Sonntag

Alle singen.

Mein Vater singt schief, feierlich und mit Blumen in der Hand.

Die Mali-Tant, Jean und Kater Mau singen ein Wiener Ganovenlied.

Schwesterchen schickt mich ans Klavier und Kinder wie Ehemann auf Position.

5 Kinder, Schwesterchen und Schwager singen sieben verschiedene Lieder und und ich am Klavier versuche dem Lied zu folgen, welches am Lautesten gesungen wird. Das wechselt manchmal von Strophe zu Strophe.

Schwesterchen findet das Kanon singen klappe jedes Jahr besser. „Wenn du doch nicht immer so schnell Klavier spielen würdest.“

Ich nicke. Großen Schwestern widerspricht man nicht.

Die liebe C. strahlt.

„So viele Lieder“, sagt sie und die kleine Nichte und ihr treuer Kanzler Bär geben noch ein extra Ständchen.

Die liebe C. hört zu und strahlt. Das ist die liebe C. Sie nimmt jedes Lied, wie es kommt und gerade die schiefen Lieder und die Lieder, bei denen die zweite Strophe doch eigentlich ganz anders geht, die nimmt sie besonders an.

Das ändert sich nicht, auch nicht in ihrem neuen Lebensjahr.

An Geburtstagen wird gesungen.

Die Mali-Tant macht Champagner auf.

Die liebe C. pustet Geburtstagskerzen aus.

Dieses Jahr keine Heidelbeertorte. Dabei hatte ich doch alle Zutaten besorgt, aber dann stand ich in der Küche und wollte Butter schmelzen und Heidelbeeren und Sahne vermengen und wusste doch nicht weiter und starrte in Töpfe und Schüssel bis mir die liebe C. den Löffel aus der Hand nahm. „Liebes“, sagte sie, Liebes dieses Jahr wünsche ich mir einen anderen Kuchen, ja?“ Sie räumte Heidelbeeren, Joghurt, Sahne und Butter weg und ich nickte.

Der Tierarzt fehlt ja auch heute.

„Was für einen Kuchen magst du dann?“ „Den Goethe-Kuchen“, sagt die liebe C.

Anderswo heißt der Goethe-Kuchen, Frankfurter Kranz, aber bei uns heißt er niemals Frankfurter Kranz.

Der Goethe-Kuchen ist ein Kuchen aus der Kindheit meiner Großmutter.

Es ist ein Rezept aus einer Zeit, die heißt: Es war einmal oder alldieweil, oder einstmals da.

Einstmals nämlich gab es ein Deutschland in dem preußische Juden lebten und mein Urgroßvater, der doch ein Wiener war, verliebte sich in ein preußisches Mädchen und wurde so preußisch, wie man es werden konnte damals in Deutschland. Man feierte Kaisers Geburtstag, aber man liebte Goethe mehr als den Kaiser und so feierte man Goethes Geburtstag mit Gedichten, Singspielen, Pilgerfahrten nach Weimar, aber immer mit dem Goethe-Kuchen, einem Kranzkuchen mit Himbeer-Vanille Füllung und geraspelten Mandeln.

Heute natürlich ist davon nichts mehr übrig. Es gibt keine preußischen Juden mehr, die Goethes Geburtstag als den Geburtstag eines der ihren begehen. Es gibt nur noch die lose Rezeptsammlung meiner Großmutter, die sie mir vermachte. „Vielleicht findest du etwas Nützliches darunter“, sagte sie damals kurz vor dem Ende und riet für den Goethe-Kuchen zur Verwendung von besonders frischen Eiern.

„Das ist kein Restekuchen“, schrieb sie über das Rezept und kleiner darunter. Rezept von Mami, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, erstes Goethefest wohl 1911.

Also nehme ich die frischen Eier und backe drei Böden, lasse den Kuchen auskühlen. „Ungeduld wird hier zum Verhängnis“ schrieb meine Großmutter. Bestreiche die Böden mit Himbeerkonfitüre, rühre eine Mandel-Vanille Creme an, hacke Mandeln und setze den Kuchen vorsichtig wieder zusammen. Der Kuchen kommt in einen Karton, der Kuchen kühlt dann.

