Was man im Frühzug hören kann

Ein Mann singt für seine Tochter am Telefon. Ein rumänisches Wiegenlied. Das kleine Mädchen weint erst, dann singt es mit und schliesslich drückt es Küsse auf den Bildschirm irgendwo in einem Dorf zwischen Bukarest und Timisora. Der Mann aber singt und singt für seine Tochter.

Eine Frau ist tief über einen Lottoschein gebeugt und murmelt: Sieben, nein drei, nein drei, sieben. Der 3.7. das war doch Nellys Geburtstag, doch, aber, ganz sicher ist sie sich nicht über die Zahlen, die ihr vielleicht zum grossen Los verhelfen oder auch nur zum Geburstagsdatum von Nelly.

Eine Frau mit flammend roten Haaren diktiert einen Einkaufszettel in ihr Telefon. Milch, Zucker, Erbsen, Baked Beans, Truthahnwürste, Spaghetti, Thunfisch. Manchmal stolpert das Telefon in seinen Notizen, dann atmet die Frau ganz langsam und sehr bewusst ein und aus und sagt zu dem Telefon: „Nein, nein, hier irrst du, es muss doch anders heissen und dann sagt sie noch einmal Thunfisch oder Erbsen, sie sagt es mit einer bestimmten Härte, sie sagt es wie Mütter die spät in der Nacht zu ihren betrunkenen Kindern sagen: „Nein, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.“ Dann zuckt die Frau doch noch einmal zusammen und diesmal ist nicht das Telefon schuld. „Kay“ ruft sie erschrocken, „Kay hasst Thunfisch.“ Sie starrt auf das Telefon, ungläubig fast, dass sie es sich beinahe mit Kay auf ewig verscherzt hätte. Nur das Telefon bliebt von dieser existentiellen Krise unberührt. Es sagt: „Kay privat anrufen.“ Aber die Frau unterbricht hektisch die Verbindung. „Nein, sagt sie, nein bloss nicht.“ Wer weiss schon ob das Telefon nicht in einer schwachen Minute Kay die fatale Einkaufsliste würde zukommen lassen.

Hinter mir sitzen zwei Männer, einer schläft fast, sein Arm liegt über seinen Augen. Er atmet schwer, aber sein Nachbar ist wie eletrisiert. Was für ein Tor, was für ein Schuss, was für ein Mann. Messi ist ein G’tt. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Bgeisterung und dann beginnt er noch einmal von vorn und kann sich nicht beruhigen über das Tor und einen Mann, der kein gewöhnlicher Sterblicher zu sein scheint, sondern ein G’tt ist an diesem Morgen wenigstens.

An der Schranke aber hupen zwei Lastwagen. Vielleicht zollen auch sie Messi Tribut.

Ernstere Gespräche aber führen zwei Männer, die blaue Arbeitshosen und karierte Hemden tragen. Sie essen Butterbrote und trinken schwarzen Kaffee.

„Schlimm sagen sie schlimm sei die Sache mit der Kirche.“

„Die Handwerker werden alles leugnen, sagen sie. Sie täten dasselbe. Einer muss Schuld sein und die Handwerker seien doch eh immer dran.“

Sie nicken vereint.

„Die Missus habe ihn auch in die Kirche geschleppt“, sagt einer der Handwerker.

Alle seufzen.

Aber schlimm ist es doch.

„Fast so schlimm wie bei seiner Schwiegermutter“ sagt der Mann in der Runde, der das grösste Butterbrot fingerdick belegt mit Butter und Schinken verzehrt.

Die Schwiegermutter sagt er habe sich ja immer schon wichtig genommen. Immer Sonntags zweimal zur Messe und dem Priester hier einen Kuchen und da eine geräucherte Forelle und imme rein süssliches Gedicht. Aber wehe er hätte einmal eine Forelle gefordert! Na jedenfalls habe die Schwiegermutter dann auch angefangen die Kirche mit Blumen zu schmücken. Scheussliche Blumensträusse. Er selbst könne sich sein Hochzeitsfoto gar nicht mehr ansehen, der scheusslichen lila Nelken wegen. Lila Nelken. Die Anderen drehen sich schaudernd weg. Jedenfalls sei sie auf immer verrücktere Ideen gekommen mit der Blumenschmückerei und ihrer Wichtigtuerei und im Herbst eines Jahres habe sie die Kirche mit ausgestopften Strohtieren ausgeschmückt.
Einen Hahn aus Stroh wegen Judas oder so und aus irgendeinem Grund auch ein Schwein aus Stroh auf dem Altar sogar, der Priester was dem Schwein sehr zugetan. Jedenfalls war die ganze Kirche voll mit diesen Tieren, selbst neben der Orgel war so ein Strohschaf und der Priester schrieb deswegen sogar nach Rom, um zu zeigen das seine Kirche jedenfalls die Originellste sei. Es habe alles auch in der Zeitung gestanden und seine Schwiegermutter habe die Artikel auf dem Gästeklo aufgehangen, damit auch keiner daran vorbeikam. Er habe damals gleich zu seiner Frau gesagt, dass das ein böses Ende nehmen würde mit den Strohtieren und Briefen nach Rom und so. Eines Tages sei es dann auch so gekommen, wie er gesagt habe.
Der Priester nämlich habe irgendwoher ein Bethlehemslicht bezogen, das Tag und Nacht brannte. Ob es nun Durchzug war oder was auch immer, das Bethlehemslicht sei umgekippt und natürlich direkt auf das Strohschwein gefallen und alles was danach kam, war Paris.“ Die anderen Männer nicken. Schwiegermutter hat natürlich wochenlang geheult, aber die Kirche war eben trotzdem hin. Der Priester musste bald danach gehen, aber die Schwiegereltern hätten ja dort das Haus und da sei nun nichts mehr zu machen.

