Am Ende, der Anfang. Wie der Tierarzt und ich uns kennen lernten.

Am Ende,keine Abschiedsworte, sondern lieber die Geschichte vom Anfang. 

Ganz neu war ich im Dorf und kannte noch niemanden außer der Katze. Die Katze aber hatte kein großes Interesse daran mich kennenzulernen. Den Priester kannte ich noch nicht, der weilte in der Sommerfrische und so war ich so allein wie selten.

Niemand aber der neu ins Dorf zieht, kann den Laden der Frau des Krämers verfehlen, denn die Frau des Krämers handelt nicht nur mit Scones und irischer Butter, sondern ist Bürgermeisterin, aber auch inoffizielle Polizeikommissarin des Dorfes und als ich eines Tages in ihrem Laden nach braunem Zucker kramte- was diese Ausländer alles essen-, beugte sie sich über die Ladentheke uns fragte:

„Fräulein Read On, kennen Sie denn schon unseren Tierarzt?“

„Nein, sagte ich, das Vergnügen hatte ich noch nicht. Haben sie braunen Zucker?“

Meine Frage ignorierte die Frau des Krämers.

„Meine Tochter und er sind schon fast verlobt“, sagte sie.

„Wie verlobt man sich denn fast Frau des Krämers?“

Die Frau des Krämers starrte mich an. „Sie stellen wirklich sehr komische Fragen.“ Aber dann beugte sie sich weit über die Ladentheke vor und sagte: „Er wird der erste Studierte in der Familie sein, Augen wie Paul Newman, wenn er sich drei Tage nicht rasiert, ich sage ihnen da macht mein Herz auch noch mal boom, boom und dann erst seine Hände. Sie wissen ja was man über Tierärzte sagt. Die Frau des Krämers zog eine Augenbraue hoch: „Ich nehme an, sie haben niemanden?“

Ich starrte die Frau des Krämers an, schüttelte den Kopf und verließ den Laden sehr schnell.

Braunen Zucker hatte ich nicht bekommen.

„Das habe ich mir gleich gedacht“, rief die Frau des Krämers.

Zwei Wochen vergingen und die Milch war aus.

Vor dem Laden der Frau des Krämers parkte ein klappriger Volvo.

Die Frau des Krämers kicherte.

Ihre Tochter war krebsrot im Gesicht.

Als ich den Laden betrat, drehte sich ein Mann zu mir um.

„Das ist die Ausländerin“ quiekte die Frau des Krämers noch immer atemlos.

„Fräulein Read On“, sagte ich. Und Sie sind?“

„Das ist unser Tierarzt“, krähten die Damen Krämer.

Der Mann vor mir streckte die Hand aus.

„Oh“, sagte ich, Sie sind der Beinahe-Verlobte.“

Der Mann vor mir ließ die Hand fallen und sah mich an.

Einfach so.

Plötzlich und ganz unverhofft sagte er:

„Shitzerhozen“

„Was?“, fragte ich ihn verblüfft.

„Shitzerhozen“

Ich schüttelte den Kopf und ging vorsichtig einen Schritt zurück.

Vielleicht sprechen die Tierärzte in Irland Schafisch?

„Die Frau des Krämers sagte sie sprächen Deutsch.“

Ich nickte.

Aber warum kennen sie dann „Shitzerhozen“ nicht?

Hören Sie Tierarzt, ich weiß nicht was sie da sagen, aber Deutsch ist das nicht.

Der Mann schüttelte seine Haare.

Fielen da hinter der Theke Tochter und Mutter Krämer etwa in Ohnmacht?

„Ich werde ja wohl wissen, ob ich Deutsch spreche.“

„Ich werde wohl doch noch hören, ob Sie Quatsch reden.“

Es gibt kein Wort namens Shitzerhozen.

Der Tierarzt fand ich, hatte auf einmal ein Gesicht wie ein sturer Esel

„Ich werde es ihnen beweisen.“

„Na los“, sagte ich, dann beweisen Sie mir das mal.“

„Okay“, sagte der Tierarzt und zog mich aus dem Laden heraus.

„Ich hatte eine Brieffreundin in der DDR. Erdmute. Holy moly what a name. Erdmute. Der Tierarzt lutschte den Namen wie einen Bonbon. Diese Deutschen. Wunderbar. Wir schrieben uns, was man sich eben so schreibt. Sie liebte Kühe wie ich.

Ich starrte die Hände des Tierarztes an.

„Wie sehr lieben Sie denn Kühe?“

„Oh so very, very much“, sagte der Tierarzt und ich trat einen Schritt zurück.

„Irgendwann schickten wir uns Bilder.“

„Will ich das wirklich hören?“

„Oh unbedingt.“

Sie schickte mir ein Bild von sich im Kindergarten. Oh sweet, little Erdmute.

Ich schickte ihr ein Bild von mir. In der Badewanne.

( Was ist nur los hier mit diesen Leuten, fragte ich mich?

Sie schickte mir einen Brief und schrieb: DU BIST SUESSER KLEINER SHITZERHOZEN.

Ich starrte den Tierarzt mit offenem Mund an, er zuckte mit den Schultern und lächelte.

Seit wann haben Tierärzte Grübchen?

„Sehen Sie Shitzerhozen gibt es doch.“

Dann aber fiel der Groschen.

„Tierarzt, sage ich, ihre Erdmute fand Sie seien ein süßer, kleiner Hosenscheißer, ein Bub, der noch seine Windeln braucht.

Aber der Tierarzt lächelte noch immer ein wenig mitleidig zu mir herüber.

„Shitzerhozen“, sagte er, sie verstehen es einfach nicht. Aber Erdmute oh my, what a girl. Ihre Eltern hatten viele Kühe. Oh these Germans

Dann drehte er sich um und ging zu seinem Auto herüber.

„Good luck here, Fräulein Read On who pretends to know German.

„Man sieht sich, Fast-Verlobter-Hosenscheißer“, rief ich ihm hinterher.

Er winkte.

Die Frau des Krämers sagte: „Fräulein Read On, der Mann ist mehr als eine Nummer zu groß für Sie.“

Drei Wochen später hielt zum ersten Mal ein klappriger Volvo im Oberland.

