Abseits des Meeres heißt stadteinwärts

In meinem fünften Jahr in Irland ist mir das Meer abhanden gekommen. Sehe ich aus dem Fenster, so ist vor dem Fenster eine Straße, hinter der Straße beginnt eine andere Straße und so geht es immer weiter. Keine der Straßen führt ans Meer. Die Straße liegt nicht mehr im Oberland und am Morgen gehe ich nicht mehr im Bademantel die Straße hinunter ans Meer. Das Meer und ich wir hatten uns aneinander gewöhnt. Das Meer sich an meine Müdigkeit und ich mich an die kalten Hände der irischen See. Oft bin ich aufgewacht in der Nacht und das Meer war noch war. Das Meer ist ein guter Wächter, wenn auch einer mit kalten Händen. Oft saß der Mond auf der Fensterbank und erzählte mir von der Sonne, dieser einen Liebe und am Morgen kam die Sonne zum Fenster herein und erzählte mir vom Mond, dieser einen, großen Liebe.
Wache ich auf in der Stadt, gluckert manchmal Wasser in einem Rohr, aber das ist alles, nichts ist mehr da vom großen Rauschen der See vor meinem Fenster. Ein Kanal ist in der Nähe, aber der Kanal führt nichts ans Meer. Müll schwimmt im Kanal und zwischen dem Müll schwimmen Schwäne. Am Kanal stehen Zelte, da leben Menschen, die haben kein Dach über dem Kopf, sondern nur eine Plane. In Dublin ist das ganz normal, seit Jahren schon, alle Antworten sind die immer gleichen Redensarten und jeden Abend liege ich im Bett und zähle die Kamine und hinter den Kaminen, da stehen die Zelte. Am Wochenende stelle ich Tüten mit Dingen des täglichen Gebrauchs vor die Zelte.
Ich schäme mich und das Meer ist nicht da, was die Scham auffängt. So lebt man in der Stadt beständig mit der Scham. Vor dem Haus steht eine Laterne und auf der anderen Straßenseite, da steht eine Kirche, aber es ist nicht mehr St. Sylvester, keine Seefahrerkirche mehr, die Kirche ist nur noch von außen Kirche, lange war sie ein Arbeitsamt, dann sollten sich Käufer finden und keiner kaufte und manchmal spielen die Kinder der Nachbarschaft Verstecken im Kirchgarten, aber niemand hat einen Schlüssel oder vielleicht doch, aber niemand der den Schlüssel hat, schließt die Kirche auf und es gäbe weniger Zelte am Kanal. Aber keiner kommt. S
o fern das Meer und der Mond ist blasser in der Stadt, hat nichts vom munteren Liebhaber, sondern viel vom müden Geliebten, der in einem schäbigen Bahnhofshotel auf die Geliebte wartet, die doch nicht kommt. Die Sonne kommt spät, hat Ruß in den Haaren, die Stadt hinterlässt selbst bei der Sonne Spuren und eilig ist die Sonne, wenn sie die Stadt erreicht. Keine Zeit mehr für Liebesgeschichten ruft sie mir zu und ich sehe ihr hinterher. So wird man sich fremder und irgendwann läuft man aneinander vorbei.
Manchmal steht ein Mann unter der Laterne und raucht. Er wippt mit den Hacken, vielleicht ist der Bordstein ja für eine Zigarettenlänge ein Boot auf der wogenden See, vielleicht ist alles auch ganz anders. Manchmal bilde ich mir ein, ich könnte das Meer noch immer hören, aber dem ist nicht so, selbst wenn in der Nacht nur in einem Haus noch ein Licht zu sehen ist, rauscht nur von Ferne eine andere Straße.
Damals als ich in das Dorf zog da sagte die Frau des Krämers zu mir: „Sie müssen noch viel lernen, wir verstehen die Welt hier vom Meer her.“ Ich wusste nichts, die Frau des Krämers wusste alles. Sie war es doch, die eine Stelle bei Arnott’s ausgeschlagen hatte, um einen Krämersladen in einem kleinen Dorf zu führen, denn die Frau des Krämers wusste schon damals, dass das Meer ihr zur Lebensform werden würde und so ist es ja auch gekommen.Bereut habe sie es nie, sagte sie beständig und zählte auf wer von den Lehrmädchen tot oder geschieden sei, das ist für die Frau des Krämers fast ein und dasselbe.
Sie werden schon sehen, was sie davon haben, sagte die Frau des Krämers als ich vor ein paar Wochen zum letzten Mal im Morgenmantel und mit tropfendem Haar bei ihr im Laden stand.
Das Meer, das habe ich nicht mehr, denke ich, wenn ich aus dem Fenster sehe, frühmorgens, abends oder nachts.
Das Meer ist mir auf einmal und ganz plötzlich abhanden gekommen.

Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

Die Santa Maria

Früh am Morgen, die Nacht liegt noch über der Straße sitzt ein Mann neben mir an der Bushaltestelle. Alt ist der Mann, gebückt schon von den Jahren, denn irgendwann da holen sich die Jahre ihr Leben zurück. Der Mann trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine billige Armbanduhr,einen Trenchcoat und neben ihm steht ein Koffer. Der Koffer ist mindestens so alt wie er selbst.
Unauffälliger kann ein Mann nicht sein. Dann kommt der Bus. Ein Hund und Herrchen steigen aus, und viel zu viele Leute steigen ein. Sie alle müssen wie ich zum Bahnhof. Für einen Moment verliere ich den Mann aus den Augen, aber dann steht er fast direkt neben mir, hält sich mit einer Hand an der gelben Stange fest, der alte, abgestossene Koffer steht zwischen seinen Beinen.
Der Bus fährt los. Wir schwanken nach rechts und dann nach links, der Mann neben mir sucht nach Halt, mit beiden Händen umklammert er die gelbe Stange und das Hemd rutscht ihm über den Arm nach oben. Da sehe ich es. Auf seinem Arm hat er ein Segelschiff eintätowiert, aber keines jener professionellen Schiffe, wie man es in einem Studio mit sterilen Liegen erhält, rau und ungeschliffen ist das Schiff. Das Bug ein bisschen zu grob geraten, die Segel zwar gebläht, aber auch ein wenig eingerissen an den Enden, zu lang ist das Schiff, und die Tinte auf dem Arm ist unregelmäßig, so als habe der Tätowierer immer mal eine Pause gemacht, um eine Zigarette zu rauchen oder einen Tee zu trinken. Ich weiß nichts über das Wesen der Tätowierer. Das Auffälligste am Schiff aber ist die Galionsfigur am Bug. Eine barbusige Meerfrau ziert den Bug, aber im Gesicht hat sie einen- und hier hat der Tätowierer Augenmerk bewiesen- einen Schnurrbart wie ihn sich alle Hipster nur wünschen.
Er steht ihr gut, ja der Bart unterstreicht ihre Haltung. Hier am Bug das wird gleich klar, hier trotzt die Meerfrau Stürmen und auch den eisigen Wellen der See. Santa Maria steht in groben Buchstaben unter dem Schiff. Darunter zwei Jahreszahlen, die ich nicht entziffern kann.

