Vielleicht, oder auch nicht

„Vielleicht“ sagt der Mann im Zug neben mir in sein Telefon, vielleicht ist ja die Antwort sich einfach zu verlieben.“ Der Mann trägt eine blauen Regenmantel und einen gelben Seidenschal. Den Seidenschal dreht er nachlässig mit einer Hand hin und her. Er sieht sich um im Zug, ob da vielleicht die Liebe einsteigt in Coolmine oder Clonsilla, aber die Liebe ist ganz offensichtlich andersweitig verabredet und der Mann seufzt in sein Telefon.
„Was meinst du denn?” Für einen Moment lang ist es ganz still, so als sei der Mann sich nicht sicher, ob er die Antwort denn wirklich hören will. Dann spricht sein Gegenüber sehr lange und der Mann nickt. „Er sei sich der Gefahren in jeder Hinsicht bewusst“, sagt er schliesslich und bevor er das Gespräch beendet, fügt er hinzu: “ Vielleicht ist das mit dem sich verlieben, wirklich kein guter Plan.“ Dann verschwindet das Telefon in der seiner Manteltasche und er sagt zu sich ganz leise noch einmal: „Vielleicht.“

„Vielleicht“, sagt ein Mann neben mir zu einem Kollegen, der heisses Wasser auf einen Teebeutel giesst und Zucker und Milch in die Tasse füllt, vielleicht müsste man es doch noch einmal ganz anders machen.“ „Ich mache den Tee schon immer so“, sagt der Mann und rührt dreimal nach links und dreimal nach rechts. „Nicht den Tee“, sagt der Mann und starrt in seine Tasse, in der der gleiche braune Teebeutel schwimmt.“Ich meine das alles. Job, Haus, Kinder, Auto, Frau, Scheidung. Vielleicht hätte ich doch bei meinem Bruder in Australien einsteigen sollen oder, oder“ und dann fährt der Mann sich durch das Haar. „Ach, ich weiss nicht, nur manchmal denke ich vielleicht…“ Dann starrt er in seine Tasse. Der Tee ist ganz schwarz.“Damn it“, flucht er und giesst den Tee aus. „Vielleicht solltest du es mal mit Kaffee probieren morgens“, sagt sein Kollege. Aber der Mann neben ihm zuckt nur mit den Achseln und wenige Minuten später schon sind sie verschwunden.

„Vielleicht sagt die Auszubildende später, vielleicht ist die Ausbildung zur Bürokauffrau gar nichts für mich.“ Die Auszubildende sieht anklagend in meine Richtung. Ich nicke. Die Auszubildende findet immer dann., wenn ich etwas von ihr will, es sei vielleicht besser, sie begönne es gar nicht erst, denn vielleicht sei es ja ohnehin ganz und gar vergebens. Vielleicht ist alles vergeblich, sagte ich einmal, aber da erschreckte die Auszubildende sich und seitdem schweige ich lieber. Vor einem vielleicht mag man sich mehr fürchten als vor einem Ja oder Nein,das weiss die Auszubildende und ich weiss es auch.

„Vielleicht“, sagt die Sekretärin und will gebeten werden. Also bitte ich. Erst bleibt ihr vielleicht ein vielleicht, ich lobe ihren scharfen Verstand, dann fast unverhofft wird aus ihrem vielleicht ein möglicherweise, dann hat sie genug von meinen Bitten und will es sich vielleicht oder auch möglicherweise noch einmal überlegen. Ich lasse sie ziehen, nur um zwei Stunden später wieder und weiter zu bitten und viel zu oft google ich, was vielleicht alles meinen kann. Die Sekretärin schweigt und ich bitte weiter.
Nach einer weiteren Stunde sind wir bei einem vielleicht mit einer Tendenz angekommen. Wohin die Tendenz aber geht scheint ungewiss. Derweil klingeln zwei Telefone und fragen nach dem Stand der Verhandlungen. „Ist ein halbes vielleicht doch schon ein Ja?” Aber mein Gegenüber will Sicherheiten.
Die Sekretärin starrt mich lange an. Die Sekretärin hat viele Jahre das Vorzimmer eines berüchtigten Finanzdienstleisters verteidigt. Für die Sekretärin bin ich ein kleiner Fisch. Die Sekretärin kann auf viele hundert Arten ein nein formulieren. Ihr Nein ist undurchdringlicher als ein Maschendrahtzaun. Ihr Ja ist immer ein Geschenk und sie ist vorsichtig und sehr verschwiegen, wer es wann und warum aus welchen Gründen erhält. Aber mit ihrem Ja oder nein, kann man leben. Es ihr vielleicht, dass einen zittrig und unruhig werden lässt, es ist ein vielleicht, das viel Platz lässt für mehr als ein ja oder nein, es ist ein vielleicht der tausend Möglichkeiten von denen nicht eine einzige zutreffen muss. Es ist wiegt schwerer und lockt einen doch immer wieder auf seinen Weg, dieses, ihr vielleicht, geübt und geprobt in Jahrzehnten vor schweren Türen, auch wenn es noch so den Anschein hat, es sei noch so beiläufig fallen gelassen und eigentlich schon in einem ohnehin zu tiefen Teppich versunken. Ihr vielleicht ist aus Stahl und wäre ihr vielleicht eine Rose, so zöge man sich noch Wochen später , die Dornen aus dem Finger ohne das man auch nur einen Zentimeter weitergekommen wäre.
Ihr Vielleicht ist ein Wartesaal in dem Samuel Beckett die Zeitung liest ohne aufzusehen.
Ich versuche es trotzdem noch einmal und frage nach, was aus dem Vielleicht denn nun geworden sei. Ja, sagt sie und ich will schon erleichtert austamen, da sagt sie ohne weiter von ihrem Computer aufzusehen. Vielleicht überlege ich es mir aber auch noch einmal.
Wird es denn klappen, fragt man mich später. Vielleicht, sage ich und zucke mit den Achseln, vielleicht auch nicht. Vielleicht weiß man es immer erst ganz bestimmt, wenn es zu spät ist.