Schlimme Sache, sagen die Männer noch einmal, die Sache mit Notre-Dame und deiner Schwigermutter.

„Man wird gute Handwerker brauchen“, sagt der Mann der bis dahin geschwiegen hatte und alle vier nicken.

„Für viele Jahre wird man gute Handwerker brauchen.“

Auf dem Bahnsteig singt eine Amsel.

9 thoughts on “Was man im Frühzug hören kann

  1. „….und alles was danach kam, war Paris“. Diese lakonische Ausdrucksweise der Handwerker beeindruckt mich. Klingt wie eine Gedicht-Zeile.

  2. Für eine Atheisten wie mich ist Messi wenn schon kein G*tt, so doch ein Genie. Er ist einzig aus dem Grund kein G*tt, dass es G*tter nicht gibt. Und die New York Times ist mit mir einer Meinung (oder andersrum – ich mit ihr). Das freut mich. 🙂

  3. Die zeitunglesenden Bauarbeiter von neulich und die Handwerker aus diesem Text, sie machen mir irgendwie Hoffnung. Das klingt vielleicht komisch, aber so fühlt es sich an.
    Vielleicht liegt das aber auch nur an Ihren Texten, die immer leuchten, egal wieviel Traurigkeit oder Melancholie auch in ihnen steckt.

  4. Ihre Schilderungen erinnern mich immer wieder Lebhaft daran, warum ich mit den öffentlichen Nahverkehr nur noch antue, wenn es gar nicht mehr anders geht.

    Die mit dem gesellschaftlichen Bodensatz und den abgestumpften Pendlerzombies (zu denen ich einst auch gehörte) in Bussen und Bahnen verbrachte Zeit macht mich zunehmend traurig um soviel totes und sinnlos verbrachtes Leben.

    Ein Hoch dem Landleben.

    T.

      • Ja. Nicht alle Schicksale sind selbstgewählt. Ich lebe in vielerlei Hinsicht auf der Sonnenseite und doch rotiert die Ungleicheit in unserer Gesellschaft ganz oft in meinem Kopf.
        Aber öffentlich? Nur wenns sein muss. Zum vom verehrten Frollein beschriebenen Milieu, aus dem ich selber mal gestiegen bin, kommt halt in den meisten Städten eine krude und deprimierende Mischung aus Müdigkeit, Wahn, Hoffnungslosigkeit und Rücksichtlosigkeit der Mitreisenden dazu, die mir neben der umständlichen Warterei den ÖPNV nachhaltig verleidet.
        Es gibt so wenig Hoffnung und Lächeln in diesen Zügen.

        Es gibt Menschen, die das gut ignorieren können. Andere ziehen aufs Land, in Fahrradentfernung zum Job oder fahren halt schulterzuckend mit dem Auto.

        Ist die Nichtbenutzung der öffentlichen Verkehrsmittel denn schon ein Affront gegen Menschen, die es freiwillig oder unfreiwillig tun?

  5. @Anonymus
    Nein, die Nichtnutzung des ÖPNV ist noch kein Affront, „gesellschaftlicher Bodensatz“ und „Pendlerzombies“ m.M. nach schon.
    Ich schließe mich Ihnen an, was das Landleben betrifft, auch ich möchte nicht tauschen. Das pendeln bleibt einem trotzdem oft nicht erspart, wenn man nicht bei jedem Jobwechsel auch umziehen will. „Erspart“ bleiben einem dann aber oft die Öffis (wg. unzureichender Anbindung), weshalb man dann auf’s Auto angewiesen ist.

  6. @T.
    Aus den geschilderten Gesprächsfetzen einen Zusammenhang mit “Bodensatz der Gesellschaft“ (Definition bekannt?) herzuleiten, erschüttert mich.
    Ein Vater, der die Gunst der Stunde nutzt, seiner Tochter ein Lied zu singen?
    Eine Frau, die sich Mühe und Gedanken macht, die richtigen Einkäufe getätigt zu wissen?
    Handwerker, die aktuelle Ereignisse besprechen und persönliche Erfahrungen einfließen lassen?

    Da kommen bei Ihnen so negative Empfindungen auf?

    – Kopfschütteln –

    So gesehen ist Individualverkehr für Sie bestimmt der richtige Weg. Zu bedenken gebe ich nur, dass Ihnen damit auch die Ehre und das Vergnügen, mit dem Fräulein in einem Raum zu sitzen, entgeht.
    Allein dadurch wäre das Niveau doch schon erheblich angestiegen. Nur…merken würde es niemand. Sie würden ja schweigen.

    Kleine Anmerkung: die vielen Geschichten des Fräuleins wären wohl nicht denkbar ohne ihr Wandeln unter Menschen.

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