Eine Tasse Tee

Vor Irland war Tee etwas Anderes. Schwarze Brocken nämlich in einer grünen Dose auf dem zweiten Regalbrett von links im Küchenregal meiner Grossmutter. Tee dampfte heiss und in kleinen Gläsern, honigbraun, oder auch fast schwarz, zwei Stängel Pfefferminze, eine Unterwasserwelt im Miniaturformat, die Gläser hat einen goldenen Rand. Ich hatte verbrannte Fingerspitzen in all den Jahren als ich mit L. Tee trank hoch oben über den Dächern von A. So viele Jahre liegen jetzt schon zwischen ihren und meinen Händen und den vielen geteilten Gläsern voll Tee. Ich wusste nicht, dass Fingerspitzen genauso zerbrechlich sein können, wie dünne Gläser. Seitdem ich es weiss, benutze ich die zierlichen Gläser nicht mehr.

Tee das war ein alter Milchtopf auf dem zweiten Ring des immer noch englischen Ofens in der Küche von Frau Rajasthani, zwei Esslöffel Assam oder Darjeeling, Garam Masala, ihr Geheimnis aus einer Keksdose, sie verriet es nicht einmal ihrer Schwiegermutter, die ihr das nie vergab, aber Frau Rajasthani kann besser Geheimnisse verwahren als die meisten Menschen. Wasser und Milch, der Tee muss Blasen schlagen, sagte sie und  die erste Tasse des Tages gehörte ihr und mir auf dem Balkon im Süden von Delhi, süss und scharf brannte ihr Tee auf der Zunge. Eine alte verbeulte Thermoskanne gab sie mir mit für den Tag, ich hielt mich an der Schärfe und der Süsse fest, was hätte ich anderes tun können. Tee das war A. A. wie Assam, dabei heisst er ganz anders, seine Mutter und all die anderen Mütter arbeiteten auf einer der vielen Teeplanatagen, als A. ein Kind war massierte er mit seinen Füssen ihren Rücken und die Rücken der anderen Frauen, seine Mutter hatte rissige Hände und einen schiefen Rücken, offene Füsse, und trübe Augen, der Chemikalien wegen, Tee ist kein Naturprodukt. Sie machte Tee als wir sie besuchten, das war das erste was ich von ihr sah, noch vor ihren Händen, ihrem Rücken, der Tee war bitter, 15 Cent bekam seine Mutter in der Stunde, A. bekam ein Stipendium der Uni, das teilte er mit seiner Mutter, A. war hungrig damals immerzu, wir tranken Tee auf dem Dach des Hauses abseits der Teeplantagen auf einem Hügel und ich dachte damals, dass sei für immer, das mit A. und mir.

„Was willst du machen?”, fragte ich ihn da kannten wir uns gerade zwei Tage in Delhi. „Kaffee trinken“, sagte er und ich lachte. Ihm war es ernst und noch bevor ich ihn kannte, wusste ich von seinem Hunger. Assam, sagte er und ich nickte. Teeland. Sein Lippen war scharf und süss wie der Chai von Frau Rajasthani, für immer dachte ich damals auf der unendlich langen Bahnfahrt von Assam nach Delhi zurück, eingerollt in seinen Armen, will ich aufwachen mit der süssen Schärfe neben mir, der Zug roch nach den Teeballen, die alle Reisenden mit sich zurückbrachten. Wenn A. Tee trank, trank er ihn hastig und spuckte den Rest irgendwann aus. Seine Augen waren honigbraun oder pechschwarz wie der Tee damals aus der Dose im Küchenschrank meiner Grossmutter. Es waren die Augen seiner Mutter. „Nie mehr Tee“, sagte A. manchmal mitten in einem ganz anderen Satz. Für immer dachte ich und sollte mich doch irren. Der A. hat noch immer nicht geheiratet, sagt Frau Rajasthani am Telefon, so als ginge mich das noch immer etwas an. Der A. hatte lose Teeblätter in den Hosentaschen damals als ich ihn kannte, aber wie schwiegen darüber, fast will ich sagen für immer. Ich habe noch immer Tee seiner Mutter und manchmal mache ich die Dose auf und rieche an den staubigen Teekrümeln und bin wieder in Assam. Aber ich trinke keinen Tee aus Assam mehr.