13 thoughts on “Vielleicht, oder auch nicht

  1. „Vor einem vielleicht mag man sich mehr fürchten als vor einem Ja oder Nein,das weiss die Auszubildende und ich weiss es auch.“

    Ja, in diesem ‚vielleicht‘, verbergen sich Welten,
    ein Schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit…

  2. Vielleicht hat mich dieser Text zum Schmunzeln gebracht, vielleicht aber auch zum Lachen. Vielleicht eher das Letztere, je mehr ich über ihn nachdenke. In einem „Vielleicht“ verbirgt die ungeheuere Auswahl an Möglichkeiten im Leben, die Hoffnung auf Neues, Anderes, Besseres, und vielleicht, nein ganz sicher, hat dieser Text mich wieder einmal darin bestätigt, das „Vielleicht“ nur als ersten gedanklichen Schritt zu sehen, der ohne aktives Tun in der Folge nur Träumerei bleibt. Träumen ist schön, aber das Leben geht vor, und da ist in meinem Fall nur in seltensten Fällen Zeit für ein „Vielleicht“ ohne konkreten Vorsatz.

    • Ich fürchte wir alle setzen mehr auf das Vielleicht als wir gemeinhin annehmen, und es mag gut sein, dass wir den Möglichkeitssinn unterschätzen, der aus den Vorsätyen dann ja doch vielleicht etwas werden lässt.

  3. Zu viel vielleicht gerade auch hier, ein Zustand, der nach abwarten und Geduld haben verlangt (was mir immer wieder schwer fällt).
    Und Sie haben natürlich Recht, hinterher ist man immer schlauer.

  4. Wie schrieb doch einst schon Friedrich Logau so gültig:

    „Wer vielleichte soll ertrinken,
    Darf ins Wasser nicht versinken“,

    wobei die berühmte Schwimmerin in kalten Wassern, Read On, dabei nicht nachdenklich zu werden braucht, endet Logaus Spruch doch mit:

    „Alldieweil ein Deutscher Mann
    Auch im Glas ersaufen kann.“

    Wobei letzteres, wie zu hören ist, auch auf die irischen Männer zutreffen soll. Zumindest vielleicht …

  5. Quizás, quizás, quizás. Ich nahm das zum Anlass, mal dem Gedicht nachzugehen, aus dem P.G. Wodehouse seine allerdings stets überforderten männlichen Helden gerne und nie ganz passend zitieren lässt: „For of all sad words of tongue or pen, The saddest are these: ‚It might have been!'“ Stellt sich heraus: Lange, etwas staubige Ballade über eine kurze Begegnung, der die beiden Begegner noch lange nachhängen. Parodiert von Bret Harte, bei dem die Begegnung anders ausgeht, aber insgesamt eben auch nicht besser. Am ehesten ist das noch der Mann neben dem Teetrinker, ein rückwärtsgerichtetes Vielleicht – alle anderen sind ja eher nach vorne gerichtet.

  6. Auf viele Fragen antworte ich ich mit: Mal sehen. Bringt meine Frau oft auf die Palme, aber ich kann nicht anders. Sie verallgemeinert dann oft auf alle Spanier, sie seien so unschlüssig. Schaunmermal…

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