Inmitten der Hunde

Ich träume nicht mehr oft von den schwarzen Hunden. Aber manchmal träume ich doch noch von ihnen. Dabei ist es gleich zu sagen, dass die Hunde nicht immer oder ganz ausschliessliche nur schwarze Hunde sind.
Der Traum aber ist immer gleich. Ich stehe auf einem Bahndamm. Die Schienen sind fast verschwunden unter dem hohen Gras. Die Disteln am Rand der Gleise sind fast so hoch wie ich. Dazu gehört nicht viel, im Traum nicht und ausserhalb des Traumes auch nicht, denn ich bin nicht gross. Hoch stehen die Disteln, aber wie man weiss sind die Disteln der Einen, die Rosen der Anderen.

Eine alte Signalschranke mit einem fast verrosteten roten Schild steht an den Schienen: „Achtung“ steht auf dem Blech. Dabei kommt hier schon seit vielen, vielen Jahren kein Zug mehr vorbei. Das sieht man auf den ersten Blick, hier haben ja längst das Gras, die Disteln, der Rost, auch ein paar Hasen der Welt der Züge lange schon den Rücken gekehrt. Es ist immer Sommer, in diesem meinem Traum. Spätsommer sogar, der Sommer kippt schon langsam vornüber, es riecht nach verfaulten Äpfeln im Gras in denen sich die Wespen verbeissen und nach den Brombeeren und ihrer scharfen Süssigkeit an deren Ranken man sich die Beine zerkratzt. Auch im Traum habe ich zerkratzte Beine, aber keine Brombeeren in der Hand. Den Wespen gehe ich vorsichtig aus dem Weg. Heiss ist es in diesem Traum, auch wenn die Sonne schon eine späte Sonne ist, in ihrem Schatten ist es kühl, aber da wo ich stehe mitten im Gras, neben den Disteln und den Brombeeren. Ich kann die Wespen hören, die sich den Apfel teilen irgendwo vor mir im Gras, aber ich bücke mich lieber nicht nach ihnen. Einen Apfelbaum hingegen kann ich nirgendwo sehen. Aber vielleicht sehe ich mich auch nur nicht richtig um.

Ich mache nichts, wenn der Traum beginnt, ich stehe nur in der heissen Sonne und sehe auf die verrosteten Schilder. Achtung. Manchmal, aber nur ganz selten balanciere ich auf den alten Gleisen. Aber meistens stehe ich einfach nur im Gras und sehe in die Ferne. Ob ich schwitze, weiss ich nicht, aber kalt ist mir nicht. In meinem Traum. Vielleicht zähle ich die Wolken oder wickle mir einen Grashalm um den Finger, aber das alles weiss ich nicht, denn dann kommen die Hunde. Immer glaube ich erst ein Gewitter zöge auf, denn ich halte die Hunde zunächst einmal für eine Wolke, die sich drohend am Himmel zusammen zieht und es stimmt auch nicht, dass es nur schwarze Hunde sind, die da kommen, denn die Hunde die von weit, weit her auf den Bahndamm sie sind durchaus auch braun, bunt gefleckt, karamellfarben, weiss und grau, aber der erste Hund, der auf mich trifft, hat eine linke schwarze Vorderpfote und ich falle um, dann kommen die anderen Hunde, ein ganzer Pulk voller scharfer Pfoten, hängender Lefzen, schnappender Kiefer und dem Geruch von Blut. Ich aber mache nichts.

Ich liege einfach nur in dem heissen Gras, mein Haar verfängt sich in einer Distel, die Hunde aber nehmen mir die Schuhe ab, zwei der Hund verbeissen sich hässlich ineinander. Einer stirbt über die Frage, wem mein Schuh wohl gehört. Dann aber zerteilen die Hunde langsam mich. Erst die Beine, dann die Arme, Hände, den Brustkorb und was es sonst noch so an mir gibt. Sehr viel ist das nicht, denn ich bin nicht gross. Mich kümmert das bis auf den Atem der Hunde alles nur sehr wenig, denn ich liege ja mitten im Gras in der noch immer brüllenden Hitze und zähle die Wolken oder die Kronen der Distel.
Die Zähne der Hunde bemerke ich kaum. Ich schliesse die Augen und so sehe ich nicht, ob die Hunde meine Knochen mit sich nehmen oder sie gleich an Ort verzehren. Mir sind die Wolken näher als die mahlenden Kiefer der Hunde. Irgendwann haben die Hunde genug von mir und nur noch mein Kopf liegt auf den alten, schon so lange nicht mehr benutzten Gleisen.

Es ist keine unbequeme Haltung in der ich da liege, ich hätte nur gern einen Arm denke ich mir, denn die Fliegen kann ich so schlecht von meiner Nasenspitze verscheuchen, aber das ist nicht zu ändern. Die Hunde knurren irgendwo von fern unter einer Kiefer, vielleicht schlafen auch sie mit meiner Hand im Magen. Auch ich im Traum schliesse die Augen, als ich sie wieder öffne steht vor mir ein Mann mit einenm langen Ledermantel. Der Ledermantel verfängt sich in einer Distel. Er hat kein Gesicht, sondern nur eine Stimme. Er sagt: Wir kennen uns hier. Sie kenne ich nicht. Er pfeift drei Takte eines Liedes, das ich nicht kenne und schon scharen sich die Hunde um ihn. Ihre Zungen kleben an seinem Mantelsaum und langsam gehen sie wieder davon. Dann wache ich auf. Der Traum aber ist fast so alt wie ich es bin.

Sonntag

Nach Monaten der Abwesenheit wieder eine Nachtschicht.

Ich habe nichts vergessen. Für einen Moment war ich mir nicht sicher. Ich bin mir über fast nichts mehr sicher.

Die Kollegen aber nickten, eine Hand auf meiner Schulter. Du bist zurück, das ist gut. Es ist eine warme Hand und eine leise Stimme.

„Es ist gut“, sage ich mir.

Dann übernimmt die Nacht. Die Nacht riecht nach Pfefferminzschnaps auf dem grünen Linoleum, nach Sterilium, seifigen Früchtetee, nach blutigen Lippen, nach Familien denen die Worte verloren gegangen sind und nach der ganzen Verzweiflung zu denen Menschen in der Lage sind. So viel Verzweiflung liegt in den Menschen.

Manchmal beschwören die Verzweifelten, dass sie trotz allem doch gute Menschen seien. Ich möchte Ihnen versichern,dass das Mensch-Sein doch kein Beweisverfahren ist, doch wenn wir uns treffen die Frauen mit dem geschwollenen Auge und ich, dann ist es immer schon fast zu spät.

Irgendwann endet die Nacht.

Wir stehen noch einen Moment zusammen, auch wenn die Tagschicht schon da ist, wir stehen zwischen den Metallspinden und den Duschen, die immer nur glutheisses oder eiskaltes Wasser haben, unter der tickenden Uhr stehen wir, müde Gesichter. Wir müssen uns erst wieder erinnern, an unsere Haare und Brauen, an die Kinnpartie und die Lippenbögen. In der Nacht vergisst man sich ganz.

„Es ist gut“, sagt der Kollege noch einmal.

Ich nicke und stehe unter dem ganz heissen Wasser.

„Es ist gut“, sage ich mir und auf dem Parkplatz suche ich gar nicht erst nach dem Tierarzt, der doch am Volvo lehnte, sondern ich fahre gleich ans Meer.

Das Autoradio spielt eine Bachmotette. Ich hatte vergessen, dass ja Ostern ist. Natürlich, denke ich, in der Nacht vergisst man alles.

