Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

Zwei Kilometer sind es von unserem Hotel herüber bis nach Tatranské Matliare, jenem Ort in dem Franz Kafka zwischen 1920 und 1921 einige Monate verbrachte. Das Hotel in dem wir wohnen, stand damals schon. Sommerfrische. Es waren nervöse Jahre, der erste Weltkrieg war auch an der Hohen Tatra nicht einfach so vorbeigegangen. Viele der großzügigen Sanatorien und Hotels beherbergten nun Soldaten, die nichts mehr vom lässigen Hans Castorp hatten.Die Damen an der Rezeption winken uns hinterher: „Have a nice day.“ Der Tierarzt ruft: „We are looking for Franz Kafka.“ Die Damen nicken und winken noch einmal. „Have fun with your friend.“

Vor dem Hotel beginnen die Berge. Still ist es hier. Die Berge atmen leise. Ungewohnt ist das, denn das Meer vor unserer Haustür schweigt niemals. Aber hier in der Hohen Tatra schweigen die Berge. Wanderer kommen uns entgegen. Wanderer sind stille Menschen stellen wir fest. Sie teilen Wasserflaschen und Müsliriegel, sie nicken uns zu, wie nicken zurück. Sie gehen in Richtung eines Gipfels, wir gehen um die Ecke. Wiesen. Ein gluckernder Bach. Eine Handvoll Wasser für mich, eine Handvoll für den Tierarzt. Süß ist das Wasser. Vielleicht spricht das Gebirgswasser aus, was die Berge verschweigen. Ganz allein sind wir im Wald und auf den Wiesen. Auf einer Lichtung ein Denkmal. Matthias Loisch gründete hier eine Jagdhütte. 1884. Aber er lud nicht zur Jagd, sondern die Städter ein. Hinaus aus der Stadt. Aus der Hütte, wurden mehr Hütten. Schwedenbungalows würden wir heute sagen. Er baute eine Sauna und dann ein Hotel. Wo ein Hotel ist, haben auch zwei Hotels Platz. So entstand Tatranské Matliare, ein Ort wie man es sich vorstellt, war es nie. Eine Ansammlung von Hotels, die dann auch Sanatorium hießen. Ein Sanatorium war das Lungensanatorium von Dr Kral. Dorthin begab sich Franz Kafka. Da war der Erste Krieg schon über die Hohe Tatra gezogen. Aber auch dazu hatten die Berge geschwiegen. Gefallen hat es Franz Kafka nicht. Das wäre zu einfach gewesen. An Max Brod schrieb er: „Vorläufig stört mich noch alles, fast scheint mir manchmal, dass es das Leben ist, was mich stört, wie könnte mich denn sonst alles stören?“

Wenigstens gibt es keine Durchfahrtsstraße. Damals 1920 und 1921 als Kafka dort oben lebte, wo wir hinwandern an einem sonnigen Nachmittag, da sprach man Ungarisch, nicht Deutsch, nicht Tschechisch, nicht Slowakisch, sondern Ungarisch. Es waren die letzten europäischen Jahre. Damals konnte ein Budpester Zahnarzt mit einem deutschen Buch unter dem Arm spazieren gehen und eine tschechische Dame zum Tee einladen, oder das Buch Franz Kafka leihen. Krank vor Liebe zu Milena war Kafka in jenen Monaten. Man kann an der Liebe zu Grunde gehen, das war die Antwort und ein heftiger Husten kam dazu. Ein müdes Herz also, keine Milena mehr, dafür ein Tschechin, die auf Juden schimpfte, lange Briefe hinunter nach Prag, ein aufdringlicher Journalist, ein Kellner wie aus einer Thomas Mann Novelle und ein Zimmermädchen, aber ihr Name war nicht Milena.

Briefe und Einsamkeit. Keiner kam hinauf zu Franz Kafka. Milena wollte und sollte nicht, Ottla hatte ein kleines Kind auf dem Arm, die Eltern einen Laden und ich weiß nicht wo Max Brod war in jenen Monaten. Aber der Ort, das Sanatorium, die enge Welt mit europäischem Zungenschlag, die ist verschwunden, lange schon. Tatranské Matliare ist kein verfallenes Stück Zeit mehr. Bald kam der zweite Krieg, der deutsche Krieg, nach dem zweiten Weltkrieg war das Europa der Zahnärzte aus Budapest und der Schriftsteller aus Prag zu Ende. Das Militär kam in die Hohe Tatra hier sollten sich Offiziere erholen. Sperrgebiet. Abrissbirne. Kein Prager Frühling, kein Ungarisch mehr. Es ist nichts mehr übrig von Matthias Loisch und seinen Mitstreitern. S

päter dann baute die CSSR hier Hotels im guten sozialistischen Stil. Quadratisch und mehr Durchgang zum Speisesaal. Hutnik heißt das Hotel, vor dem wir stehen. Plötzlich im Wald. Palettentische auf der Terrasse. Zigarettenrauch. Die Zimmermädchen haben Langeweile. Graue Treppenstufen. Gelbe Wandfarbe, aber die Tristesse der langen und bleiernen Jahre, die atmet man ein, betritt man das Hotel. An der Wand noch immer Kunst der Werktätigen und eine Hausordnung die kein Ende nimmt. Wir bestellen Kaffee und wo anderswo Bücher über den Amazonas liegen, stapeln sich hier die Gästebücher. Der Tierarzt schließt die Augen. Der Kellner nimmt sich Zigaretten und setzt sich zu den Reinigunsgfrauen auf die Terrasse. Eine Frau steht am Fahrstuhl und sieht lange auf ihr Telefon. Ich blättere in den Gästebüchern. Dieter und Petra, Januar 1982 gefiel es sehr gut. Anne und Heiner, 1986 verbrachten schöne Tage im Bruderland, Herta und Wilfried kamen schon zum dritten Mal und fanden: „schöner als wie in der Schweiz.“ Druschba, druschba neben Kinderzeichnungen. Gedichte und kleine Bonmots. Die liebe C. war niemals in der Hohen Tatra, mein Vater ein Republikflüchtling, meine Großmutter hatte eine andere Landkarte vor Augen, aber hier in den Gästebüchern stehen die Geschichten derjenigen für die die DDR etwas ganz anderes war und die schöne Ferien verlebten und keine Bücher von Ivan Klima unter der Theke schmuggelten. Hier stehen ihre Geschichten und sind doch unerzählt. Nach 1993 brechen die Einträge weg. Die Ostbürger wollten in den Westen. Die Hohe Tatra war auf einmal das arme Osteuropa, keine Brüderschaft mehr, lieber vergessen, die Alpen sind die andere Richtung. Wir legen Münzen auf den Tisch. Der Kellner bleibt verschwunden.

