Das Hotel Central

Das Hotel Central ist, obwohl an einer vielbefahrenen Straße gelegen mitten in Dublin gelegen , leicht zu übersehen.

Das Hotel Central fällt einem nicht auf. Ich frage mich oft, ob das nicht Absicht ist.

Das Hotel Central ist aus rotem Backstein und über dem Eingang des Hotel Centrals ist ein großes Vordach angebracht.

„Hotel Central“ steht auf den bunten Glaskacheln des Vordachs. Erstaunlicherweise ist es gerade jenes Zierdach, das einzige Schmuckstück des Hotel Centrals, welches maßgeblich dazu beiträgt, dass das Hotel so leicht zu übersehen ist.

Das Hotel Central gibt es schon seit dem vorletzten Jahrhundert.

Man sieht es ihm an.

Früher einmal mag es ein Hotel glitzernder Geschichten von Fernreisenden, Kolonialbeamten, britischen Offizieren und reich gewordenem amerikanischen Besuch gewesen sein.

Dass die Zeiten auch einmal ganz andere gewesen sein, daran erinnert fast nichts mehr- nur noch eine alte Lampe und ein verwittertes Plakat hinter der Rezeption, das für eine Schifflinie wirbt, die es nicht mehr gibt.

Gewiss auch das Hotel Central ist immer mal wieder renoviert worden, aber der Irrtum der Innendekorateure bestand eben in genau der Annahme, dass sich der Charakter des Hotels formen ließe, nach ihrem Geschmack und den Anforderungen moderner Hotellerie.

Dieser irrtümlichen Annahme kann man im Hotel Central nirgendwo entgehen. Zwar sind einmal gold-braun gestreifte Tapeten geklebt worden, aber die Wände des Hotels sind so verwinkelt, sie taugen nicht zur Repräsentation, dass sie nur einmal mehr das schäbig- altmodische betonen, denn Weite oder Eleganz zu schaffen.

Auch im Hotel Central hat man es Kunstdrucken versucht und gewagten Teppichmustern. Aber die Kunstdrucke in ihrer ganzen Einfältigkeit haben längst Staub angesetzt und in den engen Aufgängen des Hotels sieht ohnehin niemand nach, ob jene vier blaue Quadrate einmal irgendwo auf einer Ausstellung für eine Sensation gesorgt haben mögen, hier sieht sie niemand.

Über die Teppichböden aber schweigt sogar der Direktor kummervoll.

Das Hotel Central hat keine Kofferträger, keine Türöffner, keinen Liftboy und auch keine dreisprachigen, an einer niederländischen Hotelfachschule ausgebildeten Rezeptionistinnen. Das Hotel Central hat einen Portier. Der Portier erwartet die Gäste nicht, er erträgt die Gäste. Zwar hängt im Foyer des Hotels eine große, leise tickende Uhr, aber die Zeitrechnung des Hotel Centrals folgt der seines Portiers.

So ist das schon immer gewesen, nehme ich und so wird es wohl auch immer sein.

Der Portier ist manchmal für lange Zeit nicht zu sehen. Was er dann macht, geht keinen etwas an.

Ankommende Gäste , die noch nichts von den Gepflogenheiten des Hotels Centrals wissen, werden naturgemäß unwirsch und bedienen immerzu die kleine Glocke auf der braunen Anrichte der Rezeption. Den Portier kümmert dies wenig, er kommt immer genau dann, wenn die Gäste zwischen cholerischem Brüllanfall und schweigender Resignation schwanken.

„Sie hatten reserviert?“, sagt er dann langsam und mit schleppendem Tonfall.

Die geplagten Gäste haben natürlich ihre Reservierung längst vergessen. Sie wollen sich beschweren.

Also sagen sie: WAS FÜR EINE SAUEREI, DIESE WARTEREI, EINE UNVERSCHÄMTHEIT, ICH MÖCHTE MICH BESCHWEREN.

