Eigentlich Nichts

Es ist nicht so, dass nichts passiert, auch wenn nur wenig passiert. Aber über das Wenige, das dann doch passiert, kann ich hier nicht schreiben.

Das klingt nach grossem Geheimnis, dabei gibt es gar keines, nur einen Beruf, den gibt es schon.

Leider ist aus mir ja weder eine Salondame, noch eine Dichterin geworden. Dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen, auch hier.

Ich hätte zum Beispiel einen Mittwochsverehrer, über den ich stets am Donnerstag schriebe. Aber ich habe an keinem Wochentag einen Verehrer und kann daher auch am Donnerstag nichts über gewagte Mittwochabende berichten.

So bleibt nur wenig Verstreutes, Zusammengewürfeltes übrig.

Zwei Kuchen habe ich für die Mondsteinscheibenfabrik gebacken.

Einen mit Blaubeeren und einen mit Ananas.

Schäbig nehmen sie sich aus meine Kuchen neben den Kreationen der Anderen.

Woran man merkt, dass sich Wettbewerb in alle Gedankengänge geschoben hat, dafür muss man nur auf das Kuchenbuffet starren auf dem sich Meisterwerke türmen die die Bäckereifachinnung alt aussehen lässt. Alle loben die Kuchen der Anderen, aber grämen sich doch recht offensichtlich nicht selbst die dreistöckige Zitronentorte fertig bekommen zu haben. Die Zitronentortenbäckerin hat sogar eine goldene Etagere mitgebracht, um ihr Prunkstück auch angemessen zu präsentieren. Der schlimmste Vorwurf,aber ist erst im Lift zu vernehmen: „Die hat die Torte doch gekauft.“ Es ist ein schwerer Vorwurf, schwerer noch wiegt er als die 3000 Kalorien der Erdbeerbiskuitrolle, um die es geht.

Immerhin kommt bei meinen Kuchen niemand auf die Idee sie seien in einer Patisserie heimlich über den Tresen gewandert. Es sind die kleinen Dinge.

Für den Kuchen bekomme ich einen Schneebesen geschenkt.

Ich fühle mich wie Hans im Glück.

Ein Kälbchen habe ich ja ohnehin schon.

Die Auszubildende macht eine Steinzeitdiät, aber vom Kuchen will sie trotzdem probieren.

„Habe ich von ihnen gelernt Fräulein Read On?”

„Kuchen essen?”

„Nein, Sie sagen doch immer man solle solidarisch sein.“

Die Auszubildende führt nach Punkten.

Aber so sehr interessant ist das natürlich alles nicht.

Vielleicht noch die Sonne, früh am Morgen auf dem Weg zum Weg.

Woanders trifft man mich eigentlich nie.

Es gibt mich nur in zwei Variationen.

Auf dem Weg zum Bahnhof.

Oder auf dem Weg vom Bahnhof.

Genug davon.

Jedenfalls die Sonne. Die Sonne zu betrachten, lohnt mehr als meinen immergleichen Schritten zu folgen.

Die Sonne ist ein rotglühender Ball früh am Morgen. Das ist ein ganz und gar falscher Satz. Die Sonne ist niemals nur ein rotglühender Ball, auch nicht am Morgen. Die Sonne ist immer so viel mehr. Die Sonne ist immer einen Überwältigung.

Die Sonne ist doch in Wirklichkeit eine Opernsängerin aus dem Fenice.

Die Sonne hat doch schon mit Verdi Grappa getrunken, damals in anderen Tagen in einem anderen Venedig, doch vielleicht auch damals schon der gleiche verhangene, milchfarbene Himmel, den sich Venedig und das ländliche Irland teilen.

Die Sonne als Opernsängerin braucht diesen Himmel für die letzten Takte einer grossen Arie. Dann verbeugt sie sich auf dem Balkon, eine rote Robe, flammendes Haar, das Publikum wirft ihr Handküsse zu, sie wirft rote Rosen zurück. So einen Auftritt hat die Sonne an diesem Morgen. So kann man auch in die Oper kommen, auch wenn man gar nicht bezahlt hat für Logenplätze im ersten Rang.