Nur schnell vom Parkplatz herunter, um nicht doch nach dem Tierarzt Ausschau zu halten.

Das Dorf schläft noch aber das Meer schläft nie. Es rollt mir über die Füße, erst dann steigt es mir bis an die Beine, dann wache ich auf und schwimme in die kalte See hinaus.

Mit blauen Lippen zurück ans Land.

Aber die Nacht ist verschwunden im Meer, vielleicht war es die letzte Welle. Vielleicht auch schon die davor.

„Das ist gut“, sage ich mir.

Die Frau im Radio ist aufgekratzt. „Heute wird ein schöner Tag“, sagt sie.

Die Frau des Krämers schliesst gerade auf.

Ich tropfe auf den frischgewischten Boden, aber sie sagt nichts.

Heute ist Ostern, die Frau des Krämers hat sich den Glauben an das Wunder von Ostern bewahrt.

Sie zeigt mir ganz stolz ihre geröteten Knie.

Am Freitag habe sie gekniet in der Kirche. Lange.

Sie sagt es stolz. Sie hat ihren Anteil am Osterfest schon geleistet.

„Ostern ist das Fest der Frauen“, sagt sie. „Die Männer haben ohnehin immer alles verschlafen.“

Sie ist sich ihrer Verantwortung zurück.

Als sie ein Kind war, da war sie neidisch nicht auch Maria oder Magdalena zu heissen.

Dann bekomme ich doch einen Himbeerscone und einen so starken Tee, dass auch ich für einen Moment die Möglichkeit der Auferstehung nicht gänzlich ausschliessen will.

Ich sehe bei Kälbchen vorbei.

Kälbchen steht im Sonnenlicht und döst.

Aber dann kommt es doch und stösst mich fest in die Rippen.

„Es ist gut“, sage ich, „Kälbchen, du und ich.“

Kälbchen wälzt sich im feuchten Gras.

Ich fahre fort.

Ein paar Stunden im Bett, dann gehen der treue, alte Hund und ich zum Fluss.

Wir bewundern die Enten beim Sonntagsausflug.

Ich lese die Zeitung nach.

Der Hund seufzt selig im Schlaf.

Ich schenke der T. und all den anderen Hausbewohnern gestrickte Enten mit einem Ei im Bauch.

Die Enkellinnen von T. natürlich auch. Die Kinder muss man bewundern. In fünf Minuten nur wird aus dem Küchentisch ein wildes Meer auf dem die Enten wilde Abenteuer erleben, mit Piraten und dem Topflappenkrokodil. Die Enten gehen auf Kaperfahrt und wirklich man soll die wilden Enten nicht überschätzen.

Ich liege auf dem Sofa und sehe in den Wind, die Sonne, den Himmel, die Katze liest auch die Zeitung nach und ich lese den Brief von O.

Den O. habe ich gebeten aufzuschreiben wie es war damals in Berlin nach dem 8. Mai 1945.

Der O. schreibt mir aus dem Winter 1946. Es muss ein kalter Winter gewesen sein, ein Winter ohne Holz, da bekamen die Haushalte Baumwurzeln zugeteilt, die sie ausgraben sollten, aber der Boden war zu tief gefroren. Die Jungs der Strasse hatten eine Handgranate gefunden, aber die Handgranate riss nur einem Jungen die Hand ab. Aber der Boden blieb doch gefroren und O.´s Mutter verfeuerte schliesslich den letzten Schrank. Der Junge mit der zerfetzten Hand sollte sich nicht beschweren, sagten die Nachbarn. Es wohnten Mütter im Haus, da seien fünf Söhne gefallen.

Vor meinem Fenster spielt die Sonne verstecken mit den leichten, grünen Blättern.

Die Frau im Radio hat ja Recht. Es ist ein schöner Tag.

Vielleicht denke ich und lege den Brief aus der Hand, vielleicht weiss man nichts über den Krieg bis der Krieg schliesslich kommt.

Die Sonne wirft mir glitzernde Sprenkel auf die Hände.

Keine Kompassnadel

Zum ersten Mal seitdem ich denken kann, habe ich in diesem Jahr keinen Pessachputzplan gemacht. Ich habe keine Kisten mit weizenhaltigen Lebensmitteln in Kisten gepackt und mit einem Geschenkkorb zusammen bei den Nachbarn eingelagert wie in jedem anderen Jahr. Auch wenn die Frau des Krämers natürlich missbillgend den Kopf schüttelte: „Immer diese Ausländer.“ Aber aufbewahrt hat sie die Kisten doch.
Aber in diesem Jahr lebe ich ja nicht mehr in einem kleinen irischen Dorf und neben mir und dem alten, treuen Hund und der eigensinnigen Katze leben ja auch T. und J. und A. und S. im Haus fernab des ewig rollenden Meeres. T. und J. und A. und S. aber wollen natürlich Marmeladenbrote und ein wachsweiches Ei mit Butterfingern aus Toast am Morgen und warum soll ein gewöhnlicher Jude es ihnen verweigern. So ist das also in diesem Jahr und so bleiben Brot und Croissants, Spaghetti und Griess in der Speisekammer und das Pessachgeschirr ist eingelagert irgendwo vor Dublin. Aber mir zucken die Fingerspitzen gehe ich in die Küche, das ist der Preis der Assimilation, wer heute Jude sein will in Europa der hat angespannte Fingerspitzen.
„Wir sind doch hier nicht im Orient“, sagte damals schon Frau G. zu Frau R., denn auch meine Grossmutter die preussischste unter den deutschen Juden, die doch mit hochgezogenen Mundwinkeln über mein religiöses Eifertum lachte, räumte die Küchenschränke aus vor Pessach. Ihre Ausgabe der ihrer Haggada enthielt natürlich kein Wort Hebräisch, sondern eine ganz und gar deutsche Erzählung der alten Geschichte vom Pharao und dem Auszug in die Freiheit. Meine Grossmutter glaubte so fest wie an kaum etwas Anderes, dass der Pharao den Juden den Weg in ein gelobtes Deutschland gewiesen habe und nicht in ein Land in dem die Wüste und nicht der Liederzyklus Beethovens vorherrrschend waren.
Aber andersherum wusste wohl niemand so genau wie sie warum auf den Tischen zu Pesach auch etwas Bitteres steht. Denn ihr Jerusalem aus Goethe Gedichten und Schumann Quartetten, diese grosse und einsame Erfindung der deutschen Juden, war niemals ohne das bittere Ende zu denken und daran dachte sie wohl, wenn sie vorlas aus der Erzählung, in der doch die Freiheit eine so überragende Rolle spielt. Aber in diesem Jahr bleibt ihre Haggada in der Schublade, denn ich bin ja in der Mondsteinscheibenfabrik und der Pessachteller ist in Zeitungspapier eingeschlagen.
In Irland fällt das nicht auf, in Irland diesem typisch europäischen Land fällt das  nicht auf. Es ist nur eine komische Ausnahme, dass es auch in Irland Menschen gibt, die kein Ostern feiern, aber es spielt keine Rolle, die Erzählung über die Freiheit der Anderen zählen nicht. Dass Irland ein Land ganz fast ohne Juden ist eine Selbstverständlichkeit, es ist ja auch die europäische Norm und so ist auch eine Selbstverständlichkeit. Zum ersten Mal in diesem Jahr also stehe ich nicht in der Küche und mache Matzokneidlsuppe und in diesem Jahr habe ich auch nicht panisch nach Rezepten mit Meerettich gesucht.