er Mann sieht blinzelnd zu mir herüber und fast will ich ihn fragen, ob er wohl einmal Pirat gewesen ist, dass er Seefahrer ist, das glaube ich sofort. Aber die Santa Maria, das Schiff auf seinem Arm, das ähnelt eher der wilden Dreizehn als einem harmlosen Boot, das einmal Bananen und ein anderes Mal Zedernholz geladen hat. Nein, die Santa Maria erzählt andere Geschichten. Geschichten, die immer nur Andeutung bleiben, Geschichten von Nächten mit weißem Rum, von einem hässlichen Zwischenfall im Golf von Aden als der Kapitän bei einer Wette sein Bein verlor oder dem Transport eines Tigers nach Mumbai und einer Braut, die am Quai von Southampton lange noch weinte, denn ihr Verlobter hatte eine Wette verloren und sich für zehn Jahre auf die Santa Maria verpflichtet.
Nein, die Santa Maria wie sie da wogt auf dem Arm des alten Mannes, das ist kein Schiff für Lizenzen und gültige Frachtpapiere, sondern für jene Dinge über, die man besser nicht spricht.
Sicher weiß man es nie, aber Ringelnatz selbst mag vielleicht ein paar Takte aufgeschnappt haben, wenn die Mannschaft mal wieder in Hamburg lag. Der Mann, aber auf dessen Arm die Santa Maria prangt, der eben noch schwankte, der wiegt sich längst schon im Takt des so wild schlingernden Busses so früh am Morgen, da sieht man den Seemann noch immer, bekommt eine Ahnung davon, wie der Mann vielleicht einmal kurz vor fünf Uhr eine Strickleiter erklomm, auf der Schulter einen blauen Papagei, der einmal einem Mafiosi in Neapel gehörte, um in einen Korb zu steigen und weit hinaus über das Meer zu schauen, bis er schließlich ein behäbiges weisses Kreuzfahrtschiff erspähte. Leinen los, mag er gerufen haben und bestimmt hat die Dame mit Schnurrbart am Bug anerkennend genickt. Die Santa Maria, das Boot mit den Ecken und Kanten und den Geheimnissen backbord und steuerbord, mag Kurs genommen haben auf die MS Bremen und später am Tage fehlten vier Perlenketten, drei Brillantbroschen und sieben Kisten Zigarren, aber da war die Santa Maria schon wieder verschwunden, nahm Kurs auf Haiti und ward erst im darauffolgenden Winter wieder gesehen.
Ein Segel war immer geflickt, oft schien es zweifelhaft ob die Santa Maria wohl noch einmal auslaufen würde, aber immer wenn man sie schon abgeschrieben hatte, setzte der Kapitän die Segel und brachten die anderen Seeleute einen Schnupfen, so erhielten die Frauen prächtige Südseeperlen und Schnaps so blau wie die See an ihrer tiefsten Stelle.
Der Bus nimmt quietschend eine Kurve und der alte Mann, ist kein alter Mann mehr, sondern steht mit leichten Füßen noch einmal auf dem Boden eines Schiffes, die Straße ist schon nicht mehr Asphalt, sondern das wogende Meer, noch einmal ist der Mann Matrose der Santa Maria, volle Kraft voraus, verwegen ist sein Blick, ihm ist der Morgen nicht früh genug, noch einmal singt der Kapitän Shanties, noch einmal gehört die letzte goldene Münze der Meerfrau mit ihrem prächtigen Schnurrbart. Dann aber stoppt der Bus, der Bahnhof liegt vor uns im Dunkeln. Der Mann zieht sich den Ärmel herunter, steht mit beiden Füßen fest auf dem Boden, zwinkert mir zu, unmerklich fast, schon ist er wieder der unauffällige alte Mann mit der gestärkten Hose und dem Koffer aus abgestoßenem Leder. Noch einmal sehe ich ihn nicht, aber ich hoffe er fährt ans Meer, vielleicht liegt irgendwo in einem alten Schuppen noch immer die Santa Maria und die Meerfrau kämmt sich die langen Haare und zwirbelt sorgfältig den Schnurrbart nach oben, dessen Geschichte niemand kennt.
Aye Capitain rufe ich ihm nach. Gute Reise und dann muss ich laufen, denn mein Zug fährt von Gleis 3.

Woanders ist es auch schön.

Schwierig ist das mit dem Weiterschreiben, vielleicht gibt es auch darauf keine eindeutige, keine einleuchtende Antwort. So ist ein Blog, ja immer auch die Summe seiner Geschichten und ob man dann einfach eine andere Kurve nimmt, einen anderen Faden aufnimmt, nur dass es weitergeht, ich bin unentschlossen, zögerlich und vielleicht auch ein bisschen verwundert, wo denn der Faden, dem ich so lange folgte nun eigentlich geblieben ist.
Eine gute Tradition in diesem Hause aber ist das Empfehlen anderer Orte und das Gute soll man bekanntlich nicht aus den Augen verlieren.

Ein Text über Deutschland nicht nur 1989, sondern über das schwierige Verhältnis zu sich und den anderen. Mehr dieser Texte bräuchte es.

Diese Geschichte aus dem Donaukurier hat mich diese Woche sehr sehr beschäftigt. Wie kommt das wohl, dass so viele Menschen mit so viel Verve nichts anderes mehr tun als vermeintliche Verschwörungen aufdecken. Es ist als gäbe es nur mehr Nachbarinnen, die Löcher in die Gardinen schneiden, um auch auf der Straße nichts zu verpassen. Es besorgt mich sehr.