 

Auf einer Wiese, abseits des Weges ein Stein für Franz Kafka. Man kann ihn leicht übersehen, die Straße nicht finden, die Wiese ganz anders überqueren, wir finden ihn doch. Liegen im Gras, keiner kommt, wir zählen Wolken und Geschichten, die erzählten und unerzählten, alle Geschichten sind unendlich. Bevor wir aufstehen, uns das Gras aus den Haaren klopfen, über den Stein streichen, uns vorstellen wie es hätte sein können, wie es wohl gewesen wäre, wenn, hole ich einen Zettel aus der Tasche und lese dem Tierarzt vor, was Franz Kafka schrieb an genau jenem Tag an dem er aus der Hohen Tatra zurückkehrte nach Prag:

„ Liebster Max, meine letzte Bitte, alles was sich in meinem Nachlass ( also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause oder im Bureau, oder wohin sonst irgendwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt.) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen usw. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene und Gezeichnete, das Du oder Andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“

Dein Franz Kafka.“

Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben und Max Brod beschloss ihn niemals sterben zu lassen. Die Berge aber schweigen und still gehen auch wir zurück.

Auf der Suche nach Franz Kafka- Der Weg in die Hohe Tatra

Wir verabschieden uns von Prag. Heiß ist die Stadt. Der Tierarzt findet Mitteluropa sei ein Backofen. Manchmal befühlt er einen Arm und mumrelt etwas von Steak durch oder so ähnlich. Aber noch einmal stehen wir vor dem Haus in dem Kafkas große Liebe Milena Jesenská bis zum Bruch mit ihrem Vater Jan, dem Zahnarzt lebte. Heute ist in dem Haus eine Schrottausstellung. Männer sitzen in Recylingautos und strahlen und Frauen lehnen auf den Schrottautos in einer gemeinhin als verführerisch bezeichneten Pose. Dann fotgrafieren die Männer ihre Frauen auf den Autos. Die Frauen befinden, dass die Männer nichts über das richtige Verhältnis von Freundinnenbein und Kotflügel wissen. Lange Gesichter.

Aber wir gehen an den Autos und Metallgiganten vorbei wandern durch die großzügigen Räume. Sie riechen frisch gestrichen und nagelneu, wären nicht die Figuren und Autos aus Altmetall, so könnte man sich gut vorstellen wie hier ein Zahnarzt eine Ordination eröffnete und hier stritten und liebten und stritten sich Milena und ihr Vater über das Frau-Sein und Werden, über Karrieren, über Ehemänner, über die Zukunft und die Vergangenheit. Ihr Vater ließ sie über die Beziehung zu Ernst Pollak in die Psychiatrie einweisen, Ernst Pollak den sie dann schließlich heiratete, war nicht weniger beklemmend als ihr Vater, Franz Kafka legte ihr sein Herz in die Hände und sie hielt die Hände auf. Die Deustchen schließlich ermordeten Milena Jesenská in Ravensbrück. Milena, Milena, Milena denke ich und die Farbe ist frisch und ein Radiosender spielt Musik, die mir nichts sagt. Milena sagt der Tierarzt neben mir, die Liebe bewahrt einen vor nichts. Dann wird eine Kaffeemaschine geliefert und eine Leiter fällt um. Wir gehen. Ich drehe mich nicht um. Noch immer, auch nicht so viele Jahre später, kann ich diese Lücke begreifen. Milena.

Wir stehen am Bahnhof. Der Tierarzt fächelt sich mit einer Zeitung Luft zu. Der Zug hat 25 Minuten Verspätung. Der Tierarzt ist kurz vor dem Hitzschlag und ähnelt auf erstaunliche Art und Weise Karl Kraus, so sarkastisch wie er zetert. „Prag steckt an“, sagt er und ich mache den Tierarzt zum inoffiziellen Mitglied der Arkonauten, jenen Kaffeehausgästen, die im Café Arco saßen und alle der Literatur verfallen waren.

Dann kommt der Zug. Ich wuchte Koffer, luggage holdall, Rucksack und Tasche in ein Gepäckfach und ziehe den Tierarzt hinterher.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, der Zug ist sehr alt.“

„Der Zug ist verlässlich Tierarzt“, sage ich.

Der Tierarzt sieht zweiflend zu mir herüber.

Neben mir sitzt eine Frau, die sich sofort in katholische Erbauungsliteratur vertieft.

Neben dem Tierarzt sitzt ein Mann, der auf seinem Notebook einen Film sieht in dem Männer sich sehr kreativ den Hals durchschneiden. Dann und wann kichert der Mann so als sei ein Mord doch eine recht unterhaltliche Angelegenheit. Der Tierarzt erschauert.

„Du erbst alles“, sagt der Tierarzt zu mir.

„Tierarzt sage ich, das ist bestimmt ein reizender Mensch.“

Der Tierarzt sucht nach einem Taschentuch. „ Hitze und Horrorfilme“ murmelt er finster, „man hätte ja selbst auch genug Fantasie.“

Der Zug fährt los.

Der Zug knirscht und knarrt.

Der Tierarzt sagt: „Der Zug ist kaputt.“

Ich sage: Der Zug hat nur ein wenig Schnupfen.

Die Klimaanlage funktioniert nicht.

Die Frau mit den Marienbüchern auf dem Schoß kann erstaunlich gut fluchen.

Der Tierarzt bekräftigt nickend ihre Tiraden.

Der Mann mit den Horrorfilmen stellt den Ton lauter.

Wenn der Zug nicht knirscht, tönt es also: STIRB, SPLASH,BANG; RATTTTTARATTATATA aus dem Notebook.

Der Tierarzt sagt: „Mach was!“

Ich krame in meiner Tasche herum und biete dem Horrorfilmmann Kekse an.

Der Horrorfilmmann nimmt die Kekse gern.

Die Katholikin öffnet das Fenster.

Der Zug knarzt.

Der Film macht: PENG, BOOM;BOOM,BLAST; SPLOSH und RATTTATATATTTA.

All das wird nun auch von dem mahlenden Kiefer des Mannes lautmalerisch unterlegt.

RATATATATTA-KNIRSCH-KNACK-OM-NOM-SPLASH-BANG

Leider hatte ich die Mandel-Biscottis zuerst in der Tasche gefunden.

Der Tierarzt googelt: Ladezeiten Notebook-Akku.

So fahren wir also einmal durch Tschechien. Dann kurz hinter der slowakischen Grenze fährt der Zug an, wird langsamer, ruckt erneut an, nur um abrupt zu bremsen.

Die Katholikin zuckt zusammen.

Der Tierarzt schlägt noch vor ihr ein Kreuz.

Der Horrorfilmmann sieht ungerührt neuen Schlachtungen zu.

Ich lese in Nicole Krauss neuem Buch.

Der Tierarzt sagt: „Mädchen das ist ein bewaffneter Überfall. Man wird uns im Maisfeld vergraben.“

Ich lache.

Dann gehe ich durch den Zug und frage jeden Reisenden in einer Mischung aus Englisch, Deutsch und Jiddisch nach dem Problem.

Das Problem ist ein Mechanisches.

Der Tierarzt atmet aus.

Die Katholikin schimpft zum Niederknien schön.

Starke Männer beschwören die Schaffnerin, dass sie alle Zugmechaniker seien.

Aus unserem Abteil tönt es: KRAWUM. BOOM.BOOM. BOOM. PENG.

