Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

In der Dämmerung mit dem treuen alten Hund hinunter zum Fluss.

Ein Vogel, der vielleicht auch nur ein Schatten ist über unseren Köpfen.

Der Hund starrt lange in sein Spiegelbild.

Ob er wohl weiss, dass er es ist oder sieht er jedes Mal wieder einen neuen Fremden?

Am Ufer sitzt eine Wasserratte- braune Augen, sorgenvoll will ich fast sagen, aber ich weiss nichts über die Dinge unter unserem Boden. Vielleicht sind in den Kanälen ja gerade Bürgermeisterwahlen.

Komm, sage ich zum treuen, alten Hund, denn der Tag fängt ja gerade erst an.

BBC 4 beim Zähneputzen. Grüner Schaum vor dem Mund. Das ist ja dieser Tage so etwas wie angemessen.

Ein grosses Glas Wasser, zum Wachwerden, sagte meine Grossmutter, sie trank ihr erstes Glas Wasser lauwarm, aber mein Wasserglas ist kalt, Eiswasser, sie schüttelte den Kopf und ich küsste sie auf die Nasenspitze, so war das mit uns. Sie und ich und kaltes, klares Wasser.

Der Katze und dem Hund Frühstück anreichen.

Für mich ist es noch viel zu früh.

Die Katze rollt sich auf dem Sessel zusammen. Der Hund schläft auf dem Teppich ein.

Tschüss ihr beiden, Schlüssel, Telefon, Fabrikkarte, Portemonnaie?

Auf dem Weg zum Bahnhof drei Kastanien und auf einer Wiese eine Gruppe Birken. Ich warte mit brennender Ungeduld auf die grünen Blätter der Kastanie und auf das flirrende Birkenblätter. Aber heute, heute sind da nur die Knospen, aber noch keine Blätter. Vielleicht aber morgen, vielleicht sind die Blätter ja morgen schon da, nur heute sind sie es noch nicht.

Am Bahnsteig warten drei Männer mit Bohrmaschinen und staubigen, kalkbedeckten Jacken. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen und essen dicke Wurststullen dazu. Einer liest die Nachrichten vor. Irish Sun. Die Anderen nicken beim Kauen. Vielleicht wechseln sie sich ab mit dem Vorlesen, eine Zeitung für drei, ihnen ist Lesen mühsam, das hört man, sie halten inne, misstrauisch sind sie den Wörtern gegenüber und doch ist ihr Vorlesen würdevolll, einprägsam und für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen, verschlinge ich doch Wörter hastig und ingeduldig, das ist schon immer so gewesen. Die Männer aber gehen genau vor. Sie nehmen sich Zeit für jedes einzelne Wort.

All bonkers sagen sie schließlich, die Weltlage ist ja auch danach, dann schrauben sie die Thermosflaschen zu, streichen das Butterbrotpapier wieder glatt, knicken die Zeitung, aber so dass die Frau auf dem Titelblatt, die heiratet oder sich scheiden lässt, keinen Schaden nimmt.

Dann rauchen sie jeder eine Zigarette.

Wie schön doch Menschen sind, die lesen.

Dann kommt der Zug und dann beginnt ein langer Tag in der Mondsteinscheibenfabrik. Aber was in der Mondsteinscheibenfabrik geschieht, das bleibt in der Mondsteinscheibenfabrik.

Am späten Nachmittag hole ich die J. aus dem Institut ab. Sie lacht, ich lache, es ist leichter, wenn sie lacht und dann gehen wir in die National Gallery herüber, so als würden wir uns kaum kennen, so als wüssten wir in Wirklichkeit nicht was unsere Lieblingsbilder sind, so als seien wir ein zweites Date und nicht so viel Geschichte, so viel Zutrauen ineinander, für eine Stunde sind wir noch einmal uns fast fremd und hoffen und bangen wie ganz Frischverliebte, dass der Andere William Orpen nicht für einen stumpfen Portraitmaler hält oder nicht Herzklopfen bekommt bei Lucian Freud. Natürlich geht die Rechnung auf.

Der Museumwärter muss uns hinausklingeln. Wir lachen noch immer auf der Treppe. Der Wächter, der doch so streng klingelt, verzieht seine Mundwinkel. Das ist J. will ich ihm sagen, aber wir blinzeln ins Sonnenlicht und dann gehen wir ins Merrion Hotel, wo die Damen Seidenkleider tragen und die Männer Anzüge aus der Savile Row, denn Dublin will doch so furchtbar gern London sein. Die Seidenkleider rascheln und der Kellner, ist kein Kellner wie im Hotel Central sondern ein Teesommelier und wir beissen uns auf die Lippen, um ihn nicht zu verschrecken.
Der Tee, nein nicht aus Assam, kommt in einer schweren Silberkanne mit Gebäck und cremiger Milch, die Männer trinken Wein und lassen die Zigarrenkiste kommen, die Damen trinken Cocktails und wir trinken Tee und beugen uns vor in den tiefen plüschigen Sesseln. Von außen betrachtet noch immer ein zweites Date, Beeindruckungsversuche, aber das Bild täuscht, denn wir sprechen über den Tierarzt und die offenen Wunden, über S. und das Ende, über Kashmir und Sikkim, über einen Ort in Nainital, über eine gelbe Plastiktüte in einem Slum in Delhi, über so viele Dinge bei denen man in der einen Hand eine Teetasse und in der anderen die Hand des Anderen halten muss. Wir gehen, da haben die Damen in den Seidenkleidern schon rote Wangen und die Männer glasige Augen. Frische Luft auf der Straße, Regenwolken, die Kastanien schweigen.

