Sonntag

Der tierärztliche Neffe schluchzt.

Er schluchzt trotz der heissen Waffeln auf dem Tisch dick mit Puderzucker bestreut und er schluchzt auch dann noch als ich Schokoladenstreusel und Kirschen in der blauen Schüssel mit den weissen Punkten dazu stelle. Schokoladenstreusel und Kirschkompott liebt der tierärztliche Neffe nämlich noch mehr als den dicken Puderzucker.

Aber heute helfen die Waffeln nicht.

Meine Trostversuche laufen ins Leere.

Selbst die Katze, die auf eine Waffel spekuliert, verzieht sich in ein anderes Zimmer, denn ihr sind überbordende Gefühlsäusserungen, die sich um etwas anderes als ihren Anteil an der morgendlichen Milch drehen, fremd.

Dafür kommt der Hund in die Küche getappt und der untröstliche Neffe springt auf und schlingt die Arme um den Hund, der Hund hält Pfoten und Fell hin und der Neffe schluchzt ins Hundefell. Der treue, alte Hund seufzt und der Neffe weint.

Die T. steht in der Küchentür und wispert: „Ein Unfall? Eine schlechte Schulnote? Probleme daheim?“

Ich schüttele den Kopf und flüstere: „Leinster ist Toulouse im Rugby unterlegen.“

Oje.

Oje.

Aber verloren ist das Spiel eben doch. 20: 10.

Irgendwann aber bekommt der Neffe einen Schluckauf, ich reiche Taschentücher und ein kaltes Handtuch.

Der Hund hat nasses Fell.

Dann doch Waffeln und Huhn für den grossen Tröster Hund.

Mit Extra Kirschen und Streuseln flüstert der Neffe.

Ich nicke.

Klar doch.

„Ob die Rugby-Spieler wohl auch ein Trostfrühstück bekommen?“, fragt er mich.

Ich bejahe das ganz unbedingt.

Die Katze späht durch die Küchentür.

Die Erleichterung ist ihr anzusehen.

Natürlich ahnt sie etwas vom Hund und Huhn und ich beeile mich auch ihr ein Tellerchen zu richten.

Ein Fräulein kann am Morgen nicht nur Katastrophe um Katastrophe ertragen.

Der Waffelberg schrumpft, der Hund schläft und die Katze beginnt einen meiner Schuh zu malträtieren. Alles wie immer also.

Ich sehe zum Neffen herüber.

„Komm, sage ich die Nachbarn haben uns eingeladen zum Trampolin springen, wenn wir nur hoch genug hüpfen, dann fällt die Traurigkeit wieder heraus!“

Der Neffe nickt und dann springen wir hinauf und hinab bis der Neffe schliesslich ermattet auf dem Rücken liegen bleibt und ich seine Nasenspitze mit einem Löwenzahnblatt kitzle.

Dieser alte Trick funktioniert auch bei Mannschaftssportschmerzen noch immer gut.

Der Neffe kichert nämlich.

So ein Glück.

Ich kichere mit und irgendwo mit den Wolken verschwindet die grosse Traurigekit über das verlorene Spiel.

Noch einmal Glück gehabt.

Später am Nachmittag bringe ich den tierärztlichen Neffen zu einem Kindergeburtstag.

Don’t mention the rugby, sagen die anderen Frauen und Männer die Kinder bringen.

Ich verhalte mich still.

So ein Glück für mich dieses Kind, so ein Glück.

Am Abend gehe ich zu einer Tanzaufführung.

Es ist erstaunlich wie sich das Publikum zwischen Konzerthaus und Performancetheater unterscheidet.

Im Konzerthaus sitzen ältere Damen mit Strickpullundern und vielen Erinnerungen an Schulorchester und vielleicht einmal auch an einen begabten, jungen Geiger aus Budapest, der für ein paar Wochen in Tipperary mit seinem Kammerorchester probte, sie trinken Tee vor dem Konzert, sie sind enthusiastische Zuhhörerinnen, muss jemand husten, so findet sich in ihren Taschen gewiss ein Brustbonbon.

Im Performancetheater aber sitzen die Ironiker der Stadt. Sie tragen Statementketten und trinken Weisswein mit Eiswürfeln. Sie haben alle unauffällig Jutebeutel mit amerikanischen Tanzfestivalaufdrucken dabei und sie lächeln mit kühler Überlegenheit über die Lage der Welt. Sie vergelichen Restaurants uns Affären. Abgelegte Liebhaber gewinnen nicht in ihren Gesprächen.

Aber das eigentlich Irritierende ist, dass sie lachen mitten in der Vorstellung, mitten in diesem Tanz, der nichts Leichtes hat, sondern sich mit der Frage befasst, wie viel Platz wir uns nehmen, dort wo wir leben. Ein Mann tanzt auf einem quadratischen Tisch, wärehnd die Hände der Anderen nach seinen Beinen fassen. Lange Minuten geht das so und das Lachen rollt druch den Saal. Das Lachen über den, der da entkommen will. Er entkommt nicht. Das Publikum lacht lauter. Vielleicht glauben ja ausgerechnet die Ironiker an die gerechte Strafe?

Ich gerne zum Tanz und ins Theater, aber gern bin ich nicht im Theater, denn ich fürchte mich vor dem schneidenden Lachen.

