Was bleibt vom Krieg?

Ein Buch über den Krieg ist das.

Ein Buch über den Krieg mitten in Europa.

Ganz Europa ist Teil dieses Krieges.

Der Krieg führt weit über Europa hinaus.

Ein Krieg, der uns kaum noch etwas sagt. Ein Krieg in Spanien, ein Krieg zwischen Napoleon und den Anderen. Ein Krieg in dessen Mitte auch Großbritannien steht.

Ein europäischer Krieg.

Wir erinnern uns kaum noch an den letzten Krieg.

Über diesen europäischen Krieg haben wir keine Erinnerungen mehr.

Unsere Großeltern und selbst unsere Urgroßeltern sind nach diesem Kriege geboren.

Was ist schon das Jahr 1809 oder 1811?

Vielleicht hören wir in der Schule etwas über Napoleon und dann über Preußen, das es auch nicht mehr gibt.

Steak Wellington vielleicht noch ein ferner Nachhall.

Aber es gibt niemanden mehr, der von diesem Krieg berichten kann, er erschreckt uns nicht mehr, ist so Vergangenheit, dass wir nicht mehr schwitzend aufwachen in der Nacht. Dieser Krieg macht uns keine Alpträume mehr.

Die Schlacht von Corunna ist etwas für Historiker, bestenfalls.

Niemand von uns kennt mehr ein Mädchen aus dem Dorf Morales, die da war als sie kamen, die Franzosen, die Spanier,die Engländer schließlich, mit ihnen allen kam der Tod.

Corunna lebt heute vom Tourismus, damals lebte niemand mehr in Corunna.

Davon erzählt dieses Buch von Krieg und vom Tod.

John Lacroix ist fast taub.

Er ist kein Held, er ist nicht einmal unschuldig, er ist nur noch am Leben, aber auch das nur fast.

So ein Buch ist das.

Es macht uns Augenzeugen dieses Krieges. Wir sind nur kurz in Corunna, dann sind wir in England, dann auf dem Meer, dann auf den Westlichen Inseln vor Schottland, aber der Krieg folgt uns überall hin.

Das Buch ist eine Suche.

Einer sucht dem Krieg und sich selbst zu entkommen.

Zwei suchen einen, der ihnen entkommen will.

Einer will nicht suchen. Der Andere kann nicht aufhören zu suchen.

Einer verschweigt seinen Namen.

Zwei haben Schwierigkeiten sich überhaupt an ihren Namen zu erinnern.

Einer war niemals als ein Kind und ein anderer erinnert sich an eine Kindheit vor dem Krieg.

Ein Anderer hat beide Hände in Ägypten verloren. Europa ist niemals nur ein Kontinent.

Zwei Schwestern und ein Bruder leben ganz anders als man es tun soll damals. Vielleicht leben sie so, weil vielleicht einzig das aus der Rolle fallen, einen bewahrt vor dem Krieg. Aber so ganz genau weiß man es nicht.

Eine Frau ist schwanger von einem Mann, von dem wir viel hören, aber den wir nicht ein einziges Mal sehen. Wer weiß schon, wo er ist?

Wir treffen, die die fliehen vor dem Krieg.

Wir treffen auf die Emigrantenschiffe.

Die Flucht aus Europa nach Cananda. Keiner der Fliehenden will Europa verlassen.

Aber da ist der Krieg und der Hunger.

Die Schiffe sind große Schatten.

Heute glauben wir in Europa, dass nur die Anderen fliehen.

Wir treffen einen Arzt aus der Schweiz in einem Krankenhaus in Glasgow.

Er operiert nach einem in Paris erprobten Verfahren.

Dieser Tage glauben viele Europa sei ein Gedankenexperiment einiger weniger Bürokraten.

Er ist einer ferner Vorfahr meines Freundes H., der aus einem anderen Land als der Schweiz kommt, aber auch er operiert in einem Krankenhaus in Bristol.

Seit dem Brexit-Referendum hört er noch öfter to fuck off. Niemand stört sich mehr daran.

Er hat Haydn in Wien gehört der Arzt aus dem Buch.

Er wäscht sich die Hände vor der Operation.

Wir treffen den Tod immer wieder.

Wir treffen eine Frau, die vielleicht einen Mann liebt.

Wir treffen eine Schwester, die gerne glauben will.

Wir treffen Kapitäne, die Menschen auf einem Boot zu verstecken wissen.

Das Meer treffen wir.

Oder das Meer trifft uns.

Das ist ein Buch über den Krieg, der nicht einfach aufhört, dem nicht beizukommen ist, den wir versuchen zu vergessen, damit wir überhaupt weiterleben können.

Das ist kein Buch über die Moral oder über den Sieg.

Es ist ein Buch über ein Mädchen aus dem Dorf Morales, immer wieder ist es ein Buch über sie.

Das ist ein Buch über den Krieg und über uns, hier und heute in Europa.

Jeden Tag werden auch wir Zeugen.

Daran erinnert uns dieses Buch.

Andrew Miller, Now We Shall Be Entirely Free, erschienen bei Sceptre Books, die von mir erworbene Ausgabe kostet 17, 95 Euro. Für meine Notizen zu diesem Buch bin ich von niemanden beauftragt, bezahlt oder angeworben worden und finde es sehr deprimierend auch das Dazuschreiben zu müssen. 

Woanders ist es auch schön

Frau Kaltmamsell ist jetzt auch Schöffin und lässt uns teilhaben an einer ganz anderen Welt und mir scheint der Kern des Schöffendienstes ist das genau Hinsehen, an dem man sich ja ohnehin gar nicht genug üben kann.
Lesen hier noch weitere Schöffen mit? Mich würden ihre Erfahrungen ja sehr interessieren.