Maja Das Gupta macht sich in Indien auf die Suche nach ihrer Cousine und all den Unschärfen, den Tiefen, den Enden die in allen allen Geschichten liegen.

Malta liegt auch am Mittelmeer.

Deniz Yücel hat in Flörsheim eine große Rede gehalten.

Nadia Murad hat den Friedensnobelpreis bekommen und schreibt darüber.

Eine Geschichte über den Kosovo, aber vor eine Geschichte über Europa.

Ich höre Anna Mieke Bishop immer wieder zu. Immer wieder höre ich ein neues Lied.

Am Ende von Anfang an.

Am Schlimmsten sagen die Leute ist die Beerdigung.
Aber die Beerdigung war nicht das Schlimmste.
Vielleicht weil die Frau des Krämers eine so vortreffliche schwarze Witwe gab, dass der Tierarzt gelacht hätte, lachte er noch.
Vielleicht weil der Priester, der mir so fremd ist, wenn er die Messe liest, trotzdem der Priester ist. Er war am Anfang als ich ins Dorf zog und als meine Zeit im Dorf zu Ende ging, da war er der Letzte.
Später würde die Frau des Krämers sagen, dass nicht einmal Richard Robinson ein verdienter Mann des Dorfes ein so feierliches Begräbnis bekommen habe.
Sieben Taschentücher sagte die Frau des Krämers zu mir und ihre Tochter sogar neun.
Aber ich habe nicht gesehen, wie die Frau des Krämers ganz vorn ihre Taschentücher gebrauchte, nicht wie die Familie, die mir so fremd blieb, wie ich ihr Abschied nahm, kaum einen der vielen Freunde habe ich wiedererkannt, ganz hinten habe ich in der Kirche St Sylvester gesessen, so lange waren wir Nachbarn St Sylvester und ich. Der Wind knallte gegen die Kirchentüren und das war mir angenehm, der Tierarzt bestand doch darauf ein Sturmgeborener zu sein und am Ende da kam der Sturm zurück. Hinten, dort wo ich saß da liegen die Gesangbücher aber durch das Kirchenfenster, das dritte von hinten nämlich kann man zu mir zum Fenster hereinsehen und während der Priester betete und die Frau des Krämers so laut sang, dass die Erde bebte, sah ich ins Fenster hinein, sah noch einmal den Tierarzt dort stehen, halb verdeckt im Schatten, denn das Fenster teilt sich den Himmel mit St Sylvester, noch einmal also sah ich zum Tierarzt herüber, ich komme gleich nach, wollte ich rufen, aber das stimmt ja nicht und dann läuteten die Glocken und alle zogen aus der Kirche heraus. Aber ich blieb sitzen, ich habe keine Erde auf das Grab geworfen, keine Hände geschüttelt, sondern lange noch in das Fenster gesehen, bis ich den Tierarzt wirklich nicht mehr sehen konnte. Da lag die Hand des Priesters, der wieder der Priester war auf meiner Hand.

Das Schlimmste ist, wenn man auszieht, sagen die Leute. Dann merkt man den Tod erst so richtig. Aber der Umzug war nicht das Schlimmste. Vielleicht weil der Tierarzt bis ganz zuletzt, verschenkte und weggab, weil er und ich wussten, dass es bis zur Mondsteinscheibenfabrik viel zu weit sein würde, vielleicht, weil wir gemeinsam einpackten, einlagerten ( die alte Standuhr natürlich, mit dem störrischen Zeiger und den grünen Sessel, den die Katze schmerzlich vermisst.) Vielleicht weil es sich mehr nach Umzug anfühlte als nach dem Ende von allen, vielleicht weil die Frau des Krämers schon wieder weinte, obwohl sie doch die Ausländerin gar nicht im Dorf haben wollte, aber sie waren doch unsere Ausländerin schluchzte die Frau des Krämers und hatte kein Taschentuch mehr. Müde war ich, als ich da stand im Laden vor ihr und die letzten Milchflaschen zurückgab und die Schlüssel dazu. Das Haus kauft eine junge Familie. Alles Gute, habe ich gesagt, damals vor Monaten als ich sie zum ersten Mal traf. Wiedergesehen habe ich sie nicht. Möbel wollten sie keine behalten und die alte Küche wird ganz neu und modern, sagte der Mann und ich nickte. Die letzten Wochen aber hat die Familie des Tierarztes das Haus zu ihrem gemacht und ihr Haus ist niemals das Meine, auch wenn es mein Haus war, aber ich bin zu müde, für neue Probleme und die immer betrunkene Schwester und die klagende Mutter und die gesammelten Forderungen nach einem schöneren Leben. Gefürchtet habe ich mich vor dem Haus in den letzten Wochen und ich fürchte mich nicht gern.
Die Frau des Krämers sagt, die Neuen werden es nicht leicht haben. Sie klang entschlossen, aber ich zweifle, dass moderne Menschen, Milch bei der Frau des Krämers einholen. Aber ganz am Ende meiner Zeit im Dorf habe auch ich gelernt zu schweigen.

Das Schlimmste kommt immer dann, wenn man nicht damit rechnet.Das sagt aber keiner.
Da laufe ich zu Kälbchen hinunter, der Bauer hat angerufen, kommen sie schnell. Kälbchen steht auf der Weide und brüllt. Brüllt nach dem Tierarzt. Jeden Tag wartet Kälbchen auf den Tierarzt, der ihm dich alles war. Es war doch der Tierarzt der Kälbchen in eine Decke gewickelt hat und auf das Sofa legte. Gesungen hat der Tierarzt für Kälbchen und Kälbchen war nicht mehr allein auf der Welt. Der Tierarzt kommt nicht mehr und Kälbchen schreit nach seinem Tierarzt. Niall ist fort, sage ich verzweifelt, immer und immer wieder. Aber Kälbchen hört mich nicht. Kälbchen will keine Möhrenstücke und Apfelscheiben und wieder versuche ich vergeblich Kälbchen wie einmal den Tierarzt zu überreden, es doch wenigstens zu versuchen mit dem Apfel und der geriebenen Möhre. Da stehen wir und Kälbchen schlägt den Kopf gegen den Zaun und der Bauer und ich kommen nicht dazwischen. Das brüllende Kalb und ich auf der Wiese, die grenzenlose Verzweiflung in ihm, Tag für Tag, jeden Tag komme ich zurück und von weitem schon höre ich Kälbchen brüllen. Ob Kälbchen verstanden hat, dass der Tierarzt nie mehr zurückkommt oder viel zu müde ist, weiß ich nicht, aber als Kälbchen nach Tagen aufhörte zu brüllen, da war es nicht länger Kälbchen, kam nicht mehr zum Zaun, tat so als hätte er mich nie gesehen, beachtete den Bauern nicht, hob nicht mehr den Kopf kam ich im roten Volvo angefahren, da hatte Kälbchen aufgegeben. Das war das Schlimmste, die brüllende und schließlich, die ganz stumme Verzweiflung.
Bis ich heiser war, habe ich nach Kälbchen gerufen, aber Kälbchen kommt nicht mehr. Das ist das Schlimmste und irgendwann muss ich hingefallen sein, denn erst stunden später findet mich die liebe C.
„Komm, sagt sie, Komm.“ „Das war mein Satz“, sage ich.
„Komm“, sagte ich zum Tierarzt.
„Komm“, sagte der Tierarzt zu Kälbchen.
„Keiner ist mehr da“, sage ich zur lieben C.