Irgendwo im Hintergrund aber spielt der Mond noch leise Klavier, denn sie ist doch seine, eine grosse Liebe, die Sonne da auf dem Balkon mit der roten Robe und dem flammenden Haar. Wer will es ihm denn auch verdenken?

Hat sich noch etwas zugetragen?

Kaum.

Was soll man schon sagen über einen Mann, der während der Zugfahrt hustet als sei die Kameliendame in Wirklichkeit seine Schwester. Aber Brustkamellen und auch ein Wasser schlägt er aus.

Es wird am Ende doch nicht wirklich stimmen, dass manchen Menschen wirklich nicht mehr zu helfen ist?

Dann steige ich aus unter anhaltendem Husten.

Die Katze hat sich anderntags auf dem Terrassensims mit einer anderen ungleich grösseren Katze mit weissen Pfoten misstrauisch beäugt.

Aber ich kenne die Katze lange genug, um zu wissen, dass Fragen auch die subtilsten  über solche Dinge nur zu schmerzhafter Verlegenheit führen und so lasse ich es bleiben.

Es lohnt sich, sie sehen ja wohin ich will, auch immer einmal wieder zu schweigen.

Mein Vater sucht wieder einmal seinen Pass. Aber das ist in jedem Jahr kurz vor Pessach und der Abreise nach Jerusalem der Fall.

Die liebe C. hat ein Veilchen entdeckt an der Hauswand.

Es wäre schön so ein Veilchen zu sein, denke ich mit der Hauswand im Rücken.

Manchmal gab meine Grossmutter mir kandierte Veilchen zu essen.

Aber das ist schon lange her.

Heute gibt es ja auch Kuchen in der Mondsteinscheibenfabrik.

Das ist alles und ich sagte es ja schon ganz am Anfang, es gibt kaum etwas zu berichten jenseits der Wege vom und zum Bahnhof.

26 thoughts on “Eigentlich Nichts

  1. Ich finde Ihre Kuchen wunderschön. Ehrlich – denn solche Kuchen und nicht diese verschnickelten & verfrickelten Pömpöskuchen, denn versuche ich sowas zu machen, dann macht mich das total kirre, nervös und unleidlich und ich bilde mir ein, dass diese Kuchen das spüren und das haben sie nicht verdient.

    Also backe ich meine Kuchen so, wie Sie sie backen, mit all der Back- und Würzliebe, die ich in mir trage. Einen Preis gewinnen die nicht, aber sie schmecken nach Leidenschaft und Backlächeln und würzig, samtig, zart.

    Ich hebe meine große Milchkaffee- und meine noch größere Teetasse auf Sie und Ihre feinen Backwerke!

    Herzlichst, Ev

  2. Ich kenne niemanden außer Ihnen, der auch scheinbar ereignislose Tage so wunderbar beschreiben kann.

    Und ich glaube ja, mit den Kuchen ist es wie mit den Menschen: die äußerlich unscheinbaren und zurückhaltenden sind oft die interessanteren. Oder andersrum: aussen Hui, innen Pfui.

  3. Sie schreiben, „so sehr interessant ist das natürlich alles nicht“: mag sein, mag nicht sein. Aber Sie und wir Leser wissen ja längst, dass das scheinbar Uninteressante häufig Wesentliches in sich birgt … das erkannt wird, wenn man die Antennen dafür hat oder darauf aufmerksam gemacht wird – zum Beispiel durch Ihre besondere Interpretation der Dinge und Geschehnisse.

    Sie sind eine Entdeckerin wie die liebe C., die wahrscheinlich noch kleinere Blüten als das Veilchen zu bemerken in der Lage ist …

    Außerdem gehen mir das Kälbchen und der Schneebesen gerade nicht aus dem Kopf …

    • Die liebe C. sieht alles, das war schon immer so und mit einem Schneebesen kann man wie mit dem 15er Skalpell fast alles tun, wenn Kälbchen doch nur nicht so ungezogen wäre…

  4. am ende des tages ist es aber doch immer so, dass der geschmack des kuchens, die ausgewogenheit der zutaten, letztendlich auch die verträglichkeit, ausschlaggebend sind. und: was man dazu trinken möchte. denn zu manchen süssen dingen passt einfach nur kaffee, und zu anderen wiederum tee, und zu wieder anderen durchaus ein glas wein oder sekt. es gibt, wenn man das perfektionieren will, gar viel zu bedenken.