Mich irritiert ja nachhaltig, dass jetzt Goodie -Bags nicht mehr nur auf Kindergeburtstagen erwartet werden, sondern auch auf der Buchmesse. Ich bleibe dabei Leser, müssen Leser sein dürfen und nicht Kunden, die auch noch Rabattkarten ausfüllen müssen oder einen Kugelschreiber mehr oder weniger wert sind, wie auch Autoren und Schriftstellerinnen keine Marktschreier sind und sein müssen.

Ich habe so sehr gelacht!

Ich kann eine Reise mit der tschechischen Bahn nur empfehlen. Nicht nur der Speisewagen wegen.

Wer noch Ambitionen hat, kann sich hier ausprobieren!

Vögel beobachten in New York.

Anke Stelling will nicht besänftigen.

Brauchtum. Was war eigentlich zuerst da die goldene Henne oder as Ei?

Lately. Es wird Frühling, ganz bestimmt.

Nachgetragene Notizen, Berlin

Berlin ist eine Zeitkapsel. In Berlin ist noch Januar. Jedenfalls auf dem Kalender.in meiner Wohnung. Merkwürdig ist das,so in der Zeit noch einmal zurückzureisen und an den Anfang des Jahres wieder anzukommen.

Ich findeÖ Zeitungen, der dicke Wollpullover, eine vertrocknete Zitrone, Notizen, die sich schon längst überlebt haben, Blognotizen, die ich doch verworfen oder besser noch wieder vergessen habe, ein Schokoladenengel in buntem Staniolpapier, die letzten Walnüsse aus dem Ostseegarten in der Holzschale auf dme Tisch, Staub auf dem Bücherregal und auch überall sonst.

Die Zeitungen in den Müll tragen, die Zitrone verwerfen, die Notizen weiter verfallen lassen, den Schokoladenengel dann doch betrauern, die Walnüsse kommen am nächsten Morgen in den Porridge beschliesse ich, den Staub aus dem Fenster hinauswerfen, die Holzschale mit Orangen füllen.

Mich kaum noch daran erinnern, wer ich im Januar gewesen sein soll. Eine Andere jedenfalls als ich es im März bin, die Notizen, die verworfenen Blogbeiträge sagen mir nichts. Eine fremde Frau mag das geschrieben haben, aber ich ganz sicher nicht.

Einen Teller mit Rosinen für meine alte Freundin die Wildtaube gefüllt. Lange gewartet, ob sie wohl kommt. Lange lässt sie mich warten, aber dann kommt sie doch. Ganz unruhig werde ich beim Warten. Ich hänge sehr an der alten Freundin, die mir seit so vielen Jahren auf der Fensterbank die Treue hält.

So eine Freundin will man nicht ziehen lassen.

Dann kommt sie doch.

Ich atme aus.

Die alte Freundin Wildtaube gurrt.

Dann kommt der Regen.

Der Regen läuft einem umgefallenen Tintenfass gleich die Strasse hinunter.

Der Regen lässt mich nicht mehr gehen, fürchte ich.

Am Abend treffe ich eine Freundin.

Viel haben wir zu erzählen, aber schön ist das nicht was wir uns zu erzählen haben,man sucht es nicht immer aus.

Es regnet noch immer.

Immer mal wieder öffnet sich die Tür. Herein kommen ein Mann oder eine Frau, aber sie suchen keinem Tisch, sondern sie haben dicke Kästen auf dem Rücken. I n die Kästen laden sie bestelltes Essen und fahren es durch die Stadt. Alle Fahrer sind nass. Drei Minuten halten sie sich vielleicht in dem Restaurant auf und dann verschwinden sie wieder in den Regen. Ganz unbeachtet bleiben sie von uns dne zahlenden Gästen. Manchmal liest man in einer Buchbesprechung von dystopischen Gesellschaftsordnungen in denen es immer auch um das Gefälle zwischen Herrn und Dienern geht. Aber das sind keine Bücher, die in eine Zukunft weisen, sondern das ist schon die Realität, denn die nassen Essensfahrer klingeln ja schon an einer Wohnungstür und reichen das Essen durch einen Türspalt. Wir akzeptieren dies schweigend, die nassen Lieferanten, die unhandlichen Kisten, den Hungerlohn, den Zeitdruck, die klapprigen Fahrräder, die mangelnde Ausrüstung, die stummen Gesichter derjenigen, die das Essen in die Kisten laden, wir alle sind immer auch die Augenzeugen der Welt, die wir für richtig halten.

In der S-Bahn auf dme Weg zurück zu mir in den Wald schlafen mehr Menschen als das sie wach sind. Diejenigen, die schlafen, schlafen so als hätten sie anderswo keinen Platz um sich hinzulegen.

Im Regen zurück in den Wald gelaufen.

Der Regen verschluckt meine Schritte.

Anderntags lange in die Kiefern gesehen.

Endlich wieder Zeit am Klavier verbracht.

Das Klavier ist verstimmt. Wer will es ihm schon verdenken?

Ein Kleid gekauft. Blau mit schimmernden Knöpfen.

Später treffe ich in dem gleichen Kaufhaus nur einige Stockwerke übe rmir, die liebe C.

Wir sind müde und trinken Kafffee. Der Kaffee kostet 3, 60 Euro.

Das kümmert hier keinen. Das ist ein Ort des behaglichen Reichseins.

Die liebe C. und ich rühren in dem Kaffee und erzählen uns lauter Dinge, die am Telefon immer ungesagt bleiben.

Dann kommt eine junge Frau an unseren Tisch.

„Nen bisschen Geld für was zu essen“, sagt sie. Sie trägt eine Strickmütze und zwei verschiedende Schuh an den Füssen.

In beiden Schuhen klafft ein grosses Loch.

Man findet überall Ähnlichkeiten, auch wenn man gar nicht nach ihnen sucht.