Vielleicht bin ich deshalb im Konzerthaus zu Hause.

Ich warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht.

Eine Gruppe Mädchen trifft auf eine Gruppe anderer Mädchen.

Fast zeitgleich bücken sich je ein Mädchen der beiden Gruppen nach etwas, das auf dem Boden liegt.

Beide wollen ihr Recht geltende machen.

Keine will das was sie aufheben jede an ihrer Seite preisgeben.

Schon kommen die Freundinnen hinzu.

Erst Geschrei, dann ein erster Rempler, dann Beschimpfungen, es fliegt ein Basecap, dann knallt eine Ohrfeige in ein Gesicht, zwei Mädchen ziehen einem dritten hart und schmerzhaft an den Haaren. Zwei umstehende Männer fangen an zu filmen, dann endlich gehe ich herüber zu den Mädchen. Ich sage so laut ich kann: STOP IT. THAT’S MINE. Dabei weiss ich noch immer gar nicht, um was die Mädchen sich eigentlich schlagen. Sie starren mich an. Ich bücke mich und in meinen Händen liegt einen abgebrochene Schnalle einer Louis Vuitton Tasche. „Die ist echt“ sagt eines der Mädchen, aber in ihrer Hand ist auch ein Büschel Haare. Lets fuck off, sagt die eine Gruppe zur anderen Gruppe und dann rennen die beiden Mädchengruppen in jeweils entgegengestezte Richtungen davon.

Ich werfe die Schnalle in den Papierkorb.

Dann kommt der Bus.

Zuhause wartet der Hund.

Langsam gehen wir hinunter zu den Kastanien.

Was für ein Tag, sage ich.

Der treue, alte Hund nickt

16 thoughts on “Sonntag

  1. Verehrtes Fräulein,
    ich lese seit sehr langem in Ihrem Blog mit und danke sehr für die Möglichkeit der Teilhabe an ihren wunderlich-wunderbar-traurig-fröhlich-optimistisch-klugen Lebensbetrachtungen.
    Aber warum komm ich seit heute nur noch durch die Hintertür (twitter-link) auf den Blog? War was? Muss ich mir Sorgen um Sie machen? Gestalkt worden?
    Jaja… ich KÖNNTE auch über die wordpress-seite um Einlass bitten…. aber… muss das wirklich?

    • Nein, keine Sorgen, auch keine Einlassbitten nötig. Ich habe im letzten Jahr ja dieses Blog mit allen DSVGO Vorgaben umgezogen und ein Jahr lang für die Weiterleitung auf die neue Adresse bezahlt und finde ein Jahr ist genug eine Adresse im Webbrowser zu ändern https://readonmydear.com
      Die andere Seite ist einfach stillgelegt.

  2. „So ein Glück für mich dieses Kind, so ein Glück.“
    Ein großes Glück, für Sie beide. Es rührt mich jedes Mal.

    Wie Sie das nur immer wieder schaffen, dass man dem Neffen tröstend übers Haar streichen und dann die Hand ins weiche, warme Fell des Hundes stecken möchte. Und natürlich von den Waffeln probieren (mit Kirschen und Puderzucker ❤).
    Wenn auch nur ein Bruchteil dessen, was Sie geben und aussenden, zu Ihnen zurückkehrt, sind Sie reich beschenkt. Ich wünsche es Ihnen von Herzen.

    • So ein großes Glück, wirklich. Ich hoffe das bleibt noch ein bisschen so.
      Waffeln sind hier immer in ausreichend grosser Menge vorhanden….

  3. Ach, gut zu wissen dieses Trampolindings. Ich werde mir dann mal hier angucken, wo ich hüpfen gehen kann, wenn unsere Mannschaft mal wieder… nicht dran denken. Aber Waffeln lieber erst hinterher.
    Alles Gute – auch für Hund, Katze und Neffen (und seine Lieblingsmannschaft)
    Ilka

    • Trampolin springen ist super. Das Trampolin muss nur gross genug sein, damit man nicht garstig herunterstürzt.
      Die guten Wünsche gebe ich alle gern zurück.

  4. „….sage so laut ich kann: STOP IT. THAT’S MINE.“

    Genial, während zwei sich streiten, handelt die dritte‘ 😘

      • Trampolin springen, damit es die Traurigkeit rausschüttelt… das muss ich mir merken. Ich danke für den Tipp.
        Als das Talent zu Schreiben mal auf dem Boden lag und jemand anders es aufheben wollte, haben Sie auch: „STOP IT. THATS MINE!“ gerufen, nicht wahr?

      • Das mit dem Hüpfen funktioniert ganz hervorragend.
        Über das Schreiben indes bin ich gestolpert…..

  5. Der Neffe hat eine so tolle Tante! Ein rundum schöner Text. Bewegend und genau, klug und gewitzt und mutig. Dankeschön.

  6. Wenn nur die Schnalle meine wär!
    Man sieht doch gleich ganz anders drein.
    Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
    Das ist wohl alles schön und gut,
    Allein man läßt’s auch alles sein;
    Man lobt euch halb mit Erbarmen.
    Nach Taschen drängt,
    An Taschen hängt
    Doch alles. Ach wir Armen!

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