Der Tierarzt sagt: „Ein Glück, dass das Kälbchen erspart bleibt.“

Ich gebe dem Hotel Bescheid, dass wir verspätet sind.

„Sind Sie im Zug oder im Krieg?“, fragt der Mann von der Hotelrezeption.

„Das ist manchmal ein und dasselbe“, sage ich.

Der Tierarzt googelt youtube Videos zu Angelegenheiten der Zugmechanik.

Aus unserem Abteil gröhlt es: WILLKOMMEN. BOOM. RATTATATATARATTA DER MODELLEISENBAHNCLUB HERZOGENAURACH BEGRÜßT SIE PENG. BOOM. BLAST.

Ich esse ein Stück Marmorkuchen.

Dann kommt ein Mechaniker und mit dem Mechniker kommt Bewegung in den Zug.

Kurz vor unserem Ziel stirbt der Laptopakku.

Wir werden abgeholt. Der Fahrer entschuldigt sich tränenreich, wegen der Verspätung des Zuges habe er leider seine Bulldogge dabei.

Der Tierarzt strahlt: „Endlich zurück in der Zivilisation.“

Die Bulldogge sabbert selig in den Tierarztarmen.

Der Fahrer sagt: „Willkommen in der Hohen Tatra.

Ich sage: Franz Kafka war hier. Aber ich sage es nur zu mir und ganz, ganz leise.

Das Elternhaus von Milena Jesenská finden Sie in der  28. října 13, in Nové Město, Prag

Zeigt her eure Nasen!

Nein, die Zeiten sie sind nicht gut, die Zeiten sind sogar zum Davonlaufen schlecht. Wo hin man auch sieht, an jeder Ecke überschlagen sich Politiker in immer noch schrilleren Tönen dämonische Szenarien zu entwickeln, in denen Flüchtlinge und Obdachlose, Arme und Alte beschämt, geschmäht und benutzt werden, während kein Seehofer und auch kein Söder bei den Landfrauen zu sehen ist, die in Bayern ja vielerorts Menschen dabei helfen, nicht einfach nur Fremde zu bleiben, andernorts werden Obdachlose zu Kriminellen erklärt, Signore Salvini findet es sei doch kein Ding kritische Journalisten zum Abschuss freizugeben, es muss nur Fußball sein und schon hört man nichts mehr über kritische Stimmen, die in Russland in Gefängnissen sitzen, Erdogan macht Wahlkampf und tut so als könne er Fairness buchstabieren und in den USA dürfen mexikanische Frauen zwar die Kinder reicher Familien im Napa Valley hüten, aber gleichzeitig werden Familien die Kinder weggenommen und es bricht einem das Herz, dass dies die USA sein sollen. Dieses Land in dem es nur Einwanderer gibt.

Auch im westlichen Winkel von Klein-Bloggersdorf, in einem kleinen, irischen Dorf umgeben vom Meer und dem Kirchturm St Sylvester seufzt man schwer, trotz des Sonnenscheins, einem Hundekopf auf dem Knie, der Katze auf dem Sofa und dem drolligen Kalb in den Flegeljahren auf der Weide. Darf man denn fragt man sich also nun albern sein, denn albern wird es gleich, das sage ich Ihnen mit vollem Ernst. Das Lachen steckt einem ja auch schnell im Halse fest, aber andererseits fürchten Maulhelden, Parolenwiederholer, autoritäre Traumtänzer und nicht zuletzt Herr Erdogan wenig so wie Gelächter. Gelächter hat immer etwas Uneindeutiges, etwas Unbezähmbares, Wildes, Grenzenloses, Humor ist etwas und das sieht man allerorten, das sich nicht begrenzen lässt allen Versuchen zum Trotz.

Anderntags war Midsommer und da Sonnenlicht legte lange den Kopf auf die Fensterbank und alles war Gold und Licht und Warm. So golden, licht und warm, dass sogar der treue, alte Hund, der viel vom Schlaf hält auf die Terrasse tappte und den Kopf ins Sonnenlicht hielt. Wie das so ist bei den Bloggersdorfern, die verehrte Kiki, die ja wie Sie alle wissen in der Künsltlerkolonie des Dorfes mit Bär ein Atelier betreibt, verguckte sich in des guten Hundes, Nase und am nächsten Morgen als der treue Hund gefrühstückt hatte, sagte ich:

Cassie, dear would you mind me snapping a picture of your lovely nose? Kiki has been asking.
Cassie: My nose?You’re telling me she has a crush on my nose?
Me: Mh.
Cassie: How curious humans are! But she hasn’t a cat, no?
Me: A bear. Cassie: Well then, nose is up! Woof.
Man muss wissen Cassie, der treue, alte Hund ist kein uneitler Hund, aber vor allem triumphierte Cassie endlich einmal über die Katze, denn Hundeschnauze bliebt Hundeschnauze.

Aber Klein-Bloggersdorf wäre nicht Klein-Bloggersdorf hätte nicht auch andere Herrchen schöne Hunde und schon tauchte eine zweite Hundenase auf. Elegant, distinguiert und von adliger Kühle. Eine Nase namens Janosch.

Zauberhaft und zum Verlieben ist auch dieser Traum von Nase im Kornfeld äh Federbett.

Ach, das ist Bloggersdorf wie wir es lieben und schon kamen weitere, artenübergreifende Nasen aus der Schweiz hinzu.Welche Wonne, welche Freude, denn bei Familie Brüllen leben zwei Katzen, die um es mal positiv wie bestärken zu formulieren, gewisse Ähnlichkeiten mit einem Kälbchen haben.

Doch noch haben Sie nicht genug Fell gesehen! Bekanntlich verbindet Zwitscherstadt, Klein-Bloggersdorf mit der großen Welt und dort, sehen Sie selbst findet man die Nasen von Welt.

Aber Bloggersdorf wäre ja nicht Bloggersdorf träte nicht auch der Bär selbst nach vorn und zeigte der Welt was eine Nase ist.

Schotten da können keine Zweifel bestehen, haben Nasen über die sich reden lässt.  ( Nur der Tierarzt schmollt selbstredend.)

Noch ne Nase!

Und so albern das Nasenzeigen auch sein mag, tröstlich und ein ganzes Stück wärmer ist die Welt mit ihnen doch. Wenn auch sie Mitbewohner mit reizenden Nasen haben, geben Sie gern Bescheid als Kommentar, Mail, auch Brieftauben dürfen gern auf dem Fensterbrett landen. Goldfischnasen, Hasennasen, Schildkrötennasen und auch die Nase von Leo, dem Hai sind gern willkommen. Nur bitte keine Google-Nasen….

Eine Nasengalerie für kalte Tage und zwischendurch, das scheint mir kein ganz schlechter Plan in traurigen Zeiten.