    und so ist doch ein stück gutes brot, mit guter butter, ein wenig salz und frischem jungen schnittlauch drauf, im freien oder zumindest bei weit offenem fenster, mit frühlingsduft dabei und sonnenschein dazu, meiner meinung nach vielen raffinierten gerichten, für die man stundenlang in der küche steht, vorzuziehen.

    optik und raffinesse sollten begleiterscheinungen sein, nicht nur bei der ernährung, sondern ganz generell. manchmal begrüssenswert, oft aber auch täuschend, verwirrend, mäkel verdeckend, …

    • Das werte Frau Kelef ist natürlich so wahr, dass ich ihnen ein dickes Stück Kuchen abschneide und es sehr andächtig mit ihnen verzehre, irgendwo wo die Sonne scheint und die ersten Bäume hellen Schatten werfen.

  5. Ach, ich werde NUR noch bodenständige Käsekuchen und Blechstreuselkuchen backen, nachdem ich jetzt gerade leider dem Geburtstagskuchenwahn erlegen war und für Kita und Kindergeburtstag Motivtorten gebacken habe, die dann am Ende selbst den hartgesottenen Kids, die zum FrühstückMittagAbendessen Gummibärchen nehmen, zu süss waren! Nie wieder. Hoffe ich. Ob man Käsekuchen in Darth Vader Form backen kann? Oder was kann da noch kommen?!?!?

    • Oh die Kuchen für die Kindergeburtstage! Da habe ich auch schon das eine oder andere fasziniert gesehen und ich gestehe den Besitz einer Silikonform in Gestalt einer Ritterburg.
      Es ist mit den Kindern in Bezug auf Ernährung aber noch nicht alles verloren, solange die Kleinen einem lieber das Fladenbrot wegessen, das eigentlich für die Erwachsenen gedacht war. 🙂 Oder die zwei kunstvoll gestalteten Kuchen ignorieren, weil sie lieber spielen wollen.
      Und ich glaube, ich mache einfach wieder Zimtschnecken, das nächste mal. Danke für den Schubs, Anna

      • Ich verneige mich. Eine Ritterburg aus Silikon ist ein ganz anderes Level! Ich glaube ihre Kinder werden noch in vielen Jahren an die grossartigen Torten denken und Zimtschnecken sind natürlich warm aus dem Ofen so nah wie man dem Paradies auf Erden wohl kommen kann.

  6. „Aber so sehr interessant ist das natürlich alles nicht.“ – Das ist im Augenblick vielleicht einfach das Richtige für Sie. Ich habe festgestellt, dass diese äußere Ereignislosigkeit genau richtig ist, wenn innerlich noch so viel aufzuarbeiten ist und heilen muss. Da braucht man einen wiederkehrenden Ablauf der Dinge, damit man nicht auch noch auf die Äußerlichkeiten Kräfte aufwenden muss. Das aufregendere Leben stellt sich irgendwann auch wieder ein. Und da Sie auch über das „nicht so Interessante“ sehr schön schreiben, warten wir einfach geduldig mit Ihnen ab, bis sich die schönen Dinge in Ihrem Leben wieder überstürzen. Ein schönes Wochenende wünsche ich, mit oder ohne Ereignisse.

  7. „Alle loben die Kuchen der Anderen, aber grämen sich doch recht offensichtlich nicht selbst die dreistöckige Zitronentorte fertig bekommen zu haben.“
    Ich habe es so gelesen: Alle grämen sich nicht……
    Wäre doch auch zu phantasieren, ohne dabei gewesen zu sein und ohne ihr „recht offensichtlich“ sehr zu beachten ? Vielleicht wäre dann ein Komma nötig, aber so sicher bin ich nicht?
    Ihre Kuchen waren bestimmt köstlich!

  8. ihre kuchen sind zum anbeissen! besonders jener mit heidelbeeren. hmmm. den hab ich schon auf insta mit der zungenspitze im mundwinkel betrachtet (besabbelt, kicher) ihnen ein herzwärmendes wochenende! eva

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