Aber auch in diesem Jahr hat mein Vater panisch nach seinem Pass gesucht und die liebe C. wie in jedem Jahr gefürchtet, den Flug doch zu verpassen. Aber in diesem Jahr bin ich auch nicht in Berlin in der ersten und auch nicht in der zweiten Nacht in der doch alles andrs ist, als in den anderen Nächten. Die Mali-Tant wird nicht am Tisch sitzen und sich über die staubtrockenen Matzot beschweren und der Jean wird nicht lächeln als der verliebte Mann, der er ist, denn ich bekomme keinen Flug mehr heraus aus Irland am abend nach dem Büro und ich habe keinen Platz mehr in Irland um die Mali und den Jean zu mir zu holen, manchmal braucht es gar kein Bitterkraut und zum ersten Mal wird diese Nacht genauso gewöhnlich sein wie alle anderen Nächte. Natürlich wird die liebe C. mich spät am abend anrufen, heimlich aus dem Badezimmer der A., die doch Prinzipien hat, sie wird mir sagen, wer der Nichten und Neffen das Stück Matzot gefunden hat, wie grässlich die Hühnersuppe war und was es Neues gibt aus der langjährigen Fehde zwischen der A. und Selina Bodenstein, die doch Reis zu Pesach ißt.
Ich werde lachen und nicken und die liebe C. wird wie jedes Jahr sagen, aber nächstes Jahr, da bist du mit dabei, auch wenn wir wissen, das nächstes Jahr nie kommt. Neben der lieben C. wird es rascheln und ich werde schlucken zweimal, vielleicht auch dreimal, denn das Rascheln kommt von meinem Vater, der ganz vorsichtig Niederegger Marzipaneier auspacken wird, um sie erst mit der lieben C. und dann mit Schwesterchen und der Kinderschar zu teilen.
Viele Jahre lang glaubte ich, der Grund dafür, dass er so hartnäckig auf Eiern und Goldhasen bestünde, hätte etwas mit seiner Abneigung gegen die A. zu tun, aber ich irrte mich. Die heimlich verzehrten Ostereier in der Badewanne in Jerusalem sind sein Versuch sich daran festzuhalten, dass der Exodus aus Ägypten nicht geradewegs nach Jerusalem führte, sondern für viele, viele Generationen nach Europa. Es ist vielleicht das letzte Festhalten am Glauben seiner Mutter, meiner Grossmuter für die die Freiheit zwischen Heinrich Heine und Friedrich Schiller lag. Seine und meine Vorfahren träumten ja nicht von Sderot oder Netanya, sondern von einem freien Leben in Budapest oder Wien oder München. Aber heute in einem Europa in dem Judentum die Ausnahme ist und auch in Irland wo die Abwesenheit jüdischer Erfahrungen eine ganz gewöhnliche Tatsache ist, da suchen wir noch immer nach einer Kompassnadel, die uns in die Richtung weist, wie man heute in Europa als Jude eigentlich leben kann.

Was man im Frühzug hören kann

Ein Mann singt für seine Tochter am Telefon. Ein rumänisches Wiegenlied. Das kleine Mädchen weint erst, dann singt es mit und schliesslich drückt es Küsse auf den Bildschirm irgendwo in einem Dorf zwischen Bukarest und Timisora. Der Mann aber singt und singt für seine Tochter.

Eine Frau ist tief über einen Lottoschein gebeugt und murmelt: Sieben, nein drei, nein drei, sieben. Der 3.7. das war doch Nellys Geburtstag, doch, aber, ganz sicher ist sie sich nicht über die Zahlen, die ihr vielleicht zum grossen Los verhelfen oder auch nur zum Geburstagsdatum von Nelly.

Eine Frau mit flammend roten Haaren diktiert einen Einkaufszettel in ihr Telefon. Milch, Zucker, Erbsen, Baked Beans, Truthahnwürste, Spaghetti, Thunfisch. Manchmal stolpert das Telefon in seinen Notizen, dann atmet die Frau ganz langsam und sehr bewusst ein und aus und sagt zu dem Telefon: „Nein, nein, hier irrst du, es muss doch anders heissen und dann sagt sie noch einmal Thunfisch oder Erbsen, sie sagt es mit einer bestimmten Härte, sie sagt es wie Mütter die spät in der Nacht zu ihren betrunkenen Kindern sagen: „Nein, ich bin nicht wütend, ich bin nur enttäuscht.“ Dann zuckt die Frau doch noch einmal zusammen und diesmal ist nicht das Telefon schuld. „Kay“ ruft sie erschrocken, „Kay hasst Thunfisch.“ Sie starrt auf das Telefon, ungläubig fast, dass sie es sich beinahe mit Kay auf ewig verscherzt hätte. Nur das Telefon bliebt von dieser existentiellen Krise unberührt. Es sagt: „Kay privat anrufen.“ Aber die Frau unterbricht hektisch die Verbindung. „Nein, sagt sie, nein bloss nicht.“ Wer weiss schon ob das Telefon nicht in einer schwachen Minute Kay die fatale Einkaufsliste würde zukommen lassen.

Hinter mir sitzen zwei Männer, einer schläft fast, sein Arm liegt über seinen Augen. Er atmet schwer, aber sein Nachbar ist wie eletrisiert. Was für ein Tor, was für ein Schuss, was für ein Mann. Messi ist ein G’tt. Seine Stimme überschlägt sich fast vor Bgeisterung und dann beginnt er noch einmal von vorn und kann sich nicht beruhigen über das Tor und einen Mann, der kein gewöhnlicher Sterblicher zu sein scheint, sondern ein G’tt ist an diesem Morgen wenigstens.

An der Schranke aber hupen zwei Lastwagen. Vielleicht zollen auch sie Messi Tribut.

Ernstere Gespräche aber führen zwei Männer, die blaue Arbeitshosen und karierte Hemden tragen. Sie essen Butterbrote und trinken schwarzen Kaffee.

„Schlimm sagen sie schlimm sei die Sache mit der Kirche.“

„Die Handwerker werden alles leugnen, sagen sie. Sie täten dasselbe. Einer muss Schuld sein und die Handwerker seien doch eh immer dran.“

Sie nicken vereint.

„Die Missus habe ihn auch in die Kirche geschleppt“, sagt einer der Handwerker.

Alle seufzen.

Aber schlimm ist es doch.

„Fast so schlimm wie bei seiner Schwiegermutter“ sagt der Mann in der Runde, der das grösste Butterbrot fingerdick belegt mit Butter und Schinken verzehrt.

