzte Nacht in Freiheit“. Sie trinken Bier und einer der Männer knöpft vorn die Hose auf und pinkelt in einen Papierkorb. Die Frauengruppe ist aus Großbritannien. Sie haben auch T-Shirts. Pink und Bride to be lesen wir. Sie wollen ins Hard Rock Café, aber sie haben auch müde Füße, also erst einmal Schirmchendrinks. Die bayerischen Junggesellen stehen auf der Straße und rufen: Nutten. Nutten. Nutten. Niemand dreht sich um. Es gibt viele Junggesellen in Prag.

Ein Mann liegt auf der Straße, die Stirn auf die Erde gedrückt. Ein Hut liegt vor ihm. Der Tierarzt hat Münzen in der Hosentasche, als ich mich noch einmal umdrehe, liegt einer der Junggesellen auf dem Boden neben dem Mann und ahmt seine Haltung nach. Vor ihm liegt ein Basecap. Die Anderen filmen ihn. Der Mann neben ihm auf dem Boden rührt sich nicht.

Neben uns verfällt das Grand Hotel Europa. Vielleicht verfällt Europa auch immer weiter, immer mehr, Europa ist ein ungastlicher Ort in diesen Tagen. In einer Pizzeria sitzen Russen mit falschen, goldenen Uhren neben Studenten aus Spanien, die sich gegenseitig ihre zerlaufenen Füße zeigen, drei Obdachlose werden von der Polizei angehalten, chinesische Touristen füttern Tauben mit french fries, ein Kellner raucht mit müden Augen, eine Bratwurstverkäuferin zählt Geld und wischt sich die Schweiß vor der Stirn. Enger werden die Straßen, eine Flasche Cola rollt den Rinnstein hinunter, ein Kind heult, ein Hund hechelt, zwei Jugendliche wollen sich küssen, aber verfehlen sich knapp. Ein Stadtführer versucht verzweifelt seine Gruppe um sich zu scharren, aber seine Bemühungen macht ein Eisverkäufer zunichte. Dann stehen auch wir vor dem Haus zu den zwei goldenen Bären, dem Haus von Egon Erwin Kisch. Immer wieder kehre ich zurück zu jenem Haus, das so zentral liegt und doch von allen Touristen übersehen wird, trotz seines Portals mit den beiden Bären über der Tür. Merkwürdig denken die Touristen, die sich ans vorbeischieben sicher: „Warum stehen da zwei und starren auf ein Haus?“ Kisch, stelle ich mir vor, war ein wahrer Eckhausbewohner, er hatte für alles einen Blick, aber war selbst nie zu sehen, immer schon war er weiter, kaum hatte man ihn selbst im Blick, war er schon wieder verschwunden, stach in See, begann eine neue Liebe, oder schoss ein Tor für einen Prager Fußballclub. So ein Haus ist das, so eine Ecke. Eine Kisch-Ecke möchte man sagen. Eine Plakette hängt neben dem Portal. Aber gerecht wird sie ihm nicht. Ganz richtig hat sich, so weit ich weiß auch die Germanistik nie mit Kisch angefreundet. Zu wild war er, zu wankelmütig, seine Theorie hat niemals Derrida inspiriert, sondern seine Theorie, das war die Straße und das Prager Tagblatt, diese europäische Zeitung, war seine Heimat. Nein, in die Unversitätsseminare passt er noch immer nicht. Er mit den Tattoos über dem Herzen, der Trinkfestigkeit, dem wilden Spott, den vielen kleinen und großen Lieben, der Neugier auf die Erzählungen der Anderen. Nein, auch in den Zeitungen ist er nicht mehr zu finden und niemals bedauere ich es als in diesen Tagen, wo die Zeitungen voll sind mit Debatten über die Debatten der Debatten,aber Geschichten, die den Leser denken lassen, die fehlen. Stattdessen gibt es diesen merkwürdigen Wallraff-Journalismus. Ein Nachmittag in einer Brotfabrik. Aber immer inkognito. So eine Art Journalismus als Kaufhausdetektiv, aber die Geschichten der Straßen und Gassen, die Geschichten vom Wenzelsplatz, von den Verlierern, den Abgehängten, den Türstehern, den Obdachlosen, den Trinkern, den Suchenden, den Geschichten der Eckkneipen und Straßenecken und den Geschichten auf dem Boden dazu, die sucht keiner mehr, die sind manchmal kurz vor der Weihnachtszeit einmal Anlass, aber die Reportagen des rasenden Reporters, der einmal das Dach der Syngaoge abdecken ließ, der mit den Obdachlosen trank und redete, der hinter jeder Ecke Geschichten sah, den gibt es nicht mehr.

Das Ungezügelte hinsehen, den sich auferlegten Zwang jede Geschichte für erzählenswert zu halten, diese seine erste, zweite und dritte Natur, die ist abhanden gekommen und so gibt es viele ironische Texte über dieses und jenes, aber seine Ernsthaftigkeit und seine ernsten Scherze, die gibt es nicht mehr. Jedesmal wieder kehre ich zu seiner Tür zurück. Ich würde gern läuten, ich sagte ihm: „Komm zurück, wir brauchen die Geschichten, die keine Geschichten mehr über, sondern Geschichten mit sind. Aber es ist keine Klingel mehr an der Tür. Das wäre ihm wohl auch zu banal gewesen. Geschichtenfinder haben keine Visitenkarte. Geschichtenfinder sind unterwegs, stehen an einer Ecke, sitzen in einer Kneipe, fahren aufs Meer oder in ein böhmisches Dorf. „Er kommt nicht mehr zurück“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lächelt. Dann gehen wir in eine Kneipe schräg gegenüber vom Haus zu den zwei goldenen Bären. Hier sitzen kaum Touristen, sondern Ehepaare und Trinker, wie es sich gehört für eine Eckkneipe.

