Nachgetragene Notizen, Berlin

Berlin ist eine Zeitkapsel. In Berlin ist noch Januar. Jedenfalls auf dem Kalender.in meiner Wohnung. Merkwürdig ist das,so in der Zeit noch einmal zurückzureisen und an den Anfang des Jahres wieder anzukommen.

Ich findeÖ Zeitungen, der dicke Wollpullover, eine vertrocknete Zitrone, Notizen, die sich schon längst überlebt haben, Blognotizen, die ich doch verworfen oder besser noch wieder vergessen habe, ein Schokoladenengel in buntem Staniolpapier, die letzten Walnüsse aus dem Ostseegarten in der Holzschale auf dme Tisch, Staub auf dem Bücherregal und auch überall sonst.

Die Zeitungen in den Müll tragen, die Zitrone verwerfen, die Notizen weiter verfallen lassen, den Schokoladenengel dann doch betrauern, die Walnüsse kommen am nächsten Morgen in den Porridge beschliesse ich, den Staub aus dem Fenster hinauswerfen, die Holzschale mit Orangen füllen.

Mich kaum noch daran erinnern, wer ich im Januar gewesen sein soll. Eine Andere jedenfalls als ich es im März bin, die Notizen, die verworfenen Blogbeiträge sagen mir nichts. Eine fremde Frau mag das geschrieben haben, aber ich ganz sicher nicht.

Einen Teller mit Rosinen für meine alte Freundin die Wildtaube gefüllt. Lange gewartet, ob sie wohl kommt. Lange lässt sie mich warten, aber dann kommt sie doch. Ganz unruhig werde ich beim Warten. Ich hänge sehr an der alten Freundin, die mir seit so vielen Jahren auf der Fensterbank die Treue hält.

So eine Freundin will man nicht ziehen lassen.

Dann kommt sie doch.

Ich atme aus.

Die alte Freundin Wildtaube gurrt.

Dann kommt der Regen.

Der Regen läuft einem umgefallenen Tintenfass gleich die Strasse hinunter.

Der Regen lässt mich nicht mehr gehen, fürchte ich.

Am Abend treffe ich eine Freundin.

Viel haben wir zu erzählen, aber schön ist das nicht was wir uns zu erzählen haben,man sucht es nicht immer aus.

Es regnet noch immer.

Immer mal wieder öffnet sich die Tür. Herein kommen ein Mann oder eine Frau, aber sie suchen keinem Tisch, sondern sie haben dicke Kästen auf dem Rücken. I n die Kästen laden sie bestelltes Essen und fahren es durch die Stadt. Alle Fahrer sind nass. Drei Minuten halten sie sich vielleicht in dem Restaurant auf und dann verschwinden sie wieder in den Regen. Ganz unbeachtet bleiben sie von uns dne zahlenden Gästen. Manchmal liest man in einer Buchbesprechung von dystopischen Gesellschaftsordnungen in denen es immer auch um das Gefälle zwischen Herrn und Dienern geht. Aber das sind keine Bücher, die in eine Zukunft weisen, sondern das ist schon die Realität, denn die nassen Essensfahrer klingeln ja schon an einer Wohnungstür und reichen das Essen durch einen Türspalt. Wir akzeptieren dies schweigend, die nassen Lieferanten, die unhandlichen Kisten, den Hungerlohn, den Zeitdruck, die klapprigen Fahrräder, die mangelnde Ausrüstung, die stummen Gesichter derjenigen, die das Essen in die Kisten laden, wir alle sind immer auch die Augenzeugen der Welt, die wir für richtig halten.

In der S-Bahn auf dme Weg zurück zu mir in den Wald schlafen mehr Menschen als das sie wach sind. Diejenigen, die schlafen, schlafen so als hätten sie anderswo keinen Platz um sich hinzulegen.

Im Regen zurück in den Wald gelaufen.

Der Regen verschluckt meine Schritte.

Anderntags lange in die Kiefern gesehen.

Endlich wieder Zeit am Klavier verbracht.

Das Klavier ist verstimmt. Wer will es ihm schon verdenken?

Ein Kleid gekauft. Blau mit schimmernden Knöpfen.

Später treffe ich in dem gleichen Kaufhaus nur einige Stockwerke übe rmir, die liebe C.

Wir sind müde und trinken Kafffee. Der Kaffee kostet 3, 60 Euro.

Das kümmert hier keinen. Das ist ein Ort des behaglichen Reichseins.

Die liebe C. und ich rühren in dem Kaffee und erzählen uns lauter Dinge, die am Telefon immer ungesagt bleiben.

Dann kommt eine junge Frau an unseren Tisch.