 

James Joyce und Sonnenschein

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Nach langen Tagen des Regens, findet dann doch die Sonne nach Irland zurück, sie kommt schon im leichten Mantel daher, klopft auch an meine Fensterscheibe, zeigt auf den blauen Himmel, lächelt und schon nehme ich Mantel, Tasche und Tuch und laufe ihr hinterher, sie schlendert mit mir durch Straßen, runzelt die Stirn als ich unseren Spaziergang noch einmal einer leidigen Angelegenheit wegen unterbreche, die Sonne streichelt so lange einen sandfarbenen Hund, der angebunden vor einem Café auf seine Besitzerin wartet, die Besitzerin trägt lila Stiefel, um die ich sie doch ein kleines bisschen beneide, aber die Sonne will das nicht gelten lassen und zieht mich lieber am Ärmel hinter sich her. Fast wäre ich wieder gestolpert, denn ein kleines Mädchen zieht ihre Barbiepuppen auf einem Skatebord hinter sich. Eine Puppe aber ist in den Rinnstein gepurzelt, abrupt bremst die kleine Madame und zusammen bergen wir vorsichtig die Seejungfraubarbie, die etwas erschreckt vom Ausflug in die große Welt ins Sonnenlicht blinzelt. Die kleine Madame zeigt mir 2,50 Euro in ihrer Hand, die sie mit Erlaubnis der Großmama in ein erstes Eis umsetzen darf und ich rate ihr energisch zu zwei Kugeln und wie durch ein Wunder hat die kleine Madame auf einmal 3,20 Euro in der Hand auf das es für eine Kugel Erdbeer und Schokoladeneis reiche, die Sonne blinzelt mir verschwörerisch zu.

Aber dann müssen wir wirklich weiter, denn bis Rathgar ist der Weg noch weit und die Sonne hat ja nun weiß G*tt auch andere Aufgaben als mit einem Fräulein eingehakt spazieren zu gehen, so also gehen wir geschwinden Schrittes die Straßen herunter, Vögel singen, eine Katze lauert, ein Postbote trägt Briefe aus, ein Mann gähnt hinter einem Fenster, eine Frau ruft: Christine, aber weder die Sonne noch ich werden bei diesem Namen gerufen und so wandern wir weiter, auf dem Kanal schwimmen die Schwäne. Familienausflug? Wochenmarkt? Die Sonne und ich sind unentschlossen, aber wir müssen ja schließlich auch weiter. Vorbei an einer letzten Ecke, ein Pub hängt Rugbyfahnen heraus, ein Lieferwagen bringt Milch, der Fahrer steigt aus, fummelt mit einer Liste, flucht schon blendet ihn das gleißende Sonnenlicht und die Sonne und ich kichern-gemeinerweise, dann aber sind wir da Brighton Square steht an einem Mäuerchen, ein bisschen zu weit laufen wir die Straße hinauf, um dann doch nach einer kleinen Kurve, vor dem richtigen Haus zu stehen zu kommen.

Nummer 41, Brighton Square, eine kleine bronzene Tafel erinnert daran, dass hier am 02. Februar des Jahres 1882 James Joyce geboren wurde. Ein rotes Backsteinhaus, neben vielen anderen, der Blick aus dem Oberstock fällt auf lange schon vernachlässigte Tennisplätze, die Straße liegt still im Sonnenlicht, die Sonne selbst wandert über den Tennisplatz und ich denke an James Joyce, den ich erst spät entdeckt habe, meine Großmuter durch deren Bibliothek ich mich las, hatte kein Verhältnis zu Joyce und zu wem meine Großmutter kein Verhältnis hatte, um den war es auch mir nicht schade, aber als ich einmal in Zürich auf jemanden wartete, der dann doch nicht kam, da kaufte ich für sieben Schweizer Franken in einer Buchhandlung der Heilsarmee Ulysses und als der Mann, der das Heilsarmeecafé betrieb sich schließlich räusperte, war es draußen dunkel und ich lief mit Leopold Bloom unter dem Arm zum Bahnhof zurück, denn der auf den ich wartete war ohnehin nicht gekommen. In Irland aber habe ich ihn nie wieder gelesen, vielleicht weil Joyce hier auf so vielen Kühlschrankmagneten, Kopfkissen und ausgekauten Zitaten sprang, das ich vergessen habe, wie gut man mit Joyce die Zeit vergisst, aber nun stehe ich doch vor dem Haus mit der grünen Tür und den weißen Ornamenten, den niedrigen Hecken, mitten im Sonnenschein, vielleicht haben die Eigentümer des Hauses ja heute Morgen Kuchen gefrühstückt ihm zu Ehren, aber vielleicht liegen unter den alten Dielen ja auch noch immer die Holzräder einer Giraffe zum Ziehen oder eine lange schon verschwundenes Taschentuch, denn hier in Rathgar da atmet die Welt gleichmäßig und gediegen, die Sonne schaut für mich zum Fenster hinein und nickt, noch immer sind die Fenster so dünn, dass man selbst an einem heißen Sommertag friert, die Gehwegplatten sind wunderbar uneben und bestimmt ist James mit blutigen Knien zurückgelaufen und hat die ganze Nachbarschaft zusammengeschrien. Besonders hübsch, aber ist das dass Gartentor offensteht, eine vielleicht ganz unbeabsichtigt und dennoch so zarte Geste, dass heute auch Gratulanten, die nichts weiter als Sonnenschein mit sich tragen willkommen sind. Passiert ist in den fünfzehn Sonnenminuten fast nichts. Ein Mann bringt Einkäufe nach Haus, eine bunte Tüte fliegt davon und er holt sie sich mit schnellen Schritten wieder, ein Mann mit traurigen oder müden Augen, das ist ja niemals einfach zu sagen, läuft am Haus vorbei, auf dem Tennisplatz hat wohl schon lange niemand mehr: Satz, Spiel, Sieg gerufen, irgendwo klingelt ein Telefon, nur auf der anderen Straßenseite, da sitzt eine Frau mit strähnigen Haaren und leerem Blick auf den Stufen, in einer Hand eine Kaffeetasse, eine Zigarette, viele Zigarettenstummel vor ihr auf dem Boden. Die Sonne erreicht die Frau nicht dort auf den Stufen, wen das Unglück gepackt hat, den lässt es nicht so schnell gehen. Als ich noch einmal zu ihr herübersehe, steht sie auf geht schwankenden Schrittes nur mit einem Pyjama und einem fadenscheinigen Bademantel, die Straße hinunter, schon ist sie im Schatten der Tennisplätze verschwunden.

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Die Sonne aber legt mir noch einmal die Arme auf die Schultern und plötzlich läuft eine schwarze Katze durch den Garten in dem James Joyce vielleicht mit Murmeln spielte. „Morning James“, sage ich, aber die Katze sieht mich ein bisschen spöttisch an und ziemlich sicher, sagte sie: „Das wäre doch ein bisschen zu einfach, nicht?“, sprächen wir die gleiche Sprache, so aber sehe ich auf die Uhr, küsse die Sonne zweimal links und einmal rechts, ich muss zurück in östliche Richtung, während die Sonne sich langsam nach Westen richtet, ein Blick zurück, schon steigt sie über die Dächer, ich laufe weiter und als ich am Nachmittag wieder von neuen und anderen leidigen Dingen zurückkehre ins Institut ist der Himmel schon wieder bleiern, grau und schwer.