Ich trinke eine Apfelschorle, der Tierarzt einen Wacholderschnaps, davon wird er später singen, aber das weiß er noch nicht. Dann lege ich eine Hand voll Kronen auf die Theke. Eine Runde aufs Haus sage ich. „Gern“, sagt der Kellner. „Von wem?“ Von Egon Erwin Kisch, sage ich ihrem Nachbarn und drehe meinen Kopf zu Haus zu den zwei goldenen Bären herüber.“ „Also dann“, sagt er „Auf Egon Erwin Kisch.“

Ein europäischer Anfang.

So weit, sagt der Tierarzt war ich noch niemals im Osten.“ Vor uns am Fenster fliegt Bad Schandau vorbei. Dresden hat der Tierarzt verschlafen oder anders ich habe ihn nicht geweckt, denn auf dem Rückweg steigen wir aus. Die Klemperer –Bände, in denen der Tierarzt lange las, liegen doch schon im luggage holdall. Bad Schandau also, der letzte Halt in Deutschland und dann irgendwo mit einem bunten Kasten voll roter Geranien beginnt Tschechien. „Osten also“ sagt der Tierarzt und lehnt sich ans Fenster. So viel Sonne vor uns, die Hitze flimmert über den Wiesen. Neben uns sitzt ein ungarisches Ehepaar. Sie liest die Zeitung, er sieht seiner Frau beim Zeitung lesen zu. Ein schönes Paar, ein Paar für die Ewigkeit, dass sieht man gleich.
Als der Tierarzt aufwacht,gehen sie in den Speisewagen. Sie fahren bis Budapest und wir nur bis Prag. Aber noch ist das Elbsandgebirge vor uns am Fenster. Meine Großmutter und ich sind von Bad Schandau bis nach Děčín gewandert, so fing es an. „Osten“ sagt der Tierarzt und ich sehe ihn an. „Was meinst Du will ich ihn fragen, was meinst Du denn mit Osten?“Aber ich sage nichts.

So viele Jahre schon bin ich mit dem Auto, dem Eurocity, der durch ganz Tschechien, ein Stück durch die Slowakei und schließlich in Budapest endet gefahren. An jeder Haltestelle bin ich ausgestiegen, die abgelegensten Döfer habe ich durchwandert, oder mein Rad an eine alte Postsäule gelehnt oder ein Auto vor einer alten, halbverfallenen Schloßruine abgestellt, mein Führer, der auch jetzt in meiner Handtasche liegt, ist noch immer ein Baedeker von vor dem ersten Weltkrieg. Er hat mich nie enttäuscht. Noch immer glaube ich ihm, empfiehlt er das Hotel zur Post während er vor dem goldenen Adler warnt. So viele Jahre habe ich in Zimmern geschlafen, in denen Geheimnisse unter den Dielen lagen, ich habe mir Gästebücher zeigen lassen in denen der alte Kaiser unterschrieb und in Frühstücksräumen gesessen in denen noch immer ein Ober den Kaffee mit einer Serviette über dem Arm in eine geblümte Tasse mit gesprungenem Rand eingießt. Ein guter Führer versicherten mit Rezeptionsdamen, Oberkellner, Schlosskustoden und Frau Smedlaca aus dem dritten Stock einer Wohnung in Prag, die mich Malina nennt, weil als ich zum ersten Mal bei ihr Quartier nahm ein himbeerrotes Kleid trug. Wirklich, der Baedeker Österreich-Ungarn ist ein guter, ein verlässlicher Führer, er ist ein europäisches Buch, er ist vielsprachig, nie käme er auf die Idee zu behaupten in Brno würde nur Tschechisch gesprochen oder verstiege sich gar anzudeuten es gäbe nur eine Art Buchteln zu servieren zwischen Prag und Bratislava. Nein, der Baedeker alter Zeiten ist klüger als das wann man heute über Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn lesen kann. Selbstverständlich nämlich ist der Reisende mitten in Europa.

Damals nach jener ersten Wanderung von Sachsen nach Tschechien herüber, da habe ich die Söhne gesucht. Andere mögen sich in Schauspieler, Popstars und Fernsehköche verlieben, ich verliebte mich in Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Kafka, ich verfiel Sidonie Sidonie Nádherná von Borutín und Karl Kraus, ach Karl Kraus. Ich fuhr ihnen hinterher. Viele Jahre lang immer und immer wieder. Die Zugverbindungen sind schlechter geworden. Max Brod hätte es heute viel schwerer eine Ehe in Prag und eine Liebe in Berlin zu leben und der Bahnsteig in Janovice an dem Sidonie, Karl Kraus in die Arme fiel ist längst überwachsen. Aber ich, wenn auch mit gewaltiger Verspätung kam hinterher. Ich suchte die Söhne und Töchter und fand die Väter. Ich habe viele Tage und viele Stunden in den Dörfern gestanden in denen die Väter Schlachter waren oder Zucker in Deka abwogen, ich habe an knarrenden Gartentoren auf verfallene Synagogen gesehen und wieder und wieder die Wege abgemessen, die die Väter von Sigmund Freud, Franz Kafka, Karl Kraus, Max Brod und all den anderen zurück legten, zwischen Arbeit, Familie und Shul. Viele Stunden habe ich damit verbracht an die Väter zu denken, die aufwuchsen in einer Welt in der Juden Ritualmorde und Brunnenvergiftungen angehängt worden, in denen kirchliche Feiertage oft mit Predigten endeten, die zu Plünderungen aufriefen und die nicht wussten, ob der Nachbar nicht morgen schon ein Kläger sein würde. Sie waren die Generation, die sehen konnten, dass nicht alles so bleiben musste, wie es war, die sich aufmachten, die das bessere Leben schon schmecken, schon sehen konnten, sie waren Zionisten, aber ihre Vision war nicht Jerusalem, es war Budapest, Wien, Prag, Berlin,Brünn, ihre Zukunft und die Zukunft die sie sich erhofften, lag mitten in Europa.