Wir geben sechs Euro. Das ist weniger als unsere zwei Kaffee zusammen kosten.

Die Frau starrt uns an.

Wir wissen nicht wohin mit unseren Augen.

„So viel Geld“, sagt sie und „Das reicht für zwei Tage und warm duschen.“

Sie greift schnell nach dem Geld, aks fürchtete sie wir könnten es uns auch noch einmal anders überlegen.

Wir schweigen beschämt.

Dann geht sie weiter.

An einem Tisch beschwert sich ein Mann über die Frau. „Das ist Belästigung.“

Dann kommt eine Mitarbeiterin des Kaufhauses und ruft: „Aber kusch dich.“

Sonst kommt die Security.

Der Mann nickt befriedigt. Er bezahlt ja auch für ein Einkaufserlebnis und fine dining.

Wir schweigen noch immer.

Die liebe C. nickt mir zu.

Dann stehen wir auf und gehen.

Vor den Lebensmittelbergen stehen Touristen und filmen sich mit diesen silbernen Gestellen, an die sie ihre Telefone schrauben.

Das alles folgt einer komplexen Choreographie, die wir doch ohnehin nicht begreifen.

Überall dickes Parfüm.

Noch einmal sitzen wir beieinander im Wald.

Dann trennen sich unsere Wege.

Ich fliege nach Irland zurück.

Der Flug ist ganz ereignislos.

Ich lese lange in Andrew Millers „Now we shall be entirely free.

Es ist ein Buch über den Krieg.

Der Krieg sagen manche sei auch nur eine Dystopie.

„Man muss aufpassen“, denke ich, dann fahre ich vom Flughafen direkt in die Mondsteinscheibenfabrik.

#KunstgeschichtealsBrotbelag aber als Buch.

Ich weiß es noch ganz genau, denn ich stand im Ostseegarten an der Himbeerhecke, der Tierarzt schlief in der alten Hängematte aus Segeltuch, die Nichten lauerten auf den Eismann, der Neffe las in einem dicken Schmöker unter dem Apfelbaum und ich pflückte eben Himbeeren. Dann klingelte das Telefon und jemand am anderen Ende der Leitung sagte etwas was nach Dumont-Verlag klang und ich sagte sehr sicher: „Sie müssen sich verwählt haben.“ Aber am anderen Ende des Telefon war man sich sicher. „Sie sind doch die mit der Kunst auf Brot. Wir wollen daraus gern ein Buch machen.“ Ich dachte ich sei nun wirklich bei Versteckter Kamera angekommen, denn ein reichlich seltsames Fräulein bekommt keine solchen Anrufe. Dann klingelte der Eismann, der Tierarzt wachte auf, der Neffe hatte Bärenhunger und ich legte ziemlich schnell auf. Dann fuhren der Tierarzt und ich in die Slowakei. Die Brote hatte ich schon vergessen, weil wir schon wussten, dass dies die letzte Reise wäre. Aber als ich zurück war, da rief der Dumont-Verlag wieder an und diesmal hörte ich besser zu oder vielleicht hörte ich auch deshalb zu, weil der Tierarzt mir zunickte und ich sagte Ja. „Ja, sagte ich, es wäre schön das mit den Broten, der Kunst und dem Buch.“

Das Internet ist kein Archiv dachte ich damals und wie schön es doch wäre, wenn der wunderbare Gemeinschaftsgedanke der Idee, dass nämlich Twitter auch ein Galerie sein kann, in die jeder sein Bild mitbringen und aufhängen kann, bewahrt blieben könnte. Auf das Ja folgten viele intensive Monate. Denn das Buch ist nicht so sehr mein Buch, sondern es ist ein Buch von uns allen, ein Buch das nicht nur Kunst auf Brot zeigt, sondern das vor allem zeigt, dass das Internet nicht nur Ort ausfälliger Bösartigkeit, aufgeregter Selbstüberschätzung und unangenehmer Kommentarsofakrieger ist, sondern auch ganz selbstverständlich ein Raum für Kunst und Künstler sein kann. Ohne jedoch dabei in einen Wettbewerb auszuarten für das beste, schönste oder was weiß ich wie Brot, sondern das Nebeneinander verschiedener kreativer Ansätze und Versuche. #KunstGeschichteAlsBrotbelag war eine eine Ausstellung in der alle willkommen waren Kunst zu machen und Kunst zu sehen. Ich hoffe das Buch trägt diesen Gedanken des Eingeladenseins weiter und macht uns immer wieder Lust das Alte und Neue noch einmal ganz anders zu sehen.

Ich hoffe das Buch führt zu Frühstück im Bett, zu heftigem Streit, zu polterndem Lachen und immer wieder zu der Erkenntnis, dass Kunst uns alle zusammenbringen kann und wir diejenigen sind, die das Internet zu einem lebenswerten Ort machen können oder nicht.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass es dieses Buch geben darf und ich bin reich beschenkt mit dem Vertrauen und der Begeisterung der Brotkünstlerinnen und Brotkünstler als auch der vielen wunderbaren Verlagsmitarbeiter. Da Sie, die Leserinnen und Leser dieses Blogs einen so großen Anteil haben an meinen Versuchen in Schrift und Bild, das Traurige tragen, wie das Alberne unterstützen möchte ich gern drei Exemplare des gestern erschienen Buches hier verlosen.

Read On, nun sag schon wie soll das gehen?

Wenn Sie ein Buch gewinnen möchten, dann kommentieren Sie bitte bis zum 29. 03. 2019 um Mitternacht hier im Blog folgende Frage: „Welches Bild oder welcher Künstler hat Sie maßgeblich berührt, bewegt, verändert, radikalisiert oder neu zum sehen gebracht?“

Spielregeln:

Teilnehmen können alle Leserinnen und Leser, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. Es ist ganz gleich wo Sie wohnen ich verschicke das Buch nach Hintertupfingen und New York City, sprich wo auch immer sie leben. Indes, wenn Sie an der Verlosung teilnehmen wollen, müssen Sie willens hier mit einer gültigen Email-Addresse zu kommentieren als auch im Fall eines Gewinns mir eine postalische Anschrift mitzuteilen.