Das Geburtshaus von James Joyce findet man unter 41 Brighton Square in Rathgar, Dublin, Irland.

Der verschwundene Leuchtturm

Mitten in der Nacht wache ich auf. Etwas ist anders als sonst, aber mir will nicht gleich einfallen, was diese Nacht von anderen Nächten unterscheidet. Neben mir schläft leise seufzend der Tierarzt, eine Hand über seine Brust gelegt, so als wollte er sich selbst festhalten. Wer weiß, vielleicht segelt er gerade in unruhigen Träumen über ein wogendes, schäumendes Meer, und zwischen ihm und dem Felsen kantig und schiefergrau, nur er und sein Boot. Vor dem Bett schläft den Kopf auf die Pfoten gelehnt der Hund. Wie der Tierarzt so seufzt auch der Hund tief und mit gerunzelten Brauen. Mag sein, der Hund träumt von Enten im raschelnden Schilf, zu hören doch niemals ganz zu sehen, gut verborgen auch vor neugierigen Hundenasen. Aber was weiß was man schon über die Träume der Anderen? Aber dennoch etwas ist anders, der alte Reisewecker meines Großvaters, der schon seit vielen Jahren neben meinem Bettkasten tickt, ist es nicht, denn treu wie eh und je zeigt sein verblichener, einstmals grün schimmernder Zeiger auf dreiviertel drei. Auch der Bücherstapel, dem ich durchaus erhitzte nächtliche Diskussionen zutrauen würde, raschelt nicht einmal ein kleines bisschen mit den Seiten, sondern Buch auf Buch schläft tief und fest, selbst die London Review of Books, die doch des Diskutierens nicht müde wird, schlummert selig und ich drehe mich langsam und vorsichtig, um weder Tierarzt noch Hund aus den Träumen zu reißen, den tiefen Fenstern, die zum Meer zeigen zu. Dunkel ist es, aber auch das ist nicht ungewöhnlich, aber etwas ist ganz bestimmt nicht, wie sonst. Erst einmal aber angle ich nach dem Glas Wasser, denn immer tobt dieser Durst in mir und stets muss ich ein großes Glas Wasser in der Nähe haben, das leere Glas halte ich mir an die Stirn. Dann fällt es mir endlich ein, der Leuchtturm draußen vor der Küste, dessen warnender Schimmer doch kreisförmig in regelmäßigen Abständen durch unser Fenster fällt, ist nicht zu sehen. Zu dicht kleben die Wolken, als undurchdringlicher Vorhang gespannt vor dem Fenster, zu hart prasselt der Regen gegen die Scheiben und zu tief hat die Nacht ihre Arme über uns ausgebreitet, als das der Leuchtturm dort draußen im tobenden Meer noch bis zu uns heranreichen würde. Ein schwarzer Eimer voll Kohle, eine Wolkendecke aus Zement ist diese Nacht, selbst der Regen schimmert nicht blau, sondern läuft als sei ein Tintenfass umgestoßen worden über die Fensterscheiben hinab. Der Leuchtturm aber, den ich seit der ersten Nacht in diesem Haus jede Nacht sah, bleibt verschwunden, als hätte ihn die Nacht, der Regen oder die Wolken verschluckt. Immer war der Leuchtturm der Dreh- und Angelpunkt meiner Nächte, und in den ersten Nächten in diesem Haus und dem fremden Bett, sah ich auf Stunden zum Leuchtturm hinüber und überlegte, wer einem wohl die Richtung weist, liegt man plötzlich in einem fremden Leben, das nicht passt, nicht am Morgen und auch nicht in der Nacht. Damals lag niemand neben mir im stillen Zimmer, nur die Katze schlief unten auf dem Sessel. Der Tierarzt war mir nur ein ferner Begriff aus den Erzählungen der Frau des Krämers und ich war fest entschlossen, diesen merkwürdig abwesend-anwesenden Mann, der offenbar eng mit der Krämersfamilie verbandelt war, auf keinen Fall zu mögen. Lieber sah ich aufs Meer hinaus und mir war als zwinkerte der Leuchtturm mir aufmunternd zu. Aber der Leuchtturm bleibt heute Nacht verschwunden. Vom ersten Leuchtturm fernab indes vom Meer erzählte mir meine Großmutter, vielleicht begann ja so überhaupt die Geschichte der Leuchttürme, damals ich in ihren Schoß gerollt, ähnlich wie die Katze unten in meine Strickjacke, ließ ich mir erzählen von jenem Dichter Aeschylus, in dessen Orestie ein eigens bestellter Wächter einen Leuchtturm in Flammen stehen sieht. Ein Zeichen sollte dieser brennende Leuchtturm sein, ein Zeichen für das Ende des schrecklichen Krieges um Troja die stolze Stadt. Doch schon damals, sicher und geborgen an meine Großmutter gelehnt schwante mir, dass ein brennender Leuchtturm ein Zeichen des Unheils ist, ein brennender Leuchtturm ebenso wie ein verschwundener Leuchtturm irgendwo im Dunkel der Nacht ist die Hoffnungslosigkeit selbst. Und die Geschichte, die meine Großmutter mir erzählte, die Geschichte nämlich in der Clytemnestra, die Frau Agamemnon, Aegisthus zum Liebhaber genommen hat, ist eine jener Geschichten, die so sehr ins Dunkle führen, dass kein Weg mehr ins Helle hinaus führen kann und der Heimkehrende Agamemnon findet keine Heimat, keine Penelope, sondern seine Frau würde ihn schließlich im Bade- ob er dabei wohl auf den Leuchtturm sah?- in einem Netz gefangen wie einen schlüpfrigen Fisch. Mich schauderte, aber meine Großmutter fand man müsse den Dingen ins Auge sehen. Auf einen Leuchtturm hatte sie aufgehört zu warten und wie immer wollte sie auch mich leise warnen, und wie immer verstand ich es erst viele Jahre später, vielleicht lerne ich es auch erst in den Nächten, in denen der Leuchtturm verschwunden bleibt. Damals aber wollte ich mehr über Clytemnestra hören, und meine Großmutter erzählte mir von der berauschend schönen Helena ihrer Halbschwester und ich verstand genau, denn meine Schwester ist immer die Schöne gewesen, noch immer noch heute ist Schwesterchen ein ganz eigener Leuchtturm. Doch dann jener Abend, jenes Fest für Helden zu dem auch der König von Mykene, Agamemnon geladen war und er Agamemnon sah sie Clytemnestra . Er sah sie und fiel vor ihr nieder, so kann ein Unglück beginnen und sie sagte: „Steh doch auf.“ Sie dreht sich um und Agamemnon läuft ihr hinterher und sie legt dem weinenden König die Hand auf den Kopf. Ihr Mann kommt herbei und Agamenon der weinende König, schlägt ihm den Kopf ab, tötet ihren Sohn und zwischen den abgeschlagenen Köpfen, zwang er sie mit ihm zu schlafen. „Du siehst Kind“, sagte meine Großmutter, nicht kann einen auf das Unglück vorbereiten.“ Ich sehe noch immer in die Nacht heraus. Agamemnon so heißt schliff sie an den Haaren nach Mykene, erst kamen die Kinder, dann kam der Krieg. 10 Jahre dauerte der Krieg um die stolze Stadt Troja und zehn Jahre hatte Clytemnestra hatte zehn Jahre lang Zeit den Hass wachsen zu lassen und schließlich, das brennende Feuer und der Leuchtturm von Atreus taten ihr übriges hatte sie Agamemnon im Netz und mit einem Beil den Kopf abgeschlagen. Das war das Ende nicht nur von Agamemnon, sondern auch seiner Frau. Dann schwieg meine Großmutter und strich mir über das Haar. Ich malte brennende Leuchttürme und fürchtete mich sehr. Der Leuchtturm aber mitten in der irischen See bleibt verschwunden, manche Nächte erinnern sich vielleicht an jene Nacht, in der ein Wächter ein Feuer sah. Weiter fällt der Regen gegen das Fenster, der Tierarzt dreht sich zur Seite und fährt mit einer Hand in meine Haare, mag sein, dass das wogende Boot seiner Träume einen Anker braucht, der Hund auf dem Teppich schnarcht inzwischen, die Uhr tickt und als ich am Morgen aufwache, steht der Leuchtturm stark und fest inmitten der grauen, wogenden See.