Ich bin ihnen hinterhergefahren, so als wollte ich mich vergewissern, dass die Möbelpacker auch wirklich alles mitgenommen haben. Ich bin auf Obstbäume geklettert, um einen Blick in einen Speicher zu erhaschen, ich bin in Dorfteichen geschwommen an die sich selbst die ganz alten nicht mehr erinnern konnten und immer wieder bin ich noch einmal zurückgekehrt auf einen letzten Blick. Es ist so einfach etwas zu verlieren, auch der Baedeker rät ja zur Vorsicht und so habe ich wieder und wieder nachgemessen, wie ihre Wege verliefen, wie sie manchmal abseits der Wege gerieten, aber wie sie ihrem Ziel treu blieben und niemals habe ich mich mehr in Europa gefühlt, als folgte ich den Wegen der Väter und ihrer Söhne und Töchter. Ich lächle also nur in Bad Schandau, lächle dem Tierarzt zu, vergewissere mich, dass der Baedeker in meiner Handtasche ist und löse das Versprechen ein, ein Versprechen von einem kalten Novembermorgen bei einer Tasse Tee in einem irischen Haus nah bei der See. „Einmal will ich mit dir durch Prag gehen und dann nimm mich bitte einmal mit auf Wanderschaft in Orte, in denen Max Brod einmal einen Brief schrieb oder Franz Kafka bösen Husten hatte.“ „Komm“, sagte ich an jenem Morgen und komm, sage ich noch einmal an einem heißen Tag im Juli als der Eurocity mit Ziel Budapest in Prag einfährt. „Komm, sage ich Tierarzt, komm ich zeige Dir, wo Europa beginnt.“

Jonny ist wieder da.

Sand am Meer. #ostsee #balticsea🌊 #rügen #sonnestrandundmeer #sandammeer

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Erinnern Sie sich noch an Jonny?

Wir sind später als sonst am Meer. Der Tierarzt kann nicht mehr Rad fahren, so fahren vier Kinder, ein Plastikrochen und ich vor und warten auf den Bus mit dem Tierarzt. Dann gehen wir der Sonne und dem Meer entgegen und sind am Strand. Wir hören ihn schon, bevor wir ihn sehen: „Hallo ruft er, erinnert ihr euch, ich bin Jonny!“

„Aber klar“ rufen wir, wie könnten wir dich vergessen haben.

Jonny strahlt und steht dennoch zögerlich zwischen dem Handtuch seiner Oma und unserem Haufen Strandkramuri. Aber zum Glück gibt es ja die gleiche Königin. Sie schreit: Coole Haare Jonny, komm, wir wollen zum Wasser einen Delfin bauen, der Tierarzt weiß genau wie so ein Delfin aussehen muss und wir haben Bananenkuchen und eine neue Schwester, aber die ist noch zu klein für den Strand, hattest du ein gutes Zeugnis, ach egal, machst du mit?

Jonny sieht die kleine Königin staunend an.

Die kleine Königin sieht mich an.

„Nun übersetz doch schneller“, ruft sie mir zu.

Ich übersetze die kleine Königinnenrede ins Deutsche. Jonny strahlt noch mehr.

„Guten Morgen“ rufe ich zu Jonnys Oma herüber, die liegt mir dem Bauch auf einem Handtuch und löst Kreuzworträstel. Neben ihr liegt Dieter, den Jonny Opa nennen soll, er liest die BILD.

Jonnys Oma richtet sich auf und sagt: JONNY SOFORT HÖRST DU AUF MIT IRGENDEINEM BLÖDSINN, DIE LEUTE BESCHWEREN SICH SCHON.

Dann sieht sie mich,die vier Kinder und den Tierarzt.

„Na wenn das nicht die Ausländers sind“, sagt sie.

Wir nicken. Die Ausländers, das sind wir ja wirklich.

Der Tierarzt trillert Hallöchen.

„Na die Type wird ja auch immer dünner“, sagt Jonnys Oma.

Dann taucht auch Dieter hinter der BILD-Zeitung auf: „So is det mit die Ausländers, die brauchen immer Extrawurst.“

Aber dann gibt Dieter uns doch die Hand.

„Der Jonny quakt uns ja schon die ganze Zeit die Ohren voll von ihnen.“

Jonny Omas wickelt sich ein Handtuch im die Hüften. Auf dem Handtuch ist eine schlecht kopierte Lara Croft, die Dollarscheine raucht abgebildet.

„Eine Hitze“ sagt Jonnys Oma. „Dit hat es früher auch nicht gegeben.“

Opa Dieter nickt. „Dit ham wir nu von die Wessis.“

„Eigentlich wollte ich ja nur fragen, ob Jonny mit uns und den Kindern mitkommen darf. Wir wollen einen Delfin bauen, aus Sand unten am Wasser“, sage ich.

Jonnys Oma sagt: „Klar, nehmen se sich den Jonny mit. Dann kann er uns keinen Ärger machen.“

Opa Dieter sagt: „Delfin bauen? Was die Ausländers immer für Ideen haben.“

Aber Jonny, der Tierarzt und ich haben nur das Ja gehört und schon rennt Jonny los. Ein Neffe und drei Nichten warten schon.

Wir bauen einen Delfin aus Sand. Der Tierarzt findet, erst somit habe sich sein Studium der Tiermedizin wirklich gelohnt. Wir fotografieren alle Kinder mit dem wunderschönen Delfin und seinem ziselierten Muschelmaul. Jonny strahlt.

Wir essen Eis und Bananenkuchen. Wir rennen ins Wasser und üben weiter schwimmen mit Jonny. Jonny schafft zehn Züge Brust und vier Kraulzüge. Wir alle feuern Jonny an. Go, Jonny, go, schreit eine kleine Königin. Darüber vergisst Jonny schon einmal das Atem holen. Wer würde es ihm verdenken?

Wir trinken Zitronenlimonade und essen Schokoladenkekse. Ich ziehe alle Kinder auf dem Plastikrochen durch das Wasser. Alle Kinder rufen: „Schneller. Zieh schneller. Am Ende glaube ich für einen Moment ich habe meine Arme irgendwo im Wasser verloren.

Mein Neffe führt Jonny in die Welt von Herr der Ringe ein. Jonny und die Nichten besprechen Harry Potter Trivia, ich übersetze und Jonny ist schon bei Band 4. Ich bewundere seine Leseleistung und die Nichten halten dicht, damit Jonny weiter voller Spannung darauf ist, wie es weitergeht.