Verlost wird wie folgt. Alle Kommentare wandern in einen Lostopf. In diesen Lostopf fasse ich dreimal und ermittle drei Gewinner. Die Verlosung wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, wohl aber in Anwesenheit des treuen alten Hundes und der verwöhnten Katze.

Warum sollen Sie denn dann eine Frage beantworten? Da ist ganz einfach, ich bin sehr, sehr neugierig, lerne gern dazu und entdecke gerne Künstler. Ausserdem ist es eine hübsche Abwechslung einmal etwas von Ihnen zu erfahren!

Bitte nehmen Sie nur einmal teil und nicht unter elf verschiedenen Decknamen. Ich bin ein seltsames Fräulein, aber kein Kriminalkommissar. Wenn Sie das Buch nur gewinnen möchten, um es im Garten zu verbrennen, weil sie sich über mich oder meine Kommasetzung ärgern, bitte verzichten sie und erwerben das Buch lieber regulär. Wut muss wehtun, sonst gilt es nicht. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich und wenn Sie nicht gewinnen, bitte schreiben sie mir keine bösen Briefe. Danke! Viel Glück und Brot, Brot Hurra!

Wer das Glücksspiel aus moralischen oder religiösen Gründen verachtet, kann das Buch überall dort erwerben, wo es Bücher gibt. Es hat 112 Seiten, viel, viel Kunst im Original und auf Brot und kostet 15 Euro.

Sonntag

Alle singen.

Mein Vater singt schief, feierlich und mit Blumen in der Hand.

Die Mali-Tant, Jean und Kater Mau singen ein Wiener Ganovenlied.

Schwesterchen schickt mich ans Klavier und Kinder wie Ehemann auf Position.

5 Kinder, Schwesterchen und Schwager singen sieben verschiedene Lieder und und ich am Klavier versuche dem Lied zu folgen, welches am Lautesten gesungen wird. Das wechselt manchmal von Strophe zu Strophe.

Schwesterchen findet das Kanon singen klappe jedes Jahr besser. „Wenn du doch nicht immer so schnell Klavier spielen würdest.“

Ich nicke. Großen Schwestern widerspricht man nicht.

Die liebe C. strahlt.

„So viele Lieder“, sagt sie und die kleine Nichte und ihr treuer Kanzler Bär geben noch ein extra Ständchen.

Die liebe C. hört zu und strahlt. Das ist die liebe C. Sie nimmt jedes Lied, wie es kommt und gerade die schiefen Lieder und die Lieder, bei denen die zweite Strophe doch eigentlich ganz anders geht, die nimmt sie besonders an.

Das ändert sich nicht, auch nicht in ihrem neuen Lebensjahr.

An Geburtstagen wird gesungen.

Die Mali-Tant macht Champagner auf.

Die liebe C. pustet Geburtstagskerzen aus.

Dieses Jahr keine Heidelbeertorte. Dabei hatte ich doch alle Zutaten besorgt, aber dann stand ich in der Küche und wollte Butter schmelzen und Heidelbeeren und Sahne vermengen und wusste doch nicht weiter und starrte in Töpfe und Schüssel bis mir die liebe C. den Löffel aus der Hand nahm. „Liebes“, sagte sie, Liebes dieses Jahr wünsche ich mir einen anderen Kuchen, ja?“ Sie räumte Heidelbeeren, Joghurt, Sahne und Butter weg und ich nickte.

Der Tierarzt fehlt ja auch heute.

„Was für einen Kuchen magst du dann?“ „Den Goethe-Kuchen“, sagt die liebe C.

Anderswo heißt der Goethe-Kuchen, Frankfurter Kranz, aber bei uns heißt er niemals Frankfurter Kranz.

Der Goethe-Kuchen ist ein Kuchen aus der Kindheit meiner Großmutter.

Es ist ein Rezept aus einer Zeit, die heißt: Es war einmal oder alldieweil, oder einstmals da.

Einstmals nämlich gab es ein Deutschland in dem preußische Juden lebten und mein Urgroßvater, der doch ein Wiener war, verliebte sich in ein preußisches Mädchen und wurde so preußisch, wie man es werden konnte damals in Deutschland. Man feierte Kaisers Geburtstag, aber man liebte Goethe mehr als den Kaiser und so feierte man Goethes Geburtstag mit Gedichten, Singspielen, Pilgerfahrten nach Weimar, aber immer mit dem Goethe-Kuchen, einem Kranzkuchen mit Himbeer-Vanille Füllung und geraspelten Mandeln.

Heute natürlich ist davon nichts mehr übrig. Es gibt keine preußischen Juden mehr, die Goethes Geburtstag als den Geburtstag eines der ihren begehen. Es gibt nur noch die lose Rezeptsammlung meiner Großmutter, die sie mir vermachte. „Vielleicht findest du etwas Nützliches darunter“, sagte sie damals kurz vor dem Ende und riet für den Goethe-Kuchen zur Verwendung von besonders frischen Eiern.

„Das ist kein Restekuchen“, schrieb sie über das Rezept und kleiner darunter. Rezept von Mami, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, erstes Goethefest wohl 1911.

Also nehme ich die frischen Eier und backe drei Böden, lasse den Kuchen auskühlen. „Ungeduld wird hier zum Verhängnis“ schrieb meine Großmutter. Bestreiche die Böden mit Himbeerkonfitüre, rühre eine Mandel-Vanille Creme an, hacke Mandeln und setze den Kuchen vorsichtig wieder zusammen. Der Kuchen kommt in einen Karton, der Kuchen kühlt dann.

