Sieben Wochen Ohne

“Es ist Fastenzeit, Fräulein Read On“, ruft die Auszubildende schon vor acht Uhr.
„Oh“, sage ich Auszubildende, darf ich annehmen, dass Sie vielleicht das zu spät kommen fasten in diesem Jahr?
Am Mittwoch nämlich beginnt die Arbeitszeit der Auzubildenden um 7. 30 Uhr. Aber um 7. 30 Uhr bin zwar ich im Büro, aber nicht die Auszubildende.
Aber die Auszubildende wäre ja nicht die Auszubildende liesse sie sich von meiner Nachfrage auch nur ein kleines bisschen erschüttern.
„Nein, Fräulein Read On, zirpt sie, pünktlich kommen wäre ja zu einfach, da müsste ich ja einfach nur früher aufstehen.“
„Sie wissen wirklich nichts Fräulein Read On! Fasten muss doch weh tun. Ich faste dieses Jahr Nägel.
Nun hatte ich bis dato nicht angenommen, dass die Auszubildende nach getaner Arbeit, eine Tätigkeit als Heimwerkerin zu beginnen dächte, aber bekanntlich weiss man nichts über andere Menschen und so krächze ich mit mühsam verborgenem Erstaunen.
„Sie fasten Nägel?“
Die Auszubildende seufzt und findet selbst, dass sie sich eine nicht unerhebliche Herausforderung auferlegt habe.
„Ich werde aussehen wie ein Biest“, sagt sie und für einen Moment glaube ich wirklich, dass die Auzubildende rotige Nägel aus alten Dielenbrettern extrahiert.
Aber dann bleibt die Auzubildende doch die Auszubildende die ich kenne und zeigt mir ihre Fingernägel.
„Ich faste das Nagelstudio, Fräulein Read On.“
Die Auszubildende, das muss man nämlich wissen, betreibt wenige Dinge mit solch religiöser Hingabe wie den Besuch eines Nagelstudios, wo sie Woche für Woche ihre Fingernägel feilen, lackieren und mit Glitzerintarsien verzieren lässt.
Der Auszubildenden sind ihre Nägel heilig.So sehe ich dann doch erstaunt auf und sage: „Alldieweil Auszubildende, da haben sie sich ja wirklich etwas vorgenommen.“
Die Auzubildende ächzt und seufzt zustimmend.
„Es ist wirklich eine Katastrophe und es ist ja auch nur weil die Manuela bei ihrer Schwester in Australien zu Besuch ist und die Manuela macht mir doch den Sonderpreis und wenn ich dann jetzt zu jemand anderem gehe, dann kriegt die das doch mit und dann muss ich voll zahlen und das will ich nicht, denn ich hab ja die Abmachung mit der Manuela und den super Sonderpreis und na ja ich bin ja auch nicht blöd.“
„Jedenfalls, fährt die Auzubildende fort, werde ich jetzt aussehen wie ein Biest.“
Ich nicke besänftigend und sage, dass es so schlimm ja gar nicht kommen wird und man ja ohnehin wisse, dass unter so manchem Biest eine Prinzessin verborgen sei. Prinzen sind natürlich mitgemeint.
Die Auzubildende fotografiert noch einmal ihre unbiestigen Glitzernägel und ich erinnere die Auzubildende noch einmal an den Beginn der Arbeitszeit, die Auzubildende findet mich spiessig und so geht der erste der Fastenmorgen dahin.

Um halb elf Uhr treffe ich den verehrten Herrn Direktor. Der verehrte Herr Direktor sieht hungrig drein.
Ich sage lieber nichts. Auf das Offensichtliche soll man ja überhaupt nur im Notfall hinweisen.
Ich faste sagt der Herr Direktor dann auch gleich.
Oh, sage ich.
„Das Leben, Herr Direktor, verlangt einem gläubigen Katholiken einiges ab“, merke ich an.
Der Herr Direktor schüttelt den Kopf.
„Ach, Fräulein Read On mit dem Papst lebe ich ja nicht zusammen, wohl aber mit Frau und Kindern, die einen strengen Fastenplan zusammengestellt haben.“
„Was ist denn noch erlaubt Herr Direktor?
„Tofu, Fräulein Read On.
„Oh, Herr Direktor.“
Dann schweigen wir beide und der Herr Direktor greift zu einer Flasche Wasser. Wasser scheint auch noch erlaubt zu sein.
Dann gehen wir unserer Wege.