Du wirst mir fehlen Niall, du, das Licht und auch die Schatten.  7 Tage hält man im Judentum Shiva, für sieben Tage bleibt es hier ganz still, vielleicht auch noch ein bisschen länger, es werden schon nicht gleich sieben Jahre werden. Ich danke ihnen allen für ihr große Anteilnahme, für ihre Lieder und für ihr Licht,dass all die Schatten so viel kleiner machte. Baruch Dayan Emet.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das seit fünf Jahren (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Aufwachen, so frueh am Morgen, eigentlich klebt die Nacht noch ueberall an den Waenden, aber auch in mir. Kalt sind die Dielen jetzt Anfang September, die Nacht traegt schon Handschuhe, vor dem Fenster ist das Meer noch unsichtbar, das Meer schlaeft aber ich stehe auf. Still ist das Haus, auf dem bunten Laeufer schlaeft der Hund, von der Katze sind nur zwei Ohrenspitzen uebrig geblieben, so nah ist die Nacht noch am Tag. Im Flur stehen Kisten, aber nicht nur im Flur. Das ganze Haus ist seit Tagen eine einzige grosse Kiste, denn ich ziehe aus. Zu weit ist der Weg zur Mondsteinscheibenfabrik, bald wird das Meer mir im Ruecken liegen. Die Frau des Kraemers sagt: So ist das mit den Auslaendern, wenn man sich an sie gewoehnt hat, dann verschwinden sie wieder. Die Frau des Kraemers ist missmutig. Der Hund ist besorgt ueber ein Leben in der Stadt, die Katze aber hat keine Meinung zu solchen profanen Dingen wie einem Umzug.

Aber noch ist alles wie immer. Die Standuhr tickt leise, es ist kurz nach vier Uhr, ich fuelle Milch und Kaffee in einen Becher, noch immer setze ich Teewasser auf fuer den Tierarzt, ich muesste es besser wissen, aber ich laufe doch noch einmal mit dem blauen Becher die Treppe hinauf, nur um niemanden mehr im Zimmer zu finden. Das stimmt nur fast, der Hund liegt ja immer noch auf dem bunten Teppich. Rosenranken sind auf dem Teppich. Vielleicht Hund bist du ein verzauberter Prinz fluestere ich ihm zu, der Hund schnarcht selig. Was weiss man schon ueber die Traeume der Prinzen?

Der klapperige alte Volvo und ich fahren los, die Dunkelheit ist eine dicke Daunendecke, das Meer ist ein Federkissen, wo aber liegt der Kern des Ganzen, solche Fragen lassen sich um kurz nach fuenf Uhr nicht beantworten, vielleicht ist es besser so. Das Krankenhaus schlaeft nie. Vor jedem Krankenhaus stehen die Raucher, sie sind alte Bekannte, ich komme jeden Morgen, sie stehen jeden Morgen vor der Tuer, sie nicken mir zu, ich nicke zureck, blaue Rauvhwolken vor ihren Lippen. In meiner Hand zerdruecktes Blumenpapier. Auf Zehenspitzen gehe ich durch den langen Flur. Roter Backstein und Fotografien an den Waenden, ein,Sommermorgen in Laos, der Chefarzt reist viel, sagen die Krankenschwestern. Die Krankenschwestern sind muede von der langen Schicht. Gehen Sie nur, sagen sie zu mir auf dem Flur. Ich auf den Zehenpitzen und mit dem zerknitterten Blumenpapier. Die Nacht war gut, sagt sie und ich nicke. Was das eigentlich heisst, frage ich mich und lehne mich in die Zimmertuer, wickle die Blumen aus. Frisch sind die Blumen, es soll nicht nach Tod riechen in diesem Zimmer, habe ich mir geschworen, der Tod lacht, auf der Fensterbank, so nah ist er schon gekommen. Der Chefarzt sagt: Fraeulein Read On sie haben alles gemacht. Der Stationsarzt sagt: Wir machen es ihm so leicht wie moeglich. Der Assistenzarzt sagt: Alles hat Grenzen. Warum fahren sie so gern weg, frage ich den Chefarzt?, warum ist das Leichte oft das Schwerste? frage ich den Stationsarzt, warum stolpert man ueber die Grenze? frage ich den Assistenzarzt. Alle drei laecheln milde. Tierarzt sage ich Hey, erschrick dich nicht, das bin doch nur ich. Sein ganzes eben lang hat der Tierarzt sich gefuerchtet vor sich ploetzlich oeffnenden Tueren, jetzt soll er sich nicht mehr erschrecken muessen,leise also, die Blumen tropfen auf dem Nachttisch, still bin ich, fuer einmal bin ich am Ende der Geschichten angekommen, ich kann nur noch singen. Bis 6.45 Uhr singe ich fuer den Tierarzt. Ich habe nie verstanden warum Eurydike damals nicht anfing zu singen fuer Orpheus. Wer singt, dreht sich nicht um. Auf der Fensterbank pfeift der Tod leise mit. Vor dem Zimmer hoeren die Schwestern zu. Der Tierarzt schlaeft. Der Assistenzarzt kommt als ich gehe. Fuer einen Moment lang sehen wir uns beide an. Dann bleiben wir doch lieber Fremde.

Eine Stunde bis zur Fabrik.

Nachrichten im Radio.

Besser Nachrichten als Lieder, sage ich mir.

In der Mondsteinscheibenfabrik bin ich ein unbeschriebenes Blatt.

Angenehm ist das. Die Fabrik macht alle gleich.

Der Direktor hat eine Frage und ich weiss die Antwort.

Das ist alles was zaehlt.

Manchmal sehe ich auf mein Telefon.

Der Chefarzt sagt: Wir rufen sie an.

Meine Hand zoegert vor dem Telefon.

So vergeht der Tag in der Fabrik. Fragen und Antworten.

Auf einmal sage auch ich Saetze in denen es um disruptive business models geht.

So schnell fallen einem andere Saetze zu.

Die neue Auszubildende sagt zu mir: „Fraeulein Read On, ich bin mir sicher, wir werden richtig gute Freundinnen sein.“

„Mag sein Auszubildende, mag sein, aber erst einmal nehmen Sie bitte ihren Kaugummi aus dem Mund.“

Fuer einen Moment baumelt der Kaugummi an ihrer Unterlippe, ein pinker Klumpen, dann verschwindet er in ihrer Backe und sie stapft fluchend davon.

So liegen die Dinge in der Fabrik.

Fragen und Antworten immer wieder neue Fragen, sind sich nicht alle Antworten aehnlich?

Schliesslich die Tasche nehmen, den Anderen winken. Bis morgen.

Mit dem klapprigen Volvo zurueck zum Krankenhaus.

Der Tierarzt schlaeft.

Ich singe.

Andere Lieder als am Morgen. Vielleicht auch diesselben. Manchmal laufen mir die Lieder ineinander, dann geht ein Mond auf ueber einen hölzernen Wurzel. Oder ein Bruer Jakob liegt unter dem Lindenbaum. Oder ein Wandersmann trifft ein Maennlein im Walde.

Als es dunkel ist, lege ich dem Tierarzt die Hand auf die Stirn.

Bis morgen früh sage ich.

Zureuck im Dorf ist auch die Nacht wieder da.

Ich gehe mit dem Hund vom Oberland ins Unterland wieder zurück.

Der Hund und ich wir schweigen beide.

Eine letzte Waschmaschine.

Einen Becher Suppe.

Ich habe vergessen Kaese zu kaufen oder Brot.

Die Suppe schmeckt nach einem seit Jahren ueberschrittenem Verfallsdatum.

Milch fuer die Katze. Die Katze spaziert durch den Garten

Kalt ist mir auch nach der Suppe. Das belibt wohl so.