Goethe-Kuchen für die liebe C.

Dann kommen die Gäste.

Die liebe C. lacht und strahlt und versinkt in Blumen.

Mein Vater schleppt Vasen.

Zwei Nichten klettern in einen Baum und kichern wie die Waldgeister.

Ein Neffe spielt Geige.

Eine Nichte berät sich mit Kanzler Bär.

Ein kleines Täubchen gurrt mit den Tauben auf dem Kirchturm um die Wette.

Mein Vater serviert Getränke.

Ich wasche ab und höre den Gästen zu.

Bei den Geburtstagen der lieben C. kommen immer Menschen zusammen, die sich sonst niemals träfen.

Die liebe C. schwört dies sei keine Absicht.

Aber dann zwinkert sie doch und das ganze Haus vom Keller bis zum Speicher gleicht einem Bienenstock in dem mindestens sieben Sprachen, drei Generationen und so viele Ansichten zusammenkommen, dass es unbedingt Kuchen geben muss. Es ist immer die Frage Krieg oder Kuchen und dann lacht die liebe C. und lässt mich mehr Sahne bringen.

Schwesterchen holt neue Gläser.

„Ein Gedicht“, sagt mein Vater und nickt mir zu.

Goethe natürlich, gelernt ist gelernt. Meine Großmutter gab ja nicht nach.

Es war einmal.

Wunderkerzen auf dem Kuchen und Goethes: „Mit einem gemalten Band“, also.

Die liebe C. strahlt.

Am späten Nachmittag rücken wir alle Möbel zur Seite.

Ich spiele Klavier und alle, alle tanzen.

Am schönsten tanzt die Mali-Tant.

Am verliebtesten tanzt mein Vater mit der lieben C.

Die wildeste Polka tanzen die Kinder.

Den vollendeten Handkuss beherrscht nur der Jean.

Die liebe C. strahlt.

„Es sind doch alles in allem schöne Jahre gewesen“, sagt sie.

Im Sommer verlassen mein Vater und die liebe C. Deutschland wieder.

Ich klappe den Klavierdeckel herunter.

„Es war einmal ein Land, fing meine Großmutter an oder auch „einstmals als es noch Juden gab in den Städten und Dörfern, da“, aber schon damals wusste ich, dass das worüber meine Großmutter sprach so unendlich weit in der Vergangenheit lag, dass es sich niemals mehr erreichen ließ.

„Nicht an der Butter sparen!“, schrieb sie unter das Rezept für den Goethe-Kuchen, der bei uns niemals Frankfurter Kranz heißt.

„Alles Liebe zum Geburtstag“, sage ich der lieben C. noch einmal und Schwesterchen und ich ziehen sie zu ihrem Geschenk herüber.

Es ist ein Bild der kleinen deutschen Stadt in der Johann Wolfgang von Goeth niemals übernachtet hat und wohl nur einmal mit der Kutsche durchgefahren ist.

Die liebe C. strahlt.

„So eine schöne Erinnerung“, sagt sie.

Woanders ist es auch schön

Isabella hat einen großen Text geschrieben, über eine lange Reise , die doch eigentlich gerade erst beginnt. Es ist ein berührender, ein kraftvoller, ein lauter, ein leiser, ein ganz großer Text.

Abgesessene Jugend. Ich denke noch immer über diesen Text und die vielen Biographien nach, die eigentlich schon fast zu Ende sind, bevor es überhaupt begonnen hat.

Was für ein großartiger Film.

Die Liebe ist nichts für die Ewigkeit. Nicht einmal bei Schildkröten.

Herr Slowtiger hat einen Alptraum aufgeschrieben.

Okwui Enwezor ist verstorben und Deutschland verliert einen Kurator, dessen Möglichkeitssinn viel weiter ging, als es sich der deutsche Kunstbetrieb vorstellen konnte.

Erschütternd ist der Anschlag auf eine Moschee in Neuseeland. So viele Geschichten, so viel Leben,so viele Fäden, die abgeschnitten sind. Es ist furchtbar.

Dublin entdeckt die Laubenpieper.

The Pillow Queens singen und man ist ein bisschen getröstet allem Regen und der Müdigkeit zu langer Tage zum Trotz.

„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“

Ein Mann schreit schon im Flugzeug. „Diese Busfahrer!“ Die sollten nur abwarten bis er käme, er würde sich die Busfahrer schon vorknöpfen. Andere Seiten müsse man da aufziehen. Aber ganz andere. Diese Busfahrer sollten sich frisch machen. Erst streikten die Kinder und nun auch die Busfahrer.
Der Mann schreit immer lauter in sein Telefon und wischt sich mit der Hand über die zitternde Oberlippe. „Frau Annika“, schreit er weiter, denn er ist noch nicht fertig mit den Kindern, den Busfahrern und all den anderen, die nicht so wollen, wie er will, „Frau Annika, das sage ich Ihnen, mein Vater hat früher, das war natürlich alles noch vor der Pleite den Lehrjungen eine Backpfeife verpasst und sie die Werkstatt fegen lassen und das sind alles anständige Menschen geworden.“ Vatern hat ohnehin keine Unterschiede gemacht, wenn ich eine Abreibung verdiente, habe ich sie bekommen. Vor den Augen der Lehrjungen, Frau Annika und ich sage ihnen Vatern hat Recht gehabt und es ist eine Sauerei gewesen mit der Pleite und dann diese Busfahrer.“
Der Mann holt gerade noch einmal Luft, aber dann kommt die Stewardess und der Mann muss das Telefon weglegen. Zwei Minuten später schließt er die Augen. Wut ist anstrengend und die Erinnerungen an den Vater, die Werkstatt und die Schläge sind es wohl auch. In Tegel verliere ich den Mann aus den Augen. Erst in der Taxischlange sehe ich ihn wieder, da streitet er mit einem Taxifahrer über den anvisierten Fahrpreis: „35 Euro, das sind ja siebzig Mark!“ Aber für mehr Empörung fehlt mir die Zeit.

