Inmitten der Hunde

Ich träume nicht mehr oft von den schwarzen Hunden. Aber manchmal träume ich doch noch von ihnen. Dabei ist es gleich zu sagen, dass die Hunde nicht immer oder ganz ausschliessliche nur schwarze Hunde sind.
Der Traum aber ist immer gleich. Ich stehe auf einem Bahndamm. Die Schienen sind fast verschwunden unter dem hohen Gras. Die Disteln am Rand der Gleise sind fast so hoch wie ich. Dazu gehört nicht viel, im Traum nicht und ausserhalb des Traumes auch nicht, denn ich bin nicht gross. Hoch stehen die Disteln, aber wie man weiss sind die Disteln der Einen, die Rosen der Anderen.

Eine alte Signalschranke mit einem fast verrosteten roten Schild steht an den Schienen: „Achtung“ steht auf dem Blech. Dabei kommt hier schon seit vielen, vielen Jahren kein Zug mehr vorbei. Das sieht man auf den ersten Blick, hier haben ja längst das Gras, die Disteln, der Rost, auch ein paar Hasen der Welt der Züge lange schon den Rücken gekehrt. Es ist immer Sommer, in diesem meinem Traum. Spätsommer sogar, der Sommer kippt schon langsam vornüber, es riecht nach verfaulten Äpfeln im Gras in denen sich die Wespen verbeissen und nach den Brombeeren und ihrer scharfen Süssigkeit an deren Ranken man sich die Beine zerkratzt. Auch im Traum habe ich zerkratzte Beine, aber keine Brombeeren in der Hand. Den Wespen gehe ich vorsichtig aus dem Weg. Heiss ist es in diesem Traum, auch wenn die Sonne schon eine späte Sonne ist, in ihrem Schatten ist es kühl, aber da wo ich stehe mitten im Gras, neben den Disteln und den Brombeeren. Ich kann die Wespen hören, die sich den Apfel teilen irgendwo vor mir im Gras, aber ich bücke mich lieber nicht nach ihnen. Einen Apfelbaum hingegen kann ich nirgendwo sehen. Aber vielleicht sehe ich mich auch nur nicht richtig um.

Ich mache nichts, wenn der Traum beginnt, ich stehe nur in der heissen Sonne und sehe auf die verrosteten Schilder. Achtung. Manchmal, aber nur ganz selten balanciere ich auf den alten Gleisen. Aber meistens stehe ich einfach nur im Gras und sehe in die Ferne. Ob ich schwitze, weiss ich nicht, aber kalt ist mir nicht. In meinem Traum. Vielleicht zähle ich die Wolken oder wickle mir einen Grashalm um den Finger, aber das alles weiss ich nicht, denn dann kommen die Hunde. Immer glaube ich erst ein Gewitter zöge auf, denn ich halte die Hunde zunächst einmal für eine Wolke, die sich drohend am Himmel zusammen zieht und es stimmt auch nicht, dass es nur schwarze Hunde sind, die da kommen, denn die Hunde die von weit, weit her auf den Bahndamm sie sind durchaus auch braun, bunt gefleckt, karamellfarben, weiss und grau, aber der erste Hund, der auf mich trifft, hat eine linke schwarze Vorderpfote und ich falle um, dann kommen die anderen Hunde, ein ganzer Pulk voller scharfer Pfoten, hängender Lefzen, schnappender Kiefer und dem Geruch von Blut. Ich aber mache nichts.

Ich liege einfach nur in dem heissen Gras, mein Haar verfängt sich in einer Distel, die Hunde aber nehmen mir die Schuhe ab, zwei der Hund verbeissen sich hässlich ineinander. Einer stirbt über die Frage, wem mein Schuh wohl gehört. Dann aber zerteilen die Hunde langsam mich. Erst die Beine, dann die Arme, Hände, den Brustkorb und was es sonst noch so an mir gibt. Sehr viel ist das nicht, denn ich bin nicht gross. Mich kümmert das bis auf den Atem der Hunde alles nur sehr wenig, denn ich liege ja mitten im Gras in der noch immer brüllenden Hitze und zähle die Wolken oder die Kronen der Distel.
Die Zähne der Hunde bemerke ich kaum. Ich schliesse die Augen und so sehe ich nicht, ob die Hunde meine Knochen mit sich nehmen oder sie gleich an Ort verzehren. Mir sind die Wolken näher als die mahlenden Kiefer der Hunde. Irgendwann haben die Hunde genug von mir und nur noch mein Kopf liegt auf den alten, schon so lange nicht mehr benutzten Gleisen.

Es ist keine unbequeme Haltung in der ich da liege, ich hätte nur gern einen Arm denke ich mir, denn die Fliegen kann ich so schlecht von meiner Nasenspitze verscheuchen, aber das ist nicht zu ändern. Die Hunde knurren irgendwo von fern unter einer Kiefer, vielleicht schlafen auch sie mit meiner Hand im Magen. Auch ich im Traum schliesse die Augen, als ich sie wieder öffne steht vor mir ein Mann mit einenm langen Ledermantel. Der Ledermantel verfängt sich in einer Distel. Er hat kein Gesicht, sondern nur eine Stimme. Er sagt: Wir kennen uns hier. Sie kenne ich nicht. Er pfeift drei Takte eines Liedes, das ich nicht kenne und schon scharen sich die Hunde um ihn. Ihre Zungen kleben an seinem Mantelsaum und langsam gehen sie wieder davon. Dann wache ich auf. Der Traum aber ist fast so alt wie ich es bin.