Die Schwiegermutter sagt er habe sich ja immer schon wichtig genommen. Immer Sonntags zweimal zur Messe und dem Priester hier einen Kuchen und da eine geräucherte Forelle und imme rein süssliches Gedicht. Aber wehe er hätte einmal eine Forelle gefordert! Na jedenfalls habe die Schwiegermutter dann auch angefangen die Kirche mit Blumen zu schmücken. Scheussliche Blumensträusse. Er selbst könne sich sein Hochzeitsfoto gar nicht mehr ansehen, der scheusslichen lila Nelken wegen. Lila Nelken. Die Anderen drehen sich schaudernd weg. Jedenfalls sei sie auf immer verrücktere Ideen gekommen mit der Blumenschmückerei und ihrer Wichtigtuerei und im Herbst eines Jahres habe sie die Kirche mit ausgestopften Strohtieren ausgeschmückt.
Einen Hahn aus Stroh wegen Judas oder so und aus irgendeinem Grund auch ein Schwein aus Stroh auf dem Altar sogar, der Priester was dem Schwein sehr zugetan. Jedenfalls war die ganze Kirche voll mit diesen Tieren, selbst neben der Orgel war so ein Strohschaf und der Priester schrieb deswegen sogar nach Rom, um zu zeigen das seine Kirche jedenfalls die Originellste sei. Es habe alles auch in der Zeitung gestanden und seine Schwiegermutter habe die Artikel auf dem Gästeklo aufgehangen, damit auch keiner daran vorbeikam. Er habe damals gleich zu seiner Frau gesagt, dass das ein böses Ende nehmen würde mit den Strohtieren und Briefen nach Rom und so. Eines Tages sei es dann auch so gekommen, wie er gesagt habe.
Der Priester nämlich habe irgendwoher ein Bethlehemslicht bezogen, das Tag und Nacht brannte. Ob es nun Durchzug war oder was auch immer, das Bethlehemslicht sei umgekippt und natürlich direkt auf das Strohschwein gefallen und alles was danach kam, war Paris.“ Die anderen Männer nicken. Schwiegermutter hat natürlich wochenlang geheult, aber die Kirche war eben trotzdem hin. Der Priester musste bald danach gehen, aber die Schwiegereltern hätten ja dort das Haus und da sei nun nichts mehr zu machen.

Schlimme Sache, sagen die Männer noch einmal, die Sache mit Notre-Dame und deiner Schwigermutter.

„Man wird gute Handwerker brauchen“, sagt der Mann der bis dahin geschwiegen hatte und alle vier nicken.

„Für viele Jahre wird man gute Handwerker brauchen.“

Auf dem Bahnsteig singt eine Amsel.

In den Bergen, über dem See

Etwas Unwirkliches hat die Landschaft in Wicklow. Zu schroff sind die Felsen links und rechts der Strasse, hier findet sich kaum das satte Grün, das doch alle in Irland suchen, hier sind Geröllhänge und glatter, schwarzer Schiefer und der J. neben mir im Auto mit halbgeschlossenen Augen sagt: „Du wolltest mir Irland zeigen, dabei ist das die Landschaft meiner Mutter irgendwo in Uttar Pradesh. Ich bin nie dagewesen. Aber jetzt eben doch.“ Ich nicke,zu schmal sind die Strassen für lange Antworten. Überhaupt sind es eigentlich keine Strassen, sondern breitere Kanten auf denen man sich vorsichtig weiter und weiter hinein in die Berge bewegt. Das ist keine Landschaft für Autos, denke ich links und rechts und immer schmaler, dies ist eine Landschaft für einen Reiter und ein Shetlandpony, für einen Esel und zwei Körbe links und rechts an seiner Seite, eine Landschaft für einen Schäfer und seine Herde, dies ist die Landschaft in der sich der Erlkönig auf den Rücken legt und für lange Stunden in den Himmel starrt, sein Pferd ist an einer kahlen Kiefer angebunden, dies ist eine Landschaft, die dem Wind gehört und der Wind liebt uns nicht, der Wind schiebt das Auto von links nach rechts und wieder zurück. So ist das.

Der J. schweigt und vielleicht schwiegt mit uns auch seine Mutter und auch ich schweige und beisse mir auf die Lippe, so eine Landschaft ist das. Dann aber sind wir doch hindurch, man kann auch ein Auto durch ein Nadelör fädeln, weiteratmen. In Glendalough sind wir fast noch allein, man muss vor den Touristenbussen ankommen, das ist die Hauptsach gegen alles andere gibt es feste Kleidung oder Pflaster, aber gegen die Toristenbusse hilft nichts, man muss früh aufstehen, das ist das Einzige was hilft. Wir sind früh genug.

Der J. lacht. „Weisst du noch damals als du mit dem A. in die Berge gingst und alle starrten dich an, dass du mit dem Dalit boy in die Berge gingst, mit dicken Seilen um den Hals und den absurden Gummischuhen? Ich habe auch gelacht über euch, zu fremd war mir die Vorstellung, wer fährt schon mit einem dalit boy nach Himachal Pradesh.“ Ja, sage ich, so gingen wir damals der A. und ich. Der J. schweigt. Denn der A. und ich gehen ja nicht mehr in die Berge. „Weisst du Read On, ist das nicht merkwürdig, dass ich heute hier an diesem Tag, der brown boy bin mit dem du in die Berge gehst und wenn die Touristen kommen, vor denen wir jetzt davonlaufen, werden sie so auf uns schauen, wie wir damals auf A. und dich?“ Ja, sage ich, es ändert sich nichts.

Dann sagen wir für viele Stunden nichts mehr, denn schon damals als der A. und ich in die Berge gingen, taten wir es nicht um zu reden und auch hier und heute schweigen wir, als wir den Wasserfall erreichen, denn in den Bergen war mir die Sprache immer etwas Fremdes, die Worte hallen zu sehr, sind Stolperfallen wie ein durch das Gebüsch gespannter Draht, man muss aufpassen in den Bergen, so oder so. Wir also balancieren über die Dielenbretter, unter uns gibt die Erde nach, bogland, versinkende Berge oder auch nur ein kluges Täuschungsmanöver, ein Stein wie ein Fischbauch glänzend noch vor dem vorgestrigen Regen, der Winter hängt noch schwer an den Ästen der Bäume, ein schwarzer Vogel plötzlich über uns, hüte dich vor dem fremden Vogel, so fangen andere Märchen an, dieser unser schwarze Vogel, er lässt uns lange nicht ziehen, der Ginster aber klammert sich hartnäckig an die steilen Wände und auch an unsere Beine, der erste Klee und der letzte Schnee oben auf dem Kamm. Wir starren lange auf den blanken See unter uns, dabei heisst er der obere See, sein Wasser soll kalt sein, wir glauben es sofort. Einmal kamen die Wikinger nach Glendalough, dann kamen die Mönche, dann später die Minenarbeiter, die Blei abbauten und heute kommen Touristen, dass sie wieder Gehen, dass auch wir wieder gehen ist wohl die Hauptsache. Der Berg und mit ihm die Winde sorgen schon dafür, sie zieren sich nicht.

Wir steigen in langen Zirkeln wieder herunter, der erste Klee neben den Säumen der immer noch kahlen Bäume, Zigarettenkippen in der feuchten Erde, ich hebe sie auf, sie kommen in den Plastikbeutel zu den Bananenschalen.
Das ist mir geblieben vom A. damals in anderen Bergen, der dalit boy, der aufwuchs ohne fliessend Wasser, trank aus offenem Wasser, die Zigarettenkippen achtlos hingeworfen verdarben es, so einfach war das, der A. hob sie auf, ich sehe ihn noch immer we er trank, das Wasser aus den offenen Händen schöpfend, ich habe nichts vergessen, ich denke nur nicht mehr daran. Der J. schweigt über die aufgehobenen Kippen.

Im Tal treffen wir Touristen, sie reden atemlos schon, doch die Worte fallen in den Bergen auf taube Ohren, das ist einfach so. Wir aber haben die Berge schon wieder im Rücken, auf breiteren Weg diesmal zurück in die Stadt.

Woanders ist es auch schön

Manchmal wünsche ich mir, dass Internet wäre manchmal ein Haus aus rotem Backstein und alten, hohen Fenstern. Eine Pinie stünde im Garten und es wäre ganz still und nur manchmal spielte irgendwo im Haus eine Violine, so ein Haus müsste es geben für all die, die gerade festen Boden oder auch nur knarrende Dielen brauchen.