Ich verteile dicke Scheiben Wassemelone und die beliebten bunten und ziemlich sauren Gummischlangen.

Von Oma und Dieter hören und sehen wir den ganzen Tag lang nichts.

Am späten Nachmittag als wir gehen müssen, hält Jonny den Tierarzt fest.

Du Read On flüstert er so, dass es die anderen es Kinder nicht hören kennen. „Du Read On, ich kenne doch meinen Papa gar nicht, denkst du ich dürfte den Tierarzt mal umarmen?“

Manche Fragen kann man gar nicht übersetzen und der große Tierarzt umarmt einfach den kleinen Jonny.

Wir alle sehen lieber noch einmal auf das Meer, packen langsamer ein als sonst, klopfen Kleider und Handtücher aus, ziehen langsam unsere Fahrradschlüssel hervor, verpacken den Gummirochen viel sorgfältiger als sonst und der Tierarzt hält Jonny fest.

„Jonny, flüstert der Tierarzt, du bist ein toller Junge, Jonny du bist wunderbar, Jonny, Jonny, Jonny“, sagt der Tierarzt und obwohl der Tierarzt fast nur noch Schatten ist, hält seine Umarmung Jonny fest.

Wir warten und sehen auf das Meer.

Jonnys Oma raucht.

Dieter beobachtet eine Frau im roten Bikini mit dem Fernglas.

„Früher war mehr FKK“, ruft er schollernd.

Aber der Tierarzt lässt Jonny nicht los.

„Jonny, Jonny, ein Glück bist du wieder da.“

Unendliches Blau

Di41rTrXsAAFyCZ.jpgAm Abend aber der Tierarzt hütet die Nichtenkinder, fahre ich noch einmal ans Meer. Sonnenflecken auf der Straße, das Dorf liegt still vor mir im späten Licht. Die Einwohner des Dorfes schweigen lauter als das sie reden. Sie haben Hofhunde, wenn jemand zu nah kommt, übernehmen die Hunde das Sprechen. Aber die Hunde sind müde und träumen von kühleren Tagen. Mein Fahrrad lehnt gegen einen Mauervorsprung. Die Wand ist warm an meinen Händen. Die Wand gehört zur Garage. Im Sommer gehört die Garage den Schwalben, zwei Nester unter dem Dach. Das Schwalbenpaar heißt Clara und Robert. Die liebe C. mag Schumann. Die Schwalbenkinder haben wie die Nichtenkinder immer Hunger. Die Nichtenkinder winken mir mit riesigen Stücken Streuselkuchen hinterher. Clara und Robert bekümmern sich nicht um menschliche Angelegenheiten. Vor dem Dorf liegt ein See, dichter Schilf umschließt den See. Über den See kann man sich mit einer Holzfähre rudern lassen. Der Fährmann hat viel von der Welt gesehen, einmal hat er größere Schiffe gesteuert als einen hölzernen Kahn. Jetzt sieht der Fährmann den See und das Schilf und manchmal ein Segelboot von der Ferne. Von der Welt erzählen ihm die Touristen, die er rudert. Ahoi rufen sie und der Fährmann rudert über den See. Schon bin ich vorbei, rieche vom Fährmann nur noch den Dunst blauen Knasters, am anderen Ufer des Sees weiden die Kühe und ihre Kälber. Der Tierarzt steht oft bei den Kühen und ihren Kälbern und erzählt ihnen von einem anderen Kalb und anderen Wiesen. Die Kühe und ihre Kinder hören geduldig zu. Mein Fahrrad und ich aber wir sind schon vorüber, eine schnurgerade Strecke schließt sich an und der Wind und ich rennen um die Wette. „Unfair ist das prustet der Wind, du hast ein Fahrrad und ich muss lauter Wolken tragen!“ Der Wind verliert mich an der nächsten Kurve. „ Wir sprechen uns noch“, ruft er mir mit letztem Atem hinterher. Dann der Ort hinter dem das Meer beginnt. Müde Väter mit Schaufeln und Strandzubehör, müde Kinder im Arm einen großen Gummiflamingo. Müde Mütter einen Eimer Muscheln in der Hand und Handtücher über den Armen. Manchmal tragen die Mütter auch alles, dann sind keine Väter mehr da oder ein Vater schleppt auch noch ein Kind auf dem Arm, aber seltener als die Väter sind die Mütter allein. Die Kinder aber lachen trotz aller Müdigkeit und der Gummiflamingo der auch. Aber die müden Eltern und die müden Kinder sind schon in der Unterzahl, die meisten die man jetzt auf der Straße sieht, und die ich vorsichtig umrunde, haben sich schon umgezogen. Sie gehen zum Essen. Auf eine wagenradgroße Pizza bei einem der Italiener vielleicht oder einen Berg Gyros beim Griechen. Man sieht ihnen an, dass das etwas Besonderes ist. Sie haben sich feingemacht. Die Väter und die Söhne tragen Fußballtrikots, denen man ansieht, dass sie gebügelt worden und dazu einen Sommerhut. Die Frauen und Mütter tragen gemusterte Kleider, große goldene Ohrringe und alle tragen die guten Crocs, nicht die mit denen man Seesterne fängt. Wenn sie am Tisch sitzen und die wagenradgroße Pizza kommt, dann überlegen sie, wie das noch einmal genau war mit Messer und Gabel und lachen erleichtert, dass die Pizza doch schon vorgeschnitten ist. Es ist eine Feierlichkeit bei ihnen zu finden, von denen die Kirchen sich wünschten,sie käme am Sonntag zu ihnen. Aber hier bei den Urlaubern, die das ganze Jahr rechnen müssen, die sich hier einmal etwas erlauben, die hier einmal nicht mit „Kasse Sieben öffnet für sie“ angesprochen werden oder „ Cheffe hat schon wieder kein Gehalt gezahlt“ sagen müssen, sind hier Signor und Signorina und ihre Kinder sind bambini und über allem liegt die Feierlichkeit und der Sehnsucht für ein paar Tage einmal keine Sorgen zu haben und zu den Kindern sagen zu können. „Klar könnt ihr ein Eis.“ Das Eis kommt nicht aus einer Packung, sondern mit Aplomb und bunten Streuseln. Die Kinder strahlen, ich fahre nach rechts. Rechts rauscht das Meer, die Sonne versteckt sich noch hinter den Kiefern, die Kiefern und ich lehnen uns in die Sonne hinein, nur noch ein paar hundert Meter. An Holzhäusern vorbei, zwischen den Kiefern, Wäscheleinen, das baumelt ein Stoffbär, sein tropfendes Fell erzählt von großen Abenteuern. Ich lehne das Rad an den Ständern, das Handtuch über dem Arm, dann schon im Sand. Schon laufe ich in die blaue See hinein, die Sohne gähnt schon, legt die müden Füße hoch und ich tauche unter und schwimme in das seidig-blaue Meer hinein, folge der Sonne, die tiefer und tiefer zwischen die Bäume sinkt und schwimme noch einmal im letzten Licht des Tages mit geschlossenen Augen im tiefen Blau. Später dann als ich mit tropfenden Haaren wieder zum Fahrrad gehe, frage ich mich, ob wir am Ende, wenn wir alles vergessen haben, uns noch einmal erinnern an das Blau, das unendliche Blau der See.

