Keine Kompassnadel

Zum ersten Mal seitdem ich denken kann, habe ich in diesem Jahr keinen Pessachputzplan gemacht. Ich habe keine Kisten mit weizenhaltigen Lebensmitteln in Kisten gepackt und mit einem Geschenkkorb zusammen bei den Nachbarn eingelagert wie in jedem anderen Jahr. Auch wenn die Frau des Krämers natürlich missbillgend den Kopf schüttelte: „Immer diese Ausländer.“ Aber aufbewahrt hat sie die Kisten doch.
Aber in diesem Jahr lebe ich ja nicht mehr in einem kleinen irischen Dorf und neben mir und dem alten, treuen Hund und der eigensinnigen Katze leben ja auch T. und J. und A. und S. im Haus fernab des ewig rollenden Meeres. T. und J. und A. und S. aber wollen natürlich Marmeladenbrote und ein wachsweiches Ei mit Butterfingern aus Toast am Morgen und warum soll ein gewöhnlicher Jude es ihnen verweigern. So ist das also in diesem Jahr und so bleiben Brot und Croissants, Spaghetti und Griess in der Speisekammer und das Pessachgeschirr ist eingelagert irgendwo vor Dublin. Aber mir zucken die Fingerspitzen gehe ich in die Küche, das ist der Preis der Assimilation, wer heute Jude sein will in Europa der hat angespannte Fingerspitzen.
„Wir sind doch hier nicht im Orient“, sagte damals schon Frau G. zu Frau R., denn auch meine Grossmutter die preussischste unter den deutschen Juden, die doch mit hochgezogenen Mundwinkeln über mein religiöses Eifertum lachte, räumte die Küchenschränke aus vor Pessach. Ihre Ausgabe der ihrer Haggada enthielt natürlich kein Wort Hebräisch, sondern eine ganz und gar deutsche Erzählung der alten Geschichte vom Pharao und dem Auszug in die Freiheit. Meine Grossmutter glaubte so fest wie an kaum etwas Anderes, dass der Pharao den Juden den Weg in ein gelobtes Deutschland gewiesen habe und nicht in ein Land in dem die Wüste und nicht der Liederzyklus Beethovens vorherrrschend waren.
Aber andersherum wusste wohl niemand so genau wie sie warum auf den Tischen zu Pesach auch etwas Bitteres steht. Denn ihr Jerusalem aus Goethe Gedichten und Schumann Quartetten, diese grosse und einsame Erfindung der deutschen Juden, war niemals ohne das bittere Ende zu denken und daran dachte sie wohl, wenn sie vorlas aus der Erzählung, in der doch die Freiheit eine so überragende Rolle spielt. Aber in diesem Jahr bleibt ihre Haggada in der Schublade, denn ich bin ja in der Mondsteinscheibenfabrik und der Pessachteller ist in Zeitungspapier eingeschlagen.
In Irland fällt das nicht auf, in Irland diesem typisch europäischen Land fällt das  nicht auf. Es ist nur eine komische Ausnahme, dass es auch in Irland Menschen gibt, die kein Ostern feiern, aber es spielt keine Rolle, die Erzählung über die Freiheit der Anderen zählen nicht. Dass Irland ein Land ganz fast ohne Juden ist eine Selbstverständlichkeit, es ist ja auch die europäische Norm und so ist auch eine Selbstverständlichkeit. Zum ersten Mal in diesem Jahr also stehe ich nicht in der Küche und mache Matzokneidlsuppe und in diesem Jahr habe ich auch nicht panisch nach Rezepten mit Meerettich gesucht.

Aber auch in diesem Jahr hat mein Vater panisch nach seinem Pass gesucht und die liebe C. wie in jedem Jahr gefürchtet, den Flug doch zu verpassen. Aber in diesem Jahr bin ich auch nicht in Berlin in der ersten und auch nicht in der zweiten Nacht in der doch alles andrs ist, als in den anderen Nächten. Die Mali-Tant wird nicht am Tisch sitzen und sich über die staubtrockenen Matzot beschweren und der Jean wird nicht lächeln als der verliebte Mann, der er ist, denn ich bekomme keinen Flug mehr heraus aus Irland am abend nach dem Büro und ich habe keinen Platz mehr in Irland um die Mali und den Jean zu mir zu holen, manchmal braucht es gar kein Bitterkraut und zum ersten Mal wird diese Nacht genauso gewöhnlich sein wie alle anderen Nächte. Natürlich wird die liebe C. mich spät am abend anrufen, heimlich aus dem Badezimmer der A., die doch Prinzipien hat, sie wird mir sagen, wer der Nichten und Neffen das Stück Matzot gefunden hat, wie grässlich die Hühnersuppe war und was es Neues gibt aus der langjährigen Fehde zwischen der A. und Selina Bodenstein, die doch Reis zu Pesach ißt.
Ich werde lachen und nicken und die liebe C. wird wie jedes Jahr sagen, aber nächstes Jahr, da bist du mit dabei, auch wenn wir wissen, das nächstes Jahr nie kommt. Neben der lieben C. wird es rascheln und ich werde schlucken zweimal, vielleicht auch dreimal, denn das Rascheln kommt von meinem Vater, der ganz vorsichtig Niederegger Marzipaneier auspacken wird, um sie erst mit der lieben C. und dann mit Schwesterchen und der Kinderschar zu teilen.
Viele Jahre lang glaubte ich, der Grund dafür, dass er so hartnäckig auf Eiern und Goldhasen bestünde, hätte etwas mit seiner Abneigung gegen die A. zu tun, aber ich irrte mich. Die heimlich verzehrten Ostereier in der Badewanne in Jerusalem sind sein Versuch sich daran festzuhalten, dass der Exodus aus Ägypten nicht geradewegs nach Jerusalem führte, sondern für viele, viele Generationen nach Europa. Es ist vielleicht das letzte Festhalten am Glauben seiner Mutter, meiner Grossmuter für die die Freiheit zwischen Heinrich Heine und Friedrich Schiller lag. Seine und meine Vorfahren träumten ja nicht von Sderot oder Netanya, sondern von einem freien Leben in Budapest oder Wien oder München. Aber heute in einem Europa in dem Judentum die Ausnahme ist und auch in Irland wo die Abwesenheit jüdischer Erfahrungen eine ganz gewöhnliche Tatsache ist, da suchen wir noch immer nach einer Kompassnadel, die uns in die Richtung weist, wie man heute in Europa als Jude eigentlich leben kann.

