Sonntag

Nach Monaten der Abwesenheit wieder eine Nachtschicht.

Ich habe nichts vergessen. Für einen Moment war ich mir nicht sicher. Ich bin mir über fast nichts mehr sicher.

Die Kollegen aber nickten, eine Hand auf meiner Schulter. Du bist zurück, das ist gut. Es ist eine warme Hand und eine leise Stimme.

„Es ist gut“, sage ich mir.

Dann übernimmt die Nacht. Die Nacht riecht nach Pfefferminzschnaps auf dem grünen Linoleum, nach Sterilium, seifigen Früchtetee, nach blutigen Lippen, nach Familien denen die Worte verloren gegangen sind und nach der ganzen Verzweiflung zu denen Menschen in der Lage sind. So viel Verzweiflung liegt in den Menschen.

Manchmal beschwören die Verzweifelten, dass sie trotz allem doch gute Menschen seien. Ich möchte Ihnen versichern,dass das Mensch-Sein doch kein Beweisverfahren ist, doch wenn wir uns treffen die Frauen mit dem geschwollenen Auge und ich, dann ist es immer schon fast zu spät.

Irgendwann endet die Nacht.

Wir stehen noch einen Moment zusammen, auch wenn die Tagschicht schon da ist, wir stehen zwischen den Metallspinden und den Duschen, die immer nur glutheisses oder eiskaltes Wasser haben, unter der tickenden Uhr stehen wir, müde Gesichter. Wir müssen uns erst wieder erinnern, an unsere Haare und Brauen, an die Kinnpartie und die Lippenbögen. In der Nacht vergisst man sich ganz.

„Es ist gut“, sagt der Kollege noch einmal.

Ich nicke und stehe unter dem ganz heissen Wasser.

„Es ist gut“, sage ich mir und auf dem Parkplatz suche ich gar nicht erst nach dem Tierarzt, der doch am Volvo lehnte, sondern ich fahre gleich ans Meer.

Das Autoradio spielt eine Bachmotette. Ich hatte vergessen, dass ja Ostern ist. Natürlich, denke ich, in der Nacht vergisst man alles.

Nur schnell vom Parkplatz herunter, um nicht doch nach dem Tierarzt Ausschau zu halten.

Das Dorf schläft noch aber das Meer schläft nie. Es rollt mir über die Füße, erst dann steigt es mir bis an die Beine, dann wache ich auf und schwimme in die kalte See hinaus.

Mit blauen Lippen zurück ans Land.

Aber die Nacht ist verschwunden im Meer, vielleicht war es die letzte Welle. Vielleicht auch schon die davor.

„Das ist gut“, sage ich mir.

Die Frau im Radio ist aufgekratzt. „Heute wird ein schöner Tag“, sagt sie.

Die Frau des Krämers schliesst gerade auf.

Ich tropfe auf den frischgewischten Boden, aber sie sagt nichts.

Heute ist Ostern, die Frau des Krämers hat sich den Glauben an das Wunder von Ostern bewahrt.

Sie zeigt mir ganz stolz ihre geröteten Knie.

Am Freitag habe sie gekniet in der Kirche. Lange.

Sie sagt es stolz. Sie hat ihren Anteil am Osterfest schon geleistet.

„Ostern ist das Fest der Frauen“, sagt sie. „Die Männer haben ohnehin immer alles verschlafen.“

Sie ist sich ihrer Verantwortung zurück.

Als sie ein Kind war, da war sie neidisch nicht auch Maria oder Magdalena zu heissen.

Dann bekomme ich doch einen Himbeerscone und einen so starken Tee, dass auch ich für einen Moment die Möglichkeit der Auferstehung nicht gänzlich ausschliessen will.

Ich sehe bei Kälbchen vorbei.

Kälbchen steht im Sonnenlicht und döst.

Aber dann kommt es doch und stösst mich fest in die Rippen.

„Es ist gut“, sage ich, „Kälbchen, du und ich.“

Kälbchen wälzt sich im feuchten Gras.

Ich fahre fort.

Ein paar Stunden im Bett, dann gehen der treue, alte Hund und ich zum Fluss.

Wir bewundern die Enten beim Sonntagsausflug.

Ich lese die Zeitung nach.

Der Hund seufzt selig im Schlaf.

Ich schenke der T. und all den anderen Hausbewohnern gestrickte Enten mit einem Ei im Bauch.

Die Enkellinnen von T. natürlich auch. Die Kinder muss man bewundern. In fünf Minuten nur wird aus dem Küchentisch ein wildes Meer auf dem die Enten wilde Abenteuer erleben, mit Piraten und dem Topflappenkrokodil. Die Enten gehen auf Kaperfahrt und wirklich man soll die wilden Enten nicht überschätzen.

Ich liege auf dem Sofa und sehe in den Wind, die Sonne, den Himmel, die Katze liest auch die Zeitung nach und ich lese den Brief von O.

Den O. habe ich gebeten aufzuschreiben wie es war damals in Berlin nach dem 8. Mai 1945.

Der O. schreibt mir aus dem Winter 1946. Es muss ein kalter Winter gewesen sein, ein Winter ohne Holz, da bekamen die Haushalte Baumwurzeln zugeteilt, die sie ausgraben sollten, aber der Boden war zu tief gefroren. Die Jungs der Strasse hatten eine Handgranate gefunden, aber die Handgranate riss nur einem Jungen die Hand ab. Aber der Boden blieb doch gefroren und O.´s Mutter verfeuerte schliesslich den letzten Schrank. Der Junge mit der zerfetzten Hand sollte sich nicht beschweren, sagten die Nachbarn. Es wohnten Mütter im Haus, da seien fünf Söhne gefallen.