Der Portier nickt dann und schiebt einen Block mit einem vorgedruckten Beschwerdeformular über den Tresen.

Die Gäste füllen ihn sorgfältig aus und der Portier faltet die Beschwerdevorlagen sehr sorgsam zu einem Quadrat. Er reicht den Gästen die Schlüssel herüber. Er sagt: Treppe links, Fahrstuhl rechts, Achtung immer nur zwei Personen, Frühstück ab 7 Uhr, Bar ab 12 Uhr, kein Schwimmbad. Zu den Schlüsseln schiebt er einen zweiten Zettel über die Theke: Polizei, Feuerwehr, W-Lan, noch Fragen?

Die Gäste bleiben meistens stumm.

Gehen die Gäste dann nach rechts oder links, nimmt der Portier das gefaltete Beschwerdeformular studiert es eingehend, um es dann umgehend in einen unter dem Tresen befindlichen, gelben Papierkorb zu werfen.

Dann setzt sich der Portier und nimmt Eintragungen an einem dicken schwarzen Buch vor. Manchmal liest der Portier auch den Sportteil der Irish Times nach.

Die meisten Gäste des Hotel Centrals aber sind vertraut mit der eigenen dort vorherrschenden Zeitrechnung. Gelegenheitsgäste oder gar Touristen kommen selten ins Hotel Central.

Im Hotel Central nächtigen Geschäftsreisende, aber nicht solche, die mit glänzenden RIMOWA Koffern Großes bewegen, sondern die Nachfahren der Reisenden mit Koffern voller Schnürsenkel, Miederwaren und Bohnenkaffee. Sie sind die Letzten ihrer Art, der Großteil von ihnen ist längst Vergangenheit, anders aber als in der Industrie verlief ihr Verschwinden unbemerkt. Nur hier im Hotel Central sieht man sie noch einmal in den dünn gewordenen, niemals gut sitzenden Anzügen, den unbequemen Lederschuhen und den schweren, abgestossenen schwarzen Lederkoffern.

Sie wissen es ja selbst, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt und wenn der Portier nicht da ist, so bestellen sie ein Glas Bier und warten. Das haben sie ja ein ganzes Leben lang geübt. Viele nehmen ja Handelsreisende verkauften, dabei warten sie, vor allem warten sie und so ist ihnen das Hotel Central die Fortsetzung ihrer Gewohnheit.

Der Portier stellt ihnen keine Fragen, belästigt sie nicht mit Feuerwehr, Polizei, Frühstück, sondern händigt ihnen den Schlüssel aus und das ist alles.

Manchmal kommen Paare ins Hotel Central. Sie alle haben etwas zu verbergen. Einen Ehering vielleicht, eine hässliche Scheidung, eine bettlägerige Mutter oder Schulden. Sie kommen schwitzend im Hotel Central auch wenn es draußen kalt ist, sie wollen vergessen, wenigstens für eine Nacht. Nicht immer ist die Frau mit der sie am Abend ins Hotel zurückkommen, auch in der Reservierung inbegriffen, aber der Portier des Central hat schon alles und noch mehr gesehen und schweigt über diese und andere Fragen.

In einer Schublade seines Rezeptionstresens verwahrt der Portier zurückgelassene Eheringe, Scheidungsurkunden, Kondome, Heftklammern, zerrissene Bilder und Bücher auf.

Ich selbst habe schon gesehen, wie der Portier die Schublade öffnete und einen Ring herausfischte, den ein Mann mit roten, fleckigen Wangen entgegennahm. Er wollte dem Portier mit einem Schein danken, aber der Portier, der doch alles weiß und nichts sieht, schüttelte den Kopf.

Der Portier wie auch das Hotel Central sind keine Orte für leichte Gefälligkeiten.

Das Hotel Central ist ein Ort der Einsamen und Kargen, der einmal zu oft Verlassenen und der nie wieder Gefundenen, das Hotel Central ist Hafenkneipe und Bahnhofshotel, das Hotel Central ist ein Fundbüro.