Hunger?

Hunger.

Wir gehen zu Dunne and Crescenzi. Warm ist es dort, es riecht nach Basilikum und Knoblauch, nach Adria und der Toscana zugleich. Es ist ein kleines Restaurant, nur Dublin ist kleiner. Am Nebentisch sitzen ein Mann und eine Frau, schwere goldene Ringer, sie und er, zwei Tische weiter sitzt seine Geliebte mit ihrem Mann und am Tisch am Fenster, sitzt die Frau mit der, der Mann am Nebentisch ein Sohn hat. Alle grüssen sich freundlich. Das muss man wissen, wenn man in Dublin leben will, dass es so ist.

„Ich habe an den D. gedacht“, sagt die J.

„Weißt Du noch als du so deprimiert warst auf über D.?“

Ja, sage ich.

Der D. schwärmte von etwas, was wir bezahlten, damals als er im Institut war. Der D. aus Deutschland, eine Promotion mit einem komfortablen Stipendium, geförderten Auslandsarchivaufenthalten, Druckkostenzuschuss, keine Lehraufträge, dann natürlich England, denn das deutsche System macht ja irgendwann keinen Spaß mehr, er schwärmte da vor und über Europa. Die Möglichkeiten. Er spottete über den Brexit, aber mir war schon damals als spottete er über uns über. Über T., P., B. und mich.
Ich hatte noch Glück gehabt, mir wurden wegen guter Leistungen oder so, die Studiengebühren erlassen, aber wie T. P. und B. unterrichtete ich Kurse über Kurse, sie die sie kein Stipendium hatten gegen magere Bezahlung, ich ohne Bezahlung das ist der Preis, dafür mit Nachtschichten im Rücken, dann die Stelle für J. Ich bat meine Schwester in die British Library zu gehen, um Geld zu sparen natürlich, wie denn sonst. Da saßen wir und sahen die Möglichkeiten, die für uns ein ferner Planet waren, ein anderes Europa auf jeden Fall.
Die T. arbeitet heute als Admin in einer anderen Universität, der B. hat Lehraufträge an drei Universitäten, der P. arbeitet für seine Eltern in Southampton, ich wusste, dass ich mir keinen Postdoc leisten können würde und ich war so müde nach all den Nachtschichten. Wir gönnten es dem D. doch, nur wir haben dafür bezahlt und wussten schon damals, dass wir nicht in Oxford oder Cambridge oder Warwick landen würden, auch wenn unsere Dissertationen vielleicht nicht besser, aber vielleicht auch nicht schlechter sein würden als seine.

„Ich hatte es vergessen, sagt die J., die Sache mit D. nur dein Kopfschütteln hatte ich behalten und jetzt, wo alles zerbricht, frage ich mich doch, ob wir nicht mit den D.s und ihren Reden hätten anders umgehen müssen, wir haben das weggelächelt, auch wir haben gedacht Brexiteers seien doch bei Nigel Farage zu verorten, aber vielleicht kein frustrierter Doktorand, der sieht, wie seine Seminare nur Zweck sind und niemals Mittel und dass er am Ende außen vor bleiben wird. Wir haben nicht aufgepasst, sagt sie, wir waren alle betrunken an den Möglichkeiten und euch, die man euch die Möglichkeiten einer Mohrrübe gleich vorhielt, wir haben die sich schließenden Türen nicht gesehen Darüber haben wir nie gesprochen.“
Wir fürchteten uns schon damals vor dem Brexit, denn das ist in Irland ja unmittelbar, aber wir fürchteten uns auch vor dem Spott des D., der ja uns galt, uns die wir es nicht vermochten.

Ich nicke und auch ich weiß, wir haben uns nicht gekümmert, nicht um all die, mit nein gestimmt haben, weil sie keine Möglichkeiten mehr sahen, sondern den Spott, denn auch wir, auch ich und P. und T. und B. wir wollten glauben, dass es doch alles ganz anders sei.

Dann sprechen wir über andere Dinge und spielen nicht mehr zweites Date, sondern halten uns an dieser Vertrautheit fest, die wir uns doch erarbeitet haben, endlich schaffe ich es vor ihr zu bezahlen, und dann gehen wir noch ein Stück gemeinsam, ich renne zum Bus, Handküsse, wir sagen nie Auf Wiedersehen, sondern immer nur auf bald.

