Gezählt

Gezählt

Die Knospen am Baum vor meinem Fenster. Schon 48 gestern waren es weniger und vorgestern waren die Knospen nur eine Ahnung. 48 Knospen schon, hinter dem Meer da kann man den Frühling schon fast erahnen und während er noch durch schattige Täler wandert, zähle ich noch einmal. 48 Knospen wirklich. Jedes Jahr zweifele ich daran, dass der Frühling wirklich wieder kommt. 48 mal kann ich mir nun doch Hoffnungen machen.

Drei Esslöffel Porridge in die schwarze Stilkasserole, misstrauisch beäugt von der Katze natürlich.

Einen Esslöffel und anderthalb Teelöffel Kaffee in die French Press, Wasser dazu und dann bis zehn zählen.

Bei acht balgen sich Hund und Katze schon wieder.

Es ist eine Schande, zische ich.

Der Hund wenigstens hat den Anstand betreten zu gucken, die Katze schert das nicht.

Ich zähle langsam bis zehn um nicht schon vor sechs Uhr zu fluchen.

Die Wildtaubenfamilie auf dem Dach gegenüber gezählt. Es scheint Besuch gekommen zu sein, denn statt der üblichen vier Wildtauben gurrren nun sieben vom First herunter.

Ich ermahne die Katze streng, denn mir liegt aus bekannten Berliner Gründen an guten Beziehungen zur Wildtaubengemeinschaft.

Bis drei gezählt: Schlüssel, Portemonnaie und Mondsteinscheibenausweis.

Dreimal ja.

Auf drei gehts los.

Auf dem Weg zur Bahnstation gezählt wie oft nur ein einiziger Mensch in einem der Autos sitzt, die sich jeden Morgen an der Ampel stauen. In 25 Autos sitzt nur ein einziger Mann oder Frau. In zwei Autos sitzt noch ein Kind auf dem Rücksitz und in einem Auto schläft ein Hund.

Ein Auto hupt. Immer ist einer nicht schnell genug.

Einen weissen Schal mit blauen Lokomotiven finde ich auf dem Weg.

Den Schal hänge ich an einen Yaun mit 33 Zinken.

Hoffentlich findet eine kleinen Lokomotivführerin oder ein kleiner Schaffner seinen Schal wieder.

Oy vey.

In zwei Minuten kommt doch schon der Zug.

Ich renne achtzehn Stufen ziemlich schnell herunter.

Uff. Glück gehabt. Der Zug fährt gerade ein.

Sechs Wagen hat der Frühzug und ich sitze immer in Wagen 6.

Platz 22.

22 ist eine milde Zahl finde ich.

Ein Mann dreht während der Fahrt sieben Zigaretten. Seine Fingerkuppen sind gelb.

Eine Frau sieht auf ihrem Telefon ein Video in dme ein Kind herzzereissend schreit.

Elf Passagiere suchen nach einem untröstlichen Kind, aber findne nur eine Frau mit einem Telefon in der Hand.

Ich zähle im Weiteren eine Gruppe Schafe, bin aber nicht schnell genug, dann aber auch eine Ziege und vier Kühe.

Dann muss ich aussteigen.

Wieder schreit das Telefonkind.

Ich zähle die Aufgaben des Tages.

Uff.

Ich zähle die noch in der Schreibtischschublade vorhandenen Snickers-Riegel: 4.

Hier muss dringend gehandelt werden.

Im Laufe des Vormittags zähle ich dreimal bis dreissig.

Einmal der geschnappigen Sekretärin wegen, die findet ich solle der Frechheit eines Lieferanten wegen Massnahmen ergreifen. Die Sekretärin klingt dabei nach Mordlust und Rache.

Mir liegen Massnahmen fern.

Einmal da ging ich mit einem Mann aus, der erzählte wie er einen Hund zur Sauberkeit erzöge in dem er dessen Nase in den Urin drückte. Er sprach lange von Grundsätzen und Massnahmen, aber ich legte Geld auf den Tisch und ging so schnell ich nur konnte.

Ich habe nie einen Glauben an Massnahmen bessessen. Sie dienen ja doch nur ummäntelt der Demütigung.

Besserungsmassnahmen, vor der Tür.

Ich nicke der Sekretärin zu und lasse sie stehen.

Dann zähle ich noch einmal bis 30, denn die Auszubildende lässt doch nie , nicht auch nur ein einziges Mal eine Katastrophe aus.

Ich zähle lieber noch ein weiteres Mals bis dreißig, denn bei näherem Hinsehen hat sich die Katastrophe dann doch noch einmal als grösser erwiesen als ich bis dahin dachte.

In der Kantine gibt es Spinatsuppe.

Ich mag Spinat. Eigentlich.

Misstrauisch schnuppere ich am Suppentopf.

Aber man soll im Leben doch offen sein für Neues und Ungewohntes.