Es ist fast komisch, ausgerechnet wenn die Busfahrer streiken gibt es eine zuverlässigen Pendelshuttle zur nächsten U-Bahn Station, die U-Bahn kommt sofort, die S-Bahn folgt auf den Fuß. Eine Frau aber fragt mich, ob ich wüsste wann der Bus kommt. „Heute ist Streik, sage ich, noch bis 22 Uhr.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das habe ich nicht gewusst“, sagt sie und sieht verlegen weg. Die S-Bahn und die U-Bahn fährt aber trotzdem. Sie nickt. „S-Bahn und U-Bahn traut sie sich nicht“, erwidert sie. Sie fühle sich nicht gut dabei, wenn man gar nicht mehr sehen könne, ob so eine S-Bahn denn überhaupt noch von einem Menschen gefahren würde.“ Dann geht sie schnell weg und ich steige in die S-Bahn ein. Die Frau dreht sich noch zweimal um, und bleibt wieder an der Bushaltestelle stehen. Eine Erklärung ist eine Erklärung, aber die Angst der Anderen erreicht sie nie. Aus dem S-Bahnfenster heraus zählt ein kleines Mädchen die Autos. Für sie ist der Streik eine Mathematikaufgabe. „Wie viele Autos passen auf die Straße bis sie platzt?“, fragt sie ihre Mutter. Ihre Mutter schüttelt den Kopf. Das ist nur wegen des Streiks sagt sie und das Mädchen zählt weiter grüne, blaue, rote und silberne Autos. Sie hat viel zu tun. Viele Taxis stehen im Stau und in einem Taxi da schreit ein Mann bestimmt gerade den Taxifahrer oder Frau Annika an.

Im kleinen, verschlafenen südwestlichen Vorort der großen Stadt Berlin aber steht ein Bus und vor dem Bus steht ein Busfahrer und trinkt Kaffee aus einer gewaltigen grünen Thermoskanne. Die Passagiere bestaunen ihn sehr. „Ist doch Streik“, sagt ein Rentner mit Regenmantel und kariertem Schal. Aber der Busfahrer schüttelt den Kopf. „Wir sind doch längst outgesourct und gar nicht drin in die ihre feine Gewerkschaft. Ich wär ja och schon lange in Rente, aber der Sohn hat Schulden und Kinder, da mach ich eben noch Touren hier.“ Wollense denn mit?“ Aber der ältere Herr will nicht mit. „Söhne“, sagt er stattdessen, na das kenn ich auch. Erst hat mir der feine Herr Sohn die Autoschlüssel abgenommen und jetzt stöhnt er, wenn er mich fahren soll. Aber heute ist er dran. Da kommt mir nichts davor. Soll ja keiner sagen können, dass der Streik nicht auch einen Nutzen hat. Der Busfahrer und der ältere Herr nicken sich zu. Der Busfahrer schraubt die Thermoskanne zu, steigt in den Bus, dann hupt er dreimal und fährt davon. Aber da laufe ich schon die lange Straße herunter und winke dem Nachbarn zur Linken zu, der ruft über den Gartenzaun: „Fräulein Read On, sie machen ja immer Sachen, entweder Sturm oder Streik, wenn Sie kommen.“ Ich habe zur Ilse heute früh schon gesagt: „Na wenn das Fräulein nicht bald mal wieder hier auftaucht

„Man tut was man kann, werter Herr Nachbar“, rufe ich und krame nach dem Schlüsselbund.

Vielleicht, oder auch nicht

„Vielleicht“ sagt der Mann im Zug neben mir in sein Telefon, vielleicht ist ja die Antwort sich einfach zu verlieben.“ Der Mann trägt eine blauen Regenmantel und einen gelben Seidenschal. Den Seidenschal dreht er nachlässig mit einer Hand hin und her. Er sieht sich um im Zug, ob da vielleicht die Liebe einsteigt in Coolmine oder Clonsilla, aber die Liebe ist ganz offensichtlich andersweitig verabredet und der Mann seufzt in sein Telefon.
„Was meinst du denn?” Für einen Moment lang ist es ganz still, so als sei der Mann sich nicht sicher, ob er die Antwort denn wirklich hören will. Dann spricht sein Gegenüber sehr lange und der Mann nickt. „Er sei sich der Gefahren in jeder Hinsicht bewusst“, sagt er schliesslich und bevor er das Gespräch beendet, fügt er hinzu: “ Vielleicht ist das mit dem sich verlieben, wirklich kein guter Plan.“ Dann verschwindet das Telefon in der seiner Manteltasche und er sagt zu sich ganz leise noch einmal: „Vielleicht.“

„Vielleicht“, sagt ein Mann neben mir zu einem Kollegen, der heisses Wasser auf einen Teebeutel giesst und Zucker und Milch in die Tasse füllt, vielleicht müsste man es doch noch einmal ganz anders machen.“ „Ich mache den Tee schon immer so“, sagt der Mann und rührt dreimal nach links und dreimal nach rechts. „Nicht den Tee“, sagt der Mann und starrt in seine Tasse, in der der gleiche braune Teebeutel schwimmt.“Ich meine das alles. Job, Haus, Kinder, Auto, Frau, Scheidung. Vielleicht hätte ich doch bei meinem Bruder in Australien einsteigen sollen oder, oder“ und dann fährt der Mann sich durch das Haar. „Ach, ich weiss nicht, nur manchmal denke ich vielleicht…“ Dann starrt er in seine Tasse. Der Tee ist ganz schwarz.“Damn it“, flucht er und giesst den Tee aus. „Vielleicht solltest du es mal mit Kaffee probieren morgens“, sagt sein Kollege. Aber der Mann neben ihm zuckt nur mit den Achseln und wenige Minuten später schon sind sie verschwunden.

