Was bleibt vom Krieg?

Ein Buch über den Krieg ist das.

Ein Buch über den Krieg mitten in Europa.

Ganz Europa ist Teil dieses Krieges.

Der Krieg führt weit über Europa hinaus.

Ein Krieg, der uns kaum noch etwas sagt. Ein Krieg in Spanien, ein Krieg zwischen Napoleon und den Anderen. Ein Krieg in dessen Mitte auch Großbritannien steht.

Ein europäischer Krieg.

Wir erinnern uns kaum noch an den letzten Krieg.

Über diesen europäischen Krieg haben wir keine Erinnerungen mehr.

Unsere Großeltern und selbst unsere Urgroßeltern sind nach diesem Kriege geboren.

Was ist schon das Jahr 1809 oder 1811?

Vielleicht hören wir in der Schule etwas über Napoleon und dann über Preußen, das es auch nicht mehr gibt.

Steak Wellington vielleicht noch ein ferner Nachhall.

Aber es gibt niemanden mehr, der von diesem Krieg berichten kann, er erschreckt uns nicht mehr, ist so Vergangenheit, dass wir nicht mehr schwitzend aufwachen in der Nacht. Dieser Krieg macht uns keine Alpträume mehr.

Die Schlacht von Corunna ist etwas für Historiker, bestenfalls.

Niemand von uns kennt mehr ein Mädchen aus dem Dorf Morales, die da war als sie kamen, die Franzosen, die Spanier,die Engländer schließlich, mit ihnen allen kam der Tod.

Corunna lebt heute vom Tourismus, damals lebte niemand mehr in Corunna.

Davon erzählt dieses Buch von Krieg und vom Tod.

John Lacroix ist fast taub.

Er ist kein Held, er ist nicht einmal unschuldig, er ist nur noch am Leben, aber auch das nur fast.

So ein Buch ist das.

Es macht uns Augenzeugen dieses Krieges. Wir sind nur kurz in Corunna, dann sind wir in England, dann auf dem Meer, dann auf den Westlichen Inseln vor Schottland, aber der Krieg folgt uns überall hin.

Das Buch ist eine Suche.

Einer sucht dem Krieg und sich selbst zu entkommen.

Zwei suchen einen, der ihnen entkommen will.

Einer will nicht suchen. Der Andere kann nicht aufhören zu suchen.

Einer verschweigt seinen Namen.

Zwei haben Schwierigkeiten sich überhaupt an ihren Namen zu erinnern.

Einer war niemals als ein Kind und ein anderer erinnert sich an eine Kindheit vor dem Krieg.

Ein Anderer hat beide Hände in Ägypten verloren. Europa ist niemals nur ein Kontinent.

Zwei Schwestern und ein Bruder leben ganz anders als man es tun soll damals. Vielleicht leben sie so, weil vielleicht einzig das aus der Rolle fallen, einen bewahrt vor dem Krieg. Aber so ganz genau weiß man es nicht.

Eine Frau ist schwanger von einem Mann, von dem wir viel hören, aber den wir nicht ein einziges Mal sehen. Wer weiß schon, wo er ist?

Wir treffen, die die fliehen vor dem Krieg.

Wir treffen auf die Emigrantenschiffe.

Die Flucht aus Europa nach Cananda. Keiner der Fliehenden will Europa verlassen.

Aber da ist der Krieg und der Hunger.

Die Schiffe sind große Schatten.

Heute glauben wir in Europa, dass nur die Anderen fliehen.

Wir treffen einen Arzt aus der Schweiz in einem Krankenhaus in Glasgow.

Er operiert nach einem in Paris erprobten Verfahren.

Dieser Tage glauben viele Europa sei ein Gedankenexperiment einiger weniger Bürokraten.

Er ist einer ferner Vorfahr meines Freundes H., der aus einem anderen Land als der Schweiz kommt, aber auch er operiert in einem Krankenhaus in Bristol.

Seit dem Brexit-Referendum hört er noch öfter to fuck off. Niemand stört sich mehr daran.

Er hat Haydn in Wien gehört der Arzt aus dem Buch.

Er wäscht sich die Hände vor der Operation.

Wir treffen den Tod immer wieder.

Wir treffen eine Frau, die vielleicht einen Mann liebt.

Wir treffen eine Schwester, die gerne glauben will.

Wir treffen Kapitäne, die Menschen auf einem Boot zu verstecken wissen.

Das Meer treffen wir.

Oder das Meer trifft uns.

Das ist ein Buch über den Krieg, der nicht einfach aufhört, dem nicht beizukommen ist, den wir versuchen zu vergessen, damit wir überhaupt weiterleben können.

Das ist kein Buch über die Moral oder über den Sieg.

Es ist ein Buch über ein Mädchen aus dem Dorf Morales, immer wieder ist es ein Buch über sie.

Das ist ein Buch über den Krieg und über uns, hier und heute in Europa.

Jeden Tag werden auch wir Zeugen.

Daran erinnert uns dieses Buch.

Andrew Miller, Now We Shall Be Entirely Free, erschienen bei Sceptre Books, die von mir erworbene Ausgabe kostet 17, 95 Euro. Für meine Notizen zu diesem Buch bin ich von niemanden beauftragt, bezahlt oder angeworben worden und finde es sehr deprimierend auch das Dazuschreiben zu müssen. 

14 thoughts on “Was bleibt vom Krieg?

  1. Wir mögen direkt nicht mehr wissen als die Fakten von diesem Krieg und doch wiederholt er sich immer wieder dieser Wahnsinn und Einzelne überleben (oder innerlich auch nicht) dieses Grauen immer wieder und trotzdem fängt immer wieder alles von vorne an …
    In meinen Träumen, da erlebe ich so oft das, was ich vom Krieg zum Glück nur vom Hörensagen kenne, was trotzdem irgendwo drin im mir blieb, seit Jahrzehnten immer wieder in den Nächten.
    Herzliche für Sie, Ev

  2. „Heute glauben wir in Europa, dass nur die Anderen fliehen.“

    Und setzen so vieles leichtfertig auf’s Spiel, was oft wie selbstverständlich erscheint, dabei doch hart errungen ist. Ich hoffe sehr, wir müssen nicht selbst fliehen, wenn auch der letzte begriffen hat, dass manche sogenannte Alternativen keine sind.

    • Ja, wie Taschenspieler, die nichts mehr wissen wollen vom Wert und alles aufs Spiel setzen im festen Glauben, dass wir schon auf die Füsse fallen werden.

  3. Mich hat sein Buch „Pure“ vor ein paar Jahren sehr bewegt, in Wahrheit mitgenommen und nie ganz verlassen. Obwohl ich mich etwas vor der Intensität fürchte, die einen bei Andrew Miller erwartet, werde ich es lesen. Danke, es wäre an mir vermutlich vorbei gegangen.

  4. Angesichts des Weltzustandes kann mensch verzweifeln und der Gedanke
    ’nach mir die Sintflut‘ ist mir nicht fremd.
    Zwar gefällt mir Luthers Hoffnungsbild, dem Weltuntergang noch mit dem Pflanzen eines Apfelbäumchens etwas entgegen setzen zu sollen, doch fehlt mirdazu die Gottgläubigkeit des ‚Reformators‘.
    So ist es nicht unbedingt allgemeiner Optimismus der mich trägt, sondern eher so etwas wie Übernahme von Verantwortung, schlecht Bestehendes mit verändern zu wollen. So gesehen bin ich dann doch auch wieder Optimistin, zumal ich mit dieser Haltung nicht alleine bin. 🙂

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