Blüten und Stunden

Der schönste Baum des ganzen Viertels aber steht im Vorgarten eines Bestattungsinstitutes. Die Blüten sind hellrosa und schneeweiss und sie fallen weicher als all die anderen Blüten der anderen Bäume, die auch schöne Blüten haben, aber so weich und so schön sind sie nicht. So ein Baum ist das nämlich. Man kann an diesem Baum nicht vorbeigehen, ohne ihn zu sehen.

Es ist ganz und gar unmöglich.

Dabei sind wir so geübt nichts zu sehen.

Aber dieser Baum weicht nicht aus.

Zwei oder drei und manchmal auch viermal am Tag sehe ich den Baum.

Ich frage die T. nach dem Baum und dem Bestattungsinstitut, in meiner Hand liegen noch drei der weichen Blüten.

„Schon immer“, sagt die T. war jener Baum der Schönste.“

Einen Moment lang denke ich, die T. will noch etwas sagen über den Baum vielleicht oder das immer oder etwas ganz Anderes, aber dann lächelt sie nur ganz leise und beinahe verlegen und ich hole den alten Turnschuh, den der Hund so liebt und wir gehen noch einmal hinaus. Das Licht ist schon das letzte Licht des Tages.

Das Bestattungsinstitut ist ein Haus aus rotem Backstein und doch ist es dunkler als alle anderen Häuser der Strasse.

Auf dem Zaunpfeiler ist ein Schild angebracht. 24 Stunden sagt das Schild, 24 Stunden sind wir für sie da. Das Schild sagt nicht: Der Tod kümmert sich nicht um Öffnungszeiten, er kommt wann es ihm beliebt, nicht vorher, nicht nachher, vielleicht zu früh, jenseits der Stunden, die wir nun einmal für tugendhaft halten, das kümmert ihn nicht.

Einmal vor Jahren in einer Kirche in England, sah ich im Kirchschiff in einer Seitennische, einen Nachbau der Kirche, in der ich stand. Detailgenau, nur ein anderer Massstab, natürlich, blieb man lange genug nur vor der Kirche en miniature stehen, öffnete sich durch einen Mechanismus die Kirchentür und hinter der Tür, stand ein Gerippe,einen Schnappsack und eine Sanduhr in seiner Hand. Für Sekunden, die mir wir Jahre waren, sah man dem Tod genau ins Gesicht. Ich habe mich abwenden müssen, damals auch von dem Küster, der mir den Mechanismus erläutern wollte, begierig fast, aber ich wollte nichts davon hören.

Den Tod kann man nicht mit solchen Taschenspielertricks überlisten.

Er hat für jeden eine eigene Stunde, auch wenn seine Stunde nicht messbar ist in den Sekunden, Minuten und Stunden in die wir unsere Tage gliedern.

Das Institut für Bestattungsangelegenheiten aber muss mithalten mit dem Tod. 24 Stunden sagt das Schild.

Über dem Schild aber klemmt eine in anderen Tagen angefertige Uhr mit römischen Ziffern. Tik Tok, Tik Tok macht die Uhr. Die Uhr aber wird von einer Messinghand gehalten. Lauter rosa Blüten fallen auf die kalte Hand.

Vielleicht hat der Gründer des Bestattungsinstitutes schöne Hände gehabt oder einen Sinn für Kunst oder sein Versprechen 24 Stunden mit der Mahnung verbunden, dass die Uhr abläuft für jedne von uns.

Vielleicht hat die Frau des Bestattungsinstitutsgründers ja den Baum gepflanzt, um die Uhr und die kalte Hand abzumildern.

Vielleicht schwieg das Ehepaar verstimmt über drei Tage. Wie lebt man 24 Stunden mit dem Tod zusammen?

Vielleicht pflanzte auch er den Baum und sie zeichnete die Uhr, oder die Hand aus Messing war einmal ihre Hand und ein Uhrmacher war ein Bruder oder auch nicht.

Vor ein paar Wochen war die Hand aus Messing stumpf vor dem Winter, bis vor ein paar Tagen jemand die Hand poliert haben muss, denn dieser Tage glänzt die Hand und die Uhr, die tickt, unerbittlich.

Manchmal, ich habe es selbst schon gesehen da küssen sich Paare unter dem Baum, denn der Baum steht ja noch immer schräg neben dem Schild mit der Uhr und der Hand aus Messing. Der Baum mit seinen Blüten.

Da stehen sie dann und küssen sich.

Zwei Männer nämlich vorgestern, weite Arme und die Hände vergraben in den Haaren des Anderen, standen unter dem Baum, weisse Blüten im Haar und auf den Wangen, ich ging auf die andere Strassenseite. Liebende soll man nicht stören.
Aus den Augenwinkeln nur, die beiden Gesichter in sich versunken, tiefer noch, weiter noch, unter dem Baum, neben der Uhr küsst man sich nicht einfach so, nicht beiläufig, nicht so als ginge es um nichts, es sind immer auch Bahnhofsküsse, letzte Küsse, dort neben der Uhr und der kalten Hand, die uns erinnert, dass die G’tter und auch G’tt nichts wissen will von uns und der Tod kommt, wenn er kommt. So stehen die beiden unter dem schönsten Baum, mit dem zartesten Rosa und den weichsten Blüten.
Näher noch, sagen ihre Münder da bin ich schon lange weiter, sitze mit dem treuen, alten Hund am Fluss. Da suchen und finden sie oder ein anderes Paar sich noch unter den Bäumen, gleich neben der Hand. Vielleicht ist es ja wahr und der Tod kann sie nicht sehen unter den vollen Blüten, vielleicht sind die Blüten ja doch einmal lauter als das unermüdliche Ticken der Uhr.

Als ich zurückgehe, aber da küsst sich niemand mehr unter dem Baum und wer im Dunkeln am Bestattungsinstitut vorbeigeht, der ahnt nichts von der Uhr und der Hand aus Messing, der findet nur später im Hausflur vielleicht oder im Bad vor dem Spiegel fünf weisse, zartrosa Blüten unter dem Schuh.

4 thoughts on “Blüten und Stunden

  1. Wie wundervoll Sie schreiben.
    Mir ist, als könnte ich die Blüten selbst fühlen, wie sie mir auf das Haar und die Schulter fallen.
    So einen prachtvollen Baum braucht es in der Nähe, wenn das Ticken der Uhr zu laut wird und alles andere zu übertönen droht. Er hat etwas tröstliches ohne dabei die Wahrheit zu verleugnen.
    Ich danke Ihnen.

  2. Liebes Fräulein Read On, Sie müssen auch einmal ein Buch machen nicht mit Bildern von allen, sondern nur mit Ihren eigenen Texten. Die haben eine Poesie, die es sonst (fast?) nirgends mehr gibt. Vielen Dank, dass Sie sie mit uns teilen!

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