„Vielleicht sagt die Auszubildende später, vielleicht ist die Ausbildung zur Bürokauffrau gar nichts für mich.“ Die Auszubildende sieht anklagend in meine Richtung. Ich nicke. Die Auszubildende findet immer dann., wenn ich etwas von ihr will, es sei vielleicht besser, sie begönne es gar nicht erst, denn vielleicht sei es ja ohnehin ganz und gar vergebens. Vielleicht ist alles vergeblich, sagte ich einmal, aber da erschreckte die Auszubildende sich und seitdem schweige ich lieber. Vor einem vielleicht mag man sich mehr fürchten als vor einem Ja oder Nein,das weiss die Auszubildende und ich weiss es auch.

„Vielleicht“, sagt die Sekretärin und will gebeten werden. Also bitte ich. Erst bleibt ihr vielleicht ein vielleicht, ich lobe ihren scharfen Verstand, dann fast unverhofft wird aus ihrem vielleicht ein möglicherweise, dann hat sie genug von meinen Bitten und will es sich vielleicht oder auch möglicherweise noch einmal überlegen. Ich lasse sie ziehen, nur um zwei Stunden später wieder und weiter zu bitten und viel zu oft google ich, was vielleicht alles meinen kann. Die Sekretärin schweigt und ich bitte weiter.
Nach einer weiteren Stunde sind wir bei einem vielleicht mit einer Tendenz angekommen. Wohin die Tendenz aber geht scheint ungewiss. Derweil klingeln zwei Telefone und fragen nach dem Stand der Verhandlungen. „Ist ein halbes vielleicht doch schon ein Ja?” Aber mein Gegenüber will Sicherheiten.
Die Sekretärin starrt mich lange an. Die Sekretärin hat viele Jahre das Vorzimmer eines berüchtigten Finanzdienstleisters verteidigt. Für die Sekretärin bin ich ein kleiner Fisch. Die Sekretärin kann auf viele hundert Arten ein nein formulieren. Ihr Nein ist undurchdringlicher als ein Maschendrahtzaun. Ihr Ja ist immer ein Geschenk und sie ist vorsichtig und sehr verschwiegen, wer es wann und warum aus welchen Gründen erhält. Aber mit ihrem Ja oder nein, kann man leben. Es ihr vielleicht, dass einen zittrig und unruhig werden lässt, es ist ein vielleicht, das viel Platz lässt für mehr als ein ja oder nein, es ist ein vielleicht der tausend Möglichkeiten von denen nicht eine einzige zutreffen muss. Es ist wiegt schwerer und lockt einen doch immer wieder auf seinen Weg, dieses, ihr vielleicht, geübt und geprobt in Jahrzehnten vor schweren Türen, auch wenn es noch so den Anschein hat, es sei noch so beiläufig fallen gelassen und eigentlich schon in einem ohnehin zu tiefen Teppich versunken. Ihr vielleicht ist aus Stahl und wäre ihr vielleicht eine Rose, so zöge man sich noch Wochen später , die Dornen aus dem Finger ohne das man auch nur einen Zentimeter weitergekommen wäre.
Ihr Vielleicht ist ein Wartesaal in dem Samuel Beckett die Zeitung liest ohne aufzusehen.
Ich versuche es trotzdem noch einmal und frage nach, was aus dem Vielleicht denn nun geworden sei. Ja, sagt sie und ich will schon erleichtert austamen, da sagt sie ohne weiter von ihrem Computer aufzusehen. Vielleicht überlege ich es mir aber auch noch einmal.
Wird es denn klappen, fragt man mich später. Vielleicht, sage ich und zucke mit den Achseln, vielleicht auch nicht. Vielleicht weiß man es immer erst ganz bestimmt, wenn es zu spät ist.

Der hinkende Mann

Jeden Tag sehe ich den Mann.

Immer am Abend, wenn der alte, treue Hund und ich noch einmal um die Häuser ziehen, treffen wir den Mann.

Der Mann ist alt.

Älter als der Hund und ich zusammen.

Vielleicht auch älter als Hund, Katze und ich zusammen.

Der Mann trägt immer eine schwere Lederjacke.

Dabei ist der Mann selbst eher schmal.

Der Mann ist schmaler als die Katze, aber das ist auch nicht schwer.

Manchmal glaube ich die Katze ist eigentlich ein Tiger im Wachstum.

Aber das kann ich nur sagen, weil die Katze gerade nicht mithört, denn die Katze zieht niemals mit dem Hund und mir um die Häuser.

Dennoch nehme ich an, dass auch die Katze den Mann kennt. Die Katze weiß vieles und erzählt fast nichts.

Jedenfalls erzählt sie es nicht mir oder dem alten, treuen Hund.

Der Mann zieht um die gleichen Häuser wie der Hund und ich.

Es gibt nicht so viele Häuser, aber vielleicht sind auch die Häuser nur besonders groß und so sind die Wege schmal wie der Mann und schmal sind auch die Chancen sich nicht zu begegnen.

Der treue, alte Hund und ich beginnen unseren Weg an einer Wiese. Eine alte Zeder steht auf der Wiese und am Rand der Wiese blühen Osterglocken.

Dieser Tage aber köpft der Wind die Osterglocken.

Die Osterglocken träumen vielleicht von einem Leben als Zeder.

Vielleicht träumt die Zeder aber auch von der Endlichkeit, der sie zwar näherkommt, ohne sie jemals ganz zu erreichen.

Wir wissen was nichts über die Natur der Dinge.