9 thoughts on “Keine Kompassnadel

  1. Ach, liebes Fräulein, ich schenke Ihnen eine Umarmung durch den Äther, wenn Sie eine mögen und schreibe mit feuchten Augen.
    Eine Richtung zu leben in diesem, was Europa heißt und noch viel mehr in allem drum herum, was nicht so heißt, erscheint mir, als würde ich auf eine eplieptische Kompassnadel schauen.
    Ostern – ein schöner Gedanke, aber wer und wo hält sich daran noch wirklich fest wie an einem fein gewundenen Wanderstock?
    Mein Wunsch ist der, dass Sie behütet sein mögen im Kreis der Menschen direkt um sie herum.
    Herzlichst, Ev

  2. „…suchen wir noch immer nach einer Kompassnadel, die uns in die Richtung weist, wie man heute in Europa als Jude eigentlich leben kann.“
    Ich wünsche mir, dass alle Menschen unabhängig ihrer Religion, Hautfarbe etc. friedlich Zusammenleben können. Wenn genug Menschen diesen Wunsch teilen, sollte es doch eigentlich möglich sein.
    Es tut mir sehr leid, dass Sie die Feiertage nicht mit Ihrer Familie verbringen können (ich habe es so verstanden, dass es Ihnen zeitlich nicht möglich ist). Möge dies eine Ausnahme bleiben. Zumindest in Gedanken sind alle Ihre Lieben aber sicher dennoch bei Ihnen.
    Ganz herzliche Grüße.

  3. Was für ein Plädoyer für die Freiheit des Denkens, die eben auch mit Bräuchen zu tun hat – vielleicht sogar mehr als wir denken.
    Danke!
    Trotz all der schmerzlichen Abwesenheiten wünsche ich Pesach sameach <3

  4. Schließe mich den Wünschen für ein friedliches Leben aller Menschen an.
    In diesem Sinne gibt es dieses Jahr hoffentlich viele OsterspaziergängerInnen:
    https://www.friedenskooperative.de/
    Wenn die Kompassnadel ausdauernd in diese Richtung zeigt, könnte unser wunderbarer Planet heimatliche Behausung aller Menschen sein.🕊️

  5. Es soll Nicht-Juden geben, die nach einer Kompassnadel suchen, die eine Richtung angibt, wie sie einfach nur als Mensch in Europa leben können, ohne einem oberflächlichen Materialismus, dumpfem Hass auf Andere oder totaler Teilnahmslosigkeit zu verfallen. Gar nicht so einfach in Zeiten allgemeiner Verunsicherung, in Zeiten beliebiger Moralvorstellungen und vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten für Lebensentwürfe. Vielleicht helfen Schiller, Beethoven und Kant. Die konnten so schön abstrakt denken und Ideen abseits von der Tagespolitik formulieren. Solche Menschen fehlen mir irgendwie im Moment.

  6. Vielleicht mag es tröstlich sein zu wissen, dass man in all dem Suchen nicht allein ist. Dafür reicht es aus, ein Mensch in heutiger Zeit zu sein. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, aber es nicht immer schon dieses Suchen gab, das nach dem Kompass greifen möchte und ihn doch nicht recht findet. Ihnen pesach sameach! Sunni

  7. Sie haben immer so schöne Metaphern wie „angespannte Fingerspitzen“.
    Diese Kompassnadel suchen aber doch alle, die sich etwas außerhalb der verordneten Gesellschaftsordnung und Normalität befinden und das sind doch sehr viele Menschen. Aus Gründen der Religion, der Weltanschauung, der sexuellen oder sonstigen Orientierung. Wo gibt es eine homogene Gesellschaft? und ist es schade, dass es die nicht gibt?

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