Der hinkende Mann

Jeden Tag sehe ich den Mann.

Immer am Abend, wenn der alte, treue Hund und ich noch einmal um die Häuser ziehen, treffen wir den Mann.

Der Mann ist alt.

Älter als der Hund und ich zusammen.

Vielleicht auch älter als Hund, Katze und ich zusammen.

Der Mann trägt immer eine schwere Lederjacke.

Dabei ist der Mann selbst eher schmal.

Der Mann ist schmaler als die Katze, aber das ist auch nicht schwer.

Manchmal glaube ich die Katze ist eigentlich ein Tiger im Wachstum.

Aber das kann ich nur sagen, weil die Katze gerade nicht mithört, denn die Katze zieht niemals mit dem Hund und mir um die Häuser.

Dennoch nehme ich an, dass auch die Katze den Mann kennt. Die Katze weiß vieles und erzählt fast nichts.

Jedenfalls erzählt sie es nicht mir oder dem alten, treuen Hund.

Der Mann zieht um die gleichen Häuser wie der Hund und ich.

Es gibt nicht so viele Häuser, aber vielleicht sind auch die Häuser nur besonders groß und so sind die Wege schmal wie der Mann und schmal sind auch die Chancen sich nicht zu begegnen.

Der treue, alte Hund und ich beginnen unseren Weg an einer Wiese. Eine alte Zeder steht auf der Wiese und am Rand der Wiese blühen Osterglocken.

Dieser Tage aber köpft der Wind die Osterglocken.

Die Osterglocken träumen vielleicht von einem Leben als Zeder.

Vielleicht träumt die Zeder aber auch von der Endlichkeit, der sie zwar näherkommt, ohne sie jemals ganz zu erreichen.

Wir wissen was nichts über die Natur der Dinge.

Wovon der Mann träumt, der vor uns auf die Zeder trifft, weiß ich nicht.

Ich weiß nichts über die Träume von Hund oder Katze und meine Alpträume sind seit Jahren schon immer dieselben.

Der Mann vor uns auf dem immer gleichen Weg ist gänzlich unauffällig möchte man meinen.

Viele Männer sind schmal und noch mehr Männer tragen Lederjacken.

Viele Männer gehen jeden Tag spazieren oder auch nicht.

Ob mehr Männer Hunde halten als Katzen weiß ich nicht.

Es geht mich auch nichts an.

Der Mann aber ist so unauffällig, wie er auffällig ist.

Der Mann hinkt.

Der Mann zieht nicht einfach ein Bein nach.

Oder tritt unregelmäßig auf.

Er knickt auch nicht mit der Hüfte seitwärts ein.

Der Mann hinkt unübersehbar und ansichtbar.

Der Mann hinkt schon ein ganzes Leben.

Sein Hinken füllt den ganzen Gehweg aus.

Es ist kein zurückhaltendes, kein sich einschränkendes, sich verbergendes Hinken.

Es ist ein Hinken, das mit ganzer Kraft auf sich aufmerksam macht.

Es ist kein Hinken im Verborgenen.

Der Mann hinkt ganz offensichtlich und er verweigert sich unserem Anspruch, den wir an unsere Beine und unser Leben haben, uns doch möglichst unauffällig mit seiner Behinderung aus dem Weg zu gehen.

Der Mann hinkt gegen unsere Erwartungshaltung an.

Der Mann hinkt auf der Mitte des Gehwegs und er macht keinen Platz.

Niemals weicht der hinkende Mann auch nur einen Zentimeter zur Seite.

Ganz gleich ob ein Geschäftsmann mit Aktentasche und teuren Lederslippern ins feuchte Gras ausweichen muss, um an dem Mann vorbeizukommen, oder zwei Frauen in hohen Schuhen ausgebremst werden, ob ein Radfahrer auf dem Gehweg auch noch so hektisch klingeln mag oder ein schwer atmender Jogger mit Musik auf den Ohren an ihm vorbeidrängt.

Der Mann und sein Hinken beanspruchen den ganzen Gehweg für sich.

Der Geschäftsmann mag sich da umdrehen und rufen: „Andere Leute haben es eilig!“

Die Frauen mögen die Augenbrauen nach oben ziehen und sagen: „Man kann auch zur Seite gehen, wissen Sie.“

Der Radfahrer mag fluchen: „Überall Scheiß-Fußgänger und dann auch noch der Hinke-Opa im Weg. Wozu hab ich denn eine Klingel, wenn es keinen interessiert?“

Der Jogger mit dem Nike-Logo auf derBrust mag husten: „Ich muss Tempo machen, mann ey.“

Den hinkenden Mann kümmert es nicht.

Er zuckt nicht einmal mit den Achseln.

Er verzieht keine Miene.

Er antwortet nicht.

Er murmelt keine verlegenen Entschuldigungen, die doch alle von ihm erwarten.

Er macht für keinen Platz, er weicht nicht zurück und erst recht weicht er nicht aus.

Auch nicht den Blicken der Mütter, die zu den Kindern, die fragen: „Mama, warum hinkt der Mann denn da?

Die Mütter ziehen die Kinder schnell weiter und sagen: „Ja, guck da nicht so hin.“

Aber die Kinder gucken trotzdem.