Still ist das Haus, ich ziehe die Knie an, unter meiner Decke. Ein Buch lesen muesste man oder wenigestens der Frau, die im Radio singt, zuhoeren, denke ich aber nichts davon mache ich. Lieber schliesse ich die Augen. Abends allein singe ich nicht. Den Vogel mit seiner knisternden und knackenden Traurigkeit in der Brust soll man nicht wecken, wenn er endlich schlaeft.

Ich liege nur da im stillen Zimmer, ganz wie damals als ich hier einzog und das Meer sich gegen das Fenster lehnte, ein wogendes Auf und ab. Damals glaubte ich mein Bett sei ein Boot und das Meer truege mich fort zu weit entfernten Ufern, schaukelnd und gleitend und hoch ueber alle Wellen hinaus. Vielleicht dachte ich, wuerde ich eines Tags doch Nausikaa sehen.

Aber noch ist kein Bett jemals ein Boot geworden und so stelle ich den Wecker wieder auf vier Uhr.

Wandermuschel

Viele Menschen heben eine Muschel am Strand auf und stecken sie ein. Aber ich tat es nie. Die erste Muschel bekam ich anstelle von 2 Dollar und 50 Cent in einem Laden in New York. Der Laden war einer dieser Läden, die man in New York fast überall findet und doch nie sieht. Der Mann hinter der Theke zuckte mit den Achseln. Er sagte: Kleingeld ist aus und dann hielt er mir eine Muschel hin. Meine Hand zögerte. War das nicht ein schlechter Tausch? Außerdem gefiel mir die Muschel nicht. Sie war nicht rund mit feinen vom Meer geschliffenen Ende und sie glitzerte nicht, an ihr war kein Hauch von Perlmutt zu sehen, kein rosafarbener Schimmer und erst recht nichts vom blütenweiß echter Perlen ließ sich erahnen in jener Muschel, die der Mann hinter der Theke mir entgegenstreckte. Die Muschel in seiner Hand war verformt, so als hätte sie sich lange an ein Riff gekrallt, bevor gierige Hände sie dann doch abbrachen und sorglos in eine Kiste warfen. Schmutzig, schwarz und grau, wie ein verschorftes Knie war die Muschel in seiner Hand. „Geld verliert sich“, sagte der Mann, „aber eine Muschel, die wird ihnen bleiben.“ Energischer noch sagte er: „Nehmen Sie schon, ich will ihnen nichts schuldig bleiben.“
Ich nahm die Muschel, aber nur mit den Fingerspitzen und zögerlich blieb meine Hand. Kühl war die Muschel und dann verlor sie sich in meiner Manteltasche. Der Mann schaute auf mich und auf die verschwundene Muschel, die er noch eben so nachdrücklich in meine Hand gelegt hatte. Für einen Moment lag, dachte ich, er würde sich von der Muschel verabschieden wollen, aber den Gedanken verwarf ich gleich wieder, denn wer verabschiedet sich denn von einer Muschel?

Ich ging meiner Wege und erst später am Abend nahm ich die Muschel noch einmal hervor. In ein Papiertaschentusch wickelte ich die Muschel ein, denn mir grauste vor der schorfigen Kruste und der Kälte, die in der Muschel lag. Damals war ich mit anderen Dingen befasst als das ich mich großartig weiter um eine Muschel gekümmert hätte. Mir wären die 2, 50 Dollar lieber gewesen und die Muschel stopfte ich in eine Ecke, vielleicht in einen Strumpf mit Loch an der Ferse oder in eine Jacke, die ich nur aus Sentimentalität behielt. So genau weiß ich es nicht mehr. Aber Recht behalten hat der Mann doch, vieles habe ich verloren. Mehr als eine Liebe, eine Geldbörse, Schlüssel, einen wichtigen Brief, ein Quartettspiel, Notenblätter, die Geduld und so viele andere Dinge, dass das Papier nicht ausreicht, sie alle aufzuzählen, aber wohin immer ich ging, die Muschel um die ich mich niemals bekümmert habe, sie blieb.

Unsichtbar blieb die Muschel, aber einmal, ich war gerade im Begriff die Tür hinter mir zuzuziehen, da trat ich auf eine scharfe Kante und schnitt mir tief in den Fuß. Noch heute habe ich am linken Fuß eine lange silberne Narbe und manchmal ist mir als sei in de Narbe etwas vom Glanz jener Muscheln enthalten, die ganz aussehen als die Muschel, die ich noch immer habe. Ich fluchte damals heftig als ich blutete und nach einer Mullbinde suchte, hüpfend auf einem Bein. Erst später merkte ich, dass ich gar keinen Schlüssel in der Tasche hatte und ich lehnte mich zur Muschel hinunter und strich ihr über die schorfige, narbige Kruste. Viele solcher Male hat mich die Muschel bewahrt, einmal ließ sie ein Fenster zuknallen, welches ich sonst hätte offenstehen lassen für viele Woche und obwohl das Fenster heftig an den Rahmen geschlagen war, hatte die Muschel keinen Kratzer mehr. Viele solcher Gelegenheiten ließen sich berichten, wie sich meine Geldbörse in der Muschel verhakte, wie die Muschel einmal klappernd zu Boden fiel, dabei lag sie nicht weniger fest auf dem Regal als sonst und ich mich erinnerte einen Anruf doch lieber nicht aufzuschieben. Viele Jahre lang lebte die Muschel bei mir, oder ich bei ihr, wer weiß das schon zu sagen? „Geld verliert sich“, sagte der Mann damals in New York, in einem kleinen und dunklen Laden, die Muschel wird ihnen bleiben. Wer weiß, wer ihm einmal die Muschel in die Hand gelegt hatte. Die Muschel selbst schweigt sich aus über diese Fragen, die nur von uns von Bedeutung sind. Aber eines Tages, da habe ich die Muschel vom Regal genommen, nicht als Wechselgeld, aber nicht minder zögernd war die Hand in die ich sie legte, aber ich versicherte ihr, der ich die Muschel in die Hand legte, dass es eine Bewandtnis habe mit jener Muschel, die anders aussieht als andere Muscheln und kühl in der Hand liegt so als sei das Meer noch immer eine Möglichkeit. Manchmal wenn ich sie sehe, die Frau der ich die Muschel gab, dann bin ich versucht zu fragen, wie es der Muschel denn eigentlich geht.

Dieser Text entstand im Rahmen des von des von e13 Kiki initiierten Projekts #Septemeer2018 Immer im September wird zum Thema Meer gemalt, gezeichnet, radiert und manchmal auch geschrieben. Das heutige Tagesmotto lautete: Muscheln.

Wie der August riecht.