Kunst aber als Brotbelag

Bekanntlich bekomme ich immer am Mittwoch eine Biokiste mit Obst, Gemüse und Käse, nebst zwei Flaschen Milch. Am Donnerstagmorgen schwamm ich so vor mich hin im See und wie ich so schwamm wurde ich hungrig. Ha, dachte ich mir, ein Brot soll es sein, wenn Du zurückkommst und dann hängte ich Handtuch und Bademantel auf, wusch den Bikini aus und stapelte Obst, Käse und Brot auf dem Tisch. So bunt sind die Biokisten im Sommer, so vielfältig und so schwer ist es sich zu entscheiden, was man denn auf dem Brot haben mag. Erstmal also ein Butterbrot mit Salz und Schnittlauch dazu, aber dann lockte das bunte mich all zu sehr und wie ich also mit Messer, Brot und Käse, der Tomate und all den anderen Dingen, da so saß, da fiel mir Piet Mondrian ein und ich wäre ja nicht ein albernes Fräulein, das wohl in anderen Zeiten schrullig genannt worden wäre, hätte ich nicht den Finger erhoben und zu meiner alten Freundin Wildtaube auf dem Fensterbrett gesagt: KunstGeschichtealsBrotbelag it is meine Liebe. Die alte Freundin hat nachsichtig gegurrt, denn sie kennt mich ja schon viele Jahre. Das Schöne aber ist, es gibt so viele Menschen, die auch Lust haben ihr Brot mit Kunst zu belegen.

oder

So hat es angefangen, aber viel schöner ist das, was all die anderen machen mit ihren Broten.

Sehen Sie mal was die fabulöse Miss Megaphon macht:  

Und schon geht es mitten in die Romantik hinein mit Casper David Friedrich

Gefolgt von Jan Vermeer


Ich bin sehr verliebt!

Was wäre Kunst ohne Hunde?

Anselm Kiefers Galerist wundert sich sicher schon….

Das ist keine Wurst!

Aber das ist der Schrei:

Ohne Paul Klee geht es ja ohnehin nie!

Ich finde diese Salvador Dali Interpretation einfach großartig!

Und natürlich Vincent van Gogh:

Es gibt ja Ideen, die hätte man furchtbar gern selbstgehabt….

Dies ist nur eine kleine Auswahl,aber wenn Sei mögen dann sehen Sie sich auf Twitter um- dazu müssen Sie dort nicht Mitglied sein, man kann einfach #KunstGeschichteAlsBrotbelag eingeben und viele, viele Schätze entdecken.

Natürlich ist das ganze eine kleine Alberei, aber nur albern ist es dann doch nicht, weil es wie ich finde zeigt, dass das Internet nicht nur das passive Konsumieren ist, sondern viele unterschiedliche Menschen zum Mitmachen und Selbermachen inspiriert. e13Kiki hat dafür einmal den Begriff des #bingecreating erschaffen und ich glaube das trifft es sehr gut. Das Internet, das sind noch immer wir alle und es liegt an uns, ob wir uns inspirieren lassen und immer wieder das Staunen lernen.

Was ich sehr hoffe ist, dass die vielen bunten, belegten Brote zu Gesprächen und Diskussionen führen zum Entdecken neuer Künstler, zum Wälzen von Kunstkatalogen, was man legen könnte und vielleicht auch zu einem Ausstellungsbesuch, um sich weiter und wieder zu begeistern für all die große und kleine Kunst, die noch immer das größte Potential hat Menschen zusammenzubringen und dass das gerade passiert, das freut und rührt mich besonders.

Auch Das Nuf hat Lieblingsbrote mit Kunstbelag gesammelt.

Das Fräulein indes reist heute dem Tierarzt an die Ostsee nach und hat noch kein einziges Reisebrot geschmiert….

Kurze Notizen

Am Morgen geschwommen. Ereignislos, nichts gedacht, nichts gehofft, nichts verloren, nicht schnell und nicht langsam geschwommen, ausatmen, einatmen, immer zwischen 6 Uhr und 7 Uhr. Gehe ich aus dem Wasser, kommt das Rentnergrüppchen, als ich vor vielen Jahren anfing zu schwimmen, waren es noch Ehepaare, jetzt kommen die Witwen zum See. Nur zwei Männer sind dabei, eine Frau sagt: „ Der G. macht sich Hoffnungen.“ Dann verschwindet sich hinter die Bäume. Die verbliebenen Männer machen Rückenschwimmen. Ich fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt schläft noch. Die Sonnenblumen machen müde Gesichter. Einen Teller Rosinen-Sonnenblumen-Kürbiskerne für die alte Freundin Wildtaube dazu. Auf der Straße trinken Bauarbeiter Kaffee und frühstücken Semmeln. Sie sprechen Polnisch und warten auf den Chef. Der Chef lässt auf sich warten.