„Nen bisschen Geld für was zu essen“, sagt sie. Sie trägt eine Strickmütze und zwei verschiedende Schuh an den Füssen.

In beiden Schuhen klafft ein grosses Loch.

Man findet überall Ähnlichkeiten, auch wenn man gar nicht nach ihnen sucht.

Wir geben sechs Euro. Das ist weniger als unsere zwei Kaffee zusammen kosten.

Die Frau starrt uns an.

Wir wissen nicht wohin mit unseren Augen.

„So viel Geld“, sagt sie und „Das reicht für zwei Tage und warm duschen.“

Sie greift schnell nach dem Geld, aks fürchtete sie wir könnten es uns auch noch einmal anders überlegen.

Wir schweigen beschämt.

Dann geht sie weiter.

An einem Tisch beschwert sich ein Mann über die Frau. „Das ist Belästigung.“

Dann kommt eine Mitarbeiterin des Kaufhauses und ruft: „Aber kusch dich.“

Sonst kommt die Security.

Der Mann nickt befriedigt. Er bezahlt ja auch für ein Einkaufserlebnis und fine dining.

Wir schweigen noch immer.

Die liebe C. nickt mir zu.

Dann stehen wir auf und gehen.

Vor den Lebensmittelbergen stehen Touristen und filmen sich mit diesen silbernen Gestellen, an die sie ihre Telefone schrauben.

Das alles folgt einer komplexen Choreographie, die wir doch ohnehin nicht begreifen.

Überall dickes Parfüm.

Noch einmal sitzen wir beieinander im Wald.

Dann trennen sich unsere Wege.

Ich fliege nach Irland zurück.

Der Flug ist ganz ereignislos.

Ich lese lange in Andrew Millers „Now we shall be entirely free.

Es ist ein Buch über den Krieg.

Der Krieg sagen manche sei auch nur eine Dystopie.

„Man muss aufpassen“, denke ich, dann fahre ich vom Flughafen direkt in die Mondsteinscheibenfabrik.

14 thoughts on “Nachgetragene Notizen, Berlin

  1. Wenn sich jemand aufregt über Menschen, die ein wenig Geld erbitten, dann regt H. sich laut über diejenigen auf, die nichts geben und dann noch laut sind. Diese Menschen sind nämlich das Ärgernis.
    Schön, dass Sie und C. gegeben haben.

    • Ich glaube, dass die Menschen, die da besonders laut kläffen, in der Begegnung mit diesen MEnschen sehen, wie es auch sein könnte und das auch sie nicht unverletzbar sind.

  2. Danke für den Lesetipp. 🙂 Der Titel des Buchs von Andrew Miller klingt spannend, die Rezension im „Guardian“ ebenfalls. Irgendwie erinnert mich der Titel an die britische Tagesaktualität, ich weiß auch nicht warum.

  3. Schwer vorstellbar, fremde Menschen um Geld bitten zu müssen. Wie man sich dabei fühlt, was das wohl mit einem macht, mag ich mir gar nicht vorstellen. Und die Blicke, die Bemerkungen und Beleidigungen. Jeder, der pöbelt, sollte für einen Tag die Rollen tauschen müssen.

    Danke für’s Hinsehen und Geben.

  4. Ich gebe auch. Selbst wenn ich mitunter “über den Tisch gezogen“ sein sollte, reicht mir der Gedanke, einmal dem Richtigen für den Moment geholfen zu haben.

    • Ich gebe immer in dem Bewussstein, dass die die da steht auch ich sein könnte. Es gibt doch niemals eine Garantie, dass uns nicht auch eines Tages die Fäden unseres Lebens entgleiten.

      • Die eigene mögliche Gefährdung, das ist es wohl, was viele nicht wahrhaben wollen und deshalb am lautesten dagegen anschreien.

        Nehmen wir zum Beispiel Homophobie: Ich erinnere frühere Untersuchungen, die zeigten, dass mitunter die schärfsten, lautesten und unbarmherzigsten Gegner etwas in sich selbst bekämpfen, was ihnen Angst macht.

      • Das ist auch mein Gedanke. Ich habe in meinem Umfeld schon einmal sehen müssen, wie jemand fast die Kontrolle über sein Leben verloren hat (unverschuldet, weil krankheitsbedingt). Diese Erkenntnis, dass es Jedem passieren kann, hat viele Dinge für mich in ein anderes Licht gerückt. Und wahrscheinlich ist es so wie Trulla schrieb, dass die Furcht vor dieser Erkenntnis viele zum Wegsehen bringt.

  5. Danke für Ihr unermüdliches in Worte fassen, auf eine Art, die so besonders ist. Es ist so wichtig, das das alles gesagt bzw. geschrieben wird.

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