Der August riecht nach der schweren Süße der Pflaumen und der Schärfe, die in jedem ersten Klarapfel liegt. Der August riecht nach Brombeeren und dicker Milch. Satt riecht der August und dieser August gehörte den Wespen. Einen Apfel oder auch zwei holen sich die Wespen unter den Apfelbäumen und so riecht der August nach der Vergänglichkeit, die das Barock so liebte. Der August riecht nach dem Ende der Sommerferien, nach langen Zugfahrten und einer Wanderung mit Blasen an den Füßen. Der August riecht noch einmal nach feuchten Handtüchern und der See riecht schon nach dem schweren Atmen des Nöck. Lange wird der See den Menschen nicht mehr gehören.
Der August riecht nach Zitronensorbet und einem Sommerfest auf dem man trinkt und lacht, um schließlich doch zu tanzen. Der August riecht nach Regenwolken, die doch weiterziehen und nach vertrocknetem Gras. Nach schwelendem Rauch riecht der August und der Müdigkeit eines kleinen Mädchens, das selig in einem roten Buggy schläft. Nach Bergamotte riecht der August und keimenden Kartoffeln in einem kühlen Kellergelass. Der August riecht nach schwarzem Tee mit Pfefferminz und kalten Zitronenscheiben. Der August riecht nach kühlen Morgen und feuchten Füßen im nassen Gras. Noch einmal blüht die gelbe Rose an der Mauer ganz weit hinten am Garten und noch einmal kann man sich eine Hand voller Himbeeren aus der Hecke pflücken. Der August riecht nach frisch gedruckten Büchern und Filzstiften mit denen am offenen Fenster Mütter viele Male auf Schulbücher schreiben: Mathematik, Elisa, Klasse 3 b.
Der August riecht nach Milchreis mit brauner Butter und der Zimtstange, die im Topf ganz langsam um ihre Achse kreiselt, denn es sind schon wieder so viele Pflaumen reif. Der August riecht also nach Pflaumenkuchen und einem dicken Löffel Pflaumenmus auf schwarzem Brot. Das riechen die Wespen und nachdrücklich weisen sie auf den Esslöffel hin, der so vortrefflich für das Verteilen von Pflaumenmus zu gebrauchen ist. Der August riecht nach Brotdosen, die zum ersten Mal seit sechs langen Wochen geöffnet werden und nach der Aufregung der Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen. Sie sind jetzt groß, flüstern sie sich zu und greifen nur ganz verstohlen in ihre Tasche, um sich zu versichern, dass ein treuer Teddybär und ein Nilpferd aus Plüsch noch immer bei ihnen sind. Der August riecht nach Benzin in einer Pfütze, nach kaltem Kaffee in einer Tasse. Jemand muss die Tasse vergessen haben, denn im kalten Kaffeesee schwimmen Zigarettenstummel.

Der August riecht nach billigem Rosé aus dem Aldi. Es ist Sommer auch noch für die Trinker auf der Parkbank, vielleicht hilft der Rosé gegen die Erinnerung an den Winter, der sich irgendwo schon die Stiefel putzt. Der August riecht nach Wut und verschwitztem Ärger, unfassbar ist er der Ärger, aber riechen kann man ihn allerorten, nicht nur dort, wo Kameras ihn sich suchen. Der August riecht nach Seife von Molton and Brown und nach der Erleichterung, dass der Opel Corsa, der ein junges Studentenpaar doch nach Heidelberg bringen soll wirklich anspringt, auch wenn es lange so aussah als sei jede Mühe umsonst. Der August riecht nach der Müdigkeit des Sommers, lang war der Sommer und die Hände des Sommers haben lange schon Schwielen. Seinen Kopf in die Regentonne sinken zu lassen davon träumt der Sommer und er seufzt, sieht er auf seine trockenen, rissigen Hände. Der Sommer riecht nach Rilkes Frack und nach der Furcht der Kinder, die bei mir im Garten Äpfel, Birnen und Pflaumen stehlen und nicht damit rechnen, dass ich sie aus der Hängematte ganz genau sehen kann. Sie flüstern: „Glaubt ihr sie holt die Polizei?“ Einem Buben aber purzeln die Äpfel aus der Tasche und er beißt sich auf die Lippe. Was nun? Es gibt auch Apfelkuchen sage ich und er wird ganz rot, verlegen, beißt sich auf die Lippe, starrt auf den Boden und weiß nicht, dass er mir doch der Liebste ist aus der Kindergruppe. Die Anderen sind schon über den Zaun verschwunden. Auf ihn warten sie nicht. „Klauen ist blöd“, sagt er und ich sage: „Warum?“

Er sieht mich zweifelnd an. Weil die geklauten Sachen eigentlich nur nach schlechtem Gewissen schmecken, sagt er und schluchzt und weil man nur in die Clique darf, wenn man auch klaut.“

Der August riecht nach getrockneten Tränen und Apfelkuchen mit einem großen Klecks Sahne. Der August riecht Ölfarbe und süßen Trauben.

Der August riecht nach Desinfektionsmittel, Lilien und dem süßen Tee des Hospizes. Dorthin fahre ich jeden Tag.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

In der Mondsteinscheiben-Fabrik

Sie liegt gut versteckt hinter einer Tannenschonung, zwei Schafsweiden und einem Fluss die Fabrik zur Herstellung von Mondsteinscheiben. Überrascht ist der Reisende taucht die Fabrik dann auf. Sofort geht ein jeder ein kleines bisschen verloren, denn die Fabrik ist groß. Nicht nur groß riesig ist die Fabrik. Lange leben wir schon in einer Welt in der es kaum noch rauchende Schornsteine gibt, keine Männer mit rußigen Gesichtern beugen sich mehr in ein glühendes Feuer und vor der Fabrik warten auch keine Frauen mehr das ein Ehemann oder ein Bruder mit einer Lohntüte vor das Fabriktor kommt. Das sind nur mehr Geschichten für kalte Tage. Aber jetzt wo auch ich am Morgen durch das Fabriktor gehe, dem Pförtner winke und eine Mondsteinscheibenmitarbeiterkarte an ein Lesegerät halte, da erinnere ich mich wieder an die Bilder aus anderen Zeiten.

Die Fabrik schläft nie. An sieben Tagen in der Woche, in Tag und in Nachtschichten werden die kostbaren Mondsteinscheiben gefertigt. In den Spinden hängen Fotos von jungen Hunden oder jungen Frauen. Die Mondsteinscheibenfabrikarbeiter genieren sich etwas, auch wenn ich sage, dass es nichts zum sich schämen gebe und ich über eine ausgezeichnete Sammlung von Kälberbildern verfüge. Dann lachen sie und greifen nach ihren Helmen. Etwas vom feuerspeienden Ofen ist auch in dieser Fabrik mit ihren Schutzanzügen, Sicherheitsbrillen, festen Schuhen, ihren Sicherheitsvorschriften und Notfallplänen erhalten geblieben. Tief im Bauch der Fabrik gurgelt ein ewiges Feuer auch wenn es ein anderes ist als jenes der Eisengießer und Stahlkocher anderer Tage.