Ich arbeite und irgendwann wacht der Tierarzt auf. Tee. Wenigstens das geht, man wird bescheiden mit der Zeit. Der Tierarzt packt das luggage holdall, er fährt schon vor an die Ostsee, aber erst einmal, fahren wir in die kleine deutsche Stadt. Aufklärungssprechstunde, diesmal bin ich am letzten Freitag des Monats nicht da.

Im Radio spielt Angela Hewitt Bachs Goldberg Variationen .

Die S-Bahn ist voll. Stickig ist die Luft, die S-Bahn ist ein Aquarium für Menschen. Ein Mann schreit in ein Telefon, eine Frau feilt sich die Nägel, sie hat lauter Lockenwickler im Haar, bin Brautjungfer nuschelt sie, dann feilt sie weiter, ein Mann hat zwei große Taschen mit Leergut vor sich, er zählt die Flaschenarten auf: 2x Sternbhurger dit hilft nicht viel, dreimal Cola schon besser dit, denn sone Ökoflaschen, dit muss ich mir erst ma beschauen, und denn ne ganze Ladung Cola-Mix, damit lässt es sich doch arbeiten. Johgurt-Gläser auch noch, jetzt saufen die schon den Joghurt, dann hat der Flaschensammler seine Inspektion beendet und atmet durch. Die Brautjungfer schreit in ein Telefon: Nur Assis in der S-Bahn, dann fegt sie sich Nagelstaub und Nagelhautfitzel von der Jeans, die fallen in eine Hundefell. Der Hund heißt Janosch. „Janosch, pfui“, sagt seine Besitzerin und zieht den Hund zur Seite. Janosch gähnt, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar stößt gegen die Beutel mit den Flaschen. „Ey hab mal Respekt“ ruft der Mann. Dit is alles mit der Hand gesammelt. Die Frau stürmt aus der Bahn. Eine ältere Dame schreibt unbeirrt einen langen Einkaufszettel.

Im Zug müssen wir stehen. Der Tierarzt ist müde. Ich halte den Tierarzt fest.

Am Bahnhof winkt die liebe C.

Die liebe C. macht den Schatten leichter, heller, irgendwann hören meine Arme wieder auf zu zittern. Bestimmt.

Der Tierarzt schläft.

Schwesterchen demonstriert in London. Das kleine Täubchen auf dem Rücken. Bitte pass auf euch, sage ich. Meine Schwester hat in den letzten Wochen der Schwangerschaft Nacht für Nacht über die Kinder in Amerika gelesen, die über Nacht keine Mutter und keinen Vater mehr hatten.
Man muss aufpassen, das sagst du sagt meine Schwester am Telefon. Sie hat Recht.

Aufklärungssprechstunde.

Ich bin müde.

Auf die Fragen, auf die es ankommt, habe ich keine Antwort.

Die liebe C. macht Pflaumenkompott. Ich mache Buchteln. Ich muss lachen. Weißt Du noch, sage ich zu ihr, was meine Großmutter immer sagte: „Im Sommer sagte der Harry Heine, der nebenbei auch Gedichte schrieb, im Sommer soll ein jeder Jude zum Shabbat keine Challah sondern Buchteln essen-mit Vanillesauce.“

Die liebe C. lacht.

Es ist dieselbe Küche in der sie und ich Pflaumenkompott und Buchteln machten.

Wenn ich mich umdrehe, denke ich noch immer, sie kommt gleich zurück. Aber sie kommt nicht mehr zurück. Das ist nur noch diese entsetzliche Lücke.

Die Buchteln gehen vor sich hin.

Die liebe C. erzählt mir Praxisgeschichten.

Schwesterchen ruft an. Das kleine Täubchen hat geschlafen, so viele Menschen, meine Schwester mit einem Papierschild in der Hand. Eine hilflose Geste, sagt sie und ich wünschte, ich könnte sie zu mir durch das Telefon ziehen.

Wir sitzen am Tisch.

Wir singen. Immer die gleichen Lieder zum Shabbat.

Der Tierarzt lächelt.

So schöne Lieder.

Dann klingelt es.

Ich kann mich an keinen Shabbat erinnern, an dem es einmal nicht klingelt.

„Für Dich oder für mich?“, fragt die liebe C.

An der Tür steht ein Mann mit einem Kind. Das Kind schreit nicht. Das ist nie ein gutes Zeichen. Das Kind hat ein blutiges Küchentuch auf dem Kopf. Herr A. ist Flüchtling, sein Sohn ist 2 Jahre alt, seine Frau ist auf dem Grund des Mittelmeers begraben. Herr A. sagt: „Ein großes Stück Schmerz.“ Der Kleine finde ich heraus, ist aus dem Tripp-Trapp herausgeklettert und rutschte ab. So ein großes Stück Schmerz.
Wir nehmen das Auto. Herr A. hat eine schwarze Reisetasche dabei. Das ist sein Fluchtkoffer. Er sagt: „Alle Papiere.“
Das Kind ist ganz still. Die liebe C. singt für das Kind.
Im Krankenhaus dann ganz schnell.
Fünf Stiche.
Das Kind ist ganz tapfer.
Der Vater hält das Kind.
Die liebe C. hält den Hasen des Kindes.
Ich organisiere ein Bett für Vater und Kind.
Keine Gehirnerschütterung übersetze ich.
Medizindeutsch noch schwer, sagt er, aber Ärzte Top.
Ich nicke.
Eine Nacht zur Beobachtung sage ich.
Brauchen Sie etwas?
„Alles dabei“, sagt Herr A. und umarmt mich und die liebe C.
Ich spreche mit der Ärztin.
„Alles ok“ sagt sie.
Das Kind liegt im Arm des Vaters als ich noch einmal vorbeisehe.
Zweimal Eis aus der Cafeteria.
Das Kind strahlt.
Herr A. lächelt.
„Eis hilft immer“ sage ich.
Das Kind winkt.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild. Auf dem Bild lächelt eine Frau mit einem Kind im Arm.
Sie ist schön die Frau, schön sind die Frau und ihr ih Kind.
Ihr Mann dreht sich zu dem Bild um er sagt: „Mein Herz, unser Sohn.“
Ich mache die Tür ganz vorsichtig und leise hinter mir zu.
Ich laufe nach Haus.

Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

Kurze Notizen

Am Morgen im See geschwommen.

Weich ist der See, der See ist ein Mantel, ein Handtuch, vielleicht ein Seidentuch. Eines jener Tücher, die ich manchmal bei Hermes im Schaufenster bewundere. Außer Reichweite also. Aber der See ist da.

Vor dem See ist eine Wiese. Auf der Wiese sitzt ein Mann. Er hat einen Einkaufswagen bei sich. Im Einkaufswagen ist seine ganze Habe. Tüten und eine alte Reisetasche. An den Einkaufswagen sind lauter Schnüre gebunden, an den Schnüren hängen Schuhe und andere Beutel. An einer Schnur hängt eine Dose. Erasco. Erbseneintopf steht auf der Dose. Der Mann holt einen Einwegrasierer aus der Dose hervor und ein Stück Seife. Die Seife ist schon grau. Er läuft zum See hinunter, es ist noch früh. „Guten Morgen sagt er, nicht erschrecken. „Ich will mich nur etwas frisch machen.“ Ich schwimme, der Mann rasiert sich. Der See ist ein Spiegel, der See hält ganz still. Der Mann konzentriert sich. Der Rasierer stumpf und die Seife flockt. Aber der See ist da.

Ich kaufe ein. Brot und Käse und was man so braucht. Ich kaufe Seife, Rasierer, Rasiercreme und laufe zum See zurück. Der Mann it nicht zusehen. Ich lege Rasierer, Seife und Creme in die Büchse, die am Einkaufswagen hängt.

Ich trinke mit Milch mit Kaffee.

Der Tierarzt trinkt Tee.

Die alte Freundin Wildtaube frühstückt Rosinen. Ich habe den Teller mit dem kaputten Rand ausgetauscht. Der Tierarzt hatte Recht. Freunden stellt meine keinen angeschlagenen Dinge hin. Die alte Freundin Wildtaube gurrt. Der Tierarzt sagt: „Mädchen. Mädchen. Ach Mädchen.“

„Keine Rührung vor elf Uhr“, sage ich.

Der Tierarzt bekommt den gelben Eimer. Ich den blauen Eimer.

Wir pflücken Johannisbeeren und Stachelbeeren. Der Tierarzt schaukelt. Ich gieße die Beete.
Das Gras ist warm unter den Füßen, das Gras wispert, aber ich bin zu müde für die Geschichten aus dem Gras. Die graue Katze springt auf den Apfelbaum. Der schöne Nachbar hackt Holz. Oy!

Ich bringe einen Umschlag mit Besserungswünschen zur Post.

Der Tierarzt hängt Wäsche auf. Die Bettwäsche weht im Wind. Für einen Augenblick ist der Garten eine Straße in Neapel. Der Tierarzt schläft ein.

Ich lese in der Zeitung. Das Nachbarmädchen möchte einen Papierflieger haben. Wenn sie einen Papierflieger hat, will ihr Bruder auch einen und auf einmal ist die Zeitung keine Zeitung mehr, sondern die Kinder rennen mit den Papierfliegern durch den Garten und über die Straße und schon ist die Straße keine Straße mehr, sondern ein Dschungel oder die Arktis, die Kinder haben leuchtende Augen, die Kinder sind Piloten und Eisbärenforscher.

Wie gut, dass Wassereis im Gefrierschrank ist. So viel Abenteuer macht Durst.

Die lachenden Kinder wecken den Tierarzt auf.

Der Tierarzt kaut Nägel. Heute spielt England und der Tierarzt und seine englische Mutter sind kurz vor der Ohnmacht. Der Tierarzt hält ich alle zwei Minuten ein Kissen vor das Gesicht.

Ich höre Martha Argerich und Mischa Maisky zu.

Der Tierarzt nimmt das Kissen vom Kopf und wirklich England ist weiter.

Der Tierarzt tanzt.

Ich mache einen Krankenbesuch.

Es ist still im Zimmer.

Ich stelle ein Glas Johannisbeeren auf den Tisch.

Kann man den Sommer einfach so in ein Krankenzimmer tragen?

Zuhause werden die Schatten länger, jemand liest die Nachrichten vor, ich schneide Brot, grüner Tee auf dem Tisch, auf dem Balkon Sand aus dem See, die Wäsche ist trocken. Die Papierflieger lange schon gelandet, ich lese, der Tierarzt sieht Fußball. Irgendwo ist immer Fußball, denke ich und mehr denke ich nicht. Ich bin müde. So viele Jahre schon. It adds up sagt man und es ist wohl wahr.

Ich beziehe das Bett und lege mir eine Hand über die Augen. Vor dem Fenster singt die Kiefer ein Wiegenlied.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Es ist fünf Uhr in der Früh und eine lange Nachtschicht ist endlich zu Ende.

Die Sonne gähnt.

Die Katze gähnt.

Der Tierarzt gähnt.

Der Hund schläft.

Ich gähne und werfe die Scrubs in die Waschmaschine.

„Was für eine Nacht.“

Die Waschmaschine gähnt und rumpelt.

Wie müde bist du?, pfeift der Tierarzt mir hinterher.

Ich gähne und dann dusche ich sehr heiß.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf und duscht sehr kalt.

Derweil ziehe ich die Vorhänge zu.

„Mädchen, sagt der Tierarzt als er tropfend aus dem Badezimmer kommt, Mädchen und der Tierarzt klingt sehr grundsätzlich, ist es dir nicht zu warm?“

Ich gähne.