Auf der Suche nach Carl von Sternheim-Die Villa ‚Belle Maison‘ in Höllriegelskreuth

Nach einem langen Tag in Großhardern wollen der ehemalige geschätzte Gefährte und der D. unter Kastanien in einem Biergarten sitzen, der F. hat zu diesem Behufe sogar ein blau-weiß kariertes Hemd angezogen und ob er sobald ich außer Sichtweite bin, auch noch die Krachledernen anlegt weiß ich nicht, denn ich will nicht mit in den Biergarten. Stattdessen fahre ich mit der U-Bahn zum Münchener Hauptbahnhof verirre mich gründlich bis ich endlich die S-Bahn in Richtung Wolfratshausen finde. Dann endlich doch im richtigen Zug. Mit mir fahren heimkehrende Wallfahrer, die lila und weißen Flieder um die Holzkreuze gewunden haben und so riecht der Zug ein bisschen so wie ich mir das Paradies vorstellte. Die Pilger haben müde Füße, aber Lust auf einen Ratsch: „Wo woist du hin?“ Nach Pullach sage ich und lächle, von dort aus will ich zur Villa Belle-Maison, die Carl Sternheim baute, besehen. Die Pilger sehen mich verwundert an: Sternheim, sogst Du? Den sein Noamen hab’n wia noch nia gehört! München is halt einmal die Thomas Mann Stadt. Ich nicke den Pilgern zu, denn ich weiß ja schon lange, dass man in Deutschland gerne und viel vergisst. Dann steige ich aus. Pullach liegt im Sonnenschein. Am Bahnhof ein leeres Haus, zwar kündet noch ein Schild davon, dass man hier Obst und Gemüse kaufen könne, doch alle Läden sind heruntergelassen und auch das Schild ist schon lange verblichen. Drei Kilometer also eine lange Straße hinunter. Viele Häuser sind gerade erst neugebaut, noch steht ein Zementmischer in der Einfahrt und ein Bauzaun ersetzt den Jägerzaun. Hohe Hecken und dichte Gardinen. Zu jedem Haus gehört mindestens eine Garage. Schön sind die Häuser nicht und ich frage mich ob die Leute, die hier leben und die doch für Grundstück und Haus viel bezahlt haben müssen, wohl glücklich sind mit dem Ergebnis. Halbe Küchenfenster nur, merkwürdige enge Balkone, keine Fensterläden und an keinem Haus auch nur einziger Blumenkasten. Aber hin und wieder ein schöner alter Fliederbaum. Der Flieder nämlich ist hier keine buschige Hecke, sondern hat ein knorriges Stämmchen, ich halte meine Nase in jeden einzelnen Fliederbaum und jedes Jahr aufs Neue wünsche ich mir, dass sich der Fliederduft wie Riechsalz in einem kleinen Fässchen konservieren ließe für die langen Novemberabende, die doch auch wiederkommen. Ein einziges, altes Haus entdecke ich schließlich hinter einer Hecke verborgen, abgeplatzt ist die Farbe von den Fensterläden, die Stufen sind zerbrochen und auch der Garten ist verlassen, verwildert und völlig verloren in der Glattheit der neuen Häuser ringsherum. Auf dem Weg nach Höllriegelskreuth aber obwohl ich doch durch ein Wohngebiet laufe, begegne ich keinem einzigen Menschen. In den Gärten spielt kein Kind Ball, keine Frau liegt im Stuhl und liest ein Buch, kein Mann macht Handstand an der Gartenmauer. Niemand ist zu sehen. Das einzige Geräusch ist ein ferner Rasenmäher und eine Säge, die kreischend durch Holzplanken fährt. Sonst ist es absolut still. Unheimlich ist mir das schon und ich pflücke ein paar Pusteblumen und singe mir ein Lied vor, denn man muss sich Mut machen im Leben. Schließlich passiere ich das letzte Haus und dann laufe ich bestimmt für anderthalb Kilometer am Werksgelände von LINDE vorbei. Lange verschlossene Tore, hohe Zäune, praktisch-quadratische Bürogebäude, auch dort keine Menschenseele und irgendwann zu meiner linken eine Straße mit tosendem Verkehr. Eine komplizierte Überführung und für einen Moment der bange Gedanke, ich möge längst schon in die Irre gegangen sein, völlig fehlgegangen und längst schon verloren und dann doch endlich zeigt das Straßenschild an, dass ich mich in der Zugspitzstraße befinde, die doch geradewegs auf die Villa Belle Maison erbaut 1908 von Gustav von Cube. Aber es ist noch ein Stück Weg und immer noch noch Büros von LINDE, noch immer so funktional wie quadratisch und dann schließt sich nicht minder funktional und quadratisch SIXT an, ergänzt nur um das grelle Orange mit dem die Firma um die Gunst des Kunden wirbt und wieder die Straße verengt sich schließlich frage mich, ob ich nicht einer Schimäre hinterherlaufe, ob ich nicht besser daran täte umzukehren und doch gehe ich weiter, schließlich öffnet sich die Straße nach links, auf einmal heißt sie nicht mehr Zugspitzstraße sondern Schoellerallee, obwohl ich nicht weiß wer dieser geheimnisvolle Schoeller wohl sein mag. Plötzlich mitten im Dickicht, zwischen LINDE, SIXT und einem Wertstoffhof steht sie da, die Villa Belle-Maison, ein Gebäude so unwirklich in seiner Anlage, so aus der Zeit gefallen, so überirdisch, so weit weg von der funktionalen Nüchternheit, die einen zu diesem Ort begleitet.