Am frühen Nachmittag treffe ich die Sekretärin auf dem Flur.
„Also, Fräulein Read On, ich faste ja Schokolade und Zucker und Sie? In der Hand hält sie eine Banane.
„Oh, sage ich, sie fasten also gleich doppelt?
Die Sekretärin schaut mich ein bisschen mitleidig an. Die Sekretärin schaut mich sehr oft mitleidig an, denn die Sekretärin hat herausgefunden, dass ich viele Jahre meines Lebens über einem Haufen alten Papiers verbracht habe.
„Nein“, sagt sie nur Schokolade und Zucker.“
Man soll niemanden den Glauben nehmen und so fange ich gar nicht erst an eine Bemerkung zu Fruchtzucker hintendrei zu schieben.
Fasten ist doch ohnehin schon hart genug.
Aber die Sekretärin lässt nicht locker. „Nun sagen sie schon, Fräulein Read On, was fasten sie denn?“
„Nichts“, sage ich, ich faste überhaupt nicht.“
Die Sekretärin hustet böse.
„So etwas habe sie sich schon gedacht.“
Ich lächle freundlich und die Sekretärin schüttet noch mehr Süssstoff in ihren Kaffee.
7 Wochen ohne, sagt sie triumphierend.

Wirklich, wer fastet der muss Opfer bringen noch mit der Kaffeetasse in der Hand.
So gehe ich dann meiner Wege.

Die Auzubildende ist am Telefon und winkt mir zu.
„Fräulein Read On, vielleicht muss ich doch nicht als Biest gehen. Die Lisa, die kennt eine Maria und die Maria kennt eine Nadine und die macht Nägel zu Hause und die sind viel günstiger als bei der Manuela und sieben Wochen ohne Nägel das ist doch nicht menschlich.“

„Bei G“tt denke ich, es ist nicht immer leicht kosher durch den Tag zu kommen, auf so viel Fastenleid muss ich natürlich gleich einmal einen Riegel Nusschokolade verzehren aus Mitleid natürlich, das versteht sich ja ganz von selbst.

8 thoughts on “Sieben Wochen Ohne

  1. Mensch setzt Prioritäten, beim Fasten, wie beim Essen. Nägelfasten im Sinne der Azubine mache ich leicht, mein Leben lang. Manchmal nutze ich solche, die mensch im Baumarkt kriegt, vielleicht fastet da die Azubine ihr Leben lang.
    Auch kosher hat Stufen. Wer „glatt“ bevorzugt, kann in dieser Stadt nicht mal einen Kaffee trinken gehen, geschweige denn eine Wohnung mit Einbauküche mieten. (Dank einer Freundin, die kosher beherzigt, soweit es zu ihrem Leben passt, kenne ich die deutschsprachigen Listen, schaue im Netz auch immer wieder mal rein.)
    Ab und an beschließe ich für eine Weile etwas nicht zu tun, manchmal verändert sich dann was. Nikotinverzicht ist mir noch nicht gelungen.
    Leseverzicht? Ist mir noch nie in den Sinn gekommen.

    • Fasten fand ich immer sehr schrecklich und es fiel mir schwer als Kind. Meine Schwester und ich verzichteten auf Süßigkeiten, die wir in einer Schachtel auf dem Schrank sammelten. Irgendwie wurde es nie mehr. Bis wir unseren Vater erwischten, der aus der Schachtel stibietzte. Dann war es aus mit Fasten.
      Seither über ich mich nur im Verzichten, wenn ich merke, dass ich etwas zu sehr brauche. Ich möchte mich nicht abhängig machen von Dingen.
      Die Freiheit als Motiv sozusagen.
      Alles andere finde ich ein bißchen albern, Nägel übrigens ganz besonders.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.