„Tierarzt nuschle ich, was ist das für eine Frage?“

Der Tierarzt trocknet sich die Haare und sagt: „Mädchen du schläfst unter einem Federbett, einem Quilt, du wickelst dich in ein Tuch, und dann vergräbst du dich in zwei schweren Kissen.“

„Du hast die Bettsocken vergessen“, gähne ich.

Der Tierarzt schläft nämlich- liebe Leser halten sie sich die Augen zu- splitterfasernackt-denn über Irland ist der Sommer gekommen- aber ich käme niemals auf die Idee ohne Decken, Tuch und Kissen zu schlafen.

„Mädchen Du wirst ersticken“, findet der Tierarzt.

„Ja, Tierarzt, aber wenigstens mit warmen Füßen.

Der Tierarzt murmelt etwas, das verdächtig nach sturer als Kälbchen klingt, aber ich bin viel zu müde.

„Wecker auf 9 Uhr“, erinnere ich den Tierarzt.

„Wecker auf 9 Uhr“, seufzt der Tierarzt.

Um neun Uhr trinke ich Tee und dann fahre ich ins Büro.

Die Auszubildende seufzt.

„Fräulein Read On, das Schlimme am Lernen ist, wenn man erst einmal damit anfängt, merkt man erst was man alles noch nicht gelernt hat.

„Auszubildende sage ich, sie haben keine Zeit für eine Sinnkrise. Lernen Sie. Lernen Sie. Lernen Sie. Um vier Uhr höre ich sie ab.

„Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält“, schnaubt die Auszubildende.

„Es sind meine schöne Ohren, Auszubildende“, sage ich und bin verschwunden.

 

Dann tue ich Büro-Dinge. Ich rufe in Telefone, ich tippe Emails und ich habe einen Ordner: Letzte Dinge. Mitte August geht es für mich woanders weiter. Aber erst einmal brauchen Fellows ein Bügelbrett, ein Taxi zum Flughafen, kommt nicht, die beste Chefin der Welt hat gute Ideen, ein anderer Fellow hat keine Nagelfeile, aber die Auszubildende hat unter ihrem Schreibtisch ein mobiles Nagelstudio.

Ich renne in die Bibliothek, ich trinke Pfefferminztee und fülle zu viele Dokumente aus. Neue Anrufe, aber wenigstens die Email-Lawine ist eingefangen. Ein Becher Joghurt immerhin.

Schon wieder das vermaledeite Telefon. Aber diesmal ist es der Tierarzt.

„Mädchen?“

„Tierarzt!“

Ich klopfe jetzt an deine Bürotür.

Schon steht der Tierarzt im Zimmer.

„Immer noch müde Mädchen?

Tierarzt?

Der Tierarzt knöpft sein Hemd auf.

„Tierarzt“!

Aber den Tierarzt kümmert das nicht und er schiebt Unterlagen, Teetasse, Joghurt und Bücherstapel zur Seite.

„G*tt Tierarzt wirklich mit offenem Hemd.

„G*tt ja, Mädchen. Unbedingt.

Sind das deine Finger an meiner Bluse, Tierarzt?

„Ich wäre enttäuscht, verstecktest du einen Beau unter deinem Schreibtisch.

Die Zimmerpalme bekommt rote Ohren.

Dann klopft es.

„Die Auszubildende will abgefragt werden“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr.

Der Tierarzt findet: „Die Kunst der kalten Dusche musst du nicht vertiefen, Mädchen.“

Tierarzt, dein Hemd.

Der Tierarzt knurrt.

Der Tierarzt geht.

Die Auszubildende kommt.

Der Tierarzt looked so flushed, Fräulein Read On.

„Wirklich? Auszubildende, das habe ich gar nicht bemerkt. Wohl bemerkt habe ich aber, dass sie nur Buch 1 von 3 dabeihaben. Dabei hatten wir verabredet, dass ich sie heute querbeet abfrage. Die Auszubildende flucht fast so sehr wie der Tierarzt.

Eine Stunde lang, frage ich die Auszubildende ab.

Nach einer Stunde weint die Auszubildende.

Taschentücher für die Auszubildende.

Ein Aspirin für mich.

Sie sind ein grausamer Mensch, findet die Auszubildende.

Vielleicht hat sie recht.

Ich schreibe die letzten Emails.

Dann werfe ich Badetuch, Bikini und Kram zusammen und fahre ans Meer. ZU groß ist die Sehnsucht und so fahre ich nicht zurück auf das Dorf, sondern nach Seapoint, dort trifft die Stadt das Meer.

Grün und blau ist das Meer. Das Meer fragt nichts, das Meer trägt mich und ich schwimme weit hinaus, heute mehr Schatten als Sonne. Das Meer erinnert sich und das Meer trägt mich weiter und weiter hinaus. Mit blauen Lippen komme ich zurück. Für einen Moment bleibe ich auf den Klippen sitze. Dann ziehe ich mich an.

Mit dem Zug zurück aufs Dorf.

Müde Beine.

Ein müder Kopf dazu.

Nasse Haare.

Salz in den Haaren.

Ein Käsebrot, eine Schüssel Erdbeeren, drei Gläser Wasser, ein sehnsüchtiger Blick aufs Sofa. Dann doch das luggage holdall packen. In den nächsten Wochen sind der Tierarzt und ich viel unterwegs.

Dann klinkt die Tür.

Der Tierarzt ist zurück.

„Mädchen, ich habe den Schlafzimmerschlüssel gefunden.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Beeindruckend nicht wahr?“

„Du meinst deine Spürnase?“

„Nicht ganz.“

„Oh?“

„Müde Mädchen?“

„Ziemlich.

„Ich kann mein Hemd in unter zehn Sekunden ausziehen.“

„Das will ich sehen.“

„Das dachte ich mir fast.“

Auf drei.

Der Tierarzt bricht seinen Rekord.

Die Katze gähnt

Der Hund schläft.

Der Tierarzt zieht mir das T-Shirt über den Kopf.

Ich lasse mich nicht gern ansehen.

Doch, doch, bitte, bitte bleib so stehen, sagt der Tierarzt.

Ich bleibe stehen.

Die Sonne gähnt.

Es ist 21:47 Uhr.