Auch ich habe schon eine Mondsteinscheibe in der Hand gehalten. Dünn und grazil, eine zarte Haut, zerbrechlich erschien sie mir und schwer fällt es sich vorzustellen, wie viele Tage und Nächte es braucht bis eine Mondsteinscheibe so glänzt wie diejenige in meiner Hand. Zum Glück ist sie mir nicht aus der Hand gefallen. So leichten entgleiten einem ja die Dinge und in den Dingen liegt immer auch die ganze Welt.

Der Fabrikdirektor sagt: „Fräulein Read On Sie haben ein Fragzeichen auf der Stirn.“

Der Fabrikdirektor ist ein anderer Mann als Emil Rathenau, der einmal beschloss, das ganz Deutschland am Abend elektrisch beleuchtet sein möge. Nein, den Direktor der Mondsteinscheibenfabrik trägt keinen Rock und keinen Zylinder und morgens kommt er nicht im offenen Landauer gezogen von zwei frischen Rappen in die Fabrik. So viele Jahre, so viele Geschichten liegen zwischen Ihnen. „Ich frage mich, sage ich also, ob ich nicht doch eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Emil Rathenau entdecken kann.“ Der Fabrikdirektor lacht. Sie lassen es mich wissen, sonst liege ich noch wach und grüble über jenen Emil Rathenau nach.“

„Gewiss Herr Direktor“, sage ich und der Herr Direktor lacht und winkt.

„Fräulein Read On in Los Angeles erwartet man mich am Telefon. Wir sprechen uns später.“ Aber bevor Los Angeles, wo es auch Mondsteinscheiben gibt noch lauter ruft, erkundigt sich der Herr Direktor erst nach der Frau des Reinigungsmannes, die ausgerechnet im Urlaub fiel. So ein Direktor ist das nämlich.

Ob Emil Rathenau sich wohl für Mondsteinscheiben begeistert hätte?

Manchmal stehe ich auf von meinem Stuhl und dem Tisch an dem ich ganz andere Dinge tue, als sonst und sehe aus dem Fenster. Da steht ein Ingeniuer und sieht in eine Mappe, ein Frau schüttelt die Haare auf unter dem Helm, ein Mann rollt einen Wagen geschälter Kartoffeln vorbei. Eine Gruppe Reisender mit silbernen Koffer betritt die Fabrik. Ein Mondsteinscheibenschrauber raucht eine Zigarette. Eine andere Frau trinkt hastig einen Schluck Wasser. Jede Fabrik ist ein Roman, denke ich und dann kehre ich an meinen Schreibtisch zurück und wundere mich, dass ich ausgerechnet ich das Fräulein aus einem ganz anderen Jahrhundert hier tief im Bauch der Fabrik sitzt, in der die so kostbaren wie zarten Mondsteinscheinscheiben gefertigt werden, von denen ich doch eigentlich so wenig weiß wie vom ewigen Feuer anderer Tage.

Aber dann klopft der Herr Direktor und ich öffne die Tür.

Lautes Gelächter

Vor vielen Jahren, ich lebte noch nicht lange in Europa, da saß ich auf einem Sofa. Das Sofa war blau.

Ich weiß nicht mehr was aus dem Sofa geworden ist und zu A. und G. mit denen ich auf dem Sofa saß, habe ich kaum noch Kontakt.
A. und G. waren damals ein Paar, aber ich weiß nicht, ob sie es immer noch sind. Nach jenem Nachmittag auf dem blauen Sofa habe ich mich einfach nicht mehr gemeldet und war erleichtert als auch A. und G. schließlich nicht mehr anriefen.

Vor dem blauen Sofa stand ein Fernseher.

Als ich nach Europa kam, war Fernsehen für mich etwas von ungeheurem Luxus.

Niemand den ich kannte, dort im Land A. besaß einen eigenen Fernseher.

Meine Großmutter hatte auch keinen Fernseher.

So habe auch ich nie einen Fernseher besessen.

Aber A. und G. hatten einen riesigen Fernseher und sagten: „Komm doch vorbei, es kommt etwas total Lustiges.“

Ich nickte und brachte Kuchen mit.

Wir saßen zu dritt auf dem Sofa und ich fühlte mich plötzlich sehr europäisch. Was für ein Gefühl an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag einfach fernzusehen.

Aber einen Film haben wir nicht gesehen.

Sondern A. und G. hatten einen Sender gefunden in dem lauter Videoclips liefen.

Die Videos waren nicht in besonders guter Qualität, grobkörnig und verwackelt, mit verzerrten Stimmen im Hintergrund. Kein Clip war länger als zwei Minuten.

„Pass auf“, sagten A. und G. „Du wirst so lachen.“

Die Videoclips zeigten eine Frau, die im Garten stolpert, hinschlägt und einen Hang hinunterpurzelt. Ein Kind, das in eine Torte fiel. Einen dicken Mann, der in einer Flugzugtoilette stecken blieb. Eine Frau, der eine Spinne auf den Kopf fiel und anfing zu kreischen als sei sie eine Banshee. Einen Mann, der sich mit dem elastischen Hosenträger verheddert und gegen eine Wand prallte, nur um einen Tisch zu Fall zu bringen. Eine Oma, die ihr Gebiss verlegte und mit brabbelnden Gesten Hilfe erbittet, während die Enkel die Zähne versteckten, ein Kind, das in eine Plastikbanane biss und vergeblich schluckte.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. lachten. Lachten so herzlich als gäbe es nichts Komischeres als diesen fremden Leuten, bei ihren Missgeschicken zuzusehen. Es waren die Kinder, Ehremänner, Onkels und Cousins, die diese Clips aufnahmen. Das Hochzeitspaar, das unter einer Stange hindurch kriechen sollte und er knallte sich den Holzstiel vor den Kopf. Pardauz. Gelächter. Onkel Hans ruft im Hintergrund: So ist die Ehe!

Oft endeten die Clips mit einer Momentaufnahme, in der diejenigen die fielen oder stolperten, der Tatsache gewahr wurden, dass sie gefilmt worden sein und auch sie begannen scheppernd zu lachen, damit bloß niemand auch noch das Weinen. Nur die Kinder heulten inmitten der johlenden Geburtstagsgäste, weil sie noch nicht gelernt hatten, dass man entweder mitlacht oder ausgelacht wird. Sie wurden irgendwann aus dem Bild getragen. A. und G. johlten über die Menschen, die alle schon so aussahen, wie man sich dumme, hässliche, ungeschickte Leute eben vorstellt.

Die Frauen, die sich auf ein Furzkissen setzten, waren keine eleganten Elfen, die anmutig erröteten, sondern trugen Lockenwickler, Kittelschürze und hatten geschwollene Beine.

Die Männer waren dick, hatten Nasenhaare, eine schlechte Frisur, sicher auch schlechten Atem. Ihre Kleidung war schlecht sitzend, passte ihnen so wenig, wie wohl ihr Leben selbst. Auch die Hochzeitspaare selbst, sahen nicht aus wie auf Fotografien auf denen Forever Yours steht, sondern die Kleider waren billig, die Anzüge geliehen und die große Liebe traute man den Lamabda Tänzern auf keinen Fall zu.