Ich sehe bekanntlich ja nur Filme mit Isabelle Huppert, aber diesen Film habe ich dann doch vor einer ganzen Weile schon in einem kleinen Kino in Dublin gesehen und zeigt den Maschinenraum und das Innenleben des Kunsthistorischen Museums in Wien. Ein ganz großartiger Film, der in dieser Woche in der 3Sat Mediathek zu sehen ist. Das ist wirklich gut angelegte Zeit.

Brotkunst, wie sich hier sehen lässt, macht nämlich süchtig. Wie großartig, dass doch ist, wenn Ideen immer weiterwachsen.

Wer glaubt es gäbe Updates nur für Programme, der kennt noch nicht Sohn II von Herrn Buddenbohm.

Was es mit dem Schwarzen Loch denn nun eigentlich auf sich hat, wird hier erstaunlich lesbar beschrieben.

Monatelange Demonstrationen haben im Sudan zum Rücktritt von Omar al-Bashir geführt. Was für eine Nachricht! Der Journalist Isma’il Kushkush reflektiert darüber, wie es jetzt weitergehen weitergehen kann. Leicht wird es nicht, aber was für ein Aufbruch.

Eine Erfindung auf die ich wahrlich neidisch bin.

Kein Lied habe ich in dieser Woche so oft gehört wies Saying Goodbye. Scheint mein Thema zu sein.

Ihnen allen aber ein schönes Wochenende mit Blumen und einem großen Strauss roter Tulpen.

Eigentlich Nichts

Es ist nicht so, dass nichts passiert, auch wenn nur wenig passiert. Aber über das Wenige, das dann doch passiert, kann ich hier nicht schreiben.

Das klingt nach grossem Geheimnis, dabei gibt es gar keines, nur einen Beruf, den gibt es schon.

Leider ist aus mir ja weder eine Salondame, noch eine Dichterin geworden. Dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen, auch hier.

Ich hätte zum Beispiel einen Mittwochsverehrer, über den ich stets am Donnerstag schriebe. Aber ich habe an keinem Wochentag einen Verehrer und kann daher auch am Donnerstag nichts über gewagte Mittwochabende berichten.

So bleibt nur wenig Verstreutes, Zusammengewürfeltes übrig.

Zwei Kuchen habe ich für die Mondsteinscheibenfabrik gebacken.

Einen mit Blaubeeren und einen mit Ananas.

Schäbig nehmen sie sich aus meine Kuchen neben den Kreationen der Anderen.

Woran man merkt, dass sich Wettbewerb in alle Gedankengänge geschoben hat, dafür muss man nur auf das Kuchenbuffet starren auf dem sich Meisterwerke türmen die die Bäckereifachinnung alt aussehen lässt. Alle loben die Kuchen der Anderen, aber grämen sich doch recht offensichtlich nicht selbst die dreistöckige Zitronentorte fertig bekommen zu haben. Die Zitronentortenbäckerin hat sogar eine goldene Etagere mitgebracht, um ihr Prunkstück auch angemessen zu präsentieren. Der schlimmste Vorwurf,aber ist erst im Lift zu vernehmen: „Die hat die Torte doch gekauft.“ Es ist ein schwerer Vorwurf, schwerer noch wiegt er als die 3000 Kalorien der Erdbeerbiskuitrolle, um die es geht.

Immerhin kommt bei meinen Kuchen niemand auf die Idee sie seien in einer Patisserie heimlich über den Tresen gewandert. Es sind die kleinen Dinge.

Für den Kuchen bekomme ich einen Schneebesen geschenkt.

Ich fühle mich wie Hans im Glück.

Ein Kälbchen habe ich ja ohnehin schon.

Die Auszubildende macht eine Steinzeitdiät, aber vom Kuchen will sie trotzdem probieren.

„Habe ich von ihnen gelernt Fräulein Read On?”

„Kuchen essen?”

„Nein, Sie sagen doch immer man solle solidarisch sein.“

Die Auszubildende führt nach Punkten.

Aber so sehr interessant ist das natürlich alles nicht.

Vielleicht noch die Sonne, früh am Morgen auf dem Weg zum Weg.

Woanders trifft man mich eigentlich nie.

Es gibt mich nur in zwei Variationen.

Auf dem Weg zum Bahnhof.

Oder auf dem Weg vom Bahnhof.

Genug davon.

Jedenfalls die Sonne. Die Sonne zu betrachten, lohnt mehr als meinen immergleichen Schritten zu folgen.

Die Sonne ist ein rotglühender Ball früh am Morgen. Das ist ein ganz und gar falscher Satz. Die Sonne ist niemals nur ein rotglühender Ball, auch nicht am Morgen. Die Sonne ist immer so viel mehr. Die Sonne ist immer einen Überwältigung.

Die Sonne ist doch in Wirklichkeit eine Opernsängerin aus dem Fenice.

Die Sonne hat doch schon mit Verdi Grappa getrunken, damals in anderen Tagen in einem anderen Venedig, doch vielleicht auch damals schon der gleiche verhangene, milchfarbene Himmel, den sich Venedig und das ländliche Irland teilen.

Die Sonne als Opernsängerin braucht diesen Himmel für die letzten Takte einer grossen Arie. Dann verbeugt sie sich auf dem Balkon, eine rote Robe, flammendes Haar, das Publikum wirft ihr Handküsse zu, sie wirft rote Rosen zurück. So einen Auftritt hat die Sonne an diesem Morgen. So kann man auch in die Oper kommen, auch wenn man gar nicht bezahlt hat für Logenplätze im ersten Rang.

Irgendwo im Hintergrund aber spielt der Mond noch leise Klavier, denn sie ist doch seine, eine grosse Liebe, die Sonne da auf dem Balkon mit der roten Robe und dem flammenden Haar. Wer will es ihm denn auch verdenken?

Hat sich noch etwas zugetragen?

Kaum.

Was soll man schon sagen über einen Mann, der während der Zugfahrt hustet als sei die Kameliendame in Wirklichkeit seine Schwester. Aber Brustkamellen und auch ein Wasser schlägt er aus.

Es wird am Ende doch nicht wirklich stimmen, dass manchen Menschen wirklich nicht mehr zu helfen ist?

Dann steige ich aus unter anhaltendem Husten.

Die Katze hat sich anderntags auf dem Terrassensims mit einer anderen ungleich grösseren Katze mit weissen Pfoten misstrauisch beäugt.

Aber ich kenne die Katze lange genug, um zu wissen, dass Fragen auch die subtilsten  über solche Dinge nur zu schmerzhafter Verlegenheit führen und so lasse ich es bleiben.

Es lohnt sich, sie sehen ja wohin ich will, auch immer einmal wieder zu schweigen.

Mein Vater sucht wieder einmal seinen Pass. Aber das ist in jedem Jahr kurz vor Pessach und der Abreise nach Jerusalem der Fall.

Die liebe C. hat ein Veilchen entdeckt an der Hauswand.

Es wäre schön so ein Veilchen zu sein, denke ich mit der Hauswand im Rücken.

Manchmal gab meine Grossmutter mir kandierte Veilchen zu essen.

Aber das ist schon lange her.

Heute gibt es ja auch Kuchen in der Mondsteinscheibenfabrik.

Das ist alles und ich sagte es ja schon ganz am Anfang, es gibt kaum etwas zu berichten jenseits der Wege vom und zum Bahnhof.

Kein Anlass zur Aufregung.

Dreiundzwanzig war ich, oder vielleicht auch erst einundzwanzig. Ganz sicher bin ich mir nicht mehr, denn damals war ich mir über fast nichts sicher, oder anders mich gab es eigentlich nur in Bruchstücken, die mir zwar geähnelt haben mögen, aber die niemals eine ganze, eine eigene Person gewesen sein können.