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Damals aber als Carl und Thea Sternheim hier eine Villa bauten, die eher ein Palais ist, da konnten sie es nicht ahnen, wie es ausgehen würde, hier in der Idylle am Rande von München. An Louis XVI diesem unglücklichen Königssohn nahmen sich ein Vorbild und bauten groß und weit und im Garten ein Bassin und überhaupt ein Garten für Feste gemacht mit Lampions und livrierten Dienern, mit Champagner und kaltem Lachs. Und sie alle, das ganze München kam damals heraus in diesen heute von allen Geistern verlassen Winkel. Es kamen Max Reinhardt. Es kamen Tilly und Frank Wedekind. Es kam Mathilde von Lichnowsky. Es kamen die Manns, es kamen Walther Rathenau und Harry Graf Kessler, es kamen alle, Kunsthändler, die van Gogh und Picasso and die Sternheims verkauften und leichte Mädchen, denn Carl Sternheim liebte die Mädchen und die Mädchen verfielen dem Mann und wohl auch dem Haus. Aber Glück hat das Haus schon damals vor so vielen Jahren den Sternheims nicht gebracht, denn was heute Linde ist, begann damals als ein elektro-chemischer Betrieb. Carl Sternheim der kein Gemüt hatte für den parvenühaften Aufstieg Deutschlands und der seltsamen Mischung aus Helm am zum Gebet und Jagdausflug klagte vergeblich, verlor und verzog schließlich nach Brüssel. In Deutschland das sollte er sich merken verzeiht man fast alles, nur einem Juden, der über den Kaiser Witze macht, zu viel Geld und zu viel Sex hat, dem vergisst man nichts. Die Villa Belle Maison, dieses Kleinod, vergessen und zugebaut, das wurde nie wieder Anziehungspunkt deutscher Kultur. Nicht nur die DDR brachte mit Vorliebe Kranke und Alte in Herrenhäusern unter, sondern auch die BRD ließ sich nicht lumpen und schon wurde Belle Maison 1965 in einen Krankenhaus umfunktioniert. Naturheilkunde. Carl Sternheim hätte es mit Spott vergessen und gelacht über jene die mit Birkenwasser, Krebs heilen wollen.

Aber Carl von Sternheim war da schon lange tot. Irgendwann brauchte das Naturheilkundliche Spital ein größeres Gelände und heute während ich also die Auffahrt hinaufgehe, steht Schoeller am Haus, aber was oder wer das sein mag, weiß ich nicht. Kein Blatt rührt sich. Ein verkitschter Springbrunnen plätschert vor dem Haus. Ein Mansardenfenster steht offen. Eine Videokamera über der Tür. Ob also ein Hausmeister in der Mansarde schläft oder ein Mann in schwarzem Anzug meine vorsichtigen Bewegungen überwacht, weiß ich nicht. Ein merkwürdiges Gefühl also beschleicht mich, denn wer weiß schon, ob nicht auch gleich sechs Rottweiler aus dem Nirgendwo springen und mir den Mantel zerreißen. Aber niemand kommt und keiner fragt und so gehe vorsichtig um das Haus herum, auf der Terrasse verwitterte Gartenmöbel. Niemand sitzt dort im Sonnenschein. Das alte Bassin führt kein Wasser mehr. Ein Gärtner vielleicht hat die Rosen versucht über den Winter zu retten und ob je jemand Gäste in einem der vielen Zimmer empfängt, wer kann das schon sagen. An Carl und Thea vonSternheim aber erinnert nichts. Kein Plakette, keine Tafel, kein noch so kleiner Hinweis, das hier einmal die deutsche Moderne begann, sondern nur ein dichtes Schweigen liegt über dem Haus. Für eine ganze Weile sitze ich an einen Baumstamm gelehnt vor dem Haus und sehe über die Wipfel der Bäume, die vielleicht der Architekt damals vor so vielen Jahren pflanzte zum Haus herüber und neben mir lehnt die Traurigkeit.

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Ds Fräulein sieht so vor sich hin.

Die Villa Belle Maison lässt sich am einfachsten mit der S7 Richtung Wolfratshausen erreichen. Der nächste Halt ist Höllriegelskreuth, die Villa liegt mitten in einem Industriepark, aber sie lässt sich wirklich in der Zugspitzstraße 15 finden. 

Berliner Bahnhofsklage 

Vieles in Indien ob nun Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Kinder, Korruption oder die nicht funktionierende Wasservesorgung um nur die wenigsten zu nennen gibt Anlass zur Klage und oft entfährt einem ob all des Elends und all des Jammers ein „Oh Mutter Indien“ und man seufzt schwer. Eins aber gibt niemals Anlass zu Klage und Wehgeschrei: die Bahnhöfe Indiens ob nun in Mumbai oder Delhi gelegen oder gar im fernen Shrinagar oder hoch oben im kühlen Mussoori befindlich, sie alle sind auf das Vortrefflichste auf die Bedürfnisse des bahnreisenden Menschen eingestellt. Steigen sie also spät am Abend aus dem Zug so werden Sie sofort von chai-wallhas umringt, die ihnen heißen Tee andienen, Zeitungshändler wollen ihnen Kurzweil verschaffen, ein anderer wallah verkauft geröstete Kichererbsen, sie können zwischen heißen, gerösteten Maiskolben wählen, die auf kleinen Grills vor sich hin schmoren oder einen paratha mit Kartoffeln gefüllt verzehren. Gelüstet es Ihnen nach etwas Süßem so werden sie nicht enttäuscht zurückbleiben, sofort bringt man ihnen Mango oder Anansschnitze und müssen sie lange warten, setzen Sie sich neben den paan-wallah, der Geruch des Betels vertreibt die Fliegen und der paan-wallah kennt die besten, die traurigsten und natürlich immer nur wahren Geschichten und erzählt sie gern. Kommt dann ihr Zug so reisen sie wohlgestärkt und auf das Beste gestimmt ihrem eigentlichen Ziel entgegen. Oh, gepriesen Mutter Indien, sagen sie dann und grübeln noch nach über die Geschichte, die sie eben hörten und in der eine Frau erst in der Hochzeitsnacht entdeckte, dass ihr Mann, allem Bartwuchs zum Trotz so männlich nicht wahr, wie die Schwiegermutter es wollte. Oder gerade wollte, wer weiß das schon?

