Sonntag

Am Morgen mit dem treuen, alten Hund zum Fluss hinunter gelaufen. Der Fluss ist ein kleines Meer, sage ich. Aber der Hund schweigt, er weiss ja längst schon, dass ich kein Handtuch mehr über dem Arm trage, um im Meer zu schwimmen. Das Meer ist so fern. Der Hund muss sich ausruhen. Der Hund legt den Kopf auf die Pfoten und ich meine Hand auf den Hundekopf.

So sehen wir auf den Fluss.

Der Hund schliesst die Augen.

Dann sehe ich die Federn.

Schöne weiße Federn.

Federn wie Flaum.

Zart noch und ich stehe auf, um vielleicht eine Feder aufzuheben in der Tasche der dicken grünen Strickjacke kann man gute eine Feder haben. Eine leichte Feder vielleicht für schwere Tage.

Aber als ich näher auf die Federn zutrete, da sehe ich den abgerissenen Kopf im Gras. Ein verdrehte Grimasse, ein halbes Nein noch in diesem letzten Moment in dem schon alles vorbei war, liegt da in dem toten Vogelkopf. Obszön komme ich mir vor, in diesen letzten Augenblick hineingetreten zu sein. Ich hole Laub um den Kopf zu bedecken, die Erde ist zu hart für ein Grab aus Fingern.

Der Hund schläft noch immer.

Am Freitag Abend ganz spät, der Tag war fast schon zu Ende, da schickte mir Freund H. ein verwackeltes Video Auf dem Video eine johlende Menge. Zwei oder drei Männer ziehen zwei Gummipuppen die als Theresa May und Sadiq Khan aufgemacht sind am Strick hinter sich her, in London im März 2019, mitten in Europa. Ich starrte auf die verdrehten Köpfe der Gummipuppen mit ihren schlechten Perücken und übermalten Mündern und dem Dreck der Straße, der schon an ihnen klebt. Wie ich den Vogelkopf mit Laub bedecke, da sehe ich sie wieder vor mir und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht und dieselben sind der Vogelkopf und die grotesken Grimassen der Puppen.

Dass da nicht einer dabei war, der sagt: Mate, will ye stop it please. Aber da kommt keiner.

2019 kommt keiner mehr.

Dann gehen der Hund und ich zurück.

Am Nachmittag gehen der tierärztliche Neffe und ich in die Stadt. Der Neffe will den Frühling mit einem Eis eröffnen und Basketball üben. Aber da wo er Körbe werfen will spielen nur große Kinder und der Neffe sieht zu mir herüber: „Aber du bist doch auch groß.“ Ich nicke: „Heute bin ich groß“, sage ich. Der Neffe strahlt. Dann hören wir die Feuerwehren. Es brennt in einem Café, Rauchwolken, der Koch spuckt auf die Straße, eine Menschentraube steht schon um das Café herum. Ganz vorn am Bordstein steht eine Nonne. Ältlich schon, wie fast alle Nonnen, die man in Dublin noch treffen kann. Ein weißer Schleier, ein graues Kleid aus Kattun vielleicht, derbe Schuhe, eine Handtasche derb wie die Schuhe, ein Bund dünne Osterglocken auf der Tasche, ganz vorn steht die Nonne. Eine runde Brille, ein dünnes Gestell, zierlich ist sie nicht, wohl aber die Brille. Ihre Augenfarbe kann ich nicht sehen, denn wir stehen ja auf der anderen Straßenseite. Aber dass sie direkt in das Feuer sieht, dass sehe ich sofort. Eindringlich ist ihr Blick nämlich, so als wollte sie schon einmal vorausschauen. Wie oft kommt man als Nonne schon in direkten Kontakt mit dem was einen am Ende wohl erwartet oder erwartet die Hölle immer nur die Anderen? Ihr Augen sind weit offen, so als wolle sie sich alles ganz genau merken. Sie wippt ganz leicht mit den Zehen.

Vielleicht ist sie ja die Einzige unter den Gaffern, die wenn man so will aus beruflichem Interesse in die Flammen starrt.

Ich möchte den Priester anrufen, dem das Fegefeuer so fremd war, fremder noch als mir und dabei war er doch im Priesterseminar und ich nur einfacher Jude.

Aber das Verhältnis vom Priester und mir taugt nicht zu derartigen Vertraulichkeiten und dann zieht ja auch der tierärztliche Neffe an meiner Hand. Er will auch in das Feuer sehen.

Aber ich schüttle den Kopf und sage das Gleiche, nur milder, denn ich habe hier nur einen Begleit- und keinen Erziehungsauftrag.