So war das damals, das war ich.

Wann genau oder wie ich den A. kennengelernt habe, auch das weiss ich nicht mehr. Zu verschwommen sind die Jahre oder Nächte oder auch beides im Nachhinein.

Vielleicht war es auf der Langen Nacht der Volksbühne, aber es kann ebensogut in einem kleinen Cafe irgendwo in Montpellier gewesen sein.

Irgendwann war der A. einfach da.

Das dachte ich jedenfalls.

Da wusste ich noch nicht, dass der A. nicht einfach da war, sondern da war, wo ich war.

Der A. war so unauffällig, dass es schon wieder auffällig war. Das jedenfalls erinnere ich ganz genau, meine Verwunderung darüber wie schwer es mir fiel, selbst wenn ich mit ihm zusammensass mich an sein Gesicht zu erinnern. Einmal waren seine Augen milchig blau, so als habe er die Farbe seiner Augen selbst mit dem Tuschkasten angerührt, aber dann war mir wieder als wären seine Augen doch blank und grau wie ein Kieselstein, den man manchmal findet und wenn man noch überlegt ihn einzustecken, verschwindet er wieder. Selbst seine Haarfarbe war ein weder noch. Weder Braun noch Blond noch Rot. Das Auffälligste an ihm waren noch die Schuppen, die ihm wenn er sich durch die Haare fuhr leise auf die Schultern rieselten. Aber auch das ist ja im eigentlichen Sinne nichts Bemerkenswertes

Das habe ich behalten von der Sache mit A., dass es Unaufälligkeit nicht gibt. Aber das kommt erst später.

Erst sitze ich ja mit dem A. auf einem Kissen mit rotßweissen Kissen oder einem Gartenstuhlk mit harten Streben und wenn ich auch vergesse habe, was der A. trank, so weiss ich doch noch, dass damals in allen Gläsern Eiswürfel klirrten. Es muss ein heisser Sommer gewesen sein.

Es war ein Sommer in dem ich A. kannte, obwohl das nicht stimmt.

Kennengelernt habe ich A. erst, da war schon kein Sommer mehr.

Es stimmt auch nich zu sagen, dass der A. und ich in diesme Sommer allein gewesen wären. Immer waren Freunde oder Bekannte oder Arbeitskollegen in der Nähe. Sie sassen an einem Nebentisch oder im gleichen Theaterstück oder auch sie frühstückten klebrige Croissants mit dicker Erdbeermarmelade.

Allein waren der A. und ich nur drei oder viermal, aber das gehört auch schon zum Später.

Aber wenn ich heute zurückdenke an jene Wochen, dann ist es schon auffällig, dass A. immer wie zufällig neben mir zu sitzen begann oder gerade dann auch eine Limonade trank, wenn ich den Deckel an einer Flasche an einer Tischkante aufschnipste und auffällig ist im Nachheinin auch, dass der A. immer Theaterkarte hatte, die ihm einen Platz genau neben meinem auswies. Aber damals habe ich mir keine Gedanken über derartige Zufälle gemacht, damals war mein Deutsch schwerfälliger noch als heute und ich selbst, aber das sagte ich bereits niemals Ganz, sondern immer nur Etwas, dieses Ich.

Ich war oft müde in diesem Sommer, denn ich arbeitete in der Nacht. Vielleicht habe ich auch deshalb nichts bemerkt, aber damit will ich vor allem mich selbst überzeugen, denn ich erinnere vieles aus den Nächten in denen ich arbeitete viel klarer als ganze Jahre.

Der A. hatte eine fast monotone Art zu sprechen, verfiel niemals in einen Dialekt oder gab seinen Worten eine regionale Note, aber dann wiederum habe ich Zweifel, ob er denn Hochdeutsch sprach oder nicht doch eine Note in seiner Stimme lag, die ich nur nicht zu entziffern vermochte.

Der A. sprach viel damals. Von seiner Einsamkeit in Berlin, von seinem lieblosen Vater, der ihn und seine Schwester über Wochen ignorierte, nur um dann ganz plötzlich aus der Haut zu fahren, von seinem Traum einmal die Anden zu sehen, von der Langweile im Studium und der Angst davor, dass am Ende nur die Leere bliebe.

Ich nickte zu all dem nur. Am Liebsten hörte ich noch die Geschichten aus seiner Geburtsstadt, die er zwar niemals beim Namen nannte, aber der er hübsche Giebel und eigenwillige Charaktere gab, die mir gefielen.

Eine Antwort erwartete er nicht.

Vielleicht hätte ich aufmerksamer zuhören müssen, vielleicht hätte ich aufhorchen müssen, wenn er mit kalter Verachtung von Mitschülern sprach, die sich im Nachhinein immer als Mitschülerinnen herausstellten.

Eine Lisa hatte ihn einmal mit einer Geburtstagseinladung geködert, aber als er mit Pomade im Haar und einem Geschenk unter dem Arm am Nachmittag bei ihr klingelte, da schüttelte Lisas Mutter den Kopf und sagte: Mein Junge du musst dich im Datum vertan haben, Lisas Geburtstagsfeier war doch am letzten Donnerstag.

Eine Lydia hätte ihn auf dem Parkplatz vor der Tanzschule warten lassen und sei statt mit ihm mit einem Tobias zum Abschlussball gegangen. Er hätte geweint damals auf dem Parkplatz hinter der Tanzschule und als ich ihn ansah, glaubte ich für einen Moment er würde wieder anfangen zu weinen.

Vielleicht hätte ich ihm ein Taschentuch anbieten sollen, aber ich hatte wohl kein Taschentuch dabei.

Aber dann sprach er ohnehin wieder von einem Landschaftsmaler oder einem Gymnasiallehrer mit einem Holzbein und ich vergaß die Geschichten seiner Demütigung unter meiner Müdigkeit.

Angstzustände plagten ihn manchmal, sagte er und sah mich, es sei ihm dann unmöglich allein zu sein.

Vielleicht hätte ich ihm Hilfe organisieren müssen oder auch einfach nichts sagen müssen, aber ich sagte: „Ich kann Dir das Gästebett beziehen.“

Er trank Tee in der Küche, während ich das Kopfkissen bezog.

„Danke“ sagte er und „ich glaube du bist meine erste Freundin.

Ich war mir nicht sicher, was er eigentlich meinte.

„Schlaf gut“, sagte ich.

Irgendwann in der Nacht wachte ich auf, denn ich schlafe noch heute sehr leicht.

Er stand neben meinem Bett mit heruntergezogener Hose und rieb seinen Penis in seiner Hand.

Irgendwann war er fertig und ging leise aus dem Zimmer heraus.

Am anderen Morgen aber war er so normal und so unauffällig wie immer, so dass ich mich wunderte ob ich das alles nicht nur geträumt hatte.

Er zog die Wohnungstür ganz leise hinter sich zu.

Für ein paar Wochen war alles unverändert.

Ich war mir fast sicher, dass der A. niemals mit heruntergezogener Hose neben meinem Bett gestanden hatte.

Aber dann eines Abends klingelte er ganz aufgelöst, schluchzend schon im Treppenhaus, eine wilde Geschichte phantasierte er dann zusammen, die ich nicht mehr ganz genau zusammenbekomme. Eine Dozentin an der Universität, die ihn heimtückisch ins Messer habe laufen lassen und schon während der Prüfung hämisch gelacht habe, so etwas in der Tat.