Vor meinem Fenster spielt die Sonne verstecken mit den leichten, grünen Blättern.

Die Frau im Radio hat ja Recht. Es ist ein schöner Tag.

Vielleicht denke ich und lege den Brief aus der Hand, vielleicht weiss man nichts über den Krieg bis der Krieg schliesslich kommt.

Die Sonne wirft mir glitzernde Sprenkel auf die Hände.

23 thoughts on “Sonntag

  1. Liebes Fräulein Read On,
    so oft, wenn ich hier lese, möchte ich Ihnen das Leben leichter machen und weiß doch, dass das nicht möglich ist. Weil das Leben eben nur für die leicht ist, die sich weigern seine Last zu schultern. Vielleicht können Sie ja Trost in der Tatsache finden, dass völlig fremde Menschen Anteil nehmen und für Sie, für ihre Zukunft hoffen.

      • Ja, das denke ich auch. Aber es gibt eben immer wieder Momente, die für alles entschädigen. Und wer so sehr Anteil nimmt, so tief liebt wie Sie, wird solche schönen Momente wieder erleben.

    • Der oder die Kriege sind doch bereits da: Deutsche Soldaten sind in Kriegseinsätzen in Afghanistan, Mali und zehn weiteren Ländern. Deutsche Waffenexporte bringen Tod und Vertreibung.

      • Stimmt, Ute Plass. Aber viele Menschen hier spüren ihn nicht, er ist woanders. Und die Fantasie fehlt. Sonst gäbe es keine Hassreden und -taten gegen Menschen, die davor fliehen müssen. Und deshalb sind auch wir nicht auf ewig davor geschützt.

        Über 70 Jahre Frieden wiegen uns in einer Sicherheit, die es nicht gibt. Das ist die Gefahr, die wir erkennen müssen.

      • Ich denke auch, dass Wiegen in der Sicherheit ist schnell fatal, zu schnell vergessen wir, was wir doch nicht vergessen dürfen.

      • @Trulla – „Über 70 Jahre Frieden wiegen uns in einer Sicherheit, die es nicht gibt. Das ist die Gefahr, die wir erkennen müssen.“

        Ja, darüber sprach Franz Alt auf der Friedenskundgebung im Rahmen der diesjährigen Ostermärsche, an denen sich erfreulicherweise auch junge Klima-AktivistInnen beteiligten.

      • Ja ich sehe Ihren Punkt, aber ich glaube schon lange nicht mehr, dass wir die Kriege überhaupt wahrnehmen als etwas was uns angeht.

  2. Die Nachtschichten sind so kräftezehrend, sind Sie sicher, dass Sie sich nicht zu viel zumuten?
    Ich möchte Sie gerade gern umarmen; vielleicht liegt es an den Nachtschichten, an Kälbchen, an den Enten oder auch am Meer (wo ich auch gerade bin). Genau weiß ich es nicht, aber wenn Sie mögen, fühlen Sie sich bitte fest gedrückt.
    Viele Grüße von Meer zu Meer.

    • Ich mag diese Aufgabe sehr und da ich so wenig habe, was mich hält, hilft es vielleicht doch.
      Von Meer zu Meer, das sind doch ohnehin die schönsten Grüsse.

  3. Danke – im Namen der Menschen, die das Danke vielleicht nicht über die Lippen bringen in jenen Nächten.
    Vielleicht sogar – wer weiß? – im Namen der Krämerin?

    Kälbchen und Meer – ach, das Herz tut mir mitweh.

    💕

  4. Man kann das Leid der Welt nehmen, es zur Lauge machen, um sich dann darin aufzulösen.
    Man kann ebenso das Leben an sich nehmen, dass unfassbar schön ist. Mit allem was es in sich trägt.
    Es ist immer eine persönliche Entscheidung.
    Ihnen, liebe Frau Readon, alles Liebe!

    • @Christine
      Vllt. liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Das Leben ist schön, ohne Zweifel. Dennoch glaube ich nicht, dass man selbst mit rosaroter Brille alle Probleme und Missstände unserer Zeit einfach übersehen oder weglächeln kann.

    • Ich glaube ja schon, dass wir alle und jeder auf seine Weise in der Verantwortung sind, für uns und für die Welt in der wir leben wollen.

      • Das ist es, was mich seit Jahr und Tag immer wieder treibt und trägt.
        Für mich gehört dazu auch, Menschen dafür zu gewinnen, dass sie( Ihre Worte), „..Kriege überhaupt wahrnehmen als etwas was uns angeht.“

  5. Eine feste und tröstliche Umarmung schicke ich Ihnen und meinen Dank, dass Sie uns nicht nur an Ihren Geschichten teilhaben lassen, sondern mit Ihren Geschichten ganz oft auch unsere eigenen Erinnerungen wieder ans Licht bringen.

    Im 1946er Jahr hat auch meine Großmutter ihren Bücherschrank im Ofen verfeuert, weil der Winter so unsäglich kalt war und es kein Brennmaterial mehr gab. Dieser Schrank hatte bleiverglaste Türen mit grünem, blauem und weißem Glas. Sie hat es nicht über das Herz gebracht, die Türrahmen zu verfeuern. Als sie 1957 starb, war ich 5 Jahre alt und später verblasste die Erinnerung an sie. Im Sommer 1994 fand ich diese Schranktüren im Keller meiner Eltern. Ich habe sie mitgenommen und von einem Möbelschreiner einen neuen Schrank darum bauen lassen. Nach einer Lebensreise durch halb Deutschland und die USA steht er immer noch in meinem Wohnzimmer und erinnert mich an sie.

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