Am Ende, der Anfang. Wie der Tierarzt und ich uns kennen lernten.

Am Ende,keine Abschiedsworte, sondern lieber die Geschichte vom Anfang. 

Ganz neu war ich im Dorf und kannte noch niemanden außer der Katze. Die Katze aber hatte kein großes Interesse daran mich kennenzulernen. Den Priester kannte ich noch nicht, der weilte in der Sommerfrische und so war ich so allein wie selten.

Niemand aber der neu ins Dorf zieht, kann den Laden der Frau des Krämers verfehlen, denn die Frau des Krämers handelt nicht nur mit Scones und irischer Butter, sondern ist Bürgermeisterin, aber auch inoffizielle Polizeikommissarin des Dorfes und als ich eines Tages in ihrem Laden nach braunem Zucker kramte- was diese Ausländer alles essen-, beugte sie sich über die Ladentheke uns fragte:

„Fräulein Read On, kennen Sie denn schon unseren Tierarzt?“

„Nein, sagte ich, das Vergnügen hatte ich noch nicht. Haben sie braunen Zucker?“

Meine Frage ignorierte die Frau des Krämers.

„Meine Tochter und er sind schon fast verlobt“, sagte sie.

„Wie verlobt man sich denn fast Frau des Krämers?“

Die Frau des Krämers starrte mich an. „Sie stellen wirklich sehr komische Fragen.“ Aber dann beugte sie sich weit über die Ladentheke vor und sagte: „Er wird der erste Studierte in der Familie sein, Augen wie Paul Newman, wenn er sich drei Tage nicht rasiert, ich sage ihnen da macht mein Herz auch noch mal boom, boom und dann erst seine Hände. Sie wissen ja was man über Tierärzte sagt. Die Frau des Krämers zog eine Augenbraue hoch: „Ich nehme an, sie haben niemanden?“

Ich starrte die Frau des Krämers an, schüttelte den Kopf und verließ den Laden sehr schnell.

Braunen Zucker hatte ich nicht bekommen.

„Das habe ich mir gleich gedacht“, rief die Frau des Krämers.

Zwei Wochen vergingen und die Milch war aus.

Vor dem Laden der Frau des Krämers parkte ein klappriger Volvo.

Die Frau des Krämers kicherte.

Ihre Tochter war krebsrot im Gesicht.

Als ich den Laden betrat, drehte sich ein Mann zu mir um.

„Das ist die Ausländerin“ quiekte die Frau des Krämers noch immer atemlos.

„Fräulein Read On“, sagte ich. Und Sie sind?“

„Das ist unser Tierarzt“, krähten die Damen Krämer.

Der Mann vor mir streckte die Hand aus.

„Oh“, sagte ich, Sie sind der Beinahe-Verlobte.“

Der Mann vor mir ließ die Hand fallen und sah mich an.

Einfach so.

Plötzlich und ganz unverhofft sagte er:

„Shitzerhozen“

„Was?“, fragte ich ihn verblüfft.

„Shitzerhozen“

Ich schüttelte den Kopf und ging vorsichtig einen Schritt zurück.

Vielleicht sprechen die Tierärzte in Irland Schafisch?

„Die Frau des Krämers sagte sie sprächen Deutsch.“

Ich nickte.

Aber warum kennen sie dann „Shitzerhozen“ nicht?

Hören Sie Tierarzt, ich weiß nicht was sie da sagen, aber Deutsch ist das nicht.

Der Mann schüttelte seine Haare.

Fielen da hinter der Theke Tochter und Mutter Krämer etwa in Ohnmacht?

„Ich werde ja wohl wissen, ob ich Deutsch spreche.“

„Ich werde wohl doch noch hören, ob Sie Quatsch reden.“

Es gibt kein Wort namens Shitzerhozen.

Der Tierarzt fand ich, hatte auf einmal ein Gesicht wie ein sturer Esel

„Ich werde es ihnen beweisen.“

„Na los“, sagte ich, dann beweisen Sie mir das mal.“

„Okay“, sagte der Tierarzt und zog mich aus dem Laden heraus.

„Ich hatte eine Brieffreundin in der DDR. Erdmute. Holy moly what a name. Erdmute. Der Tierarzt lutschte den Namen wie einen Bonbon. Diese Deutschen. Wunderbar. Wir schrieben uns, was man sich eben so schreibt. Sie liebte Kühe wie ich.

Ich starrte die Hände des Tierarztes an.

„Wie sehr lieben Sie denn Kühe?“

„Oh so very, very much“, sagte der Tierarzt und ich trat einen Schritt zurück.

„Irgendwann schickten wir uns Bilder.“

„Will ich das wirklich hören?“

„Oh unbedingt.“

Sie schickte mir ein Bild von sich im Kindergarten. Oh sweet, little Erdmute.

Ich schickte ihr ein Bild von mir. In der Badewanne.

( Was ist nur los hier mit diesen Leuten, fragte ich mich?

Sie schickte mir einen Brief und schrieb: DU BIST SUESSER KLEINER SHITZERHOZEN.

Ich starrte den Tierarzt mit offenem Mund an, er zuckte mit den Schultern und lächelte.

Seit wann haben Tierärzte Grübchen?

„Sehen Sie Shitzerhozen gibt es doch.“

Dann aber fiel der Groschen.