„Setz dich doch erstmal“, sagte ich zu ihm.

Es war heiß und ich war so müde. „Du liebst mich doch“, sagte er.

Aber ich schüttelte den Kopf.

„Nein“, sagte ich und drehte mich um nach zwei Gläsern.

Aber die Gläser habe ich nur mit den Fingerspitzen erreicht.

Da drückte mir der A. schon seine Hände um den Hals und flüsterte: „Nun stell dich nicht so an, du willst es doch auch.“

„Was für ein Klischee“, dachte ich. Das sagt doch niemand und trat mit den Füßen nach seinem Bein, auch um wieder Luft zu bekommen.

Der A. fiel gegen den Küchenschrank.

„Geh jetzt bitte“, sagte ich und wenig später ging auch ich zum Dienst.

Aber am Wochenende als ich die Anderen traf zu denen auch der A. gehörte, da sahen sie mich komisch an.

„Das hat der A. nicht verdient,“ sagte die G.

„Und wie krass bist du denn drauf“, sagte die H.

Ich schwieg.

Ich wusste ja auch nicht worum es ging.

Der A. hatte seinen Arm bandagiert und war von einer Gruppe Frauen umgeben, die ihn trösteten.

Er erzählte allen, ich sei so geil auf ihn gewesen, dass als er sich meiner erwehren wollte, ich ihn in den Arm gebissen hätte.

Ich wollte etwas sagen, aber ich bekam keinen geraden Satz mehr heraus.

Dann bin ich gegangen.

Das war das Ende des Sommers.

Nur einmal noch habe ich den A. getroffen, zufällig fast, auch wenn ich da schon nicht mehr an Zufälle glaubte.

Er stand vor mir ganz plötzlich mitten auf der Straße und hielt einen Schlüssel in der Hand, der so aussah wie mein Wohnungsschlüssel. In seiner monotonen und so ganz und gar unauffälligen Aussprache sagte er weder wütend noch ängstlich, sondern fast wie mit milder Nachsicht:

„Eines Nachts komme ich zu dir und wenn ich mit dir fertig bin, wird niemand dir glauben.“

Dann ging er und weil er doch so unauffällig war, verlor ich ihn schon an der nächsten Straßenecke aus den Augen.

Ich wechselte das Schloss aus und das war alles.

Gesehen oder gehört habe ich vom A. nie wieder etwas.

Sein Name muss in Wirklichkeit ein ganz Anderer gewesen sein.

Erzählt habe ich niemanden etwas davon und auch heute wenn ich zurückdenke, dann erinnere ich mich vor allem an das Gefühl wie normal, ja wie zwangsläufig mir dieses Erlebnis schien, so als sei das alles eine ganz normale Konsequenz, die sich nicht vermeiden lässt als Mädchen von 21 oder auch 23 Jahren.

Auf die Idee eine Anzeige aufzugeben oder gar die Polizei zu rufen, war ich nicht gekommen, denn war denn in Wirklichkeit überhaupt etwas geschehen und war das Geschehene nicht dann doch auch fast lächerlich zu nennen? Kein Anlass zur Aufregung, so viel stand fest.

Ich schwieg also lieber und überhaupt arbeitete ich viel in diesem Sommer, der kein Sommer mehr war.

Dieses vollständige Ausbleiben auch nur einer leisen Überraschung über das was da war, das ist mir geblieben von jenem Sommer mit A. auch noch zehn Jahre danach.

Woanders ist es auch schön

Ein Text über die Liebe und dann auch wieder nicht. Aber ein Text mit so vielen Ecken und Kanten, dass man ihn lange bei sich behält und gar nicht anders kann als sich auch zu erinnern.

Eine so schöne, wahre Liebesgeschichte. Viele neue Jahre wünsche ich dazu.

Frau Wiesel ist ungeduldig. Ach, wie ich das verstehen kann. Überhaupt, wenn Sie noch nicht regelmäßig bei der so klugen wie warmherzigen Frau Wiesel vorbeisehen, bitte tun sie es doch.

Ich muss zugeben, ich stehe ohnehin so früh auf, dass ich glaube es sei kurz vor dem Weltuntergang, deswegen habe ich kein Verhältnis zur Sommer- oder Winterzeit. Aber Kiki hat sich zu der Frage, ob nun eine Stunde vor oder zurück lesenswerte Gedanken gemacht.

Eine Geschichte aus Indien. Eine Geschichte über Haar. Eine Geschichte über uns alle und all die Geschichten, die wir nicht sehen.

Die Suche nach Frauen im Bauhaus lohnt sich sehr. Und die Bilder erst. Man verliebt sich sofort und unmittelbar.

Heute doch noch einmal Eigenwerbung, denn hier können Sie Brote ähm Bilder raten…

All in your head. Der treue alte Hund und ich nicken uns zustimmend zu.

 

 

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

In der Dämmerung mit dem treuen alten Hund hinunter zum Fluss.

Ein Vogel, der vielleicht auch nur ein Schatten ist über unseren Köpfen.

Der Hund starrt lange in sein Spiegelbild.

Ob er wohl weiss, dass er es ist oder sieht er jedes Mal wieder einen neuen Fremden?

Am Ufer sitzt eine Wasserratte- braune Augen, sorgenvoll will ich fast sagen, aber ich weiss nichts über die Dinge unter unserem Boden. Vielleicht sind in den Kanälen ja gerade Bürgermeisterwahlen.

Komm, sage ich zum treuen, alten Hund, denn der Tag fängt ja gerade erst an.

BBC 4 beim Zähneputzen. Grüner Schaum vor dem Mund. Das ist ja dieser Tage so etwas wie angemessen.

Ein grosses Glas Wasser, zum Wachwerden, sagte meine Grossmutter, sie trank ihr erstes Glas Wasser lauwarm, aber mein Wasserglas ist kalt, Eiswasser, sie schüttelte den Kopf und ich küsste sie auf die Nasenspitze, so war das mit uns. Sie und ich und kaltes, klares Wasser.

Der Katze und dem Hund Frühstück anreichen.

Für mich ist es noch viel zu früh.

Die Katze rollt sich auf dem Sessel zusammen. Der Hund schläft auf dem Teppich ein.

Tschüss ihr beiden, Schlüssel, Telefon, Fabrikkarte, Portemonnaie?

Auf dem Weg zum Bahnhof drei Kastanien und auf einer Wiese eine Gruppe Birken. Ich warte mit brennender Ungeduld auf die grünen Blätter der Kastanie und auf das flirrende Birkenblätter. Aber heute, heute sind da nur die Knospen, aber noch keine Blätter. Vielleicht aber morgen, vielleicht sind die Blätter ja morgen schon da, nur heute sind sie es noch nicht.

Am Bahnsteig warten drei Männer mit Bohrmaschinen und staubigen, kalkbedeckten Jacken. Sie trinken Kaffee aus Thermoskannen und essen dicke Wurststullen dazu. Einer liest die Nachrichten vor. Irish Sun. Die Anderen nicken beim Kauen. Vielleicht wechseln sie sich ab mit dem Vorlesen, eine Zeitung für drei, ihnen ist Lesen mühsam, das hört man, sie halten inne, misstrauisch sind sie den Wörtern gegenüber und doch ist ihr Vorlesen würdevolll, einprägsam und für einen Moment habe ich ein schlechtes Gewissen, verschlinge ich doch Wörter hastig und ingeduldig, das ist schon immer so gewesen. Die Männer aber gehen genau vor. Sie nehmen sich Zeit für jedes einzelne Wort.