Ich sage also etwas Ähnliches was meine Großmutter damals als sie mich fragte an einer Bordsteinkante- was macht man bei Feuer? „Wasser“, sagte ich und meine Großmutter sah mich an: „Und hast du Wasser, oder Sand oder einen Schlauch? Ich schüttelte den Kopf. „Kannst du die Sirenen der Feuerwehren hören?“ Ich nickte und dann sagte meine Großmutter: „Sieh mein Kind, wenn man nichts tun kann, soll man nicht im Weg stehen und niemals auch wenn man nichts tun kann, soll man bei den Gaffern stehen, die nichts tun wollen.“

Ich merkte es mir und sage etwas sehr Ähnliches zum tierärztlichen Neffen.

Der nickt dann doch und wir gehen an der Menschentraube vorbei.

Auf dem Basketballplatz spielen schon Jugendliche. Der Neffe versteckt sich hinter meinem Rücken. „Du fragst, okay?“, flüstert er. Ich nicke und nehme seine Hand, „wir beide fragen, okay?“ Der Neffe nickt in meinem Rücken. Es ist gar nicht so einfach schon groß zu sein, denke ich und dann frage ich die Jugendlichen, ob der kleine Monsieur und ich wohl auch mitmachen dürften. Die Jugendlichen finden es fehlten ohnehin noch Mitspieler und ein kleiner Neffe wächst auf einmal vor meinen Augen und jagt den Ball. Die Jugendlichen hören Rap aus einer Box und fluchen wie verrückt. Sie sind laut und sie sind ganz zart mit einem kleinen Jungen, den sie vor Remplern beschützen und den sie anfeuern steht er vor dem Korb. Zwei heben ihn hoch und zeigen ihm wie man mit einer Hand am Korb hängt und zwei stehen unter dem Korb,falls er fallen sollte.

„Ihr seid so großartig“, sage ich eine Stunde später, die Jungs klatschen ab und werden fast ein bisschen rot. Ich kaufe Eis für alle und der kleine Neffe hat plötzlich große Freunde und neue Schimpfwörter auch.

Dann bringe ich den Neffen nach Haus.

Auf meinem Heimweg sehe ich noch einmal zwei Nonnen, aber sie tragen dunkle Kleider und helle Schuhe und keine trägt eine Brille, schnell laufen sie hastig, aber ihre Wege verlaufen ganz grundsätzlich anders als meine sind sie doch Flammen des Glaubens und ich noch immer nur ein einfacher Jude, den seine Großmutter vor dem Feuer warnte.

Dann gehe ich nach Haus und lese die Zeitungen nach, schreibe eine Email an L. in Sri Lanka, esse ein Brot, falte die Wäsche, mahle Kaffee, trinke ein grosses Glas Wasser und warte auf den Regen, der kommt früher oder später, die Frau die den Wetterbericht verliest, klingt zuversichtlich, der Regen lässt einen hier nicht lange warten.

Gern sähe ich länger aus dem Fenster.

Gern hätte ich wieder ein eigenes Fenster.

Die Sonne am Abend über den Giebeln glimmt rötlich wie das Feuer am Morgen nur ohne Rauch.

11 thoughts on “Sonntag

  1. Liebe read on,
    Ja, das stimmt – Sie möchte auch ich als Tante oder große Schwester haben. Dabei bin ich 30 Jahre älter als Sie… wie schön, dass der Neffe Sie hat. Sehr berührend, wie die großen Jungs ihn aufnehmen.
    Danke für diesen post, wieder wunderschön. Die Geschichte mit dem toten Vogel und den Puppen: die einzigen, die da einschreiten könnten, sind wir. Aber wir sind nicht immer vor Ort und nicht immer mutig. Ich gebe Ihnen recht, dass es immer weniger Leute gibt, die einschreiten – Siehe dazu auch Meike winnemuths neue Kolumne:
    https://mobil.stern.de/panorama/meike-winnemuth/shifting-baselines–wie-wir-unsere-definitionen-anpassen-8642270.html?utm_campaign=&utm_source=facebook&utm_medium=mweb_sharing

  2. Liebes Fräulein,

    wie immer geht ihr Geschriebenes ans Herz. Die großen lauten Jungs haben oft mehr Feinsinn, als man denken mag, wie schön für den Tierarztneffen, überhaupt, dass er Sie hat. Ich bin sicher, der Tierarzt zwinkert Ihnen zu, von wo er auch sein mag.
    Und ich wünsche Ihnen von Herzen ein eigenes Fenster, eigene vier Wände, Ihnen , dem treuen alten Hund und der Katze, und es wird sich finden, ganz sicher.
    Bitte schreiben Sie auch fürderhin, das sind die kleinen menschlichen Lichtblicke in dieser Zeit.