Alle Menschen, die in diesen Videoclips vorkamen, waren einfache Opfer, weil allein ihre äußere Erscheinung kein Mitleid, sondern Abscheu erregte.

Ein deutliches, das geschieht dem dicken Fresssack Recht.

Sieh mal wie die Alte brabbelt.

So dick wie doof.

Das die mit dem Arsch überhaupt einen abgekriegt hat.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. auf dem Sofa rot vor Lachen.

Ich konnte nicht lachen.

Nicht einmal über den Hund, der auf einer Bratpfanne, die Kellertreppe hinunterfuhr.

Denn alles was ich sah, war ich.

Ich war kein schönes, kein elegantes, kein kluges Kind.

Ich war ein hässliches, verstocktes Kind,

Ich habe meine Schulzeit damit verbracht über ausgestellte Beine zu fallen, ich war daran gewöhnt, dass Leute, die Nase rümpften, wenn ich vorbei kam. „Die stinkt“, wir waren arm und mir sah man es an, nicht auf schöne, zarte Weise, sondern ich war hart und kantig, unangenehm und keineswegs anrührend.

Ich stolperte, lief mit Löchern in den T-Shirts herum, hatte schwarzen Dreck unter den Nägeln, war nicht sozialkompatibel, misstrauisch, verschlagen und in allen Clips, sah ich mich fallen, hinschlagen, ausrutschen, einbrechen und liegen bleiben.

Das war ich.

Auch ich habe viele Jahre am lautesten gelacht über mich.

Das ist vielleicht das Ekligste an den Demütigungen, dass man gezwungen ist noch lauter zu lachen als alle Anderen.

Ertappt habe ich mich gefühlt, damals am Nachmittag. Ertappt bei meiner eigenen Hässlichkeit. Ein nimmer endender Spiegel meiner Geschichte.

Aufgestanden bin ich dann und weggegangen.

Das ist Europa dachte ich später. Fernsehen mitten am Tag und das Gelächter über die hässlichen Menschen und ihre Idiotie.

Über das Land K. und das A. schüttelt man in Europa oft den Kopf.

Unzivilisiert heißt es gern, denn noch immer setzt Europa Maßstäbe, auch die der Lächerlichkeit.

Ich denke nicht mehr oft an den Nachmittag, das blaue Sofa und A. und G.

Nur manchmal erinnere mich, so wie in dieser Woche.

Da ging der Mann mit dem Deutschlandhut, dem karierten Hemd, dem breiten Gesicht, dem Akzent durch das Internet und schon lange ist er schon längst nicht mehr ein LKA Mitarbeiter, der sich von der Pressefreiheit nicht die Lust am Pöbeln lassen will, sondern eine jener Figuren vom Clipkanal, der nur noch der Lächerlichkeit dient.

Das Beispiel des hässlichen, gemeinen Deutschen, wie man ihn sich vorstellt.

Ein Mann, dessen Pöbelei nicht überrascht,

Genau so einer ist das nämlich.

Das ist ein Bild, bei dem man sich sicher sein kann. Hier trifft es nicht den Falschen, sondern hier treffen Spott, Häme und lustige Memes endlich einmal den Richtigen, hier kann man ohne schlechtes Gewissen ein Zeichen gegen Rechts setzen, wer austeilt muss einstecken können und dann auch noch der Dialekt.

Echt Ossi-Nazi-Pegidist.

Wie der schon aussieht,

Das ist was übrig bleibt von der Szene in der jener Mann unangenehm, überheblich und gegen die Presse pöbelt.

Das herumgereichte Bild des Mannes ist das einfache Gegenteil, die Versicherung: So bin ich nicht. Das sind die Anderen.

Diejenigen, die auf der Seite des Mannes mit seinem Deutschlandhut stehen, haben in ihm längst eine Symbolfigur gefunden, denn sie erkennen sich ja wieder und seine Demütigung kann morgen schon ihre sein. Ihre Ansichten werden ja nicht dadurch angenehmer, dass einer von ihnen ein Hanswurst ist.

Fragen aber beantwortet es keine.

Keine darüber, wie das Klima in sächsischen Behörden ist.

Wieso die Demokratisierung nach 1989 zwar Eigenheime und Autos ermöglicht hat, aber in vielen Hinsichten kein Bewusstsein für einen demokratischen Staat und seine Institutionen,

Wie Mitarbeiter in einer öffentlichen Behörde ein Klima finden können, dass solche Ansichten wenn nicht fördert, so doch ignoriert.

Warum ein Mitarbeiter des LKA keinen Begriff von Pressefreiheit hat und wer überhaupt weiß was Pressefreiheit ist.

Wieso eigentlich keiner auf dem Bild sagt: „Geht’s noch!“

Warum das Bild der Polizei eigentlich so oft einen so unsouveränen Eindruck macht.

Ein Bild und so viele Fragen.

Aber keine davon ist übrig geblieben.

Und das Bild macht es uns so einfach, auch in der Annahme, dass dies das größte Problem ist, der hässliche Mann und sein Hut.

Den kennen wir ohnehin nicht, der kommt nicht zum Abendbrot vorbei und auch in der Philharmonie hat er keine Karten, da kann man sich sicher sein.

Eine Witzfigur, ein Michel, ein Hanswurst, einer der sich nicht entblödet, und die Polizei macht auch noch mit.

Aber unangenehmer ist es doch, wenn die gute Freundin auf einmal findet, dass es mehr Müll gibt, seitdem die Flüchtlinge da sind. Dass der gute Freund sein Kind lieber auf die Privatschule gibt, weil in der Klasse eben doch sehr viele Kinder sind, die Deutsch nicht als Muttersprache können, wenn bei Butter Lindner in der Schlange diskutiert wird, dass Integration eben eine Bringschuld derjenigen ist, die hierherkommen und der Mann hinter der Theke, der eben nicht Müller, sondern Özgöz heißt, wird Rot. Wenn beim zweiten Glas Wein, dann eben doch befunden wird, dass nicht jeder kommen kann und wir ja auch genug eigene Arme hätten und nicht noch die aus der übrigen Welt gebrauchen könnten. Oder die Bekannte vom Wochenmarkt erzählt, dass man so froh sei über die eigene Perle aus Polen, die rein machen kommt, während man ja höre, wie viele von den Putzhilfen aus Rumänien betrogen würden. Das lässt sich fortsetzen, viele, viele Zeilen lang und es ist die Frage, ob wir ihnen denn mit der gleichen Härte und dem gleichen Einsatz wie dem Hütchenträger begegnen oder ob wir nicht lieber nicken, hmm, naja sagen, uns lieber schnell verabschieden oder ausweichen, denn es sind doch die hässlichen Menschen, die nach rechtsaußen schwenken und deren Anderssein uns doch versichert, dass wir auf der richtigen Seite stehen und lachen dürfen, laut und heiter und ohne Gewissensbisse.