Die Katze hebt die Schwanzspitze.

Der Hund schüttelt sich.

„Na ihr beiden“, sage ich.

Der treue alte Hund und ich gehen noch einmal zu den Kastanien.

Aber die Blätter sind noch nicht da.

Vielleicht morgen.

Vielleicht ist schon morgen alles ganz anders.

5 thoughts on “Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

  1. Als ich vor über 20 Jahren in der National Gallery in Dublin war, haben mich die Bilder von Jack B. Yeats so beeindruckt, dass ich seitdem das Bild „Men of destiny“ immer mit umgezogen habe und es immer einen Ehrenplatz in meinem Zimmer bekommen hat. Sind seine Bilder dort noch immer zu sehen?
    Ich wünsche, dass die Knospen auch in Dublin bald zu blühen beginnen.
    Herzliche Grüße,
    Kathrin

    • Sie haben diesen Tag so melancholisch – schön geschildert, dass ich gern dabei gewesen wäre.
      Die zeitunglesenden Bauarbeiter sind wunderbar wie Lesen überhaupt (ich bin auch ein Buchstabenverschlinger), auch wenn bei weitem nicht alles schön ist, was man liest.
      Und wie gern würde ich dem guten alten Hund über’s Fell streicheln, bitte kraulen Sie ihn von mir.
      Haben Sie ein gutes Wochenende mit Hund, Katze und hoffentlich viel Sonne. Der Frühling kommt.

  2. Der Hund und das Spiegelbild. Die Ich-Erkenntnis wird den Hunden von der Wissenschaft abgesprochen. Die Wissenschaft nennt das den Spiegeltest. Kleine Kinder und Hunde bestehen den Spiegeltest nicht. Hundebesitzer denken darüber anders. Ich besitze meinen Hund nicht. Mein Hund besitzt mich. Mein Hund weiß sehr wohl, wer er ist. Nicht alt und nicht treu im engeren Sinne, sondern dauernd fluchtgefährdet. Loyal wird es vielleicht treffen – zumindest rollt er sich gerne zwischen meinen Füßen zusammen. Die Hunderatgeber sagen, einer muss der Boss sein. Wir verstehen uns eher als Partner. Bilde zumindest ich mir ein. Der Hund, weil ihm nichts anderes übrig bleibt. Ich weiß einen Hund mit eigenem Willen zu schätzen. Ein Jagdhund, den sein Partner ob des eigenwilligen Charakters immer wieder auswählt, wenn einer dieser besonderen Lebensabschnittsbegleiter wieder gehen musste. Sein Vorgänger hat mich vor drei Jahren verlassen. Leider ist Hunden kein längeres Leben vergönnt. Der Hund weiß, was er will, ich weiß auch, was er will. Er bekommt es nicht immer, aber viel öfter, als die Hunderatgeber richtig finden. Ob mein Hund sich im Spiegel erkennt, weiß ich nicht. Wir verstehen uns trotzdem. Er darf nicht zur Jagd gehen, weil ich das nicht will. Er ist dafür spezialisiert und ihm fehlt sicher etwas. Er bekommt dafür vieles, was alle von mir verlangen, ihm vorzuenthalten. Andere nennen das schlecht erzogen. Ich bin verantwortlich, dass er nicht vors Auto läuft. Dazu muss ich ihn in den Nachbargärten wieder einsammeln, wenn er die Katzen schüchert. Drei Nachbarn haben neue junge Katzen. Die alten Katzen und der alte Hund hatten sich die Welt geteilt. Den neuen jungen Katzen mangelt es an Respekt, oder sie suchen die sportliche Herausforderung. Der Hund riecht alle Spuren. Die Katzen kennen keine Zäune. Ich repariere laufend Zäune zu den unterschiedlichen Nachbarn. Es sind 180 Meter Zaun. Der Hund kommt trotzdem durch. Die Igel machen laufend neue Durchgänge. Die Nachbarn freuen sich, wenn ich auf der Hundejagd mal wieder vorbeikomme. Manchmal wird der Flüchtling auch über den Zaun zurückgereicht.
    Mit dem alten Hund waren wir oft in den Alpen wandern, er hat uns auf mehrere 3000er begleitet. Dort saß der Hund oft und hat von oben die Welt betrachtet, so schön wie es Franz Marc gemalt hat (Hund vor der Welt – http://www.tierundkunst.org/impressionen/der_weisse_hund.htm). Der fluchtgefährdete, junge Hund sucht nicht mehr hinter dem Spiegel nach dem anderen Hund. Kleinkinder suchen auch nicht mehr hinter dem Spiegel. Länger als der Hund brauchen sie nicht für diese Erkenntnis. Der Hund kann nicht mitteilen, warum er nicht mehr hinter dem Spiegel sucht. Wenn andere meinen, dass sich mein Hund nicht im Spiegel erkennt, dann kann ich damit leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.