18 thoughts on “Inmitten der Hunde

  1. Was für ein unglaublich krasser Traum. Weißt du, warum er dich begleitet und was die Hunde bedeuten? (Ich nehme es an.) Ob ich wünschen darf, dass er sich in Luft auflösen möge, dieser Traum, und mit ihm all das, was ihn auslöst. Hm. So Wünsche sind schwierig. Ich wünsche dir auf jeden Fall die Kraft, solchen Träumen etwas entgegenzuhalten.
    Aufwühlend daran ist, wie passiv du dabei bist. (Andererseits kenne ich das aus meinen eigenen Albträumen.)
    Mögen die Nächte immer weniger werden, an denen du Alben träumst.

  2. „Der Traum aber ist fast so alt wie ich es bin.“

    Dann wissen Sie vermutlich, welche Botschaft Ihnen auf „dem Königsweg des Unbewussten“, (Freud) mit geteilt wird?

      • Habe mal an einem Traum-Seminar teilgenommen, und eine Methode zum Entschlüsseln von Traum-Botschaften war die, sich mit den im Traum aufgetauchten Personen, Landschaften, Tieren, Gegenständen…. die einen zuvörderst beschäftigten, zu identifizieren und diese sprechen zu lassen.
        Phantasie und Kreativität können sich bei dieser Art von ‚Traumdeutung‘ voll ausleben 🙂

        Diesen vielschichtigen Traum, den Sie uns erzählt haben, könnten Sie somit gleich selbst befragen, warum er immer wieder in Ihrem Leben auftaucht?

        Hilfreich dürfte sein, sich bei dieser Art von ‚Traum-Arbeit‘ von vertrauenswürdigen, fachlich versierten Menschen begleiten zu lassen.

      • Spannend. ich muss da allerdings sehr vorsichtig sein. Ich habe eine ganze Zeit lang sehr intensiv Traeume gedeutet und das hat zu solchen Schrecken gefuehrt, dass ich am Ende nicht mehr schlafen konnte…

  3. Puh, das klingt ja gruselig! Ich habe mal etwas über transgenerationale Traumata und damit zusammenhängenden Träumen gelesen, daran erinnert mich Ihr Traum.

    • Ja, es ist ein sehr unbequemer, ein nicht eindeutig deutbarer Traum. Ich hätte gern meine Grossmutter gefragt, ob sie so ähnlich träumte, aber aus irgendeinem Grund habe ich es niemals getan.

  4. Ich finde den von Ihnen geschilderten Traum in vielerlei Hinsicht beängstigend. Der Gegensatz von idyllischer Natur und der blutrünstigen Hundemeute zum einen. Andererseits Ihre völlige Wehrlosigkeit, Ihre Passivität.
    Wenn dieser Traum Sie schon so viele Jahre begleitet, haben Sie sicher schon die Bedeutung dahinter herausgefunden. Dennoch denke ich, dass einen solch ein Traum immer in Angst und Schrecken versetzt und wünsche Ihnen also, dass Sie diesem Traum eines Tages entkommen und tief und ruhig schlafen können.

    • Ja, es ist ein ganz und gar erstaunlicher Traum, der mich nie so ganz loslässt. Wer weiss, vielleicht ändert er sich doch noch einmal.

  5. Meine Güte! — Bemerkenswert finde ich, dass Ihr Traum-Ich keine Angst hat und in gewisser Weise hinnimmt, dass Ihnen nicht nur ihr letztes Hemd, sondern alles genommen wird. Fast alles. Denn Sie sind im Grunde ja noch da.

    • Ja, das erstaunt mich auch immer wieder. Das völlige Ungerührtsein und selbst das Ausbleiben noch des kleinsten Phantomschmerzes verwundern mich sehr.

  6. Liebes Fräulein, ich hoffe sehr, dass dieser Traum nicht auf wahren Gegebenheiten des Ausgeliefertseins und sich davon abschotten um es zu überleben basiert. Es wünscht Ihnen einen ruhigen Schlaf, S.

  7. Fraeulein Readon, die ueberwachsenen Bahnschienen, der Ledermanteltyp mit den Hunden und das „Achtung“ Schild in Ihrem Albtraum lassen bei mir gerade nur eine Art von Assoziation entstehen. Es ist aber Ihr Traum und nicht meiner oder unserer, deshalb kann auch jede Assoziation oder Bedeutung die mehr als Raten sein moechte nur die Ihre sein.

  8. Ein sehr interessanter Traum.
    Es gibt außer Freud und Jung auch noch andere Traumdeutungsansätze. Darin geht es gar nicht so sehr darum, was und wer im Traum alles vorkommt, sondern wie man sich währenddessen fühlt, wenn etwas mit einem gemacht wird bzw. selbst etwas tut.
    Von daher finde ich Ihre Passivität und den fehlenden körperlichen Schmerz beim Außereinandernehmen Ihres (im Traum physischen) Körpers bemerkens- und vor allem interpretierenswert. Genauso wie das Nähegefühl zu dem, was sich über Ihnen in weiter Ferne befindet, als zu dem in der unmittelbarer Nähe (Ihrem eignen Körper/Leben).

  9. Was für ein verstörender Traum.
    Ich habe auch so einen, der mir folgt seit ich denken oder gar träumen kann.
    Er ist anders, aber auch nun ja.Und das deuten lasse auch ich lieber sein.
    Manchmal fällt mir im Traum ein, dass es ja der Traum ist.
    Manchmal gelingt das nicht.
    Und manchmal frage ich mich, ob ich wohl noch ich bin, wenn ich denn aufhörte diesen Traum zu träumen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.