All bonkers sagen sie schließlich, die Weltlage ist ja auch danach, dann schrauben sie die Thermosflaschen zu, streichen das Butterbrotpapier wieder glatt, knicken die Zeitung, aber so dass die Frau auf dem Titelblatt, die heiratet oder sich scheiden lässt, keinen Schaden nimmt.

Dann rauchen sie jeder eine Zigarette.

Wie schön doch Menschen sind, die lesen.

Dann kommt der Zug und dann beginnt ein langer Tag in der Mondsteinscheibenfabrik. Aber was in der Mondsteinscheibenfabrik geschieht, das bleibt in der Mondsteinscheibenfabrik.

Am späten Nachmittag hole ich die J. aus dem Institut ab. Sie lacht, ich lache, es ist leichter, wenn sie lacht und dann gehen wir in die National Gallery herüber, so als würden wir uns kaum kennen, so als wüssten wir in Wirklichkeit nicht was unsere Lieblingsbilder sind, so als seien wir ein zweites Date und nicht so viel Geschichte, so viel Zutrauen ineinander, für eine Stunde sind wir noch einmal uns fast fremd und hoffen und bangen wie ganz Frischverliebte, dass der Andere William Orpen nicht für einen stumpfen Portraitmaler hält oder nicht Herzklopfen bekommt bei Lucian Freud. Natürlich geht die Rechnung auf.

Der Museumwärter muss uns hinausklingeln. Wir lachen noch immer auf der Treppe. Der Wächter, der doch so streng klingelt, verzieht seine Mundwinkel. Das ist J. will ich ihm sagen, aber wir blinzeln ins Sonnenlicht und dann gehen wir ins Merrion Hotel, wo die Damen Seidenkleider tragen und die Männer Anzüge aus der Savile Row, denn Dublin will doch so furchtbar gern London sein. Die Seidenkleider rascheln und der Kellner, ist kein Kellner wie im Hotel Central sondern ein Teesommelier und wir beissen uns auf die Lippen, um ihn nicht zu verschrecken.
Der Tee, nein nicht aus Assam, kommt in einer schweren Silberkanne mit Gebäck und cremiger Milch, die Männer trinken Wein und lassen die Zigarrenkiste kommen, die Damen trinken Cocktails und wir trinken Tee und beugen uns vor in den tiefen plüschigen Sesseln. Von außen betrachtet noch immer ein zweites Date, Beeindruckungsversuche, aber das Bild täuscht, denn wir sprechen über den Tierarzt und die offenen Wunden, über S. und das Ende, über Kashmir und Sikkim, über einen Ort in Nainital, über eine gelbe Plastiktüte in einem Slum in Delhi, über so viele Dinge bei denen man in der einen Hand eine Teetasse und in der anderen die Hand des Anderen halten muss. Wir gehen, da haben die Damen in den Seidenkleidern schon rote Wangen und die Männer glasige Augen. Frische Luft auf der Straße, Regenwolken, die Kastanien schweigen.

Hunger?

Hunger.

Wir gehen zu Dunne and Crescenzi. Warm ist es dort, es riecht nach Basilikum und Knoblauch, nach Adria und der Toscana zugleich. Es ist ein kleines Restaurant, nur Dublin ist kleiner. Am Nebentisch sitzen ein Mann und eine Frau, schwere goldene Ringer, sie und er, zwei Tische weiter sitzt seine Geliebte mit ihrem Mann und am Tisch am Fenster, sitzt die Frau mit der, der Mann am Nebentisch ein Sohn hat. Alle grüssen sich freundlich. Das muss man wissen, wenn man in Dublin leben will, dass es so ist.

„Ich habe an den D. gedacht“, sagt die J.

„Weißt Du noch als du so deprimiert warst auf über D.?“

Ja, sage ich.

Der D. schwärmte von etwas, was wir bezahlten, damals als er im Institut war. Der D. aus Deutschland, eine Promotion mit einem komfortablen Stipendium, geförderten Auslandsarchivaufenthalten, Druckkostenzuschuss, keine Lehraufträge, dann natürlich England, denn das deutsche System macht ja irgendwann keinen Spaß mehr, er schwärmte da vor und über Europa. Die Möglichkeiten. Er spottete über den Brexit, aber mir war schon damals als spottete er über uns über. Über T., P., B. und mich.
Ich hatte noch Glück gehabt, mir wurden wegen guter Leistungen oder so, die Studiengebühren erlassen, aber wie T. P. und B. unterrichtete ich Kurse über Kurse, sie die sie kein Stipendium hatten gegen magere Bezahlung, ich ohne Bezahlung das ist der Preis, dafür mit Nachtschichten im Rücken, dann die Stelle für J. Ich bat meine Schwester in die British Library zu gehen, um Geld zu sparen natürlich, wie denn sonst. Da saßen wir und sahen die Möglichkeiten, die für uns ein ferner Planet waren, ein anderes Europa auf jeden Fall.
Die T. arbeitet heute als Admin in einer anderen Universität, der B. hat Lehraufträge an drei Universitäten, der P. arbeitet für seine Eltern in Southampton, ich wusste, dass ich mir keinen Postdoc leisten können würde und ich war so müde nach all den Nachtschichten. Wir gönnten es dem D. doch, nur wir haben dafür bezahlt und wussten schon damals, dass wir nicht in Oxford oder Cambridge oder Warwick landen würden, auch wenn unsere Dissertationen vielleicht nicht besser, aber vielleicht auch nicht schlechter sein würden als seine.

„Ich hatte es vergessen, sagt die J., die Sache mit D. nur dein Kopfschütteln hatte ich behalten und jetzt, wo alles zerbricht, frage ich mich doch, ob wir nicht mit den D.s und ihren Reden hätten anders umgehen müssen, wir haben das weggelächelt, auch wir haben gedacht Brexiteers seien doch bei Nigel Farage zu verorten, aber vielleicht kein frustrierter Doktorand, der sieht, wie seine Seminare nur Zweck sind und niemals Mittel und dass er am Ende außen vor bleiben wird. Wir haben nicht aufgepasst, sagt sie, wir waren alle betrunken an den Möglichkeiten und euch, die man euch die Möglichkeiten einer Mohrrübe gleich vorhielt, wir haben die sich schließenden Türen nicht gesehen Darüber haben wir nie gesprochen.“
Wir fürchteten uns schon damals vor dem Brexit, denn das ist in Irland ja unmittelbar, aber wir fürchteten uns auch vor dem Spott des D., der ja uns galt, uns die wir es nicht vermochten.

Ich nicke und auch ich weiß, wir haben uns nicht gekümmert, nicht um all die, mit nein gestimmt haben, weil sie keine Möglichkeiten mehr sahen, sondern den Spott, denn auch wir, auch ich und P. und T. und B. wir wollten glauben, dass es doch alles ganz anders sei.

Dann sprechen wir über andere Dinge und spielen nicht mehr zweites Date, sondern halten uns an dieser Vertrautheit fest, die wir uns doch erarbeitet haben, endlich schaffe ich es vor ihr zu bezahlen, und dann gehen wir noch ein Stück gemeinsam, ich renne zum Bus, Handküsse, wir sagen nie Auf Wiedersehen, sondern immer nur auf bald.

Die Katze hebt die Schwanzspitze.

Der Hund schüttelt sich.

„Na ihr beiden“, sage ich.

Der treue alte Hund und ich gehen noch einmal zu den Kastanien.

Aber die Blätter sind noch nicht da.

Vielleicht morgen.

Vielleicht ist schon morgen alles ganz anders.