Gerade deswegen sitze auch ich am Samstag im Hotel Central und lese die Zeitung, dabei lese ich die Zeitung immer zu Haus und sehe den Menschen zu, die dort kommen und gehen, für eine Weile, für die Weile in die der Tierarzt lebte, ging ich seltener ins Central. Aber jetzt bin ich wieder zurück mühelos aufgenommen in den Kreis der Einsamen, die dort beisammen sitzen.

Der Tee ist heiß und zu stark, die Scones sind immer von gestern, es ist immer Zugluft zu spüren im Hotel Central, nur manchmal sieht der Portier auf von der Rezeption und mir ist als zähle er nach, ob es uns alle auch wirklich noch gibt.

 

 

 

22 thoughts on “Das Hotel Central

  1. So viel Schwermut…,aber Sie werden ganz sicher wieder gefunden, und das vor allem nicht nur, weil das Hotel Central ein Fundbüro ist. Und mühelos aufgenommen tröstet und wärmt. Bleiben Sie stark und lebensfroh, bitte.

  2. Ihre Beschreibungsgabe ist sensationll, ich sehe alles vor mir, auch die altersblinden Fenster und die staubigen Topfpflanzen,( die Sie gar nicht erwähnt haben, die sich aber in mein inneres Bild geschlichen haben). Schlimmer noch: ich rieche es. Es steht mir nicht zu eine solche Frage zu stellen und ich erwarte auch keine Antwort, aber tut ein solcher Ort Ihnen gut? Ich habe meine Zweifel.

  3. Wie schön und wie traurig. Aber vor allem schön. Dieser Blick auf Welten, die man sonst übersieht, das Erschaffen und Bewahren solcher Welten: vielen Dank dafür. Um den Preis der Traurigkeit ist alles zu teuer erkauft, das allerdings schon. (Das Mitzählen des Portiers, es kommt mir vertraut vor.)

  4. Vielleicht darf ich auch eine Hotelgeschichte erzählen, liebes Fräulein:

    Wir waren unterwegs in Island, haben jeweils am Tag vorher das Zielgebiet unserer Rundreise ins Auge gefasst und uns ein Quartier herbeitelefoniert. In einer Gegend war das schwierig, wenig Auswahl, so dass wir mit leicht unbehaglichem Gefühl das „Hotel Venus“ anriefen. Das klang schon so zweideutig, wo würden wir da hingeraten… Der Portier am anderen Ende der Leitung erklärte uns sehr verschnupft: „Wir heißen nicht mehr Hotel Venus, wir heißen jetzt Hotel zur Brücke“. Aber er hatte Zimmer für uns.
    Das Hotel zur Brücke schien sich noch sehr gut an die Zeiten als Hotel Venus zu erinnern. Plüsch und romantische Farben, an den Wänden verblichene Fotos eleganter Damen. Vielleicht auch ein bisschen Fundbüro, auf jeden Fall aber vergilbter Charme vergangener Zeiten.

    Ein bisschen beruhigend ist es ja schon, dass solchen Orten keine Modernität etwas anhaben kann.

  5. Faszinierend, auf der Webseite des Hotel Central in Dublin sieht es gar nicht so interessant aus, wie Sie es schildern. So kann man sich täuschen. Ich glaube, ich werde versuchen mich dort einzumieten, wenn ich wieder nach Dublin komme, meine Neugierde ist geweckt. 🙂

  6. Allerdings, wenn man genau hinschaut, sind die Bilder der Zimmer mit Damenschuhen am Boden und Handtaschen auf dem Bett schon nicht ohne… und der Heizkörper über der Rezeption: aua!

  7. Das könnte auch ein Hotel in der altösterreichischen Provinz sein, frequentiert von heruntergekommenen Angehörigen der k.und k. Armee und ihren schnitzlerischen Gefährtinnen ……. wunderbar atmosphärisch Ihre Beschreibung …

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