In Irland ist Tee nichts davon. In Irland ist Tee ein grüner oder ein roter Pappkarton. Barry‘s oder Lyons, beige Teebeutel, der Tierarzt tunkte zwei Teebeutel in eine Tasse, heisses Wasser und dann langes Warten. „Was ist das?”, fragte ich ihn damals am Anfang, der doch auch schon ein Ende war und er sagte:“Das ist Tee.“ Das schwarze Wasser in seiner Tasse roch nach nichts, aber der Tierarzt hielt sich beständig an einer Tasse nach der Anderen fest. Ich schmuggelte Teelöffel voll Zucker in seine Tassen heinein und aus Verzweiflung auch einmal einen ganzen Esslöffel. Genug ist es trotzdem nicht gewesen. Noch ganz am Ende füllte ich eine Thermoskanne mit dem dunklen, heissen Wasser und goss den Hospiztee aus. „Was für ein Glück“, sagte der Tierarzt „eine richtige Tasse Tee.“ Und ich lachte über das heisse Wasser und die Teebeutel bis ganz zum Schluss. Die J. trank denselben Tee nur, dass sie noch Milch in das heisse, schwarze Wasser gab und wie oft habe ich sie und den Tierarzt im Institut über einer Tasse Tee angetroffen- do you fancy a cuppa?, riefen sie mir hinterher, aber ich lief so schnell davon wie ich konnte und suchte in meiner Rock oder Jackentasche nach Krümeln aus Assam. Man kann auch suchen ohne zu erwarten, dass man etwas findet.

Die Ingenieure der Mondsteinscheibenfabrik auch sie tunken die gleichen Teebeutel in ihre Tassen, Zucker und Milch und immer riecht das was sie Tee nennen nach altem Schuh oder Spülwasser, aber das sage ich ihnen natürlich nicht, sondern lasse mir lieber erzählen, was es für ein Drama gab als eine Lyons Trinkerin in eine Barry‘s Familie einheiratete und dann nicke ich und sehe in das dampfende schwarze Wasser. „Du warst doch in Indien?“, sagen die Ingenieure manchmal, wenn sie die Teebeutel ausdrücken, was also ist besser Lyons oder Barry’s? Doch jedes Mal wieder enttäusche ich die Ingenieure, die Sekretärin, die Auszubildende und auch die liebe R.wenn ich den Kopf schüttle und verneine, denn ich habe noch niemals Barry’s oder Lyons Tee getrunken, Tee aus Assam nämlich auch er.

So wird das nichts mit dem irischen Pass, sagen die Ingenieure, die Sekretärin, die Auszubildende und auch die liebe R. und lachen und pusten in den Tee, der schwarz ist und stumpf, aber das mag ungerecht sein von mir.

„Nein, sage ich wahrscheinlich nicht.“

Eine Packung mit 80 Teebeuteln Lyons Golden Tea Blend kostet 3 Euro im Geschäft.

19 thoughts on “Eine Tasse Tee

  1. Jetzt kommen Bilder.
    Von einem jungen Mann, mit dem ich englischen Frühstückstee getrunken habe, auf einer Insel in der Nordsee. Und der dann doch meine Freundin liebte, aber dann auch nicht mehr.
    Bis heute kann ich diese gelbe Packung nicht mehr anfassen und ich mag auch keinen englischen Frühstückstee mehr.
    Danke für Deine Geschichte.
    Dass der Tee in Indien ein ganz anderer ist als bei uns, wusste ich nicht.

    • Ja, all die Bilder die uns bleiben und manchmal ein bitterer Nachgeschmack tief in der Kehle, der sich nicht herunterschlucken lässt.

  2. Leider war ich noch nie in Irland oder Indien. Bin auch nicht erzogen als Tee- sondern als Kaffeetrinker.

    Aber als ich vor vielen, vielen Jahren das erstemal in London war, abgestiegen aus Gründen in einem recht günstigen Hotel im Stadtteil Paddington, war ich darauf eingestellt, dort zum Frühstück (ich kannte vom Hörensagen den Ruf als Teetrinkernation) eine gepflegte Tasse Tee zu bekommen. Was ich vorfand, war ein riesengroßer Topf voll kochendheissem Wasser, in dem etliche Teebeutel schwammen. Es schmeckte, wie es aussah. Und ich fiel vom Glauben ab.
    Sehr gut hat mir der Tee (Chai) immer in der Türkei geschmeckt, stark und süß. Und so unglaublich freundlich angeboten. Sobald das furchtbare Erdogan Regime vorbei ist, will ich zu gern wieder dort hin reisen.