„Tierarzt, sage ich, ihre Erdmute fand Sie seien ein süßer, kleiner Hosenscheißer, ein Bub, der noch seine Windeln braucht.

Aber der Tierarzt lächelte noch immer ein wenig mitleidig zu mir herüber.

„Shitzerhozen“, sagte er, sie verstehen es einfach nicht. Aber Erdmute oh my, what a girl. Ihre Eltern hatten viele Kühe. Oh these Germans

Dann drehte er sich um und ging zu seinem Auto herüber.

„Good luck here, Fräulein Read On who pretends to know German.

„Man sieht sich, Fast-Verlobter-Hosenscheißer“, rief ich ihm hinterher.

Er winkte.

Die Frau des Krämers sagte: „Fräulein Read On, der Mann ist mehr als eine Nummer zu groß für Sie.“

Drei Wochen später hielt zum ersten Mal ein klappriger Volvo im Oberland.

Du wirst mir fehlen Niall, du, das Licht und auch die Schatten.  7 Tage hält man im Judentum Shiva, für sieben Tage bleibt es hier ganz still, vielleicht auch noch ein bisschen länger, es werden schon nicht gleich sieben Jahre werden. Ich danke ihnen allen für ihr große Anteilnahme, für ihre Lieder und für ihr Licht,dass all die Schatten so viel kleiner machte. Baruch Dayan Emet.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Aufwachen, so frueh am Morgen, eigentlich klebt die Nacht noch ueberall an den Waenden, aber auch in mir. Kalt sind die Dielen jetzt Anfang September, die Nacht traegt schon Handschuhe, vor dem Fenster ist das Meer noch unsichtbar, das Meer schlaeft aber ich stehe auf. Still ist das Haus, auf dem bunten Laeufer schlaeft der Hund, von der Katze sind nur zwei Ohrenspitzen uebrig geblieben, so nah ist die Nacht noch am Tag. Im Flur stehen Kisten, aber nicht nur im Flur. Das ganze Haus ist seit Tagen eine einzige grosse Kiste, denn ich ziehe aus. Zu weit ist der Weg zur Mondsteinscheibenfabrik, bald wird das Meer mir im Ruecken liegen. Die Frau des Kraemers sagt: So ist das mit den Auslaendern, wenn man sich an sie gewoehnt hat, dann verschwinden sie wieder. Die Frau des Kraemers ist missmutig. Der Hund ist besorgt ueber ein Leben in der Stadt, die Katze aber hat keine Meinung zu solchen profanen Dingen wie einem Umzug.

Aber noch ist alles wie immer. Die Standuhr tickt leise, es ist kurz nach vier Uhr, ich fuelle Milch und Kaffee in einen Becher, noch immer setze ich Teewasser auf fuer den Tierarzt, ich muesste es besser wissen, aber ich laufe doch noch einmal mit dem blauen Becher die Treppe hinauf, nur um niemanden mehr im Zimmer zu finden. Das stimmt nur fast, der Hund liegt ja immer noch auf dem bunten Teppich. Rosenranken sind auf dem Teppich. Vielleicht Hund bist du ein verzauberter Prinz fluestere ich ihm zu, der Hund schnarcht selig. Was weiss man schon ueber die Traeume der Prinzen?

Der klapperige alte Volvo und ich fahren los, die Dunkelheit ist eine dicke Daunendecke, das Meer ist ein Federkissen, wo aber liegt der Kern des Ganzen, solche Fragen lassen sich um kurz nach fuenf Uhr nicht beantworten, vielleicht ist es besser so. Das Krankenhaus schlaeft nie. Vor jedem Krankenhaus stehen die Raucher, sie sind alte Bekannte, ich komme jeden Morgen, sie stehen jeden Morgen vor der Tuer, sie nicken mir zu, ich nicke zureck, blaue Rauvhwolken vor ihren Lippen. In meiner Hand zerdruecktes Blumenpapier. Auf Zehenspitzen gehe ich durch den langen Flur. Roter Backstein und Fotografien an den Waenden, ein,Sommermorgen in Laos, der Chefarzt reist viel, sagen die Krankenschwestern. Die Krankenschwestern sind muede von der langen Schicht. Gehen Sie nur, sagen sie zu mir auf dem Flur. Ich auf den Zehenpitzen und mit dem zerknitterten Blumenpapier. Die Nacht war gut, sagt sie und ich nicke. Was das eigentlich heisst, frage ich mich und lehne mich in die Zimmertuer, wickle die Blumen aus. Frisch sind die Blumen, es soll nicht nach Tod riechen in diesem Zimmer, habe ich mir geschworen, der Tod lacht, auf der Fensterbank, so nah ist er schon gekommen. Der Chefarzt sagt: Fraeulein Read On sie haben alles gemacht. Der Stationsarzt sagt: Wir machen es ihm so leicht wie moeglich. Der Assistenzarzt sagt: Alles hat Grenzen. Warum fahren sie so gern weg, frage ich den Chefarzt?, warum ist das Leichte oft das Schwerste? frage ich den Stationsarzt, warum stolpert man ueber die Grenze? frage ich den Assistenzarzt. Alle drei laecheln milde. Tierarzt sage ich Hey, erschrick dich nicht, das bin doch nur ich. Sein ganzes eben lang hat der Tierarzt sich gefuerchtet vor sich ploetzlich oeffnenden Tueren, jetzt soll er sich nicht mehr erschrecken muessen,leise also, die Blumen tropfen auf dem Nachttisch, still bin ich, fuer einmal bin ich am Ende der Geschichten angekommen, ich kann nur noch singen. Bis 6.45 Uhr singe ich fuer den Tierarzt. Ich habe nie verstanden warum Eurydike damals nicht anfing zu singen fuer Orpheus. Wer singt, dreht sich nicht um. Auf der Fensterbank pfeift der Tod leise mit. Vor dem Zimmer hoeren die Schwestern zu. Der Tierarzt schlaeft. Der Assistenzarzt kommt als ich gehe. Fuer einen Moment lang sehen wir uns beide an. Dann bleiben wir doch lieber Fremde.

Eine Stunde bis zur Fabrik.

Nachrichten im Radio.

Besser Nachrichten als Lieder, sage ich mir.

In der Mondsteinscheibenfabrik bin ich ein unbeschriebenes Blatt.