Manchmal machen die Kinder den hinkenden Mann nach.

Sie ziehen ihr linkes oder rechtes Bein nach, so wie er und dann nach ein paar Metern, rennen sie plötzlich los, drehen sich um und kichern.

Aber der Mann sieht die Kinder an.

Er blickt nicht zu Boden.

Er versucht nicht sein Hinken zu verbergen.

Er behilft sich nicht mit einem Stock.

Er hat sie schon alle gesehen. Die mitleidigen Blicke, die höhnischen Blicke, die äffenden Blicke, die verstohlenen Blicke, die „Lass das bloß nicht mir passieren“, die „warum muss der seine Behinderung denn so zur Schau stellen-Blicke. Er hat sie alle gesehen, denn der Mann ist ja immer noch älter als es Katze, Hund und ich gemeinsam sind.

Auch mich und den Hund kümmert der Mann sich nicht.

Mein Kopfnicken oder mein gemurmeltes: Hiya hat er geflissentlich ignoriert.

Ihm sind immer schief daherkommenden Annäherungsversuche gleich.

Es sind ja immer die gleichen Blicke.

Es sind ja immer die gleichen Blicke der Nicht-Hinkenden auf ihn, der hinkt.

Er hat es sich ja nicht ausgesucht.

Er trägt ja eine gewöhnliche Lederjacke.

Er ließe sich doch vortrefflich übersehen, wäre da nicht das Bein.

So verweigert er sich den Blicken, was soll er mit ihnen denn auch anfangen können.

Der Hund und ich also gehen am Mann vorbei, links im Gras oder rechts an der Straße.

Ich sage nichts mehr und lerne einmal am Tag wenigstens nicht hinzusehen.

Manchmal überholt er uns wieder, denn der Hund ist ja alt und muss manchmal ausruhen unter der Zeder.

Der Mann geht grußlos und blicklos an uns vorbei.

An der Zeder trennen sich unsere Wege ohnehin.

Der Mann geht nach rechts und ich nach links.

Er weicht nicht aus.

Ganz auf der Mitte des Bürgersteigs hinkt er und nimmt sich den Platz, den er braucht, allen Blicken zum Trotz.

Wenn es eine Mutstärke gäbe, wie es eine Windstärke gibt, der Mann, der jeden Tag dort geht, wo auch der treue, alte Hund und ich spazieren gehen, er hätte die Zeder längst gefällt.

6 thoughts on “Der hinkende Mann

  1. Sehr schön. Sowohl von Ihnen geschildert als auch von dem Mann gelaufen. Genau so muss man gehen, aber leider lernen wir etwas anderes.

    Herzliche Grüße aus der Nähe von Beuys-Stadt

    • „Genau so muss man gehen, aber leider lernen wir etwas anderes.“

      Verstehe nicht, was Sie meinen. Wieso sollte man so gehen wie der
      hinkende Mann, und was genau lernen wir anderes?

      Nur weil der Mann hinkt, heißt das doch nicht, dass der Mensch nicht auch Platz machen kann für andere hinkende und nicht hinkende Menschen.
      Es sei denn, das Hinken ist ein nicht kontrollierbares, welches es dem hinkenden Mann unmöglich macht, auszuweichen.

      • Hallo Ute Plass,

        ich erkläre Ihnen das gerne. Was ich gesagt habe, ist überhaupt nicht negativ gemeint.

        Der Mann weicht doch nicht aus, er nimmt sich den Raum auf dem Gehweg, den er benötigt. Das ist gut. Gehbehinderte Menschen (Fräulein Read On hat irgendwann, so weit ich mich erinnere, einmal mitbekommen, dass es sich bei mir um so jemanden handelt, weil ich es erwähnte und mein Kommentar ging ja vorwiegend ans Fräulein) lernen aber leider sehr oft das Gegenteil: Mach dich klein, weiche allen aus, sei am allerbesten unsichtbar.

        Verstehen Sie es jetzt besser, was ich sagen wollte?

        Auch Ihnen herzliche Grüße und Danke für’s Nachfragen

      • Ja, den kenne ich, danke dennoch. Ich folge Herr Krauthausen und anderen Inklusionsaktivist*innen schon lange. Vielleicht findet durch den Link von Ihnen ja noch wer anderes zu ihm, gerade der verlinkte Artikel ist sicher nicht uninteressant, wenn man sich einlesen mag. Und natürlich trifft es mit dem Kleinmachen nicht nur Gehbehinderte, sondern so ziemlich alle Behinderten.

  2. Ich ziehe meinen Hut vor dem alten hinkenden Mann, der sich nicht versteckt, nicht verbiegt und sich nicht entschuldigt für etwas, was er sich wahrscheinlich nicht ausgesucht hat. Es ist vollkommen richtig, dass ihm Platz gemacht und auf ihn Rücksicht genommen wird. Selbstverständlich scheint es nicht zu sein und ich würde wetten, Sie sind der erste Mensch, der sich so viele Gedanken um den alten Mann macht. Wenn er es wüsste, würde er sich wahrscheinlich freuen und Sie vielleicht auch künftig grüßen.

    Es ist wunderbar, wie Sie immer wieder hinsehen.

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