    • Das ist eine schöne und auch sehr wahre Anekdote und es ist wohl auch ein Geschmack, den man nie wieder so ganz von der Zunge herunterbekommt.
      Ach, was wäre es schön sich in der Türkei auf eine Tasse Tee verabreden zu können, aber ich fürchte die Zeiten sind nicht danach.

  3. „…und ich dachte damals, dass sei für immer, das mit A. und mir.“
    Ja, das denkt man manchmal und dann kommt es doch ganz, ganz anders.

    Meinen Tee werde ich ab jetzt immer ein bisschen achtsamer trinken.

  4. Lange hatte ich noch eine gelbe Packung Tee von meinem Irlandschwesterbesuch in meinem Küchenschrank, lange ist die Packung mit mir umgezogen, getrunken habe ich ihn nie. Teetrinken habe ich erst bei einem irischen Pater in Rom kennen gelernt, immer eine Tasse Tee mit Zitrone zur Mittagspause, in der heißesten Augusthitze, bevor es wieder zurück ins staubige Archiv ging. Gerade als ich ihn Jahre danach wieder besuchen wollte, war es zu spät. So viel Tee wie in Rom habe ich seit dem nie wieder getrunken und auch in England nie eine von diesen riesigen Packungen für wenig Geld gekauft. Ein paar Mal noch eine Tasse mit einem Menschen geteilt, von dem ich dachte, das wäre etwas für lange. Seltsam, dass mit diesem englischen Tee nur traurigschöne Erinnerungen verbunden sind, fällt mir erst jetzt auf.

    • Es ist schon sehr merkwürdig wie viele Erinnerungen, Andeutungen und offene Enden in einer gelben oder anderen Packung liegen können. Danke, dass Sie ihre mit uns teilen.

  5. Ich war mit meinen Eltern, welche mich in Indien besuchten, bei einer indischen Dame eingeladen, von der ich Marathi lernte. Natürlich gab es Tee. Mein Vater fragte, was dies für Tee sei. Eine vermeintlich unverfängliche Frage im Ursprungsland des Tees. Die Antwort kam prompt – und leicht verständnislos: „Tata“. Oder wie mein Vater es hinterher beschrieb: „Bahndamm, dritte Ernte.“
    In einer anderen Ecke der Welt besichtigte ich eine Teefabrik. Voller Stolz wurde uns vorgeführt, wie der Tee mit Aromen versetzt wird: Pfirsich, Vanille, Bergamotte. Nie war ich so fasziniert von einer Maschine wie bei diesem Besuch. Sie war uralt. Aus einer Zellstoffrolle wurden kleine Bahnen geschnitten, gefalzt, mit Tee befüllt, von einer langen Garnrolle wurde ein Faden abgeschnitten und dann mit Etikett versehen und in die Öffnung des Teebeutels geführt, dann der Teebeutel geschlossen und die fertigen Teebeutel in einen Pappkarton gefüllt. Ständig riss der Faden von der Garnrolle und die Maschine musste angehalten werden. Seelenruhig setzte eine Mitarbeiterin die Maschine wieder in Gang, auf dass die Teeversorgung nie abreißen möge.
    Das alles schmeckt man mit, egal welches Aroma aus der Tasse aufsteigt.

    • Oh, ich beneide sie sehr um ihre Marathi Kenntnisse! Ja, Bahndamm trifft es wohl gut, denn da kommt in Indien doch immer udn unweigerlich alles zusammen. Danke für die Einblicke in die Maschinenwelt des Tees. Ich kann sie richtig vor mir sehr sehen.

  6. Liebe Marie Sophie,
    Ihr Leben um die halbe Welt und diesen Erinnerungen und Erfahrungen, schenken uns Geschichten in wunderbarer Sprache zum Wärmen und zum Weinen,
    zur Wissenserweiterung und geben Anstösse – immer wieder neu – nachzudenken, wie und warum leben wir so und nicht anders?
    Zum Teekauf , wie auch Wein-und Ölkauf fand ich vor einigen Jahren Möglichkeiten für mein kleines Hotel Waren zu kaufen, die den Erzeugern Unterstützung geben – in der Hoffnung und im festen Glauben an die Ehrlichkeit dieser Kampagnen:
    artefakten.net
    teekampagne.de
    Und wiedermal Danke!