Goethe-Kuchen für die liebe C.

Dann kommen die Gäste.

Die liebe C. lacht und strahlt und versinkt in Blumen.

Mein Vater schleppt Vasen.

Zwei Nichten klettern in einen Baum und kichern wie die Waldgeister.

Ein Neffe spielt Geige.

Eine Nichte berät sich mit Kanzler Bär.

Ein kleines Täubchen gurrt mit den Tauben auf dem Kirchturm um die Wette.

Mein Vater serviert Getränke.

Ich wasche ab und höre den Gästen zu.

Bei den Geburtstagen der lieben C. kommen immer Menschen zusammen, die sich sonst niemals träfen.

Die liebe C. schwört dies sei keine Absicht.

Aber dann zwinkert sie doch und das ganze Haus vom Keller bis zum Speicher gleicht einem Bienenstock in dem mindestens sieben Sprachen, drei Generationen und so viele Ansichten zusammenkommen, dass es unbedingt Kuchen geben muss. Es ist immer die Frage Krieg oder Kuchen und dann lacht die liebe C. und lässt mich mehr Sahne bringen.

Schwesterchen holt neue Gläser.

„Ein Gedicht“, sagt mein Vater und nickt mir zu.

Goethe natürlich, gelernt ist gelernt. Meine Großmutter gab ja nicht nach.

Es war einmal.

Wunderkerzen auf dem Kuchen und Goethes: „Mit einem gemalten Band“, also.

Die liebe C. strahlt.

Am späten Nachmittag rücken wir alle Möbel zur Seite.

Ich spiele Klavier und alle, alle tanzen.

Am schönsten tanzt die Mali-Tant.

Am verliebtesten tanzt mein Vater mit der lieben C.

Die wildeste Polka tanzen die Kinder.

Den vollendeten Handkuss beherrscht nur der Jean.

Die liebe C. strahlt.

„Es sind doch alles in allem schöne Jahre gewesen“, sagt sie.

Im Sommer verlassen mein Vater und die liebe C. Deutschland wieder.

Ich klappe den Klavierdeckel herunter.

„Es war einmal ein Land, fing meine Großmutter an oder auch „einstmals als es noch Juden gab in den Städten und Dörfern, da“, aber schon damals wusste ich, dass das worüber meine Großmutter sprach so unendlich weit in der Vergangenheit lag, dass es sich niemals mehr erreichen ließ.

„Nicht an der Butter sparen!“, schrieb sie unter das Rezept für den Goethe-Kuchen, der bei uns niemals Frankfurter Kranz heißt.

„Alles Liebe zum Geburtstag“, sage ich der lieben C. noch einmal und Schwesterchen und ich ziehen sie zu ihrem Geschenk herüber.

Es ist ein Bild der kleinen deutschen Stadt in der Johann Wolfgang von Goeth niemals übernachtet hat und wohl nur einmal mit der Kutsche durchgefahren ist.

Die liebe C. strahlt.

„So eine schöne Erinnerung“, sagt sie.

14 thoughts on “Sonntag

  1. Frankfurterkranz gab es an jedem Geburtstag meiner Großtante, vielleicht war das ihr Symbol der Normalität, ein anknüpfen an die Geburtstagstorte ihrer Kindheit in einer Landarbeiterkate. Zwei Zimmer, Küche, acht Kinder, die groß geworden. Diese Torte, jedes Jahr, bei Geburtstagen, festtäglich muss das gewesen sein, neben der Alltagsgerstengrütze und den abendlichen Bratkartoffeln, Sonntags gab es Brot.

    Als ich sie kennenlernte, war sie ne alte Frau, in meinen Augen, kaum älter, als ich jetzt.

    In der „Zwischenzeit“ hatte sie auch vier Jahre in einem sibirischen Kriegsgefangenlager gelebt, dort war diese Torte auch ihr Sehnsuchtsort.