Ich habe keine eindeutige oder einleuchtende Antwort auf die Frage wie man mit Menschen, die mit größten Selbstbewusstsein Verächtliches äußern umgeht, ich bin schon immer Jude und habe schon lange gelernt, dass keine noch so wohlmeinenden Worte, Überzeugungen ändern. Aber gelacht, gelacht, habe ich nicht, damals nicht auf dem blauen Sofa und auch nicht über den Mann mit seinem Hut und der schiefen Sonnenbrille. Dazu ist es zu ernst, dazu schien mir schon damals geht es um zu viel.

Abschied vom Institut

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Es gibt Gespräche, die vergisst man nie.
Dieses Gespräch vergesse ich nie.
„Ich möchte mit Ihnen arbeiten, könnten Sie sich vorstellen, das auch zu wollen?
So nah war ich noch nie an einem Heiratsantrag und nie wieder habe ich so schnell ja gesagt.Dabei war ich doch so fest entschlossen die Frau nicht zu mögen.
Ja. Ja. Ja.
Aus der Frau hinter dem Schreibtisch wurde die beste Chefin der Welt.
Aus der besten Chefin der Welt wurde eine Freundin.
Eine von den Freundinnen, die eine Hand über einem halten, auch über Kontinentalplatten hinweg.
Ich bin nicht gut darin im Freundin-Haben.
Ich bin auch keine gute Freundin.
Ich möchte dieses Freundin sein und haben.
An jenem Tag dachte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren: Vielleicht wird, wenn schon nichts wieder gut wird, doch wieder etwas besser.
Drei Jahre sind aus diesem Gespräch geworden.
Drei Jahre in denen ich immer mindestens einmal am Tag gelächelt habe.
Drei Jahre in dem ich jeden Tag auf ihr Lachen gewartet habe. Ohne ihr Lachen ist das Institut nicht vollständig.
Heute räume ich mein Büro aus.
Alle Kapitelversionen des Doktormonsters sind geschreddert.
Ordner aussortiert.
Zettelsammlungen aufgelöst.
Ich schreibe lauter Emails in denen steht: Danke für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, ab…übernimmmt…Mit besten Wünschen. Yours truly.
Die Zimmerpalme hat sich vor Wochen schon beleidigt abgewandt.
Meine Ankündigung, dass sie nicht mit umzieht, nimmt sie mir persönlich übel.
„Es sollte eine Überraschung sein“, sage ich zu ihr, während ich mein Notizbuch, das steinschwere Oxford Dictionary, Post-Its, die Zigarrenkiste mit Büroklammern, Stifte, Tee und die Thermoskanne in die Keep-it Kiste lege.
„So?“, zischt die Zimmerpalme missmutig,
„Sie werte Frau Palme ziehen“ und die Blätter der Palme stellen sich argwöhnisch auf natürlich nicht zur Auszubildenden, jene hatte einmal in den Palmentopf geascht- sondern zum werten Fellow G., der ein ausgewiesener Palmenkenner, ein Connaisseur und Besitzer einer eigenen Büropalme ist.“ Ich sehe ungefähr so aus wie Mütter, die ihren Kinder am ersten Schultag versichern, dass sie bestimmt ganz viele neue Freunde finden, obwohl sie doch wissen, dass das alles so viel schwieriger wird, weil es immer einen gibt, der übrig bleibt.
Die Zimmerpalme starrt trotzig in die Ecke.
Es ist eine sehr gutaussehende Palme versichere ich ihr.
Sie knurrt etwas von inneren Werten.
Freitag sage ich, ziehen sie um.
Muss man nicht auch einmal Fakten schaffen?
Das Telefon klingelt.
Das ändert sich wohl nie, aber auch hier sind es letzte Gespräche.
Ja, bitte füllen Sie den Visumantrag vollständig aus.
Ein letztes Mal noch das große Sommerräumen.
Ein letztes Mal einem Fellow den Wunsch nach einem Bürobügelbrett abschlägig beschieden.
Eine Notiz: Linke Schublade klemmt. Der Hausmeister will sich kümmern.
Fräulein Read On, was ich hier schon alles repariert habe.
„Weiß Gtt Hausmeister, weiß Gtt.
Die Auszubildende schluchzt.
„Fräulein Read On, Sie dürfen uns nicht verlassen.“
„Auszubildende ich verlasse sie nicht, ich trete eine neue Stelle an.
„Wo ist da der Unterschied?“
„Ich habe ein Geschenk für Sie, stehe hier und habe das Institut nicht bei Nacht und Nebel verlassen und meine Email Adresse verbrannt.
Die Auszubildende schluchzt lauter.
Ein Fellow kommt vorbei.
„Hat die Auszubildende Schmerzen?“
„Phantomschmerzen!“
„Fräulein Read On, habe ich Ihnen eigentlich schon einmal erzählt wie ich in einem Institut in St Petersburg einmal ein Bein im Institutskühlschrank gefunden habe?“
„Wenn Sie wüssten, was ich schon alles im Instituskühlschrank gefunden habe!“
„Kaffee um halb drei?“
„Kaffee um halb drei.“
Außerdem haben sie keine Zeit zum Weinen. Sie müssen für die Prüfung lernen.
„Fräulein Read On Sie sind der grausamste Mensch, den ich je gekannt habe.
„Es ist mir eine Ehre.“
Dann sortiere ich weiter aus, der Papierschlucker hickst.Ich finde einen alten Osterhasen.
Es klopft an der Tür.
Meine Nachfolgerin sieht nervös ins Zimmer herein.
Haben Sie noch Fragen?
„Um Fräulein Read On, hier arbeiten ja nur Frauen.“
„Die Männer sind alle schwanger“, sage ich.
„Soll ich jetzt lachen?“
„Nachfolgerin, niemand lacht über meine Witze.“
„Sind Sie hier Männerfeinde?“
„Männerfeinde?“ Wenn Sie nur wüssten, wie oft ich mich unglücklich verliebt habe.“
„Ist es ein Prinzip, dass hier nur Frauen arbeiten?“
„Es hat sich so ergeben.
Wir hatten aber schon Praktikanten, wir haben viele hervorragende Fellows, der Hausmeister ist ein wahrer Herr, aber das Institut selbst ist eben in Frauenhand. Aber machen Sie sich keine Sorgen, hier sind noch keine Männer weinend herausgelaufen.“
Sie nickt.
„Gut zu wissen.“
„Herzlich Willkommen“, sage ich.
„Herzlich willkommen an diesem wunderbaren, offenen, großartigen, wundersamen, verrückten, inspirierendem Ort. Es wird Ihnen gefallen. Hier wachsen Männer und Frauen, wenn auch nicht auf den Bäumen. Hier wächst man mit. Sie werden sich die Haare raufen, weglaufen wollen, wiederkommen, durchatmen, lachen, schreien und jeden Tag ein bisschen anders aus dem Institut gehen als Sie angekommen sind. Obwohl ich es weiß, wünsche ich es Ihnen. Herzlich willkommen im Institut. Schön, dass Sie da sind.
Ab Montag ist dies Ihr Büro.

Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.

Woanders ist es auch schön

Indigo und manchmal hilft nicht einmal ein Wunder weiter.

Inmitten von Wespen und Bienen.

Die Geschichte einer ganz und gar fabulösen Rettung. Ich bin ja eine große Freundin von Schafen. Gerade auch den auf zwei Beinen.

Es zerbricht mir das Herz.
Wie soll aus all den Gräbern nur der Frieden wachsen?

Kerala steht unter Wasser, 170 Menschen haben ihr Leben in der Flut verloren und viele Menschen alles was sie haben, es ist eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes , aber auch eine, die fast unbemerkt bleibt.

Es ist auch keine gute Nachricht, dass die Zahlen der Maserninfektionen rapide steigen. In Deutschland wohlgemerkt.

Ein Opernbesuch.

20 Jahre Soloalbum. Via Katrin Scheib

No encore. Aretha.

Der Tierarzt aber hat sein Kälbchen wieder und Kälbchen hat den Tierarzt wieder.
Anna Calvi singt dazu.

Feindliche Linien

Sie sagen so schlimm wie dieses Jahr, war es noch nie.

So viele. Überall. Ganz plötzlich.

Eine Epidemie.

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

Sogar in den Pflaumen.

Aber die Pflaumen habe sie ohnehin nie gegessen wegen der Würmer.

Man müsse handeln.

In Zuckersirup ertränken, sei noch zu milde.

Sie erschlagen mit einer Zeitung von vorgestern sei noch nicht Strafe genug.

Ausräuchern müsse man sie.

Mit Gift müsse man ihnen beikommen.

Früher habe es so viel Gift beim Drogisten gegeben. Auch gegen anderes Ungeziefer habe man einfach ein Mittel gefunden.

Humanität sei etwas Schönes, aber habe auch ihre Grenzen.

Ihnen die Flügel ausreißen sei ein guter Anfang. Aber auch schwierig.

Auf jeden Fall müssten sie spüren, dass es so nicht ginge.

Andere Seiten müssten aufgezogen werden, um zu zeigen wer der Herr im Haus ist.

Der Herr im Haus kann auch eine Dame sein.

Die Herren überlegen, ob man ihnen nicht auch mit Hilfe eines Hammers zu Leibe rücken kann. Das wäre eine Maßnahme, die Farbe bekennt.

Die Frauen sagen es ist eine Schande, dass es noch immer kein wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung gibt. Das beträfe doch auch Kinder. Das empöre sie am Meisten. Das noch immer nichts unternommen wurde.

Die Kinder sagen sie. Die Kinder. Es geht doch um die Kinder.

Dann beginnen sie wieder von vorn.

Aurotten. Erschlagen. Vergiften. Den Gar rausmachen. Sich nichts bieten lassen. Keine Rücksicht mehr nehmen. Zu allen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen.

Die Tierschützer sagen sie machen sich ja lächerlich. Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann wäre doch allen geholfen.

Das ist alles die Schuld von diesem Greenpeace sagen sie.

Das müsste man verbieten. Oder noch besser, man müsste sie diesen Biestern ausliefern. Dann würden sie schon sehen, was sie davon hätten.

Es sei nicht zu begreifen, warum man nicht in aller Härte gegen sie vorginge.

Der Tierschutz hätte ohnehin zu viel Macht.

Wie die schon aussehen.

Früher hätte man im Garten sitzen können, ganz ungestört.

Was hätte man früher nicht für schöne Sommer im Garten verbracht.

Das waren lustige Zeiten als Onkel Kurti beim Sherezade Spiel Cleoptra zog und einen Bauchtanz vorführte, dort drüben unter der Kastanie. Die war damals viel kleiner. Bauch hatte er ja Onkel Kurti, so wie Heinz Erhard, man konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Einmal hat Onkel Kurti Dreirad gezogen und ist wirklich dreibeinig über die Terrasse gerobbt. Es muss davon noch Dias geben, irgendwo unten im Keller. Onkel Kurti ist schon lange tot. Der Dia-Projektor ist kaputt. Es gab süßen Moselwein damals, in den kleinen Gläsern, in die man immer nur ein winziges Schlückchen goss und dabei so herrlich heiter wurde, obwohl man doch nur hin und wieder ein bisschen nippte, wenn es Kurti gar zu arg trieb. Was haben wir gelacht. Ganze Abende lang unter dem Sonnensegel. Ohne auch nur ein einziges Mal belästigt zu werden.

Aber das sei alles Vergangenheit.

Kaum hätte man sich hingesetzt, seien sie schon da.

Setzten sich auf den Käse, die Butter, den guten Schinken. 4,69 pro 100 Gramm bei Butter Lindner. Selbst wenn man alles in Dosen und Butterbrotpapier verpackte geben sie keine Ruhe und machen alles zunichte. Unerträglich seien sie und unerschütterlich.

Räucherkerzen hätten nichts bewirkt.

Bei Tchibo gab es Tennisschläger mit eingebautem elektrischem Schlag, genau wie der elektrische Stuhl in den USA, Zapp und dann ist alles gelaufen. Probiert haben wir es natürlich, aber zweimal hat er sich selbst versengt mit dem Tennisschläger, er war nie besonders praktisch veranlagt und der Brandgeruch macht Übelkeit, jetzt liegt der Schläger im Keller bei dem kaputten Dia-Projektor.

Nichts würde helfen.

Ganz hysterisch sei sie schon, sagt sie.

Sie würde auf ein Brötchen sehen und da hockten sie schon. Grinsende Gesichter. Sie schliefe schlecht und immer wieder würde sie Nachts aufwachen und davon träumen sie verschlucke einen von ihnen und dann wache sie schweißgebadet auf. Es müsse endlich etwas passieren.

So ginge das nicht weiter.

Ausnahmen dürfe es nicht geben.

Es müssten endlich Fakten geschaffen werden.

Das sagen die Nachbarn rechts und links des Gartenzaunes zu mir.

Ich lese die Äpfel und Birnen und auch die Pflaumen auf die im Gras liegen.

Ich mache Apfelmus und Apfelkuchen, Birnenkompott und Pflaumenmus.

Aber niemand sonst, hat etwas übrig für das Fallobst außer den Wespen.

Eine Handvoll lasse ich übrig für die Wespen, die im Garten wohnen.

Wir stören uns nicht.

Einmal hat sich eine Wespe in meinem Haar verfangen. Aber in meinem Haar haben sich schon ganz andere Dinge verfangen und bald flog die Wespe davon.

Es ist schade denke ich um die alten Apfelsorten, die Augustbirnen, die dicken, weichen Pflaumen, die im Gras verfaulen.

Alle Wespen sagen sie und schütteln die Faust.

Was aber die Wespen denken über die Menschen weiß ich nicht.