Angenehm ist das. Die Fabrik macht alle gleich.

Der Direktor hat eine Frage und ich weiss die Antwort.

Das ist alles was zaehlt.

Manchmal sehe ich auf mein Telefon.

Der Chefarzt sagt: Wir rufen sie an.

Meine Hand zoegert vor dem Telefon.

So vergeht der Tag in der Fabrik. Fragen und Antworten.

Auf einmal sage auch ich Saetze in denen es um disruptive business models geht.

So schnell fallen einem andere Saetze zu.

Die neue Auszubildende sagt zu mir: „Fraeulein Read On, ich bin mir sicher, wir werden richtig gute Freundinnen sein.“

„Mag sein Auszubildende, mag sein, aber erst einmal nehmen Sie bitte ihren Kaugummi aus dem Mund.“

Fuer einen Moment baumelt der Kaugummi an ihrer Unterlippe, ein pinker Klumpen, dann verschwindet er in ihrer Backe und sie stapft fluchend davon.

So liegen die Dinge in der Fabrik.

Fragen und Antworten immer wieder neue Fragen, sind sich nicht alle Antworten aehnlich?

Schliesslich die Tasche nehmen, den Anderen winken. Bis morgen.

Mit dem klapprigen Volvo zurueck zum Krankenhaus.

Der Tierarzt schlaeft.

Ich singe.

Andere Lieder als am Morgen. Vielleicht auch diesselben. Manchmal laufen mir die Lieder ineinander, dann geht ein Mond auf ueber einen hölzernen Wurzel. Oder ein Bruer Jakob liegt unter dem Lindenbaum. Oder ein Wandersmann trifft ein Maennlein im Walde.

Als es dunkel ist, lege ich dem Tierarzt die Hand auf die Stirn.

Bis morgen früh sage ich.

Zureuck im Dorf ist auch die Nacht wieder da.

Ich gehe mit dem Hund vom Oberland ins Unterland wieder zurück.

Der Hund und ich wir schweigen beide.

Eine letzte Waschmaschine.

Einen Becher Suppe.

Ich habe vergessen Kaese zu kaufen oder Brot.

Die Suppe schmeckt nach einem seit Jahren ueberschrittenem Verfallsdatum.

Milch fuer die Katze. Die Katze spaziert durch den Garten

Kalt ist mir auch nach der Suppe. Das belibt wohl so.

Still ist das Haus, ich ziehe die Knie an, unter meiner Decke. Ein Buch lesen muesste man oder wenigestens der Frau, die im Radio singt, zuhoeren, denke ich aber nichts davon mache ich. Lieber schliesse ich die Augen. Abends allein singe ich nicht. Den Vogel mit seiner knisternden und knackenden Traurigkeit in der Brust soll man nicht wecken, wenn er endlich schlaeft.

Ich liege nur da im stillen Zimmer, ganz wie damals als ich hier einzog und das Meer sich gegen das Fenster lehnte, ein wogendes Auf und ab. Damals glaubte ich mein Bett sei ein Boot und das Meer truege mich fort zu weit entfernten Ufern, schaukelnd und gleitend und hoch ueber alle Wellen hinaus. Vielleicht dachte ich, wuerde ich eines Tags doch Nausikaa sehen.

Aber noch ist kein Bett jemals ein Boot geworden und so stelle ich den Wecker wieder auf vier Uhr.

Wandermuschel

Viele Menschen heben eine Muschel am Strand auf und stecken sie ein. Aber ich tat es nie. Die erste Muschel bekam ich anstelle von 2 Dollar und 50 Cent in einem Laden in New York. Der Laden war einer dieser Läden, die man in New York fast überall findet und doch nie sieht. Der Mann hinter der Theke zuckte mit den Achseln. Er sagte: Kleingeld ist aus und dann hielt er mir eine Muschel hin. Meine Hand zögerte. War das nicht ein schlechter Tausch? Außerdem gefiel mir die Muschel nicht. Sie war nicht rund mit feinen vom Meer geschliffenen Ende und sie glitzerte nicht, an ihr war kein Hauch von Perlmutt zu sehen, kein rosafarbener Schimmer und erst recht nichts vom blütenweiß echter Perlen ließ sich erahnen in jener Muschel, die der Mann hinter der Theke mir entgegenstreckte. Die Muschel in seiner Hand war verformt, so als hätte sie sich lange an ein Riff gekrallt, bevor gierige Hände sie dann doch abbrachen und sorglos in eine Kiste warfen. Schmutzig, schwarz und grau, wie ein verschorftes Knie war die Muschel in seiner Hand. „Geld verliert sich“, sagte der Mann, „aber eine Muschel, die wird ihnen bleiben.“ Energischer noch sagte er: „Nehmen Sie schon, ich will ihnen nichts schuldig bleiben.“
Ich nahm die Muschel, aber nur mit den Fingerspitzen und zögerlich blieb meine Hand. Kühl war die Muschel und dann verlor sie sich in meiner Manteltasche. Der Mann schaute auf mich und auf die verschwundene Muschel, die er noch eben so nachdrücklich in meine Hand gelegt hatte. Für einen Moment lag, dachte ich, er würde sich von der Muschel verabschieden wollen, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, denn wer verabschiedet sich denn von einer Muschel?

Ich ging meiner Wege und erst später am Abend nahm ich die Muschel noch einmal hervor. In ein Papiertaschentusch wickelte ich die Muschel ein, denn mir grauste vor der schorfigen Kruste und der Kälte, die in der Muschel lag. Damals war ich mit anderen Dingen befasst als das ich mich großartig weiter um eine Muschel gekümmert hätte. Mir wären die 2, 50 Dollar lieber gewesen und die Muschel stopfte ich in eine Ecke, vielleicht in einen Strumpf mit Loch an der Ferse oder in eine Jacke, die ich nur aus Sentimentalität behielt. So genau weiß ich es nicht mehr. Aber Recht behalten hat der Mann doch, vieles habe ich verloren. Mehr als eine Liebe, eine Geldbörse, Schlüssel, einen wichtigen Brief, ein Quartettspiel, Notenblätter, die Geduld und so viele andere Dinge, dass das Papier nicht ausreicht, sie alle aufzuzählen, aber wohin immer ich ging, die Muschel um die ich mich niemals bekümmert habe, sie blieb.

