Wer der Februar ist.

Der Februar ist ein junger Mann. Der Februar ist vielleicht fünfzehn Jahre alt, aber vielleicht auch schon siebzehneinhalb. Der Februar will seine Mutter umarmen, aber dann schreit er doch wieder : WARUM LÄSST MICH DENN KEINER VON EUCH IN RUHE. Der Februar sitzt an der Bushaltestelle und hustet heftig. Der Februar will nicht zugeben, dass ihm schlecht wird vom Zigarettenrauch. Aber auf die ersten Schneeglöckchen und die ersten zaghaften Krokusse und die allerallerersten Osterglocken tritt der Februar nie.
Dafür kann der Februar Schneebälle formen und nach Torben aus der 11b damit werfen. Torben heißt mit Nachnamen April und Torben trägt aus Prinzip kurze Hosen. Darüber lachte der Februar hart, aber neidisch ist er doch auch ein bisschen. Nicht so sehr auf Torben, aber auf die kurzen Hosen, die der Februar niemals trägt.
Der Februar hat Haare auf den Beinen und fürchtet sich davor, dass die Mädchen lachen. Der Februar stolpert oft über seine offenen Schnürsenkelbänder. Der Februar kann gut fluchen. Wenn der Februar flucht, guckt seien Mutter ganz traurig. „Muss das wirklich sein?“, fragt sie und will ihm durch die Haare streichen. „Ach Mama“, sagt der Februar und kommt schon wieder viel zu spät nach Haus. „Es wird doch schon heller“, sagt er und lacht. Der Februar will beides: im Kino in der letzten Reihe knutschen und den Sonnenaufgang auf keinen Fall verpassen. Der Gitarre mag keinen Blues, sondern Indie Rock und der Februar hat noch eine richtige Stereo-Anlage, die dreht er auf bis die Fensterscheiben klirren und seine Mama sagt: „Ach Februar, muss das wirklich so laut?“ „Es wird doch schon viel heller“, sagt er Februar dann.
Der Februar will am Liebsten bis nach Capri trampen, aber früher war es auch schön. Immer am Samstag ist der Februar mit seinem Vater am Samstag auf den Flughafen gefahren und hat auf der Aussichtsterrasse die startenden und landenden Flugzeuge gezählt. So viele Möglichkeiten dachte der Februar damals gibt es. Aber der Vater ist schon lange weg, und früher war früher und heute ist heute. Der Februar geht immer noch gern in den Wald. Der Februar weiß, der Wald ist immer der Wald auch ohne Blätter. Der Februar kann alle Vogelstimmen nachmachen. Das hat er von seinem Opa und sein Opa hat es von der Amama, aber wer die Amama war, hat der Opa nie verraten. Aber es hatte es mit dem Juni zu tun. Damit war alles gesagt. In Februars Klasse ist auch ein Mädchen, das Juni heißt und wirklich Juni hat erdbeerfarbenes Haar. Die Juni aus seiner Klasse kann alle Wörter sagen ohne rot zu werden, aber der Februar fürchtet sich davor die Juni zu fragen. Manchmal abends an seinem Schreibtisch schreibt der Februar einen Liebesbrief an Juni, aber er zerknüllt die Briefe alle wieder. Manchmal steht auf den Briefen oben nicht liebe Juni, sondern lieber Torben. Der Februar sucht und sucht.
Der Februar hat meistens kalte Füße. Aber Socken mag er nicht, lieber ein Eis am Büdchen. Himbeer-Vanille. Das mag Torben auch. Juni sagt: „Eis ist was für den Sommer.“ Aber wenn der Februar sein Gesicht in die Sonne hält, ist es viel besser als im Sommer. Der Februar schwitzt nicht gern. Der Februar liebt dicke Schals und Gummistiefel, der Februar kann schnell rennen, aber groß ist er nicht. Die Kurzen nach hinten, schreit der fiese Sportlehrer. „Idiot“, flüstert Torben. Der Februar muss lachen. Der Februar kann dafür schneller rennen als alle anderen. Das muss doch auch zählen. „Du bist etwas Besonderes“, sagt seine Mutter. Seine Mutter riecht nach Zimt und Pfefferminzpastillen.
Der Februar will manchmal einfach für ein paar Tage allein sein, aber dafür reicht die Zeit nicht. Es ist immer etwas los. Manchmal steht der Februar allein vor dem Spiegel. Er malt sich das Gesicht weiß, kringelt sich die Augen bunt ein, zeichnet sich rote Kreise auf die Wange, tuscht sich die Wimpern und schneidet lauter Grimassen. „Der Februar darf das“, sagt er zu sich selbst im Spiegel und weiß nicht, dass seine Mutter ganz leise lächelnd draußen im Fotoalbum blättert. Februars erster Fasching. Torben ging als Osterhase und Juni als Erdbeerkönigin.

Der Februar singt und lacht und tanzt, aber dann ist der Februar so traurig, dass er nicht mehr aufstehen kann. Die Februar ist ehrgeizig und enttäuscht, wenn wieder so viel liegen bleibt. Manchmal liegt der Februar mit seiner Mutter auf dem Soda und erzählt ihr ein Geheimnis. Aber er erzählt keinem, dass er von Juni und Torben träumt. Der Februar behält fast alles für sich. Manchmal schreibt der Februar Liebeslieder und erzählt seinen Freunden kein Wort davon. Nur Torben ahnt etwas. Das hofft der Februar und in seiner Jackentasche stecken die Erzählungen von J. D. Salinger.
Der Februar hat immer zu kurze Hosen und schon wieder seine Handschuhe verloren. „Ach Februar“, sagt seine Mama. Nächstes Jahr bin ich 16 sagt er und sie lächelt. „Ach Februar, wie schnell doch so ein Jahr vergeht.“

17 thoughts on “Wer der Februar ist.

  1. Wunderschön! Ihre Texte erinnern mich an die schöneren Geschichten von Neil Gaiman. Die gleiche, völlig selbstverständliche Magie…

  2. Ein sehr schöner Text! Ich fühle mich kurz selbst zurückversetzt in die Zeit als ich 16 wurde…
    Ich wünsche Ihnen einen schönen März mit viel Licht!

  3. Der Februar hier übte sich in seinen letzten Tagen warm zu werden mit dem März. Ist zu hoffen, dass sich daraus kein überhitzter Dürre-Sommer entwickelt.

  4. Vielen Dank für diese schöne Geschichte!
    Meist wird der Februar ja als trüb und regnerisch beschrieben, einen Monat, den man schnell hinter sich bringen will, weil der Frühling herbei gesehnt wird.
    Aber so schön wurde mein Geburtsmonat sicherlich noch nie gezeichnet!

  5. Heute weint der Februar und sagt, er gehe nicht mehr in die Schule, denn der Juni habe sich in die vorletzte Reihe gesetzt, so gehe das nicht. Und es helfe ihm auch keine Nußschokolade, die die Mutter ihm zaghaft über den Tisch mit den Grünkohlstrunken schiebt. Und Grünkohl, sagt der Februar, den ißt nur der Torben, und das, das könne er auch nicht so recht verstehen….wie so vieles nicht, auch das nicht mit dem Mond und der Sonne, aber es sei ja egal. Wegen Juni und so.

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