Ganz anders aber ergeht es Ihnen, erreichen sie gegen zehn Uhr am Abend die Stadt Berlin, die eben nur an der Spree und nicht am großen Ganges gelegen ist und der es an vielem, insbesondere aber an der so vortrefflichen Bahnhofskultur des indischen Subkontinents mangelt. Durstig sind sie und natürlich haben sie auf dem Flug von Dublin nach Berlin nur einen Salzcracker gegegessen doch keiner der Händler ist bereit ihnen auch nur eine Flasche Wasser zu verkaufen von einem belegten Brot ganz abgesehen. Durstig, hungrig und staubig irren Sie also zur S-Bahn, die sie vom Bahnhof Zoo nach Nikolassee befördern soll, doch schon zeigt sich: von diesem Gleis wird keine Bahn fahren, sie stürzen also in die U-Bahn, fahren zum nächsten Bahnhof, inzwischen ausgedörrt wie ein Kamel nach dem Marsch durch die Wüste Gobi, doch nirgendwo biegt ein Chai-Wallah um die Ecke ihnen Tee einzuschenken, keine Frauen wollen Ihnen Wassermelonen zur Erfrischung reichen und nirgendwo wird an einem Stand Zuckerrohrsaft gepresst. Sie sind ganz allein nur ein Obdachloser murmelt Unverständliches, wahrscheinlich ähnlich wie sie selbst: Durst, Durst, Durst. Alle Geschichten aber hat er anders als der paan-wallah schon vergessen. Sie eilen also zum Automaten, kein Ersatz natürlich für die vielen indischen Möglichkeiten der Erfrischung, denn natürlich lässt der Zug auf sich warten. Der Automat schnappt nach ihren Münzen, aber im Gegenzug erhalten Sie nicht einmal eine Flasche Wasser. Schließlich gibt der Automat alle Münzen bis auf ein Fünfzig-Cent-Stück zurück, jenes behält er wohl aus Ärger darüber so spät noch geweckt zu werden. Nach weiteren zwanzig Minuten fährt die Bahn ein und nachdem ihnen forsche Rentner nur beinahe die Zehen mit ihren Elektromrädern abgemäht haben, erreichen Sie Ihr Ziel.

Mit brüllenden Durst schließlich, endlich eilen sie nach Hause, dort denn Durst ist ja schlimmer als Heimweh fällt ihnen just die eben geöffnete Flasche aus der Hand und das Wasser läuft nicht in ihre Kehle, sondern über ihre Füße. Dies ist der Moment in den Ihnen ein tiefes und gestöhntes, ein jaulendes und hartes, ein flehendes und beschwörendes „Oh Mutter Indien“ entfährt, in ihm eingeschlossen der tiefe Wunsch, dass allen Problemen des großen Indiens, die vielen Götter doch wenigstens einen chai-wallah mitsamt seiner Frau und Kindern und einen paan-wallah nach Berlin schicken mögen, um sofort den dort grassierenden Mangel an zivilisierter Bahnreisen ein für allemal zu beheben. Oh, Bharat Mata, Oh Mutter Indien, hilf deinen Kindern an der Spree.

Questions, unanswered.

Why?

More prayers or no more g*ds?

More trust or trust no more?

Whom do you trust? Why not?

Why are there so many experts and what does a „terrorism expert“ wants to explain?

Why are we talking about ‚individual terrorists‘? Do those individuals live all by themselves?

Why is „angry young men“ another category of its own? Where are the angry mothers, desperate sisters, outraged fiancées, loud daughters, confident grandmothers, concerned aunts and out-shouting nieces?

How are the relatives, who lost their loved ones looked after?

Does someone protect them from the pictures?

Does someone protect them from the rumors?

Can they bid farewell in silence?

Who are all those men or women who are able to explain the world behind their notebook screen?

When I was in Pakistan it turned out I was really in Afghanistan, how do you all know about the borders of states that ceased to exist quite a while ago even when the map producers did not notice it yet?

Are you sure you know what you are asking when shouting for the introduction of the death sentence? In New-Delhi where I spend quite a lot of time, Yakub Memon the lone death row convict of the Mumbai blasts of 1993 was sentenced to death. The  execution was reported live on TV. Outside of the hospital a crowd gathered, they were shouting: „Hang them, hang them“. The Muslim nurses did not dare to leave the hospital that day. I paid for the taxis taking them home. Are you really sure, you know what you are asking for?

Did the media outside of Delhi and Karachi cover those events? Are you listening?

Who are they? Who are we? Is there an us?

Who are they?

What are our values?

Do they have any values?

Why do they dream of blood and death and never of warm hands and sunshine in the afternoon?

Are we defensive? Defended? Who defends us?

Do we live in cynical times?

If you call for a 17- foot high wall today, don’t you believe that there will be an 18- foot ladder by tomorrow?

Is Paris a stand-in for where we are right now?

If so, how do we got there?

Will there be a way out?

What does Beirut stand for?

How far from Paris is Nairobi?

Do we care? Really?

What do the policemen and policewomen tell their wives and husbands?

Who listens to the policemen and nurses, who asks if the doctors and psychologists get on well, today and tomorrow and the day after tomorrow?

Why?

When we, you and I, met in Kabul, you on your way to the south of the country and I on my way back to Karachi you asked me: are you afraid? I said: no. You said: me neither. We both knew, we were not telling the truth. I still am stubborn enough to say: I am not afraid.

Am I just a gambler?

Are you afraid?

What are you afraid of?

Do you read Voltaire?

Are we still here?

Before opening the fire, did the men in the car smoke a last cigarette, turned the radio louder and is there really, really not a bit of doubt before shooting people right into the face?

Why not?

Why?

Do we really want to know?

Are we allowed to hide away?

How to answer all the questions?

We are

We are tired. We are alert. We search for a beginning and always for more sun. We sing, most often half a tone to high. We cry. We think of you and you and you. We are lonely. We are many. We search for answers and never let the old questions go. We get lost. We want to go home. We search for direction. We never arrive. We look back. We have cold feet. We love books. We take things personal. We miss you and you and you. We begin, we run away and we come back. We never fall back on our feet but stumble over open shoelaces. We leave things open. We write. We open the postbox and hope to find your letter. We lose keys and never saw Lost in Translation. We sleep, we dream and too often we wake up from a nightmare. We came to stay and moved on. We hurt and why can we not hear you? We love you and you and you. We read. We close our eyes. We wait and we come too late. We find a penny, but the luck promised never reached out for our hands. We love, desperately. We run away. We are haunted. We are fast and so, so slow. We are so many, so few, so much more, we are.

In search for….

Today I searched for my keys, no, not once but twice, my glasses who tend to disappear to most awkward places, leaving me behind blind  as a snake, books due to be returned, pairs of matching socks, but who doesn’t? I searched for a street and had to ask an unbelievable high number of people passing by till I finally arrived. I searched for security needles to fix colleague B.’s skirt, then searched for missing lines of a song learned many years ago ( no success so far ), then started to look for a pile of paper, which I swear had I laid upon the table yesterday before I left ( Paper thieves hide where at best ? ) I searched further for recipes with white cabbage, unfortunately a too common visitor in my weekly organic box ( no success ), searched for words, didn’t help much, remind myself to better stay silent, searched for a good excuse, didn’t find one and will have to join, but at least I tried. Searched for a Korean Restaurant in Dublin, will try soon, searched with D. under a table a missing earring, hit my head badly, earring was not to be found. At least he made his re-appearance later in the bathroom. I searched for cookies, good against headache aren’t they and liked them a lot. I looked for the sun, but the sun looked for someone else, the pretty man on the train I looked in the eyes ( green-brown ) didn’t notice mine ( very ordinary brown ), Queen Cat looks for another tin of  that cat food with salmon in it and so at least someone searches for me.