Unsichtbar blieb die Muschel, aber einmal, ich war gerade im Begriff die Tür hinter mir zuzuziehen, da trat ich auf eine scharfe Kante und schnitt mir tief in den Fuß. Noch heute habe ich am linken Fuß eine lange silberne Narbe und manchmal ist mir als sei in de Narbe etwas vom Glanz jener Muscheln enthalten, die ganz aussehen als die Muschel, die ich noch immer habe. Ich fluchte damals heftig als ich blutete und nach einer Mullbinde suchte, hüpfend auf einem Bein. Erst später merkte ich, dass ich gar keinen Schlüssel in der Tasche hatte und ich lehnte mich zur Muschel hinunter und strich ihr über die schorfige, narbige Kruste. Viele solcher Male hat mich die Muschel bewahrt, einmal ließ sie ein Fenster zuknallen, welches ich sonst hätte offenstehen lassen für viele Woche und obwohl das Fenster heftig an den Rahmen geschlagen war, hatte die Muschel keinen Kratzer mehr. Viele solcher Gelegenheiten ließen sich berichten, wie sich meine Geldbörse in der Muschel verhakte, wie die Muschel einmal klappernd zu Boden fiel, dabei lag sie nicht weniger fest auf dem Regal als sonst und ich mich erinnerte einen Anruf doch lieber nicht aufzuschieben. Viele Jahre lang lebte die Muschel bei mir, oder ich bei ihr, wer weiß das schon zu sagen? „Geld verliert sich“, sagte der Mann damals in New York, in einem kleinen und dunklen Laden, die Muschel wird ihnen bleiben. Wer weiß, wer ihm einmal die Muschel in die Hand gelegt hatte. Die Muschel selbst schweigt sich aus über diese Fragen, die nur von uns von Bedeutung sind. Aber eines Tages, da habe ich die Muschel vom Regal genommen, nicht als Wechselgeld, aber nicht minder zögernd war die Hand in die ich sie legte, aber ich versicherte ihr, der ich die Muschel in die Hand legte, dass es eine Bewandtnis habe mit jener Muschel, die anders aussieht als andere Muscheln und kühl in der Hand liegt so als sei das Meer noch immer eine Möglichkeit. Manchmal wenn ich sie sehe, die Frau der ich die Muschel gab, dann bin ich versucht zu fragen, wie es der Muschel denn eigentlich geht.

Dieser Text entstand im Rahmen des von des von e13 Kiki initiierten Projekts #Septemeer2018 Immer im September wird zum Thema Meer gemalt, gezeichnet, radiert und manchmal auch geschrieben. Das heutige Tagesmotto lautete: Muscheln.

Wie der August riecht.

Der August riecht nach der schweren Süße der Pflaumen und der Schärfe, die in jedem ersten Klarapfel liegt. Der August riecht nach Brombeeren und dicker Milch. Satt riecht der August und dieser August gehörte den Wespen. Einen Apfel oder auch zwei holen sich die Wespen unter den Apfelbäumen und so riecht der August nach der Vergänglichkeit, die das Barock so liebte. Der August riecht nach dem Ende der Sommerferien, nach langen Zugfahrten und einer Wanderung mit Blasen an den Füßen. Der August riecht noch einmal nach feuchten Handtüchern und der See riecht schon nach dem schweren Atmen des Nöck. Lange wird der See den Menschen nicht mehr gehören.
Der August riecht nach Zitronensorbet und einem Sommerfest auf dem man trinkt und lacht, um schließlich doch zu tanzen. Der August riecht nach Regenwolken, die doch weiterziehen und nach vertrocknetem Gras. Nach schwelendem Rauch riecht der August und der Müdigkeit eines kleinen Mädchens, das selig in einem roten Buggy schläft. Nach Bergamotte riecht der August und keimenden Kartoffeln in einem kühlen Kellergelass. Der August riecht nach schwarzem Tee mit Pfefferminz und kalten Zitronenscheiben. Der August riecht nach kühlen Morgen und feuchten Füßen im nassen Gras. Noch einmal blüht die gelbe Rose an der Mauer ganz weit hinten am Garten und noch einmal kann man sich eine Hand voller Himbeeren aus der Hecke pflücken. Der August riecht nach frisch gedruckten Büchern und Filzstiften mit denen am offenen Fenster Mütter viele Male auf Schulbücher schreiben: Mathematik, Elisa, Klasse 3 b.
Der August riecht nach Milchreis mit brauner Butter und der Zimtstange, die im Topf ganz langsam um ihre Achse kreiselt, denn es sind schon wieder so viele Pflaumen reif. Der August riecht also nach Pflaumenkuchen und einem dicken Löffel Pflaumenmus auf schwarzem Brot. Das riechen die Wespen und nachdrücklich weisen sie auf den Esslöffel hin, der so vortrefflich für das Verteilen von Pflaumenmus zu gebrauchen ist. Der August riecht nach Brotdosen, die zum ersten Mal seit sechs langen Wochen geöffnet werden und nach der Aufregung der Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen. Sie sind jetzt groß, flüstern sie sich zu und greifen nur ganz verstohlen in ihre Tasche, um sich zu versichern, dass ein treuer Teddybär und ein Nilpferd aus Plüsch noch immer bei ihnen sind. Der August riecht nach Benzin in einer Pfütze, nach kaltem Kaffee in einer Tasse. Jemand muss die Tasse vergessen haben, denn im kalten Kaffeesee schwimmen Zigarettenstummel.