Ich schöpfe zwei Kellen in eine Schüssel.

Dann setze ich mich zur R.

Die R. ißt Chicken Shawarma.

“Ihhh, sagt sie, was ist das denn?”

“Spinatsuppe” sage ich.

Sie erwidert nichts Positives.

Ich löffle die Suppe.

Die Suppe schmeckt nach nicht viel. Der Spinat ist schleimig.

Dann treffen meine Zähne auf etwas Wachsig-Weiches.

Ich würge.

Natürlich ist es mein Erzfeind Sellerie.

Acht Brocken schöpfe ich aus der Suppe.

Mit der Spinatsuppe und mir wird das nichts mehr.

Die R. sieht mich sehr mitleidig an.

Ich schreibe eine sehr unangenehme Email. Der Adressat ißt bestimmt Sellerie pur.

Ich kehre an den Schreibtisch zurück.

Irgendwann mache ich mir einen Tee.

Ganz fest nehme ich mir vor diesmal bis 42 zu zählen, um mir nicht wie an jedem vermaleideten Nachmittag die Zunge zu verbrühen.

Bei 36 habe ich den guten Vorsatz vergessen, der verehrte Herr Direktor ruft ja auch an, ich nehme einen Schluck Tee, meine Zunge jammert.

Ach, Read On.

Dann gehe ich wieder zur Bahnstation.

Drei Minuten dann kommt der Zug.

So voll ist der Zug, dass ich nicht durchzählen mag.

Sardinen soll man nicht weiter plagen.

Sechsmal stoße ich mir in den neuen Schuhen den Fuss.

Sechsmal fluche ich unziemlich vor mich hin.

Sieben Mal ruft die T. einen Telekommunikationsmann an, der ein Problem beheben soll. Siebenmal bekommt sie eine andere Antwort. Das Problem bleibt bestehen.

Dreimal rufe ich nach dem treuen, alten Hund.

Achtmal ignoriert die Katze meine Bitte nach Verlassen des Sofas, auf das auch ich einmal in die Tageszeitung sehen kann.

Einmal zum Fluss hinunter wandern der treue, alte Hund.

“Ihr zwei”, sagt der J. “ihr seid ja pünktlicher als die Uhr.

Ich verrate ihm nicht, dass der treue alte Hund zwar nicht bis zehn wohl aber bis zum Abendbrot zählen kann.

 

10 thoughts on “Gezählt

  1. Ich danke fürs mitgenommenwerden in ihre Zahlenspiele.
    Das zu kurz zählen und hernach ist die Zuge verbrannt, ist mir ein treuer Küchen und Kochbegleiter. Einen liebevollen warmen Abend mit Hund und Katz und Taubengurren wünsche ich Ihnen. 48 Knospen sind ganz schön was! Ich habe, warten Sie, 16 Kisten und Pötte mit Ausgesäätem, das sich noch nicht muckst, auf der Fensterbank und auf der draussen noch 3 (Salat mag es kalt zum aufgehn) , eine Bettflasche im Kreuz, der Wärme wegen, und zwei wenig aber spürbar verschieden lange Beine, von denen das eine im Rücken so tut, als sei es falsch hampelmannaufgehängt und schmerzt. Nun ja. Ich zähle auf die Hilfe der lieben Frau J., die meine verschiedenen Hampelmannaufhängungen schon viele Jahre wieder richtet…. Abendgrüße, ich reiche Nussschokolade und Snickers. Eva

    • Oh, ich beneide sie doch gar nicht wenig, um ihre Kisten und all das Versprechen das in den Töpfen und auf der Fensterbank schon auf sie wartet.

    • Die Katze liegt gerade bei der T. auf dem Schoss, hat eine von mir gestrickte Socke zerbissen und bekommt noch vorgewärmte Milch gereicht. Mit Verlaub mein Mitleid hält sich in Grenzen.

  2. Und noch gutes Wort für Menschen, die Sellerie mögen ;-). Ehrlich, nicht alle schreiben unangenehme E-mails, auch wenn sie Sellerie pur essen. Ich schwöre! Blüte, die Sellerie wirklich mag

  3. >Mir liegen Massnahmen fern.
    Was für ein schöner Satz, weil daraus eine schöne Seele spricht.
    Privat habe ich noch nie Maßnahmen ergriffen. Kann man das überhaupt, oder macht man sich da nicht automatisch lächerlich?
    Beruflich bin ich nie in einer Position, Maßnahmen zu ergreifen anderen Erwachsenen gegenüber. Meinen Schülern und Schülerinnen… ja, früher schon, aber nicht oft, und das ging ohnehin nie gut.

    • Ich wundere mich auch, wie viel man sich von Massnahmen verspricht, ich habe den Glauben an derartige Funktionalitäten niemals bessessen und bin so froh, dass es dir genauso geht.

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