  3. Eine Neffentante mit Begleitauftrag… das ist die beste Erziehung, die man als Junge und auch als Baseball-Rapper haben kann. Das hat Spaß gemacht zu lesen und Erinnerungen geweckt:
    Ich war lange Zeit Cousinentante. Aber jetzt ist der Junge schon ein junger Mann und geht seine eigenen Wege.

  4. Freud und Leid liegen in Ihren Geschichten oft nah beieinander.

    Ich kann mich den anderen Stimmen hier nur anschließen: der kleine Monsieur und Sie – wie schön, dass Sie einander haben.
    Und die Jugendlichen sind wirklich ein Lichtblick.

    Ein eigenes Fenster und ein eigenes Zuhause, das wünsche ich Ihnen von Herzen. Und bis es soweit ist, Geduld.

  5. Gestern hatte ich – wie jetzt auch beim Lesen – an Brechts Gedicht „Heißer Tag“ denken müssen. Es gehört zu den Buckower Elegien und war mir im Staatsexamen vorgelegt worden, – *** hatte mich wohl ein wenig ärgern und aus der Reserve locken wollen:

    „Auf den Knien die Schreibmappe
    Sitze ich im Pavillon. Ein grüner Kahn
    Kommt durch die Weide in Sicht. Im Heck
    Eine dicke Nonne, dick gekleidet. Vor ihr
    Ein ältlicher Mensch im Schwimmanzug, wahrscheinlich ein Priester.
    An der Ruderbank, aus vollen Kräften rudernd
    Ein Kind. Wie in alten Zeiten! denke ich
    Wie in alten Zeiten!“
    _____________

    Manches ändert sich nicht. Dazu gehört die Szene, die Ihnen Freund H. geschickt hat. Und wenn es die Zeit zuläßt, wird dem König der Kopf abgeschlagen. Und vieles andere mehr geschieht dann.

    Verwunderlich ist dies nicht. Vielleicht ist es sogar die immer unter der Oberfläche wabernde Regel, die, wenn es zugelassen wird, zum raubtierhaften Sprung ansetzt. Und abgebissene, abgeschlagene Köpfe, geschleifte Schlösser, abgebrannte Synagogen, verbrannte Erde zurückläßt.
    _________________________

    Das eigentlich Verwunderliche ist wohl, daß es DENNOCH und überhaupt das Schöne, Gute und Sanfte gibt.

    Wie es in Benns „Menschen getroffen“ – und jugendlichen Basketballspielern, die ein mitspielendes Kind ‚vor Remplern beschützen‘ und in Richtung Korb hochheben – aufscheint:

    „Ich habe Menschen getroffen, die,
    wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
    schüchtern – als ob sie gar nicht beanspruchen könnten,
    auch noch eine Benennung zu haben −
    „Fräulein Christian“ antworteten und dann:
    „wie der Vorname“, sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
    kein schwieriger Name wie „Popiol“ oder „Babendererde“ −
    „wie der Vorname“ – bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!
    Ich habe Menschen getroffen, die
    mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
    aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
    am Küchenherde lernten,
    hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen
    und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
    die reine Stirn der Engel trugen.

    Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
    woher das Sanfte und das Gute kommt,
    weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.“
    _______________________________

    À propos Berlin, wo Benn diese Zeilen einst schrieb.

    Die Obstblüte beginnt gerade wie hier auch dort. Die Bäume und Sträucher müssen verschnitten, Gras gemäht werden. Die Wildtaube wartet. Ein See ruft. Ostern und Pessach stehen bevor. Menschen würden sich freuen.

    Und überhaupt tun Ortswechsel oftmals erstaunlich gut.

  6. „Sieh mein Kind, wenn man nichts tun kann, soll man nicht im Weg stehen und niemals auch wenn man nichts tun kann, soll man bei den Gaffern stehen, die nichts tun wollen.“
    Sehr weise von ihrer Großmutter.

  7. die großen die so zart zu dem kleinen sind und ihre verlegenheit, als sie ihnen dafür danken, das ist so derart anrührend, liebes fräulein, dass ich schlucke und mich so so freue über den kleinen spieler, der große freunde und neue schimpfworte gewonnen hat. dank an ihre weise großmutter, den spruch müsste man allerorten groß aufhängen. wie sehr es einen schütteln könnte vor unverständnis und zorn über die gaffer, die den helfenden im weg stehen und manches sogar verschlimmern.

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