    • Ich danke natürlich für ihr Mitlesen und ihren Kommentar ganz besonders und ich hoffe auch sehr, dass ich eines Tages einmal eine Tasse Tee aus Assam trinken kann, an denen nicht die Müdigkeit der Mütter klebt.

  7. „Eine Tasse Tee“ und versunkene Welten steigen auf. Da denke ich dann an Marcel Proust und seine ‚..Suche nach der verlorenen Zeit‘.

  8. „A. war hungrig damals immerzu“. Da ist mir beim Lesen fast das Herz stehen geblieben.

    Sie haben nach all dem so dermaßen verdient, bis über beide Ohren im Glück zu stehen, dass das sicher bald zu Ihnen kommen wird. Fühlen Sie sich bis dahin von uns ein bisschen getragen.

  9. Hallo,

    was soll ich sagen ? Ich mag ihren Blog und ihre Beitraege und hatte bisher noch keinen Anlass einmal einen Kommentar zu hinterlassen. Oder besser: ich tue mich schwer einen guten, passenden Kommentar auf ihre so gut formulierten Blogbeitraegen zu schreiben. Dann lasse ich es lieber; vielleicht verstehen Sie „das“. –

    Nun, heute aber ! In meiner Mittagspause habe ich bei Ihnen weitergelesen und mich erinnert dass ich das Tee trinken vernachlaessigt wurde. Das Teewasser aufsetzen, die Teeblaetter in die Kanne loeffeln, den Tee aufzubruehen…, diese Zeremonie fehlt mir irgendwie doch.

    Al.so war ich in den letzten Minuten meiner Pause Tee kaufen…, und heute Nachmittag, nach der Arbeit werde ich eine Kanne China Tarry Lapsang Souchong trinken und an Sie denken. Viel Kraft, helle Tage wuensche ich Ihnen schon jetzt !

    Herzliche Gruesse !

    Uwe

  10. Mein aktueller schwarzer Tee ist aus einem Supermarkt in Aschkelon, bei jedem Glas sehe ich meinen Mann am 4. Advent ins Mittelmeer hüpfen. Und ja, für mich muss Tee aus einem Glas getrunken werden, Jenaer Glass ist in der mütterlichen DNA fest verankert und somit, Tee aus einem Glas!
    Ansonsten ist es wohl mit bestimmten Teesorten wie zB auch mit bestimmter Musik – du denkst immer an besondere Menschen.

  11. Oh ja, es kommt so oft anders im Leben.
    Aber der irische Tee hat für mich eine intensive Erinnerung an einen der herzlichsten und besten Menschen, den ich je getroffen habe. Joe, der Bauer, der auf seinem Traktor Geschichten und Gedichte schrieb, mich – die Fremde – mitnahm zum Writers`Club in Nenagh und nachts mit mir nachhause fuhr, vorbei an meiner Zeitwohnung, ich ängstlich in seinem alten Klapperauto, dann die Tür zu seinem Haus öffnend und den Arm um meine Schulter legend sagte: „Oh dearest, meine Frau hat Krebs, sie schläft schon oben, ich will sie auf keinen Fall stören, daher ist mein Bett hier unten gemacht….und jetzt mache ich uns einen heißen Tee und dann bringe ich dich nachhause.“ 30 Jahre hat unsere Freundschaft gehalten, über Länder und viele Freuden und Tragödien hinweg, bis mein Joe vor 4 Wochen gestorben ist. Es gibt seitdem keinen Tee mehr bei uns…

  12. Tee trinken hat eine Familientradition hier, er wird in einer Kanne aufgebrüht und durch’s Sieb in eine andere gegossen oder in ein sehr großes engmaschiges Sieb gegeben. Hier heisst aber auch auch: Hartes Wasser, so „rack“ wie wir sagen, dass der Tee Schlieren zieht, der Ceylon rotbraun wird und ein Darjeeling nach nix schmeckt. Auf einer meiner Jugendfahrten an den Neusiedler See bekam ich zum Frühstück bei meinem Freund Darjeeling. Ich guckte in die Tasse, sein Gesicht, wieder die Tasse, „das soll Darjeeling?“ kostete und schmeckte TEE . Oh wie ich seitdem weiches sanftes Wasser vermisse! Nach Neusiedler See war Tee etwas anderes….

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