    Ich mochte sie nie, als Kind musste ich sie essen, hätte sie gerne gegen Gewürrzgurken getauscht.

    Ihnen wünsche ich vielleicht im Nachhinein. ein wunderbares Fest.
    In der Zwischen

  2. Das klingt nach einem wunderbaren Sonntagsgeburtstag und dennoch ist so viel Wehmut in Ihren Zeilen. Ich hoffe, Sie behalten Ihre Verbindung zu Deutschland, auch wenn Ihr Papa und die liebe C. in einem anderen Land leben (darf ich fragen, wohin die beiden gehen?).
    Die Geschichten über Ihre Familie sind immer herzberührend. Alles Liebe und Gute für Sie alle, nicht nur zum Geburtstag.

  3. Welche Stadt ist das denn durch die Goethe nie gefahren ist? Goethe- Kuchen klingt natürlich viel poetischer als der altbackene Frankfurter Kranz. Übrigens sieht er perfekt gelungen aus. Was kann Mademoiselle eigentlich nicht?

      • Sehen Sie dies ist ein kleines privates Blog und damit das auch so bleibt, werden viele Dinge, Namen, Orte und Details hier immer nur Andeutung bleiben können.

  4. Ich bin gerührt.
    Von der Feinfühligkeit der lieben C. wegen des Kuchens.
    Weil die liebe C., die mir unbekannterweise ans Herz gewachsen ist und mein
    kleiner gebeutelter Fundevogel am selben Tag Geburtstag zu haben scheinen und ich auch Kuchen gebacken und gesungen habe.
    Aber tanzen tut hier niemand. Klavier spielen auch nicht mehr.

    Angefasst bin ich von der Zeile, dass Ihr Vater und die liebe C. Deutschland verlassen werden, auch wenn da keine Gründe stehen …

    Herzliche Grüße
    Natalie

  5. „Einen Blick geliebtes Leben!“, – danke für Ihre Einblicke !

    (Fast hatte ich mir sogar vorstellen können, die Mali-Tant würde sich den Champagner im Handgepäck selbst mitbringen – „Man weiß ja nie …“ -, doch auch der wird wohl in liebevoller Vorbereitung rechtzeitig vor Ort besorgt und gekühlt worden sein …)
    ___________________

    Später, als ich den einschneidenden Satz „Es gibt keine preußischen Juden mehr, die Goethes Geburtstag als den Geburtstag eines der ihren begehen.“ gelesen hatte, dachte ich nicht nur, daß ja gestern Goethes „Band“ den Anwesenden in Erinnerung gerufen wurde, sondern, nach weiterem Nachdenken und Suchen, daß es, streicht man das Wörtchen „preußisch“, es auch in diesem Falle ’nichts gibt, was es nicht gibt‘. Auch hier läßt sich die Reihe, die vielleicht bei Rahel von Varnhagen begonnen hatte, über Friedrich Gundolf Ausdruck gefunden hatte und in zehntausenden deutsch-jüdischen Haushalten mit Leben erfüllt wurde, letztlich bis heute fortschreiben.
    Doch ist dieses „letztlich“ ein weites Feld.

  6. Heute kamen 3 Brotbücher, die meine Ostergaben in der Familie werden. Den Kuchen werde ich nicht so gut hinbekommen und singen kann hier keiner, Klavier spiele ich nur, wenn mein 81-jähriger kranker Mann noch einmal zur Geige greift. Ich hoffe sehr, dass Ihr Vater und die liebe C. beim Aufbruch zu neuen Orten in Ihrer Nähe einen Platz zum Leben finden! Herzlich, Sunni

    • Oh! Das ist ja wirklich brotartig! Ich hoffe die Brotbücher machen der Familie viel Freude!
      Wie schön, dass Ihr Mann und Sie noch immer zu einem Duett zusammenfinden. In der Musik liegt immer auch die Hoffnung. Gute Gedanken an Sie beide!

      • Vielen lieben Dank! Was wären wir ohne die Hoffnung…Ich schicke Ihnen ganz viele gute Gedanken zurück!

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