Der August riecht nach billigem Rosé aus dem Aldi. Es ist Sommer auch noch für die Trinker auf der Parkbank, vielleicht hilft der Rosé gegen die Erinnerung an den Winter, der sich irgendwo schon die Stiefel putzt. Der August riecht nach Wut und verschwitztem Ärger, unfassbar ist er der Ärger, aber riechen kann man ihn allerorten, nicht nur dort, wo Kameras ihn sich suchen. Der August riecht nach Seife von Molton and Brown und nach der Erleichterung, dass der Opel Corsa, der ein junges Studentenpaar doch nach Heidelberg bringen soll wirklich anspringt, auch wenn es lange so aussah als sei jede Mühe umsonst. Der August riecht nach der Müdigkeit des Sommers, lang war der Sommer und die Hände des Sommers haben lange schon Schwielen. Seinen Kopf in die Regentonne sinken zu lassen davon träumt der Sommer und er seufzt, sieht er auf seine trockenen, rissigen Hände. Der Sommer riecht nach Rilkes Frack und nach der Furcht der Kinder, die bei mir im Garten Äpfel, Birnen und Pflaumen stehlen und nicht damit rechnen, dass ich sie aus der Hängematte ganz genau sehen kann. Sie flüstern: „Glaubt ihr sie holt die Polizei?“ Einem Buben aber purzeln die Äpfel aus der Tasche und er beißt sich auf die Lippe. Was nun? Es gibt auch Apfelkuchen sage ich und er wird ganz rot, verlegen, beißt sich auf die Lippe, starrt auf den Boden und weiß nicht, dass er mir doch der Liebste ist aus der Kindergruppe. Die Anderen sind schon über den Zaun verschwunden. Auf ihn warten sie nicht. „Klauen ist blöd“, sagt er und ich sage: „Warum?“

Er sieht mich zweifelnd an. Weil die geklauten Sachen eigentlich nur nach schlechtem Gewissen schmecken, sagt er und schluchzt und weil man nur in die Clique darf, wenn man auch klaut.“

Der August riecht nach getrockneten Tränen und Apfelkuchen mit einem großen Klecks Sahne. Der August riecht Ölfarbe und süßen Trauben.

Der August riecht nach Desinfektionsmittel, Lilien und dem süßen Tee des Hospizes. Dorthin fahre ich jeden Tag.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

In der Mondsteinscheiben-Fabrik

Sie liegt gut versteckt hinter einer Tannenschonung, zwei Schafsweiden und einem Fluss die Fabrik zur Herstellung von Mondsteinscheiben. Überrascht ist der Reisende taucht die Fabrik dann auf. Sofort geht ein jeder ein kleines bisschen verloren, denn die Fabrik ist groß. Nicht nur groß riesig ist die Fabrik. Lange leben wir schon in einer Welt in der es kaum noch rauchende Schornsteine gibt, keine Männer mit rußigen Gesichtern beugen sich mehr in ein glühendes Feuer und vor der Fabrik warten auch keine Frauen mehr das ein Ehemann oder ein Bruder mit einer Lohntüte vor das Fabriktor kommt. Das sind nur mehr Geschichten für kalte Tage. Aber jetzt wo auch ich am Morgen durch das Fabriktor gehe, dem Pförtner winke und eine Mondsteinscheibenmitarbeiterkarte an ein Lesegerät halte, da erinnere ich mich wieder an die Bilder aus anderen Zeiten.

Die Fabrik schläft nie. An sieben Tagen in der Woche, in Tag und in Nachtschichten werden die kostbaren Mondsteinscheiben gefertigt. In den Spinden hängen Fotos von jungen Hunden oder jungen Frauen. Die Mondsteinscheibenfabrikarbeiter genieren sich etwas, auch wenn ich sage, dass es nichts zum sich schämen gebe und ich über eine ausgezeichnete Sammlung von Kälberbildern verfüge. Dann lachen sie und greifen nach ihren Helmen. Etwas vom feuerspeienden Ofen ist auch in dieser Fabrik mit ihren Schutzanzügen, Sicherheitsbrillen, festen Schuhen, ihren Sicherheitsvorschriften und Notfallplänen erhalten geblieben. Tief im Bauch der Fabrik gurgelt ein ewiges Feuer auch wenn es ein anderes ist als jenes der Eisengießer und Stahlkocher anderer Tage.

Auch ich habe schon eine Mondsteinscheibe in der Hand gehalten. Dünn und grazil, eine zarte Haut, zerbrechlich erschien sie mir und schwer fällt es sich vorzustellen, wie viele Tage und Nächte es braucht bis eine Mondsteinscheibe so glänzt wie diejenige in meiner Hand. Zum Glück ist sie mir nicht aus der Hand gefallen. So leichten entgleiten einem ja die Dinge und in den Dingen liegt immer auch die ganze Welt.

Der Fabrikdirektor sagt: „Fräulein Read On Sie haben ein Fragzeichen auf der Stirn.“

Der Fabrikdirektor ist ein anderer Mann als Emil Rathenau, der einmal beschloss, das ganz Deutschland am Abend elektrisch beleuchtet sein möge. Nein, den Direktor der Mondsteinscheibenfabrik trägt keinen Rock und keinen Zylinder und morgens kommt er nicht im offenen Landauer gezogen von zwei frischen Rappen in die Fabrik. So viele Jahre, so viele Geschichten liegen zwischen Ihnen. „Ich frage mich, sage ich also, ob ich nicht doch eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Emil Rathenau entdecken kann.“ Der Fabrikdirektor lacht. Sie lassen es mich wissen, sonst liege ich noch wach und grüble über jenen Emil Rathenau nach.“

„Gewiss Herr Direktor“, sage ich und der Herr Direktor lacht und winkt.

„Fräulein Read On in Los Angeles erwartet man mich am Telefon. Wir sprechen uns später.“ Aber bevor Los Angeles, wo es auch Mondsteinscheiben gibt noch lauter ruft, erkundigt sich der Herr Direktor erst nach der Frau des Reinigungsmannes, die ausgerechnet im Urlaub fiel. So ein Direktor ist das nämlich.

Ob Emil Rathenau sich wohl für Mondsteinscheiben begeistert hätte?

Manchmal stehe ich auf von meinem Stuhl und dem Tisch an dem ich ganz andere Dinge tue, als sonst und sehe aus dem Fenster. Da steht ein Ingeniuer und sieht in eine Mappe, ein Frau schüttelt die Haare auf unter dem Helm, ein Mann rollt einen Wagen geschälter Kartoffeln vorbei. Eine Gruppe Reisender mit silbernen Koffer betritt die Fabrik. Ein Mondsteinscheibenschrauber raucht eine Zigarette. Eine andere Frau trinkt hastig einen Schluck Wasser. Jede Fabrik ist ein Roman, denke ich und dann kehre ich an meinen Schreibtisch zurück und wundere mich, dass ich ausgerechnet ich das Fräulein aus einem ganz anderen Jahrhundert hier tief im Bauch der Fabrik sitzt, in der die so kostbaren wie zarten Mondsteinscheinscheiben gefertigt werden, von denen ich doch eigentlich so wenig weiß wie vom ewigen Feuer anderer Tage.

Aber dann klopft der Herr Direktor und ich öffne die Tür.