Wovon der Mann träumt, der vor uns auf die Zeder trifft, weiß ich nicht.

Ich weiß nichts über die Träume von Hund oder Katze und meine Alpträume sind seit Jahren schon immer dieselben.

Der Mann vor uns auf dem immer gleichen Weg ist gänzlich unauffällig möchte man meinen.

Viele Männer sind schmal und noch mehr Männer tragen Lederjacken.

Viele Männer gehen jeden Tag spazieren oder auch nicht.

Ob mehr Männer Hunde halten als Katzen weiß ich nicht.

Es geht mich auch nichts an.

Der Mann aber ist so unauffällig, wie er auffällig ist.

Der Mann hinkt.

Der Mann zieht nicht einfach ein Bein nach.

Oder tritt unregelmäßig auf.

Er knickt auch nicht mit der Hüfte seitwärts ein.

Der Mann hinkt unübersehbar und ansichtbar.

Der Mann hinkt schon ein ganzes Leben.

Sein Hinken füllt den ganzen Gehweg aus.

Es ist kein zurückhaltendes, kein sich einschränkendes, sich verbergendes Hinken.

Es ist ein Hinken, das mit ganzer Kraft auf sich aufmerksam macht.

Es ist kein Hinken im Verborgenen.

Der Mann hinkt ganz offensichtlich und er verweigert sich unserem Anspruch, den wir an unsere Beine und unser Leben haben, uns doch möglichst unauffällig mit seiner Behinderung aus dem Weg zu gehen.

Der Mann hinkt gegen unsere Erwartungshaltung an.

Der Mann hinkt auf der Mitte des Gehwegs und er macht keinen Platz.

Niemals weicht der hinkende Mann auch nur einen Zentimeter zur Seite.

Ganz gleich ob ein Geschäftsmann mit Aktentasche und teuren Lederslippern ins feuchte Gras ausweichen muss, um an dem Mann vorbeizukommen, oder zwei Frauen in hohen Schuhen ausgebremst werden, ob ein Radfahrer auf dem Gehweg auch noch so hektisch klingeln mag oder ein schwer atmender Jogger mit Musik auf den Ohren an ihm vorbeidrängt.

Der Mann und sein Hinken beanspruchen den ganzen Gehweg für sich.

Der Geschäftsmann mag sich da umdrehen und rufen: „Andere Leute haben es eilig!“

Die Frauen mögen die Augenbrauen nach oben ziehen und sagen: „Man kann auch zur Seite gehen, wissen Sie.“

Der Radfahrer mag fluchen: „Überall Scheiß-Fußgänger und dann auch noch der Hinke-Opa im Weg. Wozu hab ich denn eine Klingel, wenn es keinen interessiert?“

Der Jogger mit dem Nike-Logo auf derBrust mag husten: „Ich muss Tempo machen, mann ey.“

Den hinkenden Mann kümmert es nicht.

Er zuckt nicht einmal mit den Achseln.

Er verzieht keine Miene.

Er antwortet nicht.

Er murmelt keine verlegenen Entschuldigungen, die doch alle von ihm erwarten.

Er macht für keinen Platz, er weicht nicht zurück und erst recht weicht er nicht aus.

Auch nicht den Blicken der Mütter, die zu den Kindern, die fragen: „Mama, warum hinkt der Mann denn da?

Die Mütter ziehen die Kinder schnell weiter und sagen: „Ja, guck da nicht so hin.“

Aber die Kinder gucken trotzdem.

Manchmal machen die Kinder den hinkenden Mann nach.

Sie ziehen ihr linkes oder rechtes Bein nach, so wie er und dann nach ein paar Metern, rennen sie plötzlich los, drehen sich um und kichern.

Aber der Mann sieht die Kinder an.

Er blickt nicht zu Boden.

Er versucht nicht sein Hinken zu verbergen.

Er behilft sich nicht mit einem Stock.

Er hat sie schon alle gesehen. Die mitleidigen Blicke, die höhnischen Blicke, die äffenden Blicke, die verstohlenen Blicke, die „Lass das bloß nicht mir passieren“, die „warum muss der seine Behinderung denn so zur Schau stellen-Blicke. Er hat sie alle gesehen, denn der Mann ist ja immer noch älter als es Katze, Hund und ich gemeinsam sind.

Auch mich und den Hund kümmert der Mann sich nicht.

Mein Kopfnicken oder mein gemurmeltes: Hiya hat er geflissentlich ignoriert.

Ihm sind immer schief daherkommenden Annäherungsversuche gleich.

Es sind ja immer die gleichen Blicke.

Es sind ja immer die gleichen Blicke der Nicht-Hinkenden auf ihn, der hinkt.

Er hat es sich ja nicht ausgesucht.

Er trägt ja eine gewöhnliche Lederjacke.

Er ließe sich doch vortrefflich übersehen, wäre da nicht das Bein.

So verweigert er sich den Blicken, was soll er mit ihnen denn auch anfangen können.

Der Hund und ich also gehen am Mann vorbei, links im Gras oder rechts an der Straße.

Ich sage nichts mehr und lerne einmal am Tag wenigstens nicht hinzusehen.

Manchmal überholt er uns wieder, denn der Hund ist ja alt und muss manchmal ausruhen unter der Zeder.

Der Mann geht grußlos und blicklos an uns vorbei.

An der Zeder trennen sich unsere Wege ohnehin.

Der Mann geht nach rechts und ich nach links.

Er weicht nicht aus.

Ganz auf der Mitte des Bürgersteigs hinkt er und nimmt sich den Platz, den er braucht, allen Blicken zum Trotz.

Wenn es eine Mutstärke gäbe, wie es eine Windstärke gibt, der Mann, der jeden Tag dort geht, wo auch der treue, alte Hund und ich spazieren gehen, er hätte die Zeder längst gefällt.

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